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DEE GOTTESFßEUND

VOM OBERLAND

EINE ERFINDUNG DES STßASSBURGER JOHANNITERBRUDERS NIKOLAUS VON LÖWEN.

MIT 12 SCHRIFTrAFELN IN LICHTDRUCK.

VON

KARL RIEDER. '^

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INNSBRUCK.

V^BBLAG DER WAGNEE'schen üNIVEBSITlTS-BUCHHANDLÜNÜ.

1905.

THB SBW YORK PUBLIC LIBRARY

AjjrOB, IXNOX AN» TILDKN rOUrUATlOHB

Alle Rechte vorbehalten.

»RUCK DER WAGNEK'»«"^ UNIVERSITÄTS-BUCHDKITKEKEI.

GEHEIMRAT v. WEECH

DIREKTOR DES QROSSH. GENERÄL-LANDESARCHIYS ZU KABLSRUHE

D^ R ALBERT

STADTARCHIVAR ZU FREIBURG I. BR.

DEN FÖBDEREBN MEINER STUDIEN

IN DANKBARKEIT GEWIDMET.

Vorwort.

Der Erforschung des deutschen Predigtwesens und der deutschen Mvstik des Mittelalters war seit meinen Universitätsstudien meine ganz besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Gibt es doch gerade tuf diesem Gebiete noch hunderte von Fragen, die der Erledigung harren, während es andererseits nach Tagen trockener und ab- spannender Berufsarbeit nichts schöneres und erquickenderes gibt, als sich in den herrlichen Inhalt unserer deutschen Prediger und Mystiker zu vertiefen und sich geistig zu erholen an dem Wunder- brunnen, der hier in so edler, bilderreicher und zu Herzen dringender Sprache fließt Nur äußere Umstände haben mich bis jetzt genötigt, mit dem Erscheinen meiner Arbeiten über Berthold von Regensburg zurückzuhalten, da von anderer Seite gerade der Bertholdforschung einige neue Studien gelten, deren Ab- schluß noch abzuwarten ist. Mit umso größerem Eifer wandte ich mich darum der Gottesfreundlrage zu, als bei der Bearbeitung der Konstanzer Bischofsregesten die Frage an mich herantrat, ob überhaupt und inwieweit Bischof Heinrich von Brandis mit dem Gottesfreund im Oberland jenen geheimnisvollen Verkehr unter- hielt, von dem uns die sogenannten Gottesfreundschriften zu er- zählen wissen. Ein umfassendes historis(*hes Material lag mir in den Regesten zur Beurteilung dieser Frage vor; aber nirgends fand sich auch nur eine Spur, welche die Annahme eines der- artigen Verkehrs auch nur annähernd wahrscheinlich gemacht hätte. Von selbst sab ich mich daher genötigt, auf die QueWeiv dAfc'&e&

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Berichtes zurückzugehen. Je mehr ich jedoch die Gründe abwogt welche Denifie vor allem in dem Kampfe gegen Schmidt, Jundt und Preger ins Feld führte, umso mehr kam ich zur Erkenntnist daß auf dem bisherigen Wege zu keiner endgültigen Lösung zu gelangen sei, bis der Einblick in den Text mich auf den großen Widerspruch führte, der zwischen den anonymen Traktaten und ihren Überschriften bestand. Dadurch wurde sofort klar, daß wir es nur mit einer Fiktion Nikolaus von Löwens zu tun haben können, der ihm vorüegende anonyme Traktate interpolierte und mit eigenen Zutaten und Überschriften versah, die bei näherem Zusehen das gerade Gegenteil von dem besagten, was die Traktate für sich betrachtet besagen sollten. Diese Überzeugung bestätigte sich, als es mir gelang, die Handschriften selbst einzusehen, wobei gerade die an den wichtigsten Stellen vorgenommenen Korrekturen zu erstmaliger griindlicher Untersuchung der Hand- schriften neuen Ansporn gaben. Das Resultat, das ich in zwei Auf- sätzen der Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins (NF. Bd. 17 (1902), 205 ff.; 480 ff.;) kurz zu skizzieren gedachte, war denn auch ganz überraschend. Da bekam ich mitten in meinen Arbeiten von Straßburg aus die Nachricht, daß Professor Strauch in Halle seit längerer Zeit sich gleichfalls mit der Gottesfreuiidfrage be- schäftige. Sollte der Altmeister in der Geschichte der deutschen Mystik nicht meine ganze Arbeit entwerten und alle weitere Zeit und Mühe, die ich darauf zu verwenden gedachte, unnötig machen ? Ich mußte darauf schlechtweg mit Ja antworten, da es mir un- möglich schien, daß jemand, der die Handschriften näher besehen, nicht auf den Kernpunkt aufmerksam werden sollte, um den sich jede weitere Untersuchung der Gottesfreundfrage in Zukunft drehen müsse. Schon bereit das Manuskript zurückzuziehen, belehrten mich die liebenswürdigen Briefe Strauchs sowie dessen bald darauf erscheinenden beiden Aufsätze über das Neun Felsenbuch wie den Schürebrand-Traktat, daß ich auf dem bisherigen Wege ruhig meine Studien fortsetzen könne, ja sie zeigten sogar, wie unbe- dingt notwendig es sei, in der einmal eingeschlagenen Richtung weiter zu forschen. Das vollständige Resultat dieser Studien lege ich nun den Fachkreisen zur Beurteilung vor. Sie gründen ein- mal auf einer soliden Grundlage, die zuerst durch eingehende Untersuchung sämtlicher hier in Betracht kommenden Handschriften

IX

geschaffen werden mußte und allein geschaffen werden konnte; sie rücken sodann die Gottesfreundfrage in eine ganz neue Be- leuchtung durch die eingehende Darstellung der Gründungsgeschichte des Hauses zum Grünenwörth in Straßburg, das allein uns die soge- nannten Gottesfreundschriften übermittelt; sie geben schließlich in den Beilagen einen Text, auf dem fernere Untersuchungen ohne Fehltritte weiter bauen können. Gerade auf die Herstellung dieses Textes wurde große Sorgfalt verwendeL Die Anwendung ver- schiedener Druckgröße und die dadurch zutage geförderte Heraus- schälung des ursprünglichen Textes vom überarbeiteten wird auf den ersten Blick erkennen lassen, wie unbrauchbar die Text- poblikationen von Schmidt und Jundt für weitere Untersucliungen sind, und welche Anforderungen andererseits an den Herausgeber ähnlicher Texte gestellt werden. Die Abhandlung will sodann eine scharfe Scheidelinie gezogen wissen zwischen den anonym- mystischen Traktaten und den Veränderungen, die Nikolaus von Löwen an denselben stufenweise vorgenommen hat, um sein Ziel zu erreichen : Rulmann als Gottesfreund und dessen Werk als Aus- fluß des Rates von Gottesfreunden hinzustellen. Letzteren Punkt allein will die Arbeit Schritt für Schritt verfolgen, während sie auf die Frage nach Entstehungszeit und Verfasser der anonymen Traktate nicht eingehen wollte, weil diese Frage für die soge- nannte Gottesfreundfrage durchaus belanglos ist, und nicht ein- gehen konnte, weil dazu die notwendigen Vorarbeiten fehlen. Auch gebe ich gerne zu, daß in vorliegender Untersuchung viel- leicht der eine oder der andere Punkt einer Vertiefung, Erläu- terung oder Verbesserung bedürftig ist; das wird aber derjenige nicht befremdlich finden, der die Schwierigkeiten bedenkt, die in einer so verwickelten Frage zuerst aus dem Wege geräumt werden mußten, bevor an eine auch nur einigermaßen verständ- liche Abliandlung zu denken war. Schließlich dürfte die Ab- handlung auch einen willkommenen Beitrag zur allgemeinen Quellenkritik bilden, da gerade das Brief buch ein bis jetzt einzig dastehendes Beispiel bietet, wie es dem Historiker nur an der Hand der Originalhandschrift möglich ist, zur Lösung des Problems zu gelangen, während keine Abschrift und kein Druck hier des Rätsels Dunkel, das bis jetzt über dem Briefbuch lagerte, zu erhellen imstande ist SoJJte darum vorliegenAe SVwÖAfc ^^

X

und dort in den historischen Seminarien zu Übungen Verwen- dung finden können, so wäre meine Mühe reich belohnt

Eine solche Arbeit aber, die neben den eigentlichen Berufs- geschüflen gleichsam nur als eine Blume am Wege gepflückt werden konnte, hätte in so kurzer Zeit nicht erscheinen können, wenn ich nicht mancherseits liebevolle Förderung erfahren hätte. Gerade dem Entgegenkommen der Vorstände des Straßburger Bezirksarcliivs, der Straßburger Universitätsbibliothek und des Stadtarchivs habe ich es zu danken, daß ich die Handschriften in den Räumen des Großherzoglichen General-Landesarchivs zu Karlsruhe in aller Muße und mehrmals, vor allem aber während des Druckes benützen konnte. Ebenso bekannt ist auch die Liberalität der Bibliotheken zu Freiburg, München, Einsiedeln usw. Wenn die Ausstattung des Werkes so gediegen bezeichnet werden muß, so verdanke ich dies der altrenommierten Wagner'schen üniversitäts-Buchdruckerei in Innsbruck, die dieses Jahr ihr 350jähriges Jubiläum gefeiert hat. Sie scheute keine Kosten, dieses Buch reich und gadiegen auszustatten. Verbindlichster Dank gebührt auch Herrn üniversitätsprofessor Dr. Panzer in Freiburg, der in zuvorkommendster Weise die Korrekturbogen des II. Teiles einer Durchsicht unterzog. Zu besonderer Freude gereicht es mir .schließUch dieses Werk zwei Männern widmen zu können, die auf meine wissenschaftliche Weiterbildung so vorteilhaft eingewirkt haben. Mögen sie dieses Werk als ein Zeichen der Dankbarkeit entgegennehmen für die Förderung, die ich von ihnen bei meinen wissenschaftlichen Arbeiten stets erfaiiren habe.

Rom, den 4. November 1904.

Der Verfasser.

Inhalt.

Seite

Vorwort VII

Die benutzten Handschriften und Urkunden . . . XY Erklärung der verwendeten Abkürzungen . XXII Ergänzungen und Berichtigungen XXIII

I. Teil. Abhandlung.

I. Die Geschichte der Gottesfreundfrage . . . . i

Der Qottosfreand im Oberland nach den MemorislbQchorn den Straßburger Johanniterhauses 3. Die Stellung der Straßburger Chronisten zu diesem Berichte 5. Erste Ansätze einer kritischen Behandlung der Gottesfreundfrage 9. Die Gottesfreundfrage im 19. Jahrhundert, die Auffassung von Schmidt, Denifle, Prcger, Jundt, Strauch usw. 9. KOckblick und Ausblick 1:$.

II. Die MemorialbQcher von Griinenwörth nach Entstehung

und Verfasser.

A. Die Memoriale im Einzelnen.

1. Das Große Deutsche Memorial . . . . .15

Boschreibung der Originalhaudscbrift 15. Inhalt 16. Ent- stehungsart 17. Entstehungszoit 20. Verfasser 'l:i, Zweck 25. Vorlagen 26. Schrift 26.

2. Das Pflegermemorial 27

Name und Zweck 27. Inhalt 28. Entstehungszoit 'M. Quellen und Vorlagen 31. Verfasser 32.

3. Das erste lateinische Memorial oder die zwei ,, Übrig- gebliebenen Lateinbücher'* 33

Das zweite Übriggebliebene Lateinbuch 33-39. Beschreibung der Handschrift 33. Inhalt 34. Entstehuugsart 34. Name und Zweck 36. Yorligen 37. Der Redaktor der EanilscWxlt 1i^ .

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Seite Entstehungszeit 39. Das orstc übriggebliebene Lateinbuch 40-44.

Äaßere Gestalt 40. Inhalt, aas späterer Abschrift teilweise rekonstruiert 41. Verhältnis des ersten zum zweiten Übrig- gebliebenen Lateiubuch 43. Entstehuugszeit und Verfasser 44.

4. Das Große Lateinische Memorial .... 45

Unterschied des Großen Lateinischen Memorials Tom Ersten Lateinischen Memorial 45. Inhalt teilweise rekonstruierbar 46. Entstehungszeit und Verfasser 47.

5. Das Kleine Deutsche Memorial . .48

Inhalt 48. Entstehungsart 49. Entsteh ungszoit 50.

6. Das Briefbnoh 50

Beschreibung der Handschrift 50. Name und Zweck 52. Inhalt 52. Entstehungsweise 54. Entstehungszeit 59. Quellen und Vorlagen 60. Verfasser 61. Schrift 62.

7. Das Meistermemorial . . . . .62

Inhalt 62. Zweck und Entstehungszeit 63.

8. Das erweiterte Pflegermemorial . .64

Inhalt 65. Vorlagen 67. Eutstehungszeit und Verfasser 67.

9. Das Bruderschaftsbuch 68

B. Die Memoriale in ihrer gegenseitigen Abhän- gigkeit 69

Ihr Kedaktor ist Nikolaus von Löwen 70. Ihro Entstehuugs- zeit fällt nach Rulmanns Tod 70. Ihre zeitliche Aufeinander- folge 71.

lil. Die Memorialbflcher von GrOnenwörth nach ihren einzelnen Bestandteilen.

1. Die aszetisch- mystischen Traktate .... 74

Die sechszehn ersten Traktate 75. Die Angaben Nikolaus Ton Löwens über ihre Deutung und Herkunft 75. Die kritische Untersuchung dieser Angaben an den zwölf Traktaten des Gottes- freundes 78, an den vier Traktaten Rulmanns 81. Der Traktate zweiter Teil : die lateinisch-deutschen Traktate 83. Das Zwei- Maunenbuch 84. Das Moisterbuch 92. Das Buch von den Neun Felsen 98. Der Traktate dritter Teil 106. Verhältnis der Traktate zu einander 107. Ihre Vorlagen nachgemesen an der Offenbarung des Gottusfreundes in der Christnacht 110, am Sendschreiben 112, an Ruisbroks BrautlaufbQchloin 114. ScUluÜorgebuis 120.

2. Die Chronik oder die GründuDgsgeschichte des Hauses

zum Grünen wörth . . . . . . .121

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S«ite Die Geschichte von GrQnonwörth in der Überlieferung des

Nikolaus von Löwen : Die Überlieferung der Chronik in den ▼erschiedonon UrkundenbQchem, ihre ursprüngliche und Qber- arbeitete Qestalt 122. Quellen und Zweck der Chronik 126. Die Hofstätte Ton Qrünenwörth zu Straßburg im Lichte der Zeitgeschichte : Gründung Ton Grünenwörth durch Werner TOn Hüne- burg 130. Grünen wOrths Terschiedene Besitzer 131. Die Er- neuerung durch Rulmann Merswin 133. Dessen Verhalten gegen Altdorf 136. Erste Bauperiode 140. Die Übergabe Ton Grünen- wörth an die Johanniter, der Pflegerbrief 142. Zweite Bau- periode 150. Der Pflegereid 151. Die Traktate betrachtet im Lichte der Chronik 153. Die Stiftung zweier Legate für Spital und Jakobsmesse durch Heinrich Blankhart von Löwen 157.

3. Die sogenannton Yiten der beiden Stifter des Johanniter- hanses . . . . . . . . .104

Die Vier-Jahre Rulmann Merswins in ihrer verschiedenen Über- lieferung 165. Das Fünf-Mannenbuch in seiner Überlieferung 171. Vergleich der beiden Viten mit den Traktaten : mit dem Zwei- Mannenbuch 175, mit den Neun Felsen 179, mit den ührigen Traktaten 181, mit der Chronik 188. Die sogenannten Auto- graphen in ihrer liußeren Erscheinung 189.

4. Die Briefe . . . .193

Die Datierung der Briefe 103. Der Inhalt der Briefe 198. Briefabschnitte, welche zweimal im Briofbiich wiederkehren 198. Briefe welche sowohl im ßricfbuch wie in den MemorialbOchem stehen 199. Brief G-10 von den Plagen der Christenheit 201. Die drei daraus folgenden Briefe 205. Die Briefe Ton der GrQndungsgeschichte des Hauses 206, von doi* Baugeschichte 208, Ton drei Brüdern 210, von dem Johannitermeister 210, Ton Kulmann 211, die Begleitbriefe zum Moisterbuch und Fünf- Mannenbuch 213. der Brief an den Ijesemeister Johann von Schäffolsheim 216, die Briefe Nikolaus von LOwens an den Gottesfreund und dessen Antwort 219. Die Reihenfolge der Briefempfiknger 224.

5. Die Bogleittexte der Briefe . . . .226

Der Titel des Briefbuchs 226. Die Einleitung zum Briefbuch: Niederlassung und Romfahrt der Gottesfrei inde 227. Ermah- nung 230. Auf der Suche nach den Gottesfreunden 230. Der heimliche Bote Ruprecht 232. Die „letzte Ermahnung" Rul- manns 233. Der Schürebrand-Traktat 235. Das Briefl)uch im Vergleich mit den übriijen Memorialbüchern 244.

€. Die von Nikolaus von Löwen geschriebenen \]rk\mdftxv . "l^*^

XIV

S«ite

Dio sogenannte Bestätigungsurkundo Konrads Ton Braunsberg Ober die drei MemorialbQcher 249. Der Pflegorbrief Tom Jahre 1371 und der Pflegereid Tom Jahre 1893 251. Die Urkunden über die St. Jakobsmesse 251. Die Arbeitsweise Nikolaus Ton LOwens 251.

7. Einwände nnd ihre liösnng

Die Täuschung der Mitwelt durch Nikolaus von LOwou leicht möglich 253. Die der Fiktion zu Qrunde liegenden historischen (demente 255. Die frühere Johanniterbibliothek and ihre Reich- haltigkeit an mystischen Traktaten 256. Ein Brief Heinrichs von Nördlingen über die Merswin an Margaretha Ebner 258. Eine Bittschrift an den Papst um absolutio plcnaria in mortis oi-ticulo 259.

IV. Schlussergebnis

Die Dichtung des Nikolaus von Löwen und ihre Erklärung 2C0. Entstehung und Zweck der Dichtung 268. Charakter Nikolaus von Löwens 267. Charakter Rulmann Merswius 267. Gottes- freund und Gottosfreunde 269.

25^

26a

II. Teil. Textbeilagen.

I. Das Große Deutsche Memorial

II. Das zweite „Übriggebliebene Lateinbuch"

III. Das Briefbuch

IV. Das Pflegermemorial ....

V. Das erweiterte Pflegermemorial .

VI. Das erste ,|Obriggebliebene Lateinbuch" VII. Urkunden

Glossar

3* 48* 64* 158* 210* 225* 237*

244*

Die benutzten Handschriften nnd Urkunden.

Bezirksarchly Straßbarg.

1. Urkunden der Abteilung H 1352flf., soweit sie Grünen wörth be- treffen.

2. Kopialbücher H 1616-1618.

3. Handschriften :

H 2185: Briefbuch. Original Perg. (Beschreibung S. 50ß.).

H 2184: De novem Bupibus. Original Perg. (Beschreibung S. 33ff.).

H 1383: Drei-Pflegermemorial. Kopie des 15. Jahrh. Papier i^ 14|21 cm. 132 Bll. Erstes nnd letztes Blatt auf dem Deckel aufgeklebt. 1 1 Lagen zu je 6 Doppelblättern. Auf dem Außendeckel rot : Kloster ziim Grunenwerde. Schreiber der Handschrift: Komtur Amandus.

H2190: Erweitertos Pflegermemorial. Kopie des 16. Jahrh. Perg. 16 21 cm. 121 Bll. Am Anfang und am Schluß der Handschrift je 2 Bl. herausgeschnitten. Von einer Hand schön gloichmilßig geschrie- ben. Gepreßter Originaleinband mit 2 Schließen. Früher Eigentum des Si Margaretenklosters zu Straßbnrg.

UnlTersitJtts- und Landesbibliothek zu Straßburg.

LalsOß*:*) Großes deutsches Memorial. Älterer Titel: ■ß«« von den dreyen Urkund- Bücher von unserem Stifter Rulman Mer- «Ärrem. Original Perg. (Beschreibung S. 1 5 ff.).

L ^epm 665: Neun Felsen: Rulmanni Merschwin, FundcUoria Domus 8t,Johanni8 de 9 Rupibua autographua, Or. Pap. 59 Bl. 14|21 cm. Ein- band 18. Jahrhunderts. Der apostolische Notar Joseph Schweigheuser er- g^zte die dem Büchlein fehlenden Seiten. Herausgegeben von Schmidt: Das Bnch Yon den neun Felsen von dem Straßburger Bürger Rulman Mer- swini352. Leipzig 1859. Schmidt ergänzte die fehlenden Stellen nach einer Handschrift des 1 4. Jahrhunderts. Auf der Innenseite des vorderen I^^kels ist das Ex libris K. Schmidts ; unten daran eine Bemerkung Schmidts :

*) Diese Signatur ist noch nicht ondgültig festgestellt.

XVI

„1858. Vente Engelhardt." Auf der ersten Seite oben: „M. Engelhard" Schmidt bemerkt dann: „Original, 6crit en 1352 de la main m^me de Bai- mann Merswin, et conserv6 apr^ sa mort ä la maison de S. Jean. 1 1 feoillet arrache de ce pr^ciense yolame ont 6t6 remplac^s au 18* si^cle d'aprös la copie da traite ins^röe dans le grand Memorial de la maison de S. Jean . . .

Darauf von anderer Hand : ^Notandum daß Ori^nale dieses Buchs Ton den Neun Felsen mit Rulman Merschwin deß Stifters eygener Hand geschriben ist b9 1708 in der Commenda zu Schlettstadt gefunden und den 23. Juli wider nach StraOburg gebracht worden, aber zu bedauern, daß biß 10 Blätter daron verlohren, welche jedoch auß disem gegenwärtigen Kxemplar Ton Wort zu Wort wieder ersetzt worden

scindt.** ,,Note de Schweighaeuser dans Texemplaire du grand Memorial ia folii), parchemin (1865).*' Diese hier angezogene Notiz steht auf einem Zettel im Großen Deutschen Memorial Bl. 132^ Bl. 1 folgt die Vorrede

Schweigheusers: ^«Benigne Lector. Praesentem hunc librum de Novem Rupibus iutitulatum a bonae memoriae D. Ruluianno Merschwin, piissimo fundatore Domas nostrae ad Viridem-lusulam rulgo Grünen werde nuncupatae, divino impnlsu manu sua propria scriptum esse nemo dubitaverit, qui eins characterem contulerit cum alio similis formae libello in octo foliis ctiam sua manu propria conscripto atque in originali hodiedum existente in alio libro germauico in folio, dicto ,daß BriefT- büchlin.' Quod etiam ipsemet Rulmannus fuerit ille homo, quocum Dens hoc in libro de NoTem Rupibus adoo familiariter conversatus fuit, constat tum ex ipso illius textu collato cum dicto libello Qnatuor annorum. tum etiam ex mox sequeuti prologo idem indubitato asserente. Quod vero in hoc scriptum non nominaverit, id tribuendum est profundae illius humilitati, quam undique promicare qui vis facilo videbit. xVnimadTertet ctiam lector, ad quantam ritac perfectionem et intimum cum Deo familiaritatem iam tunc, id est triginta ante boatum suum obitum annis, ascenderit, tot et tantis supor- uaturalibus donis et illustrationibus a Deo auctus, quales praecipui in Ecclesia sancti divino muncre iuerunt consecuti. ünum summopore dolemus, quod plura hinc iude folia huius libri de Novem Rupibus (prout et alia sanctissima eiusdem manuscripta) iuterieriut, quao tarnen nos ex dicto libro McMUoriali de verbo ad verbum supplcvimus. Eostat. ut le<'tor praefati Rulmanni in capite et calce huiusco libri contentis monitis s»» conformet.**

L germ 642: Zwei Mannen Buch: Der Gottesfreund im Oberland, Original Perg. 12^. Herausgegeben und beschrieben von Lauchert, Des Gottesfreundes im Oberland [ Rulmann Merswin's] Buch von den zwei Mannen. Bonn 1896.

L als 109: Necrologium des Johanniterhauses zum Grü- nen wörth. Perg. fol. 73 BIL, angelegt zu Beginn des 15. Jahrhunderts. Lederband mit 5 Messingbuckeln und zwei Messingschließen. Die Hand- schrift zerfällt in 3 Teile :

a) Bl. 1-61, das eigentliche Necrologium mit Einträgen von 1382 bis 1783.

b) Bl. 62-66 Verzeichnis von Schenkungen an das Kloster.

c) Bl. 67-69 Ordnung betr. Abhaltung verschiedener Jahrzeiten.

xvir

L als 96: Erstes lateinisches Memorial nnd Pflegerme- morial: Stiftung zum Grünenwerde. Pap. fol. 399 Bll. Titel (Seite 1):

,1. Tom. Abschrift und Übersotzuu; deß sich bei der Custoroy befiadlichen in alt teutsch beschriboneu Momorial- oder Verkundbuchs von dem Ursprung, Anfang und Über^bang des Klosters zum Grünen werde zu Straßburg an den ritterlichen St. Johann Ordens endlich gekommen sagend, auch einiger Kapitleu auU dem boy obgomelter Costorey auch sich befindlichen Idteiuischen Memorial oder Verkündbuch von uban- gezogener Blatery handlend, deren Matery sich in dem obgesagton teutschon nicht iMUnden und doch merkwürdig soind zum Unterricht und Erbauung aller gegenwartig oad künftigen Konrentual Priestercn dißes Hauses St. Johanns Ordens in Straßburir« mit einem Zusatz alles dessen, was sich hernach vom Ltitherthumb her biß auf da*^ Jahr 1727 mit demselben Hauß weiters zugetragen. Abgoscbrib<.>n, übersetzt, be- sckriben von F. Franc. Joseph Ignatius Goetzman'), Custoden dises üauses. und voll- eodet in der Wochnn vor Allerheiligen 1745.**

Auf Seite 1* folgt folgender Bericht: Es befinden sich boy der Custorey ein teutsch und ein lateinisch sogenante Memorial Bücher, welche .den Anfang, Ur-

»

spnng und Fortgang der Stiftung dos Hauses zum Grünonwerde, wie auch waß sich w^n denen Stifteren merkwürdiges ztigetragen weitläufig und umständlich beschribeu : deß teotschen waren vier gleich lautende Exemplaria verfertiget : drei wurden denen drei weltlichen PÜegcren jedem eines zu Händen gestellt, das vierte dem Oberistcn Meister und Großprioren in teutschon Landen St. Johann Ordens, wovon das bei der Custorey vorwahrte ein Abschrift ist. Wie denn nun diß erst gemelte teutsche Memorial die Materien nicht nach der Ordnung der Zeit, wie eins auf das andern erfolgt ist, besclireibt, hingegen auch das Lateinische viel merkwürdiges anziehet, «a sich in dem teutschon nicht befindet, so hab ich hier alles nach der orduun? ge- setzt, so doch, daß ich die völlige Capitul des teutschon Memorials außschreibo.. welche die Sach na«h Ordnung beschreiben, und wo ich die Capitul andere versetze, so liehe ich sie an mit Anzug deß Blats, und wo ich mit eigenen Worten rede, s<» wtze ich meine wort zwischen ein parentesis also ( ), und fange nun nach gegebenem obigem Bericht an daß toutscho Memorial abzuschreiben mit dessen eigenen werten."

Lals 740. Johanniter Chronik: Succincta commendae ordin is Preabyterorum sancii Johannis Baptistae Hierosolymitani Ärgentinae olim od Viridem-lnsulam vulgo zum Grünen Wörth^ modo ad sanctum Marciim, nolüia ex libris publicia veteribusque monumentis excerpta a Josepho ^weigheuaer, notario apostolico in Curia episc. Ärgentinensi immatricu- ^. .^»«0 reparatae salutis 1764, Pap. 212 S. Abschriften davon sind Lals 273; 741; 1016.

Stadtarchiv Straßburg.

I.Handschrift B 54(VDG68): Erweitertos Pflegermemorial: ^ndation des Johanniterhauses zum GrünenwÖrth^ dessen Ordnung und Bräuche, Copie 18. Jahrh. Pap. 4^, stimmt mit Handschrift H 2190 ^ Straßburger Bezirksarchivs überein.

*) Gdtzmann ist geboren 169^], legte im Jahre 1712 Profeß ab und starb am 1*. Anpist 1770.

XVUI

2. Urkunden der Abteilungen GUP. 35, 37; VDÖ 67; KuN 9; PfThG 7 ; Hosp. Arch. I, 43 fasc. 2.

UnlTersItätsblbliothek Freiburg L Br.

Hs. Nr. 93. Johanniter Chronik: Commendae ordinis jFV«9- bytei'orum aancti Joannis Bapiistae Hierosolymitam Argentinae olim ad Vtridem-lnsulam vulgo zum Grünen Wörth, modo ad sanctum Marcum, no- titia ex Hbria publicis veterihusque monumentis magno labore exeerpta a Joseph 0 Schweigheuaer, notario apostolico, Argentinae 1769, Stimmt nberein mit den von Schweigheaser stammenden Hss. der Strafi- barger Universitätsbibliothek.

Hs. Nr. 470: 4^ Pap. 1465. 79 Bll. 2 spaltig.

Auf dem Deckel : Diss puch gehört in dz kloster zu Medingen Prediger Ordens. Daraufist ein Brief PfeiiSers eingeklebt: „Seinem lieben Freunde Fr. Karl Griesbaber in Bastadt sendet dise handschrift, enthaltend „das buch von den neun felsen von Boulman Merswin'S als erwünschte ergänzung des memorialbuches des Johanniterhauses zum Grünenwerd in Straßburg, be- gleitet von den herzlichsten grüßen zum christgeschenke. Stuttgart am 1 9.dec. 1844. Franz Pfeiffer aus Solothurn.^'

Auf der Innern Seite des I.Blattes von Pfeiffers Hand : „Das buch von deu neun felsen. Dieses buch, das früher fälschlich dem Souse beigelegt wurde, hat zum Verfasser den Straßburger bürger Buolmann Merswtu, der es im jähre 1352 auf gütlichen befehl niederschrieb. Die näheren an- gaben findet man in dem deutschen memorialbuche des von Boulmann ge- stifteten Johanniterhauses zum Grünenwerd bei Straßburg (hs. auf pergament in vom jähre 1437 bl. 29^ ff.), worin auch das leben Ruolmann's erzählt wird. In demselben memoriale hat sich noch ein anderes buchlein von Boul- mann erhalten : „von den vierjören slnes anevöhenden leben s** (bl. 24» bis 33^). vgl. über ihn Schmidt, Job. Tauler S. 177 ff. Pfeiffer.**

Bl. P. Folgt dann der Text mit der Oberschrift: Send die IX felsen. AUepin cristen menschen nemend war diser warer lere .... Der Traktat be- ginnt : In dem namen unsers liebenn herren Jesu Christi miessent alle unser werk voUendenn und volbraucht werden. Es geschach zu ainen zitten inn ainem advent vor dem hochzit unsers hern gebart anainer morgenstund frotre, dz ain mentsch ward ermant, dz er gar schwind solt gm an sin haimlichistu stät,,, Schluß mit der Jahreszahl 1352: und dieser mentsch begert auch nit anders dann zu lidende biss in den tod, Amen.

Diss buch ward geendet am frittag vor sant Johannes tag zu Singechten im LXV [14 65] jare, do es sibne schlug nauch vesper.

Dise geschrift ist do beliben \ 0 wol fro ich waz

Malis Miller haut sij geschriben. ! do ich schrib Deo gratias.

Darauf folgen noch eine Reihe Verse.

Schluß : 0 du torne weit,

wer sich an dich lant, der velt.

I

XIX

Die Handschrift, dem Kloster Medingen in Schwaben gehörend« kam 1844 in den Besitz Ton Franz Pfeiffer, welcher sie aus der Bibliothek des zn Berlin gestorbenen SchnWorstehers Blenz durch Kauf erworben hatte. Pfeiffer schenkte sie seinem Freonde Karl Orieshaber, der seine Handschriften testamentarisch der Universitätsbibliotkek zu Freibnrg vermachte. Nach- fonckimgen nach dem in obigem Briefe erwähnten „Memorialbach'' waren leider erfolglos.

Hs. Nr. 194: Pap. saec. XIV|XV.

a) Rot : Dis ist van sant Marien MagdcUenen und von sant Marthen und 90ff Lazaro. Anfang : Sancta Maria Magdalena und sancta Martha und Lazarus die worent von hohem edelm künglichem gesiechte . . .

b) Nach diesem Traktat folgt ohne Überschrift das Meisterbach: In dem iare, do man zalt von goties gehurt M^ccc^ xl und vij jar, in dem Men iare do geschach es, das ein meisier der heiligen geschrifft in einer ttat gebrediget hat ttnd man hört in ouch gar gern . . . Schluß : Vnd do es tag wart do sehreib er zestunt wider hinder sich dem priol und den hrn- dem allen einen briefe und schreib in allen die tvort, wie er mit im geredt hatte. Nun daz mr alle dem lieplichen mynnerichen bilde linsers liehen herren Jesu Christi nachvolgende tverdent, dar zu helffe uns die ewip war- hiit, Amen,

c) Rot: Hie vahet an von dem hochgezit aller lieber glohiger seien tag Und des ersten die epistel : Bruder also wir getragen hant das bilde der irdenseheit, also tragent wir ouch bilde der himmelscheit . . . (Abhandlung aber die Seelen im Fegfeuer).

d) Unvermittelt folgt dann das dritte bis dreizehnte Kapitel des Zwei- Mannenbuchs. Rot : Das dritte cappittel ist die erste frage von hinder rede^ olso der elter den jungen fragete.

Aber uf ein andere zit do fugte es got, das aber dise zwey menschen zu Samen kament und wurdent aber mit einander redende. Do sprach der dter zit dem jungen. Sag mir lieher frtint ... Im 1 3. Kapitel steht hinter dem Wort dem „jungen^ der Zusatz : Rulmans geselle.

Schluß ohne Jahreszahl: Daz wir alle gerechte gelossene nachvolger uierdeni, des helffe uns got, Amen,

Am Schlüsse des Buches steht die Notiz: Dis buch geh)rt zu saut ^m ze FHburg in Brisgowe,

Hs. Nr. 467, Pap. Aus dem Nachlaß von Fr. Karl Grieshaber. ^fessor zu Rastatt. Gehörte dem Johann iterhaus zum Grünonwörtli. 14. Jahrh. Mit Einträgen des beginnenden 1 7. Jahrh. Die Handschrift enthält ;

a) Bl. 1-3. Regeln des Johannitermeisters Raymundus. Darunter:

In primis iabeo, ut oinaes fratres ad semcium pauporum veniontcs tiia <iue Promittant deo per manam sacerdotis ot per librum teneant cum dei auxilio : scilicot CMütatem et obedienciam, boc est quodcumque prccipitur eis a inagistris suis, et sine proprio rirere, qnia bec tria reqniret deus ab eis in nltimo certauüno. Kt n<»n iwrant amplias ex debito nisi panem et aquam atque vestiinontum quc eis proinit- ^tur... Darauf später: Et si vivons iacoloinis proprietatem habuonl Vit vwa^sxiw

XX

suo cdaverit ac postea saper eum ioTentum fuerit, ipsain pocuniam ad collum eias ligetur er per hospitale Jherusalem Tel per alias domus ubi permanserit dacatur nudas et yerberetur a clerico si clericus est, qui perpetravit; si Tero laicus, ab aliqao fratre Terberetor, et quadraginta dies ieianans quarta et sexta feria in pane et aqua.

b) £1 3^: Confirmacio regole prescripte. Bestätigung obiger Regel durch Bouifaz YIIL, welcher dieselbe in einigen Punkten abänderte. Die alte Bestätigung der Regel war bei der Belagerang zu Akkon zugrunde gegangen. Die Bestätigungsbulle trägt das Datum: Dat. Laterano VII. id. apr.» pontif. a. 6.

c) Bl 4^ : Bulla per quam transmissa est regala prescripta de partibus transmarinis magistris et fratribus Alamannie.

Frater Gwilhelmus de Castro Novo . . . D. Accaron non. novembr. a. 1 2 53.

d) Bl 5^-7*: Incipit ordo ad recipiendum fratrem in ordinein sancti Johannis. Unter den Fragen steht auch: Will du an eigenschafi leben? Der Schwur lautet : Ich gib mich got utid aant marien siner würdigen müter und dem heiigen sant Johans dem touffer und unsem herren den siechen, dz ich alle dag, die ich lebe, ir kneht M sin, und globe küscheit zu hcUtende 7nit der helfe gottes und on eigenschaft zu lebende und einem sollichen obern gehorsam sin, den mir denn got gii,

e) Bl 7^-8^: Incipit ordo ad recipiendum personam ad fraternitatem maiorem. Schwur : Ich opfer und gib got siner tourdigen muter sant Marien und dem heiligen herm sant Johans dem touffer disem heiligen orden und disen brudern dis huses minen üb und min gut, dz ich hob oder hamoch gewinnen mag und enpfohe die gross bruderschaft dis heiligen ordens und globe dem orden und disem huse truwe und worheit zu leistende und sinen nutz zu fürderende und sifien schaden zu wendende, als fer ich das weiss und kan on minen schaden und on geverde,

f ) Bl 8^- 1 0* rot : Incipit ordo ad recipiendum personam ad fraterni- tatem minorem. Rot: Primo interroget prespiter personam dicendo: Be- geret ir zu kummen in die klein bruderschaft des heiligen ordens sant Johans baptisten, so sullent ir globen dem selben orden getruwe zu nn, sinen schaden zu wendende und sinen nutz zu fürderende on uweren schaden wid on alle geverde, und demselben orden üch zinshaft zu machende ierlich die u'ile ir lebent etwas von uwerem gut, so vil ir minne habent oder gnode, und etwas zu besetzende noch uwerem tode zu einer gedechtniss.

Rot : Wenne eins das globt, so sol der priester im bieten das crütz an dem mantel es zu küssende und sol denn zu im sprechen : ümb die gelühde die ir unserm orden hant geion, so machent wir üch teilhaftig alles des gutes, so in unserm orden geschiht, so wit die weit ist, und des applos, so unser vetter die bobest gegeben hant den^ die unser bruderschaft entpfohent und sich dar in tünt schriben, also hie noch geschriben stot.

Darauf Aufzählung der Ablässe. Weiterhin Bl. 11*: Aufzählung der Fest- und Fasttage, welche im Orden gefeiert werden. Bl. 16^-27^: Strafen auf die verschiedensten Vorgehen.

XXI

Bis hieher Schrift des 14. Jahrh. Dann folgt von der Hand der Straß- barger Handschrift H 2190 des Bezirksarchivs :

a) Welcher uff gebnrende weiß begert bei ans ein Donat zu werden, der soll sich uff volgende fragen erklären.

b) Ordnung der pfleger des hanses zum Grünenwörth.

c) Weichennassen ein jede perspn, so in den ritterlichen St. Johanm- orden zu kommen begert, soll beschaffen und qaalificirt sein.

d) Schluß: Ordnung der herren Commendatoren:

1. Fr. Heinricus Wolffach commendator f 1404, 3. April.

2. Fr. Erhardus Thome f 1426, 28. Januar.

3. Fr. Johannes de Ehenheim f 1439, 10. Sept. usw.

Hof- und Laudesbibliothek Karlsruhe.

St. Georg 80: Meister buch. Pap. 4^ aus dem Jahre 1425. Be- nfitzt von Denifle in der Schrift „Taulers Bekehrung", Straßburg 1879.

Hof- und Staatsbibliothek Mfinehen.

C^. 818: Busbruch geistl. Brautlauf; Predigten; Gebete. Pap. 12^ 15. Jahrhundert (l44l), enthält unter anderm den Traktat: Von ^ fürkummenen gnoden. ßl. 1-23.

Elosterbibliothek zu Eiusiedeln.

Die Incunabel Nr. 448 enthält neben Sosos Predigten Bl 14 2' ff. auch ^eNeun Felsen, ohne irgend einen Hinweis auf Bulmann als Verfasser derselben.

ErzbisehOfliehes Archir Freiburg i. Br.

Dasselbe enthält eine Beihe Urkunden, welche Grunenwörth be- treffen und aus dem Nachlaß des (1876 t) Pfarrers Haid von Lautenbach bei Oberkirch stammen. Der Anregung des Herrn Stadtarchivars Dr. Albert zu Freiburg habe ich es zu verdanken, daß ich darunter zwei für dieGottes- freandfrage wichtige Urkunden fand, welche im Laufe der Abhandlung näher werden behandelt werden.

Wegen der Dorsualnotizen wurden auch sämtliche im Grossh. General- Luidegarehiv zu Karlsruhe beruhenden Urkunden der Abteilung Grftnen- wörth-Straßburg durchgesehen. Nachforschungen nach weiteren Hand- schriften der Memoriale waren von keinem Erfolg begleitet.

XXII

Erklärung der verwendeten Abkürzungen.

Bezeichnung der Handschriften : A =^ Großes Deutsches Memorial, UniTersitäts- u. Landesbibliothek zu StraÜburg. B = Briefbuch, Hs. H 2185 des Straßburger BezirksarchiTs. C = Zweites Übriggebliebenes Lateinbuch, Hs. H 2184 des Straßburger Bezirks-

archiTS. D = Pflegormemorial, Hs. H 1383 des Straßburger BezirksarchiTS. E = Erweitertes Pflegermemorial, Hs. B 54 des Straßburger Stadtarchirs. F= Erweitertes Pflegermemorial, Hs. H 2190 des Straßburger Bezirksarchivs. Q := Erstes Lateinisches Memorial, L als 96 der Straßburger UniTersitätsbibliothek. H = Zwei-Mannenbuch, L germ. 642 der Straßburger Universitätsbibliothek. J ■= Neun Felsenautograph, L germ. 665 der Straßburger Universitätsbibliothek»

Sonstige Abkürzungen : GDM. = Großes Deutsches Memorial. KDM. = Kleines Deutsches Memorial. LM. = Lateinisches Memorial.

MB. = Meisterbuch, Ausgabe von Schmidt unter dem Titel : Bericht von der Be- kehrung Taulers. Straßburg 1875. 5MB. =: FQnf-Mannenbuch. 2MB. = Zwoi-Mannenbuoh.

NvB. = Nikolaus von Basel, Ausgabe von Schmidt, Wien 1886. NvL. = Nikolaus von Löwen. NF. = Neun Felsen, Ausgabe von Schmidt, Leipzig 1859. VJ. = Yier-Jahre Rulmann Merswins bei Schmidt Gottesfr. Schmidt, Gottesfr. =- Schmidt, Die Gottesfroundo im 14. Jahrhuudert, Jena 1854. Lauchert = Lauchert, Des Gottesfreundes Buch von den zwei Mannen, Bonn 1896.

Das Verzeichnis der benutzten Literatur siehe in den Anmerkungen zu Seite 5-14.

Wo in der Abhandlung nach Sternchenpagination zitiert wird, sind darunter stets die Textbeilagen des zweiten Teils zu verstehen. Ks bedeutet also 1S*24 = Seite 18* des zweitou Teiles Zeile 24.

xxin

Berichtigungen und Ergänzungen.

^. 24 lies : de Loranio.

3*20 ist gemeltze zu Unrecht iu geameltze korrig^iert worden.

13*18 goltfargel ist eine Zusammensetzung aus gcUfar und gel -= goldfarbig gelb.

00*6-13 sollt« Petit gedruckt sein statt Garmond, da dieser Abschnitt zum eigent- lichen Traktat gehört.

99* anm.: statt 40-100*5 Ues: 38-100*5.

126* anm. 24 lies: hier beginnt dio vierte Lage.

149*38 lies: clösterlin.

180*14 ret'kündung des engeis sollte in Petit gedruckt sein.

187*10 und bis stiffters sollte in Petit gedruckt sein. Die einfache Überschrift siehe 162*31 anm.

197*25 anm. lies: Parenthese.

S. 210% 225*, 237* sind die Überschrifts-Nummern falsch gezahlt.

210*25 lies: wart statt war,

21 ri lies siner statt sine.

212*33 lies: ine statt iemer.

215*10 lies : das lischt der übernatürlichen gnaden,

215*21 lies: fromde, dem menschen den heiligen geist.

224*7 lies: erfordern, nach.

Zu 234*31 anm. vgl. 229*18 anm.

235*18 lies : da dünkte mich.

236*1 lies: Es fehlt.

I. Teil.

Abhandlnng.

RMw I.

I.

Die Geschichte der Gottesfreundfrage.

Um die Mitte des 14. Jahrhunderts lebte nach dem Berichte gleichzeitiger Quellen: der ürkundenbücher des Johanniterhauses zum Grünenwörth in Straßburg, im „Oberlande" ein gottbegnadeter Laie, allen und überall bekannt durch sein Wirken, aber niemanden seinem Namen nach; man nannte ihn nur „den Gottesfreund im Oberlande." Als Sohn einer reichen Familie konnte er sich in seiner Jugend allen Freuden der Welt hingeben und mancherlei Ausschweifung sich erlauben. Doch die Gnade Gottes wandelt ihn plötzlich um, er entsagt der Welt, zieht sich in die Einsam- keit zurück und sammelt eine Anzahl gleichgesinnter Genossen um sich in der Absicht, ganz den Übungen der Frömmikeit zu leben. Visionen, die ihm zuteil werden, zeigen ihm sein Arbeitsfeld und r^fen ihn aus der stillen Eüisamkeit hinaus auf den Kampfplatz der durch die menschlichen Leidenschaften erregten Welt.

Am ausführlichsten gedenken die ürkundenbücher der Be- ziehungen des Gottesfreundes zu Straßburg und dem neu gegrün- deten Johanniterhause zum Grünenwörth. Schon im Jahre 1346 liatte der Gottesfreund einen unbenannten Meister der hl. Schrift, einen berühmten Prediger man dachte sich später darunter »lohannes Tauler zu Straßburg von seinem Stolze bekehrt ^nd zu einem innerlichen, mystischen Leben angeleitet. Und als 20 Jahre später die Johanniter in Straßburg sich niederzulassen sedachten, da ist der Gottesfreund vom Oberlande die Seele bei der Gründung des Hauses und bei allen folgenden Unternehmungen der Johanniterbrüder. Seinem Einfluß ist es zuzuscbreVb^Uv ^^^

Rulmann Merswin gerade den Johannitern die eben erst von den Benediktinern zu Altdorf erworbene Hofstätte zum Grünenwörth einräumt und sie aus eigenen Mitteln vollständig umwandelt, um daraus einen Prachtbau als Wohnung für die Johanniter herzu- stellen. Ein enges Freundschaftsband schlingt sich in der Folge um Rulmann Merswin und den Gottesfreund vom Oberlande. Was nur immer Rulmann plant oder unternimmt, das tut er erst, wenn er den großen Gottesfreund vom Oberlande darüber um Rat ge- fragt hat. Sie eröffnen sich selbst ihre geheimsten Herzensange- legenheiten, und als sie gefunden, daß ihr beider Lebensgang soviel Gemeinsames aufweise, ermuntern sie einander, ihr Leben nieder- zuschreiben. Sie tun es: Rulmann Merswin in dem „Büchlein von den Vier-Jahren seines anfangenden Lebens", der Gottesfreund in dem sogenannten „Fünf-Mannenbuch." Als Berater in allen wichtigen und schwierigen Fällen sendet der Gottesfreund Rul- mann Merswin, dem Straßburger Johanniterkomtur sowie den Brüdern des dortigen Johanniterhauses durch einen heimlichen, nur Rulmann bekannten Boten Briefe und verschiedene erbauliche Schriften, indem er ihnen sein und seiner Genossen Leben und Wirken als Beispiel vor Augen stellt. Aber so innig auch der Verkehr Rulmann Merswins mit dem Gottesfreunde war, so offen- barte Rulmann doch den Brüdern des Hauses zum Grünenwörth nichts von seinem eigenen, gottgeweihten Leben; erst nach seinem Tode finden die Brüder in einem verschlossenen Kästchen die Lebensbeschreibung von den „Vier-Jahren" und bewundern die Demut ihres großen Stifters, der nicht wollte, daß jemand bei seinen Lebzeiten von seinem beschaulichen Leben Kunde erhielte. Doch des Gottesfreundes Wirken ist auf Straßburg allein nicht beschränkt Seine Wirksamkeit erstreckt sich bis nach Ungarn und ItaUen. Er macht nicht halt vor den Türen der Edlen und Ritter, nicht vor dem Palaste des Papstes. Allen Ständen der Menschen hält er freimütig in Schrift und Wort einen Spiegel vor und seine Gegenwart bewirkt allüberall die Abkehr von der eitlen, vergänglichen Welt und die gänzliche, ungeteilte Hingabe an das innere, mystische Leben mit Gott. So berichten in kiu*zen Zügen die ürkundenbücher des Johanniterhauses zum Grünenwörth in Straßburg, dessen Stifter Rulmann Merswin ge- wesen ist.

Ein Mann und noch dazu ein Laie, der eine solche Rolle spielt im geistigen Leben des 14. Jahrhunderts, der wie eine heilige Katharina von Siena in allem Freimute dem Papste und seiDen Bestrebungen entgegentritt, dessen Andenken muß doch, sollte man meinen, gewiß auch in andern historischen Quellen überliefert sein. Oder sollte diese große Wirksamkeit eines Laien, von dem die größten Theologen und Prediger jener Zeit sich wie Kiader leiten und führen lassen, nur in den Urkundenbüchem des Straßburger Johanniterhauses und sonst nirgends ihre Spuren zurückgelassen haben?

Suchen wir auf diese Frage zunächst Aufschluß bei den elsässischen Chronisten. Denn je geheimnisvoller die Gründung des Johanniterhauses zu Straßburg ist, um so mehr ist zu er- warten, daß sie einen Niederschlag bei den Chronisten gefunden hat, die in erster Linie die Geschichte der Stadt Straßburg in den Kreis ihrer Betrachtung zogen.

Jakob Twinger von Königshofen (gest. 1420), der die Gründung des Johanniterhauses durch Rulmann Merswin miterlebt, und wie kein Zweiter in anziehender und lehrreicher Weise alle wichtigen Stadtereignisse verzeichnet hat, berichtet über Grünen- wörth zu Straß bürg ebenso einfach wie kurz: „Der Johanneser hus zürn Grünenwerde wart gemäht zum ersten von hem Wern- her dem Marschalke in ere der heiigen drivaltikeit, das geistliche dümherren do soltent sin. donoch kam es in der Johanneser hant zäDoroltzheim,die sattent einen münch oder bruder dar lange zit damoch koment die Johanneser dar noch gotz gebürte 1371 jor, und her Rulman Merswin mähte us der alten kirchen eine nuwe J^irche und kor und bleip bi den Johannesern untz an sinen dot," ^)

Jakob Twinger von Königshofen weiß also nichts von dem beschauUchen Leben Rulmanns, nichts von dessen Verkehr °üt einem Gottesfreunde vom Oberlande, kurz nichts von all' dem, was die Urkundenbücher des Johanniterhauses von dem Gottesfreunde erzählen.

Zu den elsässischen Chronisten können wir auch den Domini- ^^er Johannes Meyer (gest. 1485)*) rechnen, der sich große

*) Chroniken der deutschen Städte Bd. IX, 732/3.

*) t}ber ihn handelt PoterAlber.t, Jobannes Meyer, ein oberdeutscher Chronist dw «Önfxehnteii Jahrhunderts. (Ztsch. f. Gesch. des Oberrheins KF.XIU, 'iVo-'i^^>.

Verdienste um die Reform der Dominikanerklöster im 15. Jahr- hundert erworben hat und wegen seiner umfangreichen chroni- stischen Tätigkeit beachtenswert ist. In dem Leben der Marga^ reta vonKenzingen erwähnt er ausführlich deren Beziehungen zu einem Gottesfreunde und zwar zu demselben Grottesfreunde, der Rulmann Merswins heimlicher Freund und Berater war.*) Hier haben wir also das erste Zeugnis eines CJhronisten, der von der Existenz des Gottesfreundes vom Oberlande und dessen Verhältnis zu dem Straßburger Johanniterhause überzeugt ist. Diese Nach- richt wäre von größtem Wert für uns, wenn sie unabhängig von den Urkundenbüchern der Johanniter zu Straßburg gewonnen wäre. Das ist jedoch nicht der Fall. Der zeitweilige Aufenthalt

*) U. Denifle, Das Leben der Margaretha ron Keuzingen (Ztschr. f. deutsches Altertum Bd. 19 (1876), 483/484): „Wie dise swoster Margreth zfl dem grossen gotes fründ iu Oberland kam, der ir riet in predigerorden gen Underlinden.

. . darumb schied dise frow Margretha uss dem selben land und gedacht, wz yr nun z& tun wer. also kam yr in yr gomutf wie sie solt gon zu dem grossen frund gotes, der mit sinen balgen gesellen lebt in Oberland in dem gebirg, von dem selben hallgen man gotes hatt sy nun uss der masen vil gutz hören sagen, wie er von kinthait uf got andechtiklich gedienet hat und nun rast alt wer und in allen got- lichen sachen von den guaddu des bälgen gaists gar wol erfaren wer. und es ist och in der warhait also gewesen, won diser selig gotesman ist der fünf lialger man ainer gewesen, von den dz selb büchlin von den v manon sagt, ja er ist der vol- komes gewesen under in, als mau an dem selben buchli merckct. er ist diser halg man, der dem maister der balgen goschrifft prediger ordens dz tugentrich abc lert nach zall der buchstaben und ainen selgen menschen uss im machet. Küdolffs Merswins haimlichor fründ ist er gewesen und ym mit rat und dat hilflich ist gewesen, dz dz gaistlich leben zu saut Johanes zu dem Grünen berg zu Strasburg [I] gestiflFt ward, und vil ander übernatürlicher grosser hocher gotlicher sachen hat got der her durch disen sinen lieben fründ gewürckt, also denn zu guter mass in latin und in tusch geschribeu ist in dem selben erwirdigen gotz husz.

Zu disem balgen man kam mit grosser arbait diso selig frow . . .

Mucht hie yemant gedencken : wie kon dz gesin, dz der fründ gotes, den man nemt R u d o 1 f f M c r s w i n (s) haimlichor fründ und gesell, der man iu Oberland, by den ziten diser swoster gelebt hat, sitem mal dz mau doch von ym iu geschriflft find, dz er in aller haligkeit gelebt hat lange zit vor in siner wol mugenden jugent, do man zailt anno domini M cccl jar, do au jubel jar zu Rom wz by bopst Clemens ziten : da ist zu wissen, dz diser ballig gotz fründ lang in diser zit lebt und uss der masz alt ward, als ym got solichs vor kund hatt geton, dz er dar iuu gelasen S'Olt sin; er ward gar vil mer, dz ich was zu sagent, denn über ic jar alt.**

Das ganze Kapitel zeigt, daß es nach der Schablone der sug. Gottesfreund- traktate verfaCt ist. Was bleibt dann noch Historisches an dem Berichte?

Johannes Meyers in Dominikanerinnenklöstern des Elsaß, haupt- Schlich aber seine langjährige Tätigkeit als Beichtvater im Kloster J^delhausen bei Freiburg i. B., wo die Mystik eine überaus hohe ^Pflege gefunden hat, und wo man Abschriften der angeblichen Schriften Rulmann Merswins und des Gottesfreundes besaß, ^) setzten ihn in die Lage, von genannten Urkundenbüchern und ihrem Inhalte Kenntnis zu erhalten. So übernimmt Johannes Meyer ohne Wissen und infolge dessen ohne alle Kritik deren Angaben, und verwandelt den Verkehr Margaretas mit „Gottesfreunden" zu einem solchen mit „dem Gottesfreunde^S von dem die Straß- burger Urkundenbücher so vieles erzählen. Da es aber höchst unwahrscheinlich war, daß dieser Gottesfreund noch zu Marga- retas Zeiten gelebt hat, sieht sich unser Chronist gezwungen, alle etwaigen Bedenken durch den Hinweis auf das außerordent- lich hohe Alter des Gottesfreundes hinwegzuräumen. So würde man fehlgehen, wenn man aus seinen Angaben irgendwelche Schlüsse für die Existenz oder gar die Lebenszeit des Gottes- freundes ziehen wollte.

Die gleiche Abhängigkeit von den erwähnten Urkundenbüchern zeigt sich bei Jakob Wimpfeling (gest 1528).^) Dieser gibt

*l Dieses bezeugt Nikolaus yoq Löwen 139*19. Seine Nachricht wird bestätigt «iarch die Handschrift Nr. 194 der Freiburger Universitätsbibliothek, welche aus <}en Freiborger Kloster St. Klara stammt. Außerdom kannte Johannes Meyer, wie «r selbst zugibt, die lateinischen wie deutschen Memorialbücher der Johanniter zu Straßburg.

*) Jacobi Winiphelingi, Catalogus episcoporum Argentinensium ad ses- loiseculum desideratus. restituit Johannes Michael Moscherosch. Argeutorati 1651. ^' 96: ^Sab hoc Lamb^rto [episcopo] anno Christi septuagesimo primo post mille- simtini et trecentesimum Joannitae in domum viridis insulae, vulgo zu dem Grienen- Werd, Argentinae in subnrbano currificum recoepti sunt: quae dudum a Wemhoro S€Qe8calco Hunenbergensi anno millesimo ducontesimo tricesimo tertio pro canonicis ^^Solaribas fundata eiusque ecclesia anno paulo post quinquagesimo secundo deo di- eata perhibetnr. Verum postquam aliquot annos domus illa in manibus vel canoni- cornm regularium vel monachorum ordinis sancti Benedicti fuisset, sensim cum ipsa f^lisione deftcere coepit. Tum Rulmannus Delphinus lingua nostra Merschwin civis •^Dtoracensis saeculi pertaesus et in amore Dei fervescens fundum patrimoniique ^^iptrtem pro ampliftcandis loci illius aediüciis tradidit Joannitis sacordotibus Chri- stique ministris. Fnit Bulmannus ille miris visionum revelationumque gratiis illastratus. ^P^cola quaedsm scripsit (licet in Germanica lingua) devotis admodum utilia et ad coiit«mplationem aptissima: cum piis fratribus eodem in loco pie rixlt foeliciter »pud ipsM reqniescens . . .*

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uns in seinem „Catalogus episeoporum^^ einen kurzen Überblick über die Vorgeschichte des Johanniterhauses zu Straßburg und vervollständigt das Lebensbild Rulmann Merswins. Er weist vor allem hin auf die geheimnisvollen Visionen und Offenbarungen Rulmanns und empfiehlt allen die Lesung seiner hinterlassenen Schriften, die für gottinnige Seelen nützlich und wertvoll sind.

Jakob Twinger von Königshofen auf der einen, Jakob W i m p f e 1 i n g auf der anderen Seite bilden die Quellen, aus denen alle späteren elsässischen Chronisten schöpfen. Neues über den Gründer und die Gründung des Johanniterhauses wissen weder Maternus Berler noch Sebastian Büheler, weder Jakob Trausch noch Johann Wencker^) noch auch der berühmte Daniel Schöpflin^) zu erzählen, nur Grandidier*) zeichnet noch einige weitere Züge zum Bilde der Gründungsgeschichte von Grüiienwörth, doch auch sie beruhen ganz auf den Nachrichten der genannten ürkundenbücher.*)

So weisen uns alle elsässischen Chronisten auf die Memorial- oder Urkundenbücher des Straßburger Johanniterhauses und deren kritische Untersuchung, wenn wir uns ein selbständiges Urteil über die Gottesfreund- und Rulmann Merswin-Frage bUden wollen.

Von den Geschichtsschreibern, welche sich mit Ordensgeschichte befassen, sei hier nur Helyot^) erwähnt, der in unserer Frage sich ausschließhch auf Urkunden stützt. In nüchterner aber durch- aus zuverlässiger Darstellung berichtet er die Gründung von Grünenwörth und betont vor allem die Ausnahmestellung, welche dieses Haus in der Wahl des Komtur beansprucht, was auf eine besondere Bestimmung Rulmann Merswins, des Stifters, zurück- zuführen sei. Daß Rulmann aber mystische Traktate geschrieben oder ein besonders gottgeweihtes Leben geführt habe, ist ihm unbekannt.

^) L. Dacheux, Les Clirouiques Strasburgeoises de Jacquos Trausch et de Jeaa WcDcker. IV, 3; V, 97, 123.

2) Schöpflin, Alsatia illustrata. Koliuar 1751/Gl. II, 296, 622.

') Grandidier, Oeuvres historiques inedites. Kolmar 1865 flf. III, 21 ; IV, 249.

*) Vgl. Tor allem Ingold, Nouvelles oeuvres inedites de Grandidier V (1900), 25 ff. Tgl. auch L. Laguille, Histoiro de la prorince d'Alsace. Strassbourg 1727 S. 307. Walther Strobel, Vaterländische Geschichte des Elsasses. Straßburg 1841 ff.

*) Holyot, Hi3toire des ordres monastiques III, 115.

Den ersten Ansatz zu einer kritischen Behandlung der Gottes- freundfrage finden wir bei Qu6tif-Echard in den „Scriptores Ori Praedicatorum.^^ i) Hier handelte es sich um die Untersuchung der Frage, ob Tauler der im Meisterbuch genannte und von dem Gottesfreunde bekehrte Meister der HeiUgen Schrift sei. Die Frage wird verneint, und die ganze Erzählung des Meisterbuchs als Parabel aufgefaßt, aber das gewonnene Resultat zu weiteren Schlüssen und Folgerungen nicht verwertet

Mit dem Aufleben der germanistischen Studien wurde auch der üottesfreundfrage erneute Aufmerksamkeit gewidmet Erst von den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts an kann man darum von einer systematischen Behandlung der genannten Frage reden, deren nähere Entwicklung zu verfolgen sehr lehrreich ist Den Anstoß dazu gab der in vieler Hinsicht um die deutsche Mystik verdiente Straßburger Professor Karl Schmidt In den Jahren 1839-66 veröffentUchte er aus den ürkundenbüchem des Johan- nilerhauses in fast ununterbrochener Reihenfolge ausgewählte Schriften des Gottesfreundes und Rulmann Merswins, denen zum Teil ergänzende Darstellungen und Untersuchungen beigegeben wurden.«) In kurzer Zeit hatten S c hm idt's Ansichten über den Goltesfreund vom Oberland und dessen geheimnisvolles Wirken den Siegeslauf durch die deutsche Literatur gehalten. Wacker- nagel und Lütolf, Denifle und Preger») standen zuerst

') Quetif et Echardf Scriptores ordiois Praedicatorum. Paris 1719. I, 677.

*) K. Schmidt, Über den wahren Verfasser des dem Mystiker Suso zuge- scbribenen Buches von den neun Felsen (Ztschr. f. hist. Theologie 1839. II, 61). Denelbe, Plaintes d*un laXque allemand du quatorziöme siecle sur la decadence de la cbreüente. Strasbourg 1840. W. Röhrieb, Die Gottesfreunde und die Winkeler MJ Oberrhein (Ugon's Zeitschr. f. hist. Theologie 1840, 2. Heft, 118 ff.). Karl Scbmidt, Johannes Tauler. Hamburg 1841. Derselbe, Die Gottesfreunde im ^^' Jabrhundert, Historische Nachrichten und Urkunden (Beiträge zu theol. Wissen« ■Khafton T. Rouss u. Cunitz), Jena 1854. Derselbe, Bulmau Merswin, le fondateur de la maison de St. Jean de Strassbourg (Revue d'AIsace) 1856. Derselbe: Niko- ns von Basel und die Gottesfreunde (Basel im 14. Jahrhundert) Basel 1856. ^n«lbe: Das Buch yon den Neun Felsen von dem Straßburgor Bürger Rulman Menwin 1352, nach des Verfassers Autograph herausgegeben. Mit einem Facsimile ^OQ Kerswins Handschrift. Leipzig (Hirzel) 1859. Derselbe: Nikolaus von Basel Üben and ausgewählte Schriften. Wien 1866.

^ W. Wackernagel, Die Gottesfreunde in Basel (Beiträge zur vaterländischen ^•«Aichte n. Bd. 111 ff.) Basel 1843. W. P reger, YorarbeitÄiv zu ömvii Qi<i.

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ganz auf seiner Seite. Es dauerte geraume Zeit, bis die histo- rische Kritik erwachte, um die Fehler nach und nach gutzu- machen, die allein Schmidt verschuldet hatte, indem er ohne jedes kritische Verständnis bei der Edition einzelner Schriften eine ganz willkürliche Auswahl getroffen und Rubriken und Text, ohne eine Anmerkung beizufügen, nach eigenem Gutdünken ver- änderte. So war es kein Wunder, wenn alle Forscher, die per- sönlich keine nähere Einsicht in die Handschriften nehmen konnten, auf Irr- und Abwege geführt wurden. Schmidt hatte sodann dem Gottesfreunde im Oberlande, dessen Namen während fünf Jahr- hunderten niemand kannte, den Namen „Nikolaus von Basel** beigelegt und ohne die Bedenken von Qu^tif-Echard in den Scriptores Ord. Praedicatorum oder die Ausstellungen von Pischon^) zu beachten, den in den Urkundenbüchern des Johanniterhauses unbenannten Meister des Meisterbuches abermals mit Johannes Tau 1er identifiziert.

Gegen Schmidt's Annahme, daß der Laie Nikolaus von Basel mit dem Gottesfreunde vom Oberlande identisch sei, ver- hielt sich zunächst Preger ablehnend (1869). Ihm stimmte Denifle bei, der Pregers Untersuchung noch erweiterte und vertiefte (1870, 1876). Für den Beweis stützen sich Preger wie Denifle unter anderm auf die obenerwähnte Notiz Johan- nes Meyer's in seinem Leben der Margareta von Ken- zingen, deren Wert jedoch durch unsere obigen Ausführungen eine wesentlich andere Beleuchtung erfahren hat. So richtig aber sonst der Beweis Preger's und Denifle's geführt war, so ließ sich Schmidt doch nicht von seiner ursprünglichen Ansicht ab- bringen. Im Jahre 1875 veröffentlichte er abermals einen Traktat

schichte der deutschen Mystik im 13. und 14. Jahrh. (Zeitschr. f. hist. Theologie 1869 I, 100; 137). H. Denifle, Der Gottesfreund im Oherlande und Nikolaus von Basel [Hist. polit. Blatter Bd. 75 (1870)]. Horman Rabergh, Nikolaus of Basel, 2 akademische Abhandlungen. Helsingfors 1870/1872. W. Wackern agel, Kleine Schriften (Leipzig 1873). II, 146-188. A. J u n d t , Histoire du PantheifJme populaiiO au moyen ago et au seizi^me siöclu. Paris 1875. A. Lütolf, Tübinger theolog. Quartalschrift 4 (1876), 580-582. Derselbe, Die Gottesfreunde im Oher- lande [Jahrb. f. Schweizer Geschichte Bd. 1 (1876iJ. H. Denifle, Das Leben der Margaretha von Kenzingen (Ztschr. f. deutsches Altertum Bd. 19 (1876)].

*) P i s c h 0 n , Über Johannes Taulsr (von der Hagen, Neues Jahrb. der Berlin. Gesellschaft f. deutsche Sprache) Berlin 1836. I, 277.

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mit der Überschrift: „Nikolaus von Basel Bericht von der Be- kehrung Taulers." 1) So unscheinbar diese Edition war, so bil- dete sie doch den Anlaß, die vollständige Umwälzung der von Schmidt vertretenen Ansicht über den Gottesfreund vom Ober- lande herbeizufuhren. Diese Umwälzung vollzog sich in den Jahren 1879—1881 und zwar durch die trefflichen Arbeiten Denifle's, die er in den „Quellen und Forschungen zur Sprach- und Kulturgeschichte'* und in der „Zeitschrift für deutsches Alter- tum und deutsche Literatur** niedergelegt hat. 2) Was Denifle hier der gelehrten Welt geboten hat, gehört ohne Zweifel mit zu dem Besten, was die neuere historisch-kritische Methode geleistet hat Sein Resultat, zu dem er Schritt für Schritt geführt wurde, lautete: Tauler ist nicht der unbenannte Meister des Meister- buchs, der Gottesfreund vom Oberlande hat überhaupt nicht existiert, Rulmann Merswin ist vielmehr der Verfasser der frag- lichen Schriften und der Schöpfer der Gestalt des Gottesfreundes. Ruhnann Merswin ist darum ein Betrüger, der seine ganze Um- gebung betrogen und zum besten gehalten hat

Wäre Denifle wie Schmidt und nachher Jundt in der Lage gewesen, die in Frage kommenden Handschriften näher zu untersuchen, so würde ohne Zweifel schon damals die ganze Gottes- freundfrage ihre richtige und endgiltige Lösung gefunden haben. So aber mußte sich D e n i f 1 e auf die völlig unzuverlässigen und unvollständigen Texte Schmidt's stützen, und darum dürfen wir

') Karl Schmidt, Nikolaus vou Basel Bericht von der Bekehrung Taulers. S^burg 1875.

*) Heinrich Seuso Denifle, Taulers Bekehrung kritisch untersucht (Quellen °Qd Forschungen zur Sprach- und Kulturgeschichte der germanischen Völker, herausg. '•Scherer Bd. 36, 1879). A. Jundt, Los amis de Dieu au quatorzieme siecle. Paris 1879. Denifle, Antikritik gegen A. Jundt, Les amis de Dieu (Hist. pol. ßlitter Bd. 84, 797 ff.) 1879. J. Baechtold, „Gottesfreund** |Allgem. deutsche lie Bd. 9 (1879)]. M. Rieger, Die Gottosfreundo in dem Mittelalter.

)erg 1879. Denifle, Die Dichtungen des Gottesfreundes im Oberlande (Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur NF. Bd. 12. 1:3). 1880. 18S1. L. Tohlor, Die Sprache des Gottesfroundes im Oberland (Anzeiger f. Schweizer Geschichte 1830 S. 224-245). Denifle, Merswins Betrug in der Gottesfreundfrage [Deutsche Literatur Zeitung 1 (1880) Sp. 244/5J, W. Proger, *olm»nMer«win [Herzoges Roal-Encyklopädio 13 (1884), 102-105J. Ph. Strauch, ^BUUi Merswin |Allg.Doutsche Biographie 21 (1885), 459-4t)8\.

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uns nicht wundern, wenn seine Untersuchungen nicht zum richtig« Ziele führten.

Durch D e n i f l e's Arbeiten wurde zunächst das Werk J u n d t Les amis de Dieu antiquiert, als es kaum das Tageslicht e blickt hatte, trotzdem in einem beigefügten Epilog Denifle Beweise zu widerlegen versucht wurde. Bald darauf sah si< Jundt selbst genötigt, seine Ansicht über den Gottesfreund vo Oberlande und seine Genossen aufzugeben, aber nur um eii noch unglücklichere Hypothese aufzustellen, i) Es fiel ihm : schwer, Rulmann Merswhi für einen Betrüger zu halten, wo do< alle Schriften so deutlich die Sprache der Ehrüchkeit zu red< schienen. So faßte er Rulmann Merswin als einen Geisteskrank« auf, der an die Existenz des Gottesfreundes geglaubt und zi Verwirklichung seiner fixen Ideen ein bemitleidenswertes, in Wal befangenes Leben geführt hat.

Einen neuen Ansturm gegen D e n i f 1 e's Resultate untemah Preger im dritten Bande seiner Geschichte der deutschen Mystik. Was jedoch Preger hier Neues bot, war keineswegs imstand die viel gründlicheren Studien De nifl e's umzustoßen, wenn die auch in mancher Hinsicht eine Berichtigung durch Preger e fahren haben. Denifle's Anschauung drang vielmehr in al Darstellungen zur deutschen Literaturgeschichte ein und die b' deutendsten Gelehrten nahmen dieselben an. Nach seinem Vo gange haben sich Philipp Strauch und Fr. Lauchert b dingungslos gegen Preger ausgesprochen. »)

So verschiedenartig nun auch die angeführten Studien üb« die Gottesfreundfrage sind, so haben sie doch z w e i Hauptpunk mit einander gemeinsam:

1. Alle bisherigen Untersuchungen haben die Gottesfreum frage als eine für sich bestehende Frage behandelt, losgelöst v( der Geschichte des Johanniterhauses zu Straßburg, obwohl d ganze Tätigkeit des Gottesfreundes aufs innigste mit der Geschieh

*) A. Jundt, Kulman Merswin ot Tarui de Dieu de l'Oberland. Paris 1811 *) Wilhelm Preger, Geschichte der deutschen Mystik. III. Teil (Taul Per Gottesfreund vom Oberlande. Merswin). Leipzig 189G.

*) Ph. Strauch, Kritik über Pregcrs Geschichte der deutschen Myst Bd. 3. (Deutsche Literatur-Zeitung 1893 Sp. 717 ff.). Fr. Lauchert, I Gottesfreundes [= Ruluiau MerswinsJ Buch von den zwei Mannen. Bonn 1896.

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von Grunenwörth zusammenhängt, und wir nur durch die Me- morial- oder ürkundenbücher dieses Hauses Kenntnis von dem Leben und den Schriften des Gottesfreundes vom Oberlande und seinen Beziehungen zu Rulmann Merswin haben.

2. Allen bisherigen Untersuchungen fehlte es an einem festen Untergründe, der erst durch eingehende Untersuchung der ge- nannten Handschriften und ihrer Überlieferung geschaffen werden muß. Weder der vollständige Inhalt noch Zweck und Zeit der Entstehung der Handschriften oder auch die Frage nach deren Ver- fasser ist jemals gründlich und im Zusammenhang behandelt worden. Ohne aber hier zuerst Klarheit geschaffen zu haben, werden alle Untersuchungen über einzelne Textbestandteile der Handschriften wie z. B. über das Meisterbuch oder die Neun Felsen, mehr oder minder mangelhaft, ja sogar fehlerhaft sein müssen.

Auf diese empfindlichen Lücken in der Behandlung der Gottes- freundfrage hat der Verfasser vorliegender Studie zuerst in zwei Äufeätzen in der Oberrheinischen Zeitschrift aufmerksam gemacht^) und zugleich in kurzen Strichen das neue Resultat gezeichnet: Nicht Rulmann Merswin ist der Betrüger und der Erfinder der Gestalt des Gottesfreundes vom Oberlande, sondern dessen ver- trauter Schreiber N i k o 1 a u s vonLöwen, der durch seine nach dem Tode Rulmanns vorgenommenen Fiktionen und Fälschungen Stifter und Stiftung von Grunenwörth verherrlichen und die Brü- der durch Hinweis auf das erhabene Vorbild ihres Stifters zu einem gottesfürchtigen Leben aneifern wollte. Gleichzeitig hatte Strauch die Frage aufs neue aufgegriffen, um durch Veröffent- lichung und Erläuterung einzelner Traktate den Weg zur end- gültigen Lösung zu ebnen.*) Wenn sein Weg nicht zum ge- wünschten Ziele führen kann, so liegt der Grund wie bei allen übrigen Untersuchungen darin, daß dabei vorausgesetzt wird, was

') Karl Rieder, Zur Frage der Gottesfreuiide. I. Rulinaii Merswin oder Niko- '*ös Ton Laufen? IL Bischof Heinrich IIL von Konstanz und die Gottesfreuude. IZeitßchr. f. Gesch. des Oberrheins NF. 17 (1902), 205, 480J.

') Philipp Strauch. Zur Gottesfreundfrage. I. Das Neunfelsenbuch. [Zeitschr. Ueutsche PhUologrie Bd. XXIV (1902), 235-3111. IL Schürebrand. Ein Traktat ^ dem Kreise der Straßburger Gottesfrounde. Herausgegeben von Ph. Strauch. (Sonderabdruck aus der Festgabe, der germanistischen Abteilung der 47. Versammlung deutscher Philologen und Schulmänner in Halle zur Begrüßung dargebracht.) Halle ^i«»jer) 1908,

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erst bewiesen werden muß, daß nämlich Rulmann Merswin wirk- lich irgend einen Anteil an der Abfassung der sog. Gottesfreund- schriften hat. Die folgende Untersuchung wird zeigen, daß vod irgend welchem Anteil Rulmann Merswins an der Abfassung odei Interpolation der sog. Gottesfreundschriften und darum von einer Fälschung Rulmanns überhaupt nicht die Rede sein kann, und sie wird klarlegen, wie es kam, daß Rulmann Merswin, der Stiftei dei Johanniterhauses zum Grünenwörth, als Gottesfreund ausge- geben wurde, der mit andern Gottesfreunden in heimlichem Ver- kehre gestanden, ihre Schriften abgeschrieben und an andere weiter verbreitet habe. Der Weg dazu soll zunächst durch die Unter- suchung der in Frage kommenden Memorialbücher gebahnt werden, i)

') Meine kurzen Aufsätze haben von den Kritikern eine ganz verschiedene Auf- nahme erfahren : Strauch steht meinen Ausführungen äußerst skeptisch gegen- über, vgl. Schürebrand S. 55. Kothe, Kirchliche Zustände Straßburgs im vier- zehnten Jahrhundert. Ein Beitrag zur Stadt- und Kulturgeschichte des Mittelalters. Froiburg (Herder) 1903. S. 87 urteilt: Die Behandlung der Frage durch Riedel und die bisher beigebrachten Gründe allgemeiner Art sind in hohem Maße ansprechend; „von großer Bedeutung für die neue Ansicht wird es sein, die Unechtheit der in Betracht kommenden Urkunde des Konrad von Brunsberg aus dem Jahre 1385 über- zeugend nachzuweisen.** Damit hat K o t h e ganz richtig die Notwendigkeit betont, dal) zuerst auf historisch-kritischem Woge der Boden für eine erfolgreiche philogisch- sprachliche Untersuchung geobuet werden muß. Lucian Pfleger, hält in seinei Rezension Ober Kothos Arbeit meine Ausführungen „bis auf ausführlichere Begründung doch noch zu problematisch** (Historisches Jahrbuch 1903 II. S. 402). lu zustim- mendem Sinne sind sodann die Besprechungen, welche Hans Kaiser meinen Skizzen in der Historischen Zeitschrift LXXXIX, 89, 351, 541 angedeihon läßt.

IL

Die Memorialbücher von Grüneiiwörth nach Entstehung und Verfasser.

A. Die Memoriale im Einzelnen. L Das Große Deutsche Memorial.

a) Die Handschrift des Großen Deutsehen Memorials in einem Ledereinband des 18. Jahrhunderts enthält nach moderaer Nume- rierung 280 Pergamentblätter. Die Höhe eines Blattes beträgt 29, die Breite 20 Va cm. Das Corpus der Handschrift besteht aus 23 Lagen (Bl. 7-275) zu je 6 Doppelblättern, denen vorn (Bl. 1-6) % Lage mit 3 Doppelblättern und am Schlüsse (Bl. 276-280) 5 Blätter beigefügt sind. Nach dem ursprünglichen Plane des Schreibers umfaßte die Handschrift bloß i|a + 11 Lagen, d. h. die Blätter 1-130. Später fügte der Schreiber noch einen 2. Teil, Bl. 131-280 oder Lage 12-23 + 5 Bll. hinzu.

Jede Seite des Pergamentblattes ist liniiert und enthält 43 Zeilen über den noch deutlich erkennbaren Linien. Die Blätter 7-9"^ haben J6 53 Zeilen, weil hier der Schreiber mit dem ihm zur Verfügung stehenden Räume rechnen mußte. Am Anfange der Handschrift stehen die Buchstaben ziemlich weit auseinander, während sie später etwas enger zusammen gerückt sind.

Die Handschrift ist in der sog. gothischen Schrift und im all- gemeinen sehr sorgfältig und schön geschrieben. Korrekturen, 'üe durch Auslassen von Wörtern notwendig wurden, sind am Rande beigefügt, Fehlerhaftes radiert oder übergeschrieben, Doppel- wörtep ein&ch durchstrichen.

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Die Rubriken sind mit roter Farbe gemalt und die Anfangs- buchstaben innerhalb des Textes in üblicher Weise rot unter- strichen d. h. durchstrichen. Auf der Vorderseite jedes Blattes steht oben in der Mitte eine römische Zahl in Rotschriit Diese Zahl bezeichnet im ersten Teile der Handschrift (Bl. 10-130) die Nummer des Traktats (I-XVI), der auf den betreffenden Blättern enthalten ist; im zweiten Teile dagegen (Bl. 130*^ ff.) die Kapitel- zahl des betreffenden Traktats.

Die Handschrift enthält einige kunstvoll ausgeführte, wertvolle Initialen: Bl. 1^ das Bild des hl. Jakobus in das Anfangs-D ein- gemalt; Bl. 2», 2** und 4^ je ein kleineres verziertes D. Auf Bl. 5^ ist das Wappen der Herren von Hüneburg gemalt Auf Bl. 6* (Titelblatt der Hs.) befindet sich ein großes gemaltes D mit dem Johanniterwappen: weißes Kreuz in rotem Feld. Die ganze Seite ist in roter Farbe geschrieben und mit verschiedenen Farben umrahmt In die Verzierung ist das Wappen Rulmann Merswins und der Johanniter eingefügt In der gleichen Weise wie 6* ist, 6^ (Urkunde des Konrad von Braunsberg 1385) umrahmt und mit gemalter Initiale' W geschmückt.

In späterer Zeit wurde auf die Innenseite des Vorderdeckels das „Ex libris" des Johanniterhauses aufgeklebt, das eine Ge- samtansicht des Straßburger Johanniterhauses von Grünenwörth vor seiner Zerstörung im Jahre 1633 darstellt

Im 18. Jahrhundert wurde die Handschrift neu gebunden, wobei die Seiten beschnitten wurden, so daß die ursprüngliche Lagenzählung nicht mehr zu erkennen ist Nur auf der Rückseite einiger Blätter unten links sind noch einige arabische Zahlen (1-6) erkennbar, welche ursprünglich zur Zählung der Blätter der ein- zelnen Lagen dienten.

b) Dem Inhalte nach zerfällt das Große Deutsche Memorial in seiner jetzigen Gestalt in drei Teile, die sich in folgendem Schema übersichtlich darstellen lassen.

I. Geschichtliche Einleitung, Bl. 1-5 (3*1'14*14):

a) 1-4* C^* 1-12*4): Heinrich Blankhart von Löwen be- treffend.

b) 4^-5^ (12*0-14* 14): Werner von Hüneburg betreffend.

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IL Hau pt teil: 19 Mystische Traktate, Bl. 6«-262 (14*16-43*6):

1. 6^'9^(14* 16-23*34) : Vorbemerkungen zum ganzen Hauptteil.

a) 6* (14*16-15*3): Titel des Buchs.

b) 6^ (15*4-16*10): Urkundliche Beglaubigung desselben durch Konrad von Braunsberg.

c) 7*-9* (17*1-23*34): Spezielle Einleitung und Inhalts- verzeichnis des Hauptteiles.

2. Erster Teil: 9^-130* (24*1-35*17): 16 Traktate mit kurzer

Einleitung.

a) 9^-106^ (24*10-32*15): 12 Traktate des Gottesfreundes vom Oberlande, welche er Rulmann Merswin sandte.

b) 106^-130* (32*16-35*17): 4 Traktate Rulmann Merswins.

3. Zweiter TeU: 130^.262t> (35*19-43*6): 3 Traktate mit

kurzer Einleitung.

a) 130^-192' (36*15-39*35): Neun Felsen.

b) 192^-229» (39*36-42*2): Zwei-MannenbucL

c) 229^-262^ (42*4-43*6): Meisterbuch.

4. Dritter Teil: 262»>-274^ (43*9-45*9): Nachtrag: 4 Traktate.

a) 262*>-272» (43*9-36): Traktat des Gottesfreundes vom Oberlande, den er Rulmann Merswin sandte.

b) 272*-273» (44*1-18): „NüUliche letze".

c) 273*-273*> (44*20-36) : Gebet zum Leiden unsers Herrn.

d) 273^-274»> (44*37-45*9): Warnende lere Taulers.

Hl. Schluß: Gedichte, Bl. 274»'-280^ (45*10-47*30):

1. 274^-276* (45*11-35): Ermahnung und Gebet in Reimen.

2. 276* Nachtrag (46*1-12): Tod Konrads von Braunsberg.

3. 277^-280^ (46*14-47*30): Zwei Gedichte im Anschluß an zwei Gemälde vom jüngsten Gericht.

c) Ihrer Entstehungsart nach bildet den ersten und ur- sprünglichen Teü der Handschrift Bl. 7^-130^ (17*1-35*17), d.h. die 16 Traktate mit Einleitung und Inhaltsverzeichnis. Jedoch begann der Schreiber nicht mit Bl. 7* (17*1), sondern ließ zunächst in der 1. Lage Bl. 7^-9* frei und begann mit Bl. 9^ (24*1), d. h. öiit dem Text der Traktate, um bis Bl. 130^ (35*17) durchzu- sehreiben, wozu insgesamt 11 Lagen Pergament notwendig waren. J^ blieben von der 11. Lage Bl. 130^ und 131 noch unbe- sehrieben. Dann beschrieb der Schreiber Bl. 7»-9^ (n*l-2S*'i%V

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welche das Inhaltsverzeichnis und die Einleitung zu den so ge- schriebenen 16 Traktaten enthalten. Aus Furcht, der freigelassene Raum dieser 2^|2 Blätter könnte für das umfangreiche Inhaltsver- zeichnis nicht ausreichen, mußte der Verfasser ziemlich enge schreiben und liniierte darum die Seite statt der sonst üblichen 43 Zeilen mit 55 Zeilen. Der Platz reichte jedoch so reichlich, daß noch % des Blattes 9* leer blieben. Wie aus einer Bemerkung auf Bl 130^ (35*24) deutlich hervorgeht, ging die ursprüngliche Absicht des Schreibers dahin, die Handschrift hiermit zu beendigen. Das Ganze hätte demnach 11 Lagen umfaßt oder seinem Inhalte nach 16 Traktate mit Einleitung und Inhaltsverzeichnis. Höchst wahrscheinlich war die Handschrift in diesem Umfange auch einmal gebunden und mit einem gemalten Titelblatt versehen, das jedoch, ganz anders lautete und lauten mußte als das jetzige. Dieses Titelblatt auf Bl. 6 (14*16-16*10) hatte mit der ursprünglichen Handschrift nichts gemein; seine Entstehung werden wir weiter unten kennen lernen.

Einige Jahre später änderte der Schreiber seinen Plan und fügte den ersten 16 Traktaten noch drei weitere, sehr umfang- reiche hinzu : das Buch der Neun Felsen, das Zwei-Mannen- und das Meisterbuch. Er tat dies, wie er selber schreibt, deswegen, damit die für das Johanniterhaus zu Straßburg so wichtigen drei Traktate „von unahtsamkeit deste minre verogesset und ouch nüt verlorn werdent und den brüdern underzogen von uslihendes wegen'*- (35*26). So beginnt er auf Lage 12 (Bl. 132*; 38*14) den zweiten. Teü der Traktate und schreibt in einem Zuge bis 262^ (43*6)- also die Lagen 12-22, wobei von der 22. Lage Bl. 263 frei ge- blieben wäre. Die übrig gebliebenen Seiten der 11. Lage, die Bll. 130^-131^ (35*19-38*13), benützte der Schreiber zu einer kurzen Einleitung für die drei folgenden Traktate und ließ dann auf Bl. 130^-131^ (36*19-37*43) das Inhaltsverzeichnis des ersten Traktats, der Neun Felsen, folgen. Immerhin waren aber auf Bl. 131^ noch ^Ij der Seite unbeschrieben. Dieser leere Raum wurde später, d. h. nach Vollendung des zweiten Teils der Hand- schrift — es ist das für die Kritik der Neun Felsen ein wichtiges Moment benützt, um die Bemerkung hinzuzufügen, daß Rul- mann Merswin der Verfasser der Neun Felsen sei, wie aus der Vergleichung dieses Traktats mit dem Büchlein der „Vier

1^

Jahre des anfangenden Lebens" hervorgehe (38*1-13). Nachdem die drei Traktate fertig gesehrieben waren, wurden die Titel dieser drei Traktate dem allgemeinen Inhaltsverzeichnis Bl. 9* (23*29) beigefügt Dadurch, daß der Schreiber von seinem ursprüng- lichen Plane abwich und einen zweiten Teil von Traktaten bei- fügte, war manches in der Einleitung BL 7* (17*fr.)i die ja m*- sprunglich nur für den ersten Teil der Traktate berechnet war, nicht mehr zutreffend; es wurden Rasuren und Korrekturen not- wendig, wie sie noch sehr deutlich in der Handschrift zu erkennen sind (19*2 u. 19*16). Diese Korrekturen sind für die Kritik umso wichtiger, als sie gerade an solchen Stellen vorgenommen wurden, ducch welche die Deutung und Lösung der Gottesfreundfrage zum größten Teil bedingt ist.

Allein damit war die Handschrift noch nicht abgeschlossen. Aus Gründen, die der Schreiber nicht angeführt hat, und die wir auch anderweitig nicht ermitteln können, ließ der Verfasser den drei genannten Traktaten des IL Teils noch einen Nachtrag von vier Traktaten folgen, von denen der erste nach den Angaben des Schreibers vom Gottesfreunde selbst herrührt, die andern jedoch Personen zum Urheber haben, die mit Rulmann Merswin bekannt und befreundet waren. Diesen vier Traktaten darf die Bezeichnung ßines Nachtrags deswegen beigelegt werden, weil ihre Titel in das allgemeine Inhaltsverzeichnis Bl. 9^ (23*34) nicht aufge- nommen wurden, obwohl daselbst für diesen Zweck noch genügend Raum vorhanden gewesen wäre. Die vier Traktate umfassen die BIL 262^-274^ (43*9-45*9) d. h. die übrig gebliebenen Seiten der 22. and die ganze 23. Lage.

Den Schluß der Handschrift bildet eine Ermahnung und Gebet In Reimen Bl. 274^-276* (45*11-38). Wie wir bei den weiter öoch zu besprechenden Handschriften sehen werden, ist es eine besondere Vorliebe des Verfassers, seine Werke mit einem Ge- dichte zu schließen.

Was sonst in der Handschrift noch folgt, verdankt dem bloßen Zufall seine Entstehung, so vor allem die Gedichte über zwei GemäWe, auf denen das jüngste Gericht dargestellt war Bl. 277^-280^ (46*14-47*30). Die Kritik hat nur noch den nach Vollendung der Handschrift geschriebenen Eintrag auf Bl. 275* (46*1-11) zu be- achten, der das Lob des verstorbenen Ordensmeisters der loViaivKv\ÄT>

2T)

des Konrad von Braunsberg, verkündet. Bl. 276^ ist unbeschrieben und scheidet so in bezeichnender Weise das eigentliche Schluß- gedicht (Bl. 274^-276*) von den zwei anderen Nachtragsgedichten (Bl. 277»-280»>).

Nachdem in dieser Weise die ganze Handschrift vollendet war, fügte ihr der Schreiber vorn >|g Lage oder 6 Pergament- blätter hinzu, benützte davon Bl. 6' (14*16) zu dem schön ge- malten und verzierten Titelblatt und 6^ (15*4) zur Abschrift einer Urkunde Konrads von Braunsberg aus dem Jahre 1385. Voraus- geschickt sind geschichtliche Vorbemerkungen (Bl. l-5*)i welche teils die Stiftung einer Jahrzeit durch Heinrich Blankhart von Löwen und dessen Frau Luitgard zum Inhalte haben: Bl. 1^-4* (3*- 12*4), teils die Vorgeschichte des Straßburger Johanniterhauses und das Leben des Werner von Hüneburg behandeln: Bl. 4^-5* (12*5-14*14). Die ganze Seite 5*> (14*15) füllt das gemalte Wappen des genannten Marschalls Werner von Hüneburg. Nochmals sei hervorgehoben, daß dieser Teil der Handschrift Bl. l*-6^ (3*-16*) mit dem ursprünglichen Plane des Schreibers nichts zu tun hatte; seine Entstehung verdankt er vielmehr einem wohldurchdachten Plane, der sich im Schreiber erst nach und nach zu jener Klar- heit und Bestimmtheit ausgebildet hat, wie sie das eigentliche Titelblatt (Bl. 6) verrät.

d) Um ein sicheres Ergebnis über die Entstehungszeit der Handschrift zu gewinnen, muß man die oben ausgeführte Art der Entstehung wohl im Auge behalten. Jeder Teil der Handschrift muß als ein Ganzes für sich betrachtet und darf mit keinem andern Teil vermengt werden. Mag man nun den Hauptteil der Handschrift, die Vorbemerkungen oder den Schluß ins Auge fassen, so ist der Terminus post quem der Entstehung : der Tod Rulmann Merswins, über allen Zweifel erhaben. Näherhin gelten folgende Sätze:

1. An die Anlage der Handschrift kann vor dem Jahre 1378 nicht gedacht worden sein.

Auf Bl. 7*> (19*37 ff.) wird ausdrücklich bemerkt, Rul- mann Merswin habe alle die deutschen Bücher, wie sie hier geschrieben seien, 30 Jahre lang verborgen gehalten^ erst etwa 4 Jahre vor seinem Tode, d. h. um das Jahr 1378 konnte er diese Bücher, von seinem Gewissen dazu genötigt^

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nicht mehr verbergen; er eröffnete sie den Brüdern des Johanniterhauses und schrieb sie selber in Wachs, damit die Brüder sie abschreiben könnten. Diese Nachricht findet ihre Bestätigung durch zwei weitere Bemerkungen. Bl. 46* bringt die Einleitung zu dem Traktate über die Klausnerin „Ursula". Diesen Traktat schrieb aber ,3uleman den bru- deren zu dem Grünenwerde mit sin selbes hant in eine wahs tofele... des iores do men zalete von gottes gebürte drit- zehenhundert sibentzig und süben iare" (26*13). Und von dem folgenden Traktate, dem Leben zweier heiliger Kloster- frauen, berichtet der Schreiber, Rulmann Merswin habe ihn den Brüdern geschrieben „mit sin selbes hant in eine wahs tofele... des iores do men zalete von gottes ge- bürte dritzehen hundert sibentzig und ahte iore" (26*35). Diese Daten aus dem ursprünglichsten Teile der Hand- schrift genügen, um klar zu beweisen, daß der Schreiber vor dem Jahre 1378 an die Anlage der Handschrift noch gar nicht gedacht haben kann. 2. Der älteste Teil der Handschrift kann vor Rulmanns Tode d. h. vor August 1382 nicht vollendet und auch vor August 1382 nicht begonnen worden sein.

Auf Bl. 7* (17*4), 7^ (20*2), 8^ (23*8), 122^ (34*7) etc. wird überall von dem Tode Rulmann Merswins, des Stifters des Straßburger Johanniterhauses, gesprochen. Nun starb aber Rulmann nach völlig zuverlässigen und übereinstim- menden Quellen am 18. Juli 1382 (188*25); dieser Teil kann demnach vor August 1382 nicht vollendet gewesen sein; oder, wenn wir den Anfangstermin ins Auge fassen: Einleitimg 7*-9* und der letzte, 16. Traktat des ersten, ur- sprünglichen Teiles der Handschrift müssen erst nachdem Tode Ruhnann Merswins begonnen worden sein. Wenn aber Einleitung und Schluß des ältesten Handschriften- Bestandteils erst nach Rulmanns Tode in Angriff genommen wurden, dann wird es keine zu kühne Behauptung sein, wenn wir sagen, der ganze erste Teil, d. h. alle 16 Trak- tate, und demzufolge die ganze Handschrift nach ihrem ersten, wie ihrem zweiten Teil ist erst nach Rulmann Merswins Tode geschrieben worden.

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3. Die Handschrift kann in ihrem ersten Hauptbestandteile vor dem 21. Januar 1385 vollendet gewesen sein.

Auf der Rückseite des jetzigen Titelblattes BL 6** (15*4) steht die Abschrift einer Urkunde Konrads von Braunsberg, die das Datum vom 21. Januar 1385 trägt In dieser Urkunde spricht Konrad von Braunsberg von drei Urkundenbüchern des Johanniterhauses, welche ihm als vollendet vorlagen und deren sorgfältige Aufbewahrung er dem Küster des Johanniterhauses wie den Pflegern desselben ans Herz legen will. Nach der Ansicht des Schreibers (14*16) ist aber eines dieser drei Urkunden- bücher das hier in Frage kommende Große Deutsche Me- morial. Ist also die erwähnte Urkunde acht, d. h. ist sie wirklich im Januar 1385 ausgestellt worden, dann mußte das Große Deutsche Memorial, d. h. genauer der erste Teil desselben, im Januar 1385 vollständig geschrieben gewesen sein. Wie wir aber weiter unten noch genauer sehen werden, beabsichtigte der SchreÜDcr dieser Urkunde nur die Leser durch dieselbe irrezuführen, und so beweist sie nur, daß der älteste Teü der Handschrift vor 1385 geschrieben sein kann.

4. Das Große Deutsehe Memorial ist in seiner jetzigen Ge- stalt nicht vor 1391 vollendet gewesen.

Da die Urkunde auf Bl. 6^ eine Abschrift eines an- geblich am 21. Januar 1385 ausgestellten Originals ist, so folgt daraus, daß die der Handschrift später vorgesetzte halbe Pergamentlage nicht vor dem Ausstellungsdatum ge- schrieben sein kann. Noch genauer läßt sich die Zeit aus Bl. 1^ (4*39 ff.) bestimmen. Dort erwähnt der Verfasser die Stiftungs-Urkunde einer Jahrzeit, welche am 24. Sep- tember 1372 ausgestellt und uns noch im Original erhalten ist. Diese Urkunde, heißt es dann weiter, fanden „die brüd^re donoch über nüntzehen ior geschriben in dem latine Urkunde buche'' (15*2). Diese Angabe führt uns demnach ins Jahr 1391. Um diese Zeit, jedenfalls nicht vorher, ist die erste halbe Lage und damit auch die Ab- schrift der Urkunde des Konrad von Braunsberg ge- schrieben. Desgleichen folgt daraus, daß die ganze Hand-

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Schrift des Großen Deutsehen Memorials in ihrem ersten wie zweiten Teile, so wie sie uns heute noch vorliegt, nicht vor 1391 vollendet sein konnte. Da ferner die Hin- zufügung des zweiten Teils der Handschrift mit der Bei- Tugung der ersten halben Lage in innerm Zusammenhange steht (vgl. 15*25 ff.), so ist klar, daß die schon im Jahre 1385 ausgestellte Urkunde Konrads von Braunsberg nicht das Große Deutsche Memorial in seiner jetzigen, erst ums Jahr 1391 vollendeten Gestalt im Auge haben konnte. In das Jahr 1391 führt uns auch noch ein gelegentlicher Ein- trag auf Bl. 276*, der die -Todesnachricht des Konrad von Braunsberg (f 11. Dezember 1390) bringt; dieser Eintrag kann demnach nicht vor diesem Datum, doch vielleicht gleichzeitig, möglicherweise auch erst geraume Zeit später geschrieben sein. Als sicheres Ergebnis dürfen wir festhalten: Das Große Deutsche Memorial umfaßte ursprünglich nur die jetzigen 16 ersten Traktate (Bl. 9^-130»), welche sicher nach 1382, d. h. nach Rul- nianiis Tode, und vielleicht zwischen 1382 und 1385 geschrieben sind. Auf diesen Teil des Großen Deutschen Memorials konnte die Urkunde Konrads von Braunsberg ihre Ächtheit einst- weilen vorausgesetzt Anwendung finden. Um das Jahr 1391, erlitt die Handschrift eine Veränderung dadurch, daß ihr ein neuer zweiter Teil hinzugefügt wurde. Die Folge war, daß Titel und Einleitung der Handschrift die jetzige erste halbe Lage umfassend ebenfalls umgeändert werden mußten. Die ganze Umwandlung vollzog sich demnach nach dem Tode Konrads von Braunsberg, dessen obengenannte Urkunde darum auch auf das völlig umgestaltete Große Deutsche Memorial keine Anwendung mehr finden konnte.

e) Schrift und Inhalt, Anlage und Durchführung der Handschrift, die trotz der verschiedenen auseinanderzuhaltenden Bestandteile durchaus einheitlich und nach einem ganz bestimmten Plane an- gelegt ist, lassen keinen Zweifel daran, daß nur eine Person als Redaktor angenommen werden kann.

Schon ein flüchtiger Blick in den Inhalt der Handschrift muß jeden überzeugen, daß ein Bruder des Johanniterhauses, der die Geschichte von Grünenwörth von den Tagen der GtVÄvd\Äv%

an durch Rulmann Merswin persönlich miterlebte, der in inniger Beziehung zu Heinrich Blankhart von Löwen noch mehr aber zu Rulmann Merswin stand und diesem in den Tagen seiner letzten Krankheit hilfreiche Dienste leistete, der Redaktor des Großen Deutschen Memorials gewesen sein muß. Dieses ist aber kein anderer als Nikolaus von Löwen. Er selbst führt sich in der ersten Person als Schreiber der Handschrift ein BL 1^ (4*17); 2* (6*14). Noch deutlicher spricht die Stelle 10*24, wo es heißt: „alse ich brüder Clawes von Löfene ir executor (des Heinrich Blank- hart von Löwen und dessen Frau) wol weis und mir von in beiden us güteme getruwende uf mine consciencie befolhen wart, daz mich öch zu diseme schribende getrungen het" An andern Stellen führt sich Nikolaus von Löwen in der dritten Person ein: Bl. (9*12); 4* (11*18); 5* (13*29) und nennt als seine Verbündeten „brüder Qawes Läpp" und „brüder Heintze von Andelo", welche neben Nikolaus von Löwen die ersten und ältesten Konventbrüder des Johanniterhauses zum Grünenwörth waren. Seinen kurzen Lebenslauf erzählt Nikolaus von Löwen selbst in seiner Autobiographie, welche uns am Schlüsse des Bhef- buchs (156*26 ff.) erhalten ist. Keine andere Geschichtsquelle weiß sonst etwas über ihn zu berichten und selbst das Totenbuch des Johanniterhauses hat unter dem 3. April nur den kurzen Eintrag : „Ob. frater Nicolus de Löfen, primus conventuaUs huius domus, ao. d. 1402. hie sepultus". Um so dankbarer müssen wir sein, daß er uns wenigstens die wichtigsten Daten seines Lebens überliefert hat. Wir verdanken dies dem Umstände, daß er selbst großen Wert darauf legte, bei den Johannitern von Grünenwörth nicht vergessen zu werden. Darum schrieb er seine Autobiographie nicht allein an das Ende des Brief buchs, sondern, wie er selbst sagt, auch in „etliche andere Bücher" (157*15).

Wenn er von sich spricht, nennt er sich überall „Claus von L ö f e n e" oder lateinisch „Nicolaus de Lovania". Seine Heimat ist demnach Löwen in der Provinz Brabant. Geboren am 19. Mai 1339 kam er mit 20 Jahren unter die Tuchlaube vor dem Straßburger Münster zu Heinrich Blankhart von Löwen, der eines Todschlags wegen die Heimatstadt hatte verlassen müssen und sich als Tuchhändler in Straßburg niederließ. Sieben Jahre war Nikolaus von Löwen in seinen Diensten als Schreiber für

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kaufmännische Zwecke. Am 17. Oktober 1366 trat er in der- selben Eigenschaft in die Dienste Rulmann Merswins, eines ebenso angesehenen wie reichen Straßburger Kaufmanns. Nicht lange darauf änderte er Beruf und Lebensstellung. Mit Rücksicht auf die Erwerbung der Hofstätte zum Grünenwörth durch Rulmann tritt er in den geistlichen Stand, wird am 13. Dezember 1366 Äkoluth, am 19. Dezember 1366 Subdiakon (epysteler), am 12. Juni 1367 Diakon und am 18. September desselben Jahres Priester. Am anderen Tage feierte er seine Primiz in der Kirche der Karthäuser zu Straßburg. In der Folgezeit ist sein Leben aufs engste mit Rulmann und der Geschichte von Grünenwörth ver- bunden. Als darum Rulmann die Hofstätte zum Grünenwörth den Johannitern überläßt, wird er selbst Johanniter, am Tage Johannes des Täufers 1371, um so eine Stütze für Rulmann und dessen Pläne bilden zu können, wie wir später des weiteren sehen werden.

f) Den Zweck, den der Redaktor bei Anlegung der Hand- schrift verfolgte, hat er selbst in der Einleitung angegeben : jeder- mann sollte aus ihrem Inhalte ersehen, daß die Gründung des Straßburger Johanniterhauses „ein sonderlich userw^elt, gnodenrich werg gottes" (17*15) ist, und darum „die löbeliche wirdikeit und den tröstlichen fruhtberen anstadel dis huses zu dem Grünen- werde" (17*14) anerkennen. Vor allem sollten die Brüder des Hauses ihre beiden Stifter, Rulmann Merswin und den Gottes- freund vom Oberlande, nie vergessen, durch die Gott so Wunder- bares gewirkt hat Daneben haben aber auch die Brüder in den Schriften, die beide Stifter ihnen hinterlassen haben, das beste Vorbild für ihr eigenes Leben, ein jeder nach seiner natürlichen Anlage und seinen geistigen Bedürfnissen. Bei Geistlichen wie Laien soll darum die Liebe zum Johanniterhause immer mehr wachsen, auf daß sie alle würdige Nachfolger bilden der „mine- richen, erlühteten" Stifter ihres Hauses.

Nikolaus von Löwen verfolgt also mit dem Großen Deutschen Memorial in seiner vollendeten jetzigen Gestalt einen zweifachen Zweck, einen historischen: Gründer und Gründung von Grünen- wörth zu verherrlichen, und einen asketischen: den Brüdern des Hauses ein Beispiel für alle Lebenslagen vor Augen zu stellen. Deswegen sollte auch diese Handschrift zu „einem ewig^^ti ^otvö-

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rial" (14*36) auf der Hofstätte zum Grünenwörth bleiben, dessen persönliches Eigentum sich niemand anmaßen dürfe.

g) In Anbetracht der verschiedenen Teile, aus welchen das Große Deutsche Memorial zusammengesetzt ist, muß man wol beachten, welche Vorlagen Nikolaus von Löwen zu den ein- zelnen Teilen benützte.

Der erste älteste Teil spricht von einem Lateinischen Memo- rial, dessen Inhalt des nähern angegeben ist (17*25 flf)- Dieses Lateinische Memorial ging dem Großen Deutschen Memorial zeit- lich und sachlich voraus, da sein Inhalt den Untergrund für das nun folgende Große Deutsche Memorial bilden mußte. Ohne das Lateinische Memorial wären die Schriften des Großen Deutschen Memorials nicht verständlich, da die Geschichte des Johanniter- hauses sowie das Leben der beiden Stifter, Rulmann Merswins und des Gottesfreundes vom Oberlande, zum vollen Verständnis ihrer Schriften notwendig war.

Der später hinzugefügte zweite Teil des Großen Deutschen Memorials erwähnt bereits „drei gemeine memorial bücher" (36*7), d. h. außer dem Lateinischen- und Großen Deutschen Memorial noch ein „kleines deutsches buch" (35*26), dessen Inhalt wir aus 14*29 ff. (vgl. 12*4; 14*4) erfahren. Es enthielt alle Materien des Ersten Lateinischen Memorials ausgenommen Neun Felsen, Zwei- Mannenbuch und Meisterbuch, hat aber dafür „drei artikel" mehr, welche die drei Gelübde Keuschheit, Gehorsam und Armut be- handelten, die im Lateinischen- wie im Großen Deutschen Me- morial fehlten. Ist in der Folge von den drei Urkundenbüchern des Johanniterhauses die Rede, so sind darunter stets das Erste Lateinische-, das Große- und Kleine Deutsche Memorial zu ver- stehen.

Der jüngste TeU des Großen Deutschen Memorials endlich die angefügte erste halbe Pergamentlage spricht neben den drei genannten Urkundenbüchern bereits von „ettlichen anderen büchern" (6*23; 14*5). Ihr Name und Inhalt wird jedoch weiter nicht angegeben. Im Laufe der Untersuchung wird deutlich werden, welche „bücher^* darunter zu verstehen sind.

h) Um jedermann ein Urteü über die Schrift des Großen Deutschen Memorials zu bieten, sind zwei Schriftproben am Ende des Buches beigegeben : Schrifttafel Nr. IX u. X.

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Als eigenhändige Schrift Nikolaus von Löwens ist sicher die- jenige anzusehen, in welcher er in der ersten Person von sich spricht, also Nr. IX. Mit dieser identisch ist der Abschnitt aus dem Text des Zwei-Mannenbuchs Nr. VIII. Einen etwas anderen Schrift- charakter weist Nr. X auf, wo der Schreiber das Bestreben zeigt, die Buchstaben in IX und VIII etwas eckiger zu gestalten. Nach den Grundsätzen der Paläographie wird man aber auch diese demselben Schreiber, d. h. Nikolaus von Löwen zuschreiben müssen. Auch ist nicht ausgeschlossen, daß Nikolaus von Löwen sich beim Schreiben der Hilfe anderer, etwa seiner beiden Ge- nossen, des Nikolaus Zorn gen. Läpp und des Heinrich von And lau bedient hat.

2. Das Pflegermemorial.

Das Pflegermemorial liegt uns nicht mehr wie das soeben betrachtete Große Deutsche Memorial im Original, sondern in einer Abschrift des 15. Jahrhunderts vor (Hs. D = H 1383 des Straß- burger Bezirksarchivs), die, soweit durch Schriftvergleichung fest- zustellen ist, von dem Straßburger Johanniterkomtur Amandus Schmalriem herrührt. Leider hat dieser seine Vorlage nicht beschrieben, wir können aber an der Hand des Großen Deutschen Memorials seine urprüngliche Anlage leicht erkennen.

Den Namen „Pflegermemorial*' trägt die Handschrift von der Bestimmung, die sie zu erfüllen hatte. Ein dem Straßburger Johanniterbause eigentümUches Institut waren drei Laienpfleger, welche über das weltliche Gut des Klosters zu wachen hatten und in allen äußeren und innern Angelegenheiten des Klosters, vor aUem bei der Wahl des Komturs einen großen Einfluß aus- übten. Wie nun das Große Deutsche Memorial in erster Linie für die Brüder von Grünenwörth bestimmt war, so sollten auch die drei Pfleger des Hauses jeder ein ürkundenbuch zu Händen haben, um stets an die „gnadenreiche Würdigkeit" des Hauses ge- mahnt zu werden. Es wurden darum drei wörtlich gleichlautende Elxemplare (160*33) angefertigt, die afles enthielten, was für jeden Pfleger von der Gründungsgeschichte und dem Leben der Stifter zu wissen notwendig war. Nach dem Tode eines Pflegers war es die Aufgabe der beiden andern, dafür Sorge zu Ira^^xv^ di^&

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dessen Memorial seinem Nachfolger eingehändigt wurde (161*12 ff Ein Band der Liebe und Eintracht sollte so die drei Pfleger un schlingen, damit sie stets das Wohl der Hofstätte zum Grünenwörl im Auge hätten und das Haus in jener Ordnung aufrecht erhielte) wie sie durch die beiden Stifter, Rulmann Merswin und seine heimlichen Freund vom Oberlande, bestimmt wurde. Wie beii Großen Deutschen Memorial wurde demnach der Verfiasser d( Handschrift bei ihrer Anlage von einem zweifachen Gesichtspiml geleitet, von einem historischen: den Pflegern die Kenntnis de Gründungsgeschichte zu übermitteln, und von einem praktisct asketischen: die Eintracht der Pfleger untereinander und ihi Liebe zum Johanniterhause in Ansehung des Lebens der beide glorreichen Stifter immer mehr zu fördern. Der Verfasser d€ Handschrift hebt noch besonders hervor, daß die drei Pflegei memoriale einer frommen Stiftung ihr Dasein verdanken (161*5 damit das Haus „in aller der wirdekeit und ordenung^^ gc halten werde, „als es dem heiigen geist in grossen mirackel durch die fründ gottes angehaben und gemeint ist" (161*10).

Den Inhalt des Pflegermemorials können wir in drei groß Abschnitte zerlegen, von denen der eigentliche HauptteU in dr( Unterabteilungen oder „Materien" zerfällt. In übersichtliche Weise läßt er sich wie folgt zusammenstellen:

I. Vorbemerkungen.

1. Werner von Hüneburg betreffend (158*1-159*7).

2. Bemerkung über die vier Memoriale : das der drei Pflege und das des „Obersten Meisters" (159*8-160*4).

II. Hauptteil.

Einleitung: a) Gedicht (160*5-24);

b) Titel des Buchs (160*25-161*28);

c) Inhaltsverzeichnis (161*29-163*39).

Hauplteil: 1. Materie: Kapitel 1-13, Gründungsgeschichte des Jo

hanniterhauses (164*1-190*22).

2. Materie: Kap. 14-16, Lebensbeschreibung Rulmann oder das Büchlein von den Vier-Jahrei seines anfangenden Lebens (191*-198*).

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3. Materie: Kap. 17-23, Lebensbeschreibung des Gottes- freundes vom Oberlande und seiner Ge- nossen oder das „Fünf - Mannenbuch** (199*-206*33).

Schluß : Kap. 24, Bestätigungsurkunde des KonradvonBrauns- berg über die drei Memorialbücher (207*3 ff).

III. Nachträge:

1. Nachtrag: Kap. 25-29 (207*6-208*12).

a) Kap. 25: Komtur Heinrich von VVolfach bestätigt die durch Heinrich Blankhart von Löwen erfolgte Stif- tung der St. Jakobsmesse;

b) Kap. 26: die über die St Jakobsmesse gesetzten Pfleger erwählen drei neue Pfleger: 1388;

c) Kap. 27: Notiz über die zwei „Übriggebliebenen Latein- bücher** ;

d) Kap. 28: Ordnung für die Abhaltung der St. Jakobsmesse;

e) Kap. 29: Eid der drei Pfleger: 1393.

2. Nachtrag: Kap. 30-33 (208*13-209*31).

a) Kap. 30: Geschichte von Heinrich Blankhart von Löwen, dessen Todschlag und Sühne- Wallfahrt;

b) Kap. 31 : Rechtfertigung über die Verwendung des von Heinrich Blankhart gestifteten Geldes;

c) Kap. 32: Abschnitt aus dem Pfleger-Brief: 1371;

d) Kap. 33: Schluß: Alles ist von Bulmahn Merswin so ge- ordnet

Im großen und ganzen erblicken wir in der Anlage des Pfleger-

oiemorials ein getreues Abbild des Großen Deutschen Memorials,

^enn wir auch nicht mehr im stände sind genau zu bestimmen,

^f^m und wie die einzelnen Teile der Handschrift nacheinander

geschrieben wurden. Auch in der äußern Form schließt es sich

an das Große Deutsche Memorial an. Der Titel des Buchs war

ganz in roter Farbe geschrieben, ebenso das dem Titelblatt vor-

aasgehende Gedicht Über jeder Seite stand wie im Großen

Dentschra Memorial jedesmal die Zahl der darauf geschriebenen

Materie. Alle diese Einzelheiten sind in der in Frage kommenden

Kopie des 15. Jahrhunderts beibehalten worden. Em^ rw^\\Ä^

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wesentlich gleichlautende aber spätere und unvollständige Abschrift des Pflegermemorials ist uns in der Handschrift G = L als 96 der Straßburger Universitätsbibliothek erhalten. Sie kann uns zur Kontrolle des Textes dienen, da sie auf eine andere Vorlage als Handschrift D zurückgeht. In G zählt das Inhaltsverzeichnis 31 Ka- pitel, während vom zweiten Nachtrag c) und d) fehlt Auch die „Auszüge aus dem Memorial" bei Karl Schmidt (Gottesfr. 34) sind keineswegs Auszüge aus dem weiter unten zu besprechenden Kleinen Deutschen Memorial, sondern einem Exemplar des Pfleger- memoriais entnommen.

Wie die drei Pflegermemoriale des nähern zu einander sich verhalten haben, ist leider nicht mehr zu bestimmen, da alle Originale, die Schmidt zum Teil noch vorlagen, spurlos ver- schwunden sind. Darum lälit sich auch die Frage, ob alle drei Pflegerbücher außer den drei gleichlautenden Materien von der Gründung des Hauses und den Lebensbeschreibungen der beiden Stifter auch dieselben Vorbemerkungen und Nachträge hatten, wohl aufwerfen und erwägen, aber nicht bis ins einzelne beant- worten. Aus der Vergleichung von D mit G (und EF) sehen wir nur, daß gerade wie das Große Deutsche Memorial auch die Pflegermemoriale in beständigem Flusse begrifl*en sind und erst nach und nach ihren jetzigen Inhalt und Gestalt annahmen. So zeigen einige Pflegermemoriale im 16. Kapitel zwei Einschie- bungen (195*39 und 197*7), von denen die eine von dem Neun Felsenbuch, die andere vom Zwei-Mannenbuch handelt. Götz- mann's Vorlage hatte diese Parenthesen nicht; Karl Schmidt spricht Gottesfr. 7 1 nur von einer Parenthese. (Ob er die andere nicht übersehen hat?) Handschrift D und die noch späteren Me- moriale haben beide. Das wird genügen, um jeden zu überzeugen, daß auch die Pflegermemoriale wie das Große Deutsche Memo- rial erst aUmählich ihre vollendete Gestalt erhielten. Den Grund- stock bildeten die drei Materien: Gründungsgeschichte des Johan- niterhauses und die Lebensbeschreibungen der beiden Stifter, um die sich andere Materien gruppierten, welche sich teils auf Wer- ner von Hüneburg, teils auf Heinrich lilankhart von Löwen und seine Stiftung, oder auf andere Urkundenbücher, die der Obhut der Pfleger anvertraut waren, bezogen. Unzweifel- haft gehörte der „zweite Nachtrag" nicht zu dem ursprünglichen

31

Plane der Handschrift; darum wurden auch diese Kapitel in das allgemeine Inhaltsverzeichnis zu Anfang des Pflegermemorials nicht aufgenommen, eine ähnliche Erscheinung, wie sie auch das Große Deutsche Memorial S. 19 zeigt. Dagegen mag vielleicht mancher auf den ersten Blick geneigt sein, den „ersten Nachtrag" (Kap. 25-29) als noch zum Hauptteil gehörig zu betrachten. Allein auch diese Kapitel sind unter den Begriff „Nachtrag'' zu rechnen, da aus der Sldle 159*9-12 und 116*29 ff. deutlich zu ersehen ist, daß das Pflegermemorial übereinstimmend mit dem noch zu besprechenden Memorial des Johannitermeisters ursprünglich nur auf 24 Kapitel veranlagt war, dem nach und nach andere Kapitel folgten, zunächst das von den „Übriggebliebenen Lateinbüchern" handelnde 25. Ka- pitel (119*31), welches in D bereits an die 27. Stelle gerückt ist (207*27).

Da im 1. und 13. Kapitel des Pflegermemorials die näheren umstände vom Tode Rulmann Merswins berichtet werden, kann die Handschrift in ihrem Hauptteile (Kap. 1-24) erst nach 1382 und näherhin nach Kapitel 24 erst nach 1385 angefertigt sein. Weilerhin enthalten die Kapitel 26 (207*14) und 29 (208*13) Ab- Schriften von Urkunden. Davon trägt die erste das Datum: 1388 April 4, die zweite: 1393 Juni 23. Das Pflegermemorial kann demnach in seiner jetzigenGestalt erst nach dem 23. Juni 1393 vollendet sein.

Als Quellen, auf die sich das Pflegermemorial beruft, setzt ^ voraus „drie nrkundbücher, die zu dütsch und zu latin in dem- selben huse zu dem Grünenwerd sint under des obersten meisters gebott und verbüntnüß ewigUch do zu bliben in besorgung und geheltniß eins custers" (160*28; 206*35). Eines der erwähnten drei ürkundenbücher ist aber das Große Deutsche Memorial, dessen hhalt wir bereits kennen.

Im Pflegermemorial wie im Großen Deutschen Memorial finden wir übereinstimmend:

in der Einleitung die Bemerkungen über das Grab Wer- bers von Hüneburg (vgl. 158*1-159*7 mit 12*55fr.),

Kap. 24 ^ Urkunde Konrads von Braunsberg,

Kap. 28 = Statuten der St. Jakobsmesse,

Kap. 30 = Leben Heinrich Blankharls voxvLö^^xv.

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Alles übrige begegnet uns hier zum erslenmale. Wenn darum die Stellen 160*28 und 206*35 richtig sind, welche besagen, daß der Text des Pflegermemorials bloß ein Auszug aus den drei Memorialbüchern des Johanniterhauses sei, dann müssen sich die übrigen Teile in zwei weiteren ürkundenbücher finden. Diese aber sind dieselben, von denen auch das Große Deutsche Memorial redet: das Lateinische- und das Kleine Deutsche Memorial.

An anderer Stelle (159*9 AT.) erwähnt das Pflegermemorial das sogenannte „Meistermemorial", das als „viertes" aber dem Texte nach gleichlautend mit den drei Pflegermemorialen bezeichnet wird. Endlich handelt das 27. Kapitel von „zweien überblibenden latinin büchern, die ouch in dem huse zum Grünenwerde süit" (207*27). So werden hier die „etlichen anderen Bücher', von denen der jüngste Teil des Großen Deutschen Memorials sprach, näher be- stimmt als Pflegermemoriale, Meistermemorial und Übriggebliebene Lateinbücher, mit denen wir uns in den folgenden Kapiteln be* schäftigen werden.

Da die ganze Anlage des Pflegermemorials mit dem Großen deutschen Memorial übereinstimmt und dieses als Quelle vor* aussetzt, ist man schon daraus berechtigt, auf denselben Redaktor zu schließen. Unzweideutig werden die Schreiber genannt in der Stelle: „darumb hant dieselben ersten priester von sant Johans orden die götlichen Urkunde und Wortzeichen und all die löuffe, damit diß huß ernuwert worden ist ouch in diß buch geschriben eigentlich und in aller wise als si von anegenge gegen wurticlich dabi worent und es selber sohent" (183*39 ff.). Eine ähnliche Stelle kehrt 195*39 und 197*7 wieder. Diese drei ersten Priester St. Johanns-Ordens sind aber nach 158*23 ff. Claus Zorn gen. Läpp, Heintz von Andlau und Nikolaus von Löwen, der sich aus Bescheidenheit inuner zuletzt nennt. Der Redaktor des Pflegermemorials wie des Großen Deutschen Memorials ist demnach Nikolaus von Löwen, der entweder allein oder mit Unterstützung der beiden andern er- wähnten Brüder des Straßburger Johanniterhauses die Pfleger- memoriale angelegt hat.

3a

3. Das Erste Lateinische Memorial oder die zwei „Übrig- gebliebenen Lateinbüclier^^

In seinem ällesten Bestandteil spricht das Große Deutsche Memorial von einem lateinischen Urkundenbuche, das in allen übrigen Memorialbüchern stets „das erste" Memorial des Johan- niterhauses genannt wird und dessen Inhalt 17*25 ff. genau an- gegeben ist. Wäre diese Handschrift noch auf uns gekommen, so würde die Gottesfreundfrage erheblich leichter zu lösen sein. So aber waltete über dieser Handschrift ein eigenartiger Unstern. Sie ist teilweise schon dem wohldurchdachten Plane des Niko- laus von Löwen zum Opfer gefallen, indem er aus der einen Handschrift zwei neue bildete und sie mit dem Namen „die beiden übriggebliebenen Lateinbücher** belegte. Von diesen beiden übriggebliebenen Lateinbücher ist nur das eine noch im Original erhalten, das zudem bloß den kleinsten Teil des ursprünglichen Buchs bildete. Doch auch den ungleich wichtigeren und größeren Teil des Ersten Lateinischen Memorials können wir, wenigstens teilweise, wieder herstellen, wenn auch der Weg dazu schwierig und umständlich ist.

Beginnen wir zunächst mit dem

zweiten ÜbriggebHebenen Lateinbueh.

a) Beschreibung. Die Handschrift H 2184 des Straßburger Bezirksarchivs, in welcher uns das zweite der beiden „überbli- benen latine bücher'* im Original erhalten ist, ist mit einem Ein- band versehen, dessen Deckel von Holz mit rotem Leder überzogen ist. Auf der Außenseite des hinteren Deckels beflndet sich in Einern Rahmen aus Messingleistchen ein Pergamentstreifen, durch ilarienglas geschützt» mit den Worten : „Der zweyger überblibener laüne bücher eins von den nun feilsen, das die drie weltlichen PBegere uslihen mögent, alse indewendig zu aller hinderst in ^tsche geschriben stot" Die Handschrift besteht nach moderner Numerierung aus 50 Pergamentblättem. Ihrer ursprünglichen Ent- stehung nach zählte sie 4 Lagen zu je 6 Doppelblättem, jetzt ^'•2-49 (50* 1-6 1*40); diesen 4 Lagen wurde am Anfang und Schluß je ein Pergamentdoppelblatt beigefügt, von denen je eines ^^ den Deekel aufgeklebt wurde. Die Dlätter sind Z\ cm Yv^^iV^

34

22 cm breit zahlen je 43 Liniea und zeigen im übrigen denselben Schriftcharakter, Schreibweise, Initialen etc. wie das Große Deutsche

Memorial

b* Inhalt. L Einleitendes:

1. BL !•: Deutscher Prolog zu den Neun Felsen (48*1-24).

2. BL 1*: Grabmal Werners von Hüneburg betr. in

deutscher Sprache (48*^-49*8).

3. BI. 1*: Lateinischer Prolog zu den Neun Felsen (49*9-39).

n. Hauptteil (in lat Sprache):

1. BL 2*-46'» (50*1-55*13) Buch von den Neun Felsen mit Prolog und Inhaltsverzeichnis der einzelnen KapiteL

2. BL 46M9» (55*14-60*19) Nachtrag: Abschriften dreier Kapitel aus einem lateinischen Urkundenbuch :

a) „Kap. 86*^: Inhaltsangabe .des Traktats von zwei 15*

jährigen Knab^i;

b) „Kap. 87^: Briefe betr., welche der Gottestreund an

Rulmann Merswin sandte;

c) „Kap. 88"^ : Leben eines Bruders Ulrich aus dem Bene-

diktinerorden.

|IIL Schluß ^in deutscher Sprache):

1. BL 49*-50»> (60*20-63' 4) : Bemerkung über die „Übrig- gebliebenen Lateinbücher*^ = Kap. 27 des Pflegermemorials.

2. BL 50^: Über das Wappen des Werner von Hüneburg (63 5-25).

Gemälde: Wappen des Werner v. Hüneburg.

c) Entstehungsart der HandschrifL Den ursprüng- lichsten Teil der Handschrift bildet BL 2M6^ d.h. das Buch von den Neun Felsen in lateinischer Sprache. Dazu waren dem Schreiber 4 Pergamentlagen zu je 6 Doppelblätter notwendig, von denen jedoch noch ein Teil des BL 46^\ sodann die Blätter 47, 48, 49 unbeschrieben blieben.

Das Neun FeLsenbuch ist ein in sich abgeschlossenes Ganzes mit eigenem Prolog und Inhaltsverzeichnis. Ohne einen Grund anzugeben wohl nur um die leeren Seiten der 4. Lage auszu- füllen — fügte der Schreiber den Neun Felsen drei Kapitel hinzu, die er ohne jede Veränderung aus einem anderen lateinischen

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Buch herübernahm, in welchem dieselben die Kapitel 86-88 bil- deten. Selbst die Kapitelüberschriften behielt der Schreiber unver- ändert bei und setzt auch beim 88. Kapitel die Kapitelzahl Ixxxviij oben in die Mitte der betreffenden Seite, eine Methode, wie wir sie schon beim Großen Deutschen Memorial kennen gelernt haben. Um nun aus diesen vier, einer früheren Handschrift entnommenen Lagen, eine neue bilden zu können, fügte der Schreiber noch vom und hinten je ein Doppelblatt bei, wovon je ein Blatt auf den Deckel aufgeklebt wurde. Auch diese Blätter waren beide schon für eine andere Handschrift bestimmt gewesen. Auf dem Blatte am Schlüsse der Handschrift (Bl. 50) befand sich ursprüng- lich eine gemalte größere Initiale und eine Rubrik; beide wurden ausradiert und der jetzige Text darüber geschrieben. Auf dem Blatte am Anfange der Handschrift ursprünglich auf dem Deckel- blatte aufgeklebt, jetzt aber losgelöst steht der Schluß einer Papstbulle : Ablaß für Beiträge zu einem Kirchenbau dd. Perusie X. kal. juUi, pontificatus nostri anno primo. Dann folgt ein freier,

für eine Initiale bestimmter Raum, alsdann die durchs trichene Rubrik: CeDtesimnm nonum capitnlam tractat de origine et inicio düecti sancti Johan- ois Jherosolomitani. et ibidem eciam sunt omnes indnlgencie metriücate ex bullis et priyilegiis, qne in Avinione et in aliis capitalibas conyeutibas in Oallia ordiuis sancti Jobannis Jberosolomitani quesitis et lectis a fratre Jo- hanneMerckelin commendatorisinHerbipoli vicem tenentis, quiqnidem Jobannes Merckelin eisdem temporibus conventnalis frat^r fait inBodeis, qnando idem Carmen metricum fecit et rogavit fieri perJacobamBega- 1 e m ex notis et antenticis testimoniis qaibns bene credendum est. Qai qni- dem Jacobus Regalis longo tempore moratas est in Avinione et ibidem malta privilegia et ballas nostri ordinis perlegit ea propter et ordinis liber- tates sibi bene constiterunt. Auf der folgenden Seite dieses Blattes

steht oben in der Mitte rot die Zahl Cviiij; am Rande der ersten beschriebenen Zeile: C/>, was die Kapitelzahl bedeuten soll; dann beginnt das durch die oben angeführte Rubrik bereits angekün- digte Gedicht des Jakobus Regalis:. De thesauris summi regis. Das alles zeigt deutlich, daß dieses erste Blatt ursprünglich einen Teil und zwar das 108. und 109. Kapitel eines lateinischen Buchs bildete, wohl desselben, aus dem die obenerwähnten Kap. 86-88 stammen. Nachdem in dieser Weise die beiden Anfangs- und Schluß-Blätter hergerichtet waren, wurde jeweils das leere Blatt derselben in folgender Reihenfolge beschrieben:

*k*

w

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I, 3 (Bi. 1^): Lateinischer Prolog. III, 1 (Bl. 49*-50^ Rest der 4. Lage und erstes beige- fügtes Schlußblatt): Bemerkung über die zwei Latein- bücher. I, 1 (Bl. la): deutscher Prolog.

ni, 2 (BL 50^): Wappen der von Hüneburg. I, 2 (Bl. 1»): Grab Werners von Hüneburg.

Diese Reihenfolge ergibt sich aus dem Schriftcharakter, da sich gegenseitig III, 1 und I, 1 sowie III, 2 und 1, 2 entsprechen. Zum gleichen Ergebnisse kommt man, wenn man die sachlichen Gründe, wie sie aus dem Inhalte der einzelnen Abschnitte zu entnehmen sind, in Erwägung zieht. Den Schluß der Handschrift bildet das gemalte Wappen Werners von Hüneburg in derselben Ausführung wie Bl. 5^ des Großen Deutschen Memorials Um die Malerei zu schonen, mußte davon Abstand genommen werden, dieses Blatt vom Deckel loszulösen. Die Rubrik, von welcher 60*24 spricht, daß sie zuvörderst in dem übriggebliebenen Lateinbuch stehe „mit eime florierten H'-, findet sich Bl. 1^ (49*9). In der Mitte der Initiale H ist das Wappen Rulmann Merswins : ein schwarzes Merschwein in gelbem Felde, gemalt.

d) Name und Zweck: Seinem ganzen Inhalte nach zeigt das Übriggebliebene Lateinbuch ein buntes Gemisch der verschie- densten Teile. Woher diese Erscheinung? Zum Teile gibt uns schon der Titel des Memorials auf diese Frage Aufschluß, noch mehr aber der Inhalt der Rubriken: I^ ; Ig und 111^. Darnach ent- hält vorliegendes Memorial solche Teile, die „übrig geblieben" (60*23) sind, also ursprünglich für ein anderes ürkundenbuch bestimmt waren. Und zwar bildete das Buch der Neun Felsen sowie „die andern Materien und Kapitel", d. h. die Kap. 86-88, einen Teil eines lateinischen Memorials („una parlicularum pertinencium in lalinum memorialem librüln"). Noch genauer wird der Grund angegeben, warum gerade der Hauptbestandteil der Handschrift, die Neun Felsen, „übrig geblieben" sind „manserunt remanentes et extra stantes", wie der lateinische Ausdruck dafür lautet (49*15). Der Grund war, weil der lateinische Text „ettewas missehillet dem tütschen an abgebrochenen worten und zügeleiten glosen us der geschrift" (48*2) quia Über haruin novem rupium in verbis

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non ex loto cum vulgari theutonico concordat, prout eadem verba a sui principio a spiritu sancto processerunt" (49*13).

Beide lateinischen Bücher waren zum Ausleihen bestimmt an solche Personen, die „gerne latine lesent und nüt minne haut zu tütschen büchern und ouch gerne die weit flühent und ir leben bessertent" (60*27). Auch über diese Bücher sollten die drei Pfleger freies Verfugungsrecht haben. Sie können sie ausleihen „wo und weihen lüten truwent das es nütze sige und fruht bringe" (60*35), nur muß es ihre Sorge sein, daß die Bücher wieder zu- rückgegeben werden. Der Verfasser der Handschrift vergißt wei- terhin nicht, die drei Pfleger auf die „Würdigkeit** des Hauses aufmerksam zu machen und sie zu ermahnen, in Eintracht unter einander das Haus in jener Ordnung aufrecht zu halten, wie die erlauchten Stifter des Hauses es angeordnet haben ; denn die Pfleger sind, gleichsam die drei Pfeiler, auf denen das ganze Haus steht, und darum sollten sie die Brüder oder den Orden „nüt trengen noch besweren mit keinre fremder unzimelicher vorderunge*' (62*28), was dem Pflegerbrief widersprechen und Veranlassung gäbe, daß „der orden deste ungewilliger und widerspenlger würde die schuldigen artickele des besigelten briefes zu haltende, darus ouch danne entspringe und ufstünde nit und blost und zweyunge und manigerlei unfride und vientliche ufsetze" (62*35), wodurch der von den erlauchten Stiftern des Hauses eingeführte Gottes- dienst gestört und das Haus dem Verfall entgegen ginge.

So zeigen Inhalt und Entstehungsweise der Handschrilt deutlich, daß wir es hier nicht mit einem einheitlichen Gebilde zu tun haben. Um so wichtiger ist es deswegen für die Beurteilung der Handschrift,

e) die Vorlagen kennen zu lernen, auf denen sie fußt.

Schon oben haben wir gesehen, daß der Hauptbestandteil der Handschrift, die Neun Felsen, einen Teil eines lateinischen Memo- rials bildeten, dort aber herausgenommen wurden, weil sie mit dem deutschen Text nicht überemslimmten. Ein deutscher Text der Neun Felsen begegnete uns auch im Großen Deutschen Memorial Auch dieser deutsche Text war ursprünglich nicht für das Große Deutsche Memorial bestimmt, da die Neun Felsen nur in lateinischer Sprache geschrieben bleiben sollten (35*24). Aus dieser Ersctv^v-

nung kann man wohl mit Grund den Schluß ziehen, daß beides: die Herausnahme des lateinischen Textes aus dem Lateinisehen Memorial und die Hinzufüguug des deutschen Textes in das Große Deutsche Memorial in einem ursächlichen und zeitlichen Zusam* menhang steht, d. h. die Umwandlung des Großen Deutsschea Memorial fällt zeitlich mit der Umwandlung des Ersten Lateinischen Memorials, aus welchem die beiden Übriggebliebenen Lateinbücher gebildet wurden, zusammen. Doch das lateinische Exemplar der Neun Felsen sollte nicht allein im Ubriggebltebenen Lateinbuch sein Dasein fristen, es wurde nochmals, aber jetzt nach der deutschen Vorlage, in das „grosse latine memoriale buch des huses zu dem Grünenwerde*' geschrieben.

Der Verfertiger der Handschrift erwähnt ferner „die drei ürkimdenbücher des Hauses zum Grünenwörth", worunter nur die im Großen Deutschen Memorial aufgeführten verstanden werden können: Das Lateinische-, Große Deutsche- und Kleine Deutsche Memorial. Auch lagen ihm die Pflegermemoriale bereits vor, deren Inhalt wir kennen und deren 27. Kapitel mit Ausnahme des Ein- gangs und einiger kleineren Textveränderungen aus dem vor- liegenden Übriggebliebenen Lateinbuch stammt

Die Bemerkungen über das Grab und das Wappen Wer- ners von Hüneburg haben wir bereits im Großen Deutschen Memorial vorgefunden. Der Verfasser erwähnt außerdem, daß diese Bemerkungen stehen auf dem „aller ersten vorgonden blat in dem tatschen Urkunde buche" (63*17), während auf der Rückseite dieses „ersten Blattes" das Wappen des von Hüneburg gemalt sei. Im Großen Deutschen Memorial finden wir dieses Wappen nicht auf der Rückseite des „ersten Blattes", sondern Bl. 5^; ebenso stehen die sich darauf beziehenden Stellen nicht auf dem „ersten Blatte" des Großen Deutschen Memorials, sondern BL 4**-5*. Darnach sind entweder die fünf ersten Blätter des Großen Deutschen Memorials erst nach dem Übriggebliebenen Lateinbuch an Stelle anderer Blätter, deren erstes das Wappen der Hüneburg trug, getreten, oder aber das hier angezogene „tütsche Urkunde buch" ist was das wahrscheinlichere ist das „Kleine Deutsche Memorial" oder das „dritte" Urkundenbuch des Johanniterhauses, da wir aus 14*4 wissen, daß auch „in dem kleinen Urkunde buche

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und in etlichen andern büchern" das Wappen der Herren von Hüneburg gemalt war.

f) Der Redaktor der Handschrift. Aus dem schon oben gemachten Hinweis, daß die Handschrift in ihrem Äußern dieselbe Ausstattung zeigt wie das Große Deutsche Memorial: in Schrift, Kapiteleinteilung, Zahl der Zeilen, Ausruhrung der Ini» tialen usw., und beide auch ihrem Inhalt nach in einem ge- wissen Verhältnis zu einander stehen, folgt notwendig, daß der Redaktor beider identisch sein muß. Dies ist aber nie- mand anders als Nikolaus von Löwen. 57*27 spricht der Verfasser von einem Briefe, den ein Kaufmann eigenhändig an einen von den Priestern geschrieben hat, „qui primo Viridem-In- sulam inhabitaverunt'. Unter den „ersten Priestern des Johanniter- hauses" nennt sich aber immer NikolausvonLöwenim Bunde mit Claus Zorn-Lapp und Heintz von Andlau. Ebenso ist 59*22 von einem Briefe die Rede, welchen ein alter Mönch von Altdorf „uni Johannitarum commoranti in Viridi-Insula** ge- schrieben hat. Gleich darauf folgt die Abschrift dieses Briefes mit der Adresse: Frater Burghardus,. fratri Nicholao sa- lutem." Der Brief ist also an Nikolaus von Löwen gerichtet, der als Redaktor des ganzen Übriggebliebenen Lateinbuchs an- zusehen ist.

g) Entstehungszeit. Die Handschrift selbst bietet keine sicheren Anhaltspunkte dafiir, wann ihr Hauptbestandteil, das Buch der Neun Felsen, entstanden ist. Dies werden wir erst dann ge- nauer feststellen können, wenn wir jenes lateinische Memorial und seine Entstehungszeit kennen, dem die Neun Felsen ent- nommen sind. Dagegen können nach Bl. 48^ (59*25) die Kapitel 86-88 nicht vor 1385 geschrieben sein. Berücksichtigt man noch, daß in den der Handschrift später beigefügten Blättern bereits von den drei Urkundenbüchern des Johanniterhauses (60*23) und den drei Pflegermemorialen (61*2) die Rede ist, dann wird man die Entstehungszeit des Übriggebliebenen Lateinbuchs nach 1390 ansetzen dürfen, also in dieselbe Zeit, in welcher auch das Große Deutsche Memorial seine Umwandlung erfahren hat.

Neben dem eben beschriebenen Memorial bestand noch ein anderes mit gleichem Titel, aber verschiedenem Inhalt. Wir be- zeichnai es als

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Das erste Übriggebliebene Lateinbuch.

Es war angelegt in derselben „forme und grosse" (60*21), wie das genannte, hatte aber doppelt soviel Sexteraionen, zählte also im ganzen 8 Lagen oder 96 Pergamentblätter. Von seinem Inhalte wird gesagt, es enthalte „die ernuwerunge und der Stifter leben und die andern materien, ... die überblibent an den drien Urkunde büchern des huses zu dem Grünenwerde". An einer andern Stelle heißt es, es handle „von der ernuwerunge und der Stifter leben und den andern materien, die des huses wür- dikeit- bewerent" (48*20). Demnach enthielt das erste Übrig- gebliebene Lateinbuch zunächst „die ernuwerunge", d. h. die Grün- dungsgeschichte des Johanniterhauses; sodann „der Stifter leben", d. h. das Büchlein von den Vier-Jahren und das Fünf-Mannen- buch, im ganzen also die drei Materien (Kap. 1-23) des oben besprochenen Pflegermemorials. In sofern ist es richtig, wenn Nikolaus von Löwen sagt, daß „dise zwey überblibene latine bücher boncordierent und gliche hellent in allen den materien, alse es die vorgeschriebenen drie weltlichen pflegere zu tütsche geschrieben haut ir iegelicher in eime sundern buche" (61*1). Allein das erste Lateinbuch enthielt auch noch „andere materien, die des huses würdikeit bewerent". Welches diese Materien waren, wird nir- gends genauer angeführt. Wir wissen nur, daß sie in den „drien Urkunde büchern" standen. Weiterhin läßt sich aus dem zweiten Lateinbuch schließen, daß auch das erste vorn eine Rubrik ent- hielt mit einem florierten H. (60*25), in welcher der Grund genannt war, warum es „übrig geblieben" ist, und am Schlüsse die „Ord- nung*' der Übriggebliebenen Lateinbücher desselben Inhalts, wie das zweite Übriggebliebene Lateinbuch (48*23).

Auf „die andern Materien" des ersten Übriggebliebenen La- teinbuches führt uns die Handschrift L als 96 der Straßburger Universitätsbibliothek. Bei der Benützung dieser Handschrift für unsere Zwecke ist jedoch große Vorsicht notwendig, da Götzmann der Verfasser der Handschrift neben dem hier in Frage kommenden ersten Lateinbuch bei ihm kurz Lateinisches Memorial genannt noch andere deutsche Urkundenbücher des Johaimiterhauses benützte, bald Stücke des einen, bald solche des andern exzerpierte, bezw. aus dem Lateinischen ins Deutsche über-

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setzte und zu all dem selbst noch Zusätze und Erläuterungen in Parenthesen, die nur zu leicht ausgelassen werden konnten, bei- fügte. Für uns kommt es zunächst darauf an, den Inhalt des von Götzmann benützten „Lateinischen Memorials" kennen zu lernen, da wir daraus den Beweis zu erbringen haben: das von Götz- mann benützte Lateinische Memorial ist kein anderes als das erste Cbriggebüebene Lateinbuch.

Götzmann erwähnt in keiner Weise den Titel seiner lateini- schen Vorlage. Er spricht in seinem Vorworte nur von einem Lateinischen Memorial und stellt ihm ein Deutsches Memorial gegenüber. In allen Stücken, in welchen das lateinische und deutsche übereinstimmten, folgte er dem deutschen, nur diejenigen Kapitel, welche allein in seiner lateinischen Vorlage standen, über- setzte er. Das von Götzmann benützte „Deutsche Memorial" kann nach den Angaben Götzmanns nur eine Abschrift eines der Exem- plare des Pflegermemorials gewesen sein. Daneben erwähnt Götz- mann noch das „Bruderschaftsbuch" und den „Liber \itae" oder das Totenbuch des Johanniterhauses.

Das Lateinische Memorial trug auf dem Rücken das Biblio- thekszeichen A, das Pflegermemorial das Zeichen C, das Bruder- schaftsbuch das Zeichen F, während Götzmann das Bibliotheks- zeichen des „Liber vitae" oder Nekrologiums nicht angibt. Diese vier Bücher waren die einzigen, welche Götzmann bei Beginn seiner Arbeit kannte. Bald jedoch wurde er auch auf das Große Deutsche Memorial aufmerksam, das nach seinen Angaben mit B bezeichnet war. Sobald er nun inne geworden, daß dieses deutsche in manchen Materien mit dem lateinischen übereinstimmt, erspart er sich die Mühe des Ubersetzens, um nun dem Großen Deutschen Memorial zu folgen. Sein von ihm benutztes Memorial hatte näher- en folgenden Inhalt (225*1 ß".) :

I.) Kap. 1-12(?): Gründungsgeschichte des Hauses (nach

deutscher Vorlage).

U.) Kap. 13-24: Meisterbuch (nach lateinischer Vorlage).

a) 13: Begleitbrief.

b) 14-19: Meisterbuch.

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c) 20-23: Vier Predigten:

20 : Predigt auf St. Gertrud. 21: Sonntag Judica. 22: ,, das hl. Altarsakrament 23: Klausnerinnenpredigt

d) 24: Schluß: Tod des Meisters.

III.) Kap. 25-28 : Buch von den Vier Jahren.

a) 25: Vorwort, (lateinische Vorlage?)

b) 26-28: Text der Vier Jahre (deutsche Vorlage).

IV.) Kap. 29-31:

a) 29 : Strafung Rulmann Merswins (lateinische und

deutsche Vorlage).

b) 30: Vogehiest (lateinische Vorlage).

c) 31: Ermahnung an die Brüder (lateinische Vor -^

läge). V.) Kap. 32-38 : Fünf-Mannenbuch (nach deutscher Vorlage).

VI.) Kap. 39-51: Zwei-Mannenbuch (lateinische und deutsche

Vorlage).

VII.) Schluß: Nachtrag, den Götzmann mit den Worten einfuhrt: „Nach dem 51. Kapitel im lateinischen folgt die Beschreibung des Lebens der heiligen Jungfrauen und Martyrin Quitaria. Nach diesem folgt ein kurzer Begriff von der Stiftung und Ordnung des Hauses zum Grünen-Wörth und Ermahnung an selbs Hauses Brüder und die drei Pfleger auf deutsch und sodann folgende deutsche Reime: „Alle menschen die cristen namen hant . . . .".

Demnach bestand Götzmanns Exemplar des Memorials aus 51 Kapiteln, dem ein Nachtrag folgte. Prüfen wir nun, ob dieser Inhalt mit den Angaben übereinstimmt, den wir bereits vom ersten Übriggebliebenen Lateinbuch kennen. Es enthält Kapitel 1-12: die Gründungsgeschichte; Kapitel 25-28 und 32-38: das Leben der beiden Stifter und aulJerdem noch „andere Materien", von welchen man mit vollem Recht den Ausdruck gebrauchen kann» daß sie des „Hauses Würdigkeit" bewähren, also alle jene Mate- rien, die im zweiten Lateinbuch als Inhalt des ersten Übriggeblie- benen Lateinbuchs angegeben sind. Wenn sodann Götzmann noch „einen kurzen Begriff von der Stiftung und Ordnung des Hauses . . . auf deutsch" anführt, so dürfen wir darin die Stelle 60*26 ff.

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verstehen. Das Gedicht : „Alle Menschen . . ." bildet den Schluß ; es isturw bereits aus dem Pflegermemorial bekannt (160*5). Nur eine Lebensbeschreibung der hl. Quitaria ist uns bis jetzt nicht be- gegnet, sie korrespondiert aber mit dem 88. Kapitel des zweiten Lateinbuchä (59*19), das die Lebensbeschreibung eines heiligen Mannes zum Gegenstande hat. So liegt denn der Schluß nahe: Götzmann's lateinische Vorlage ist das erste Übriggebliebene La- teinbueh. Noch deutlicher wird dieser Schluß, wenn wir näher eine Bemerkung Nikolaus von Löwens über die beiden Übriggeblie- benen Lateinbücher ins Äuge fassen. Mit aller Klarheit betont er, daß beide Übriggebliebenen Lateinbücher „über blibent an den drien Urkunde büchern des huses zu dem Grünenwerde'' (60*23),' oder mit andern Worten: Beide Übriggebliebenen Lateinbücher bildeten ursprünglich Bestandteile der drei Urkundenbücher; diese sind aber das Lateinische-, das Große- und das Kleine Deutsche Memorial. Von diesen dreien scheiden sofort das Große- und das Kleine Deutsche Memorial aus, da sie nur Stücke in deutscher Sprache enthalten. Es bleibt nur noch das Erste Lateinische Memorial, dessen Inhalt im Großen Deutschen Memo- rial genau wiedergegeben ist (17*25). Eine Vergieichung dieses In- halts mit demjenigen der beiden Übriggebliebenen Lateüibücher zeigt nun vollständige Übereinstimmung. Damit wäre der Beweis erbracht: Erstes Übriggebliebenes Lateinbuch + zweites Übriggebliebenes Lateinbuch = Erstes Lateinisches Memorial; aufgelöst lautet diese Formel: das Erste Lateinische Memorial, das zeitlich und sachlich die Grundlage aller späteren Memorialbücher bildet, wurde von Nikolaus von Löwen in zwei Teile geteilt; aus dem einen Teil (Kapitel 1-51) wurde das erste Übriggebliebene Lateinbuch, aas den Neun Felsen dagegen das zweite übriggebliebene Latein- buch gebildet und beide mit Zusätzen und Nachträgen versehen. Wir haben oben das Große- und das Kleine Deutsche Me- morial von unserer Betrachtung ausgeschieden, aber auch wenn man diese zu Hilfe nimmt, so bleibt der Ausdruck Nikolaus von Löwens zu Recht bestehen, daß beide Übriggebliebenen Latein- bücher übrig geblieben sind „an den drien Urkunde büchern'S da ja das Kleine Deutsche Memorial nur eine Übersetzung des latei- nischen bildete und auch im Großen Deutschen Memorial manche Bestandteile des Lateinischen Memorials wiederkehren.

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Um Mißverständnissen vorzubeugen, sei noch darauf hinge- wiesen, daß mit dem von uns gewählten Ausdrucke „erstes und zweites ÜbriggebUebenes Lateinbuch" keine zeitliche Aufeinander- folge ausgedrückt werden soll. Beide entstanden als „Übriggeblie- bene Lateinbücher" zu gleicher Zeit und zwar, wie des näheren am zweiten Übriggebliebenen Lateinbuch bewiesen wurde, nach 1390.

Vor dieser Zeit bildeten dieselben ein Ganzes, das wir als das älteste lateinische Memorial bezeichnen müssen. Für die ganze Gottesfreundfrage ist demnach seine Textgestalt von der größten Wichtigkeit Was jedoch Götzmann aus demselben mit- teilt, ist sehr wenig. Der lateinischen Vorlage folgt er sicher in Kapitel 13-24 (Meisterbuch); in Kapitel 30 (Vogelnest) und 39 (Erstes Kapitel des Zwei-Mannenbuchs). Kapitel 31 allein ist lateinisch erhalten, alles andere nur in Übersetzung. Kapitel 25 und 29 endlich sind eine Mischung des lateinischen und deutschen Textes; dabei bietet das 29. Kapitel die größten Schwierigkeiten, da Götzmann an verschiedenen Stellen aus demselben Auszüge bringt. Kapitel 1-12 (Chronik des Hauses), 26-28 (Vier-Jahre), 32-38 (Fünf-Mannenbuch) dagegen sind dem Pflegermemorial ent- nommen. In Kapitel 40 folgt er vollständig, in 41-50 auszugs- weise dem Großen Deutschen Memorial; außerdem stammen einige Zusätze aus dem Bruderschaftsbuch. Aus allem ist ersichtUch, wie schwer es fällt, irgendwelche zwingende Schlüsse aus dem Text des Ersten Lateinischen Memorials, wie Götzmann ihn über- liefert, zu ziehen. Ein sicherer Fiihrer wird Götzmanns Text nur da sein, wo derselbe gegenüber dem der späteren Memorialbücher ein Minus aufweist.

Wie die übrigen Meniorialbücher ist auch das älteste oder das Erste Lateinische Memorial erst nach dem Tode Rulmann Merswins angelegt worden, es erzählte ja an verschiedenen Stellen vom Tode Rulmanns. Ebenso steht außer Zweifel, daß Nikolaus von Löwen sein geistiger Urheber ist, denn das erste Übriggeblie- bene Lateinbuch stimmte mit dem zweiten in Größe und Gestalt und in der ganzen Anlage überein, kann demnach auch nur den gleichen Urheber haben wie letzteres, das ist Nikolaus von Löwe n.

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4. Das Große Lateinische MemoriaL

Das Erste Lateinische Memorial, das allen übrigen Urkunden» büchern des Johanniterhauses zeitlich wie sachlich voranstand, hatte dem Plane Nikolaus von Löwens weichen müssen. Es wurde seiner fdlirenden Stellung enthoben und mit dem Namen „übriggebliebene" Lateinbücher belegt An seine Stelle trat ein anderes Memorial mit verbessertem, der deutschen Vorlage ent- sprechenderem Text. Dieses Urkundenbuch ist das „Große Latei- nische Memorial". Mit voller Klarheit wird von den Neun Felsen gesagt, weil sie mit dem deutschen Text nicht überein- stimmten, wurden sie „anderwerbe in das grosse latine memoriale buch des huses zu dem Grünenwerde geschriben von worte zu Worte glich dem tütschen, alse es us dem heiligen geiste kum- men ist" (48*4). Der Ausdruck „grosses latine memoriale" begegnet uns hier zum erstenmale.

Was für ein Urkundenbuch darunter zu verstehen sei, ist die Frage, die uns beschäftigt. Dabei müssen wir festhalten, daß die Neun Felsen ursprünglich ein Teil des Ersten Lateinischen Memorialbuchs waren. Man könnte nun zunächst denken, daß dieser Teil des Ersten Lateinischen Memorials dort herausgenom- men und abermals, nur in anderem Wortlaute, in das gleiche Erste Lateinische Memorialbuch eingefügt wurde. Dann müßte das hier erwähnte „grosse latine memorial" mit dem Ersten La- teinischen Memorial identisch sein. Das könnte jedoch nur dann der Fall sein, wenn die übrigen Teile des Ersten Lateinischen Memorials intakt geblieben wären. Allein das Ergebnis des vor- hergehenden Kapitels zeigte uns, daß wie aus dem letzten Teil des Ersten Lateinischen Memorials, den Neun Felsen, das eine übriggebUebene Lateinbuch gestaltet wurde, so wurde aus den übrigen Teilen das andere Übriggebliebene Lateinbuch gebildet und dessen Materien analog den Neun Felsen „anderwerbe in das grosse latine memorial" übertragen. Daraus folgt aber, daß das ngroße latine memorial" ein von dem Ersten Lateinischen Memo- rial verschiedenes Urkundenbuch sein muß. In diesem Sinne ist der Text des lateinischen Prologs der Neun Felsen zu interpre- tieren. Dort heißt es: „Hü quatuor sexterni de novem rupibus cum alüs sequentibus materiis et capitulis fuerunl uua patlVcM-

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larum pertinenciutn in latinum memorialem librum" (49'*'9). Das will besagen: Die beiden Teile des zweiten Übriggebliebenen Lateinbuchs, die Neun Felsen und die übrigen Kapitel (Kapitel 86-88)t bildeten Bestandteile eines lateinischen Memorials. Nun unterliegt e& keinem Zweifel, daß die Kapitel 86-88 Bestandteile eines lateinischen Memorials mit wenigstens 88 Kapitel waren. Dieses aber kann nicht mit dem Ersten Lateinischen Memorial identisch sein, dem die Neun Felsen entstammen, denn dieses zählte bloß 61 Kapitel + Neun Felsen. Ebensowenig kann man bezweifeln, daß die Kapitel 86-88 lediglich in das zweite Übriggebliebene Latein- buch geschrieben wurden, um dessen leeren Platz auszufüllen, keineswegs deswegen, weil sie, wie die Neun Felsen, mit der autentischen deutschen Vorlage nicht übereinstimmten. Nikolaus von Löwen hätte darum das Erste Lateinische Memorial von jenem unterscheiden müssen, dem die Kapitel 86*88 entstammen. Er wirft aber beide zusammen und benennt beide mit dem allge- meinen Ausdruck „latinus memorialis liber*s fährt aber dann fort, nur von den Neun Felsen zu reden, die nach verbessertem Text „in prenominatum primum scilicet memorialem librum^^ geschrieben wurden. Im Zusammenhange mit der vorausgegangenen Erörte- rung kann mit diesem Ausdruck nur jenes lateinische Memorial gemeint sein, dem die Kapitel 86-88 entstammen, d. h. das „grosse latine memoriale buch". Wir haben demnach folgenden einfachen Vorgang: Nikolaus von Löwen zerteilt das Erste Lateinische Memorial in zwei Teile und nennt sie erstes und zweites Übrig- gebliebenes Lateinbuch. Alsdann legt er ein neues, textlieh ver- bessertes Großes Lateinisches Memorial an, dessen Inhalt sich im allgemeinen mit dem Inhalt des Ersten Lateinischen Memorials deckt, fügt später jedoch mehrere Materien und Kapitel hinzu, sodaß im Gegensatz zum ursprünglichen Kleinen Lateinischen Memorial ein „grosses laline buch'' entsteht.

Von diesem Großen Lateinischen Memorial kennen wir be- reits Kapitel 86-88, welche uns dem ganzen Wortlaut nach erhalten sind (55*14 ff.). Diese Kapitel geben uns außerdem einige andere Anhaltspunkte über Inhalt und Gestalt des Großen Lateinischen Memorials. Wie das Pflegermemorial war es in „Materien*' ge- schieden, von denen das 86. Kapitel die „zehnte Materie" bildet. Weiterhin wird uns der Inhalt vom 6. und 9. Kapitel angedeutet.

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Es sind Teile der Gründungsgesehichte des Hauses, wovon das 6. Kapitel von dem Sakristeibau handelt „sacristia que post idem tempus edificata est cum alio novo edificio sicut prescriptum est in sex to capitulo" (60*18) , während das 9. Kapitel die große Würde und Heiligkeit betont, in welcher das Johanniterhaus ge- baut und bis auf die Zeit des Nikolaus von Löwen geführt wurde ^ocus Viridis-Insule in magna sanctitate ab antiquo usque ad tempora ista deductus est et inhabitatus prout . . . duo antiqui octogaaarii sacerdotes de Altdorf. . . testificantur nono capitulo haius presentis libri'^ (59*26).

Das zweite Übriggebliebene Lateinbuch fuhrt uns weiterhin auf den Inhalt des 109. Kapitels, welches das Gedicht des JacobusRegalis : i,De thesauris summi regis" brachte (oben S. 35). Wir dürfen an- nehmen, daß mit diesem Gedichte das Große Lateinische Memorial schloß, da sich darin, wie wir auch sonst schon gesehen haben, <üe Vorliebe des Nikolaus von Löwen, mit einem Gedicht den Abschluß der Handschrift zu bilden, zeigt.

Noch auf anderem Wege ist es uns ermöglicht, einen Ein- blick in Anlage und Inhalt des Großen Lateinischen Memorials zu gewinnen. Die Handschrift F, die wir später noch genauer zu besprechen haben werden, spricht von „Bullen und Privilegien" für die Bruderschaft des Johanniterhauses, welche in dem „latinen urkundebuch" geschrieben stehen, gezogen „usser dem registro des erwürdigen geistlichen herren bruder Cunrades von Brunsperg" (221*36). Femer wird daselbst die Bulle des Papstes Honorius nUna cum fratribus" erwähnt, die „von worte zu worte ganz ge- schrieben [ist] in dem sehs und hundertsten capitel des latinen Urkunde buchs zu dem Grünenwerde". Ebenso wird kurz darauf bestätigt, daß das Große Lateinische Memorial das Gedicht des Jacobus Regalis enthielt (222*33).

Aus all diesem erhellt zur Genüge, daß an Stelle des ersten,

ältesten lateinischen Memorials ein anderes trat, das nach Inhalt

und Umfeng mit Recht „das grosse latine buch" genannt wird,

da es wenigstens 109 Kapitel und mehr als 10 Materien enthielt.

Über seine Entstehungszeit und seinen Verfasser kann nach

dem Vorausgehenden kein Zweifel bestehen. Es entstand nach

den drei Memorialbüchem des Hauses, d. h. nach 1390, und geht

wie alle übrigen Memoriale auf Nikolaus von Löwen zuT'\ieV..

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5. Das Kleine Dentsche Memorial

Wie in der Vorrede zum Großen Deutschen Memorial aus- geführt ist, war das Kleine Deutsche, allgemein als das „dritte Urkundenbuch" des Johanniterhauses bezeichnet, eine wörtliche Übersetzung des „Ersten Lateinischen Memorials" (14*29). Nur fehlten das Buch von den Neun Felsen, das Zwei-Mannenbuch und das Meisterbuch. Es enthielt demnach im wesentlichen die drei Mate- rien : Gründungsgeschichte, das Buch von den Vier-Jahren und das Fünf-Mannenbuch ; außerdem noch drei Artikel oder Ab- schnitte über die Ordensgelübde: Armut, Keuschheit und Gehor- sam, welch letztere im Lateinischen Memorial nicht standen. Daß das Kleine Deutsche Memorial nur eine Übersetzung des Ersten Lateinischen Memorials ist, wird bestätigt durch das Briefbuch. Dort ist davon die Rede, daß „die hinderste stroffunge" Rulmanns im Lateinischen Memorial das 29., im Deutschen Memorial dagegen das 18. Kapitel bildet (146*25), was sich an unserm vorliegenden Kleinen Deutschen Memorial bewahrheitet, wie folgende Inhalts- übersicht zeigt:

I. Gründungsgeschiehte, Kapitel 1-13 [statt 11 oder 12 des Lateinischen Memorials.]

II. Leben Rulmann Merswins, Kapitel 14-20:

a) Vorwort: Kapitel 14.

b) Text: Kapitel 15-17.

c) Stratung Rulmanns: Kapitel 18. dj Vogelnest: Kapitel 11).

ej Ermahnung an die Brüder: Kapitel 20.

111. Fünf-Mannenbuch, Kapitel 21-27.

Nachträge: Kapitel 28: Begleitschreiben zum Meisterbuch und Sakramentspredigt, die Ordensregel (Pflegerbrief?), drei Abschnitte über Armut, Keuschheit und Ge- horsam und zuletzt der Stiftungsbrief der Frau Luitgard von Löwen über zwei Ewigliehter: 1382 März 12. Wie wir in den verschiedenen vorausgehenden Memorialen gesehen haben, zeigt sich auch hier die Erscheinung, daß das Kleine Deutsche Memorial im Laufe der Jahre mannigfache Ände-

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rangen und Zusätze erfahren hat Daher kommt es, daß die Grün* dungsgeschichte statt 12, 13 Kapitel umfaßt, und daß das 28. Kapitel des „andern kleinen tütsehen memoriale büches" (42*14) den Brief zum Meisterbuch sowie die Sakramentspredigt enthält, welche in der lateinischen Vorlage Teile des MeisterbuchsJ waren. Den Schluß bildete der Stiftungsbrief der Frau Luitgard von Löwen über zwei Ewiglichter vom 12. März 1382, von dem es im Großen Deutsehen Memorial heißt, daß er „zu hinderste in dem kleinen Urkunde buche" (12*4) geschrieben steht.

Das Kleine Deutsche Memorial war noch nicht vorhanden, als Nikolaus von Löwen den ersten Teil des Großen Deutschen Memorials anfertigte. Erst der zweite Teil spricht von ihm. Seine Entstehung erklärt sich auf folgende Weise:

Nachdem Nikolaus von Löwen den ältesten Teil des Großen Deutschen Memorials vollendet hatte, wollte er zur Ergänzung dieses Memorials eine Übersetzung des Ersten Lateinischen Me- morials bieten mit Ausnahme der Neun Felsen, des Zwei-Mannen- und des Meisterbuchs. Diese drei Traktate brauchte er nicht zu übersetzen, da jedes derselben in einem eigenen deutschen Büchlein im Johanniterhause vorhanden war (18*7 ; 19*7,24). Eingehender berichtete darüber „die rubericke zu aller vorderst in dem kleinen tütschen buche'* (35*24). So entstanden die ersten 27 Kapitel des Kleinen Deutschen Memorials, dem einige Nachträge folgten, die teils dem Meisterbuch (Kapitel 28), teils andern Traktaten ent- nommen waren. Bei näherem Zusehen wurde jedoch Nikolaus von Löwen gewahr, daß der lateinische Text der Neun Felsen, des Zwei-Mannenbuchs imd Meisterbuchs mit den vorhandenen deutschen Büchern nicht übereinstimmte; darum zerlegt er das lateinische in die „zwei übriggebliebenen Lateinbücher*' und v^ollständigt die Sammlung der Traktate des Großen Deutschen Memorials durch Hinzufügung der drei Materien: Neun Felsen, Zwei-Mannenbuch und Meisterbuch. Dadurch entstand der zweite Teil des Großen Deutschen Memorials. Nur beim Meisterbuch ließ er das Begleitschreiben und die Sakramentspredigt weg, da er dieselben schon dem Kleinen Deutschen Memorial beigefügt hatte.

Der Vergleich des Kleinen Deutschen Memorials mit dem ^egermemorial endlich zeigt, daß es mit letzterem wohl in den drei Materiea: Gründungsgeschichte und den beiden SüileT-\jfc\i«v\^

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nicht jedoch in der Anzahl der Kapitel oder deren Wortlaut über- einstimmt, aber es bildet die Vorlage zu den drei Pflegermerao- rialen und dem Meistermemorial.

Wie das Große Deutsche Memorial ist auch das Kleine Deutsche Memorial erst nach dem Tode Rulmanns entstanden, kann in seinem Hauptteile vor 1385 vollendet gewesen sein, hat aber erst in den neunziger Jahren seine vollendete Gestalt erhalten.

6. Das Brief bnch.

Wer in der Erklärung des sogenannten Briefbuchs allein auf die Auszüge angewiesen ist, welche KarlSchmidtin seinem „Niko- laus von Basel" und in den „Gottesfreunden" ediert hat, muß unumwunden gestehen, daß er vor ein unauflösbares- Rätsel ge- stellt ist. Glücklicherweise ist das Original der Handschrift dem bei der Belagerung Straßburgs ausgebrochenen Brande entronnen. An der Hand dieses Originals gilt es nun ganz neu aufzubauen. Wir werden bald sehen, wie das Dunkel, das bisher über dem Briefbuch lagerte, sich lichtet. Auf der andern Seite wird diese Untersuchung aber auch zeigen, wie verantwortungsvoll die Arbeit dessen ist, der ähnliche Handschriften wie das Briefbuch ganz oder im Auszuge zu veröffentlichen gedenkt.

a) Das „Brief buch" ist uns in der Handschrift H 2185 des Be- zirksarchivs zu Straßburg erhalten. Die Handschrift zählt nach neue- ster Nummerierung 83 Bll. Um dem Einband einen besseren Halt zu geben, wurde wie im ersten Übriggebliebenen Lateinbuch je ein Pergamentblatt am Anfang und Ende der Handschrift bei- gefügt und auf der Innenseite des Deckels aufgeklebt. Beide Blätter wurden von mir losgelöst. Dabei zeigte sich die aufge- klebte Seite des vorderen Blattes als unbeschrieben. Auf der nich taufgeklebten Seite dagegen steht ein Bruchstück von einer Urkunde Papst Urbans [VI.?], worin dieser den Propst, Kantor und Thesaurar [von StraßburgJ beauftragt, dem Heinrich ge- nannt B. von Ettenheim bei der Erwerbung einer vom Papste reservierten Pfründe behilflich zu sein. Die freie Seite des am Schlüsse der Handschrift angebrachten Pergamentblattes enthält die eigenhändige Lebensbesehreibung des Nikolaus von Löwen. Die Rückseite dieses Blattes ist mit Namen einiger Straßburger

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Familien beschrieben, die für unsere Zwecke nicht in Betracht Jkonunen.

Das Corpus der Handschrift besteht aus 6 Lagen, von denen die erste Lage 3 Doppelblätter, die Lagen 2-6 je 6 Doppelblätter zählen. Spuren der ursprünglichen Lagenzählung sind nicht er- kennbar. In die Handschrift sind außerdem zwei selbständige Büchlein eingefügt: das Fünf-Mannenbuch und die Vier-Jahre. Ersteres ist in der Mitte der ersten Lage angebracht und füllt jetzt BL 4-11. Das Büchlein von den Vier-Jahren Rulmann Mer- swins dagegen ist in der Mitte der dritten Lage eingenäht, jetzt auf BL 33-44. Diese zwei Büchlein werden wir einstweilen außer Betracht lassen, da wir weiter unten auf sie zurückkommen müssen.

Zu der Handschrift wurde teils Pergament, teUs Papier ver- wendet. Bei der ersten Lage sind die beiden äußeren Blätter aus Pergament, das mittlere Papier; bei der Lage 2-4 besteht je das äußerste und das innerste aus Pergament, wodurch die dazwischen- liegenden Papierblätter sehr gut geschützt wurden; bei Lage 5 nnd 6 endUch ist nur das mittlere ein Pergamentblatt.

Das Pergament wie das Papier ist liniiert: die Pergament- blätter durchschnittüch zu 35 Zeilen, die Papierblätter dagegen niit 39-41 Zeilen. Auf die Anfertigung dieses Memorials wurde bei weitem nicht jene Sorgfalt verwendet, die wir bei den bisher betrachteten Memorialbüchern gefunden haben. An Stelle des Pergaments tritt das bilUgere Papier. Und auch die wenigen för das Briefbüchlein verwendeten Pergamentblätter sind sehr schlecht und minderwertig. Das ist um so auffallender, als sein Inhalt für das Johanniterhaus stets von der größten Bedeutung Qnd lebendigstem Interesse sein mußte.

Auch in der Verwendung von Initialen ist das Brief büchlein sehr sparsam. Das einzige bemalte Blatt der Handschrift stammt ^03 einem anderen Memorial und wurde nur zufälUg hier ange- fögt (154*35). Desgleichen ist die Schrift im Gegensatz zu den an- deren Urkundenbüchern des Johanniterhauses sehr flüchtig. Viele Korrekturen finden sich, vor allem von Blatt 57 an. Der Original- änband besteht aus einem Holzdeckel, der mit weißem Leder üb^zogen wurde in derselben Größe und Ausstattung, wie der Einband des zweiten ÜbriggebUebenen Lateinbuchs. Auf der Außen- seite des hinteren Deckels ist ein kleiner länglicher Pei^am^tiV-

4*

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streifen aufgeklebt und mit den Worten beschrieben: „Disist< Briefebüchel". Die noch vorhandenen Spuren weisen dar hin, daß dieser Pergamentstreifen ehemals mit Messingstäbcl umrahmt und mit Marienglas geschützt war ; wir haben demn; in diesem Punkte dieselbe Erscheinung wie beim zweiten Übi gebliebenen Lateinbuch (siehe oben S. 33).

b) Die Handschrift trägt den offiziellen Titel „Briefebüchei'S Br büchlein, und zwar deswegen, weil in ihm „versammelt sint i die missyven, die der liebe verborgene gottesfrünt in Oberli Rüleman Merswines unsers Stifters seligen heimelicher geselle^ zu mole herabe geschriben het den priestern und personen zu d Grünenwerde" (64*1). Betrachtet man jedoch den Inhalt der gan: Handschrift, so kann man diesen Titel keineswegs als zutreffe bezeichnen, denn von den 83 Blättern ist nicht einmal der dr Teil mit Briefen beschrieben. Mehr als zwei Drittel ist bunt dur< einander gewürfelten hihalts. Ebensowenig sind hier „alle" Bri gesammelt, welche der Gottesfreund oder Rulmann je geschriel haben, denn in diesen Briefen wird auf verschiedene andere Bri verwiesen, welche nicht im Briefbuch stehen.

Der Zweck, den die Handschrift zu erfüllen hatte, war erster Linie ein aszetisch-praktischer. Überall klingt ( aszetische Moment durch: die Ermahnung zum Gehorsam, Arm Einigkeit, Abgeschiedenheit und anderm. Daneben sollte die Hai Schrift Priestern und Laien des Grünenwörth auch erzählen „\ den werken gottes und ettelicher frömeder offenborunge und \ maniger leige geschiht ires [der Gottesfreunde] und ouch unsi gebuwes, wie sich die verlöfTen hant sider der zit, daz dis t zu dem Grünenwerde wart zu dem ersten angefangen zu ( nuwende (64*6).

c) Um einigermaßen eine Übersicht über den bunten I n h 8 des Briet büchleins zu gewinnen, kann man nicht, wie bisher, erster Reihe nach sachlichen Gesichtspunkten vorgehen, sonde nach den einzelnen Lagen. Darnach besteht sein Inhalt aus f genden Teilen:

I. Teil: Lage 1 u. 2; BL 1-26.

1. Erste Hälfte der ersten Lage: Geschichtliche Einle tung: Der Gottesfreunde Aufenthaltsort und Romrei (Oo*n-'69''ll}.

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2. Einschiebsel in der Milte der Lage: Fünf-Mannenbuch.

a) Einleitung und Brief: Bl. 3 (69*12-71*22).

b) Text des Fünf-Mannenbuchs : Bl. 4*-ll* (71*23).

c) Schlußwort und Nachtrag: BL 11^ (71*28-72*32).

3. Zweite Hälfte der ersten Lage und ganze zweite Lage: Zehn Briefe mit Schlußermahnung: Bl. 12*-26^

a) Zehn Briefe: Bl. 12»-25* (73*1-99*37),

a) Brief 1-5: Haus und Brüder von Grünenwörth betr.

Bl. 12^-17^ (73*1-84*19). ß) Brief 6-10: „Öme, pflogen, ufslag" betr.; Abschied von

den Brüdern: Bl. 17^-25* (84*20-99*37).

b) Schluß:

Ermahnung auf Grund der vorausgehenden Briefe. Schlußworte: „Das widervare uns allen. Amen" {99*38-

103*13).

IL Teil: Lage 3; BL 27-46.

1. Erste Hälfte der Lage: Brief 11-15: BL 26»>-32a:

a) Brief 11-12: an den Komtur: BL26^-29a('iOc^i4.i08*7;.

b) 13: :Bl. 29^-32^ (108*8-114*3).

c) 14-15 : Auszüge. Nachtrag : BL 32^ (114*4-115*12).

2. Einschiebsel in der Mitte der Lage.

a) Vorwort zu den Vier-Jahren: Bl 32^ (115*13-116*23).

b) Text der Vier-Jahre : BL 33»-40^.

c) Prolog zum Meistermemorial und 25. Kapitel des Pfleger- memorials: Bl. 4^-44^ (116*24-120*6).

3. Rest der Lage: Brief 16 u. 17: BL44»-46^ (120*7-125*24). Nachtrag: Pflegereid: BL 46^ (125*25-126*23).

IIL Teil: Lage 4; BL 47-58.

I.Brief 18-20 Nikolaus von Löwen betreffend: BL 47^-51^ (126*24-137*20).

2. Ermahnung und bist. Nachrichten über die Gottesfreunde : Bl bl^'bb^ (137*21-148*22) mit Brief 21 als Nachtrag: Nikolaus von Löwen betreffend (Bruchstück): BL 55^-56* (148*23-149*16).

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IV. Teil: Schluß der 4. Lage; Lage5; BL56*-70. Traktat „Sehürebrand" : Bl. 56»-70* mit den histo- rischen Bemerkungen über „Beerenberg'* Bl. 70^-71* und Bloveldes Regeln: U^-n^ (149*17-151*11).

V. Schluß: Lage 6: Varia; BL 71»-82^

1. Figuren und Gedichte des Meistermemorials: BL 73*-73^

(151*12-153*26). 2- Warnung, die Reue nicht zu verschieben: BL 74*-75^

(153*27-154*7).

3. Brief 22: Nikolaus von Löwen betr., auf freiem Platze nachgetragen: BL 75^ (154*8-34).

4. Gedicht auf Jesu Namen. Gemaltes Initial: BL 76'-80^ (154*35-155*5).

5. Namen der drei Pfleger mit vorausgehender Rubrik: Bl. 80^-81* (155*6-30).

6. Begleitbrief des Meistermemorials : Bl. 82» (155*31-156*25).

7. Lebensbeschreibung des Nikolaus von Löwen (156*26- 157*29).

d) Mit zu den interessantesten Kapiteln in der Untersuchung der Gottesfreundfrage gehört die Betrachtung der Entstehungsweise des Briefbuchs. Sie bietet Momente, welche auch für die allge- meine Quellenkritik von größtem Werte sind.

Für unsere Zwecke kommen zunächst nur die vier ersten Lagen der Handschrift in Betracht; mit den übrigen Lagen werden wir uns nur insoweit beschäftigen, als es für Klarlegung unserer Frage wichtig ist.

Aus der Handschrift sind zunächst auszuscheiden: 1. Die durchaus selbständigen Teile. Dahin gehören: a)das Fünf-Mannenbuch und das Büchlein von den Vier-Jahren Rulmann Merswins. Ersteres ist in der Mitte der ersten Lage eingefügt (jetzt Bl. 4-11) ; letzteres in der Mitte der dritten Lage (jetzt Bl. 33-40). Beiden geht je eine Einleitung voraus, welche sich über Inhalt und Herkunft des eigenhändig geschriebenen Büchleins verbreitet b) Bl. 4P-44* (116*27). Nach dem Buch von den Vier-Jahren folgen, die zweite Hälfte der dritten Lage einleitend, einige Bestandteilet welche Abschriften aus anderen bereits vorhandenen ürkunden- büchem bilden, und zwar zunächst der Prolog zu dem Memorialbuch

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des obersten Meisters samt Inhaltsangabe, darauf das 25. Kapitel des Pflegermemorials, welches sich über die zwei Übriggebliebenen Lateinbücher, ihren Zweck und Bestimmung verbreitet. Warum diese Materien in das gegenwärtige Briefbuch abgeschrieben wurden, gibt der Verfasser nicht an. Zu erklären aber ist die Erscheinung nur, wenn schon vor diesen Kapiteln das Brief buch abgeschlossen sein sollte, so daß diese Materien eine Art Nach- trag gebildet hätten, wie wir ähnliches bei den bereits besprochenen Urkundenbiichem sahen.

2. Die späteren Zusätze. Als solche lassen sich teils durch den verschiedenen Schriftcharakter, teils aus inneren Gründen leicht erkennen:

Bl. 11^ (72*16): i,Dis ist eine roberike'^ Dieses Gedicht aus dem Meisterraemorial kann erst nach dem „Clorerbüchlin" (149*17) geschrieben worden sein, da auf dieses hier Bezug genommen wird.

Bl. 46*^ (125*25): Pflegereid: diente zur Ausfüllung des leeren Raumes am Ende der dritten Lage.

Bl. 75^ (154*8) : Brief 22. Schreiben des Gottesfreundes an Niko- laus von Löwen, Abschrift des Fünf- Mannenbuchs betr.; womit eben- falls der noch unbeschriebene Raum auf BL 75*^ ausgefüllt werden soDte. Zu den späteren Zusätzen können endlich auch die Namen der Pfleger Bl. 80^ und bl (185*611.) gerechnet werden.

3. Bereits anderwärts benützte Blätter. Dazu ge- hören: Bl. 76»-80^ (154*35-155*5), ursprüngHch Bestandteile eines anderen kostbaren Urkundenbuchs, wie aus der prachtvollen Initiale geschlossen werden kann. Da der Text jedoch viele Korrekturen notwendig machte, wurden diese Blätter aus dem ursprünghchen ürkundenbuch entfernt, jedenfalls aufs neue dort- hin geschrieben, der Text mit den Korrekturen jedoch dem Brief- buch als Anhang beigefügt.

Nach diesen allgemeinen Erörterungen ist es möglich, des nähern an die Untersuchung der Entstehungsweise heranzutreten. Schon aus der Übersicht des Inhalts sind die einzelnen Teile der Handschrift und ihre Entstehung in etwa zu erkennen. Es gilt hiar nur, die Beweise für jene schematischen Aufstellungen zu »bringen.

Der erste Teil der Handschrift umfaßt Lage 1 und 2 oder Bl. 1-26 und bildet ein in sich abgeschlossenes Ganzes. Ab%^-

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sehen von dem Einschiebsel des Fünf-Mannenbuchs samt Zugehör besteht er aus einer Einleitung, einem Hauptteil mit 10 Briefen und einer Schlußermahnung an die Johanniterbrüder auf Grund dieser Briefe. Man könnte sich keinen einheitlicheren Teil denken als diesen, und dennoch folgen auf der dritten Lage neue Briefe ! Nikolaus von Löwen muß also seinen Plan geändert haben, sehen wir zu: wie und wann?

Das Wahrscheinlichste ist, daß der Schreiber seine Hand- schrift mit der zweiten Hälfte der 1. Lage begann, d. h. mit den eigentlichen Briefen, die sachlich in zwei Unterabteilungen zerfallen: Brief 1-5 und 6-10. Eine Schlußermahnung auf Grund dieser Briefe schließt sich in schönster und natirlichster Weise daran an. Alsdann wurde die Einleitung geschrieben, für welche dem Ver- fasser die zwei ersten Blätter der 1. Lage zur Verfugung standen, während das dritte Blatt dieser Lage für die Vorbemerkungen zum Fünf-Mannenbuch reserviert war. Erst dann verfertigte er die Rubriken zu der Einleitung, zu den einzelnen Briefen und der Schlußermahnung, hatte aber inzwischen den Plan gefaßt, den bereits geschriebenen Briefen einige neue auf der nun folgenden 3. Lage "hinzuzufügen. Das geht zur Genüge aus der Rubrik zu Brief 6-10 (84*36) hervor, wo bereits auf den 11. Brief, der den noch leeren Raum der 2. Lage und das erste Blatt der 3. Lage ausfüllt, verwiesen wird.

Dieser Brief ist nach Aussage Nikolaus von Löwens wie die Briefe 6-10 einer der „letzten Briefe", welche der Gottesfreund an Rulmann Merswin und an den Komtur gerichtet hat Er handelt von demselben Gegenstand wie 6-10, aber dennoch schreibt ihn Nikolaus von Löwen nicht vor die Schlußermahnung zu den fünf Briefen (6-10), wo er sa(;h- und zeitgemäß hingehört, sondern beginnt mit ihm eine neue Serie. Diese Erscheinung ist nur erklärlich, wenn er seinen ursprünglichen Plan änderte, be- vor er sämtliche Rubriken des ersten Teils schrieb. Neu ist ja eine solche Methode bei Nikolaus von Löwen nicht; wir haben ähnliches schon beim Großen Deutschen Memorial, dem Pflegermeniorial und vor allem bei den beiden Übriggebliebenen Lateinbiichern gefunden. Und in dieser Weise allein ist auch das Briefbueh zu verstehen. Das Material schwUlt Nikolaus von Löwen gleichsam unter den Händen an, ein einmal geschriebener

Brief ruft neue Gedanken hervor und weckt den Entschluß, weitere zu schreiben, ohne daß sich der Verfasser selbst über die Gründe dazu Rechenschaft geben kann. Noch deutlicher zeigt dies der Inhalt der 3. Lage.

Nachdem in der angeführten Weise der erste Teil der Hand- schrift vollendet war, begann Nikolaus von Löwen mit dem IL Briefe auf dem noch unbeschriebenen Platze der zweiten Lage (Bl. 26^) und schrieb die ganze erste Hälfte der 3. Lage durch bis Bl. 32^ {115*13). Diese Seite war von vornherein dem Vorwort zu den Vier-Jahren vorbehalten. Die Folge war, daß die zwei voran- gehenden Briefe 14 und 15, sollten sie noch in der ersten Hälfte der Lage Platz finden, nur auszugsweise wiedergegeben werden konnten und außerdem enge aneinander geschrieben werden mußten. Jedem, der die Handschrift in die Hand nimmt, wird <iiese Erscheinung auf den ersten Blick in die Augen fallen. Dies alles geschah aber nur deswegen, weil damit das Briefbuch ein zweites mal abgeschlossen werden sollte. Oder sollte es nicht auffallend sein, daß im letzten Brief des ersten Teils, wie in dem des zweiten Teils beidemale der Gottesfreund Abschied nimmt, <iort von Rulmann Merswin, hier von Nikolaus von Löwen? Hier schreibt er an Nikolaus von Löwen: Nehmt es mir nicht übel, »iWan ich üch nu nüme schribe noch nieman, ez sige dan rede- ^che notdurft; und ir bedürffent sin öch von der gnaden gottes nüme*' (115*7); dort aber bemerkt der Gottesfreund Rulmann Mer- swin: da wir nicht mehr zusammen kommen können, „so enmahtdu mir noch ich dir mit me früntUche briefe geschriben" (96*33). Ebenso bedenklich ist e^, daß die Schlußbriefe des ersten Teils als „die aller andersten briefe" (84*33) bezeichnet werden, die der Gottesfreund ftn das Johanniterhaus schrieb. Das gleiche heißt es aber auch vom 12. Brief: „Dis ist der aller hinderste brief, den der liebe goltes- frönlherabe schreip dem commendüre zu dem Grünenwerde" (105*8), ^d ebenso ist der 15. Brief „die hinderste missive' (1 14*22^ des Got- tesfreundes. Also Gründe genug für die Annahme, daß die Briefe nach- -öinander entstanden sind und zwar nicht nach einem einheitlichen, sondern bloß zufällig, sich ergebenden Plane, je nachdem der Platz ^6r Handschrift dafür reichte oder nicht. So handelt aber niemand, ^^r bereita vorhandene Briefe einfach zu ordnen, abzuschreiben ^ alleofolls noch mit einer Einleitung zu versehen hall^. ?iO>\VÄ

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die Handschrift hier nicht abgeschlossen werden, so sind die darauf folgenden Einträge aus dem Meister- und Pflegermemorial ganz unverständlich. Diese Teile können nicht schon fertig aus einer anderen Handschrift herübergenommen worden sein, denn sonst könnten sie nicht auf das Briefbuch ausdrücklich Bezug nehmen (118*40). Sie sind vielmehr mit der Anlage des Brief buchs erst geschrieben worden, nur dazu bestimmt, den unbeschrie- benen Rest der 3. Lage auszufüllen. Nikolaus von Löilren bricht aber damit bald ab und trägt abermals zwei Briefe (16 und 17) in die Handschrift ein, die ganz treffend die 3. Lage schließen sollten. Immerhin blieb auf der letzten Seite (Bl. 46^) der 3. Lage- noch etwas Platz frei, auf welchem später der Pflegereid nach* getragen wurde, der ebenso wie die vorausgegangenen Materien aus dem Meisterbuch und dem Pflegermemorial mit dem Briefbucb eigentlich nichts zu tun hat.

Eine nicht geringere Regellosigkeit herrscht im dritten Teil oder in der 4. Lage der Handschrift. Es folgen zunächst drei Briefe (126*24 ff.); alle drei betreffen Nikolaus von Löwen. Der erste ist an den Gottesfreund von Nikolaus von Löwen gerichtet, die beiden andern sind Briefe des Gottesfreundes an Nikolaus von Löwen. Die diesen Briefen folgende Ermahnung mit historischen Notizen über Rulmann Merswin und die Gottesfreunde würde den Ge- danken nahelegen, dal] hier endlich das Brief buch seinen Abschluß gefunden hätte. Doch gleich darnach folgt abermals ein Brief de& Gottesfreundes im Auszuge als Nachtrag (148*23). Darauf geht der Schreiber zu verschiedenen Traktaten über, die im bunten Durcheinander aufeinanderfolgen, und bei denen wir nur sagen können, daß sie lediglich dem Zufall und der Laune des Schrei- bers ihre Entstehung verdanken, aber mit dem Briefbuch und seinem Zwecke j-chlechterdings in keinem Zusammenhang stehen. Doch unversehens stoßen wir mitten unter diesem verschieden- artigen Inhalt abermals auf einen Brief des Gottesfreundes an Nikolaus von Löwen (154*8). Sein Inhalt ist nicht unwichtig,, denn er handelt von dem Fünf-Mannenbuch und der Anweisung, in welcher Weise es Nikolaus von Löwen abschreiben sollte. Man hätte also erwarten dürfen, daß dieser für das Fünf- Mannenbuch so wichtige Brief auch an jenem Platze des Brief- buchs steht, wohin er gehört: in der ersten Lage des Brief buchs.

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beim Text des Fünf-Mannenbuchs. Warum er dort seinen Platr nicht fand, werden wir später sehen; für jetzt genügt es festzu- stellen, daß sich dieser Brief seiner Schrift nach als späterer Nachtrag erweist, nur in das Briefbuch geschrieben, weil nach Vollendung desselben auf Bl. 75^ noch ein unbeschriebener Raum übrig war.

Die ganze Anlage des Briefbuchs ist demnach keine ein- heitliche, obwohl die Einleitung wenigstens von einer gewissen Einheit spricht. Wenn dort von einer Unordnung in der Reihen- folge der Briefe gesprochen wird, ab der „nieman irren sol in vür- witziger zwifelunge" (65*4), so wollte der Schreiber damit bloß die Unordnung in der Datumsfolge der Briefe des ersten Teils recht- fertigen, da der Schreiber hier absichtlich der chronologischen die sachliche Ordnung vorgezogen habe; denn e3 ist durch die Anlage der Handschrift nicht notwendig bedingt, daß die Einlei- tung sich auch auf die Briefe der 3. und 4. Lage beziehe. Sie hat ihre volle Geltung für die Briefe der ersten zwei Lagen, da diese Briefe wohl eine sachliche, aber keine chronologische Reihen- folge aufweisen.

Man könnte versucht sein, noch auf eine andere als die obige Weise die Entstehung der Handschrift zu erklären. Es ist ja eine vielfach beobachtete Erscheinung, daß bei Anlegung einer Handschrift mehrere Schreiber zu gleicher Zeit tätig sind und jeder seine Lage beschreibt, oder auch daß ein einzelner Schreiber zu gleicher Zeit an verschiedenen Lagen schreibt, die später zu einem ganzen vereinigt werden. Allein diese Entstehungsart ist bei dem Briefbuch vollständig ausgeschlossen. Das Brietbuch weist in seiner Schrift nur eine einzige Hand auf, und auch die einzelnen Lagen sind nicht zu gleicher Zeit, sondern nacheinander beschrieben worden. Das zeigt der Übergang von Lage eins auf zwei mid zwei auf drei deutlich, ebenso ninmit die 4. Lage Be* zog auf die schon vollständig geschriebenen vorausgehenden drei Lagen (140*15).

e) Wenn wir uns nach der Entstehungszeit der Hand- schrift umsehen, so führen schon die allerersten Blätter des Brief buchs Rulmann Merswin als verstorben ein. Das Brief buch ist demnach erst nach dem Tode Rulmanns geschrieben. Weiterhin ist der erste Brief an den Komtur des Jobanniterhauses gericYüBt, ,A^

«0

^ozwmofe brüder Heinrich von Wolwasch" (73*17) war. Auai diesem Ausdrucke geht zur Genüge hervor, daß zur Zeit der Anle- gung des Brief buchs Heinrich von Wolfach nicht mehr Komtur zu Straßburg war; nicht aber folgt daraus, daß er schon gestorben ivar. Heinrich von Wolfach kehrte nämlich um das Jahr 1390 in das Johanniterhaus zu Freiburg i. Schw. zurück, aus dem er nach Straßburg versetzt worden war. ') An seiner Stelle erscheint im Juli 1392 urkundlich zum erstenmal „Erhard Thoman, komtur zu Straßburg". Auf die Zeit nach 1390 verweisen uns auch die Stellen 139*17, 30; 140*28, wo die Jahre 1389 und 1390, und 72*19; 117*9; 156*8, wo Konrad von Braunsberg als verstorben erwähnt ist.

Die drei nach Anlegung des Brief buchs noch lebenden Pfleger, welche 155*20 genannt werden, sind: Johann vonKageneck, Nikolaus Jung und Adam Löselin. Johann von Kageneck ist zum erstenmal als Pfleger genannt im Jahre 1390, Nikolaus Jung ums Jahr 1392. Beide sind 1408 noch am Leben. Adam Löselin erscheint zum erstenmal im Jahre 1406. Wie lange er vorher schon sein Pflegeramt ausübte, steht nicht fest, da das Todesjahr seines Vorgängers Paul Mosung, der als Pfleger ums Jahr i;>93 erscheint, unbekannt ist. Diese Angaben fuhren uns also auf die Jahre 1392-1408. ^)

Bei Anlage des Briefbuchs muli ferner Nikolaus von Löwen (gest. 1402) noch am Leben gewesen sein, wie die Lebensbeschrei- bung 157*24 beweist, auch wenn sie nicht eigenhändig geschrie- ben wäre.

Fassen wir alle Punkte zusammen, so ist die Abfassungs- -zeit des Brief buchs in die Jahre i;>90-1402 zu verlegen.

f) Außerdem setzt das Brief buch eine Reihe anderer ürkunden- bücher als seine Quellen und Vorlagen voraus, ist also der ^eit nach auch von diesen abhängig.

*) Nach 140*83 waro Heinrich von Wolfach schon im Jahre 1389 zu Froi- burg gewesen. Kr erscheint urkundlich zum letztenmal 13S9 Juli 20 (Straßburger U-B. VII, 702). Sein Nachfolger Krhard Thoman wird 1392 Mdrz 6 noch als ,,frater'' und Kouventual des Johannitorhauses bezeichnet (U-B. VII, 730), und er- scheint als Komtur erstmals 1392 Juli 30 (l'-B. VII, 749).

*) Eine Zusammenstellung der Pfleger enthält die Hs. G S. 284 ff., der die -obigen Daten, welche nach Kopb. 1618 des StraCburger Bczirksarchirs geprüft vrurden, entnommen sind.

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So werden die „drü Urkunde bücher dez huses zu der» Grunenwerde^* genannt 64*17; 73*4; 116*36; 119*29. Es sind darunter verstanden das Lateinische, das Große Deutsche und das Kleine Deutsche Memorial. Von dem lateinischen Urkundenbuch wird außerdem der Inhalt des 29. Kapitels angegeben (146*25)t. welches mit den Angaben Götzmanns übereinstimmt. Auch dort bildet die „hinderste früntliche vermanunge und minesame stroffiing und letze" Rulmann Merswins das 29. Kapitel. Mit dero 29. Kapitel des Lateinischen Memorials korrespondierte das 18. Ka-^ pitel des Kleinen Deutschen Memorials. (Siehe oben S. 48).

Die drei Pflegermemoriale werden angeführt 117*3; 119*32 v 139*37 und der Text des 25. Kapitels mitgeteilt

Von den zwei Übriggebliebenen Lateinbüchern spricht das Briefbuch 119*34.

An den verschiedensten Stellen (116*27 ff.) wird sodann das. .iMeisterbuch" oder das Meistermemorial genannt, dessen Inhalt wir noch näher zu betrachten haben.

So geben uns alle diese Stellen sichere Anhaltspunkte für die Entstehungszeit des Briefbuchs, denn es ist klar, daß es erst nach den bisher behandelten Urkundenbüchern verfaßt sein kann und zwar schon in seinem ersten Teü nach 1390, in seinen übrigen Teilen erst nach den Pflegermemorialen, dem Meistermemorial und den beiden Übriggebliebenen Lateinbücher.

g) Der innige Zusammenhang, in welchem das Briefbuch mit den andern Memorialbüchern des Johanniterhauses steht, zeigt». daß es auch denselben Verfasser hat wie die übrigen ür- kundenbücher. Schon die ganze äußere Gestalt des Briefbuchs stimmt mit dem zweiten Übriggebliebenen Lateinbuch vollständig, öberein, so daß beide ein und denselben Urheber haben müssen^ Audi die Entstehungszeit des Briefbuchs spricht nicht dagegen, da es noch vor dem Tode Nikolaus von Löwens geschrieben ist. Und was hätte die eigenhändige Lebensbeschreibung Nikolaus von Löwens am Schlüsse des Briefbuchs für einen Zweck, wenn er daran keinen Anteil hätte? Daß diese Lebensbeschreibung aber eigenhändig ist, wird niemand bezweifeln können. In der ersten Person spricht Nikolaus von Löwen ferner von sich 149*27 ^ wo er seine Anwesenheit auf dem Beerenberge bei Winterthur erwähnt An verschiedenen anderen Stellen sodann etseYiÄxvV

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^ein Name, und dieser allein von allen Brüdern, in der dritten Person. Wie oft wird nicht in der Einleitung zum Briefbuch, 5odann wieder 138*15 ff. betont, daß Nikolaus von Löwen all sein Wissen von Rulmann Merswin habe, der ihn über diese Dinge unterrichtete. Aus all dem erhellt zur Genüge, daß Niko- laus von Löwen der geistige Urheber des Brief buchs ist, nicht jedoch in dem Sinne, daß er nur die Anlegung des Brief buchs veranlaßt und den Text desselben durch andere hätte schreiben lassen, sondern er hat das Briefbuch auch selbst geschrieben, wie es die Schrift des Briefbuchs zu beweisen imstande ist,

h) Zur Beurteilung der Schrift sind dieser Abhandlung drei Schriftproben in photographischer Wiedergabe beigegeben. Ab- gesehen von dem Fünf-Mannenbuch und dem Büchlein von den Vier-Jahren, deren [Schriftzüge besonders zu behandeln sind, sind im Brieibuch zwei Schriftarten zu unterscheiden:

In Schrift 1 ist die eigenhändige Lebensbeschreibung ge- schrieben (156*26); sodann die Nachträge: 11^ (72*16) J)is ist eine roberike" und Bl. 75** (154*8): Brief des Gottesfreundes an Nikolaus von Löwen. Von derselben Hand ist das Datum der Briefe auf Bl. 16^ (81*23), 19^ (88*31), 29* (108*7), 44^ (122*12), 51^ (137*20) nachgetragen; von ihr stammen auch alle Korrek- turen in den Traktaten von Bl. 56 an.

In Schrift II ist alles übrige geschrieben. Ein eingehender Vergleich beider Schriften zeigt, daß beide Schriftzüge von einer Hand stammen müssen. Jedoch stammen beide aus verschie- dener Zeit und sind mit verschiedener Federhaltung geschrieben. Daher erklärt sich der Eindruck des Verschiedenartigen, den die Schriften im ersten Augenblick auf den Leser machen.

7. Das MeistermemoriaL

Pflegermemorial und Briefbuch setzen uns instand, den In- halt des Meistermemorials festzustellen, das weder im Ori- ginal noch in Abschrift auf uns gekommen ist.

Neben den drei Pflegermemorialen wird das Meisterbuch als „viertes^^ Memorial bezeichnet und sein Inhalt im allgemeinen dahin bestimmt, daß es „glich sprechend-' sei ,.in allen worten und materien*' mit dem Pflegermemorial (159*10). An anderer Stelle wird

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€s einfach eine „abgeschrift eigentliche von worte zu worte des memorials der drier weltlicher pflegere" (117*2) genannt; nur Titel, Prolog und Rubriken mußten selbstredend sachgemäß verändert werden.

Der Prolog zum Meistermemorial ist uns im Pflegermemorial sowie in etwas abweichender Form im Brief buch erhalten (1 16*39 ; 159*15; 220*30).

Wie das Pflegermemorial, war das des Meisters in drei Ma- terien geteilt Gründungsgeschichte und der Stifter-Leben und zählte 24 Kapitel. Das 24. Kapitel enthielt die Urkunde Kon- rads von Braunsberg von 1385. Als Schluß folgte eine Ermah- nung an aUe künfligen Meister in einem Gedichte (72*16). Das Meister- memorial war besonders kostbar angelegt und mit prächtigen „Figu- ren*' bemalt (151*12), deren Sinn beigefügte Gedichte auslegten. Die Gedichte sind im Briefbuch angeführt und berichten Einzelheiten aus der Geschichte des Hauses, so die Übergabe desselben an den Johanniterorden durch Rulmann, die Vision des Gottes- freundes über den Bau des Klosters usw. Ebenso enthält das Briefbuch den Widmungsbrief, mit welchem die Johanniterbrüder das Memorial dem obersten Meister überreichten (155*31 ; 220*22). Man hat bisher allgemein angenommen, daß dieses Meistermemorial für den ersten Ordensmeister KonradvonBraunsberg angelegt worden sei. Allein der Dedikationsbrief selbst sowie eine Stelle in dem noch zu behandelnden erweiterten Pfleger memorial (220*14) zeigen deutlich, daß der betreffende oberste Meister weder Konrad von Braunsberg noch sein Nachfolger Friedrich von Zollern, sondern «rst des letztern Nachfolger Hesso Schlegelholz war. Als dieser zum Johannitermeister der deutschen Provinz bestimmt, bei Antritt seines Amtes von „Rodis" herüberkam, wurde ihm das Meister- Daemorial überreicht, damit er aus ihm ersehen möge, daß das nOrdenshus zu dem Grünenwerde von den sunderlichen fründen gotlz in großer heilikeit und in guter erberkeit mit geworen rede- lichen Urkunden gestiftet ist worden" (156*5). In Anbetracht dessen sollte er dann das Haus in derselben Ordnung regieren, wie es die Stifter und seine Vorfahren gemeint haben (156*23).

Außerdem fiigt der Widmungsbrief noch die Bemerkung bei, ^ Konrad von Braunsberg „öch ein memorial hette und haben Volte glich disem selben buch'' (156*18). Diese Angabe toou '^^dödö.

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vor einer kritischen Betrachtung nicht standhalten, denn in jener Zeit gab es noch kein Meistermemorial, da die Pflegebücher, welche dem Meisterbuch zeitlich vorausgiengen, erst nach dem Tode des Konrad von Braunsberg entstanden sind. Darum erwähnt auch das Große Deutsche Memorial noch nichts von einem Meister- memorial, das dem ersten Johannitermeister vorgelegen hätte, ob-» wohl gerade der angebliche Bestätigungsbrief Konrads von Brauns- berg über die drei Urkundenbücher des Johanniterhauses Nikolaus von Löwen darauf hätte führen können.

Ihrer Glaubwürdigkeit wird obige Bemerkung auch beraubt durch den Zusatz, daß ein solches Memorial zu Konrad von Brauns- bergs Zeiten nicht so notwendig war wie jetzt (15G*20), weU in gegen- wärtigen Zeiten die Meisterschaft zu leicht die Gründungsweise und die Herkunft der dem Johanniterhause zum Grünenwörth eigentümlichen Statuten vergessen könnte.

Wie die Pflegermemoriale, so verdankt auch das Meistermemo- rial einer „frommen Stiftung" seine Entstehung (117*17), d. h. die Herstellungskosten der Handschrift trug nicht das Johanniterhaus, sondern eine Privatperson stiftungsweise. Die Aufsicht über dieses Memorial war den drei Pflegern übertragen, welche bei jedem Wechsel in der Meisterschaft dafür Sorge zu tragen hatten, daß der jeweilige Nachfolger in den Besitz desselben gelangte (159*24 ff.).

Da das Meistermemorial einerseits die drei Pflegerbücher zur Voraussetzung hat und andererseits auf den Amtsantritt des Hesso Schlegelholz hin angefertigt wurde, fällt seine Entstehungszeit nach 1391, aber vor das Jahr 1399, da in diesem Jahre Hesso Schlegelholz urkundlich zum erstenmale als „meister in allen lutschen landen" erwähnt wird^).

8. Das erweiterte Pflegermemorial.

Eine Art Nachlese zu allen vorhandenen Urkundenbüchern, den lateinischen wie deutschen, bildet das erweiterte Pflegermemo- rial, wie wir es nennen wollen (210^11.). Wir besitzen davon noch

M Hesso Schlegelholz erscheint erstmals als ..meister zu tütschen landen"

1:399 Juni 30: Kojib. IGlö, Straßburtror Bozirksarchiv; ebenso 1399 August 21:

Straßburger U-B. VII, 802. 138« Mai 28 wird er urkundlich aufgeführt als : zu

dJNen zyten castellan zu Rudis, couim»»ndür zu Rotwilre, vorziten . . . coDimendür und

pfleg'or dt'S Inisos zi'i Stetzstat und zu Bergheim (Kopb. H)18 Bl. 81*).

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zwei spätere Abschriften, von denen die eine in der Handschrift H 2190 des Straßburger Bezirksarchivs, die andere in der Handschrift B 54 des dortigen Stadtarchivs erhalten ist. Obwohl beide vollständig miteinander übereinstimmen, so schöpfte doch nicht eine aus der andern, sondern beide gehen auf das Original zurück, nur be- hielt B 54 den altertümlichen Dialekt besser bei als H 2190.

Was dieses Memorial ursprünglich für einen Titel trug, ist uns nicht bekannt. Erweitertes Pfleger memorial kann man es deswegen nennen, weil es die Pflegermemoriale samt dem Meister- memorial zur Voraussetzung hat und in seinem Inhalt sich durchweg an dieselben anlehnt, jedoch der' Zeit entsprechend, in der es entstanden, gegenüber erstem viele Zusätze und Erweite- rungen des Textes aufweist. Eine Übersicht über seinen Inhalt wird dies am besten klar machen.

A. Erster Teil.

1. Einleitung: Spitalbau betr. (210* 1-211*3).

2. Hauptteil:

a) 1. Materie:

Gründungsgeschichte des Johanniterhauses. Zusatz in Kapitel 9 : Brief des Hesse Schlegel- holz vom 25. Juni 1401 u. Traktat: „Werg dererbermde" (211*4-213*16).

b) II. Materie:

Vier-Jahre Rulmann Merswins.

Zwei Parenthesen in Kapitel 16: betr. Neun

Felsen und Zwei-Mannenbuch (195*39 und

W7*7J,

c) III. Materie:

„Hinderste strolfunge" Rulmann Merswins mit Prolog (213*20 ff'.).

d) IV. [III!] Materie:

Fünf-Mannenbuch mit selbständiger Einlei- tung (Wi^l Spalte 2).

3. Historischer Epilog:

„Dise vorgeschribenen lieben freunde . . ." (218*12-220*8). .

Nachtrag ;

1. Urkunde Konrads von Braunsberg über die dre) Urkundenbücher von 1385.

2. Pflegereid von 13'.tü.

3. Selilußbemerkung undltegleilbrief zumMeistermenio« rial des Hesse Selilegelliolz samt Prolog (220*11 ff.^

B. Zweiter Teil.

1. Ordoung der Mindern-Bruderschaft (221*1).

2. Ordensprivilegien, dem „Register Konrads von Brauns- berg'- entnommen {221*36).

3. Übersetzung des Gedicbles: De thesauris summi regis.

4. Gedicht über Privilegien der Mindern-BrudersohaiL'

5. Text des Gedichtes: De thesauris summi regis.

6. Traktat für eüie „Gottesminnerin" mit der Mahnuiig,J aic'h zu Grunde zu lassen und von allem abzn^. scheiden (22y4).

7. Pflegerstatut aus späterer Zeit (223*20). Das vorliegende Memorial labt sich demnach in zwei

trennte Teile scheiden. Der erste Teil hatte die drei Pfleger^ memoriale zur Vorlage, wie aus dem Schlüsse des ersten Teils hervorgeht ^le dise vorgeschribenen materien von der stilttmg und der Stifter leben des huses zu dem Grünenwerde", heißt es 220*11, tiSint geschriben us der drier weltlicher pflegere memoriale bücher". Der erste Teil besteht aus einer kurzen Einleitung über den Spitalbau, ein Auszug ans dem Großen Deutschen Memo- rial 7*34 ff. Diese Einleitung steht nur in Handschrift B 54; die entsprechenden Blätter von H 2190 sind herausgeschnitten.

Darauf folgt der Hauptteil mit den aus dem Pflegerbueh be- kannten Materien: Gründungsgeschichte und der beiden Stifter Leben, jedoch mit selbständigen Zusätzen in Kapitel 9 und 16 des Pllegermemorials. Ein selbständiger Abschnitt ist auch die „bm- dtfste stroSunge" Rulmanns, die in keinem der Pflegermemoriale steht Sie ist dem Kleinen Deutschen Memorial entnommen, wo sie das 18. Kapitel und die „dirte materie" bildete, wie wir aus dem Briefbuch wissen (146*27). Darum wurde auch hier die letzte Er- mahnung Rulmanns als „dritte Materie" eingefligt. Demgemä0

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hätte der Schreiber das nun folgende Fünf*Mannenbueh als ^vierte Materie"^ bezeichnen müssen, er bezeichnet es aber als ,4ritte*^ Materie, weil das Fünf*Mannenbuch in den Pflegermemorialen wie in dem Meistermemorial stets die ,4ritte Materie^ bildeta So sklayisch hielt sich also der Schreiber an seine früheren Vorlagen!

Den Epilog endlich (218*12) finden wir im Briefbuch wieder, jedoch mit einigen Text-Abweichungen. Die Nachträge dagegen sind teils den Pflegermemorialen, teils dem Briefbuch entnommen.

Der zweite Teil der Handschrift hat ein lateinisches Memo« rial zur Vorlage, das wenigstens 106 Kapitel zählte. Wir haben früher (S. 47) darauf hingewiesen, daß dieses das „Große Latei- nische Memorial'^ sein muß, dessen Schluß das 109. Kapitel mit dem Gedichte: „De thesauns summi regis^^ bildete. Auch dieses Gedicht findet sich in vorliegendem Memorial wieder und zwar UH lateinischen Urtext wie in deutscher Übersetzung. Das Ge- dicht über die „Privilegien der Mindem-Bruderachaft'* ist nur eine Nachbildung des ersteren und stammt wohl aus dem Bruder^ schaftsbuch. Den Schluß des Memorials bilden Statuten für die drei Pfleger.

Als seine Vorlagen bezeichnet das erweiterte Pfleger- memorial zunächst die drei Urkundenbücher des Johanniterhauses inj allgemeinen 219*13, 222*31; sodann die drei Pflegermemoriale 200*13; das Memorial des obersten Meisters 220*15, 27; das Große Lateinische Urkundenbuch 221*35 0, das Brief büchlein 218*25, 219*2 und das Bruderschaftsbuch 221*19.

Da vorliegendes Memorial alle genannten Urkundenbücher wenigstens in ihren Hauptteilen zur Voraussetzung hat, kann es auch erst nach diesen, also erst nach 1393, entstanden sein. Noch genauer läßt sich die Zeit bestimmen, da die erste Materie eine Ur- l^unde des obersten Meisters Hesse Schlegelholz, vom 25. Juni 1401 ^lauert, enthält Um diese Zeit muß also das erweiterte Pfleger- 'Demorial entstanden sein, jedenfalls noch vor Nikolaus von Löwens

^j Ebenso wird das Große Deutsche Memorial bei der Aufzäbluug der Ablässe «rwihnt: „ouch gii hobest Honoi'ius an dem catfritage, an des heiigen crätzsa ^^ m dem herbeste und an dem vocabde fest dri stunt in dem jare xl jor und ^ ceLrm$H in einer sunderept bullen, ist von irorte zu irm-te ganz gesckriben in ^ Sihs ufid hundersten capiteJe des latinen Urkunde buchs zu dem Grünenwerde ^'^ anevokende: Üna cum fratribus nostris cardinalibu».^^ S'\ft\ift o\>e»w^, k\.

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Tod (gest. 3- April 1402). Ob Nikolaus von Löwen das Buch noch eigenhändig geschrieben oder durch einen andern hat ab- schreiben lassen, liiUl sich freilich nicht bestimmen. Lange Zeit war fiir dessen Anfertigung keineswegs erforderlich, da sein Inhalt mit geringen Au.'inahmen nur eine neue Zusammenstellnug schon vorhandenen Materials ist, so dali es gut in der Zeit vom Juni 1401 bis April 1402 vollendet werden konnte. An einer Stelle yerrät sich der Verfasser deutlich, wo er von dem Schwüre spricht, den die Mitglieder der Mindern-Bruderschaft schwören muUten, „alse ein erwürdiger comendure zu Klingenowe und zu Bubecon genannt bruder Wernher Schurer mit sin selbes munde seile bruder Claus von Löfene, eime convente briider zu dem Griinenwerde zu Strasburg desselben sante Johanns ordens, in den ziten, do ime die bruderschaft wart bevolhen anzuschribende* (22 mo).

Diese Stelle zeigt deutlich, dali auch das erweiterte PQeger- memorial vor dem Tode Nikolaus von Löwen? angefertigt wurde; denn wjre dieses Memorial erst nach dem Tode des Nikolaus von Löwen geschrieben worden, und hätte es jemanden anders als ihn zum geistigen Urheber, so hätte der Verfasser, der unter allen Umständen ein StraÜbui^er Johanniterbruder sein mull, an ge- nannter Stelle, dem allgemeinen Brauche entsprechend, nicht ver- fehlt, Nikolaus von Löwen als ,.selig", d. h. als verstorben zu be-

9. Das Broderschaftsbnch.

Neben diesen Memorialbüchem befand sich im Jobanniter- haus zu Strallburg noch ein Bruderschaftsbuch, in dem alle Per- äonen eingetragen waren, welche der grollen oder kleinen Bruderschaft des Hauses angehörten. Zur großen Bruderschaft wählten diejenigen, welche sich mit Leih und Gut dem Johanniter- haus verschrieben. Wir können sie als eigentliche „Ptründner" des Hauses bezeichnen, Ihr Gelöbnis bei der Aufnahme findet sich in der Handschrift Nr. 467 der Freiburger Universitätsbiblio- thek!). Die kleine Bruderschaft dagegen umfaßte alle, welche all- jährlich dem Johanniterorden ein bestimmtes Opfer gaben und

'J }ldherei lieba ob«D iu dem K&pitel ,Dio beuQtiteD üandschnnea und Urkuodsn.*'

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versprachen, auch in ihrem Testamente das Johanniterhaus be- denken zu wollen. Bei ihrer Aufnahme gelobten sie darum, dem Orden treu zu sein, seinen Schaden zu wenden und seinen Nutzen zu {ordern und sich lebenslänglich „zinßhaft^^ zu machen, auch „etwas zu besetzende noch [ihrem] tode zu einer gedehtnis". Darauf wurden sie aller guten Werke, die im Orden geübt wurden, teilhaftig, ebenso aller Ablässe, welche je die Päpste dem Orden verliehen haben und noch verleihen werden.

Diese Bruderschaft verdankt ihre Einführung Nikolaus von Löwen, der auf den Rat des Johanniterkomturs von Klingnau; Bruder Werner Schurers, dieselbe auch im neu gegründeten Hause zum Grünenwörth einführte. Er legte demgemäß auch das Bruderschaftsbuch in der Weise an, daß jede Person nach dem Anfangsbuchstaben ihres Namens auf das betreffende Blatt der alphabetisch registrierten Handschrift eingetragen wurde. Dem Namen folgte eine kurze Skizze des Lebens samt Au&ählung der dem Hause etwa erwiesenen Wohltaten oder zugewendeten Gaben (221*19 ff.).

Von dem Bruderschaftsbuch erfahren wir auch durch Götz- mann, der aus. ihm einige Auszüge bringt^).

Aus dem Bruderschaftsbuch heraus erwuchs nach dem Tode Nikolaus von Löwens die Anlage eines Nekrologs, dessen wir be- reits in einem früheren Abschnitte gedacht haben^).

B. Die Memoriale in ihrer gegenseitigen

Abhängigiceit.

Nachdem wir des näheren das Material unserer Untersuchung ^d dessen Inhalt einer Prüfung unterzogen haben, ist es ange- bracht festzustellen, wie die einzelnen Urkundenbücher sich zu einander verhalten. Es wird dies zugleich die Übersichtlichkeit erhöhen und vor Fehlschlüssen bewahren.

') Hs. G S. SQlH, Paruacb stund im Bruderschaftsbuch, welches das Biblio- ^'^«ksieicheii -F trüg, am 17. Blatt der Ordoungsbrief dos Hosso Schlogelholz vom 2ö. Juni 1401.

*) Vgi obep dAS KapitpJ ; ^Die henützton Handschriften und l^Tkun^^^.'*

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1. Der Redaktor sämtlicher für die Gottesfreundfrage in Be* tracht kommenden Urkundenbücher des Jobanniterhauses ist Nikolaus von Löwen. Diesen Fundamentalsatz, der aus der bi^rigen Untersuchung gewonnen wurde, sei hier vorangestellt, weil er auf einen Schlag mit sehr vielen Irrtümern aufräumtt welche bisher über die Gottesfreundhandschriften in Umlauf war^i. Ob Nikolaus von Löwen alle Urkundenbücher eigenhändig ge* schrieben oder beim Schreiben die Unterstützung seiner zwei Ge- nossen, des Nikolaus Zorn und Heintz von Andlau fand, sei dahingestellt Ersteres ist wahrscheinlicher als letzteres. Mit Sicherheit läßt sich vorerst nichts feststellen, da der größere Teil der Memorialbücher verloren ist. Und selbst wenn alle Hand-» Schriften noch vorhanden wären, würde man auf dem Wege der Schriflvergleicbung allein schwerlich zu einem sichern Ergebnis gelangen, da die sog. gothische Schrift, in der die Urkundenbücher geschrieben sind, zu wenig individualistisch ausgebildet ist, um etwa zwei oder drei verschiedene Hände, die zu gleicher Zeit und am gleichen Orte schreiben, erkennen zu lassen. Auch sind die noch vorhandenen Originalhandschriften keineswegs in einem Zuge ge- schrieben ; sie bestehen vielmehr aus verschiedenen, mehrere Jahre auseinanderliegenden Teilen, die, wenn auch von derselben Hand geschrieben, doch mit den Jahren veränderte Schriftziige auf- weisen müssen. Die Möglichkeit also, daß Nikolaus von Löwen alle Urkundenbücher ohne fremde Hufe geschrieben hat, wird des- halb kaum bestritten werden können. Selbst bei der Annahme, daß Nikolaus von Löwen erst im Jahre 1390 mit der ersten Hand- schrift begonnen hat, konnte er in zwölf Jahren die neun aufge- führten Urkundenbücher vollendet haben, umsomehr, da dieselben, wie wir noch genauer sehen werden, großenteils nur Abschriften von bereits vorhandenem Material sind, das geschickt verteüt und an- einander gereiht wurde.

2. Alle Urkundenbücher des Johanniterhauses, welche mit der Gottesfreundfrage zusammenhängen, sind erst nach dem Tode R u 1 m a n n M e r s w i n s angefertigt worden. Daß damit die Frage, welchen Einfluß Rulmann Merswin auf den Inhalt dieser Urkunden- bücher ausübte, aufs innigste niitberührt wird, ist einleuchtend. Wohl wird man aus dieser Tatsache nicht ohne weiteres den

Schluß ziehen dürfen : also hat Rulmann Merswin mit dem ganzen

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Inhalt der Handschriften nichts zu schaffen. Aber dieser Umstand wird doch die Behauptung derer in Frage stellen, die da sagen, Ruimann Merswin ist allein der Fälscher der Gottesfreund- sehriften, umsomehr, wenn wir sehen, daß erst ein Jahrzehnt nach Rulmanns Tode die wichtigsten Bücher man denke nur an das Briefbuch entstanden sind. Die beiden angeführten Thesen bilden demnach die feste und unerschütterliche Basis, auf dem wir die Gottesfreundfittge aufbauen, um dadurch zur richtigen Lösung zu gelangen.

3. Wenn man die zeitliche Aufeinanderfolge der Hand- schriften bestimmen will, so ist wohl im Auge zu behalten, daß von önem Nacheinander derselben nicht in dem Sinne die Rede sein kann, als ob erst nach völliger Vollendung des einen Urkunden- buches das andere in Angriff genommen warde. Die einzelnen ürkundenbücher laufen vielmehr nebeneinander her, und von einem Nacheinander kann jeweils nur bei dem ersten, ur- sprünglichen Teil der Handschriften die Rede sein. In diesem Sinne bilden die beiden Memoriale: das Erste Lateinische- und das Große Deutsche Memorial die Grundlage aller anderen später angelegten ürkundenbücher des Hauses zum Grünenwörth. Beide batten einen ganz verschiedenen Inhalt, aber einen Inhalt, der sieb gegenseitig ergänzen sollte. Davon war das eine Urkunden- buch in lateinischer, das andere in deutscher Sprache abgefaßt, ein Umstand, der die Benützung des lateinischen Memorials, das zum Verständnis des Großen Deutschen Memorials doch durch- aus notwendig war, den Laienbrüdern des Johanniterhauses un- niöglieh machte. In seiner Fürsorge für alle Brüder faßte darum Nikolaus von Löwen den Entschluß, diesem Mißstand abzuhelfen. Er übersetzte das lateinische Memorial, aber zunächst nur die Materien, welche für die Geschichte des Johanniterhauses am wichtigsten waren. Das waren die drei Stücke: Gründungsge- scbiehte und die Viten der beiden Stifter: das Büchlein von den Vier-Jahren und das Fünf-Mannenbuch. So entstand das dritte der ofBziellen Ürkundenbücher, das Kleine Deutsche Memorial. Als Anhang brachte dasselbe den Begleitbrief zum Meister- buch sowie die Sakramentspredigt, beides Abschnitte aus dem sogenannten Meisterbuch. Alle drei Memorialbücher konnten in ihrer ursprünglichen, einfachen Gestalt in den Jahren \^%^-\?>%b

ang^ertigt seio. Da vollzog, sieh im letzten Dezemiium des 14. Jahrhunderts ein vollständiger Uniäcliwung, der sich in ganz .nogewöbnlicben und seltsamen -Manipulalionen, die Nikolaus von tiSwea^aaden bereits bestehenden Haiidscliriften vornimmt, kund gibt Wie von ungdahr wurde Nikolaus von Löwen imie, dali dCT Text des lateinischen Memorials mit dem deuLscheu Texte. wie er aus dtan Munde des Gotleafreundes hervorging, nicht mebr übareinstimmte. Er zerteilte darum da^ lateinische Memorial, da^ bisher die erste Rolle gespielt hattf, in zwei liücher und benannte ue mit dem Namen t^übriggebliebciu"' Laleinbiicher. So ward das Erste Lateinisdie Memorial seines uri^priin^lichen Wertes be- raubt und a«f die Seite gesetzt, wit- es schon im Wort „übrig- gi^^ben'* deatUch genug ausgedriickt i^t, und wodurch Nikolaus yoD Löwea seine ganze Tätigkeit aurdeckt. Dal) solche Vorgänge nicht ohne Einfluß auf dm ursprünglichen Text des Grollen- und des Kleinen Deutschen Memorials blieben, ist leicht erklärlich. Auih sie erfuhren mannigfache yeräaderungen. Dem Großen Deutschen Memorial wurde ein zweiler -Teil mil neuem Titelblatt beigenigt nnd an dem älteren Teil maon^&che und nicht unwichtige Ände- rungen durch Rasuren und Korrekturen voryenummen. Gleiche Vorgänge werden sich an dem Text des Kleinen Deutschen Me- morials abgespielt haben, wenn wir dieselben auch nicht mehr feststellen können, da die Originalhandschrift verloren gegangen ist An Stelle des Ersten Lateiuischen Memorials trat nun eine lieue verbesserte und vermehrte Auflage, das Grolle Lateinische Memorial. Auch das Kleine Deutsche Memorial hatte eine ver- besserte aber gekürzte Auflage in den drei Pflegermemorialen er- halten, zu deren SchaiTung äullere geschichtliche Vorgänge, die sich ums Jahr 1393 im Johanniterhause abspielten und weiter unten zu besprechen sind, den Anlali gegeben haben. Während die ersten drei Urkundenbücher zunächst nur Tür die Brüder des Hauses und zu historischen Zwecken bestimmt waren, sollten die drei Pflegerqiemoriale mehr praktischen Zwecken dienen, um in den drei Pflegern jene Gesinnung gegen das Haus wach zu halten, wie es der ausdrückliche Wunsch und das Verlangen der gott- seligen Stifter des Johanniterhauses von Anfang an gewesen war. Ein ums Jahr 1399 eingetretener Weclisel im Amte des Johannitermeisters in deutschen Landen gab den Anlaß, auch

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diesem ein den Pflegermemorialen gleichlautendes Exemplar zu \^idmen, um seine Sympathien zu gewinnen und jeden Eingriff in die ganz eigenartigen Konstitutionen des Hauses zu verhüten. Auch diese vier Memoriale erleiden im Laufe der Zeit mannig- fache Abänderungen und Zusätze vor allem vom 25-31. Kapitel ihres Inhalts.

Um die gleiche Zeit, d. h. zwischen 1394 und 1400, denkt Nikolaus von Löwen auch daran, die allerwichtigsten Schriften der beiden Stifter des Hauses, des Gottesfreundes vom Oberland und Rulmann Merswins, ihre eigenhändigen Lebensbeschreibungen und ihren Briefwechsel, in einem eigenen Ürkundenbuch, dem: er den Namen Brief buch beilegt, zu sammeln. Damit hatte Nikolaus von Löwen sein Ziel erreicht, zwar spät und in der regellosesten Aneinanderreihung, von der das Briefbuch Kunde gibt, aber immer noch vor dem Ende seines Lebens. Ja er hatte sogar noch die Muße, das Große Lateinische Memorial teils auszuziehen, teils zu übersetzen, um daraus das erweiterte Pflegermemorial zu schaffen. Es war wohl eines seiner letzten Werke. Der Tod nahm ihm im April 1402 die Feder aus der Hand, die er niit so vielem Fleiße Jahre hindurch als Sekretär Heinrich ßlankharts von Löwen wie Rulmann Merswins geführt hatte.

in.

Die Memorialbücher von Grünenwörth nadi ihren einzelnen Bestandteilen.

So verschiedenartig auch die Namen und die (xestalt der ürkundenbücher des Straßburger Johanniterfaanses sind, so Ußt sich doch ihr Hauptinhalt in vier Gruppen susammenfessen. Diese sind:

1. Die Chronik oder die Gründungsgeschichte von GrOnea- wörth zu Straßburg.

2. Die angeblich eigenhändigen Viten der beiden Gründer des Hauses: des Gottesfreundes und Rulmann Merswins.

3. Verschiedene aszetisch-mystische Traktate, angeblich verfallt von den genannten Gründern.

4. Der sog. Briefwechsel des Gottesfreundes vom Oberiand mit StraUburg.

Um einen sicheren Untergrund für: die folgende Untersuchung zu gewinnen, behandeln wir zuerst die Traktate, weil man von ihnen aus am besten beurteilen kann, von welchen Gedanken sich NUcolaus von Löwen bei seinen Arbeiten leiten ließ.

l. Die aszetisch-mystischen Traktote.

Bei den Traktaten können wir unterscheiden: solche, welche nur in deutscher Sprache, und solche, welche sowohl in latei- nischer als deutscher Sprache von Nikolaus von Löwen in die ürkundenbücher gesclmeben wurden. Ihrer zeitlichen Entstehung nach zerfallen sie in drei Abschnitte.

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a) Der Traktate erster Teil. Der erste Teil der deutschen Traktate 16 an der Zahl ist im Großen Deutschen Memorial enthalten, wo sie den ältesten Bestandteil der Hand- schrift bilden. Bei der kritischen Behandlung dorsdben ist der eigentliche Text dieser Traktate von . den Rubriken und einleiten* den Bemerkungen streng zu scheiden, da diese insgesamt von Nikolaus von Löwen stammen. Dies ist umsomehr im Auge zu behalten, weil die einleitenden Rubriken sich auf Dinge beziehen, welche für die Kritik sehr wichtig sind, nämlich auf die Herkunft und Deutung der Traktate.

Die 16 deutschen Traktate stehen im Großen Deutschen Me- nwrial in folgender Reihenfolge (20*29 ff.):

1. Zwei fünfzehnjährige Knaben.

2. Der gefangene Ritter.

3. Zwei Klausnerinnen: Ursula und Adelheid.

4. Zwei hl. Klosterfrauen im Baiernland.

5. Die geistliche Stiege.

6. Die geistliche Leiter.

7. Das Fünklein in der Seele.

8. Eine „letze" fiir einen jungen Ordensbruder.

9. Von einem eigenwilligen weltweisen Manne.

10. Eine dem Gottesfreund in der Christnacht zuteilgewordene Offenbarung.

11. Ein junger Weltmann, der Deutschordensherr wurde.

12. Eine Warnungstafel des Gottesfreundes.

13. Das Bannerbüchlein.

14. Die drei Durchbrüche.

15. Die sieben Werke der Barmherzigkeit.

16. Von der zuvorkommenden Gnade.

Von einer Wiedergabe ihres Inhaltes kann hier abgesehen werden ; man müßte nur wiederholen, was J u n d t bereits sehr aus- führlich behandelt hat.^) Außerdem ist der größte Teil der Trak- tole gedruckt, so daß sich jedermann ihren Inhalt vergegenwär- tigen kann.

Nikolaus von Löwen läßt in seinen einleitenden Bemerkungen keinen Zweifel daran aufkommen, daß nach seiner Ansicht allen

') Vor allem in seinem Werke: Rulman Merswia et Tarai de Dieu de TOber- ^. Paris 1890.

Trakten wirkliche Erlebiii»se:zu Grunde liegen. Die Perstonäi, die genannt sind, sind historische Personen und die Worte und Taten, die von ihnen beschrieben werden, sind wirklich0, greif- bare Geschehnisse. An erster Stelle steht unter den genanten Personen der Gottesfreund vom Oberland, Rtümann MerswlAs heimlicher Geselle, wie er immer genannt wird, der gerade so .wie Rulmann Merswin eine historische. Persönlichkeit gewesen seu

Auf die Frage,. wen die Traktate zum Verfasser .baben,.a&ft- wortet uns Nikolaus von Löwen ganz schlagfertig: alle Traktate stammen von den beiden Stiftern des Hauses (22*1), und zjnrar näherhin Nr. 1-12 vom Gottesfreund im Oberland, 13-16 dag^en von Rulmann Merswin, der sie jedoch nur auf An^gung des Gottesfreundes geschrieben h^t (22*4). Freilich kamen den Bfüdem des Johanniterhauses die Schriften des Gottesfreundes (Nr.. 1-12) nicht unmittelb^ von ihm zu, sondern durch Vermittlung Rul- manns. Rulmann aber erhielt sie in den ersten ..Jahren ^seines anfangenden Lebens^S d. h. nach Nikolaus von Löwen in den Jahrm 1348-1352. Dreißig Jahre behielt sie sodann Rubnaim im QesitEe, ohne sie auch nur einem der Brüder zu zeigen. Erst yier,:Jahre vor seinem Tode schrieb er sie den Brüdern .auf Wachsti^eh, ließ aber alle Orts- und Personennamen weg und verbrannte darauf sofort die Originale (19*35 ff.)-

Fragen wir Nikolaus von Löwen weiter um die Deutung, welche Stellen in den Traktaten von dem Leben und Wirken des üottesfreundes, welche von Rulmann Merswin handeln, dann lautet die Antwort ganz bestimmt und zuversichtlich: Men soU üllewegent in denselben bücJieren verston in dem Niderlender^ RuU' wan Merswines namme und bi dem Öberlender eines heinielichen gesellen namme, des lieben frnnt gottes in Oberlant, wo und wie dicke es iergent in allen disen bücheren und materien geschrtben stot (24"4). Das ist zeitlich die erste Deutung, die uns Nikolaus von Löwen mitteilt. Doch bald darauf verbessert er sich selber. Was er hier mit apodiktischer Sicherheit geschrieben, radiert und tilgt er wieder aus, um uns dafür in der nach Vol- lendung der 16 Traktate geschriebenen Vorrede eine andere un- bestimmtere Deutung zu geben. Da heißt es, daß in den Trak- taten enthalten sei, was die beiden Stifter von %r selbes leben und übunge geschriben hant und ouch von den sünderlichen erlühtef^n gottes

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(runden, die sie wol bekantent (20*26; 17*7). Darnach hätten wie also in den Traktaten das Leben und die Taten der beiden Stifter wohl von dem Leben und Wirken ihrer bekannten Freunde zu scheiden. Prüfen wir daraufhin die Traktate, so sagt uns Niko- laus von Löwen, daß in Nr. 1 unter dem Sohn des reichen Kauf- manns der Gottesfreund vom Oberland zu verstehen sei ; in Nr. 2 ist der ungenannte Berater des Ritters in seinen 9 Jahren der Gottesfreund. In Nr. 5 und 10 werden die dort erzählten Offen- barungen dem Gottesfreund zugeschrieben; in Nr. 6 ist der eine der Sprechenden der Gottesfreund, dagegen sind unter den anderen auftretenden Personen nicht mehr Rulmann Merswin, sondern dem Gottesfreund und durch den Gotteslreund auch Rulmann bekannte Freunde und Freundinnen zu verstehen i).

Aus diesen Ausführungen schon wird jeder erkannt haben, worauf es bei unserer Untersuchung allein ankommt. Es handelt sich lediglich darum, ob die Deutung, welche uns Nikolaus von Löwen von den Traktaten gibt, die richtige ist oder nicht. Aber ist denn Nikolaus von Löwen nicht glaubwürdig? wird man fragen. Haben wir überhaupt Grund, seine Glaubwürdigkeit in Zweifel zu ziehen, wo er Rulmann Merswin, durch dessen Hand alle Traktate gingen, doch so nahe stand und darum am besten von ihm ihre Deutung und Herkunft erfahren konnte? Ganz gewiß, denn was Nikolaus von Löwen über die Deutung der Traktate bringt, das kann von vornherein nicht den Anspruch eines sicheren Wissens^ sondern bloß den einer subjektiven Meinung machen. Sagt er doch selber, daß Rulmann Merswin, von dem in letzter Linie alle Traktate stammen, den Brüdern aus lauterer Demut weder rinen Namen noch irgend eine Deutung der Traktate geoffenbart hat. Darum übergab er den Brüdern auch nicht die Original-Traktate, sondern schrieb sie selber in Wachs tafeln, in denen er alles wegließ, was irgend eine Person hätte verraten können, und ver- brannte sofort die Originale (20*6 ff.)- Sind diese Angaben richtig, ^nn können die Deutungen Nikolaus von Löwens im letzten Grunde bloß subjektiver Art sein. Nikolaus von Löwen konnte Qach seinen eigenen Angaben selbst nie mit Sicherheit sagen,

*) Sehr lehrreich ist es, daraufhin die Rubriken der einzelnen Traktate 24*10 tf. °^t dem InhaltSTerzeichnis 20*29 ff. zu rergleichcu.

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welche von dw irielen in den Traktaten als Gottesfireonde ein- gefiihrten Personto gerade der gansE bestimmte Gottesfreund Rulmann Merswins GeseUe, war. Darum haben alle Deatnqgs- versnche Nikolaus von Löwens nur soviel Werti als GrQnde fii sie sprechen. Die nähere Unt^nuchung aber wird uns nicht blof von der Unrichtigkeit der Angaben des Nikolaus von Löwen Ob» sengen, sondern auch klariegen, daß er nicht etwa durch Ruimami Herswin getäuscht wurde, sondern aus ganz bestimmten Zweckei von sich aus zu den vorgetragenen Deutungvonnichen gegrifibn bat

Fassen wir zunächst die zwölf ersten Traktate ins Auge die nach Näolaus von Löwen von einem ganz bestimmten, wenn auch unbenannten Gottesfreund im Oberland stammen und von Begebenheiten aus dessen Leben erzählen, die ihm wirklicli widerfahren sind.

Diesen Angaben Nikolaus von Löwens gegenfiber zeigt ein« nähere Untersuchimg dieser Traktate:

Die Traktate können nicht das Leben und Wirken einet Gottesfreundes, d. L des Gottesfireundes vom Oberland e^ zählen, weil die betreffenden Angaben sich gegenseitig wider-

sprechen.

Um die ganze Tragweile dieses Satzes richtig zu verstehen, muß man im Auge behaltcD, daß nach Nikolaus von Löwen dei Gottesfreund sein Leben in den meisten Traktaten selber, und zwai kurz nacheinander (1348-1352), beschreibt. Eine Selbstbiographie wird und kann aber nie, falls sie auch nur irgendwie auf Wahrheil Anspruch erheben will, widersprechende Dinge von sich enthalten und das noch bei Momenten, die in dem Leben eines Menschen von größter Bedeutung gewesen sind.

Nehmen wir doch nur die erste Deutung Nikolaus von Löwem an, daß an allen Stellen, an denen von dem „Oberländer" in dec Traktaten die Rede ist, Rulmann Merswins heimlicher Geselle, ir dem ,.Niederländer" dagegen Rulmann Merswin selber zu ver- stehen sei, so bekommen wir vom Gottesfreund wie von Rul- mann Merswin eine Biographie, wie man sie ungereimter nichl denken könnte. Eines weiteren Nachweises bedarf es gar nicht da schon bei oberflächUchem Lesen der Traktate die offener Widersprüche kundbar werden ; außerdem hat schon Denifle dies

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bis ins einzelne nachgewiesen^). Wir brauchen aber auch auf Nikolaus von Löwens Angabe gar kein großes Gewicht zu legen, da er ja selbst von seiner ursprünglichen Deutung abging und zwar allein £uis dem Grunde, weil von dem Niederländer = Rulmann Merswin, Dinge berichtet werden, die gar wenig als Züge zu dem von ihm beabsichtigten „Heiligenbilder^ passten. In der Folge sieht Nikolaus von Löwen völlig von Rulmann ab. Von jetzt an spricht der Gottesfreund in den Traktaten nur von sich und Freunden, die ihnen beiden, dem Gottesfreund und Ruhnann, wohl bekannt waren. Das ist die zweite Deutung Nikolaus von Löwens, die nicht minder ungereimt ist als die erste, denn:

Die zwölf Schriften können und wollen nicht wirkliche Erlebnisse erzählen. Sie sind lediglich aszetisch-mystische Trak* täte, eingekleidet in die ansprechende Form fingierter Beispiele.

Auch dieser Fundamen talsatz bedürfte keines weiteren Be- weises, wenn es nicht so schwer fallen würde, sich von dem Banne zu lösen, in den seit Nikolaus von Löwen alle verwickelt wurden, die die Gottesfreundfrage behandelten. Nur Denifle hat mit einem Schlage den Knoten durchhauen und mit großer Schärfe den Nachweis geführt, daß wir in allen Traktaten keine Menschen von Bein und Bhit, sondern Schablonenmenschen vor uns haben, die gleich Puppen im Marionettentheater sich aufführen, kommen öQd gehen, wie man es gerade wünscht. Betrachten wir nur einmal die zwölf Traktate in ihrem Aufbau.

Die ersten vier Traktate stimmen in ihrem ganzen Aufbau voUständig überein. Wie in Nr. 1 und 2 die beiden Knaben und die zwei Edelknechte handeln, so handeln in Nr. 3 und 4 die beiden Klosterfrauen. Ihre Bekehrung, Visionen, Übungen, Ver- suchungen u. s, w. kehren fast mit denselben Worten wieder. Weiterhin bilden zusammengehörige Stücke Nr. 5 und 6, die geistliche Stiege und Leiter. In Nr. 7, 8, 9, 11 ist der Grund- ton der gleiche: Gespräch eines Weltmannes mit einem Alt- vater, der ihm den Weg zu einem vollkommenen Leben weisL Nr. 10 und 12 endlich handeln von den Plagen, die Gott über ^Je Menschen wegen ihrer Ungerechtigkeit sendet. Daneben bieten

') Denifle, Die Dichtungen des Gottesfreiindes im Oberlands. 2. Die Proteus- "*tar des Gott^sfreandes (Zeitschr. f. deutsches Altertum 24 Ub80\, ^ÄC)«.V

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aber die einzelnen Traktate unter sich wieder unzählige Anklänge und Übereinstimmungen, vor allem dann, wenn die eine Person der andern ihr Leben, ihre Versuchungen und Frömmigkeitsübungen erzählt. Eine so weitgehende Ähnlichkeit ist aber bei wirklichen Erlebnissen, die zu verschiedener Zeit und an verschiedenen Orten sich abspielen, schlechterdings undenkbar. „Trifft man schon in der Natur um uns herum nicht zwei Blätter an, welche sich voll- kommen gleichen, so noch viel weniger zwei Menschen, zwei Charaktere von derselben Beschaffenheit und Naturanlage. Und wie es im natürlichen Leben ist, so auch- im übernatürUchen. Die Gnade zerstört nicht die Natur, sondern vervoUkomnmet sie, heißt der alte Satz. Man lese nur die verschiedenen Viten jener Heiligen, die historisch verbürgt sind, welcher Mannigfaltigkeit begegnet man da! Kein Charakter, ist er auch in derselben Ge- sellschaft wie ein anderer gebildet, wiederholt sich in derselben Weise. Mögen aber solche Charaktere so oder anders geartet sein, immer sind es greifbare Gestalten von Fleisch und Bein. In den Schriften des Gottesfreundes erhalten wir gerade den gegen- teiligen Eindruck. Vor allem begegnen wir dort keiner einzigen Durchschnittsfigur; ein jeder Charakter zeigt sich zu einer ge- wissen Zeit wie mit einem Schlage in der höchst erreichbaren Vollendung. In den Ubergangsstadien findet sich im großen und ganzen keine Abwechslung . . . Immer haben wir Automaten vor uns, Gott spielt ihnen gegenüber den Mechaniker. Es sind nicht lebensfiihige Menschen, nicht greifbare Gestalten, . . es sind mit einem Worte Phantasiegebilde ').^' Mit diesen Worten hat Denifle ganz trelTend die Gestalten der Traktate gekennzeichnet. Es sind Phantasiegebilde, aber sie sollten und wollten auch nach dem Plane des Verfassers nichts anderes sein. Es ist nur die ihnen später von Nikolaus von Löwen gegebene Deutung, die bis jetzt ihren wahren Charakter verdunkelt hat. Das wahre Wesen dieser Schriften ist in den Worten ausgedrückt: es sind aszetisch- mystische Traktate. In ihrem innersten Wesen wollen diese Trak- tate den Widerstreit der Well- und Gottesiiebe im Menschenherzen darstellen, und zwar nicht in trockener, schul- mäßiger Form, sondern in anziehender, greifbarer Sprache.

^) Ehvüihd S. 4 74.

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Dafür wählte der Verfasser höchst geschickt und geistreich die Dialog- und Briefform. Er läßt die Menschen vor unsem Augen gleichsam vorüberziehen, läßt sie sprechen und handeln, in Fehler und Laster fallen, um sie gleich darauf zu den höchsten Höhen des geistUchen Lebens zu erheben. Als Beispiele wählte sich der Verfasser Menschen aus allen Ständen: Kaufleute, Ritter, Edel- knechte, Klosterfrauen und Ordensbrüder, Beichtväter und Meister der Heiligen Schrift haben mit der Weltliebe zu kämpfen und be- dürfen der Führung und Beratung heüigmäßiger, mit Gott ver- einigter Menschen, der „Gottesfreunde'S um selbst „Gottesfreunde'* zu werden und endlich zu jener Stufe zu gelangen, wo die Seele von allen äußern Hindernissen entledigt und keines andern Führung mehr bedürfend, allein mit Gott verkehrt im übernatürlichen Schauen. Das sind die aszetisch-mystischen Wahrheiten, die in den Traktaten verkörpert sind.

Im engsten Zusanunenhang damit stehen andere Gedanken, die in diesen Schriften so oft wiederkehren : weü die Menschen statt zur reinen Gottesliebe sich auCzuschwingen, sich immer mehr in die Weltliebe verstricken und auf die Warnung der gottver- vereinigten Seelen, der „Gottesfreunde", nicht hören, darum kommt Gott mit seinen Plagen, um die Menschen mit Hungersnot, Pest nnd üngewitter heimzusuchen^).

So sehen wir also einen offenen Widerspruch zwischen dem Charakter der zwölf Traktate und der Deutung des Nikolaus von Löwen. Seine Behauptungen sind unrichtig. Die Traktate er- zählen nicht vom Leben und Wirken des Gottesfreundes und seiner Freunde, weü sie von vornherein keine wirklichen Erlebnisse berichten wollen. Wenn aber Nikolaus von Löwen in diesem Punkt so unzuverlässig ist, so werden wir ihm kein größeres Vertrauen bei seinen Angaben über die Herkunft <ler Traktate entgegenbringen können, wie sich später zeigen wird.

Weder aus der Rubrik noch aus dem Inhalt des 13. Trak- tats (32*16) ist zu ersehen, daß mit ihm eine neue Abteilung von

^) Maq u^g ja geteilter Meinung sein, ob die Form, in welche diese Gedanken «intekleidet sind, unter allen Umstanden gelungen ist, ob es nicht Beschränktheit ^^rit, wenn alle Gestalten nach einem Schema so mechanisch vorgefflhrt werden. ^W nitii darf anch nicht an die mittelalterlichen Literaturwerke den Maßstab unserer ^«otiien Zelt anlegen.

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▼ier Traktaten beginnt, die Ruimann Merswin zum VerfiBisser haben. Nur die Vorrede Nikolaus von Löwens belehrt uns dar* über und zwar mit dem charakteristischen Zusätze : wm [B$UmanJ sehreip oder schriben müste, das hei er also gar verborgen under andere materien und het etteliche geschrift andern goUesfrunden und lerem zügdeii und in ire buchere vermüschet von groewr grunddoser demütikeii wegen, das er woUe von allen menschen un^ bekant sin und von niemanne erhaben (22*5). Nach Nikolaus von Löwen ist also die schriftstellerische Tätigkeit Rulmanns nur eine kompilatorische, er nimmt „bucher^ nicht mehr allein von dem Gottesfreund im Oberland, sondern von unbekannten und bekannten Gottesfreunden und Lehrern und vermischt sie bloß mit seinen eigenen liebeglühenden Worten. So haben wir also nicht, wie in Nr. 1-12, Originaltraktate, sondern bloß Kompi- lationen schon vorhandener mystischer Traktate vor uns. Wie die Traktate des Gottesfreimdes, so schreibt Ruimann auch seine eigenen Schriften den Brüdern in Wachs (.33*8)i und zwar in den Tagen seiner letzten Krankheit, offenbart aber den Brüdern vor seinem Tode, daß Gott ihn genötigt habe, diese Traktate zu schreiben (34*6, 23*18). Für Nr. 13 und 14 hat Nikolaus von Löwen die Quellen nicht genannt, die ihnen zu Grunde liegen. Er betont in Nr. 14 bloß, daß Ruimann Merswin die dort be- handelten Materien selber geschrieben habe und ^ auch vermüschete mit »inen inbrünstigen hitzigen zügeleiten minne warten (22*21). Des näheren besteht der 14. Traktat aus mehreren Teilen, deren Quellen Denifle aufgedeckt hat\). Traktat 15 besteht aus drei Teilen: von den sieben Werken der Barmherzigkeit; von den sieben Gaben des hl. Geistes; von der Vorbereitung zum Empfang der hl. Kommunion. Nach Nikolaus von Löwen stammt der erste Teil US eines Juristen buch, der zweite usser eime anderen buche, das die bewerten lerer gemäht hant ; der dritte Teil endlich ist ein Zusatz Nikolaus von Löwens selber (33*22 if.). Traktat 16 ist der Hauptsache nach dem Bninldf bücheUn des Bruder Johanse von Bi'isehruch, des waltpriesters in Brohant entnommen.

Diese Geständnisse Nikolaus von Löwens sind für uns von der größten Wichtigkeit. Aus ihnen erfahren wir deutlich, daß

•) DüiiiÜe, Taulers Bekehrung' S. 3W u. I;i7 tt'. Vd. auch Strauch, Zur Gottes- fr^-und frage I (Zeit>chr. f. deutsche Philolu'sno 34. "235 ff.).

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die Traktate auf bewährte Lehrer und ^Gettesfreunde^ unter an^ derm auf Johannes Ruisbrock zurückgehen und angeblich anter, der Haad Rulmanns nur einige Textänderungen erfahren haben. Die erste Angabe Nikolaus von Löwens ist unzweiielhaft richtig, da UB0 von Traktat 14 und 16 die Urquelle«! bekannt sind, wäh- rend es noch nicht gelungen ist, diejenigen von 13 und 15 auf- zudeckea Dagegen muß die zweite Angabe Nikolaus von Löwens noch geprüft werden, ob Rulmann Merswin irgend «ine schrift- slellerische, wenn auch nur kompilatorische Tätigkeit an Traktat 13-16 zuzuschreiben ist. Ein nicht hoch genug anzuschlagendes Hilfsmittel bei dieser Prüfung ist das Geständnis Nikolaus von Löwens, daß er selber zu den angeblich von Rulmann über- kommenen Traktaten Zusätze gemacht habe. Jedoch wird diese Frage erst vollständig klar werden, wenn wir diejenigen Traktate b^rachtet haben, welche den zweiten Teil des Großen Deutschen Manorials bilden. Es sind

b) die lateinisch-deutschen Traktate. Die bisher

behandelten Traktate haben nach Nikolaus von Löwen nur im

Großen Deutschen ^Memorial Aufnahme gefunden. Anders verhält

es sich mit den drei Traktaten, welche den zweiten Teil des Großen

Deutschen Memorials bilden : dem Meisterbuch, dem Zwei-Mannen-

buch und den Neun-Felsen. Diese drei Traktate waren auch ein

Bestandteil des Ersten Lateinischen Memorials und sollten nach dem

ursprünglichen Plane Nikolaus von Löwens niemals ins Deutsche

übertragen werden. Außerdem waren noch alle drei Traktate

im Johanniterbause jeder für sich m einem besonderen deutschen

Büchlein vorhanden. So heißt es vom Meisterbuch: alse [gerade

so wie das lateinische] dasselbe buch seit, das wir öch zu tütsche

hont von worte zu warte noch dem latine (18*6); vom Zwei-Mannen-

buch: Und dasselbe buch von den zweien menschen, die fünf iore

des lieben frunt gottes anefang in Öberlant, hant wir in guter texste (!)

geschrift zu tütsche geschriben [in eime sundern büchelin, das Rül-

mans was, das er selber schriben tet noch dem exemplar, das ime

gegeben wart von sime heimelichen gesellen dem lieben gottes fründe

in öberlant .... Und darzü ist es in dein ersten (lateinischen) buche]

gantz und gerwe von worte zu worte zu latine geschriben glich als

das tütsch seit (18*35). Von den Neun Felsen endlich bemerkt

Nikolaus von Löwen: Das buch von den nun veihen ist oucK zu

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kUine geschriben» : . von tvarte zu worte glich ais mr es ouch in Misch hani (19*22).

Gelingt es, diese drei Büchlein oder wenigstens eines der- selben aufzufinden, dann sind wir in den Stand gesetzt, drei Texte miteinander vergleichen zu können : den lateinischen Text, wie er im lateinischen Memorial enthalten ist, den deutschen Urtext des besonderen Büchleins und eine zweite deutsche Abschrift, welche uns im Großen Deutschen Memorial votüegt Aus diesen Ver- gleichen können wir dann auch am besten die Arbeitsweise des Nikolaus von Löwen kennen lernen.

a) Das Zwei-Mannenbuch.

Nach Nikolaus von Löwen stammt das Zwei-Mannenbuch vorti Gottesfreund im Oberland, alse er es selber geschriben gap unserme lieben Stifter e Rüleman Merstvine (18*32) und zwar vor dem Jahre 1352. Rulman wieder schrieb es nach dem Exemplar, das ime gegeben wart von sime heitnelichen gesellen dem lieben gottes frunde in Öberlant (19*3) in ein besonderes Büchlein, während es Nikolaus von Löwen nach diesem Exemplar ins Lateinische und später wieder ins Deutsche übertrug.

Nach Nikolaus von Löwens Deutung ist der eine von den zwei in diesem Büchlein geschilderten Menschen der Gottesfreund im Oberland, dem die großen Mirakeln widerfuhren in den ersten fünf Jahren seines anfangenden Lebens (IS'^IQ). Nicht so deut- lich erfahren wir, wer der andere Mensch gewesen ist, dem die grosse trngyiisse und tcntruwe widerfür von dem valschefi einsidde (19*12), da gerade an dieser entscheidenden Stelle eine ganze Zeile ausradiert ist. Wir begegnen also hier derselben Erscheinung, wie wir sie bei der Deutung des ersten Teils der Traktate beob- achtet haben. Nikolaus von L()wen war sich selber nicht klar über diese so wichtigen Dinge und darum tilgt und verbessert er, was ihm früher als sichere Tatsache gegolten hat. Ebenso wichtig ist aber das Zugeständnis, daß in dem von Rulmann Mer- swin geschriebenen Exemplar, dem besonderen Büchlein, die beiden auftretenden Menschen nur als der eine und andere ohne weiteren Zusatz angeführt werden, während Nikolaus von Löwen in dem lateinischen Memorial den Menschen mit den fünf Jahren zur besseren „Unterscheidung" den Jüngern^ den andern dagegen den

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aliem nennt (19*1 7), um endlich im Großen Deutschen Memorial auch diese noch unbestimmte Benennung durch den Zusatz zu Yerdeutlichen: Btämann Merswines heimelicher geseUe (41*17). Um dieses Geständnis in seiner stufenmäßigen Entwicklung deutlich ZQ machen, sollen hier beide Texte nebeneinander gestellt werden.

I.Teil des Memorials.

„Und das men derselben menschen ODderscheit an dem nammen künne wissen and yerston, dammb ist in dem latine buche der mensche mit den f üü f i 0 r e n , unser lieber frünt, ge- nennet der jüngere und der ander nensche mit den sibentzehen ioren ist genennet der elter" (l9*17).

2. Teil des Memorials^

Und umb das men den onderscheit dirre zweyer nienschen kunne wissen und gemercken, darumb so ist der liebe gottes frünt in Öber- lant, Bülman Merswines un- sers Stifters heimelicher ge- selle, genennet in disem buche der jünger und der ander mensche ist genennt der elter, der dem iünge- ren, dem vorgenannten lieben gottes früude in Öberlant, widerumb seite von sime lebende'' (41*3).

Bei der näheren Prüfung der Angaben des Nikolaus von Löwen kommt uns ein glücklicher Zufall sehr zu statten. Denn einen Zufall kann man es nennen, daß die angebliche Urschrift Rulmann Merswins vom Zwei-Mannenbuch noch erhalten ist. Es ist die Handschrift Cod. germ. 642 der Straßburger Universitäts- und Landesbibliothek, die Friedrich Lauchert herausgegeben hat^). In ihr finden wir alle Merkmale, die Nikolaus von Löwen in den obigen Ausführungen von seiner Vorlage angegeben hat. Durch- weg werden die beiden Menschen „der eine'' und „der andere" genannt ohne weiteren Zusatz. Das Büchlein enthält keinen Titel und kein Vorwort, sondern beginnt mit den einfachen Worten: In gottes namen amen. Es beschach uffe eine zit, daz ein mensche groser krancheit an sin selbes nature befant . . . Nirgends ist die Rede von dem „Gottesfreund im Oberland"; der eine redet den andern bloß an mit den Worten: nu lieber frünt, oder: ach lieber frünt gottes. Nirgends wird im ursprünglichen Text gesagt, daß der Gottesfreund vom Oberland dasselbe Ruhnann Merswin ge- sandt habe, noch auch ist das Jahr genannt, wann es entstanden ist.

') Fr. Lftachert, Des Gottesfreundes im Oberland [= Rulmann Merswins^ Baeh ron den zwei Mumen. Bonn 1896,

Nur zwei Einträge am Schtusae klärea nos flbw msBßcffleiä aoC Der erste besagt, daÜ das Bach der Gematlin Rulmann Merswins gehörte; leer dis bück findet, der sol wissen^ das es ist frouwe Gertrut, Büleman Merswins wih, und sol es ir durch got ni'd ror- bekeben «nd sol es ir widder gehben. Darnach mülSte Hulmann dieses Büelilein vor 1370 geschrieben haben, wenn er &£. wie Nikolaus von Löwen behauptet, geschrieben hat da 3fflne Frau Gertrud in diesem Jahre gestorben ist. Der zweite, gleich darauffolgende Eintrag stellt dieses Büchlein als Eigentum der Johanniter dar: Dis hüch ist des kuses und der brüdere zu dem Qrünemeerde saute Johans Orden und ist in worden von iren stif- iem: Rüleman Merswine und sime genellen dem lieben erlühteie» goites fründe in Oberlant, durch den üch got dise selben gnode»' riehen wertf unirckete. Darumb sol dtsselbe buch dem husr zu dem Oräneniverde nieman in keiner wise niemer etipfüren noch abege- itiehm oder vorbehaben; er veÜet anders in ungenode der Iteiligen Trivaltikeit und der himelhinigin Marien, der müter gottes, und aller Patronen dezselben golzhuse» und tempels zu dem Grinentcerde, die sA darumb pflogende wurdent in zit und in ewikeit, ulse sunder allen zwivel tcol zu glöbende ist. Dieser Eintrag slammt mit aller Sicherheit TOn Nikolaus von Löwen, da die Schrift mit der im Großen Dentschen Menwrial identisch ist'). Seine Angaben hier bedürfen also derselben Prüfung wie diejen^en im Großen Deutschen Memwial.

Der Urtext des Zwei-Maoneobuchs bietet nicht den ge- ringsten Anhaltspunkt für die von Nikolaus von Löwen später ausgesprochene Deutung, hn Gegenteil, der Urtext bildet einen vollständig anonymen Traktat, der so wenig wie die Traktate des ersten Teils wirkli<^e Erlebnisse beschreiben will, während auf der andern Seite die lebensfrische Form, in welcher die aszetisch- mystischen Wahrheiten ausgedrückt sind, förmlich dazu herau»- fordmi, den dort voi^eführten Personen Menschen der G^en- wart unterzuschieben. Darum beginnt die Deutung 'bereits in diesem Texte von zweiter Hand, welche gegen Ende des Büch- leins über die Worte der eine und der andere, der jüngere und der ältere setzt, ein paar Seiten später zu der Benennung der

') Vgl. Dia SchriftUfelD Nr. 7 u. B.

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jüngere den Beisatz macht RMmannes geselle, um aber sofort wieder diese Deutungen auszuradieren *). Was hier begonnen wurde, wird im lateinischen Text weitergeführt Hier verschwindet im Tat die Benennung der eine und der andere vollständig, an ihre Stdle treten durchweg die Worte der ältere und der jüngere, die aber noch ebenso unbestimmt sind, wie der eine und der mtere. Die dritte und letzte Stufe in der Entwicklung bietet endlich der Text des Großen Deutschen Memorials. Hier erst ist die unbenannte Person, der jüngere^ durch den Zusatz Kai- man Merewines heimeUcher geselle unzweideutig bestimmt Die Gegenüberstellung der drei Texte wird dies am besten veran- sdianlichen.

1.

Besonderes deutsches B fl e h 1 e i n.

In f otte« namen. Amen.

Es besckach äffe eine zit,

du ein mensche groser

^itDcheit an sin selbes na-

tore befant, und was daz

u einer morgen stunden

Krfrago, also er sin emesch-

Udi gebet pflag zu tönde.

Bnd do dirre mensche der

baocheit gewar wart, do

stänt er von sime gebette

Bf und wolte der naturen

XQ iMlfe kumen und wolte

uch ürgon und st&nt dch

of and gieng hinweg und

gieng uffe eine Strosse.

Und do er uffe die strosse

kam, do siht er, wie ein

nenscke gegen ime gonde

kuMt, desMlben menschen

er Tor Jangen ziten mit

groter begirde begeret bette

z& sehende nnd 5ch ette-

wu heimeUcher worte mit

Erstes Lateinisches Memorial.

Es waren zwei brOder und freunt im Elsaß, der eine wäre in der weit wohl und eines glücklichen Stands und geehrt, doch waro sein lebenswandel dem anderen unbekant, bis daß sie un- gofehr zusamen komen und einander ihren lebenslauf erzeilt, da sprach der jün- gere zu dem älteren also ... (235*6).

8.

Großes Deutsches Memorial.

In gottes nammen. Amen.

Es beschach uf eine zit, das ein mensche B&lemaa Merswinos unsers Stifters heimeUcher geselle, der in diseme b6che genennet ist der iüngere, an einre morgen stunden gar früge, also er sin emestlich gebet pflag zu tünde, grosser krangheit an sin selbes nature bcfant. und er stunt uf von sime gebette und wolte zu helfe sinre naturen sich orgon. und ging enweg uf eine Strosse und sach, wie ein mensche kam gegen ime gonde, der in diesem büiche genennet ist der eitere, des er vor langen ziten mit

grosser begirde begeret bette zu sehende und euch ettewas heimelicher worte mit ime z& redende, und

1) Zum erstenmale ist über ander mensche etwas Übergeschriebenes wieder wegradiert BJ. 67^ (Lanchert 43,3; rgh ebenda 44,to : 48 anm.).

ime li redeods. t'nd do

samineiie kanmat . . . .

do sprach äer aadet menacha wlderambu .... (Lsacbert 3. l|.

iungori) uad der allere, i

da sprBL-h der ilingei KnUluBDue^ g«se11i!, Hid be tu dem alMrsn . ■r.tt.].

Dali diese TextveränderuDgen nur auf Nikolaus von Löwe zurückzululiren sind, wäre selbst dann über jeden Zweifel ei haben, wenn er es auch nii.-ht so ausrdhrlieh in den von ihi stammenden Rubriken belont hätte, wie wir oben gesehen habet

Auch diese Rubriken machen eine der Zeit entsprechend Entwicklung durch. Die älteste deutsehe Vorlage hatte keir Überschrift, Die Rubrik des ältesten lateinischen Textes v nicht mehr sicher zu bestimmen, einmal weil Götzmann selber i dieser Rubrik nachträglifhe Korrekturen anbringt, und sodann we mit der Möglichkeit zu reclinen ist, dall bereits ähnliche nact trägliche Korrekturen schon in .seiner Vorlage vorhanden warei die fiir uns nicht mehr zu erkennen sind. Nach Götzmann lautel die Überschrift:

Nun fulgt das gespräck zwischen des Rulmann Merschweit heimlichem freunt in Oberland wohnend und von eim ander guten freunt von ihrem eigenen leben und Offenbarung, w^hes gt sprach obgemelter Rulmann Merschweins heimlicher freunt selbt geschriben und dem Rulmann Merschwein schriftlich geschickt. 1 disem gespräch wird der heimliche freunt und freunt gottes dt jüngere genannt und der ander der älter und fangt also an

Es waren zwei brüder und freunt im Elsaß . . . ')

Über von eim andern schrieb Gölzmann Rulman seinem selbst steht über einem ausradierten Worte; über ander steht But man. Auffallend ist jedenfalls die Korrektur an den Stellen, wo c sich um die Deutung handelt, wer unter dem „andern" Mensehe zu verstehen sei. Götzmann hätte hier in seiner ÜbersetzuD wohl nichts korrigiert, wenn nicht die Korrekturen schon in de lateinischen Vorlage vorbanden gewesen wären, aber dort in de umgekehrten Form, wie es sieh leicht psychologisch erklären laß In der lateinischen Vorlage lautete demnach die Stelle: das getpräc

•) BaaSsehntt G Bl. 13". Vgl. 23*"89 IT,

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zwischen des Bulman Merschweines heimlichem freund in Oberland wohnendund Rulmann seinem gtUenfreund selbst von ihrem eigenen leben . . . Dieser Wortlaut würde vollständig mit der allgemeinen Bemerkmig des Großen Deutschen Memorials übereinstimmen, daß in allen Traktaten unter „dem einen" dem Oberländer Rul- manns heimlicher Freund, unter „dem andern" —dem Niederländer dagegen, Rulmann selber zu verstehen sei (24*4). Sie stimmt außerdem zu der Bemerkung Götzmanns, der sieh auf ein mit C bezeichnetes Meinorialbuch beruft, das unter „dem einen" Rulmann, unter „dem andern" deu Gottesfreund verstanden wissen wollte i). AÜein Nikolaus von Löwen korrigierte diese Stelle später, weil er sah, daß seine Deutung den erhabenen Stifter des Hauses in ein ganz ungünstiges Licht bringen würde, da Rulmann dann jener Mensch gewesen sein müßte, dem die grosse trugnisse und untruwe wider für von dem valschen einsiedele. Es besteht also ein innerer Zusammenhang zwischen beiden Korrekturen an den gleichen Stellen, zwischen der hier und jener des Großen Deutschen Memo- rials (19*15). Beide zeigen, daß der Schreiber der Handschrift und dies war Nikolaus von Löwen über so wichtige Dinge sich selbst anfangs nicht klar war, beziehungsweise mit sorgsamem Bedacht die Widersprüche später zu entfernen suchte, in die er sich mit seiner Deutung notwendigerweise verwickeln mußte.

Völlig bestimmt lautet dann die Rubrik erst im zweiten Teil des Großen Deutschen Memorials (40*31-41*16).

Die Deutungsversuche Nikolaus von Löwens können demnach keinen Anspruch auf Wahrheit machen. Werden nun seine Angaben über die Herkunft des Zwei-Mannenbuchs glaub- würdiger sein?

Das älteste lateinische Memorial betönt, daß Rulmann dieses Buch von dem Gottesfreund erhalten habe. Das Große Deutsche Memorial sodann gibt nähere Auskunft über das Verhältnis der drei Exemplare zu einander. Darnach schrieb Rulmann das be- sondere deutsche Büchlein nach dem vom Gottesfreunde erhal- tenen Exemplar (19*3). Nach Rulmanns Texte dagegen schrieb Nikolaus von Löwen das Zwei-Mannenbuch einmal in das Erste Uteinische Memorial gantz und gerwe von warte zu warte . . . glich

') Vgl. 40* anm. zu Zeile 32.

als das tüfsch seit flyT) tmf äpSter deutschen Exemplar in den zweiten Teil des Großen Deutschpi Memorials. Prüfen wir dagegen unabhängig von den Angabei Nikolaas von Löwens das gegenseitige Verhältnis der drei Texti zn einander, so ist richtig, dati das Zwei-Mannenbuch des Grofiei Deulschen Memorials als Vorlage das besondere Büchlein halte Dies bestätigt auc-h Lauchert, wenn er schreibt: „Die Vergletchunj unseres Textes mit dem von K. Schmidt veröffenthchten zeigt, dal wir es hier (im besonderen Büchlein) mit dem Originaltext zu tui haben, von dem der Text bei Schmidt eine Bearbeitung ist; eim Bearbeitung, die sich zwar nur auf wenige Äußerlichkeiten er- streckt, in diesen aber immerhin willkürlich eingreift"'). Eine freit Erfindung Nikolaus von Löwens ist schon die erste Kapitelsiiber B(*rift; „die für die übrigen Kapitel ihm vorliegenden hat er nacl seinem Ermessen omgesiaUet und za weiterer Verdeutlichung er weitert und dabei die Kapitel gezählt"«). Wie schon erwähnt sind die übrigen eigentlichen Textabweichungen gering. Sie be- stehen nur darin, daß Nikolaus von Löwen an allen Stellen, ii weichen in seiner Vorlage die beiden als sprechend auftretende Personen als der eine und der andere eingeführt sind, zum besserer Verständnis dafür überall der euere und der jüngere, R^«man« geselle einsetzt.

Ganz anders verhält es sich dagegen mit dem lateimscbei Text (235*6 ff). Die Übersetzung, die Götzmann davon gibt, st^ es auBer Zweifel, daß der lateinische Text keine Übersetzung vm Worte zu worte tat . . . glich als das tiUsch s»f. Die Abweichungen sind zu groß, als daß man die Angabe Nikolaos von Löwens retta: könnte. Im Gegenteil, Nikolaus von Löwen schreibt das Zwei- Mannenbuch gerade deswegen später in das Große Deutsche Me- morial, weil er gefunden hatte, daB der lateinische Text des Ersten Lateinischen Memorials eben nicht mit dem Text übereinstimmt wie Rntmann denselben angeblich eigenhändig in das besonder Büchlein geschrieben hatte. Nikolaus von Löwen benutzte also bei Anlage seiner Memorialbücher zwei völlig verschiedene Vorlageo. eine lateinische und eine deutsche; die deutsche Vorlage fuhrt

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er aitf Ruhnaim znr&ck, über die Herkunft der lateinischen schweigt er sich völlig aus, was soviel bedeuten will als: Nikolaus Yoa Löwens Angaben über die Herkunft der Handschrift sind so wenig glaubwürdig, wie diejenige von seiner Deutung. Rulmann kann das Zwei-Mannenbuch nicht von dem Gottesfreund er- halten, das Originalexemplar verbrannt und den Brüdern des Jo- haaniterhauses dafür ein eigenhändig geschriebenes Exemplar übergeben haben, denn sonst könnte Nikolaus von Löwen neben dem deutschen Text nicht ein völlig davon abweichender latei* nischer Text vorgelegen haben, den er anfänglich als identisch mit dem dentschen ansah, um erst später wie von ungefähr auf die Verschiedenheit au&nerksam zu werden!

Hat aber Rulmann vielleicht doch das besondere Büchlein geschrieben? Der Eintrag auf der letzten Seite desselben spricht nur davon, daß die Johanniterbrüder dasselbe von Rulmann „er- halten haben^s eine Angabe, die durchaus richtig sein kann, so lange man den ersten Eintrag, der das Büchlein als Eigentum von Rulmanns Frau bezeugt, aufrecht erhalten