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PURCHASED.FOR THE

UNIVERSITY OF TORONTO LIBRARY

EFROM THE

CANADA COUNCIL SPECIAL GRANT

FOR

MEDIEVAL STUDIES

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Thaten Friedrichs von Biſchof Otto von Freifing,

Geſchichkſchreiber. XI. Jahrhundert. Elffer Band.)

Die Geſchichtſchreiber

der

deutſchen Vorzeit.

Zweite Gejammtausgabe.

Bwölftes Jahrhundert. Elfter Band.

Otto von Freifing, Thaken Friedrichs.

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Leipzig, Berlag der Dyfihen Buhhandlung.

Thaten Friedrichs

von

Bifhof Otto von Freiſing.

Überſetzt

von

Dr. Horſt Kohl.

Leipzig, Verlag der Dykſchen Buchhandlung.

DD 3 33 Bus 9-63

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Einleitung.)

Als Biſchof Dtto von Freiſing im Sabre 11572) feinem kaiſer— lichen Neffen Friedrich I. jein Buch von den zwei Staaten oder über den Wandel der Dinge durch jeinen Notar Nagewin und den Abt Rapoto von Weihenjtephan überreichen ließ, erklärte er fich in dem Degleitjchreiben an den Kaiſer bereit, die herrlichen Thaten desjelben zum Gedächtni der Späterlebenden aufzuzeichnen, wenn er ihn durch Ueberweiſung des nöthigen Urfundenmaterials aus der Fatjerlichen Kanzlei bet diefem Unternehmen unterjtüßen wolle?) Friedrich I erfüllte nicht nur Dielen Wunſch feines Oheims bereitwillig, wie aus den zahlreichen, an paſſender Stelle in den Text der hiltorijchen Erzählung eingejchalteten Briefen und Urfunden hervorgeht, jondern schrieb Für ihn auch mit eigener Hand einen kurzen Abriß feiner Thaten oder des „Schattens von Thaten“, wie er bejcheiden feine Leitungen im Vergleich mit denen feiner Vorgänger auf dem kaiſer— lichen Throne nennt von jeiner Ihronbeiteigung an bis zum September 1156 nieder. So ausgerüftet machte ſich Otto an die Arbeit, und das Reſultat derjelben liegt in dem nachfolgend über- jetsten Werke, den „Ihaten Friedrichs”, vor unjern Augen. Das erite Buch kann als Ginleitung des ganzen Werkes angejehen wer- den. In demjelben bietet uns Dtto im wejentlichen eine Vor— geichichte des ſtaufiſchen Hauſes. Er berichtet von dem Ahnherrn

1) Einen furzen Abriß über das Leben und die jchriftjtelleriiche Thätigkeit Otto's von Freiſing j. in Geſchichtſchr. der deutſchen Vorzeit, XII. Jahrh. Bd. VIII, Theil 1 (Lief. 60).

2) Das Jahr 1156 kann nad) den Unterfuhungen Jungfers (j. u. ©. XII) nicht mehr aufrecht erhalten werden. 3) Begleitbrief zur Chronik a. a. O. ©. VI ff.

vI Einleitung.

desielben, Friedrich von Büren, der auf dem Staufen die Stamm- burg des Gejchlechtes erbaute und um jeiner bewährten Irene willen von König Heinrich IV. nicht nur mit feiner Tochter Agnes ver- mählt, fondern .auch 1079 mit dem Herzogtbum in Schwaben be- lehnt wurde, nachdem Rudolf von Nheinfelden, des Königs Schwager, wegen feines Verraths und Treubruchs desielben ledig geſprochen worden war. Gr erzählt dann weiter von des eriten Staufers treff- lichen Söhnen, die in rühmlichen Ihaten Zeugniß von ihrer NRitter- ichaft ablegten und beim Ausiterben des den Staufern jo nahe ver- wandten ſaliſch-fränkiſchen Hauſes (1125) ſich mit der Hoffnung ichmeicheln durften, Die deutiche Königskrone und damit die An- wartichaft auf das Kaiſerthum an ihr Geſchlecht zu bringen. Die Wahl Lotbars von Supplinburg wurde von den ſtaufiſchen Brüdern als eine ichwere Demüthigung empfunden, und wenn ſich auch Friedrich, der ſchon der Krone ſicher zu ſein geglaubt hatte, bald nach der Wahl ſeinem Nebenbuhler unterwarf, ſo wurde dadurch doch nur um kurze Zeit der Ausbruch des Bürgerkrieges hinaus— geſchoben. Von den Anhängern der Staufer als Gegenkönig auf— geitellt, fonnte es Konrad weder in Italien noch in Deutſchland zu vechten Grfolgen bringen; das Glüf der Waffen entichied jchlie- ich für Lothar, und den Staufern blieb nichts anderes übrig, als die Gnade des Siegers zu juchen. Lothar's Tod (4. Dez. 1137) machte endlich dem ſtaufiſchen Haufe die Bahn zum Königsthrone frei. Am 7. März 1138 wurde zu Koblenz Konrad gewählt, aber ein glücliches Yoos war ibm damit nicht gefallen. Nichts wollte ihm gelingen. Der heftigen Fehden, die das Reich in allen jeinen TIheilen auf's tiefite erichütterten, fonnte er nicht Meiſter werden; das Römiſche Reich deuticher Nation büßte unter ihm wieder ein, was es unter Yotbar an Aniehen bei den auswärtigen Nationen gewonnen hatte; der zweite mit überichwänglichen Hoffnungen be- gonnene Kreuzzug endete mit einer furchtbaren Niederlage und hatte nur eine heftige Verbitterung zwijchen Frankreich und Deutichland zur Solge; der fo oft genlante Zug nach Italien zur Gewinnung

Einleitung. NE

der Kaiferfrone ımd zum Schuße des arg von Feinden bedrängten Papſtthums fonnte nicht angetreten werden, weil immer von Neuem die Hydra der Zwietracht in Deutjchland ihr Haupt erhob, und als ichließlich alle Hinderniffe bejeitigt Ichienen, alle Vorbereitungen für die Nomfahrt getroffen waren, da jeßte der Tod allen Wünfchen und Hoffnungen des unglücklichen Königs ein Ziel (15. Febr. 1152). Wie tief die ernfteren Gemüther von der Trübſal der Zeit ergriffen wurden, lehrt das Beiſpiel Otto's von Freifing. Der edle Biſchof glaubte und mit ihm mögen Unzählige in den gleichen Wahn befangen gewejen fein dal die große Kataltrophe des Weltunter- ganges nicht mehr fern jein fünne. Noch niemals ſchien Die Welt jeit ihrem Beſtehen von jo viel Unruhe und Jammer heimgeſucht worden zu fein der legte Akt der furchtbaren Schickſalstragödie der Menſchheit war angebrochen. In der Bitterkeit ſeines Herzens, wie er ſelbſt geſteht, hatte Otto in dieſer Zeit des Jammers zum Griffel ſeine Zuflucht genommen; das Elend des Menſchengeſchlechtes zu ſchildern, das war die Aufgabe, die er ſich geſtellt hatte; für die mannigfachen Lichtſeiten hatte ſein vom Peſſimismus getrübtes Auge keinen Blick. So war ſein Buch von den zwei Staaten entſtanden, ein vielgeleſenes und vielbewundertes Geſchichtsbuch, das durch ſeinen Stil wie durch die originale Auffaſſung und kritiſche Beleuchtung der erzählten Ereigniſſe alle Erzeugniſſe der mittelalterlichen Hiſtorik früherer oder ſpäterer Zeit mehr oder weniger weit hinter ſich läßt. Und wie konnte es anders fein bei einem Manne, der wie Otto von | Freiſing im Beſitz der beiten Bildung feiner Zeit ſich befand, der bei den Alten jelbjt in die Schule gegangen war und durch aus- dauernden Fleiß ſich gründliche hiſtoriſche und theologiſch-philoſo— phiſche Kenntniſſe erworben hatte.

Der Regierungsantritt und die glücklichen Anfänge Friedrichs 1. brachten in Dtto eine völlige Wandelung hervor. SKraftvoll ergriff des Biſchofs Neffe, dem Konrad mit Uebergehung des eigenen noch unmündigen Sohnes jterbend das Neich hinterlaffen hatte, die Zügel der Regierung. Nicht lange währte es, jo war die Ruhe innerhalb

VIII Einleitung.

und außerhalb der Neichsgrenzen wieder bergeitellt, Friedrich im Derlaufe von wenig Monaten das gelungen, was Konrad Zeit feines Lebens erfolglos zu erreichen geftrebt hatte. Schon im Herbit 1154 fonnte Friedrich über die Alyen zieben, um den Troß der lombar- diichen Städte zu brechen, die jeit den Tagen Heinrich's IV., nicht ohne Unterftügung bet der Kurie zu finden, mit jteigendem Erfolge daran arbeiteten, ſich den Verbindlichfeiten zu entziehen, die ihnen aus der Zugehörigkeit zum Neichsverbande erwuchten. Mit wuchtigen Schlägen traf Friedrich's Zorn die Rebellen: Ghieri, Aſti und Iortona janfen in Aſche; doch Mailand anzugreifen, fühlte er ſich zu ſchwach. Er eilte, die Katjerfrone zu empfangen, am 18. Juni 1155 feßte ihm Hadrian IV. in der Betersfirche zu Nom das Diadem aufs Haupt. Noch ehe der Sommer. zur Nüfte gegangen, war Friedrich ſchon wieder Diesjeits der Alpen, um jeines Amtes in Deutichland zu warten, deſſen Frieden einige Fürſten während ber Abweſenheit des Failerlichen Herrn gejtört hatten. Sein bloßes Kommen genügte, die unruhigen Geilter in ihre Schranken zu bannen, demüthig geborchten fie dem Friedensgebot des Katlers. Im September 1156 gelang Friedrich's Politik der größte Erfolg, wie er jelbjt meinte: auf dem Neichstag zu Negensburg leiitete Heinrid, (Safomirgott), Otto's von Freiſing Bruder, Verzicht auf Baiern, das er einft von Konrad zum Nachtheil Heinrichs des Yöwen, des ſtolzen Sohnes Heinridys X. von Batern, erhalten hatte. Während Heinrich der Löwe zu Sachſen noch Batern befam, behielt Heinrich (Sajomirgott) Defterreich, doch nicht als Marfgrafichaft, jondern als Herzogtbum mit ausgedehnten VBorrechten und um ein Stüd des baieriſchen Herzogtbums vergrößert. Nun war endlich die Duelle bejtändiger Zwietracht im Reiche verjtopft, Heinrich der Yöwe, bisher immer einer der Führer der Fürjtenoppofition, ein getreuer Ver— bündeter des Katjers geworden. Wer mochte nach der Verſöhnung der beiden mächtigiten Familien im Reiche noch daran zweifeln, dal; endlich der langerjehnte Friede den deutichen Yanden erblühen werde, unter deſſen Schuße Künfte und Wiſſenſchaften, Handel und Gewerbe

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Einleitung IX

fröhlich gedeihen fonnten. Von folchen Hoffnungen gefchwellt, ging Otto an's Werk, nud wer möchte ihm daraus einen Vorwurf machen, daß er den, der das unmöglich Scheinende vollbracht hatte, als friedebringenden Smyerator und Vater des Vaterlandes preift? Die düftere Schwermuth der früheren Sabre ift von ihm gewichen, und gegenitber den großen Erfolgen Friedrichs J. erſchien ihm auch das Trübe, was die Zeit mit ſich brachte, wenig beachtenswerth. Deshalb hält er fich im erften Buche, in dem er neben der Sejchichte des ſtaufiſchen Haufes auch einen Neberbli über die Neichsgeichichte Teit Heinrichs IV. Konflikt mit dem apoſtoliſchen Stuhle giebt, nur wenig bei der Erzählung der unerquicklichen Kämpfe in Kirche und eich und zwifchen den beiden oberſten Gewalten der Welt auf; jelbit vom zweiten Kreuzzug, bei dem er eine nicht unbedeutende Rolle gejpielt hatte, berichtet er jo gut wie nichts. Der Grund it leicht erfichtlich; für jeinen Zweck genügte es, den Zuftand des Reiches vor der Ihronbefteigung Friedrich's zu ſkizziren; warum follte er ſich und den Leſern durch eine eingehende Schilderung der an Jammer über— reichen Vergangenheit das Herz ſchwer machen? Erſt im zweiten Buche beginnt mit der Wahl und Krönung ſeines Helden die aus— führliche geſchichtliche Darſtellung. Daß dieſelbe im gewiſſen Sinne panegyriſch iſt, muß zugegeben werden; aber Otto bleibt doch trotz des Lobes, mit dem er den Kaiſer bedenkt, immer der Wahrheit getreu in dem, was er berichtet. Daß er Manches verſchweigt, was dem ſtaufiſchen Hauſe nicht gerade zur Ehre gereichte wie Konrad's Gegenkönigthum tiefgehende prinzipielle Fragen wie den Streit zwiſchen dem Kaiſerthum und dem Pavſtthum mit großer Reſerve behandelt, findet ſeine Erklärung in ſeiner Stellung zum ſtaufiſchen Hauſe und ſeiner hohen Würde als Kirchen- und Reichs— fürſt. Kein eigennütziger Wunſch hat ihn bewogen, die Thaten Friedrich's aufzuzeichnen, einzig die ehrliche Begeiſterung für den Helden, der eine neue und beſſere Zeit heraufgeführt, hat ihm den Griffel in die Hand gedrückt: er fühlte, wie es ſcheint, in ſich das Bedürfniß, vor aller Welt von ſeiner veränderten Auffafſung

X Einleitung

der Dinge Zeugniß abzulegen und bei den Mitlebenden das Ver— ſtändniß für die Segnungen der ſtaufiſchen Regierung zu wecken. Wenn Otto im Begleitſchreiben zum Buch von den zwei Staaten als einzigen Lohn ſeiner Mühe die Huld des Kaiſers für die Freiſinger Kirche in Zeiten der Noth ſich erbittet!), jo kann dem edlen Biſchofe daraus unmöglich ein Vorwurf gemacht werden. Webrigens hat er, als er an die Arbeit jelbit ging, auch den Schein des Gigennußes vermieden; in der Borrede zu den Ihaten Friedrich's hat fein Wunſch des Verfaſſers in Betreff jeiner Perion oder Kirche Raum gefunden, alle Wünſche gelten dem Sailer.

Sn die Gejchichtserzäblung bat Otto Exkurſe tbeologiichen und und philoſophiſchen Inhalts eingeftreut. Gr jelbft fühlt die Noth— wendigfeit, in der Vorrede ſich deshalb zu entichuldigen. Die Abficht, die ihn Dabei leitete, war nad) jeinen eigenen Worten, jein Werk auch denen werth zu machen, die in einem Seichichtäbnhe mehr ala eine Erzählung des Gefchebenen in chronologiſcher Ordnung juchen und ihren Scharflinn gern an philoſophiſchen Problemen erproben. Sole Exkurſe finden ſich nur im erften Buche und zwar in ziem- licher Ausdehnung: offenbar war Dtto der Stoff, den er im eriten Buche zu behandeln hatte, jelbft nicht feſſelnd genug, und jein eigener Geiſt fand an theologiſch-philoſophiſchen Spekulationen mehr Er— quickung, als an der Erzählung der unerfreulichen Geichehniffe im Meiche. Im zweiten Buche, in dem er nur Dinge berichtete, an denen Herz und Gemüth eines Jeden fich erheben Fonnten, bot ſich ihm an feiner Stelle Raum zu pbilojophiicher Abichweifung.

Hohen Wertly verleiht Otto's Seiten die durchaus urkundliche Daritellung der Gejchichte. An den geeigneten Stellen hat Otto die aus der failerlichen Kanzlei ihm gelieferten oder jonftwie zur Verfügung ſtehenden Urkunden als hiſtoriſches Beweismaterial auf- genommen. Häufig berichtet er als Augenzeuge des Erzählten; als vornehmer Neichsfürft und naher Anverwandter des Katjers jtand er bei Hofe in hohem Anfehn, und feine nicht gewöhnliche geiftige

1) Geſchichtſchr. 2. 60. S. XI.

Einleitung. XI

Bildung ließ ihn oft genug geeignet erſcheinen, bei diplomatiſchen Miſſionen Verwendung zu finden. Wo er nicht aus eigener An— ſchauung berichten konnte, da hat er ſich bemüht, die Wahrheit zu erforſchen. Nach Art der Alten, die auch ihm die Lehrmeiſter geweſen waren, hat Otto das Einerlei der Geſchichtserzählung des zweiten Buches durch Reden der handelnd eingeführten Perſonen unter— brochen, fie entſprechen in mancher Hinſicht den geſchichtsphiloſophiſchen Reflexionen in den hiſtoriſchen Werken der neueren Zeit, haben alſo nicht den Werth aͤuthentiſcher Aeußerungen.

Otto von Freiſing iſt es leider nicht beſchieden geweſen, einen größeren Abſchnitt der Regierung Friedrich's in ſeinem Werke zur Darſtellung zu bringen. Ein vorzeitiger Tod raffte ihn noch im beſten Mannesalter nach längerem Siechthum am 22. September 1158 dahin. Die Weiterführung feiner Arbeit übernahm nach jeinem und des Kaiſers Wunſche der Notar Rachwin (Nagewinus), der nach jenem Diktate, wie die Chronik, jo auch die beiden erſten Bücher der Geſta aufgezeichnet hatte. Viel Kummer blieb dem Biſchof durch feinen frühen Tod erſpart. Schon zeigten fich die Borboten eines furchtbaren Sturmes, der Jahrzehnte lang die Welt erſchüttern und an den Grundfeften des Neiches rütteln ſollte. Wir willen, wie tief Otto der Ausbruch des Firchlich politiſchen Kampfes betrübte und können ihn darum nur glücklich preiſen, daß er durch jeinen frühen Tod vor dem herben Schmerze bewahrt worden tft, jeinen hochfinnigen Neffen mit dem Bannfluch belaftet und Deutjchland von dem unſäglichen Elend des firchlichen Schismas heimgejucht zu jeben. Die beiden legten Bücher der Gesta Friderici haben, wie erwähnt, Rachwin zum Berfaffer; daß Dtto von Freiling durch Sammlung von urkundlichem Material ihm jchon vorgearbeitet hatte, iſt möglich; daß er auch handichriftliche Notizen binterlafjen, die Rachwin verwerthet habe, ift zwar von mehreren Seiten behauptet, doch noch nicht jchlagend erwiefen worden.) Otto bat mit dem

1) 2gl. ©. Jordan, Nagewins Gesta Friderici imperatoris. ine quellenkritiſche Unterſuchung. Straßburg (K. Trübner) 1881. ©. 26.

XII Einleitung.

zweiten Buche ſein Werk nicht abſchließen wollen; das geht deutlich genug aus den Schlußworten des letzten Kapitels hervor, doch ſcheinen dieſelben Worte auch anzudeuten, dal er nur nod) ein drittes Buch zu jchreiben gedachte.!) Die legten Ereigniſſe, von denen Dtto berichtet, find die Beilegung des Baierifchen Handels und die Ent- icheidung im Kölner Wahlitreit auf dem Neichstag zu Regensburg (Seyt. 1156); auch der Kaiſer gedenft diejer beiden Erfolge feiner Politik in jeinem, dem Werke vorausgejchieften Briefe an legter Stelle Man bat num bisher angenommen, dal Friedrich bald nad) dem Negensburger Tage jenen Brief gejchrieben und Otto ich un- verweilt nach Empfang desielben an die Löſung der jelbftgewählten Aufgabe gemacht babe. Doch ilt von Jungfer?) der Beweis erbracht worden, dal; Dtto früheſtens im Mat 1157 mit der Abfaffung der Gesta begonnen haben fan. Jungfer geht von dem Gesta II, 30 mitgetbeilten Briefe Friedrih’s an Dtto aus, der nad Wilmans und Anderer M im Juli 1156 geſchrieben wurde. Durch Ver— gleichung eines Briefes Friedrich's an Wibald von Stablo über die gleiche Angelegenheit?) ergiebt ſich aber, daß Friedrichs Brief an Otto erit Anfang April 1157 geichrieben jein fann. Denn wenn auch Friedrichs Brief an Wibald ein Datum jener Abfaffung nicht trägt, jo enthält er doch im fich jelbit jo beitimmte Angaben, dat über die Zeit jeiner Entftehung fein Zweifel jein fannı. Er muß zwiichen dem 24. und 31. März 1157 geichrieben jein; denn am 24. März 1157 wurde der Beſchluß eines Zuges nach Stalten zur Demüthigung Mailands, der Pfingiten 1158 angetreten werden jollte, gefaßt, am 31. März wurde auf einem Neichstage zu Worms die Betheiligung an demielben von den Fürjten beichworen. Der Brief Friedrich’s an Otto von Freifing, der von dem Kriegsbeſchluß gegen Mailand handelt, kann mithin erſt nach dem Wormjer Tage geichrieben jein. Da nun Otto in dem Briefe, den er bei ber

1) II, 32: ut ad ea quae dicenda restant tertio locus servetur volumini.

2) Jungfer, Unterfuhung der Nachrichten über Friedrich's I. griechiſche und nor= manniſche Politit bis zum Wormjer Reichstage (31. März 1157). Berlin, 1874.

3) Saffe, Bibl. rer. Germ, I, 588 f. Nr. 456.

Einleitung. XII

Veberreichung jeines Buches von den zwei Staaten an jeinen Neffen als Begleitjchreiben mitjandte, über den Entſchluß des Kaifers, den Uebermuth der Mailänder zu beitrafen, jeine Freude ausipricht, jo muß die Abfaſſung auch dieſes Briefes, jowie die Ueberreichung des genannten Buches früheftens in den April 1157 fallen. Daraus folgt weiter, dal; der den Geften vorausgejchickte Brief des Kaiſers an Dtto, welcher der Darftellung des zweiten Buches oft wörtlich zu Grunde gelegt ift, gleichfalls früheſtens im April 1157 geichrieben jein kann. Nach Empfang desjelben hat Dtto feine Arbeit begonnen und bis zu Pfingiten 1158 die beiden eriten Bücher vollendet.t) Um dieje Zeit oder wenig ſpäter mag ihn die Krankheit befallen haben, die jeine an ſich geringe Körperkraft erſchöpfte und jeinem Leben und Wirken ein frübes Ziel jeßte.

1) Vergl. außer Wilmans Borrede zu der Ausgabe der Gesta Friderici aud) 9. Grotefend,

der Werth der G. Fr. imp. des Biſchofs Otto von Freifing für die Geſchichte des Reichs unter Friedrich I. (Hannover 1870) ©. 17 f,

Hier beginnt der Brief des erhabenen Kaifers Friderid; an Otto, Biſchof von Freifing.

Friderich, von Gottes Gnaden Sailer der Nömer und alle Zeit Mehrer des Reichs, entbietet jeinem geliebten Dheim Dtto, dem Biichof von Freifing, feine Gnade und alles Gute.

Die von deiner Liebe uns überfandte Chronik, welche deine MWeisheit zulammengeftellt oder vielmehr aus dem Dunfel der Ver— gefjenheit zu Fichtwoller Harmonie gebracht hat, haben wir mit außerordentlicher Freude entgegengenommen, und wir wünjchen nach den Mühen des Strieges bisweilen an ihr uns zu freuen und durd) die erhabenen Ihaten der Kater zu den Tugenden uns unterweien zu laffen. Was aber jeit Antritt der Negierung von uns vollführt worden ift, das würden wir gern auf deine Bitte in gedrängter Zufammenftellung deiner Kenntni übermitteln, wenn es nicht im Bergleich mit den Thaten früherer Zeiten, welche von den wortrefflichiten Männern verrichtet worden find, mehr „Schatten”, denn „Thaten“ genannt werden fünnte. Weil jedoch dein vortrefflicher Geift Niedriges zu erheben und über einen geringfügigen Stoff viel zu jchreiben ver- ſteht, ſo laſſen wir es uns angelegen fein, mehr im Vertrauen auf deine Lobſprüche als auf unjere Verdienfte, das Unbedeutende, was wir im römiſchen Neiche während eines Zeitraums von fünf Sahren

gethan haben, in wenigen Worten zu erzählen. Geſchichtſchreiber, Lfg. 69. Dtto v. Freifing. Friedrich) T. 1

1152.

2 Otto v. Freiling. Friedrich L

Nach der erjten Salbung zu Aachen und den Empfang der Krone des deutichen Neiches!) haben wir einen allgemeinen Reichs—

18. Mai. tag in Merjeburg zu Pfingſten?) abgehalten. Dort fam der König

2. Oct.

1154.

der Dänen Petrus?) auf unjer Geheiß an unſern Hof und empfing, nachdem er ung Mannichaft und Treue geichworen, Die Krone des Keiches aus unjerer Hand. Darauf haben wir den Zeiter Bilchof Wichmann‘ zum Magdeburger Erzbisthbum verfeßt. Und obwohl vielerlei Streit und Zwiltigfeiten zwilchen ung und der römischen Kirche daraus entitanden, hat Ichlieglich doch die päpſtliche Autorität beftätigt, was von uns in löblicher Abticht geichehen war. Darauf haben wir eine Heerfahrt nach Nom angetreten und find mit einem ſtarken Heere in Yongobardien eingerückt. Weil aber diejes Land wegen der langen Abwejenheit der Sailer ſich zur Ungebühr ge- wandt und auf jeine Kräfte vertrauend, Tich gar ſehr zu empören begonnen hatte, haben wir, im Gemüthe ergrimmt, beinahe alle Burgen der Longobarden durch Die gebührende und gerechte Er- bitterung nicht unferer Ritter, jondern nur der Dienſtleute zerjtören laſſen. Die Mailänder, verichlagen und hochfahrend, betrogen uns treulos und veriprachen uns viel Geld, damit fie mit unferer Erlaubniß die Herrichaft über Gumaed) und Yaudad) gewinnen möchten; da fie ung aber weder durch Bitten noch durch Geld dazu bewegen Eonnten?) haben ſie uns, als wir zu ihrem Gebiet gelangt waren, von ihrer reichen Landſchaft abbiegend, drei Tage lang in der Einöde umbergeführt, bis wir endlich gegen ihren Willen nahe bei Mediolanum?), ungefähr eine deutſche Meile davon ent- fernt, das Lager aufgeichlagen hatten. Da wir dort von ihnen einen Markt heiichten und fie uns denjelben verweigerten, haben wir ihre anjehnlichite Burg, nämlich Rojatum?), welche 500 Ritter enthielt,

1) Salbung und Krönung erfolgte am 9. März 1152 durch Erzbiihof Arnold von Köln. 2) 18. Mai. 3) Otto von Freifing nennt ihn Sven; er war Erid Emunds Sohn. 4) Sohn des Grafen Gerhard von Seeburg und der Mathilde, der Tochter Thiemo's von Wettin und Schweiter des Markgrafen Konrads des Großen von Meißen. 5) Como. 6) Lodi. 7) Das et des lateinischen Tertes, das dieſen Satz mit dem folgenden cum ad terram eorum venissemus verbindet, ift zu jtreichen. 8, Mailand. 9) Rojate, füdweitlih von Mailand.

Brief Kaijer Friedrichs. 3

erobern und durch Feuer zeritören laſſen). Darauf zogen unfere Kitter bis an das Thor der Mailänder und haben viele verwundet und viele gefangen genommen. In den Gefechten, die bald hier bald dort zwiichen uns und jenen entitanden, haben wir, den Fluß Ticinus in der Richtung auf Novaria?) überjichreitend, zweit Brüden, welche fie jelbit bewehrt und mit Burgen geſchützt hatten, mit Gewalt genommen und nad) dem Uebergange unſeres ganzen Heeres zerftört. Darauf haben wir ihre drei feiteften Burgen, nämlich Mumma, Galla und Triea?), vernichtet. Und nachdem wir das Geburtsfejt des Herrn mit großem Jubel gefetert, haben wir, über Vercellä und ZTaurinum®) marjchirend, den Padus (Po) über- Ichritten. Darauf haben wir Ghera?), eine mächtige und ftarf befeftigte Stadt zerjtört und die Stadt Aſtas) durch Feuer ver- wüſtet. Dann haben wir die durch Natur und Kunft wohl geichüßte Stadt Terdona belagert”). Und als nach drei Tagen die Unter— ftadt (burgum) erobert war, hätten wir die Burg (arx) ſelbſt ge- nommen, wenn nicht die Nacht und ein gewaltiges Unwetter uns daran gehindert hätten. Endlich nach vielen Angriffen, vielem Blut— vergießen und bejammernswerther Bedrängniß jener und nicht un— bedeutendem Verlufte unjererjeits haben wir ung der Burg durch Ueber— gabe bemächtigt und einen Fürften der Griechen, welcher vom Mark— grafen Malaſpinas) gefangen worden war, befreit. Nach Terdonas Zerſtörung luden uns die Bavejen in ihre Stadt ein, um uns nad) dem Siege einen ruhmvollen Triumph zu bereiten. Dort haben wir im Schmud der Krone, in größter Freude und unter auferordent- licher Aufwartung jeitens der Bürgerichaft drei Tage zugebracht.

1: 6. Dezember 1154. 2) Novara; der Uebergang erfolgte bei Abbiate Grafjo am 15. December. 3) Torre di Momo, Galliate, Trecate. 4) Vercelli, Turin. 5) Ehieri. 6) Ati wurde zum größeren Theile beim Abzuge der Deutjchen am 1. Februar 1155 niedergebrannt. 7) Die Belagerung Tortona’3 begann am 13. Februar 1155 und dauerte bis etwa Mitte April. Bol. Prutz, Kaifer Friedrich I. I, 406 f. Gieſebrecht, Deutſche Kaijer- zeit V, 51 gibt, den Mailänder Jahrbüchern folgend, den 18. April al® Tag der Kapitulation an. Nach der beitimmten Angabe Otto's von Freifing (II, 20), daß Friedrih nad er— rungenem Siege am Sonntage Zubilate, d. i. am 17. April, zu Pavia die Krone getragen habe, ijt der 18. April als Tag der Uebergabe ſchwer feitzuhalten. 8, Opizo Malaſpina.

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1154,

25. Dec. 1154.

1155.

1155.

18. uni.

4 Otto v. Treifing. Friedrid 1.

Darauf kamen wir, gerades Weges durch Longobardien, Romanien (Romagna), Tuscien ziehend, nach Sutrium!); dafelbit kam ung der Herr Papſt?) mit der ganzen römijchen Geiftlichfeit freudig ent- gegen, bot uns väterlich die Weihe an und klagte uns jein Leid, das er vom römiſchen Volke erduldet hatte. So gelangten wir, täglich zufammen gehend und zujammen wohnend und ſüße Geſpräche wechielnd, nach Nom. Die Römer jchieften ihre Boten zu uns .und forderten von uns eine jehr große Summe Geldes für ihren Treueid und ihre Dienitleiftung, verlangten auch von uns drei Eidſchwüre. Wir hielten darauf mit dem Herrn Papſte und den Gardinälen Nath. Weil wir nım das Imperium nicht kaufen wollten und dem Volfe Eide zu leiften uns nicht ziemt, zog, damit wir alle ihre Ränke und Liſten vermieden, unter Führung des Gardinals Octavian der größte Theil unjeres Heeres bei Nacht durch ein Pfürt- chen bei St. Peter ein und bemächtigte fih jo zum Voraus des Münfters von St. Peter... Am Morgen jchritt uns der Herr Papſt mit der ganzen Geiftlichkeit zur Baſilica St. Peters voraus, empfing uns an den Stufen in feierlicher Proceſſion und goß nad) der Feier der Mefje am Altar ver heiligen Apoſtel Petrus und Paulus zu Ehren der heiligen Jungfrau Maria, weil es Sabbat war, den. Segen der Krone des römijchen Neiches reichlich über unjer Haupt aus. Nachdem dies dem Gebrauch gemäß gejchehen und vollzogen war, brachen die Nömer, während wir alle von allzu großer Anftrengung und Hite ermattet zu den Zelten zurückkehrten und Speiſe einnahmen, von der Tiberbrüde aus vor und trachteten im Münfter des heiligen Betrus nach Ermordung zweier unſerer Diener und Ausylünderung der Gardinäle den Papſt gefangen zu nehmen. Wir aber drangen, als wir das Getöſe von draußen hörten,

1) In der Nähe von Sutri bei Campo Grafjo jhlug Frievrih am 8. Juni das Lager auf. 2) Hadrian IV, jeit vem 4. December 1154 Papſt, ein Engländer (Breafipear), der Sohn eines armen Geiftlihen. Die Heimat verlafend, war er erit Prediger dann Abt des Stiftes St. Rufus bei Valence; Eugen IH. machte ihn zum Cardinalbiſchof von Albano und betraute ihn mit einer Legation nah Skandinavien. Hier wurde er Gründer des Erz— bisthums Drontheim, und nad jeiner Rückkehr 1154 berief ihn die Wahl der Cardinäle nad) Anaftafius’ IV. Tod auf den Stuhl Petri, auf dem er bis zum 1. September 1159 ſaß.

Brief Kaiſer Friedrichs. 5

bewaffnet durch die Mauern ein und tödteten, indem wir den ganzen 1155. Tag über mit den Nömern ftritten, ihrer faft taufend und ertränften

fie im Tiber oder führten fie gefangen fort, bis die Nacht uns und

jene von einander trennte. Am andern Morgen zogen wir, weil 19. Juni. uns die Lebensmittel ausgegangen waren, mit dem Papſt und den GSardinälen froh des Sieges im Triumphe ab und famen, nachdem

alle Burgen und Verſchanzungen rings um die Stadt in unſere Gewalt übergeben worden waren, nach Alba, wo wir mit dem Papſte einige Tage lang verweilten. Darauf famen wir nad) Spoleto, und weil es aufftändiich war und den Grafen Gwido Werra!) und unſere amderen Boten in Gefangenjchaft hielt, machten wir einen Sturm auf die Stadt. Wunderbarer und un-28. Juni. erforichlicher Rath) Gottes! Von der dritten bis zur neunten Stunde

des Tages kämpfend, nahmen wir die jtarf befeitigte Stadt, welche

faft hundert Thürme hatte, mit Gewalt und zeritörten fie mit Feuer und Schwert von Grund aus, nachdem wir unermehliche Beute gemacht, mehr noch durd Feuer verzehrt war. Dann nad) £ Ancona ziehend, begegneten wir dem Baliologen?), dem edeliten Fürſten der Griechen, und Maroducas?), jenem Genoſſen, mit den übrigen Boten des Kaiſers (Manuel 1.) von Gonftantinoyel. Sie gelobten ung eine unermeßliche Summe Geldes geben zu wollen, damit wir nach Apulien zögen und Willehelm*t), den Feind beider Neiche, Durch die Gewalt unjerer Heeresfraft zu Boden werfen möchten.

Weil aber unjer Heer durch viele Mühen und Kämpfe allzujehr er- Ichöpft war, zogen es die Fürſten vor heimzufehren ftatt nach Apulien binabzuziehen. Und während wir jo den Rückweg antreten und die Griechen mit jtolzer Zuverlicht auf ihre Menge und mit ihrem reichen Geldvorrath nach Ayulien zogen, ſtarb Paliologus nach der Einnahme von Barum?) und nach Zerftörung feiner Befeftigung,

und Willehelm warf fich mit einem gejammelten Heere plötzlich auf

1) Guido Guerra. 2 Michael Paläologus. 3) Gemeint ijt damit jedenfalls Johannes Dufas, den der byzantiniſche Geſchichtſchreiber Cinnamus (TV, 1) nennt; außer den beiden er— wähnten führt er als dritten Gejandten Alerander von Gravina auf. 4) Wilhelm I, der jeinem am 26. Februar 1154 gejtorbenen Vater Roger gefolgt war. 5) Bari.

6 Dtto v. Freifing. Friedrich I.

die Griechen und ſchleppte, nachdem er wenige gefangen, die anderen getödtet hatte, alles Geld mit fort. Wir aber langten mit dem berrlichiten von Gott und gejchenkten Siege, wie ein jolcher mit 1800 Rittern nach unjerem Wiffen in früherer Zeit noch nie gewonnen, nach Verona. Wie jene (die Veroneſen) auf der Höhe eines Berges!) uns einen Hinterhalt gelegt, wie jte von ums getödtet und zwölf gehängt worden find, haft du gehört. Du weißt auch in gehöriger Drdnung, wie wir zwilchen deinem Bruder, dem Herzog von Deft- veich?), und dem Herzog von Batern?) Eintracht hergeltellt, und wie glorreich wir Friderich zum Kölner Erzbisthum erhöht haben‘). Diejes Wenige in wenige Worte zufammengefaßt bieten wir deinem herrlichen Geiſte zur weiterer und breiterer Ausführung dar.

Hier beginnen die Bapitel zum erfien Bude.

1. Aus welhem Grunde Hiltibrand vom Kaiſer abgejeßt und Gwibert an feiner Statt eingejeßt Jet.

‘2. Daß der Katfer, nachdem er Italien betreten, Gregor aus der Stadt gejagt hat.

3. Wie Roubert Gwiscard mit den Nortmannen Campanien und Apulien beickt bat.

4. Ueber den Aufſtand der Sachſen.

5. Philoſophiſcher oder vielmehr theologifcher Ereurs.

6. Ueber die Unterwerfung der Sachſen in jchwerem Kriege und dat Gwelfo, der Herzog der Baiern, und Noudolf, der Herzog der Schwaben, fich zu empören begannen.

7. Daß eben diefer Noudolf auf Antrieb Gregors von den

Sachſen zum König gewählt und bald im Treffen ge— wird.

8. Ueber den Grafen Friderich, daß er, nachdem er Schwieger-

1) In der Veronejer Klaufe. Der Führer der Schaar war Alberih. Siehe IL, 25.

2) Heinrich (Sajomirgott) von Baiern und Oeſtreich. 3) Heinrich der Löwe von Sachſen und

Baiern. 4) Sohn des Grafen Adolf von Berg. Sein Mitbewerber war Gerhard Propjt u Bonn. Der Streit wurde auf dem Reichstage zu Regensburg, September 1156, entſchieden.

Inhalt des 1. Buches. 7

john des Kaiſers geworden, das Herzogthum in Schwaben er- halten hat.

9. Daß er nach der Geburt feiner Söhne Friderich und Gon- rad geſtorben ift.

10. Ueber feine Gemahlin Agnes, daß fie den Markgrafen Leopald geheirathet und daß nach dem Tode des Kaiſers deſſen Sohn Heinrich mit Macht das Reich erlangt hat.

11. Wie er bei Barrum den Grafen Neginald gefangen ge- nommen und abgeführt hat.

12. Daß bei der Hochzeitsfeier in Mainz das Reich geipalten worden ilt und von den Thaten des Herzogs Friderich.

13. Wie er Mainz belagert und wie er über fie (die Mainzer) und ihren Erzbiſchof triumphirt hat.

14. Wie eben diejer Herzog die Burg Lindburg von der Be— lagerung befreit hat, und von jeiner Che.

15. Wo Kaiſer Heinrich geftorben und begraben. (Daß Albert von Mainz durch Schlauheit die füniglichen Inſignien von der Kaiferin erhalten hat).

16. Lothar, der Herzog der Sachen, wird gewählt, welcher bald die Erben Heinrichs verfolgt, und Nürnberg wird von ihm mit Belagerung umjchloffen.

17. Friderich und Conrad befeftigen die Stadt, nachdem fie Lothar in die Flucht geſchlagen.

18. Wie dieſelben Herzöge Heinrich, den Herzog der Baiern, aus Alemannien gejagt haben.

19. Wie Friderich den Nachſtellungen deſſelben Herzogs ent— gangen iſt.

20. Von dem Zuge Lothars nach Böhmen.

21. Welche Fürſten daſelbſt erlegen ſind und von der zweiten Hochzeit Friderichs.

22. Daß nach Lothars Tode Conrad zum Könige ge—

- 1) Diefe Inhaltsangabe findet ſich nur in den Handſchriften, welche das 15. Capitel in zwei Theile zerlegen.

8 Otto v. Freifing. Friedrich I.

wählt wird, und wer Albert von Mainz auf dem Stuhle ge- folgt ſei. N

23. Wie die Schweiter der Königin Gertrud Manuel, dem Kaiſer der Griechen, verbunden worden tft.

24. Abjchrift der Briefe, die zu damaliger Zeit herüber und hinüber gejchieft worden find.

25. Von Friderich den Jüngeren und von dem, was er bei Wolfratehuſen that.

26. Wie er auch den Herzog Bertholf im Siriege über- wunden hat.

27. Wie auf Antrieb Arnalds die Nömer gegen ihren Papft fich empören und die jenatorifche Würde zu erneuern trachten.

23. Brief der Nömer an den König.

29. Bon den verjchiedenen Fehden, welche durch den Zug nad Jeruſalem gejtillt worden ſind.

30. Wie die Burg des Königs von Ungarn Bojan oder Pres- burg erobert und zurücgewonnen worden jei, und von Boritius.

31. Bon der Lage Ungarns und der Sitte des DVolfes.

32. Ueber die Schlacht zwiichen dem König von Ungarn und dem Herzog Heinrid).

33. Von dem Feldzug des Sieiliers Noger gegen die Griechen.

34. Wie durch die Autorität des apoſtoliſchen Stuhles Die überjeetjche Heerfahrt angerathen worden if.

35. Brief des Papſtes Eugen über dieje Angelegenheit.

36. Wie infolge der Predigt des Abtes Bernhard von Glaravallis der König von Frankreich und feine Fürften das Kreuz genommen haben.

37. Wie auf die Predigt eines gewilfen Rodolf das vitliche Franken zum großen Theile zu dem gleichen Heerzug fich verpflichtet bat, und von der Verfolgung gegen die Juden. |

38. Abmahnung des Abtes von Claravallis von diejem Treiben.

39. Wie derjelbe Abt den König Conrad und viele Fürften überredete, das Kreuz zu nehmen, und vom Hingang des Herzogs Friderich des Aelteren.

Inhalt des 1. Buches. 9

40. Daß viele von den Fürften und eine unzählige Menge in Ratisbona die Kreuze empfangen, und dat die Sachjen gegen andere Heiden eine Heerfahrt gelobt haben.

41. Brief des Abtes von Claravallis über diefe Angelegenheit.

42. Dat aus Anlaß dieſes Zuges plößlich ein unglaublicher Friede eintrat.

43. Wie der König Conrad jenen Sohn Heinrich zum Ge— noffen des Neiches erwählt und wie er ihn hat Frönen laffen, und vom Sohn des Herzogs Heinrich.

44. Daß der König Conrad zur überjeeiichen Heerfahrt auf- bricht, während ihm der König der Franken mit den Seinen nad)- folgte.

45. Kurze Erzählung über den Ausgang diefer Heerfabrt.

46. Bon Gifilbert, dem Biſchof von Pictavis, wie er von jeinen Geiftlichen wegen jeiner Lehre verklagt worden ift.

47. Wie der Abt von Glaravallis gegen ihn aufgetreten iſt und von Petrus Abajolardus.

48. Driefe von dieſer und jener Seite betreffs jeiner Ver— dammung.

49. Bon der apologetiichen Schrift defjelben Betrus und wegen welcher Kapitel er angeklagt wurde und von jeinem Hingange.

50. Bon dem Gifer Gifilberts und wegen welcher Stapitel er . angegriffen wurde.

51. Durch welche Zeugen man ihn überführen zu fönnen meinte.

52. Seine jcharffinnige Antwort.

53. Iheologilcher Excurs.

54. Wie die Sache des Bilchofs auf eine allgemeine Kirchen- verjammlung verjchoben worden iſt nnd von dem Häretifer Pereum (per eum).

55. Bon der VBerdammung defjelben und von den Verhand— lungen der Verfammlung.

56. Wie der Biſchof Gililbert nach der Verſammlung zur Verantwortung gezogen wurde und jeine Antwort. Daß die

10 Dtto v. Freifing. Friedrich I.

aullieaniichen Bilchöfe auf einer Zuſammenkunft ihr Glaubensbe- kenntniß in einer Schrift niedergelegt haben.

57. Dat; die Gardinäle der römischen Kirche dariiber ergrimmt find, und ihre Rede gegen Papſt Eugen. Wie endlich dieſer ganze Streit jein Ende gehabt habe und wie der Biichof Gifilbert entfommen jei.

58. Von unjerm Heere und dem Könige der Kranken, wo er in den überfeeiichen Ländern gelandet und wann er nach Jeruſalem gefommen. Bom Könige Conrad und vorgenanntem Könige Ludewig, wie und wo fie einander gejehen haben.

59. Bon der Rückkehr des Königs Conrad, und daß er den Herzog Friderich vor ſich zurückgeſandt hat.

60. Ereurs zur Entjchuldigung des Ausgangs jener Heerfahrt.

61. Wie und mit welchen Briefen derjelbe König vom Papſt Eugen empfangen worden jei.

62. Vom Hingange König Heinrichs des jüngeren und Hautliebs, des Bilchofs von Utrecht, und Arnalds, des Kölner Biichofe.

63. Conrad begiebt fich in die Gegenden des Unterrheins. Wie er nad Anhörung der Sache der Utrechter nach Batern gezogen iſt. Wie er, nachdem er alles vollbracht, geitorben und wo er be- graben iſt.

Hier enden die Kapitel.

Hier beginnt die Dorrede des Folgenden Werkes.

Die Abficht Aller, welche vor uns Gefchichte geichrieben haben, war, wie ich meine, die herrlichen Thaten tapferer Männer zu preifen, um die Gemüther der Menjchen zur Tugend zu weden, die dunkeln Ihaten der Feigen aber entweder mit Stilljchweigen zu verhehlen oder, wenn fie ans Licht gezogen werden, zur Abſchreckung für die Seelen der Sterblichen offenbar und fund zu machen. Daher halte ich die, welche in diejer Zeit Gejchichte jchreiben, gewiſſermaßen für glücklich, da nad) dem Sturm der Vergangenheit nicht nur eine bisher

Vorrede. 11

unerhörte Heiterkeit des Friedens uns aufgegangen tft, jondern auch wegen der Tugenden des ftegreichiten Fürften jo jehr des römischen Reiches Anſehen erftarkt iſt, daß nicht nur Das unter jeiner Herrſchaft lebende Volt in demüthigem Schweigen rubt, jondern auch jeder Barbar oder Grieche, obwohl außerhalb der Grenzen desielben wohnend, unter dem Drud der Laft jeines Anſehens erzittert. Sch geſtehe als ich vor einigen Jahren die frühere Geſchichte) beendigt hatte und der faft ganz Heſperien durchwehende Geift des Pilgergottes?) die Waffen gegen die den Drient bewohnen- den Völker zu ergreifen trieb, da gedachte ich um der Lieblichkeit des Friedens willen, welcher plößlich dem Erdfreis damals gelacht

- hatte, den Griffel zu wenden?), und jchon hatte ich zu jchreiben be-

gonnen, da warf ich nicht weil; ich, auf welchen Antrieb es ge- ſchah gleich als ahnte der Geift die Zufunft voraus und erichaute das Ende, das begonnene Werk wieder hin. Sp glaube ich, daß von mir gleichjam ohne mein Wiffen und Wollen die Ausführung meines Vorjages der Gegenwart vorbehalten worden it, da die Heritellung eines feiten Friedeng wenn anders auf bhinfällige Dinge irgend welcher Verlaß zu feßen tft unter dem fraftvolliten Fürſten im römiſchen Reiche erwartet wird. Wenn ich aber gejagt habe, dal zu jener Zeit die abendländischen Völker von dem Geifte des Bilgergottes durchweht worden feien, jo möge das Niemand jo verftehen, als ob ih an einen „Pilgergott“ glaubte, jondern er möge willen, daß ich aus jenem Schriftftüc, welches in jenen Tagen an vielen Orten Galliens wieder und wieder gelejen wurde, diefen Ausdruck entlehnt habe. Es lautete aber jo: „Ich jage dir, L., der Hirt der Leiber durch das erjte Element des Holzes deines Waldes, welchen der Geift des Tages des Pilgergottes begeiftert bat." In dem Wortlaute diefes Schriftjtüces wurde auch unter der Hülle der Worte von einer Groberung der füniglihen Stadt

1) Das Buch von den zwei Staaten, gewöhnlid) die Chronif genannt. 2) peregrini dei. 3) stylum vertere, d. h. die Schrift zu tilgen, Da aber eine jolde Abficht gar nicht weiter begründet ijt, und auch die folgenden Worte nicht dazu pafien, ſcheint er vielmehr damit jagen zu wollen, daß er fich einer neuen Aufgabe zuwenden wollte. W.

12 Dtto v. Freiling. Friedrich I.

und auch des alten Babylon geredet und nach dem Ebenbild des Cyrus, des Königs der Perſer, oder des Hercules der Triumph über den ganzen Drient dem vorgenannten Ludewig, dem König ber Franken, veriprochen. Denn man fand ebendort jolche Ausjprüche: „Denn du gelangt jein wirft an die Seite des ewigen, fißenden Vierecks und an die Seite der ewigen jtehenden Vierecke und an die Vervielfältigung der heiligen Zahl durch den wirklichen eriten Würfel, jo erhebe dich zu der, welche der Engel deiner Mutter zu bejuchen veriprach und nicht bejucht hat und du wirft daran rühren bis zum vorlegten Erſten; wenn deren Verheißer hinaufgeſtiegen ſein wird, verfagt die Verheißung wegen des beiten Yohnes, und es mögen deine rojenrothen Fahnen angeheftet werden bis an die äußerſten Arbeiten des Hercules, und es wird dir geöffnet werden das Ihor der Stadt B. Denn es hat dich der Bräutigam als Bram- jegel errichtet, deffen Barfe beinahe umgejtürzt wäre, an deſſen Spiße ein dreiedfiges Segel it, damit dir folge wer dir vormusgeht. Dein 2%. wird aljo gewendet werden in C., welcher die Gewäfler des Fluſſes zerftreut hat, bis fie diejenigen überichritten haben, welche trachten nad) der Verjorgung der Söhne.” Diejes Schreiben jtand bei den bewährteiten und frömmiten Berjonen Galliens zu damaliger Zeit in ſolchem Anſehen, daß von einigen behauptet wurde, es ſei in den ſibylliniſchen Büchern gefunden, und von andern, es jei einem Armenier durch göttliche Kraft offenbaret worden. Aber wer auch immer jener Prophet oder Schwärmer gewejen iſt, Der dies veröffentlichte, der möge zufehen, ob jein Spruch fich noch in Zu- funft Durch eine Heerfahrt erfüllen möge oder ob das, was einen gewiffen Glauben beanſpruchen konnte, jett gleichſam als unerfüllt verachtet werden muß und auf Kechnung der galliichen Leichtgläubig- feit zu jegen ift. Nur im Bewuhtjein deſſen, dal nicht ohne ver- nünftige Abficht jener Geift faſt alle Abendländer auf die Pilger- ſchaft trieb, ift er jowohl von uns als von jenem der Geiſt des „Pilgergottes“ genannt worden. Denn nach dem Satze einiger in der Logik bewanderter Männer jollen, obwohl Ausſage und Be—

Vorrede. 13

nennung nicht den Formen jondern den Mejen eigentümlich find, doch die Gattungen und Arten durch Webertragung der Benennung nach der Urjache genannt werden. Dder um ein gemeinverjtänplicheres Beripiel zu gebrauchen: wie die Weihe hell, der Zod bleicy genannt wird deshalb, weil die eine Urjache ver Helle, der andere Urjache der Dleichheit ift, und wie man jagt: „Eurus (der Südoſtwind) macht das Waſſer ſtrömen“, jo haben auch wir im Hinblick auf die Urſache des Ausjpruchs vom Geiſte des Pilgergottes geredet, der Urjache war, daß jo viele und jo große Männer um Gottes willen das PBilger- gewand anlegten. Da lich num die Dinge zum Beffern gewendet haben, nach der Zeit des MWeinens die Zeit des Lachens, nach der Zeit des Krieges die Zeit des Friedens jetzt gefommen tft, jo er— achtete ich es für unwürdig, berrlichiter der Kaiſer, Friderich, nach— dem ich die Thaten der andern Könige und Katjer der Reihe nach erzählt, die deinen mit Stillichweigen zu übergehen, ja, um mehr der Wahrheit gemäß zu iprechen, ich hielt es für das Wirdigite, den Tugenden früherer Fürften die deinen wie dem Golde die Edel— jteine voranzuftellen. Denn unter allen Fürften der Nömer tft fast dir allein diefes Vorrecht vorbehalten worden, daß dir, obwohl du, wie man weiß, von der frühejten Sugend an in Krtegsdieniten Dich abgemüht haft, noch nicht das Glück jein häßliches Geficht zugewandt bat. So fennt man dich auch maßvoll im Glück, ſtark im Unglüc, gerecht im Gericht, Elug und jcharfiinnig in Verhandlungen, jo dat jolches nicht nur infolge der Uebung mit dir verwachien, jondern gleichjam vom Himmel her eingegeben und von Gott dir zum allgemeinen Nuten des ganzen Erdkreiſes gewährt zu jein jcheint. Diejes Geichichtswerf nun biete ich deiner Hoheit, mit der in- ſtändigen Bitte zu Gott, dem Geber alles Guten, daß deinem quten Anfange ein beſſeres Ende folge. Aber bevor ich die Reihe deiner Ihaten zu erzählen beginne, babe ich gedacht über deinen Groß— vater, Vater und Oheim einiges in der Kürze vorauszuſchicken, damit jo, gleichlam an einem Kaden der Erzählung herabiteigend, durch den Glanz ihrer Ihaten noch glänzender ericheine, was über

14 Otto v. Treifing. Friedrich I.

deine Perjon gejagt werden muß. Wenn nun etwa aus andern Keichen die Thaten einer firchlichen oder weltlichen Perſon am paſſen— den Orte eingereiht worden find, jo werden fie nicht für einen diejer Aufgabe fernliegenden Stoff gehalten werden, wenn nur von allen Reichen und Völkern die Erzählung wieder zu den Verhältniſſen des römischen Neiches wie zur Duelle zurücläuft. Auch wenn von dem durchſichtigen hiſtoriſchen Stil bei einer zur Abjchweifung günftigen Gelegenheit die Rede fich erhebt zu höherem Schwung, d. h. zu philoſophiſchem Tieflinn, jo wird man es auch nicht als außer dem Bereiche eines derartigen Buches liegend betrachten, zwiichen einfachere Dinge Höheres einzujchieben, wenn es nur nicht dem Vorrang des römiſchen Neiches Fremd gegenüberfteht. Denn auch Lucanus, PVirgilius und andere Schriftiteller Noms haben, wenn fie nicht nur die Thaten jondern auch die Fabeln, entweder nach Hirten- oder Bauernart einfältig oder nach Art der Fürſten und Herren des Eröfreifes in höherem Stile erzählen, doch häufig den Griffel ergriffen, um die tiefiten Geheimnifje der Philoſophie zu berühren. Denn fo werden nicht nur die, deren Vergnügen darin heiteht, die Reihenfolge der Thaten zu hören, jondern aud) die, welchen größere Freude bereitet die Erhabenheit jcharfiinniger Bernunftichlüffe, an- geloct, dergleichen zu lejen und zu jtudiren. Und jo nehme denn in Gottes Namen die geplante Gejchichte ihren Anfang. Hier endet die Vorrede.

Hier beginnt die Chronik Otto’s, Bildjofs von Freifing, und feines Schpreibers ') Rahewinus. I. Buch. 1. Ms unter Kaifer Heinrich, welcher unter den Königen als der vierte, unter den Kaiſern als der dritte diejes Namens ſich findet, das Reich auf das ſchlimmſte geſpalten war und die Mehr—

1) adbreviatoris, d. h. deſſen der die Schriften (brevia) entwirft oder nah der ihm gegebenen Anweijung verfaßt, Concipiſt. W.

Heinrich IV. und Gregor VII. 15

.

zahl der Großen gegen ihren Fürſten ſich empörte; als faft die ganze Meite des Reiches durch Schwert und Feuer verödet wurde, bejchlof Gregor VII, welcher damals den Biichofftuhl der Stadt Nom ein- nahm, dieſen Kaiſer, gleichſam als einen der von den Seinen jchon verlaffen war, mit dem Schwerte des Fluches zu treffen.!) Die Neuheit dieſes Verfahrens erregte im Reiche um jo beftigere Er— bitterung, als befannt war, daß niemals vor dieſer Zeit ein derartiger Spruch gegen den Fürſten der Nömer verfündet worden jei. Des- halb verfammelte der Fürſt mehrere Biſchöfe aus Italien, Gallien, Germanien in Bririnora,?) einer Stadt Baterns, mitten in den Pyrenäen?) nicht weit vom Tridentiner Thal gelegen, und hielt einen

großen Reichstag.) Als alle angefommen, flagte er heftig über die

von der römiſchen Kirche ihm angethanen Unbilden, daß nämlich Die Römer ohne ihn, der doch als der König und Patricius der Grite bei der Wahl des Bilchofs jeiner Stadt jein müſſe, zu Nathe zu ziehen, ſich einen Biſchof beitellt hätten, während von jeinem Vater, dem Katjer,?) mehrere dort gleichjam ohne Wahl inthronifirt worden wären.d) Durch diefe Klage konnten um fo leichter die Gemüther Aller gegen die römische Kirche eingenommen werden, als nicht nur die Laien, durch die Rückſicht auf weltliche Ehre gewonnen, jondern auch die Biichöfe, von ihren Klerifern, welchen jüngft von ebendiejem Papſte die Ehen verboten worden waren, aufgeitachelt, dem Wunſche des Fürſten beipflichteten. Unter dem Zuruf Aller wird nun von ihnen dahin entjchteden, daß vorgenannte Wahl zu cafliren jet, und Gwibert, der Erzbiichof der Navennaten, genannt Clemens (III.), wird unter Zuftimmung des Fürften zum Bilchof der Stadt ge-

1) Zum zweiten Wale jprady Gregor VII. am 7. März 1080 den Bann über Heinrich IV. 2) Briren. 3) Ulpen, nad einer im Mittelalter ſchon früh vorkommenden Anwendung diefeg Namens in ausgedehnterer Bedeutung. 4) Die Synode von Briren wurde am 25. Juni 1080 eröffnet. 5) Heinrich III. 6) Nachdem auf der Synode zu Sutri ‘20. Dec. 1046.) Silvejter III. abgejegt war, Gregor VI. abgedankt hatte und auf der Synode zu Rom (23. und 24. Dec.) Benedict IN. gleichfalls der päpftlihen Würde entfleidet worden, ſetzte Heinrich II, von Klerus und Volk von Nom ermädtigt, Suidger von Bam- berg Clemens 11.) ein. Nach deſſen Tode (9. Oct. 1047) beftimmte er den Biſchof Poppo von Briren (Damafus IL.) zum Nachfolger, nad deſſen Ableben «9. Aug. 1048) Biſchof Bruno von Zoul Leo IX.), nad ihm (T 19. Apr. 1054) Gebhard von Eichſtädt (Victor 11.)

1080,

1084 31. März.

16 Otto v. Freifing. Friedrid I.

wählt,!) und Gregor VII. wird von ihnen ein falicher Mönch oder Schwarzfünftler genannt und verworfen. Daher erfühnten fie fich nach gemeinſamem Beichluffe an den vorgenannten Bapft ein Schreiben voll Schmähungen und Läfterungen zu richten, worin fie unter anderem fagten: „Wie dur bisher zu jagen pflegteſt, daß feiner von uns ein Biſchof jet, jo wiſſe, daß du für feinen won uns fürder der Papſt jein wirſt“.?)

2. Darauf ſammelt der Fürft ein zahlreiches Heer, betritt Italien, dringt bis zur Stadt vor, jeßt unter dem Subel des römischen Bolfes nach Vertreibung Gregors dort Gwibert ein?) und erhält von ibm den Namen eines Katfers und Auguſtus. Der ehrwürdige Briefter aber entfloh der Verfolgung, begab ſich in die ficheren Gebirgs- gegenden Iusciens in das Land der Gräfin Wiathildis,) welche eine Dlutsverwandte des Kaiſers war, und rief, während er einige Tage Dort blieb und den Bann ewneuerte, dur Briefe, welche nod) an vielen Drten erhalten ſind, die Fürſten des Neiches genen ihren Kaiſer auf. Darauf?) zog er fih, nad Gampanien und Apulten ſich wendend, in eine Stadt der Nortmannen zurüc,6) welche vor furzer Zeit unter Führung Roubert Gwiscards”) in jenen Provinzen nach Ermordung, Vertreibung oder Knechtung der Ein- heimiſchen sich fejtgeleßt hatten, und erwartete dort den Tag jeines Iodes.®)

3. Diejer Noutbert war aus mittelmäßigem Gejchlecht in Nort— mannien, aus dem Stand derjenigen Nitter, welche fie dort ge-

1 Gregor war ſchon Dftern 1080 in Bamberg, dann Pfingſten in Mainz von einigen deutihen Biſchöfen abgejegt worden. Die Synode zu Briren bejtätigte den Beihluß und fertigte ein von 27 Biſchöfen und dem Könige unterjchriebenes Abſetzungsdekret aus. Wiberts Wahl erfolgte vermuthlid am 26. Juni. 2) Die angeführten Worte finden jih nicht in den Acten der Synode von Briren, jondern jind dem Collectivjchreiben entnommen, das die deutſchen Bilhöfe von Worms aus Jan. 1076 an Gregor jendeten 3), Die Weihe Clemens 11]. fand am 24. März 1084 jtatt. 4) Der Aufenthalt Gregor: in Canoſſa ge= hört ins Jahr 1077, Mathilde war die Tochter des Markgrafen Bonifacius von Tugcien und der Beatrix, der Tochter Herzog Friedrich 11. von Oberlothringen. Die Gemahlin des legteren, Mathilde, war eine Schweiter Gijelas, der Mutter Heinrichs III. 5) Nad) der Einnahme und Plünderung Roms durch die Normannen 1084 6) Salerno. 7) Robert Guiscard, einer der 12 Söhne des Grafen Tancered von Hauteville. 8) Er ſtarb am 25. Mai 1085,

Robert Guiscard. 17

meinhin Vavaſſoren zu nennen pflegen, in einem Orte, welchen die Einheimiſchen Gonjtantia!) nennen, geboren. Mit jenem Bruder Nogerius wanderte er, jowohl jeinem Vater zur Zeit einer Hungers- noth, wie man jagt, willfahrend, als aus Unzufriedenheit mit der Un- fruchtbarfeit der Yandichaft vom heimiſchen Boden aus und irrte fange Zeit durch viele Provinzen, um ein Land zur Anfiedelung zu juchen, daher er auch wegen des Umkreiſes jeiner Irrfahrt im der Sprache jeines Baterlandes Gwiscardus d. 1. Irrfahrer oder Land— ftreicher genannt worden ift.?) Nachdem er dann in geraumer Zeit, wie gejagt, viele Gegenden durchmeſſen hatte, findet er endlich im diesjeitigen Italien, welches jet Apulien und Galabrien heißt, Auf- nahme. Da er das Yand im Befiß der Longobarden, von un— friegeriichen Volke bewohnt umd daher gleichſam eines wachjamen Schußes ledig fand, jandte er jeine Boten nad) Gallien zurück, lie durch fie die Beichaffenheit der Gegenden und die Trägheit des Volkes ſchildern und warb um Genofjen zur Groberung dieſer Provinzen. Und um mic, nicht mit vielem aufzuhalten durch Iapferfeit, Lift, Schlauheit wurde er des trägen Volfes Sieger und befand ſich ſchließlich im Belt von Campanien, Apulien, Galabrien, Sieilien. Er überließ aber jeinem Bruder Noger an jener Statt den Beſitz der Grafjchaft Sicilien, ſich ſelbſt behielt er das Herzog- 107, thum in Apulien und Salabrien vor. Sein Sohn, welcher nachmals jowohl in Griechenland wie in andern Theilen des Drients tapfere und rühmliche Ihaten verrichtete, war Boimundus.?) Ceines Bruders Rogerius Sohn aber, Nogerius, welcher nadımals den Föniglichen Namen ſich anmaßte,9 it der Vater des gegenwärtig lebenden Willehelm. Doch genug davon. 4. Um dieje Zeit erhob ſich das unruhige Volk der Sachen 1073.

nach jeiner Weiſe gegen den Fürſten und zerftörte ein „Harzeburd)” 5) genanntes Kaftell, das vom Kaiſer zur Bezwingung dieſes Volkes

1) Coutances im Dep. Mande. 2) Guiscard bedeutet vielmehr „Schlaufopf." 3) Boemund von Tarent. 4) Roger IT, wurde durch eine päpftliche Urkunde vom 27. September 1130 als König anerfannt. 5) Die Harzburg bei Goslar wurde im März 1074 zerjtört.

Geihichtichreiber Lig. 69. Dtto v. Freifing. Friedrich J. >

18 N Dtto von Freifing. Friedrich I.

an der Grenze des Landes in ſehr feiter Lage gegründet worden war, zugleich; mit der Kirche, mit welcher ein Gonvent von Chor- berren verbunden war, von Grund aus. Der Anlaß zu dieſer Empörung jedoch war nicht jowohl aus dem Wanfelmutl) des vorge- nannten Volkes als aus dem Uebermuthe des Fürften erwachjen. Als nämlich genannter Fürft, noch in jugendlichen Alter jtehend, da das ganze Reich ruhig war und demüthig ſeine Herrichaft ertrug, das genannte Land betreten hatte, joll er im jugendlichen Ueber— muthe geſagt haben, er wundere fich, daß fich im ganzen Umfang jeines Reiches niemand finde, an dem er feine Kraft erproben könne, und er Schrieb das nicht der Tugend (Treue) jonderrder Feigheit zu. Diejes Wort verichwand nicht alsbald nach der Natur jener Art, nachdem es die Luft durchichnitten, jondern es jchlug jo Fräftig in den Seelen Mehrerer Wurzel und feimte auf, daß es, nachdem in Furzer Friſt jene ganze Provinz gegen ihn einmüthig im Aufſtand ſich erhoben hatte, unzähligen Bölfern und Geſchlechtern die todbringenden Becher gereicht hat.) Es mögen alio die Fürften des Erdkreiſes, die auf der Höhe ſtehen, lernen, indem fie den größten von Allen, ihren Schöpfer, vor Herzen haben, Maß zu halten, damit jte, um mit Gicero?) zu fprechen, um jo demüthiger fich betragen, je größer Ite find. Denn man weiß, dal von den Aerzten, welche die Trüglich— feit der Körperbeſchaffenheit betrachten, der treffende Ausipruch ge braucht worden ift: „Es ift befjer zur Höhe als auf der Höhe.“ Denn da der Menich, der, zur Mühſal geboren, nur furze Zeit lebt, weil die Natur als eine aus vielerlei zujammengejette der Auf— löfung zufteebt, niemals in dem gleichen Zuſtand bleiben kann, jo muß er, wenn er auf der Höhe angelangt it, bald ſich abwärts neigen. Darüber jei es erlaubt ein wenig zu philojophiren: Denn „Glücklich, wer es vermöchte der Dinge Grund zu erfennen.“?) 5. Alles, was iſt, ift entweder urſprünglich (genuinum) oder

1) Daß nicht die angebliche Aeußerung Heinrichs IV., fondern fein hartes Willfür- regiment Anlaß zur Empörung der Sachſen war, ift befannt. 2) Offic. I, 26, 40. 3) Birg. Georg. II, 490.

Aufſtand der Sacjen. Philoſophiſcher Exkurs. 19

geworden (nativum). Wie aber das Urſprüngliche nicht ſein kann ein nicht einfaches (simplex) und, jo zu jagen, ein nicht einzelnes (singulare), nicht einzigartiges (solitarium), jo fann das Gewordene nicht ein nicht zufammengejeßtes (compositum), nicht gleichförmiges (conforme), nicht aus mehrerem entjtandenes (concretum) jein. Zuerit num wollen wir jehen, was urfprünglich, was geworden beißt, damit dann leichter der Sinn dieſer Ausdrücde erhelle. Urſprünglich heit jo viel wie zeugend und nicht gezeugt, d. h. der Zeugung ent- behrend; geworden jo viel wie geboren oder gezeugt, vom Urjprüng- lichen herrührend. Daher jagt Plato:!) „Manmuf aljo, wie mir jcheint, zuerſt unterjcheiden, was das jet, was immer ift, der Jeugung entbehrend, dann, was das ſei, was erzeugt wird und nicht immer iſt.“ Und Boetius jagt: „Der du von der Gwigfeit her gehen heißeſt die Zeit." 2) Zeugung aber fafjen wir in weitem Sinne als Eintritt in eine beliebige Eigen— ichaft oder, um deutlicher zu reden, als irgend ein Eintreten aus dem Nichtjein in das Sein; daher des Ariſtoteles Ausſpruch: „Aus Gegenſätzen entftehen Zeugungen.”?) Denn in jedem Gewordenen it die Verneinung früher als die Bejahung. Das Urjprüngliche it alfo entbehrend der Zeugung, entbehrend des Anfangs, wie bei uns nur eines gefunden wird, nämlich die Ewigkeit, die allein der Gottheit zufommt. Denn e8 gibt bei uns nicht drei Principien, wie fie Plato angenommen hat, jondern nur eines, Gott den Vater, aus dem Alles, Gott den Sohn, durch den Alles, Gott den heiligen Geiſt, in welchem Alles ift; und wie dieje drei nicht drei Götter find, jo find fie auch nicht drei Prineipien, auch nicht drei ewige Weſen, jondern ein Princip und ein ewiges Weſen. Es wird alfo mit zwingenden Gründen erwiefen, dat die Gottheit allein, als des Anfangs entbehrend, einfach jein muß. Denn was zufammen- gejeßt wird, muß nothwendig von einem andern zujammengejett werden; denn ein Ding jeßt fich, wie es fich nicht erzeugt, auch nicht

1) Timaeus p. 38. 2) Phil. cons. II, 9. v.2.3. (Ausg. v. Peiper. ©. 70). 3) Otto von Freifing ſchöpft jeine Kenntniß der ariftotel, Philojophie aus des Boetius' Ueberjegung der ariftot. Schrift repz Sppryvetas. Die citirte Stelle findet fih in der prima editio diejer

Ueberjegung II, 14. (S, 213 der Ausg. dv. Meifer), in der sec. ed. VI, 14. (S. 473), 9*

*

20 Dtto von Freifing. Friedrid 1.

zufammen, was aber von einem andern zuſammengeſetzt wird, muß auch von dem andern jein Weſen haben. Die Gottheit ift aber nicht von einem andern, kann alio nicht von einem andern zu— jammengejeßt werden; fie ift aljo einfach. Daher jagt Boetius im dritten Buche über den Troſt der Philojophie:!) „Wenn etwas von Natur inwohnt, aber von entgegengeießter Beichaffenheit ift, jo möge, wer's kann, wenn wir von Gott, dem Urgrumd der Dinge reden, Tich vorftellen, wer dieſe Gegenſätze vereinigt habe”. Eben dieſes göttliche Sein erweilt ſich dadurch, daß es weder in Wirklichkeit (actu) noch dem Weſen nach (natura) ein ihm ähnliches hat, als einzig. Das wird aus einer Betrachtung der natürlichen Dinge leichter erfichtlich jein. Wenn wir uns nämlich zur Anſchauung der Erhabenheit der Gottheit erheben, io jehen wir, weil unſer Verſtand nicht hat, worin er fejten Fuß faſſe, beifer durch Berneinung als durch Bejahung d. h. was nicht jet, als was jet, indem wir gleichiam tiber etwas Unge— wifjes hintaften. In den gewordenen Dingen alſo mul jedes Weſen oder jede Form, welche das ganze Sein eines Einzelwejens ausmacht, entweder in Wirklichkeit und dem Weſen nach oder doch wenigitens dem Weſen nach ein ihm ähnliches haben. Zum Beiſpiel: Die Menich- heit des Sofrates ift actu und natura ähnlich der Menjchheit Blato’s, inden fie hinsichtlich aller Theile und jederlei Wirfung (was einige die Form der Subftanz und die Subftanz der Form nennen), jowohl in diefem als in jenem fich findet. Daher können, obwohl Spfrates und Plato mit Rücficht auf die Theilung in ein Zahlverhältniß kommen, jo daß fie zwei Menjchen genannt werden, doc mit Rückſicht auf das Aehnlichiein ein Menich genannt werden. Denn eine jubitanttelle Aehnlichkeit bewirkt, dat die Subjefte nicht nur fonform, jondern auch ein und dafjelbe genannt werden, nach dem Sabe: „Durch Theilhaben an der Art find mehrere Menichen ein Menſch“, und in demjelben Sinne, wie wir zu jagen pflegen: „Derjelbe Wein wird hier ge- trunfen, wie in Rom.“ Theile aber nenne ich diejenigen Sormen, welche zur Bildung einer Art entweder als allgemeine an die Spitze

END.

Philoſophiſcher Exkurs. 91

geftellt, oder als unterjcheidende beigejellt werden, oder als zufällige fie begleiten. Denn jede Unterjcheidung gehört ja dem einen umd fommt dem andern zu, denn fie gehört einer Form und fommt einem Einzelweien zu. Jetzt ift, wie ich glaube, daraus klar ge- worden, was ich meinte, als ich jagte, die Menjchheit des Sokrates jet nach allen Theilen und jederlet Wirkung der Menjchheit Plato's ähnlich und Sofrates und Plato könnten demnach in dem (begriff- lichen) Allgemeinen ein und derſelbe Menſch genannt werden. Wenn nämlich die eine vernünftig, die andere fterblich wäre, und weder ganz in dieſem, noch ganz in jenem, jondern wenn den einen Theil dieſe, den andern jene bejäße, jo ift auch betreffs der Wirkung klar, daß wie dieje jenen vernünftig und fterblich, jo jene dieſen ver- nünftig und fterblich macht. Auch das Miaterielle (concretio) kann in natürlichen Dingen nicht nur durch die Vereinigung der Form und des Ginzelwejens, jondern nach der Menge des Zufälligen, welches das ſubſtantielle Sein begleitet, betrachtet werden. Zum Betjpiel: Die

denſchheit, welche das ganze Sein des Menjchen und, wie gezeigt worden ift, aus vielen Formen zufammengejett it, zieht, um et Subjekt zu geftalten, die Lachfähigkeit und anderes Zufällige an fi. Es gibt andere, ein Subjeft vollftändig geftaltende Formen, welche nur eine ähnliche Natur haben. Man erfennt ja, daß das Sein der Sonne, wenn auch nicht actu, doc) natura ein ihm ähnliches habe. Daher kann es, obwohl es mehrere Sonnen nicht gibt, doch ohne Widerſpruch der Natur mehrere Sonnen geben. Es leuchtet aljo aus dem Gegenſatz durch Verneinung ein, dal die göttliche Weſenheit weder ein ähnliches ift, noch der Konkretion unterliegt. Daher möge fie, um die natürlichen Worte zur gütt- lichen Lobpreiſung zu wenden, wie einfach jo auch eimzig und einzigartig genannt werden, jo daß ſie als einfach gegenüber der Zufammenjeßung, als einzig gegenüber der Aehnlichkett, als einzig- artig gegenüber der Konfretion fich abjondere. Weder actu nod) natura iſt ſie alſo ähnlich, weil ein anderer Gott, ein anderer Schöpfer, ein anderer Allmächtiger weder geweſen it, noch it, noch

22 Dtto von Freifing. Friedrich I.

wird jein fünnen. Daher jagt der Pſalmiſt:) „Gott wer ift dir gleich?" Die Konfretion nimmt die göüttlihe Weſenheit nicht an, da ſie weder ein Subjeft hat, was geftalte, noch irgend eine Be— gleitung von Zufälligem zuläßt. Daher kann fie auch nicht im eigentlichen Sinne eine Subjtanz genannt werden. Denn die Subftanz kann gewiffermaßen Subjeft genannt werden, die Form aber kann nimmer Subjekt jein. Da diejes aber nach) dem Philofophen weder den Leidenjchaften noch der Bewegung unterworfen ift, jo ift es aus dieſem- oder jenem beitehend, aber was es auch ift, es iſt eines und eriltirt deshalb in Wahrheit, und ift das Stärfite, auf nichts fich ftüßend, und kann auch weit beſſer eine Form genannt werden. Denn alles Sein ift aus der Form. Sie ilt alfo nicht dies und Das, jondern nur dies, das Schönfte und Stärkſte. Denn wenn fie etwas ſich ähnliches hätte, jo fünnte fie nicht das Schönfte genannt werden. Wenn ſie auf das Subjekt ſich ftügend der Begleitung des Zufälligen bedürfte, jo wäre ſie nicht das Stärkſte. Daher ift fie das Schönfte und Stärkſte, auf nichts ſich ftüßend, und, wie vom erwähnten Philoſophen jehr treffend geiagt worden ift, ſie - ift weder der Definition nody der Theilung, viel weniger der Dar- legung oder Auflöfung fähig. MWahrhaftig. Denn da fie eine höhere Gattung nicht hat, womit ſie zuſammengeſetzt werde, jo läßt fie eine Definition nicht zu. Wie jollte fie die Zerlegung nad) Theilen zulaffen, ſie, welche aller Arten entbehrt, in welche fie ge- theilt werden fünnte? Wie jollte fie der Darlegung zugänglich jet, fie, welche, als Anfang aller Dinge und Erites, ein Eriteres (primiora), Wahreres, Befannteres nicht über fich haben fann? Daher jchließt fie nothwendiger Weiſe, infolge der Natur der Einfachheit, der Einzig- heit, jo zu jagen der Cinzigartigfeit, den Zwang der Auflöfung aus, jo daß fie mit Recht allein ewig, unwandelbar, unveränderlich jowohl ift, als natürlicher Weile dafür gilt. Denn die übrigen Wejen, wenn es irgend welche gibt, die der Wandelung nicht unterworfen find, wie die Engel, haben das erwieſener Maßen nicht infolge der eignen Natur, 1) Pi. 86, 8.

Philoſophiſcher Exkurs. 23

ſondern infolge der Gnade ihres Schöpfers, won deſſen Unwandel— barkeit fie jelbit unwandelbar genannt werden, jo daß aljo, wenn ich ſage: „Gott iſt unwandelbar, der Engel ift unwandelbar,“ nicht von einer andern Unwandelbarfeit im zweiten, als im erſten Satze die Rede ift, jondern von derjelben. Zum Beiſpiel, wenn ich einen Künftler menjchlih und ein Werk menjchlih nenne, jo jpreche ich nicht von zwei verichtedenen Menjchheiten, jondern das, was ich vom Künftler jubitantiviich ausjage, das jage ich vom Werk in übertragener Weiſe (denominative) aus, und wenn ich ſage: „Sofrates lacht; die Wieſe lacht,“ jo jage ich nicht eine andere Eigenichaft vom Sofrates, eine andere von der Wieſe aus, jondern ich jage diejelbe Eigenjchaft, welche ich bezüglich des Sofrates im eigentlichen Sinne nahm, be- züglich der Wieje im uneigentlichen oder libertragenen Sinne aus. Mit Rückſicht darauf jagt Boetius: „Der bildlihe Gebrauch hat feine Eigenſchaft.“

Nachdem nun bezüglich) des göttlichen Weſens nachgewiejen worden tft, auf dem Wege der Neyation, daß, da es weder zu— ſammengeſetzt, noch ähnlich noch Fonfret genannt werden kann, es als einfach, einzig, einzigartig in jeder Hinficht aufzufaſſen ift, jo erübrigt jeßt noch zu beweilen, inwiefern jedes Gewordene als zu- jammengejeßt, ähnlich, konkret zu betrachten ift. Alles nämlich, was geworden ift, nimmt ohne Zweifel von einem andern jeinen Uriprung. Denn nichts kann von fich jelbft werden. Was aber von einem andern ift, ift nicht Uranfang, es ift alſo dies und das (hoc et hoc); daher ijt es nicht einfach, iſt alſo zuſammengeſetzt. Denn wir erheben uns hier nicht dazu, von der theologijchen und unaus- iprechlichen Zeugung und Geburt zu jprechen, ſondern ftellen nur über diejenige, welche von den Philoſophen Zeugung (genitura), von uns Machung(factura) oder Schöpfung genannt zu werden pflegt, unjere Er- örterung an. Es tft aber zu bemerken, dab anders die Zuſammenſetzung der Formen, anders die der Einzelweſen ift, daß die der Formen aus Formen, die der Einzelweien aus Ginzelweien beiteht. Denn feine Form läht eine Zufammenjegung mit Einzelwejen, fein Einzelwejen

24 Otto von Freiling. Friedrich I.

eine joldhe mit Formen zu. Denn durch jo große DVerjchieden- beiten trennen fid) das Sein und das, was n von einander, daß weder das, was tft, eine Zuſammenſetzung mit jenem Sein, noch das. Sein eine Zuſammenſetzung mit dem, was durch es jelbjt ift, zuläßt, und obwohl fie unter feine Gattung fallen und das eine, wie gejagt, eine Zuſammenſetzung mit dem andern nicht zu— laßt, jo kann doch das eine ohne das andere nicht jein. Und dieſe derartige, ich möchte jagen, Zufammenfügung (compactio) des Ver— ſchiedenſten wird lieber eine Konfretion des Entgegengejegten als eine Zuſammenſetzung aus Aehnlichem genannt. Die Zufammenjegung der Formen iſt aljo, wie gejagt, anders, anders die der Einzelwejen. Von den Formen aber find die einen zuſammengeſetzt, die andern einfach; einfach 3. B. das Weit, zufammengeießt z.B. die Menjchheit. Aber die einfachen können als zuſammengeſ * in der Zuſammenſetzung auftreten. Keine einfache aber vermag durch ſich in natürlichen Dingen ein Subjekt zu bilden, ſondern begleitet nur die zuſammen— geſetzte, wenn ſie es bildet. Es muß alſo jede Form, um ein ganz für ſich Beſtehendes zu geſtalten, zuſammengeſetzt ſein und dies und das ſein. Daß auch die Einzelweſen aus Einzelweſen beſtehen, iſt keinem zweifelhaft; denn jeder Körper beſteht aus Körpern. Und die Philoſophen halten es nicht für unzuläſſig, wie ſie die Quantität in unermeßliche Quantitäten ſcheiden, ſo auch den Körper in eine un— endliche Zahl von Körpern zu zerlegen. Kein Einzelweſen iſt alſo einfach, keine Form, welche ein ganzes Sein iſt, kann nicht zuſammen— geſetzt ſein. Aber man muß wiſſen, daß das eine Einzelweſen eine Vereinigung von Theilen geſtattet, ein anderes nicht. Der Körper geitattet fie, der Geiſt nicht; daher jcheint auch der Geiſt einfach zu jein. Aber darauf ift zu achten, die Einfachheit bald nur gegen- über der Zuſammenſetzung, bald gegenüber der Zulammenjeßung und der Konfretion abzujondern. Daher jagt Boetius in Der 8. Negel des 7. Buches:!) „Für jedes Zuſammengeſetzte tft ein anderes

1) Dieje und die folgenden „Regeln“ find der Abhandlung: Quomodo subtantiae in eo quod sint bonae sint cum non sint substantialia bona (herausg. v. Peiper, Lpz. 1871) entnommen. Sie finden ſich dort Seite 169,

Philoſophiſcher Exkurs. 25

das ‚Sein‘, ein anderes ift es ſelbſt.“ Im diefer Regel wird näm— lich nicht auf die Berjchtedenheit zwijchen dem, was tft und wodurch es it, welche in der zweiten Negel, in der es heißt: „Verſchieden it das Sem und das, was ift“ bezeichnet worden iſt, bin- gewiejen, jondern vielmehr auf diejenige Verichiedenheit der Formen, nach welcher das Subjekt durch ein anderes iſt und durch ein anderes irgendetwastft. Zum Beiſpiel: wie man von einem Körper jagt, ex jet durch die Körperlichkeit, ex ei irgend etwas durch die Farbe, jo kann auch der gejchaffene Geilt, da er durch ein anderes ift, Durch ein anderes weife ift, wenngleich ev, der Verbindung von Theilen ent- behrend, einfach zu ſein fcheint, doch, weil er eine aus Formen zu— jammengejeßte Form hat, infolge der SKonfretion einer derartigen Form und eines Einzelweiens nicht in vollem Sinne einfach genannt werden. Jedes Gewordene iſt alio zujfammengejeßt. Bezüglich der Aehnlichkeit und Sonfretion ift oben bewiejen worden, dal näm—

lich etwas infolge der jubftantiellen Aehnlichkeit conform, infolge

deſſen, was das Subjekt gejtaltet und eine Menge von Zufälligem nach ſich zieht, Fonfret genannt wird. Unter allem Gewordenen aber findet jich nichts mehr zujammengejeßt, als der Menſch, welcher nicht nur ein aus dem Sein zujammengejettes Sein hat oder ein aus Ginzelweien zufammengejettes Einzelwejen, jondern auch, aus entgegengejeßten Ginzelwejen zuſammengefügt, eine Vereinigung von jubjtanziellen Gegenſätzen und eine Zufammenjegung von verjchiedenen Subſiſtenzien derjelben hat. Daber ift es nicht zu verwundern, wenn er, weil aus der ganzen und großen Zuſammenſetzung zufammengefügt, leichter der Auflöjung unterliegt. Ferner, da nach der 9. Negel des Boetius: „alle Berichtedenheit ift zwieträchtig”, Die Aehnlichkeit zu erjtreben ift, und da, was nach Anderem jtrebt, natürlicher Weiſe jelbft als jolches ſich erweift, wie jenes jelbit ift, was erſtrebt wird, fo eilen wir um jo heftiger der Auflöfung zu, je zwieträchtiger wir aus entgegengejeßten Theilen beitehen. Zum Beiſpiel: da der Körper aus vier Slementen zujammengejeßt ift, aus Feuer, das ihn nad)

& oben, aus Exde, die ihn nach unten, aus Waffer und Luft, die ihn

Mai 1075.

26 Dtto von Freifing. Friedrich I.

gleichlam nach beiden Seiten aus einander reißen, und da auf Diele Weiſe die Theile mit einander uneinig find, was kann es Ungleich— artigeres geben? Dies nimmt zwar nicht der Sinn, doch die Vernunft in der Zufammenjegung der Form wahr. Dazu fonmt, daß nicht nur die Form, welche jubjtantielles Sein ift, aus Formen zufammengejegt it, Tondern daß die zuiammenjegenden Formen jelbft, bald entftehend, bald untergehend, auch nie in beitändiger und fertiger Page des Criftirens verharrend, das Subjekt nicht zur Ruhe fommen laffen. Daher folgen, wenn die einen gehen, immer andere ohne Unterbrechung nach. Da dieſem jchnellen Yauf der Formen der Lauf der Zeiten folgt, jo verjchwindet die Zeit jo rajch, daß eine Gegenwart derjelben kaum oder niemals erjchaut werden kann. Gut haben aljo die, welche die VBeränderlichfeit jowohl der Natur als der Zeit betrachteten, gefagt: „Beller zur Höhe als auf der Höhe”, weil man abnehmen muß, wenn man nicht mehr hat, wodurd man wächſt. Wie aber von den Aerzten gelehrt wird, daß gute Befinden, wenn fie auf der Höhe ftehen, fich auflöfen, jo wird nicht mit Unrecht von bewährten Nerzten der Seele gerathen, dal dev Geift, welcher, wenn das Glück der Dinge auf der Höhe fteht, ſich zu überheben pflegt, duch die Betrachtung des Uebels wieder niedergedrüctt werde. Daher auch jenes Wort: „In Tagen des Glücks ſei nicht umeingedenf des Unglücks).“ Doch nun wollen wir zu unjerer Aufgabe zurückkehren.

6. Da alio die Sachſen von ihrem Oberhaupte abfielen, zog der Fürſt aus allen Theilen des Neiches zu ihrer Bekämpfung ein ftarfes und großes Heer zulammen und betrat mit dem neuen Heer genannte Provinz. Cs waren in feinem Gefolge vier große Herzöge, jeder mit einer Legion, Zuerdebald?), der Herzog der Böhmen, Gwelfo?), der Herzog der Baiern, Radolf?), der Her- zog der Schwaben, Gotefrid 5) der Herzog der Yotharingier, und andere Fürften, Grafen und Edle ohne Zahl. Nachdem nun bet dem

1) Jeſus Sirach 11,26. 2) Wratijlav. 3) Welf. 4) Rudolf von Rheinfelden. 5) Gottfried der Hödrige.

Heinrich IV. und Rudolf v. Schwaben. 37

Fluſſe Unftrout eine offene Feldichlacht geliefert worden ‚!) fehrte der König nach blutigem Siege heim. Nicht lange darauf empörten fich die beiden vorgenannten Herzöge Welfo und Radolf aus welchem Grunde, ift zweifelhaft gegen den Fürften und verbanden fich mit den Sachſen. Gotefrid aber, der Herzog Potharingiens, nahm Theil an der Fahrt nach dem Morgenland und verwaltete zu Serujalem das Herzogthum des Volfes Gottes; daſelbſt entichlief er in Srieden.?)

7. Aber der römische Papſt Gregorius, welcher ſchon, wie oben (Kay. 2) erzählt ift, die Fürften gegen den Kaiſer aufreizte, jchrieb allen heimlich und öffentlich, ſie jollten einen andern wählen. Radolf alſo, der Herzog der Schwaben, wurde von ihnen zum König gewählt?) und joll von der römijchen Kirche ein Diadem mit folgender Inſchrift erhalten haben:

Rom hat die Krone dem Betrus, Petrus dem Radolf gegeben*).

Die Tochter diefes Nadolf?) hatte einer von den vornehmſten Großen des Neiches zum Weibe, Berchtolfd) mit Namen von ber Burg Zäringen. Kurze Zeit darauf wird Nadolf in einer Feld— ichlacht von den Getreuen des Katjers getödtet”) und in der Kirche zu Merieburg mit königlichem Prunfe begraben. Es wird vom Kailer erzählt, er habe, als er zu einer Zeit, wo dieje auf- ſtändiſchen Bewegungen ein wenig ruhten zur erwähnten Kirche zu Merjeburg gekommen war und dort den eben erwähnten Radolf wie einen König beerdigt gejehen hatte, zu einem auf die Frage,

1) Am 8. Juni 1075 bei Homburg a. d. Unjtrut. 2) Otto dv. Freifing verwechſelt bier Gottfried dv. Bouillon mit Gottfried dem Hödrigen. Der erjtere war der Sohn de Grafen Euſtach von Boulogne und der Ida, der Schwejter Gottfried des Hödrigen: er ward nit nad dem Tode jeines heim: 1076 gleih Herzog von Lothringen, jondern erhielt nur die Mark Antwerpen, während Heinrich Lothringen feinem Sohne Konrad übertrug. Erſt 1087 ward er Herzog von Niederlothringen. Er ftarb am 18, Juli 1100. 3) Am 15. März 1077 zu Forchheim. 4) Sigebert von Gemblour, ein Zeitgenofje Gregors VII. und Urbans II, berichtet von der Weberjendung der Krone in jeiner Weltchronik; aber es erwachſen doch gerechte Zweifel an der Wahrheit der Erzählung. Gregor hat Jahre lang gezögert, ehe er Rudolf offen anerkannte, wenn aud) feine Sympathieen dem Gegenfönig von Anfang an gegolten haben. 5) Agnes. 6) Berthold I. von Zäringen, Herzog von Kärnten. 7) In der Schlacht bei Hohenmölfen am 15. October 1080.

—“

28 Otto von Freiſing. Friedrich J.

warum er den, der doch nicht König geweſen wäre, mit königlicher Ehre begraben liegen laſſe, geſagt: „O, möchten doch alle meine Feinde ſo ehrenvoll beſtattet liegen.“ Nach Radolfs Fall bemächtigt ſich ſein Schwiegerſohn Berchtolf des Herzogthums Schwaben, als wäre es ihm von ſeinem Schwiegervater verliehen.

8. Um dieſe Zeit hatte ein Graf, Friderich mit Namen, der jeinen Urſprung von den vornehmften Grafen Schwabens herleitete, in einer Burg, genannt Stoiphe!) jeine Anſiedelung begrimdet. Da er vorfichtig im Rath, wader in den Waffen war, wurde er an den Hof des Kaiſers gezogen und leijtete dort lange Zeit Nitter- dienjt als tapferer und edler Kriegsmann. So hatte er dem Kaiſer in allen feinen Gefahren männlich zur Seite geftanden, und da nun der Fürſt den jo ſchwankenden Zuftand des Staates Jah, rief er ihn insgeheim zu ſich und redete ihn alfo an: „Beſter der Männer, den ich unter allen im Frieden als den treueiten und im Kriege als den tapferiten erprobt habe, fiehe, wie der römiſche Erdfreis, in Finſterniß eingehüllt, der Treue bar, nach dem Worte:

„„uleßt von den Himmelsbewohnern verlie; Aſträa die Erde‘ ?) zu ſchändlichen Wagniffen und den jchmählichiten Thaten ſich ver- leiten läßt. Den Eltern wird nicht die Ehrerbietung, den Herren nicht die jchuldige Unterwerfung bewahrt; die Gide, welche jowohl nach dem echte des Himmels, als nad dem Nechte des Gerichts dem Fürſten von dem Vaſallen öffentlich geleiitet zu werden pflegen, werden verachtet, und Schwüre der Barteien, welche gegen die gütt- lichen und menjchlichen Gejeße in Winfeln geletitet werden auf An- reizung des Teufels, werden für heilig und unverletzlich gehalten, feine Ehre wird den Gejeßen, keine den göttlichen Ordnungen gezollt. Denn wenn alle Gewalt von Gott ift, jo widerjteht, wer der Ge— walt wideriteht, der Ordnung Gottes.?) Stehe aljo auf gegen Dieje jo ſchlimme Krankheit und gürte did), die Feinde des Neiches mann— haft niederzufampfen. Denn ich bin weder deiner früheren Ver—

1) Auf dem Staufen. Sein Vater war Friedrid von Büren. 2) Ovp. Metam. I, 150. 3) Röm. 13, 12.

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Friedrich I. von Schwaben. 29

dienfte umeingedenf, noch werde ich gegen die zufünftigen undankbar jein. Die einzige Tochter!) nun, welche ich babe, will ich dir zur She geben und will dir das Herzogthum Schwaben, deſſen Berchtolf ſich bemiächtigt hat, verleihen ?).“

So fehrte nun Friderich, nachdem er zugleich Herzog der Schwaben und Schwiegerfohn des Königs geworden war, in die Heimat zurück und zwang, um mich nicht mit vielerlei aufzu- halten, den Berchtolf endlich, um Frieden zu bitten; 3) Doch berichten einige, daß dies erit unter jenem Sohne Friderich gejchehen ſei. Die Bedingung des Friedens aber war, daß Berchtolf das Herzog: thum aufgab, jo jedoch, das Turegum,) die vornehmfte Stadt Schwabens, als Lehen von der Hand des Kaiſers ihm verblieb.

Diefe Stadt, in Gebirgsengen nad Italten zu an einem See, aus dem der Yemannus flieht,?) gelegen, war einft eine Kolonie der Katjer und Könige, und nach der Meberlieferung unferer Ahnen von jolhem Anjehen, daß die Mailänder, wenn jte einmal vom Kaifer über die Alpen zum Gericht gerufen wurden, dort verhürt oder von Nechtswegen verurtheilt werden mußten. Daher joll auch) infolge des Ueberfluffes an Schäten wie an Ehren an dem Thor derielben gejchrieben fteben:

„Zürich, die edele Stadt, ein Schaß von vielerlet Dingen.“

Bon dem genannten Lemannusfluß, von dem Lucan?) fingt:

„Sie verließen die Zelte, errichtet am hohlen Lemannus“, heit auch jene ganze Provinz Alemannia.) Daher glauben einige, day

1) Agnes. 2) Die Belehnung erfolgte 1079. 3) Anfang 1098 machte Berthold jeinen Frieden mit dem Kaiſer; erſt jeit diefer Zeit war Friedrich in Wahrheit Herzog von Schwaben (gejt. 1105). Troß des Ausgleihs führte Berthold den Namen eines Herzogs von Schwaben fort. 4) Zürich. 5) Berwechjelung der Limmat mit dem dur) den Rhone gebildeten Genfer See (lacus Lemanus). 6) Pharſ. I, 396. 7) Daß dieje Etymologie des Wortes „Wemannia" falſch ift, leuchtet von ſelbſt ein. Nach Baumann (Forfhungen zur deutſchen Geſchichte XVI) find die Alamannen identiſch mit den bei Tacitus (Annal. II, 45; Germ. 39) genannten Semnonen. Urſprünglich jeßhaft zwifchen Elbe und Oder, verichwinden die Semnonen, feitdem um das Jahr 180 nad Chrifto die Duaden bei ihnen Aufnahme juden; aber ſüdlich von ihren alten Siten, am oberen Main, taucht das Volk der Alamannen auf um 213 zuerjt genannt ebenfo mächtig, wie das der Semnonen. Diejer Volksname (Alamannen, in vollerer Form Alahmannen) bedeutet Männer des Heiligtdums; er wurde den ehemaligen Semnonen zu Theil, weil fie aus dem

1105.

30 Dtto von Freiling. Friedrich I.

das ganze deutiche Land Alemannien genannt worden jei, und pflegen alle Deutjchen Alemannen zu nennen, während nur jene Provinz, nämlich Schwaben, vom Lemannus-Fluffe Memannia heizt und die in ihr wohnenden Völker allein Alemannen genannt werden. Dieier Berchtolf joll, obwohl er in diefer Angelegenheit jowohl dem Reiche wie der Gerechtigkeit nachgegeben hat, doch jeher wader und jehr tapfer geweſen jein. Daher wird auch noch von älteren Leuten von ibm erzählt, dal er, wenn einmal ein Bote, der irgend eine traurige Nachricht ibm brachte, wie es öfters gejchieht, zaudern wollte, zu jagen pflegte: „Sprich, jprich, denn ich weiß, daß immer Fröhlihes Iraurigem, und Trauriges Fröhlihem vorausgeht. Darum gilt eg mir ebenjoviel, zuerit das Irübe zu hören, da ich danach Heiteres hören werde, als zuerit das Heitere und danach das Trübe.” in herrliches und eines tapferen Mannes würdiges Wort! eines Mannes, der ohne willenjchaftliche Bildung mit natür- lihem Verſtand die Flüchtigfeit des Gewordenen erfahte und weder in den Tagen des Glücds, des Unglücks umeingedenf, übermüthig, noch in den Tagen des Unglücs, des Glückes uneingedenf, gebrochen war. Friderich aber war ſeitdem ohne Widerjpruch tm Beſitz des Herzogthbums AMlemannien und regierte es lange Zeit wacer.

9. Er empfing aber von feiner edlen Gemahlin Agnes zwei Söhne, Friderih und Conrad; er jelbit beichlog nach vielen Broben jeiner Tugenden in gutem Alter jein Leben und liegt im Kloſter Lorch, das er auf eignem Grund erbaut hatte, begraben. Der oben genannte Berchtolf aber führte jeitdem den leeren Namen eines Herzogs weiter und hinterließ ihn wie ein Erbſtück jeinen Nach— fommen. Denn alle find bis auf den heutigen Tag Herzöge ge- nannt worden, ohne ein Herzogthum zu haben, und find allein des Namens ohne die Sache theilhaftig, es mühte denn einer die Graf— Ichaft zwifchen Sura und dem Qupitersberg!), weldhe nach dem

Sande famen, wo des Weltihöpfers Heiliger Wald gelegen war. Sich jelbjt nannten die Bolfsgenofjen weder Semnonen noch Alamannen, jondern Suabi.

1) Großer St. Bernhard. Die hier bezeichnete Grafſchaft Sitten war nur ein Theil der ihm verliehenen burgundiihen Grafihaft; vgl. unten II, 29,

Heinrich V. Sl

Tode des Grafen Willehbelm!) fein (d. i. Bertholds) Sohn Conrad?) vom Kaiſer Lothar erhielt, ein Herzogthum nennen, oder behaupten, daß fie nach dem Herzogthbum Kärnten, das fie niemals bejeffen haben, mit dem Herzogsnamen zu beehren jeien. Doch ftehen fie um übrigen, was Neichthum und Ehre anlangt, feineswegs in geringer Achtung.

10. Nach dem Tode Friderichs, Des Herzogs der Alemannen, nahm deſſen Wittwe Agnes ihr Bruder Heinrich (V.), Kaiſer Heinrichs Sohn, bei fih auf und gab fie Leoyald?), dem Marf- grafen von Dejtreich, was anderswo) ausführlicher von uns erzählt wurde, zum Weibe, als von ihren Söhnen Friderich 15, Conrad 12 Sahre zählte. Friderich num, welcher der ältere war, war feinem Pater im Herzogthum nachgefolgt. Um dieje Zeit ſtarb Kaiſer a Heinrich in Yeodium?), einer Stadt Belgiens; nachdem daſelbſt jeine Eingeweide beitattet waren, wird jeine Leiche nach Speier, einer Stadt Galliens,6) gebracht und dort in der Kirche der jeligen Öpttesgebärerin Maria, die er ſelbſt ein wunderbares und funft- reiches Werk, wie man noch heute ſieht hatte bauen laffen,”) neben jeinem Vater (Heinrich III.) und Großvater (Konrad II.), den Kaiſern, mit Eöniglicher Bracht beitattet,3) und es folgte ihm im Neiche jein Sohn Heinrich, in der Reihe der Kaiſer der vierte, in der der Könige aber der fünfte. Diejer, in den Waffen jehr wacder, unterwarf das ganze Neich jo im kurzem feiner Hoheit, daß nicht nur alle Bewohner des römiſchen Erdkreiſes das Soc der Unterwerfung demüthig trugen, jondern auch Die Nachbarn aus DBejorgniß vor jeiner Herrſchſucht vor Furcht zitterten.

11. Wie viele und wie große Thaten er nun fowohl zu Nom, als

1) Graf Wilhelm da3 Kind von Burgund wurde im Februar oder März 1127 (vgl. Bernhardi, Lothar von Supplinburg 133, U. 38) ermordet. 2) Agnes von Zäringen, Konrads Schweiter, war Wilhelms Mutter (vgl. II, 29 und Bernhardi, Lothar 823 ff.). 3) Leopold (Liutpold) III, dem Frommen, Vater Otto’3 von Freifing. 4) ©. Otto’3 Chronif VII, 9, ©. 67; vgl. dazu die Einleitung zur Chronik VIL f. Geſchichtſchr. Lfrg. 60. 5) Lüttich. 6) Das Rheinland wird von Otto und andern Schriftjtellern häufig galliſch

genannt. 7) Begonnen wurde der Bau des Speierer Dome? bereit3 von Konrad II. 8) Die Beifegung der Leiche im Dom fand am 7. Auguft 1111 Statt.

1113.

32 Dtto won Freifing. Friedrich I.

in Italien tapfer ausgeführt hat, übergehen wir, weil es in dem früheren Geſchichtsbuch!) erzählt worden iſt. Es möge gegemwärtig genügen, nur zu berichten, daß er, auf dem Höhepunft der Macht, da alle Gallifaner zitterten, nachdem er die Burg Barrum?) gegen die Meinung vieler Yeute durch Sturm genommen und dort den Grafen Reginald ergriffen und gefangen fortgeführt hatte, bei einer Feftung diefes Grafen, Munzun?) genannt, ein Lager aufichlug. Da er diefelbe, weil fie auf der Spiße des Berges gelegen und durch die Natur der Yage ſtark befeftigt war, weder durch Liſt noch durch Gewalt nehmen fonnte, jo ließ er einen Galgen errichten und verfündete, daß er den Grafen jelbjt durch den Strick tödten werde, wenn die Burg nicht Schnell übergeben würde. Die Burgmannen erbaten bis zum andern Tage Waffenitillitand. Im jener Nacht gebar die Gräfin einen Cohn. Da num famen die Burgmannen zu- jammen und verpflichteten fich dem eben geborenen Knäblein durd, den Eid der Treue. Am folgenden Morgen, als der Katler wiederum die Burgmannen zur Uebergabe der Burg aufforderte und ihrem Herrn, dem Grafen, den er vorgeführt hatte, mit dem Galgen drohte, antworteten fie, daß Tte um jenes Tod willen die Burg nicht übergeben wollten, zumal fie einen neuen Herren hätten, den defjen Gemahlin in jener Nacht geboren hätte. Darüber ergrimmt, befahl der Fürft, vorgenannten Grafen zum Galgen zu ſchleppen. Und da er von den anwejenden Fürften gebeten wurde, dies nicht zu thun, ex jelbit aber bei jeinem Vorlage blieb, und einige ſagten, er jolle doch wenigſtens im Hinblick auf die göttliche Strafe von jeinem Beginnen ablaffen, joll er mit zornflammendem Blick geantwortet haben: „Der Himmel ift dem Herren des Himmels, die Erde aber hat er den Menjchenfindern gegeben.) Endlich aber, als jich die unvernünftige Aufregung abgefühlt, nahm der Kaiſer, be- wogen durch die Bitten Aller, das Todesurtheil zurücd und fehrte, den Grafen gefangen mit fich führend, in ſein heimiſches Yand zurück?)

1) Ehronif VII, 13—16. 2) Barzle-duc am Ornain, Nebenflug der Marne. 3) Mouzon an der Maas, oberhalb Sedan. 4) Pjalm 115, 16. 5) Reginald erhielt bald darauf nad) Leiftung des Lehnseides die Freiheit zurüd.

Sriedrih U. von Echwaheır. 33

12. Nicht lange darauf wird, während er jelbft in Mayuntia,t) einer Stadt Galliens, jeine Hochzeit?) unter der Theilnahme vieler Fürften prächtig feierte, das Neich geipalten, wie an anderem Drte von uns ausführlicher erzählt worden ift.?) Dieſe Spaltung war zu jener Zeit jo bedeutend, daß es mit Ausnahme des Herzogs Sriderich und jeines Bruders und Gotefrids, des Pralzgrafen bei Rhein, kaum einige noch von den Fürften gab, welche nicht gegen ihren Fürſten fich empört hätten. Wie viele und herrliche, der Dar- jtellung würdige Thaten nun der hochedle Herzog der Schwaben, Sriderich, in Anweſenheit des Kaiſers oder während derjelbe in

1116 bis 8.

Italien weilte, damals ausgeführt habe, wollen wir nur obenhin IT

erzählen, weil fie noch im Gedächtniß vieler Yeute haften. Indem er ſich nämlich von Alemannien nach Ueberjchreitung des Nheins nach Gallien zurücbegab, beugte er alles Land von Baſilea) bis Maguntia, wo befanntlich die Hauptitärfe des Reiches liegt, allmäh— lich unter jeinen Willen. Denn immer den Rhein abwärts ziehend zwang er bald durch den Bau einer Burg an einer paſſenden Stelle alles Nachbarland zur Unterwerfung, bald wieder weiterrückend be- feftigte er eine andere Burg, nachdem er die frühere verlaflen hatte, jo daß es von ihm im Sprüchwort heißt: „Herzog Friderich zieht am Schwanze jeines Pferdes immer eine Burg nad) fich.” Es war aber genannter Herzog im Kriege tapfer, in Geſchäften gewandt, von Miene und Gemüth heiter, in jeiner Rede höflich und mit Ge— ihenfen jo freigebig, dat deshalb eine jehr große Menge von Rittern ihm zufteömte und fich ihm freiwillig zum Dienfte anbot.

13. Nachdem er num alles Yand am Rheine, wie oben erzählt worden it, nach jeinem Willen gebeugt hatte, jagte er dem Mainzer Erzbiſchof Albert, dem verjchlageniten und reichften won allen damals lebenden Neichsfürften, den Krieg an, weil er Haupt und Urheber der eben erwähnten Parteiung gewejen war. Und nachdem er rings umber alles verwüftet hatte, umſchloß er endlich die Stadt jelbit

1) Mainz. 2) Seine Gemahlin war Mathilde, Heinrich's I. von England Tochter. Tag

der Hochzeit: der 7. Jan. 1114. 3) Chronit VII, 15 (S. 74). 4) Bajel. Geihichtihreiber Lig. 69. Dtto dv. Freifing. Friedrich I. 3

1117.

34 Dtto von Freifing. Friedrich I.

mit einer unermeßlichen Menge von Nittern und Volk mit Be lagerung. Es ift aber genannte Stadt groß und ſtark, am Rhein gelegen, und an der Seite, wo fie den Rhein berührt, dicht und volfreich, auf der andern Seite aber dünnbevölkert und öde, nur mit jtarfer Mauer umgeben, die nicht wenig Thürme hat. Weithin fich erjtrecfend in der Länge, in der Breite jchmäler jo hat der Zwang der Verhältniſſe den Ort geftaltet. Denn auf der Seite, wo er an Gallien angrenzt, wird er Durch einen zu mäßiger Höhe fich erbebenden Berg eingeengt, auf der andern Seite aber, wo er nach Germanien zu blickt, durch den Rhein; daher fommt es, daß er am Rhein mit vornehmen Tempeln und Gebäuden geziert, gegen den Berg hin aber mit Weingärten und andern Nußpflanzungen ausgeftattet if. Das Volk, welches mit dem Herzoge bei der Be- lagerung war, wollte die Stadt von der Seite, wo die Bevölkerung dünn it, um der Plünderung willen durch Sturm nehmen. Der edle Herzog aber, der fücchtete, es möchten, wenn der unvernünftigen Wuth des Volkes jolche Freiheit verjtattet wide, vielleicht die heiligen Stätten der Blünderung und den Flammen preisgegeben werben, gab ſich Die größte Mühe, damit ihr Wunſch nicht verwirklicht würde. Aber der Bijchof der Stadt vergalt die Treue des Herzogs nicht auf rechte Weiſe; durch Boten, die er von der Stadt aus in hinterliſtiger Gefinnung an ihn jandte, fordert er Waffenſtillſtand, bittet, Tag und Ort einer Zuſammenkunft zu bejtimmen, veripricht, ſich die Gnade des Kaiſers wieder erwerben zu wollen, und beredet jo den Herzog, das Heer zu entlaffen, die Belagerung aufzuheben und nit Wenigen heimzufehren. Als aber der Bijchof die Belagerung aufgehoben, das Heer entlaffen ſah, lie er die Thore öffnen und machte, mit großer Nitterichaar dem Herzog nachjeßend, unvermuthet einen Ausfall. Der Herzog war mit den Seinen, weldye er von jeinem großen Heere noch übrig hatte, durchaus nicht beſtürzt, als er jet erit die Lilt merfte, wie es jolchen zu gehen pflegt, welche unvermuthet die Waffen ergreifen müſſen, jondern er nahm, durch die Anweienheit der Feinde noch mebr zur Tapferkeit begeiftert, die Waffen

Friedrich II. von Schwaben. 35

zur Hand und ftürzte auf den Feind; und da die Alemannen mann- haft kämpften, fiel endlich auf Seiten der Sranfen der Graf Emicho?), welcher der Webrigen Hauptmann war, von tödtliher Wunde getroffen. Die Franken wandten deshalb gebrochenen Muthes den Rücken und vertrauten fih dem Schuße der Flucht an. Der tapfere Herzog drängte auf fie ein und jagte, nachdem er jehr viele getödtet und gefangen genommen, die Uebrigen ſiegreich ſammt ihrem Biichofe bis an die Thore der Stadt zurück. Die Bürger, welche Angehörige und Freunde in diefem Blutbade verloren hatten, waren von ſolcher Bitterfeit des Herzens erfüllt, daß fie ſich faft auf ihren eigenen Bijchof, als den Urheber diefes Unheils, geitürzt hätten. 14. Derjelbe erlauchte Herzog Fam ein ander Mal, als ge- nannter Biſchof Adilbert mit Lothar?), dem Herzoge der Sachjen, und anderen Kürten jammt großer und ftarfer Ritterſchaar die Burg

Linburchꝰ), gelegen im Gebiet von Speter, mit Belagerung umfchloffen |

hatte, und jie jchon Die Burg, weil die Mannen durd) Hunger und Faſten mürbe geworden, beinahe zur Ergebung gezwungen hatten, mit einem gejammelten Heere zu Hilfe und zwang die vorgenannten Fürften zur Aufhebung der Belagerung. Man erzählt, es hätten die vorerwähnten Burgmannen, da jte durch Hunger Noth litten, berathen, was zu thun ſei. Und während die einen dies, die andern jenes riethen, habe ein gewilfer Oudalrich von Horningen, ein Ale- manne von Herkunft, ausgezeichnet durch Kraft des Geiftes und Wuchs des Körpers, gejagt, es werde beſſer jein, die fetten Mönche denn ein Mönchsklofter befand jich auf eben diefer Burg aufzuejjen, als die Burg wegen Mangels an Lebensmitteln zu übergeben. Als dieſer Ausſpruch befannt wurde, gaben die Mönche erichroden ihre Borräthe, welche jie verborgen hatten, preis und ſpeiſten alle Ritter, welche Dort blieben, bis zur Entjeßung der Burg mit dieſen Nahrungsmitteln, wie fie konnten. Was weiter? Ge- nannter Herzog, ums kurz zu jagen, in allem dem Vater nach—

1) von Leiningen, Bannerträger der Mainzer Kirche. 2) von Supplinburg, jeit 1106 Herzog don Sachſen. 3) Limburg in der Hardt, über Dürkheim, wo Konrad II, eine Abtei ge: ftiftet hatte.

DES 3*

1116

17. Mai. 1125.

Am 23. Mai.

36 Dtto won Freifing. Friedrich I.

ahmend, war dem Fürften ein jo treuer Nitter, dem Oheim ein io nüßlicher Freund, daß er mit feiner Tapferkeit die erſchütterte Ehre des Neiches mannhaft im Kampf gegen die Feinde jo lange aufrecht erhielt, biS die von ihrem Haupte abgefallenen Glieder wieder zum Herzen zurückehrten, indem fie des Fürften Gnade juchten. Er nahm aber Heinrichs, des Herzogs der Baiern Tochter!) zum Weibe, mit der er nachmals den ruhmreichen Friderich, der gegenwärtig Kaiſer ift, und Judith, welche jest befanntlich Matthaeus, dem Herzog der Lotharingier,?) verbunden tft, zeunte.

15. Nachdem Katjer Heinrich die Fürften, welche ihm feindlich waren, fich veriöhnt hatte, und im unverkümmerten Beſitze des Neiches war, feierte er in dem unteren Trajeftum,?) einer Stadt Srieslands, zu Pfingiten einen Hoftag. Dort wurde er, von Krank— heit dahingerafft, den irdischen Dingen entriffen, und, nachdem dort jeine Cingeweide begraben, wurde "er das Nheinufer entlang nach dem Dberland getragen und in der Stadt Spira*) neben jeinen Vätern beigejeßt. Die Katjerin Mathildis aber, die Tochter Heinrichs, des Königs der Angeln, hatte die füniglichen Inſigniend) in ihrer Gewalt. Da lud fie jener Albert, Erzbiſchof der Mainzer Kirche, zu fi) und bewog fie durch falſche Verſprechungen, ihm die Inſignien zu übergeben.

16. Albert nun denn das ift, jo lange das. Reich ohne König ift, nach Älterer Weberlieferung das Necht des Mainzer Erz Bischofs beruft die Fürften des Neiches zur Herbitzeit®) in die Stadt Maguntia (Mainz), und der von Friderich ihm angethanen Unbilden nicht uneingedenf überredet er, mehr für jeinen eigenen Nuten, jo viel an ihm war, als um das gemeine Wohl bejorgt, die anwejenden Fürſten, obwohl der Herzog von vielen zum König

1) Judith, Tochter Heinrihs IX. 2) Sohn Simons von Oberlothringen. 3) Utredt. 4) Speier. 5) Dazu gehörten: Kreuz, Lanze, Scepter, Reichsapfel und Krone (vgl. die Chronik des Ekkehard von Aura in Geſchichtſchr. der deutjchen Vorzeit XII. Jahrh. 3. Bd., ©. 95.) Berwahrt wurden die Infignien auf Trifels. Heinrich V. jelbjt hatte es jo befohlen (Effehard a. a. O. ©. 161.) 6) für den 24. Augujt 1125. Ein Exemplar des Einladungsbriefes ift erhalten, gedr. bei Jaffe, Bibliotheca rerum German. V 396 f.

Lothar und die Staufer. 37

begehrt wurde, Lothar, den Herzog der Sachen, zum König zu wählen, einen Mann, der freilich um jeines Eifers für Rechtichaffen- heit willen jeder Ehre würdig war. Dieje an ſich löblidde That war doch der Keim zur Jchlimmften Spaltung. Denn der genannte Fürft verfolgt auf den Rath desjelben Mainzer Erzbiichofs Albert, der nach dem Worte: „Nicht läßt der Egel die Haut, als bis er vom Blute geſchwollen:“1) in jeinem Haffe gegen die Erben des Kaiſers Heinrich ſich noch nicht gejättigt hatte, den Herzog Friderich und feinen Bruder Conrad. Deshalb umſchloß er die Burg Nürn- berg, wohin fie Beſatzung gelegt hatten und die fie als Erbgut be- jagen, mit Belagerung, nad) dem er den Herzog der Böhmen Dudalrich?) und Heinrich,?) den Herzog der Baiern, an fich gezogen hatte. Dem Herzog der Böhmen aber wurde nach) einiger Zeit vom Fürften die Rückkehr geitattet, weil die Barbaren, welche mit ihm gefommen waren, weder Gott fürchtend noch die Menjchen ſcheuend, die ganze Umgegend verwüfteten und nicht einmal der Kirchen jchonten.

17. Daher jammelten Herzog Friderich und fein Bruder Conrad ein Heer und näherten fich, nachdem mit den Burgmannen Tag und Zeichen verabredet worden, an einem Tage mit ihrer Schaar der Burg. Da die Bürger das ſahen, vermochten fie die Freude ihres Herzens nicht zu verbergen, jondern brachen in lautes Schreien und Singen aus. Der Fürft, der es für ficherer hielt, zu anderer Zeit genannte Burg mit Belagerung zu umichließen, als der Treue des treulojen Ge— ſchickes Tich unvorfichtig anzuvertrauen, hob die Belagerung auf, und begab ſich über Babenbergt) nach der Stadt Herbipolis.) Die Bürger Famen mit lautem Gejchrei heraus, brachen in das jeßt leere Lager ein, vaubten was etwa dort zurücgeblieben war, und führten ihre Herren, die fie mit großer Freude empfingen, in bie Burg; die Herzöge verjehen den Drt6) felbft mit Lebensmitteln und

1) Horatii Ep. II, 3, 476. 2) gewöhnlid) Sobejlav genannt. 3) Heinrih X., der Stolze, dur feine Vermählung mit Gertrud Lothar Schwiegerjohn. 4) In Bamberg ift Lothar am 18. Aug. 1127 urkundlich nachweisbar. 5) Würzburg. 6) Oppidum, wie auch die Burgmannen oder Bürger Oppidani genannt find; es ſcheint von dem eben vorher

1127.

38 Dtto von Treifing. Friedrich IL.

anderm nöthigen Bedarf, und folgen darauf dem Könige. Während diefer in der Stadt blieb, dringen fie bis unter die Mauern vor und Stellen mit ihren Rittern draußen ein Waffenipiel an, was man jett gemeinhin ein Turney (turneimentum) nennt. Darauf!) ziehen fie über den Rhein und legen in die Stadt Speier, deren Bevölferung fie wegen ihrer Treue gegenüber den Katjern, welche dort beerdigt find, als Sproſſen aus gleichem DBlute ehrerbietig aufgenommen hatte, eine Beſatzung. Der Fürft umſchloß die Stadt, nachdem er fich mit Albert von Mainz vereinigt hatte, mit Be— lagerung?), vermochte aber, obwohl er lange Zeit dort verbrachte, damals nicht die Meberhand zu gewinnen.

18. Ferner jagt auch Heinrich (X.), der Herzog der Baiern, der Sohn obengenannten?) Herzogs Heinrich (IX.), um der Gunft des Fürsten willen, deifen Tochter Gerdrudis er jüngſt) als Weib heimgeführt, dem Herzog Friderich uneingedenk der Verwandtichaft, die infolge der Vermählung feiner Schweiter Judith zwilchen ihnen beitand, den Krieg and). Nachdem er aus Datern ein nicht un— bedeutendes Heer zufammengebracht, rückte er in Alemannien ein und ichlug nicht weit von der Donau an einem Fluffe, Werenza ge nannte), jein Lager auf. Auf die Kunde hiervon jammeln die Her- zöge gleichfalls ein Heer und errichten ihr Lager nicht weit von ihm. Aber der Herzog der Baiern erkundet durch ausgejandte Späher die Stärfe der Feinde. Als fie zurückfehrten und berichteten, was fie gejehen hatten, fragte er die Seinen um Rath und forichte, was zu thun ſei. Seneshalten es für unvorfichtig, den Feind zu er- warten, und rathen zur Flucht. Mit jolcher Eile zogen ſich nun die Baiern vor den Feinden, gleich als ob dieje ſie ſchon unmittelbar bedrohten, zurüc, daß fie aus Angft vor der Schmalheit der Brücke gebrauchten castrum nicht verjchieden zu jein, da ja jonjt diejes von der neuen Ausrüſtung ausdrücklich ausgejchlofien wäre. W.

1) Die Beſetzung Speier8 dur die Staufen gehört ins Jahr 1128. 2) Von Mitte August bis zum 11. November 1128 dauerte die Belagerung. 3) c. 14. 4) Am 29. Mai 1127 auf dem Gunzenlee. 5) Der Einfall Heinrichs des Stolzen in Schwaben fällt in den

Herbft 1127, alfo vor die im vorhergehenden Kapitel erzählte Beſetzung Speiers durd die Staufer und dejien Belagerung durd Lothar. 6) Wernitz.

Friedrich I. v. Schwaben und Heinrich v. Baiern. 39

fich unvorfichtig den treulojen Wirbeln des vorgenannten Fluſſes, der infolge heftiger Negengüffe mehr als gewöhnlich angejchwollen war, anvertrauten und, nachdem fie ihn nicht ſowohl durchwatend als durchſchwimmend mit Gefahr paffirt hatten, voll Scham nad) der Heimath zurückeilten.

19. Zu einer andern Zeit kam einmal genannter Herzog Heinrich nach Alemannien und begab ſich nach ſeinen eignen dort gelegenen Beſitzungen. Er war nämlich ein Alemanne von Herkunft, der von der alten und hochedlen Familie der Gwelfen ſeinen Urſprung herleitete, und beſaß deshalb viele Güter in dem Theile, wo Alemannien an die Pyrenäiſchen Berge!) grenzt, nad Erbrecht ein Mann in allen Stücen lobenswerth, ausgezeichnet jowohl durch Abel der Seele als des Gejchlechtes, nur bei der folgen- den That allein tadelnswerth. Gr jandte nämlich Boten an Frideridh, den Herzog der Schwaben, und mahnte ihn freundichaftlich als Ge— mahl jeiner Schweiter, daß er die Gnade des Fürſten juchen jollte, indem er jagte, es jet zu ſchwer für einen einzelnen Sürften, er möge nod) jo groß und tapfer fein, die Laſt des ganzen Reiches allein auszuhalten. Er fügte auch hinzu, daß er ein treuer Ver— mittler bei dieſem Geſchäfte jein wolle, wenn er feinen Mahnungen Gehör geben wollte. Es wird nun zu diefer Verhandlung ein Klofter, Zwivelton?) genannt, beitimmt und an welchen Tage jte dort zu— ſammenkommen und darüber von Mund zu Mund vertraulicher fich bejprechen wollen. Der Herzog Friderich, feine Hinterlift be- fürchtend, Fam mit Wenigen an den genannten Ort. Sener aber, nicht Fromm eingehend?), erfundete heimlich, wo er zur Nacht ih lagern wollte. As nun die Sonne zur unteren Hemiſphäre hinabſank und den umnachteten Seelen fich die Gunft der Finſterniß bot, wird das Schlafzimmer, in welchem der Herzog lag, umftellt,

1) Die Alpen, j. oben ©.15, 4.3. 2) Zwifaltenin Schwaben. Der Ueberfall fällt in die Sajtenzeit 1129. Die Erzählung ift bei Otto dv. Freifing rhetoriſch aufgeputzt. Der Zwifalter Mönd Berthold, ein Augenzeuge des Ueberfalls, ift in feiner Chronik ein glaubwiürdigerer

Gewährsmann; ſ. „Geihichte der Welfen“, ©. 64. Geihihtihr. Lig. 66. 3) non simpliciter ambulans, nad) Sprüche Sal. 10, 9 und 28, 18,

40 Dtto von Freifing. Friedrich I.

und durch Wort und That wird offenbar, daß er nicht als Freund, jondern als Feind herangefommen jei. Was jollte Friderich thun, wohin fi) wenden? Sollte er zu den Waffen greifen? aber er hatte faſt Niemand, der ihm hätte helfen können. Sollte er fliehen? aber da er feinen Ausgang aus dem Schlafzimmer wuhte, fand er auch in der Flucht fein Mittel. Die Hinterlift nun erfennend, wandte er ſich einzig an die Hilfe der göttlichen Gnade. Inter ihrem Beiſtande entwich er durch eine geheime Thüre des Schlar- gemaches, welche jich ihm erſt jeßt wie durch himmliſche Erleuchtung zeigte, betrat die Kirche und beitieg den an die Kirche ftoßenden Ihurm. Die Feinde brechen in das Schlafgemach ein, und da fie den Herzog nicht finden, dringen fie auch in die Kloftergebäude der Mönche und durchſuchten alle ihre Werkftätten mit dem Schwertet). As nun Phöbus von der Unterwelt zurückkehrte und die obere Luftichicht zu erleuchten begann, eilen alle benachbarten Getreuen des Herzogs, die bereits von der jchmählichen That erfahren, gejchanrt zu ſeiner Unterftügung herbei. Während die Feinde noch die innerjten Gemächer des Kloſters durchitöberten und mit Feuer drobten, jah Friderich vom Thurme aus die Seinen herankommen. Der Sorgen nun jchon enthoben, fordert er jeßt den Herzog Heinrich heraus und redet ihn alfo an: „Gegen das Hecht, guter Herzog, haft du gehandelt, der du dich gegen mich, den du in Frieden herbei- gerufen, des Friedens Zeichen nicht tragend, eher als Feind denn als Freund erwieſen halt. Weder hat dich von joldher That die Rückſicht auf die Ehrenhaftigkeit deines eignen Namens abgehalten noch die Blutsverwandtichaft, Die uns verbindet. Damit es aber nicht jcheine, als vergälte ich Böſes mit Böſem, jo mahne id) did) treu wie einen Freund, meine Getreuen, welche ich von allen Seiten heranfommen jehe, nicht zu erwarten.“ Doch wird von einigen dieje That des Herzogs entichuldigt, nicht nur damit, daß fie zur Zeit Feinde waren, nach dem MWorte:

1) Die Räume zur Aufnahme von Gäjten liegen außerhalb der Claufur. Zum Klojter gehören natürlih auch umfafjende Vorrathsräume und Werkftätten aller Art. MW.

Lothar gegen Böhmen. 41

Tugend oder Betrug, wer mag am Keind danach Fragen?!) jondern auch damit, daß er dieſe um der Treue gegen das Neich und um der Ruhe des Staates willen gethan babe, indem er ihn dem Fürſten ausliefern und dem Neiche den Frieden berjtellen wollte.

20. Der Streit num zwilchen Herzog Friderich und Statjer Lothar, der ſich Faft zehn Jahre hindurch jchleppte, lie das Neich nicht zur Nuhe fommen. Wie es aber jchlielich beruhigt wurde, und wie viele und herrliche Proben jeiner Tugenden Yothar hinter- laffen hat, tft zur Genüge in dem früheren Gejchichtsbuch?) erzählt worden.

Aber das wollen wir nicht mit Stillichweigen übergeben, dat dieſer Fürſt in den Anfängen jeiner Regierung das Glück allzujehr von jich abgewandt jah. Gin gewiffer Dtto nämlich, Graf von Maravien?), der nach dem Herzogthum in Böhmen trachtete, nahte fich dem Fürften*) und bewog ihn Dur das Verſprechen einer großen Geldjumme, mit ihm in Böhmen einzurüicden und ihn dort zum Herzog zu wählen. Wlvich?), welcher damals diejes Herzogthum be- ſaß, wollte es hindern, konnte aber den Fürften durch Feine Will- fährtgfeit von jeinem Beginnen abbringen. Der König nun zieht nah Sachſen, rüftet ein Heer und dringt, Dtto mit fich führend, in die Waldgehege®), welche Böhmen und Sachjen jcheiden, zur Winterszeit ein”). Der Herzog von Böhmen aber, Ulrich, ſchlug in den Waldverftecken, die ringsum der Wald umſchloß, an einem Flüßchen jein Lager auf. Zufällig Fam der König, der infolge

—* een Schnees vom rechten Wege abwich und in der

Wildniß der Wälder umberirrte, mit den Seinen an den genannten Fluß, wo jeine Leute, erjchöpft durch die allzu große Anftrengung des Marjches und Hunger, ruhen wollten. Da die Barbaren das

1) Berg. Xen. IV, 390. 2) Chronif VII, 17—20 (©. 76—82). 3) Mähren. 4) No- vember 1125 zu Regensburg. 5) Sobeſlav (f. oben ©. 37,4. 2.) war nad) dem Tode feines Bruders Wladijlav I. (12. April 1125) zum Herzog von Böhmen erhoben worden. Otto von Mähren, der Bruder des am 21. September 1109 ermordeten Swatopluf von Olmütz, war Vetter und Schwager Wladijlavs. 6) Das Erzgebirge. 7) Februar 1126. Bon der Strenge des Winters wifjen die Chroniften der Zeit viel zu berichten. Die Folge war eine ſchwere Hungersnoth.

43 Dito von Freifing. Friedrich I.

Waſſer des Fluffes getrübt ſahen, merften fie, dab die Feinde in nächiter Nähe feiern. Und plötzlich hervorbrechend, griffen fie die Sachſen, welche im der erjten Reihe jtanden und ſchon durch den Marih im Schnee ermattet waren, an!), und tödteten, nachdem Wenige durch die Flucht entronnen, einige gefangen genommen waren, grauſam die Hebrigen?). Da der Fürſt dies jah und den Seinen infolge der Enge der Wege feinen Schuß zu bringen ver- mochte, 309 er fich, von dem heftigiten Seelenfchmerz erfaßt, durch die Erinnerung jedoch an das, was er von Jugend an vollführt, und an jene alte Tapferkeit wie mit himmliſchem Thau erquickt, mit den Wenigen, welde er noch übrig hatte, auf einen Hügel zurüd. Diejen hielt der genannte Herzog, indem er jeine Leute ringsum aufitellte und jenen durch Fällung großer Baumftimme und Ber- baue die Rückkehr wehrte, gleichſam eingejchloffen. Endlich kam durch Vermittlung Heinrichs, des Markgrafen von Sachjen?), der, ein Sohn von des Herzogs Schweiter®), mit dem Könige heran- gezogen war, der Herzog demüthig heran und bot zu Füßen des Katjers Genugthuung, gelobte ihm Mannjchaft ſammt dem Eid der Treue, nahm von ihm das Herzogthum zu Lehen und gab die Ge- fangenen zurück. So fehrte der Fürſt, die Yeichen der Vornehmeren mit ſich führend, mit jchmerzlicher Trauer zurück.

21. Unter andern war der hochedle Markgraf von Sachſen, Albert), gefangen worden. So groß aber war das Blutbad, das unter den Sachſen und vor allem unter den edlen und erlauchten Männern dort angerichtet ward, daß der Zunder beitändigen Hafjes zwiichen Sachſen und Böhmen, der damals entzündet wurde, noch nicht erloichen ift. Auch Otto, der Urheber diejes Zuſammenſtoßes gewejen war, it dort zur Sühne jeines Chrgeizes getödtet worden. ber, wie man jagt: „Ihränenreichem Beginn wird folgen ein befjerer Fortgang,“ 6) jo beförderte auch diefen Fürjten das nachfolgende beſſere

1) Am 18. Februar bei Kulm öjtlih von Teplit. 2) Bon den 3000 Rittern fielen gegen 540. 3) Heinrich von Groitih, Sohn Wiprechts. Uebrigens war er damals noch nicht Markgraf. 4) Judith, gejt. 1109. 5) Albrecht von Ballenjtädt, der „Bär“. 6) Ovid. Metam. VII, 518.

Konrad II. 43

Glück zu folder Höhe, daß er, nachdem er alle ftürmijchen Be— wegungen gejtillt, im Triumph und als Sieger aus Italien heim- fehrend, noch in dem Gebirge jeines Lebens Ende fand. Herzog Friderich aber, führte nach dem Iode feiner Gemahlin Judith, zur Zeit des Zwieſpaltes, Agnes, Die Tochter Friderich's, des Grafen von Sarburch,?) des Bruders des Biſchofs Albert,3) als Weib heint®) und zeugte mit ihr Konrad, der jet befanntlich Pfalzgraf vom heine ift?), und Glaricia, des Grafen Yudewich von Thüringen‘) Gemahlin. \

22. Nachdem Katjer Lothar verichteden und im Kloſter Lutre7), das auf feinem eigenen Grund und Boden gelegen tjt, beerdigt worden war,d) fommen die Fürften des Reiches bei Gonfluentia (Koblenz), einer Stadt Galliens, zujammen, wo die Moſel in den Rhein mündet, und pflegen über die Wahl eines Fürften Nath. Nun wird Konrad (III), Herzog Friderich's Bruder, von allen Anwejenden zum König gefordert und, zur Königswürde erhoben, in der Pfalz von Aachen gefrönt?). Das konnte un jo leichter gejchehen, weil der Haß gegen Kaiſer Heinrich (V.) in den Seelen der Mehrzahl ſchon abgekühlt, und Albert, der Mainzer Erzbifchof, jüngſt!“) aus dem Leben gejchieden war. Es trug auch zur Forderung des Gejchäftes bei, da Heinrich (X.), der Herzog der Baiern, um jeines Stolzes willen den Haß fait aller, welche mit dem Kaifer Lothar auf dem italiichen Zuge gewejen waren, auf fich gezogen hatte!Y). Nun Fam Herzog Friderich nach Maguntia Mainz), das damals jeines Hirten beraubt war, und bewog Alle, Klerifer jowohl wie Laien, zur Wahl Albert's des jüngeren, des Bruders jeiner zweiten Gemahlin, nach— dem der Fürſt zur Beftätigung der Wahl herbeigerufen worden war. Jener zeigte Tich, feinem Oheim dem älteren Albert nicht unähnlic,

1) Am 4. December 1137 in Breitenwang in Tirol. 2) Saarbrüden. 3) Erz— biſchof Adalbert von Mainz. 4) Das Todesjahr Judith’s, ſowie das Jahr der zweiten Bermählung Friedrich's ift unbefannt. 5) Er wurde nad) Hermann’3 von Stahled Tode (20. September 1156) Pfalzgraf. Geftorben am 8. November 1195. 6) Landgraf Ludwig II. von Thür., geft. 1172. 7) Königdlutter. 8) am 31. December 1137. 9) Die Wahl erfolgte am 7., die Krönung am 13, März 1138. 10) Um 23. Juni 1138. 11) VBgl. Chron. VII, 23 (©. 86).

1137.

1138,

i

gejt. am 20 Dt. 1139,

um 1139.

San. 1146,

am 10. Nov. 1146.

44 Dtto von Freifing. Friedrich I.

nicht jehr dankbar für Wohlthaten und erwies ich jeinem Fürſten auch nicht völlig treu. Wie aber Heinrich, der Herzog der Baiern, der erwähnten Erhöhung des Fürſten ſich widerjeßt habe, und welches Ende er jelbjt gefunden, wie auch der Fürſt jowohl über ihn, als über viele andere triumphirt habe, it in dem früheren Ge- ichichtswerfe zur Genüge erzählt worden.t)

233. Um diejelbe Zeit fommen die Boten Johannes’ (IT.), des Kaiſers der königlichen Stadt,?) hochberühmte Männer, zum Fürſten der Römer, jowohl mit dem Wunſche, das Band des Bind- niffes zwiichen den beiden Reichen, dem Abendlande und dem Dftreiche, wegen der Ueberhebung Nogers (II.) des Sieiliers zu erneuern, als auch mit der Bitte, zum Beweis desjelben eine Prinzejiin föniglichen Geblütes feinem Sohne Manuel zum Werbe zu geben. Der Fürft beftimmte dorthin lieber eine Schweiter jeiner Gemahlin?) und jandte zum Abſchluß diejes Ehevertrags den ehrwürdigen Würz- burger Biſchof Embrico,) einen Elugen und gebildeten Mann, nad) Griechenland, zu einer Zeit, da Sohannes bereits gejtorben war?) und jein Sohn, der vorgenannte Manuel, in der Stadt regierte. Der Bilchof ordnete alles weile und geſchickt und rieth, die Hochzeit in der Woche nad Epiphanien in der Königftadt mit königlichem Gepränge und Glanze zu feiern. Auch blieb er geraume Zeit Dajelbit zur Förderung dieſer Angelegenheit und anderer Neichsgeichäfte; als er, mit vielen Gaſtgeſchenken der Griechen geehrt und beichwert,6) zu Schiff ins Vaterland heimzufehren gedachte, jchted er in Aquileja aus dem ?eben. Ueber dieſe Gejchäfte aber finden ſich noch die zwilchen beiden Fürften gewechjelten Briefe. Ihr Inhalt war, um je nicht alle herzujeßen, in der Kürze folgender: ”)

„Sonrad von Gottes Gnaden SKatjer und Auguftus der Nömer,

1) Ehronit VII, 23—26 (S. 86-90). 2) Konjtantinopel. 3) Bertha von Sulzbad). Die Anmerkung it in der Ausgabe von Wilmans an eine faljhe Stelle gejegt. 4: Die Unterhandlungen zogen fi Jahre lang fort. Die Geſandtſchaft Embrifo’s fällt erjt ins Sahr 1145. 5) Joh. ftarb infolge eines Sturzes auf der Jagd in Eilicien am 8 Apr. 1143, 6) honoratus et oneratus. 7) Der folgende Brief ijt, wie aus ihm jelbit hervorgeht, der zweiten Geſandtſchaft Konrads mitgegeben.

Konrads IN. Brief an Johannes II. 45

iendet Sohann, durch dieſelbe Gnade Kaiſer von Gonftantinopel, Gruß und brüderliche Liebe, Freundichaft, Ehre und Ruhm.“ „DieBerträge, welche unſere Bäter, nämlich die Kaiſer der Nömer, unſere Vorgänger, euren Vorgängern, nämlich dem Reich und dem Volk der Griechen gegenüber gejchloffen haben, ſchließe auch ich, und wie fie diefelben gehalten haben, jo werde auch ich ſie halten. Es gibt feinen Stamm, fein Reich oder Bolf, das nicht wüßte, daß euer neues Rom die Tochter unferes römischen Staates genannt wird und ift, daß aus dieſer Wurzel jeine Zweige und Früchte hervorgeſproßt find. Deshalb beftim- men wir das Erbe, das die Mutter der Tochter jchuldig ift, und wollen, daß es ewig beitehe, und um jo mehr, weil wir jehen, daß Die Tochter thun will, was fie der Mutter ſchuldig tft, nämlich, daß das Anfehen der Mutter in Rath und That vorangehe, die Liebe der Tochter aber durch Ruhm und Ehre ihr folge.!) Beider Reiche Angelegenheiten ſeien aljo gemeinjam, beiden der gleiche Freund, beiden der gleiche Feind zu Lande oder zur See, und der Mutter Tüchtigfeit und Macht lerne erfennen und fürchten, wer die Tochter nicht ehrt, ſei es der North— manne, jet ed der Sicilier, jei es irgend ein anderer, wie und wo er auch jei. Denn auch wir haben nicht vergeffen, weder ich noch die Fürſten unjeres Neiches, die Einfälle und Angriffe unferer Feinde auf das Reich und die römische Hoheit. Wenn aber die göttliche Gnade uns beiftehen wird, werden wir jedem von ihnen nach dem Mate ihrer Bosheit vergelten. Die ganze Weite der Neiche alfo

wird es jehen und hören, wie mit leichter Hand die Räuber nieder-

geworfen werden, welche fich gegen die Herrichaft unjerer beiden Reiche erhoben haben, weil wir unter Gottes Beiftand, wenn wir die Schwingen regen werden, bald den Feind im Fluge faffen und die Frechheit feines Herzens austilgen werden, welche fich jetzt gegen die Ehre und den Ruhm unſerer beiden Reiche erhebt. Wir halten euch aljo, was gerecht und freundjchaftlich ift. Das gleiche bewahret

1) Die Worte de lateiniſchen Textes, die ſich nur ſchwer wiedergeben laſſen, bedeuten: Rom, als Mutterjtadt, muß jtets die erjte Rolle fpielen und höhere Autorität genießen als

Conftantinopel, das neue Rom. Wie die Tochter an die Mutter, fo ift Conjtantinopel an Rom durch das innige Band der Pietät geknüpft.

46 Otto von Freiling. Friedrich I.

ung, und zwar um jo eifriger, je näher wir durch die Che der Schweiter unferer geliebteften Gemahlin,!) der hochedlen Kaiſerin, mit deinem Sohne verbunden find. Weil wir aber glauben, daß deine Liebe und Hoheit fich über unjere Erfolge freue, jo erachteten wir es für würdig, dir als unferem einzigen Bruder und geliebteſten Freunde mitzutheilen, was nach der Abreife deiner hochweiien Botichafter auf dem allgemeinen und feierlichen Neichstage,?) den wir mit allen Fürſten unjeres Neiches abbielten und dem fie nad) unjerm Willen beigewohnt haben, unter Gottes Hilfe gejchehen ift. Wiſſe alfo, daß wir alle, welche offenbar unjer Katjerthbum ange griffen haben, unter Beiftand Gottes mit Macht unter unjer Faijer- liches Gebot gebeugt haben, und dal wir, indem wir jie in die Fülle unferer Gnade aufnahmen, alle Theile unjeres Reiches mit überjtrömendem Frieden bereichert haben. Außerdem beſchicken uns Francien und Hiſpanien, Anglien, Dänemark und die andern unſerm Reiche angrenzenden Königreiche Tag für Tag mit Gejandtichaften in gebührender Ehrfurcht und Dienjtwilligfeit, und erklären ſich mit Geiſeln wie mit Eiden bereit, die Befehle unſeres Neiches zu erfüllen. Wir wollen auch vor deiner Weisheit nicht verbergen, daß der Herr Bapit?) und ganz Apulien, Stalien und Longobardien von Tag zu Tag unfere Ankunft erſehnen und mit aller Ergebenheit bitten, day wir ihnen mit unſerer Eaijerlichen Macht zu Hilfe fommen. Deshalb haben wir den theuren und herzlieben Fürſten unferes Neiches, Embrico, den ehrwürdigen Biſchof von Herbiyolis, deinen Freund, nach Nom entjendet, damit er den Willen des Herrn Papſtes erkundet) Nach- dem wir feinen Wunſch, ſoweit er uns betrifft, erfahren und den Rath unſerer Fürften eingeholt haben, zeigen wir deiner Hoheit an, was zur Ehre unſerer beiden Neiche gereicht, durch unjere thenerjten und Eugen Boten, nämlich Robert, Fürften von Capua,ꝰ) einen durch—

1) Das Komma nad) sororis im lateinifhen Texte ijt zu tilgen, da Bertha von Sulzbad), die Schweiter der Kaiferin, gemeint ift. 2) Welcher Reichstag Hier gemeint, muß dahin geitellt bleiben. 3) Innocenz II. 4) Embrifo von Würzburg ift im Jahre 1139 in Rom gewejen; ob die im Briefe erwähnte Romreiſe mit jener identiſch ift, oder ob Embrifo 1140 oder 1141 im Auftrage Konradg abermals nad) Stalien ging, ift nicht erweislich. 5) Ver: trieben von Roger, hatte Robert II. am Hofe Konrad: Schuß geſucht.

Brief Sohannes I. an Konrad II. 47

aus erlauchten und edlen, uns getreuen Mann, und Albert unfern geliebten und in der Treue bejtändigen Kayellan.!) Sie ſollſt du anhören, als wären wir's jelbit, und was fie dir gejagt, das mögelt du, wie es deiner Erhabenheit anfteht und wie wir von dir glauben und hoffen, zur Ausführung bringen, und mögeft deine geehrten und wohlgejchieten Boten zugleich mit unjern Boten obne Verzug an uns zurücjenden. Außerdem magit du betreffs der Keutenen,?) welche zur Schmach unjeres Reichs unjere Mannen er- ichlagen und unjer Geld ſich angemaßt haben, jo thun, wie es in der Angelegenheit deines Freundes und Derwandten dir zufommt und wie du uns gejchrieben halt. Auch gegen die Nitter unferes Neiches, die Alemannen,?) welche bet dir find, zeige dich gütig, wie es deiner Hoheit geztemt. Nicht minder bitten wir dich auch, ſowohl in Nücjicht auf die göttliche Vergeltung als in Anbetracht der Ver- mittlung und Bitte unſerer Yiebe, den Leuten umjeres Reiches, den Deutichen nämlich, welche im Gonjtantinopel weilen, einen Bla zu bewilligen, wo jte zu Ehren Gottes eine Kirche bauen fünnen. Auch muß deine Klugheit ſich daran erinnern, daß wir in dem früheren Briefe, den wir Durch unfern vorgenannten Stapellan®) deiner Hoheit überreichen liegen, das Gleiche um der Liebe und Ehre Gottes willen erbeten haben, weil, wenn der, welcher Heil gibt den Königen, in unjerer Mitte weilt, gewiß ift, daß unfere Feinde nicht frohlocken werden. Gegeben am 18. Tage vor den Salenden des März?) zu Ratispona (Megensburg) mit Heil in Chriſto. Amen.“

24. „Sohannes, in Chrifto dem Gott getreuer König, im Burpur geboren, erhaben, tapfer, Mehrer des Neichs, Cominos (Komnene) und Kaiſer der Römer, an den hochedlen Bruder und Freund meines Reiches.“6)

1) nachmals Biſchof von Meißen (1149-1151). 2) Ruſſen. 3) Sie find vermuth— li) wie die in c. 24 erwähnten 500 Ritter von Konrad dem Kaifer zu Hilfe gefandt worden, 4) Albert. Bei der erjten Gejandtichaft war Albert von Alexander von Gravina begleitet. 5) Am 12. Februar 1142 (vergl. Jaffe, Conrad IL, S. 100 f. A. 52, und Gieſebrecht, Deutſche Kaiferzeit IV, 465). 6) Diejer Brief ift, wie ſchon Jaffs, Conrad ©. 101, Anm, 52. angibt, nicht die Antwort auf das im vorhergehenden Kapitel mitgetheilte Schreiben Konrads. Die von Gieſebrecht IV, 465 zum Beweis des Gegentheilg herangezogenen

48 Dtto von Freiling. Friedrich I. _

„Edelſter und geliebter Freund meines Neiches, o König, der Brief deiner Hoheit, das Zeichen der brüderlichen Zuneigung, das unjerer Milde durch den hochweilen Botichafter deiner Hoheit über- bracht wurde, hat uns mit vieler Freude erfüllt, denn der gute Wille deiner Hoheit und die freundichaftliche Zuneigung und Liebe zu deiner Berwandtichaft, welche du durd Briefe, wie durch Worte und Ihaten gegen unjer Neich bewiejen haft, hat folgerichtig unſere ganze Pietät mit ganzer Seele zur Liebe gegen Dich bingezogen. Darum haben wir auch verjchiedene unſerer treueften und ver- trautejten Männer zu deiner Hoheit gejandt, und wollen durch dieſe deiner Hoheit über alle Angelegenheiten Mittheilung machen laffen, wegen deren du Aufträge gegeben und uns geichrieben haft. Wir wollen nämlich mit Gott in allen Dingen freundichaftlich und ver- wandtjichaftlich und brüderlich nadı deinem Willen uns richten, und alles thun, was nad) unjerer Meinung zur Ehre deiner Hoheit ge- reicht. Weil aber der hochweije Herzog (Doge) von Benedig Petrus Polanus von deiner Hoheit als Vermittler in dieſen Angelegenheiten angenommen worden tft, als ein guter und beiden Theilen treuer Mann, jo jchien uns angemefien, auch uns das aefallen zu laſſen. In an Apuliens und Yongobardiens haben wir unjern hoch— Worte „in causa amici et propinqui,“ die aud) in Konrad Briefe vorfommen, enthalten eine jo gewöhnliche Phrase, da ihnen kaum beweijende Kraft beigelegt werden fann. Zunädjt läßt Johannes den Fürjten von Capua unerwähnt, der mir fajt eine höhere Rolle gejpielt zu haben jcheint als"Albert, da letzterer von Konrad erft an zweiter Stelle erwähnt wird. Weiter wird Petrus Polanus in Konrads Briefe überhaupt nicht genannt; man müßte doch eigentlich erwarten, daß der Doge, dem die wichtige Rolle eines Vermittler zugedacht wird, in dieſer Eigenſchaft durd Konrad Schreiben gewifjermaßen beglaubigt werde. Drittens fpriht Konrad zwar von den Ulemannen im Dienjte de Kaiſers, aber der von Johannes bejonder3 hervorgehobene (magis de eo qui defecit in viventibus ex eis) bleibt in dem Briefe des Königs unerwähnt, während die Worte des Kaijers fajt nothiwendig eine joldhe Erwähnung vorausjegen. Schlieglih übergeht Johannes die an letzter Stelle ausgejprochene Bitte des Königs um Meberlafjung eines Plaßes an die Deutjhen zum Bau einer Kirche gänzlich. Das würde unerflärlich jein, wenn wirklich diejer Brief die Antwort auf den in c. 23 mitgetheilten Konrads wäre. Wir haben möglicherweije hier die Antwort auf den von Konrad am Schluſſe erwähnten früheren, von Albert überbrachten Brief vor und. Diejer hat zwar auch die Forderung eines Bauplages für die Kirche enthalten: das Schweigen über diefen Punkt in vorliegender Antwort erklärt fih aus des Kaifers Abneigung, auf die Forde—

rung Konrad: einzugehen. Deshalb erneuert Konrad in dem c. 23 mitgetheilten Schreiben jeine Bitte.

Briefe der Kaiſer Johannes und Konrad. 49

weiten Botichaftern anvertraut, was unfere Meinung war. Denn wenn auch einige von ihnen mehr zum Empfang der hochedlen mit Gottes Willen fünftigen Schwiegertochter meines Neiches gejchickt find, fo ift ihnen doc auch meines Reiches Wille im allgemeinen befannt. Bezüglich deſſen, was in Roſſia (Rußland) gefchehen ift, wie du meinem Reiche gejchrieben haft, habe ich gethan, wie meinem Reiche in der Angelegenheit jeines Freundes und Verwandten zu thun geziemte. Was aber die Berittenen (caballarii) deiner Hoheit anlangt, jo hat, was dein Schreiben über fie namentlich enthielt, und bejonders was den von ihnen betrifft, welcher nicht mehr unter den Lebenden tft, mein Neich jo ausgeführt, wie du gefchrieben haft. Lebe wohl, edeljter Freund meines Reiches, o König.”

„Sonrad von Gottes Gnaden in Wahrheit Katjer der Römer und Mehrer des Reichs ſeinem thenerften Bruder Manuel, dem im Purpur geborenen Gomianus (Comnenen,) dem erlauchten und ruhmreichen Könige der Griechen, Gruß und brüderliche Liebe.” t)

„Den Brief deiner Hoheit, der von unſerm jo mächtigen und

ſo lieben Freunde unferer Durchlauchtigfeit überfandt wurde, Gaben

wir mit Dank empfangen, und nachdem wir den Wortlaut desielben fennen gelernt, haben wir uns über dein Wohlergehen und deine erhabene Gelinnung jehr gefreut. Nachdem wir aber von Nikoforus,?) dem weiſen Botjchafter deiner Liebe, auker den Worten, welche im Briefe enthalten waren, noch einige harte und, um die Wahrheit zu geitehen, in der ganzen Vergangenheit noch nie gehörte Worte ver- nommen, wurde nicht nur die Milde unjerer Majeſtät mehr, als die Zunge jchildern kann, erichüttert, jondern es ſtaunte auch die ganze Weite unjeres Reiches. Sehr haben wir uns gewundert, woher und von wen diejes jo Bittere Wort ausgegangen ift, vor allem, da unter den andern Reichen diefer Welt das Reich der Griechen bis- her in aller Weisheit und DVerftändigfeit geblüht hat. Wenn näm—

1) Der Brief gehört in das Jahr 1145; am 27. März d. 3. ift Embrifo noch in Deutjch- land nachweisbar. 2) Nicephorus. Geſchichtſchreiber, Lfg. 69. Otto v. Freifing. Friedrid) I. 4

80 Dtto v. Freifing. Friedrich I.

lich eben dein Gefandter Nifoforus unfern einzigen!) Sohn Heinrich in unjerer Gegenwart getödtet hätte, jo hätte er das Gemüth unjerer Majeſtät nicht zu höherem Zorn herausfordern fünnen?). Und da es drei Tage hindurch am dieſer Bitterfeit gelitten hatte und er die Strenge unſeres Gemüthes durd feine Liſt und feine Klugheit nad) feinem Willen beugen konnte, jo erheiterte er endlich faum am vierten Tage mit anderen, freumdlicheren Worten unjere Erhabenheit, und nachdem er die Wuth unjeres Zornes bejänftigt hatte, eröffnete er uns den Willen deiner Hoheit. Und da es ja jeßt jo iſt und fein mut, daß du, liebſter der Freunde, unſere geliebtefte Tochter, die Schweiter unſerer erlauchten Gemahlin, zum Weibe nehmen wirft, jo wünfchen wir, dal; damit ein ewiges Bündniß andauernder Freundichaft ver- bunden jei. Dieje Freundichaft nun haben wir in Anweſenheit deines Botjchafters durch Wort und Schrift befräftigen laffen, und zwar jo, daß wir jowohl Freunde Deiner Freunde als Feinde deiner Feinde find. Demgemäß jei nun deine Klugheit verfichert, daß, wenn deiner Hoheit von irgend einer Seite Unbill oder Unrecht an- gethan werden jollte, wir diefe nicht nur als Div, jondern auch als uns angethan nach dem Necht der Liebe anjehen, da ja der Adel deiner Tugend und vor allem die Verwandtichaft Deines edlen Blutes, durch welches wir zum Unterpfand beitändiger Yiebe ver- bunden find, uns auffordern, dich als den theuerſten Sohn mit den Armen unjerer ganzen Liebe zu umfaffen und freudigen Herzens alles zu thun, was dir gefällig ift. Daher halten wir für gerecht, daß du die gleiche Freundichaft uns und unjerm Reiche befräftigen läffeft, damit nach ehrenvoller Erfüllung aller Forderungen beiden Reichen die jchuldige Ehre von num am gezollt umd der Sriede ge- bracht und Chrifti Namen von nun an in der ganzen Welt dadurch erhöhet werde. Weiter: betreffs der 500 Nitter, um welche deine

1) Daraus läßt fi ungefähr die Zeit der Geburt Friedrichs, des zweiten Sohnes Kon— rads, jchliegen. Sie muß zwijchen dem 27. März 1145 und dem 14. April 1146, dem Sterbe- tage der Königin Gertrud, erfolgt fein. 2) Es ſcheint, daß Manuel die gleiche oder gar

höhere Berehtigung des römiſchen Kaiſerthums, welche Konrad in Anſpruch nahm, nicht anerfennen wollte, 5

Konrads Brief an Manuel. 51

Hobeit bat, antworten wir dir, daß wir nicht nur 500, ſondern jogar 2000 oder 3000, wenn Du fie nötbhig haben folltelt, jenden werden, und was noch mehr ift, dal wir, bevor wir irgend eine Einbuße an deiner Ehre gejchehen ließen, mit der Wehrfraft unjeres ganzen Neiches!) im eigner Perſon dir, als unjerm berzlieben Sohne umd theuerſten Bruder, nicht fern bleiben und fehlen fönnten. Außerdem jchrieb uns deine Hoheit, daß wir Deiner Aufrichtigfeitt vornehme und liebe Boten fenden möchten; in dieſem Punkte find wir deinem Willen nachgefommen,. da wir an deine Erhabenheit Männer fandten, welche uns die thenerften waren, nämlich unſern theuerſten und berzlieben Embrico, den ehrwürdigen Biſchof von Würzburg, einen erlauchten und großen Fürſten des Reiches, der unjer Herz und unſere Seele ift, und unjern geliebten Robert, den erlauchten und edlen Fürften von Capua. Wir haben auch gleichjam unſere beiden Hände gejandt, die beiden Zwillingsbrüder, namlich Bruder Berno, einen weiſen und frommen Mann, und jeinen Bruder Riwinus?), welcher ung ſehr lieb und vertraut ift, und den vornehmen?) und zu verehren- den Fürsten unferes Reiches Nogerius, den erlauchten Grafen von Ariano, deſſen Treue und Beſtändigkeit wir öfter erprobt haben, und unjern Getreuen Gualterust). Diejen alio haben wir auf- getragen, deinem Eifer das zu berichten, was in den Briefen nicht enthalten ift; ihren Worten magft du Vertrauen jchenfen, und du magſt dem, was ſie dir jagen, glauben, als jei es von uns gejagt. Betreffs der Nuthenen aber, um deren willen wir deinem Dater erhabenen Gedenfens, dem Kaiſer Sohannes, durch unjern getreueiten Kapellan Adalbert und durch den Grafen Alerander von Gravina geichrieben haben, und betreffs des Ortes,

1) Gieſebrecht, Deutjche Kaiferzeit IV, 467 F., ſchlägt als Emendation für elaborata totius imperii nostri fortitudine vor devorata, jo daß der Sinn fein würde: und wäre aud) die militäriihe Kraft unjeres ganzen Reiches verichlungen worden, jo würden wir in eigner Perjon dir zu Hilfe fommen. 2) Berno und Ricwin find die Gründer des Kloſters Ebrach. 3) Lies ftatt et nobilis, nad) Giejebreht3 Vorſchlag a. a. O., et nobilem. 4) Walter, vermuthlich ein ftaufifher Mlinifterial.

4*

92 Dtto v. Freifing. Friedrich I.

an dem wir für unſere Deutichen zur Ehre Gottes eine Kirche ge- baut willen wollen!), und betreff3 der edlen Barone Ayuliens, Alerander von Glaromonte, Philipp von Surre und Graf Heinrich und Senne Buftelli, werden dir unſer herzlieber Würzburger Biſchof und unjere andern Bertrauten unjern Willen berichten; ihnen jollit du wie uns jelber glauben. Außer alle dem empfehlen wir dir deinen treuen Botjchafter Nifoforus, wenn er uns auch im Anfange jeiner Gelandtichaft ergrimmt hat, angelegentlih und bitten ihn zu belohnen, weil er jtandhaft ausgehalten bat. Lebe wohl.“ So viel darüber.

25. Es war aber Friderich berangewachien, Friderichs Des wackerſten Herzogs Sohn, und er hatte ſchon den Gürtel der Ritter- ihaft angelegt, des edlen Vaters zufünftiger edlerer Erbe. Die Tüchtigfeit feiner guten Anlage nicht verbergend, erzogen, wie üblich, in ritterlichen Spielen, gürtet er ſich endlich, in ernitern Händeln Probe abzulegen zu einer Zeit, da der Vater noch lebte und jein Yand in voller Gewalt beſaß. Einen edlen Grafen, Heinrid von Wolfrathuſen?) nämlich, erklärt er für feinen Feind und dringt in Baiern mit einer großen Iruppenmacht ein. Die Batern, und zu- meilt die Grafen und Edlen, veriammeln fich, als ob ſie ein Waffen— ipiel feiern wollten, was wir jet einen Jahrmarkt?) zu nennen vflegen, in der Burg des genannten Grafen. Der wackere Jüng- ling alſo fam über fie und griff die Baiern, die vor der Mauer ftanden und ihn gerüftet erwarteten, nicht wie zum Scherz, jondern wie in vollen Ernite mannhaft an und zwang endlich die Feinde, nachdem beide Parteien lange und tapfer geitritten, in die Burg fich zurüczuziehen. Nachdem die Baiern ſich zur Flucht gewandt

1) Aus den Worten de loco in quo nostris Teutonicis ad honorem Dei ecclesiam aedificari volumus ſcheint mir durdaus nicht, wie Jaffe a. a. O. 102, U. 54 meint, her— vorzugehen, daß Johannes oder Manuel bereits in diefem Punkte ein Zugejtändnig gemadt hätten. 2) Heinrich von Wolfrathshauſen war der Neffe des Regensburger Biſchofs. Nad) Giejebrehts anſprechender Vermuthung fällt Friedrichs Fehde mit Heinrih in die Zeit der Fehde des Biſchofs Heinrih von Regensburg mit Herzog Heinrich, dem Halbbruder des

Königs, aljo ins Jahr 1146. 3) nundinas, was man faum ander überjegen fann, ein beſonders in Frankreich für Turniere Häufig vorfommender Ausdrud.

Friedrichs II. Tehden. 53

und infolge der Enge der Thore ſich zuſammendrängten, wird ein Graf Conrad von Dachowet), damals noch ein edler Graf, der nach— mals?) Herzog von Groatien und Dalmatien wurde, von den Fein- den umringt und gefangen, als er allzu unvorlichtig außerhalb der Mauern geblieben war. So fehrt der Süngling, genannten Grafen mit jich führend, als Sieger heim. Und obgleich ihm von vielen ge- rathen wurde, er jolle eine große Geldſumme von ihm eryreffen, achtete er doch infolge des ihm angebornen Adels nicht auf die Rath— Ihläge der Gottlofen. Denn wie er ihn tapfer gefangen genommen, jo gejtattete er ihm edelmüthig auch ohne Geldforderung Die Heimkehr.

26. Darauf jagt er dem Herzog Gonrad?), dem Sohne des obengenannten*) Herzogs Bertholf, den Krieg an, und nach der Er- oberung Turegum's, der obenerwähnten?) Stadt Alemanniens, legte er ebendorthin eine Bejagung. Darauf drang er auch im Bunde mit einigen Edlen aus Baiern mit großer Heeresmacht in das Rand des genannten Herzogs ein, und faft bis in die äußerſten Theile Alemanniens vorrüdend, gelangte er bis nad) Zäringen®), der Burg ebendiejes Herzogs, ohne daß ihm jemand in den Weg trat oder Widerſtand zu leiften vermochte. Nicht lange danach nahm und er- oberte er auch eine Feſtung deſſelben, welche noch jett allen, die fie ſehen, uneinnehmbar zu jein dünkt, und befriegte gegen die Meinung vieler den tapferften und reichiten Herzog jo nachdrücdlich, daß er ihn zwang, demüthig zu jeinem Bater und feinem Oheim (König Konrad) zu fommen und um Frieden zu bitten. Dieſe und andere jo Schwierige Unternehmungen führte er ichon in feinem Knabenalter aus, jo daß nicht mit Unrecht zum Staunen vieler von ihm jenes Wort des Evangeliums gejagt werden fonnte: Was meinejt du will aus dem Kindlein werden?)

1) Dachau. 2) Zum erjten Male wird er 1154 in einer Urkunde Otto's von Freifing unter diefem Titel genannt. 3) von Zäringen. 4) Kap. 8. ©. 29 5) an demfelben Ort. 6) im Breisgau. 7) Luc. 1, 66.

54 Dtto v. Freifing. Friedrich I.

27. In dieien Tagen betritt ein gewilfer Arnald!), der das Mönchsgewand trug, aber, wie aus jeiner Lehre hervorging, ihm feineswegs treu blieb, getrieben vom Hat gegen die Firchliche Ehre, die Stadt Nom, und reizte, in dem Wunſche, die jenatoriiche Würde und den Ritterſtand nach dem Vorbild der Alten zu erneuern, fait die ganze Stadt und vornehmlich das Volk gegen feinen Papſt zum Aufruhr. Daher findet man auch zur Beitätigung ihres Wahn- wißes oder beifer ihrer Albernheit folgendes Schreiben von ihnen an den Fürften gerichtet:

28. „Dem erhabeniten und berühmten Herrn der Stadt und des ganzen Grdfreifes, Gonrad, von Gottes Gnaden römiſchem König, allzeit Mehrer des Reichs, wünſcht Senat und Volk von Kom Heil und glüdliche und rühmliche Regierung des römiſchen Reiches.“?)

„Der königlichen Erhabenheit haben wir ſchon durch zahlreiche Schreiben unſere Thaten und Angelegenheiten mit Fleiß auseinander— geſetzt, wie wir in der Treue gegen euch verharren und für die Er— höhung und Mehrung eurer kaiſerlichen Krone in jeder Weiſe täg— lich uns mühen. Dat aber der königliche Eifer nicht geruht hat, darauf, wie wir forderten, uns zu antworten, darüber wundern wir uns allerdings recht ſehr, wie Söhne und Getreue über den Herrn und Vater. Denn was wir auch immer thun, das thun wir um der Treue gegen euch und um eurer Ehre willen. Und da wir wünſchen das römiſche König- und Kaiſerthum, das von Gott eurer Führung anvertraut iſt, zu erhöhen und zu erweitern, es auf den Stand zurückzuführen, wie es war zur Zeit Conſtantins und

1) Arnold von Breſcia. Sein öffentliches Auftreten in Rom fällt nach Gieſebrechts Unterſuchungen in das Jahr 1147, in die Zeit nad) der Abreiſe des Papſtes Eugen III. nad Frankreich. Er hat die Bewegung in Rom nicht erſt hervorgerufen; indem er ji, bedroht durch den Papſt, deſſen weltliche Gewalt ihın als der Hauptgrund der beflagten Verwelt- lihung der Kirche erſchien, mit den Republifanern verband, die freilid aus andern Gründen den Stuhl Petri feiner Macht entkleiden wollten, führte er die Koalition der weltlihen und firhlihen Oppofition herbei, deren vereintem Drängen gegenüber das Papſtthum madtlos blieb, bis Friedrich J. durch Waffengewalt die beraufchte Bürgerihaft wieder ernüchterte. 2) Diejer Brief, geſchrieben 1149, findet ſich auch in der Wibald'ſchen Brieffammlung bei Saffe, Bibliotheca rerum Germanicarum I, 332 ff. (Wr. 214).

Brief der Römer an Konrad. 55

Suftintans, welche den ganzen Erdfreis durch die Kraft des römischen Senates und Volkes in ihren Händen hielten, jo trachten wir, nach— dem wir um alles deſſen willen mit Gottes Gnade den Senat wiederhergeftellt!) und die, welche immer Rebellen gegen eure Herr- ichaft waren und dem römijchen Reiche jo große Ehre entriffen hatten, großentheils niedergetreten haben, einmüthig und eifrig da- nach, daß ihr durch alles und in allem erhaltet, was Kater und eich gehört. Und zu deſſen Ausführung haben wir einen guten Anfang und Grund gemacht. Denn Frieden und Gerectigfeit halten wir allen, die fie wollen, die Seftungswerfe d. h. die Thürme und Paläſte der Mächtigen in der Stadt aber, welche fich eurer Herrichaft im Bunde mit dem Sicilier?) und dem Papſtes) zu widerftehen rüfteten, haben wir erobert, und während wir einige in Treue gegen euch Fejthalten, haben wir andere niedergerifjen und dem Boden gleich gemacht. Aber um alles deſſen willen, was wir aus treuer Liebe zu euch gethan haben, bekämpfen uns der Papſt, die Sraja- yanen®) und die Söhne des Petrus Yeonis (Bierleone), die Männer und Freunde des Sieiliers, mit Ausnahme des Sordanus?), der als unjer Fahnenträger und Helfer in der Treue zu euch beharrt auc Tolomeus und andere mehr von allen Seiten, damit wir nicht frei, wie fich’S ziemt, die Faiferliche Krone auf das königliche Haupt jegen fünnten. Aber wir dulden gern um eurer Liebe und Ehre willen, wenn wir auch jehr viel Schaden dadurch erleiden, da ja dem Liebenden Feine Laſt jchwer iſt. Denn wir willen, daß wir von euch wie von einem Vater eine Belohnung dafür erhalten wer- den und daß ihr über jene als über Feinde des Reiches Strafe verhängen werdet. Da aljo unſere Treue gegen euch jo groß iſt und wir jo vieles für euch ertragen, jo bitten wir, daß uns dieje Hoffnung nicht trüge und daß die fünigliche Würde uns, eure Ge— treuen und Söhne, nicht verachte. Sollte in die föniglichen Ohren

1) Herbſt 1144. 2) Roger II. 3) Eugen II. 4) Das Adelsgeſchlecht der Frangi— pani. 5) Jordan Pierleone, ein Bruder des Gegenpapites Anaflet II. nannte ſich Patricius der Stadt.

56 Otto v. Freifing. Friedrich J.

ein ungünftiges Gerücht über den Senat und uns dringen, jo höre der König nicht Darauf und berücjichtige es nicht, weil die, welche über ung eurer Hoheit Uebles zutragen, fich über die Feindichaft zwiichen uns und euch was Gott verhüte freuen wollen, und beide, wie fie gewohnt find, jchlau zu umterdrücden trachten. Daß aber jolches nicht geichehe, dafür möge die Fönigliche Klugheit vor- ſichtig beſorgt fein, und eure Gejchieklichfeit möge daran denken, wie viel und wie großes Unheil die päpftliche Curie und unjere genann— ten vormaligen Mitbürger den Kaiſern, welche vor euch waren, an- gethan haben; und jet haben fie verjucht, mit dem Sicilier euch noch viel Schlimmeres anzuthun. Aber wir widerftehen ihnen mann- haft Durch die Gnade Chrifti in Treue gegen euch und haben mehrere von ihnen, als die fchlimmften Feinde des Neiches, die ſie ind, aus der Stadt verjagt. Darum möge uns jchnell die kaiſer— liche Stärfe nahen; denn, was ihr in der Stadt erreichen wollt, werdet ihr erreichen Fünnen, und um’s furz und ohne Umſchweif zu jagen: ihr werdet, mächtig in der Stadt, welche das Haupt der Welt ift, wie wir wünſchen, wohnend, über ganz Stalten und das deutjche Reich nad; Beſeitigung jedes Hinderniffes von Seiten der Geijtlichen freier und beſſer herrichen können, als faſt alle eure Vor- ganger. Ohne Aufenthalt alfo bitten wir euch zu fommen, und unterdei mögt ihr geruhen, über euren Zuftand, der jo wünjchen wir immer trefflich und glücklich jein möge, uns durch Fünigliche Schreiben oder Boten erfreuliche Nachricht zugeben zu laffen, denn wir find bereit, in allen Stüden eurem Willen zu geboren. Außerdem jollt ihr willen, dat wir die mulviſche Brücke nicht weit vor der Stadt, welche jeit langer Zeit zur Abwehr der Kaiſer zer- jtört ift, mit großem Wagnif; wiederherftellen, damit euer Heer fte überjchreiten und die Söhne!) des Petrus Leonis von dem Gajtell des heiligen Engels?) aus euch nicht Schaden können, wie ſie mit dem Papſt und dem Sicilier bejchloffen hatten; und in furzer Zeit wird fie mit jehr ftarfem Mauerwerk und Feldfteinen, jo Gott hilft, fertig 1) filii ift im Tert zu ergänzen. 2) Engelöburg.

Brief der Römer an Konrad. 57

fein. Erfahren haben wir aber, das zwifchen dem Sieilier und den Papſt Eintracht geichloflen jet unter folgenden Bedingungen: Der Papſt verleiht dem Sieilier Stab und Ring, Dalmatica und Mitra und Sandalen und jendet feinen Legaten in jein Pand, außer einen folchen, um den der Sieilier ihn bittet, und der Sicilier bat ihm viel Geld gegeben zu eurer und des römijchen Reiches Schädigung, welches von Gottes Gnaden euch gehört. Dies alles möge eure Klugheit, bejter König, forglid erwägen.

Starf jei der König; wonach er fich fehnt, das werde zu Theil ihn;

Gegen die Feinde behaupt’ er das Neich; zu Nom joll er thronen,

Lenfen den Erdfreis als Fürft, wie Juſtinianus gethan bat.

Was des Kaifers, empfange der Kaiſer, was fein ift, der Bilchof,

Gleichwie Chriftus gebot!), als Betrus zahlte Die Steuer.?)

Wir bitten übrigens, unfere Gejandten gütig aufzunehmen und ihnen zu glauben, was fie euch jagen, weil wir nicht alles fchreiben können; denn es find edle Männer, der Senator Gwido, Safobus, der Sohn des Procurators Sirtus, und Nicolaus, ihr Genoſſe.“

Aber der allerchriftlichite Fürft lehnte es ab, ſolchen Worten und Mährchen ſein Ohr zu leihen, ja er nahm vielmehr die von Seiten der römischen Kirche zu ihm fommenden vornehmen und be- rühmten Männer, deren einer der Pilaner Gwido, der Cardinal und Kanzler am päpitlichen Hofe, war und welche um Grneuerung ihrer alten Vorrechte baten, ehrenvoll auf und entlie fie mit Ehren.

29. Während zu diejer Zeit überall auf Erden Kriegsfturm den Erdkreis erfüllte und fait das ganze Reich in aufrühreriiche Be— wegungen warf denn in Mlemannien tobte zwijchen dem vor— genannten Süngling Friderich und dem Herzog Conrad das Nebel des Streites?); in Batern wüthete der zwijchen Heinrich, dem Sohne des Markgrafen Leopald (III), dem Herzog dieſes Yandes, und Hein- rich, dem Regensburger Biſchof, ausgebrochene jchwere Krieg mit von

1) Matth. 22, 21. 2) Matth. 17, 24. 3) ©. Kap. 26. ©. 53,

1146,

1052,

88 Dtto v. Freifing. Friedrich 1.

Tag zu Tag vermehrter Heftigfeit!); im Belgiichen Gallien, wo vor— nehme und trefflihe Männer, Albero, der Erzbiihof von Trier, und Heinrich, Graf von Namur, einander befämpften und alles mit Plünderung und Brand heimfjuchten, wurde ein großer Verluft für das Reich befürchtet); in Polen’), wo vier Brüder, drei?) mit dem vierten?) um das Herzogthum ftritten®), drohte großes Blut- vergiegen, und auch die andern Provinzen des Reiches waren von jolchem Nebel nicht frei da erfolgte plöglich durch die Nechte des Höchiten eine jo große Wandelung, daß man, nachdem binnen Kurzem alle dieſe Kriegsunwetter ſich gelegt, die ganze Erde friedlich ruhend und ungezählte Schaaren aus Gallien und Germanien gegen die Feinde des Kreuzes nach Empfang der Kreuze zum Heerzug Ti) melden jehen fonnte. Aber bevor wir an die Erzählung dieſer io unerhörten Wandelung geben, mus Weniges über die frühere Ver— wirrung vorausgejchieft werden.

30. Um die Zeit alio, da genannter Heinrich, der Herzog der Baiern, mit vorerwähntem Heinrich, dem Bilchof der Negensburger, und jeinen Bürgern und dem Steierfchen Markgrafen Odoncer?) in heftigiter Fehde ftritt, brechen einige Ritter aus der Oſtmarks) heim— ih in PBannonien ein und erobern Nachts die Burg Boſan, die auch Bresbure?) heißt, und die einjt Katjer Heinrich (III) mit Be— lagerung umjchloffen hatte, durch unvermutheten Angriff; einige wurden gefangen genommen, nicht wenige erjchlagen, andere ent- famen durch die Flucht. Als Geiza10), des Königs Belus!!) Sohn,

1) Weder Anlaß noch Ausgang diefer Fehde ijt befannt. 2) Der Grund ihrer Feind— ihaft war die Verleihung der Abtei St. Marimin an Albero durd) Konrad, deren Vogt Heinz rih von Namür war. Die Fehde begann 1141 und wurde erjt 1146 durch Bernhards von Glairvaur Bemühung beigelegt, um bald darauf (1150) mit gejteigerter Heftigkeit auszubredhen. 3) Polimia haben hier und unten Kap. 31 und 55 alle, in der Chronif die Mehrzahl der Handſchriften; in dieſer findet fi) die Variante Polunia. 4) Bolejlav, Mesto, Heinrich (Rafimir), 5) Wladijlav IL, der Gemahl der Agnes, einer Tochter Leo— pold& IH. von Dejtreih. 6) Wladijlavs Bejtreben, fi) aus einem polniſchen Theilherzoge zum Herrn des ganzen Landes auf Koften der Brüder zu maden, rief die Oppofition der bedrohten hervor. 7) Dttofar. 8) Die Continuatio Admuntensis nennt namentlid) die Grafen Hermann und Liutold. 9) Presburg. Der Ueberfall fand in der Oſterwoche (31. März bis 6. April) 1146 ftatt. 10) Geifa II. 11) Bela II.

Belagerung und Einnahme von Bresburg. 59

Ungarns König, dies hörte, jandte er einige jeiner Grafen voraus, damit fie erforichten, warum und auf welche Weife jolches geichehen jet; dann folgt ex ihnen ſelbſt und eilt zur Befreiung der Burg mit einer großen Zahl von Ungarn. Die Grafen, welche vorausgezogen waren, erfragen von der Bejagung der Burg jorgfältig, aus welchem Grunde fie dem Könige jo ſchweres Unrecht zugefügt hätten. Dieje ant- worteten, daß fie es weder für den Kürften der Römer, noch für ihren Herzog!), fondern für ihren Herrn Boritius gethan hätten. Es war aber Boritius der Sohn Golomanns, weiland Königs von Ungarn; er forderte genanntes Königreich Ungarn, wie in dem. früheren Ge- Ihichtsbuch?) erzählt worden tft, nach Erbrecht und rief, um e$ zu erlangen, haufig beide Fürften, den der Nömer?) wie den der Griechen®), zu ſeiner Unterftüßung auf, gewann auch viele von unjern Nittern durch Geld zu feinen Gunften. Der König von Ungarn nun umlagerte, nachden er herbeigefommen und ein Lager aufgeichlagen, die Burg’), wobei er verschiedene Kriegsmaſchinen und Geihüßarten anwandte und Bogenjchügen rings um den Ort Ihwärmen ließ. Da die Deutjchen, weil der Herzog‘) in den oberen heilen Baierns weilte, der Fürtt”) aber in entlegenen Orten des Reiches fih aufhielt, Feine tröftende Ausſicht auf Befreiung hatten, beginnen fie über einen Friedensichluß mit den Ungarn zu verhandeln. Sp beiprechen fie fich, um es furz zu jagen, mit ein- ander, übergeben dem König, nachdem fie von ihm unter eidlicher Ver— ſicherung 3000 Pfund im Gewicht verſprochen erhalten hatten, die Burg und fehren ſelbſt in ihr Yand heim. Der König der Ungarn aber, ärgerlich über den von den Deutjchen ihm zugefügten Schaden, kündigt dem bairifchen Herzog, der ihm verdächtig war, Feindſchaft an und fammelt ein ftattliches Heer in der ganzen Meite feines Reiches. Bevor wir aber über den Auszug dieſes Volkes reden, ſcheint es angezeigt, in Kürze einiges über die Lage dieſes Landes und die Art des Volkes vorauszuſchicken. 1) Heintih (Jajomirgott). 2) Chron. VII, 21 (&. 83 f.). 3) Lothar III. 4) Jo—

hannes. 5) Auch hier wechjeln, wie oben ©. 37, die Ausdrüde castrum und oppidum, ohne daß ein Unterfchied erfihtlic wäre. 6) Heinrih. 7) Konrad II.

60 Otto v. Freifing. Friedrich I.

31. Diefe Provinz nämlich, welche, weil fie ringsum von Wäldern und Bergen und vornehmlich vom Ayennin!) eingejchloflen wird, von Alters her Pannonien heißt, ift innen ein jehr breites Flachland, ausgezeichnet durch die Flüſſe und Ströme, welche es bewäſſern, reih an Wäldern, gefüllt mit Wild verjchiedener Art, lieblich ſowohl durch die urjprüngliche Anmuth feiner Oberfläche, als wohlhabend durch die Sruchtbarfeit jeiner Aecker, jo dat es gleich- jam das Paradies Gottes oder das herrliche Aegypten zu fein jcheint. Denn es hat, wie ich erzählte, von Natur das jchönfte Ausjehen, aber infolge der Art des barbariichen Volkes hat es nur jelten den Schmuck der gemauerten Gebäude oder Häuſer, und Grenzen, nicht jowohl durd Gebirge und Wälder, als durch den Yauf der größten Flüffe gezogen. ES grenzt im DOften, wo der berühmte Flut Sawa?) in den Danubius (Donau) mündet, an Bulgarien, im Weiten an Maravien?) und die Oſtmark der Deutichen, nach Süden zu an Groatien, Dalmatien, Hyitrien %) und Carinthia (Kärnten), nach Norden zu an Böhmen, Bolen, Ruthenien.5) Zwiichen dem Süden und Oſten liegt Rama,6) zwilchen Norden und Diten das Land der Pecenaten”) und Falonen,d) das zwar eine jehr große Fülle von Wild hat, aber eine mit der Pflugſchar und dem Kart faſt unbekannte Ebene. Häufigen Barbareneinfällen aber ausgejegt, iſt es fein Wunder, wenn es an Sitten und Sprache ungebildet und roh bleibt. Denn eritlich jtand es, was an anderem Drte?) ausführlicher von uns be— richtet worden it, der Ausplünderung durch Die Hunen, welche nad) Jordanus 10) aus der Verbindung von Unholden und Huren entitanden find, offen, nachmals der Verwüſtung durch die von rohem und unreinem Fleiſch fich nährenden Avaren, jchließlich verblieb e8 dem Beige der aus Scythien auswandernden Ungarn, welche es noch jest bewohnen. &s find aber die genannten Ungarn von Geſicht

1) Apennin, Pyrenäen und Alpen jcheinen im Mittelalter ihre engbegrenzte Bedeutung verloren zu haben und nur „Gebirge“ zu bedeuten; hier ift fihtbar eine etymologijche Spielerei Anlaß zur Benennung der den ungarischen Kefjel umringenden Gebirge gewejen. 2) Save. 3) Mähren. 4) Sitrien. 5) Rußland. 6) im heutigen Bosnien. 7) Petjchenegen. 8) Falben oder Kumanen. 9) Chronit IV, 16. 10) Jordanes, de rebus Geticis, cap. 26.

Ungarn und jeine Bewohner. 61

häßlich, mit tiefliegenden Augen, von Geftalt ‚niedrig, an Sitten und Sprache Barbaren und wild, jo daß mit Recht das Geſchick zu beichuldigen oder richtiger die göttliche Langmuth zu bewundern ift, welche ein jo herrliches Yand ich kann nicht jagen Menichen ſondern jolchen Ungeheuern von Menjchen preisgegeben hat. Darin jedoch ahmen jte der Griechen Fluges Weſen nach, daß fie an feine wichtige Sache ohne häufige und lange Berathung gehen. Da es endlich Dort in Dörfern und Flecden nur ſehr dürftige Wohnungen gibt, d. h. nur ſolche aus Rohr, jelten aus Holz, ganz jelten aus

Stein, jo wohnen fie während der ganzen Sommers- und Herbitzeit

unter Zelten. Am Hofe ihres Königs fommen fie zulammen, indem jeder von den Bornehmeren einen Seſſel mit fich bringt, umd fie verſäumen nicht über den Zuſtand ihres Staates zu verhandeln und zu berathen; in der Kälte des Winters thun ſie das im ihren Behauſungen. Aber alle gehorchen ihrem Fürften fo, dat jeder es für einen Frevel hält, nicht nur ihn durch offnen Wideripruch zu reizen, jondern auch nur durch geheimes Geflüfter ihm anzutaften. Daher fommt es, daß, obwohl genanntes Neich in 70 oder mehr Grafſchaften getheilt ift, von jeder Gerichtshandlung an den fünig-

lichen Fiscus zwei Theile vom Gewinn fallen, nur der dritte dem Grafen bleibt, und Niemand in dem jo weiten Umfang des Landes

mit Ausnahme des Königs Münzen zu prägen oder Zoll zu erheben wagt. Wenn nun einer aus dem Stande der Grafen den König

ſelbſt in geringfügigem Maße beleidigt hat oder auch deffen ivgend

\

einmal mit Unvecht beichuldigt worden ift, fo ergreift ihn, auch wenn er von jeinen Knechten umringt ift, ein vom Hof entjendeter Diener aus niedrigitem Stande allein, legt ibn in Feſſeln und ſchleppt ihn zu Solterqualen verichtedener Art. Sein Spruch wird, wie es bei uns Brauch ift, durch jeine Standesgenoffen vom Fürften gefordert, feine Erlaubniß zur DVertheidigung wird dem Angeichuldigten ge— geben, jondern allein der Wille des Fürſten gilt bei allen als Richt: ſchnur. Wenn aber, einmal der König das Heer ausführen will, To vereinigen fich alle ohne Wideripruch wie zu einem Leibe. Je neum

Am 11. Sept. 1146,

62 Dtto v. Freifing. Friedrich I.

Bauern, welche in den Dörfern wohnen, verjehen den zehnten Mann, oder auch je fieben den achten, oder darunter, wenn es erforderlich jein jollte, mit dem zum Kriege nöthigen Geräth, während die übrigen zur Bejtellung des Yandes zurücbleiben. Die aber vom Stande der Krieger find, die werden nur aus dem dringenditen Grunde daheim zurüczubleiben wagen. In der Königsſchaar jelbit aber umringen die Gäſte,!) deren es dort eine große Menge gibt und welche bei ihnen Fürjten (principes) heiten, zum Schuß die Seite des Fürſten. Haft alle jchreiten häßlich in häßlichen Waffen einher; nur daß die jchon von den Gäſten, weldhe wir jeßt Söldner (solidarios) nennen, erzogenen oder auch von ihnen erzeugten, eine nicht angeborne, jondern gleichjam Außerlich haftende Tapferkeit be- igen und in Kenntniß des Kampfes und Glanz der Waffen unferen Fürſten und Gäften?) nachahmen. Dod mag das über die Sitte genannten Volkes Gejagte genügen.

32. Der König alfo brach beim Meftichen Thore?) mit 70 000 oder mehr Streitern aus und jchlug in einer Ebene zwifchen genannten Thore und dem Fluſſe Lithahe,*t) welche in deutjcher Syrache Birvelt heist, was wir ein Brachfeld®) nennen können, fein Lager auf. Auch der Herzog rief die Seinen zufammen und ſteckte mit ihnen nicht weit davon auf dem andern Ufer deffelben Fluſſes, der an der einen Seite der Donau zwiichen dem römischen Reiche und jenem König: reiche die Grenze bildet demm auf der andern Seite ift es der Marahafluß,) in gleicher Weije ein Lager ab und fandte Kund— Ihafter aus, welche den Standort der Feinde durch genaues Spähen erforichen jollten. Am andern Tage geht der König auf genannter Ebene nach einer hölzernen Kirche und wird dort von den Biſchöfen denn bisher hatte er, da er noch in den Sinabenjahren ſtand,

1) Hospites, fremde Söldner. Gäſte werden in den öftlihen Ländern die fremden Anfiedler und Kaufleute genannt, und ruſſiſch ift gost der reiche Mann. W. 2) principes tantum et hospites nostros, d. 5. vermuthlid die deutſchen Gäfte (unfere Landsleute), welche fie Fürſten nennen, wenn er nicht etwa an die römische Abtheilung der principes denkt. W. 3) Unter dem Möſiſchen Thore find die Päfje bei Wiejelburg (Musonium) zu verſtehen.

4) Leitha. 5) vacans campus. Sn den alten Ausgaben findet fich der erflärende Zujaß Lervelt. 6) Mard).

Schlacht an der Fiſcha. 63

das Nittergewand noch nicht angelegt nach Empfang des zu dieſem Zweck verordneten priejterlichen Segens mit den Waffen um- gürtet. Darauf ordnet er die Schlachtreihen, jtellt das Heer auf: zwei Schaaren an der Spibe, darunter die Bogenſchützen, damit fie die Wucht des Angriffs von der Ferne aus brechen könnten, und dahinter eine große Schlachtreihe, welche jein Oheim Herzog Bela befehligte, während er in jeiner eignen Legion, wie man jagt, mehr als 12000 Ritter zurücbebielt. Darauf Durchreitet er plößlich den Fluß Lithahe, da die Kundjchafter des Herzogs nicht ordentlich auf das achteten, wozu fie entjendet waren, und legte bald in der be- nachbarten Gegend Feuer an. Ingleichen hatte der Herzog die Schlachtreihen aufgeftellt, und berietl; eben, was man thun müffe, vergebens auf die Kundjchafter wartend, die entweder aus Hinterlit oder aus Trägheit ſäumten. Und während noc) die einen zu kämpfen, einige an dem andern Ufer des Fluſſes Viichat), jenjeit deſſen nur an zwei deutjche Meilen von der Grenze entfernt er lagerte, zu warten und die Stärfe des Feindes noch beffer zu erfunden riethen, gab plößlich aufiteigender Rauch vom Feuer und von den Feinden fichere tachricht, während einige von den Unſern meinten und behmupteten, daß von den zur Flucht fich wendenden Feinden das eigne Lager den Flammen preisgegeben worden ſei. Daber griff der Herzog denn er ilt tapfer mit der Hand, kühn von Geift, aber abzuwarten iſt ihm unerträglich jogleich zu den Waffen und jtürzte fich anders, als friegerifche Zucht und Ordnung es fordern, nicht Schritt für Schritt einherziehend, jondern in jähem Laufe heranfliegend auf den Feind, während die Seinen jchaarenweife nahten und bunt durcheinander famen, da die Ordnung der Pegionen ganz zerriffen war. Endlich kam er infolge der übergroßen Schnelligkeit feines jähen Laufes dem An- griff der Bogenjchügen, welche in den zwei erften Schaaren aufgeftellt waren, zuvor und vernichtete jene (die zwei erjten Schaaren) ſammt den beiden Grafen, welche ſie befehligten, faſt ganzlich. Darauf ſtieß er auf jene zwet großen Heerhaufen, des Königs nämlich und des Herzogs 1) Fiſcha, Nebenfluß der Donau,

1147.

64 Otto v. Freifing. Friedrich I.

jeines Oheims; von der Legion des Königs aber trat feiner hervor, jondern fie blieb wie ein Wald unbeweglich ſtehen. Schon dachten die Ungarn an Flucht und wollten den Rücken wenden, und ſiehe da beginnen die Deutjchen, welche in den legten Schaaren dem Herzog folgten, zu fliehen, ohne daß der Herzog es wußte noch auch das, was geichah, infolge der Menge des Staubes, die in jenen Gegenden zur Zeit der Trockenheit jehr groß zu fein vflegt, wahrnehmen konnte. Die Barbaren falfen nun erſt ihre Kräfte zuſammen und umringen den Herzog, da ſie ihn von den Seinen verlaffen jehen. Da exit wird der Herzog gezwungen, dem Feinde den Rücken zu wenden, und Dank jowohl jeiner frtegertichen Nechten als dem die Luft ver- dunfelnden Staube entzog er Tich den Gefahren des Kampfes uud gelangte in eine benachbarte Stadt Vienist), die einft von Römern bewohnt war und Favtanis?) hieß. Die Ungarn verfolgen die Feinde nur bis zum vorgenannten Fluſſe Viskahe und ehren in die Heimath zurück. Es fiel in diefem Streite ein großer Theil der edlen und erlauchten Männer, vom Volke aber eine unzählige Menge, eine noch größere jedoch, wie es heit, von den Ungarn. Dafür und zwar für eine jo jchimpfliche Ihat iſt die Rache noch nicht erfolgt, fie wird umter Gottes Beiltand von der fiegreichen Nechten des jeßigen Kaiſers in Zukunft erwartet.

33. Um diejelbe Zeit entjendet der Sieilier Roger (IL), nachdem er in Apulien, Calabrien und Sicilien Dreiruderer und Zweiruderer, welche man jetzt Galeen oder Sagitteen gemeinhin zu nennen pflegt, und andere Kriegslaftichiffe ausgerüftet hatte, eine Flotte gegen Griechen— land unter dem Befehl waderer und im Seefriege erfahrener Führer. Nachdem alſo die Schiffe jegelfertig gemacht worden waren, dringen ſie in griechiiches Gebiet ein und rücken, nachdem Mutino?) ohne Hindernik und große Schwierigfeit erobert worden war, bis nad) Gurfol,*) einer jehr ſtarken Burg Griechenlands, vor. Da jte dieje durch

1) Wien. 2) Wien hatte bei den Römern den Namen Pindobona, aber die im 12. Jahrh. aufgefommene Meinung, daß es das im Leben Severins genannte Yavianis

. (Mauer im öjtr. Bez. Amitetten) jei, hat ſich bei vielen bis auf die Gegenwart erhalten, ].

Geihihtihr. VI. Jahrh. 1.8. S. 10. 3) Modon. 4) Korfu.

Schlacht an der Fiſcha. Rogers Angriff auf Griechenland. 65

Gewalt nicht zu erobern vermochten, wenden fie zu Liſten und 1146. Ränken. Sie ſenden alſo, wie man erzählt, einige Männer voraus, welche ſich ſtellten, als brächten ſie einen Todten zur —— es befindet ſich nämlich in vorgenannter Burgſtadt, wie es bei den Griechen Sitte iſt, eine Congregation von Geiſtlichen oder Mönchen, dringen in die Burg ein, bemächtigen ſich der Feſtung, werfen die Griechen hinaus und legen dorthinein ihre Beſatzungen. Darauf dringen ſie in das Innere Griechenlands vor, erobern Corinth, Theben, Athen, durch alten Adel berühmte Städte, machen dort die größte Beute und führen auch die Arbeiter, welche ſeidene Stoffe zu weben pflegen, zur Schmach des Kaiſers und zum Ruhm ihres Fürſten als Gefangene fort. Roger ſiedelte ſie in Palermo, Siciliens Haupt— ſtadt, an, gebot ihnen, jene Kunſt des Webens die Seinen zu lehren, und ſeitdem begann dieſe Kunſt, die zuvor von den Griechen allein unter den Chriſten geübt wurde, dem Geiſt der Lateiner zugänglich zu ſein. Damit aber zu dem, von wo wir ein wenig abſchweiften, der Griffel zurückkehre, ſo wird nun über die Heiterkeit des Friedens, welche nach dieſer Erſchütterung des Erdkreiſes uns gegen Vieler Erwarten plötzlich wieder aufleuchtete, in Kürze einiges geſagt werden müffen.

34. Als Eugen in der Stadt Nom auf dem Bilchofftuhle ja, Conrad ebendort, Ludewig (VII) im weitlichen Franfen regierte, in der füniglichen Stadt Manuel herrſchte, in Serufalem Folfo,t) eröffnete Lırdewig, den tm Geheimen die Sehnjucht nach Jeruſalem zu ziehen quälte, weil jein Bruder Philipp, mit demielben Gelübde verpflichtet, vom Tode überrajcht worden war, und der länger jein geit.1131, Vorhaben nicht aufjchieben wollte, einigen von feinen Fürften, die er zur fich berufen, was er im Geifte plane?) Es war zu jener Zeit in Gallien ein Abt des Klofters Glaravallis,?) Bernhard ge nannt, ehrwürdig durch Yeben und Sitten, bervorleuchtend im Mönchs—

1) FZulco von Anjou, der Nachfolger Balduinz II. war bereit3 November 1143 geftorben; ihm folgte jein minderjähriger Sohn Balduin II, unter Vormundſchaft jeiner Mutter Melijende. 2) Es geihah Weihnachten 1145 zu Bourges. 3) Glairvaur,

Geſchichtſchreiber, Lig. 69. Otto v. Freifing. Friedrich I. 5

1146,

66 Dtto v. Freifing. Friedrid I.

ſtande, begabt mit Weisheit und Kenntniß der Wilfenjchaften, berühmt duch Zeichen und Wunder. Die Fürften bejchliegen, diejen rufen zu laffen, und von ihm wie von einem göttlichen Orakel zu erfragen, was in diefer Sache zu thun jet. Genannter Abt wird gerufen und jein Rath bezüglich des Wunfches des Fürften verlangt. Da jener es für frevelhaft hielt, über eine jo wichtige Angelegenbeit aus dem Gutdünfen jeiner eigenen Autorität einen Beſcheid zu geben, antwortete er, es jet das beite, fie zu Gehör und Prüfung des römischen Papſtes zu bringen. Daher wird Eugen durch eine an ihn geichickte Gefandtichaft Die ganze Angelegenheit eröffnet. Diejer erwog die Ihaten jeiner Borgänger daß nämlich Urban (ID) bei einer derartigen Gelegenheit die Kirche jenjeits des Meeres und zwei Vatrinechenfige, nämlich Antiochta und Seruialem, die vom Gehor— jam gegen den römijchen Stuhl fich losgetrennt hatten, zur Einig— feit des Friedens zurückgewonnen babe und ftimmte dann den Wünſchen des genannten Königs für weitere Ausbreitung der Eitte der chrijtlichen Kirche zu. Dem vorgenannten Abte aber, der bei allen Bölfern Galliens und Germaniens wie ein Prophet oder Apostel angejehen wurde, ertheilte er die Ermächtigung zu predigen und aller Herzen dazu zu bewegen. Daher findet ſich noch folgen- des Schreiben), gerichtet an den König und feine Fürften.

35. „Biſchof Eugen, der Knecht der Knechte Gottes, dem ge— liebteſten Sohne in Chriſto, Ludewig, dem erlauchten und ruhm— reichen Könige der Franken, und den geliebten Söhnen, den Fürjten

1) Das folgende Breve, welches al3 Datum den 1. Dezember (ohne Angabe des Jahres) trägt, findet jih in einer Olmützer Handihrift mit dem Datum: Transtiberim. Kal. Marti 1146. (Zrajtevere, 1. März 1146.) Kugler (Studien zur Geſchichte des 2, Kreuzzuges, Tüb. 1866) nimmt an, daß das letztere Datum das richtige jei, weil das päpitlihe Schreiben vor dem Frühjahre 1146 in Frankreich nicht befannt geworden, deshalb auch auf die Entihliegung Ludwigs ohne Einfluß gemwejen jei. Er vermuthet, dag „das Datum Otto’3 von Freiſing nur unter eine jpätere Kopie defjelben Schreibens gejegt wurde, aljo am 1. Dez. 1146.“ In den Analekten zur Geſch. des 2, Kreuzzuges (Tüb. 1878) giebt er die Möglichkeit der Abfaſſung am 1. Dez. 1145 zu; e& jei vielleicht beitimmt gewejen, gewifjermaßen als päpftliches Akkreditiv dem Bilhof Hugo von Djebeleh, der um die Hilfe des Abendlandes bat, mitgegeben zu werden. Doch jei die Publikation unterblieben, und erjt nad) der Anfrage Ludwigs dafielbe Schreiben mit anderem Datum an feine Adrejje gegangen,

Brief Eugens TI. 67

und allen Getreuen Gottes, jo in Gallien weilen, Gruß und apojtoliichen Segen.

Wie jehr unjere Borgänger, die römiſchen Päpſte, für die Be— freiung der Kirche des Oſtens fich gemüht haben, haben wir aus dem Berichte der Alten erjehen und in ihrer Gejchichte gejchrieben gefunden. Unſer Borgänger nämlich Papſt Urban jeligen An— gedenfens hat wie eine Poſaune vom Himmel her feine Stimme ertönen laſſen und zur Befreiung derjelben die Söhne der hei- ligen römtjchen Kirche in den verfchiedenen Theilen der Welt auf- gefordert. Auf jeinen Ruf kamen die jenſeits der Berge wohnenden tapferften und wackeren Kämpen, vornehmlich die aus dem Reiche der Franken und auch die aus Italien, vom Feuer der Liebe durch— glüht, zuſammen und haben zu gewaltigem Heere geſchaart nicht ohne großen Verluſt am eigenen Blute, begleitet von gött— licher Hilfe die Stadt, in welcher unſer Erlöſer für uns dulden wollte und ſein ruhmreiches Grabmal als Gedächtniß ſeines Leidens uns hinterließ, und andere mehr, deren wir zur Vermeidung von Weitſchweifigkeit zu gedenken unterlaſſen, von dem Unflat der Hei— den befreit. Dieſe ſind durch die Gnade Gottes und den Eifer eurer Väter, welche im Lauf der Zeiten ſie zu vertheidigen und den chriſtlichen Namen nach Kräften in jenen Gegenden zu verbreiten trachteten, bis auf unſere Zeit von den Chriſten behauptet, und andere Städte der Ungläubigen ſind von ihnen in mannhaftem Streite erobert worden. Jetzt aber iſt um unſerer und des Volkes Sünden willen ohne großen Schmerz und Jammer können wir's nicht ausſprechen die Stadt Ediſſa, welche in unſerer Zunge Rohais heißt, und welche auch, wie erzählt wird, ganz allein unter der Herrſchaft von Chriſten Gott diente, während einſt im Orient alles Land von den Heiden beſetzt gehalten wurde, von den Feinden des Kreuzes Chriſti erobert worden, und viele Kaſtelle der Chriſten find von ihnen beſetzt, auch ſind der Erzbiſchof dieſer Stadt?) mit ſeinen

1) Die Eroberung Edeſſas durch Imad ad-din Zenki, Emir von Moſul, erfolgte Dezem— ber 1144. 2, Hugo.

5 *

1146.

1146,

68 Dtto v. Freifing. Friedrich I.

Geiftlihen und viele andere Chriſten ebendort ermordet, die Re— liquien der Heiligen dem Hohne der Ungläubigen ypreisgegeben und veritreut worden. Wie große Gefahr dadurch der Kirche Gottes und der ganzen Chriftenheit drohe, haben wir erkannt und wir glauben nicht, daß es eurer Klugheit verborgen je. Denn ficherlich wird e$ der größte Beweis des Adels und der Nectichaffen- heit fein, wenn das, was der Väter wadrer Muth erwarb, von eudı, den Söhnen, wacer vertheidigt wird. Sollte es aber, was Gott verhüte, anders Sich verhalten, jo erweiſt ſich die Tapferkeit der Väter in den Söhnen verringert. Daher mahnen, bitten und heiten wir euch insgefammt und verordnien zur Vergebung der Sün— den, dal die, welche Gottes ſind, und zumeift die Mächtigeren und Edlen, ſich mannhaft gürten, und daß ihr der Menge der Ungläu— bigen, welche fich Freut, dak die Heit des Steges über uns gefommen jet, jo entgegenzutreten und die Kirche des Dftens, die mit jo vielem Blutvergießen ſeitens eurer Väter, wie wir erzählt haben, von ihrer Gewaltherrichaft befreit worden ift, jo zu jchirmen und die vielen Zaufende von Gefangenen, unjere Mitbrüder, aus ihren Händen zu reihen trachtet, das die Würde des chriftlichen Namens zu eurer Zeit wachſe und eure Tapferkeit, welche in aller Welt gerühmt wird, rein und en erhalten werde. Es diene euch auch zum M hr jener gute Matathias, welcher für die Erhaltung der väterlichen Satzungen jich jelbit jammt jeinen Söhnen und Eltern dem Tode zu opfern und, was er in der Welt befah, zu verlaffen feinen Augen- blick Bedenken trug, und endlich unter dem Beiſtaud göttlicher Hülfe, doch nach vieler Mühſal, über jeine Feinde mannhaft triumphirte, jowohl ex jelbft, wie jeine Nachfommenfchaft. In väterlicher Kümmer- niß aber beiorgt jowohl um die Ruhe der Curigen als auch um die zerlaſſenheit diefer Kirche, en und beitätigen wir fraft der von Gott uns verliehenen Macht denen, welche ein jo bheiliges und io nothwendiges Werk und Ungemad um ihrer Frömmigfeit willen auf fich zu nehmen und auszuführen bejchloffen haben, die gleiche Vergebung der Emden, welche unjer genannter Borgänger Urban

Brief Eugens II. 69

angenrdnet hat, und bejtimmen, dat ihre Gattinnen und Sinder, auch ihre Güter und Befigungen unter dem Schuße der heiligen Kirche, auch unſerm und dem Schuße der Erzbiſchöfe, Biſchöfe und anderen Prälaten der Kirche Gottes ftehen jollen. Auch verbieten wir durch apoſtoliſchen Machtipruch, daß von alle dem, was fie zur Zeit, da fie das Kreuz nahmen, im Frieden bejahen, fürder etwas ftreitig gemacht werde, jo lange nicht von ihrer Rückkehr oder ihrem Hingange ganz fichere Kunde eingelaufen ilt. Ferner, da die, welche für Gott jtreiten, keineswegs nach köſtlichen Kleidern, auch nicht nach) Schmuck der Gejtalt, auch nicht nach Hunden oder Falfen oder anderen Dingen, welche die Ueppigkeit anfünden, trachten jollen, jo ermahnen wir eure Klugheit im Herrn, daß die, welche das To heilige Werk zu beginnen bejchloffen haben, nicht darauf ihr Augenmerk richten, jondern auf Waffen, Noffe und anderes, womit lie die Ungläubigen bekämpfen können, mit allen Kräften Eifer und

Fleiß verwenden. Die aber von Schulden bedrückt werden, und |

1146,

reinen Herzens die jo heilige Fahrt begonnen haben, jollen für die | vergangene Zeit Zinjen nicht bezahlen, und wenn fie fich jelbjt oder |

andere für fie um der Zinjen willen durch Eid oder Gelöbniß ver- pflichtet haben, jo löjen wir fie aus apoſtoliſcher Vollmacht. Es fei ihnen auch geitattet, ihre Ländereien oder andere Beſitzthümer, jobald auf ihre Bitte Berwandte oder Herren, zu deren Lehngut fie ge- hören, Geld zu geben nicht den Willen oder nicht das Vermögen haben, Kirchen oder Firchlichen Perfonen oder auch anderen Getreuen frei und ohne jeden Widerſpruch zu verpfanden. Vergebung der Simden und Abjolution ertheilen wir nach der Anordnung unjeres vorgenannten Vorgängers Eraft der von Gott uns verliehenen Boll- macht des allmächtigen Gottes und des jeligen Petrus, des Apoſtel— fürjten, jolchergeftalt, daß wer die jo heilige Fahrt in frommer Ge— ſinnung begonnen und vwollführt hat oder dabei geftorben ift, von allen jenen Sünden, die er mit zerfnirichtem und demüthigem Herzen gebeichtet hat, Abjolutton erhalten und die Frucht ewiger

1146,

August 1146,

70 Dtto v. Freiſing. Friedrich I.

Belohnung von dem Bergelter aller Dinge empfangen joll. Gegeben zu Vetralla, an den Kalenden des December.‘

36. Um nun zur Reihenfolge der Erzählung zurücdzufehren: Bernhard, der ehrwürdige Abt, mißbraucht nicht die ihm verliehene Vollmacht des apoftoliichen Stuhles, gürtet fih tapfer mit dem Schwerte des Wortes Gottes, und, nachdem die Gemüther Vieler fir einen Zug übers Meer begeiftert iind, wird endlich ein all- gemeiner Hoftag zu Verzelacum, einer Stadt Galliens, wo die Ge- beine der jeligen Marin Magdalena begraben liegen!), angejagt, zu dem aus den verjchiedenen Provinzen Galltens die großen und er- lauchten Männer zujammenberufen worden waren. Dort nahm Ludewig, der König der Franfen, aus der Hand des vorgenannten Abtes mit großer Freudigfeit des Herzens das Kreuz?) und meldete ih zur Heerfahrt übers Meer mit dem Grafen Theoderich von Flandern und Heinrich, Iheobalds von Blefis?) Sohne, und andern Baronen und edlen Männern aus.jeinem Neiche.

37. Unterdei durchzieht der Mönch Radolf, ein Mann, der das Mönchsgewand zwar trug und gejchieft die Strenge der Kloſter— zucht nachahmte, aber von der Kenntniß der Wiffenichaft nur mäßig berührt war, diejenigen Theile Galliens, welche an den Rhein grenzen, und entflammt viele Taujende vom Volke aus Agrippina, Maguntian, Warmatia, Spira, Argentina) und andern benachbarten Städten, Flecken und Dörfern zur Annahme des Kreuzes. In jeine

. Lehre jedoch lieh er ohne gebührende Ueberlegung einfließen, daß die

Juden, die in den Städten und Flecken zerftreut lebten, als Feinde der chriftlichen Neligion getödtet werden follten. Der Same diejer Lehre fahte in vielen Städten und Flecken Galliens und Germaniens jo fefte Wurzel und jproßte auf, daß, nachdem jehr viele von den Suden in diefem ftürmifchen Aufftand getödtet worden waren, viele unter die Flügel des Fürften der Römer Schuß juchend flüchteten.

1) Vezelay in Burgund (Departement Yonne); die Verfammlung fand Oftern (31. März) 1146 ſtatt. 2) Das Kreuz trug Ludwig bereit. 3) Blois. 4) Köln, Mainz, Worms, Speier, Straßburg.

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Bernhard von Clairvaux und Radolf. 71

Daher geichah es, daß nicht wenige von ihnen, die ſolcher Muth entfloben, in eine Stadt des Fürften, welche Nourenberf!) heit, und andere Municipien deifelben zur Nettung ihres Lebens Tich zurückzogen. |

38. Aber der genannte Abt von Glaravallis lehrte, daß man vor einer derartigen Lehre fich zu hüten habe, und jchiefte an die Völker Galliens und Germaniens Boten und Briefe, in welchen er aus der Lehre der heiligen Schrift deutlich nachwies, day die Juden wegen des Uebermaßes ihrer Trevel nicht zu tüdten, jondern zu zer= ſtreuen ſeien. Dabei führte er aud) das Zeugni des Pialmdichters auf, der im 57. Pſalm?) jagt: „Gott hat mir meine Luſt gezeigt an meinen Keinden. Erwürge fie nicht; und ebenio: „Zerſtreue fie mit deiner Macht!" 3)

39. Während nun Unzählige im weitlichen Gallien zum Zuge übers Meer ſich begeifterten, beſchließt Bernhard, das Neich der Ditfranfen in Angriff zu nehmen, auf daß er auch dieſes mit der Pflugſchar der Predigt aufrühre, jowohl um das Herz des Fürften der Römer durch das Wort heiliger Mahnung zuc Annahme des Kreuzes zu erweichen, als auch um Radolf Schweigen aufzuerlegen, der um der Juden willen in den Städten häufige Aufſtände des Volkes) gegen jeine Herren erregte. Da der Fürſt dies hörte, jagte er die Feier eines allgemeinen Neichstags bei Syeier auf das Ge— burtsfejt des Herın an. Dortbin kam genannter Abt und über: redete den Fürften ſammt Sriderichd), dem Sohne feines Bruders‘) und anderen Kürten und erlauchten Männern, das Kreuz zu nehmen”), indem er auf offener Straße wie im DVBerborgenen jehr viele Wun- der that. As er auch?) nah Maguntia Fam, fand er dort Nadolf in höchſter Gunft beim Volke. Ex lie ihn fommen und ermahnte

1) Nürnberg. 2) Vielmehr im 58., nad) unferer Zählung im 59. 3) Pi. 59, 11. 12. Die Interpunftion des Tertes bei Otto ift zu ändern. Mit Ne occidas eos beginnt ein neuer Vers. Bei den lebten Worten ift sua in tua zu verwandeln. 4) Ich leſe mit Saffe populi ft. populo 5; Friedrid) II. von Schwaben, als Kaifer Fr. I. Barbaroſſa. 6) Friedrid II. von Schwaben. 7) Am 27. Dez. 8) Der Aufenthalt Bernhards in Mainz gehört in den November,

1146,

Novbr. 1146.

Weihn. 1146.

1146,

1147,

72 | Dtto v. Freifing. Friedrich I.

ihn, nicht gegen die Mönchsregel durch die Linder jchweitend Fraft eigner Vollmacht das Wort der Predigt ſich anzumaßen, und bewog ibn endlich dazu, dat er ihm Gehorſam gelobte und in jein Kloſter!) zurückkehrte. Darüber zürnte heftig das Volk, ja es wollte auch einen Aufftand erregen, wovon es nur durch die Rückſicht auf Bern- hards Heiligkeit ſich abhalten Tief.

Unterdeß weilte der bochedle Herzog Friderich in Gallien?) von Ichwerer Krankheit feitgehalten, bitteren Zorn im Herzen tragend gegen jeinen Herrn und Bruder König Konrad, weil er jeinen Sohn Friderich, den er als jeinen erjtgebormen und einzigen Sohn jeiner bhochedlen erjten Gemahlin?) jeiner Gnade empfohlen und mit jeinem kleinen Sohne 9 von der zweiten Gemahlin?) zum Erben jeines ganzen Yandes gemacht hatte, das Kreuz hatte nehmen Iaflen. Zu ibm begab ſich genannter Abt, ihn zu bejuchen‘), ſegnete ihn und nahm ihn in jeine Gebete auf. Doch vermochte jener die Ge— walt des Schmerzes nicht zu ertragen und ftarb nicht lange nach— ber’). Gr liegt in einem SKlofter, welches das der heiligen Walt-

Li ! d purga heist und in den Grenzen des Elia) gelegen iſt, begraben. Es folgte ibm aber im Herzogtum jein Sohn Friderich?).

40. Darauf begab fich der Fürft nach Baiern, und feierte dort!?) im Monat Februar einen allgemeinen Reichstag, an Stelle des Abtes von Glaravallis Abt Adam von Eberach mit fich führend, einen frommen und ausreichend gelehrten Mann. Diejer feierte nad) der Sitte das Meßopfer, beitieg dann, nach Anrufung der Gnade des heiligen Geiſtes, die Kanzel und beredete nach DBerlefung der

1) Glairvaur. 2) In Mei an der Selz (Großherz. Heſſen). 3) Judith, Tochter Heinrihs IX. von Baiern. Des letzteren Beiname „der Schwarze" ijt vor dem Ende des 13. Jahrh. nicht nachweisbar. 4) Konrad. 5) Agnes von Saarbrüden. 6) Friedrid) von Schwaben wird als Zeuge in einer vom 4. Januar 1147 datirten Urkunde Konrads ge— nannt. Am 3. Januar hat Bernhard, dejjen Name übrigens in der Zeugenreihe ſich gleich— falls findet, Speier verlaſſen. Vermuthlich hat der Abt aljo in Speier jelbjt verjucht, den Herzog zu verjühnen. 7) am 6. April 1147. 8) Das Walpurgistlofter bei Hagenau, über welches Friedrich die Vogtei bejeilen hatte. 9) Wie aus Otto“s eignen Worten hervorgeht, hat Friedrich IL. ſchon bei feinen Lebzeiten auf jeinen Sohn die herzogliche Würde übertragen.

Lebterer erjcheint auch Schon vor dem Tode des Vater urkundlich mit dem Titel eines dux. 10) in Regensburg.

Tod Friedrichs II. Neichstag in Negensburg. 73

Briefe des apoſtoliſchen Stuhles und des Abtes von Glaravallis!) und furzer Ermahnung faſt alle Anweſenden, fich zur Theilnahme an genannter Heerfahrt zu melden. Es bedurfte nämlich weder der Worte der Heberredung menjchlicher Weisheit noch des Umſchweifs funftwoller Nede nach den Lehren der Rhetoren, da alle Anwejenden infolge des vorangehenden Gerüchtes aufgeregt waren und freiwillig zur Annahme des Kreuzes herbeieilten. Es empfingen in derſelben Stunde das Kreuz drei Biſchöfe, nämlich Heinrich von Negensburg, Dtto von Freifing, Neginbert von Paſſau, und der Herzog der Batern, Heinrich, der Bruder des Königs, und vom Stande der Grafen, Edlen, erlauchten Männer unzählige. Auch eilte, wunder- bar it's zu jagen, eine jo große Menge von Räubern und Wege— lagerern herbei, daß jeder mit geſundem Verſtande begabte erkannte, daß dieſe eben jo Yplößliche als ungewöhnliche Wanpdelung von der Rechten des Höchjten ausging, und wenn er es erkannte, erichütter- ten Herzens erſtaunte. Auch Gwelfo?), Heinrichs, des früheren Herzogs Bruder, einer von den edellten Großen des Reichs, hatte in der Nacht der Geburt Chrilti auf feinem eignen Gute Biten- gous) mit vielen anderen die Heerfahrt gelobt. Aber auch der Her— zog der Böhmen, Labezlaus*), und der Steirer Marfgraf Odvacer?) und der erlauchte Graf Bernhard von Kärnten nahmen nicht viel ſpäter mit großem Gefolge der Shrigen das Kreuz. Die Sachſen aber lehnten, weil fie einige dem Unflat des Götzendienſtes ergebene Völker in ihrer Nachbarichaft haben, es ab, nach dem Orient zu ziehen, doch nahmen fie gleichfalls, um jene Völker mit Krieg zu überziehen, Kreuze, die von den unſrigen nur darin fich unter- ſchieden, daß ſie nicht einfach auf die Kleider genäht waren, jondern von einem Kreiſes) aus in die Höhe ragten.

1) &3 ift das im folgenden Kapitel auszugsweife mitgetheilte Manifejt an die Oftfranfen und Baiern und identiſch mit dem im Dezember 1146 an die Speierer gerichteten Briefe. Es it, mit entſprechenden Adreſſen verfehen, au) an die Böhmen, die Bretagner, die Engländer und Brejcianer gegangen. 2) Welf VI, Heinrihs X., des Stolzen, Bruder. 3) Peiting unweit Steingaden. 4) Wladijlam IL. 5) Dttofar. 6) Der Kreis war Sinnbild der Welt; das auf dem Kreije jtehende Kreuz jymbolifirt aljo das zur Herrſchaft über die Welt bejtimmte Chriſtenthum.

1147.

(1146.)

74 Otto v. Freifing. Friedrich IL.

41. Kine Abjchrift aber des Briefes des Abtes von Glara- vallis, den er in das öſtliche Sranfenreich fandte, lautet folgender- maßen:

„Den geliebteſten Herren und Vätern, Erzbiſchöfen, Biſchöfen und allem Klerus und Volk des öſtlichen Frankens und Baierns wünſcht Bernhard, genannt Abt von Claravallis, Ueberfluß am Geiſte der Tapferkeit.

Ich habe zu euch zu reden über die Sache Chriſti, auf welchem allein euer Heil beruht. Das ſage ich, damit die Majeſtät des Herrn die Unwürdigkeit der ſprechenden Perſon entſchuldige, auch damit die Rückſicht auf den eignen Nutzen es entſchuldige. Ich bin zwar ein ſchwacher Menſch, aber nicht ſchwach iſt meine Liebe zu euch um Chriſti Jeſu willen. Das iſt für mich jetzt der Grund an euch zu ſchreiben, das der Anlaß, daß ich an euch alle mit Briefen mich zu wenden wage. Lieber würde ich das mit lebendigem Wort be— treiben, wenn das Vermögen ausreichte, wie der Wille nicht fehlt. Seht nun, Brüder, die willkommene Zeit, ſeht jetzt den Tag der Fülle des Heils. Denn es bewegt ſich und erzittert die Erde, weil der Herr des Himmels ſein Land zu verlieren beginnt. Sein Land, in dem er erſchienen iſt, und mehr denn dreißig Jahre als Menſch mit den Menſchen verkehrt hat. Sein Land, welches er durch Wunder verherrlicht hat, welches er weihte durch ſein eignes Blut, in welchem die erſten Blüthen der Auferſtehung erſchienen ſind. Und nun haben um unſerer Sündenſchuld willen die Feinde des Kreuzes ihr verruchtes Haupt erhoben und verwüſten mit der Schärfe des Schwertes das gebenedeite Land, das Land der Verheißung. Es ſteht nahe bevor, wenn nicht einer ſich findet, der ihnen widerſtehe, daß ſie in die Stadt des lebendigen Gottes ſelbſt einbrechen, daß ſie die Stätten unſerer Erlöſung umſtürzen, daß ſie die vom Blute des unbefleckten Lammes gerötheten Orte beſudeln. Nach dem Heiligthum der chriſtlichen Religion ſelbſt o Schmerz! gieren ſie mit verruchtem Munde, und ſie trachten ſelbſt ſeine Ruheſtätte anzutaſten und zu zerſtampfen, da unſertwegen unſer Leben im Tode

Manifeit Bernhards von Clairvaux. 75

entichlief. Was thut ihr, tapfere Männer? was thut ihr, Knechte des Kreuzes? Wollt ihr fo das Heilige den Hunden und die Perlen den Säuen preisgeben? Wie viele Sünder haben dort, als fie mit Thränen ihre Sünden beichteten, Vergebung erlangt, nachdem durch die Schwerter der Väter der Unflat der Heiden ausgerottet war? Das ſieht der Böſe, und er fieht's mit fcheelem Blick; mit den Zähnen fniricht er und vergrämt ſich. Cr reizt die Gefäße jeiner Bosheit und wird fein einziges Heichen, Feine Spur frommen Sinns zuritd- laffen, wenn er einmal, was Gott verhüte, die Oberhand gewinnen ſollte. Aber das tft Freilich Für alle folgenden Jahrhunderte ein un- ftillbarer Schmerz, weil es ein unerjeglicher Berluft ift, im bejonderen aber bleibt’s für dieſes jchlechte Gefchlecht ein Schandfleck ohne Ende und ein ewiger Schimpf. Doch was glauben wir, Brüder? Sit etwa des Herrn Hand verkürzt oder tft fie ohnmächtig geworden zur Nettung, weil fie zum Schuß und Wiedererwerb ihrer eignen Erb: Ichaft armjelige Würmchen aufruft? Kann der Herr nicht mehr als zwölf Legionen Engel jenden oder auch nur ein Wort jagen und das Land wird frei werden? Gewiß wohnt ihm das Können bet, wenn er es wollte. Aber ich ſage euch, der Herr euer Gott veriucht euch. Er jchaut hin auf die Kinder der Menſchen, ob einer jei, der es erfenne, und danad) foriche und fein (d. i. Gottes) Loos beflage. Denn Gott erbarmt fich feines Volkes und den jchwer Gefallenen zeigt er jorglich ein Mittel zur Rettung. Erwägt, welchen Kunft- griff er gebraucht, euch zu erlöfen, und erftaunt. Schaut in den Abgrund der Liebe und vertraut ihm, ihr Sünder. Er will nicht euren Tod, jondern daß ihr euch befehret und lebet, weil er nicht Gelegenheit juchet gegen euch, jondern für euch” u. ſ. w. In ſolchen Ausdrücken und um jolden Stoff bewegt er fi) nach der Weiſe und Pegel der Redner. Und dab die Juden nicht getödtet werden iollen, beweift er duch Gründe der Vernunft und der Schrift. Darauf bezieht fih jenes Wort: „Selig möchte ih das Gejchlecht nennen, welchem die Gelegenheit jo reicher Gnade fich bietet, welches diejes DVerjöhnungs- und wahre Subeljabr des Herrn am Leben

(1146.)

76 Dtto v. Freifing. Friedrich L

(1146.) findet. Denn diefer Segen wird ausgegofien in alle Welt, und zum

1147.

19. Mär; 1147.

Zeichen des Lebens fliegen alle herbei. Weil alfo euer Land reich ift an tapferen Männern und, wie befannt, von einer Fräftigen Tugend voll, wie auch euer Lob it in aller Welt und der Ruhm eurer Züchtigkeit den Erdkreis erfüllt jo gürtet auch ihr euch mannhaft und ergreift die glücklichen Waffen”. Und von den Juden jagt er jo: „Gott, jagt die Kirche, läßt mich meine Luft jeben an meinen Feinden, erwürge fie nicht!), denn fie ſind ıms lebendige Zeichen, die uns ohne Unterlaß das Leiden des Herrn vor Augen ftellen,“ und anderes mehr auf dieje Art.

42. Da num nicht nur aus dem römischen Reiche, jondern aud) aus den benachbarten Reichen, d. h. dem weltlichen Franken, Eng- land, Pannonien unzählige Völker und Nationen durch das Gerücht von diefem Zuge zur Annahme des Kreuzes bingeriffen wurden, war ylöglich das ganze Abendland jo friedlich, dat es nicht allein Für Unrecht galt, Krieg zu erheben, ſondern auch nur Waffen auf offner Straße zu tragen.

43. Aber Conrad, der König der Römer, berief die Fürften in eine Stadt des üftlichen Franken, Franconfurde was man auf lateiniſch vadum Francorum (Furt der Franken) nennen kann, darum, weil Karl, als er zum Kampf gegen die Sachſen mit den Franken auszog, an jener Stelle eine Furt des Mogusfluffes?), der bei Maguntia in den Rhein mündet, gefunden haben joll?) und

"feierte dort einen allgemeinen Reichstag. Nachdem er bier jeinen

Sohn Heinrich, der noch ein Knabe wart), durch die Wahl der Fürften zum König bejtimmt, ließ er ihn in der Pfalz zu Aachen am Sonntage Mittfaftend) zum Könige jalben und frönen und er- wählte ihn zum Genoffen des Reiches. Zu dem genannten Neichs- tage kam Heinrich‘), Heinrich (X.) des obenerwähnten Herzogs der Baiern Sohn, der ſchon zum Süngling berangewachien war, und

1) Pſalm 59, 11. 12. 2) Main. 3) Die Gründung von Frankfurt erfolgte im Sabre 770, aljo noch vor dem erjten Zuge Karls gegen die Sachſen. 4) Er war ungefähr 10 Jahre alt. 5) Sonntag Lätare, am 30, März; Giejebreht IV, 260 irrthümlich am 23. März (Deuli. 6, Heinrich der Löwe.

Reichstag in Frankfurt. Aufbruch zum Kreuzzug. 77

forderte das bairiſche Herzogthum, welches, wie er behauptete, jeinem 1147, Vater nicht mit Necht abgeiprochen worden war, auf Grund des Erbrechtes zurück. Der Fürft vertröftete ihn, indem er ihn mit vieler Klugheit und Lift gewann, bis zu feiner Nückfehr, und be- - redete ihn, ruhig zu warten.

44. Als nun die Strenge der Winterfälte gewichen war und aus dem Schoße der Erde durd) die jegenbringende Feuchtigkeit des Frühlings Blumen und Kräuter hervorſproßten und das lachende Grün der Felder der Erde fröhliches Geſicht der Welt zeigte, brad) König Conrad von Nürnberg aus mit den Seinen auf, und, da er den Danubius hinabfahren wollte, fo beftieg er in Negensburg die Schiffe und jchlug am Tage der Himmelfahrt des Herrn in der Oftmarf bei einer Burg, welche Ardacher!) heißt, fein Lager auf; hier wartete er 29. Mai. zwei oder drei Tage auf die Seinen, welche jchon heranzogen. Indem er dann falt bis an die Grenzen feines Neiches vorrückte, nahm er nicht weit vom Fluſſe Viſchahe Quartier; nachdem er dort das heilige | Pfingſtfeſt gefeiert, überſchritt er mit faſt allen feinen Truppen den 8 Juni. Litahefluß?) und ſchlug in Pannonien ſeine Zelte auf, während die einen auf dem Danubius fuhren, die andern den Yandweg einfchlugen. Er zog aber eine jo große Maffe hinter fich her, daß beinahe weder die Flüſſe zur Schifffahrt noch die Weite der Felder zum Landmarſch zu genügen ſchienen. Ihm folgte nicht lange danach?) Yudewig, der König der Franken, mit den Seinen, von den —— die Lotharinger mit ſich führend, deren Fürſten oder Vornehmſte die Biſchöfe Stephan von Metz, Heinrich von Toul, die Grafen Reginald von Munzum®) und Hugo von Waidemors) waren, und aus Stalien Amodeus von Zurin®) und jeinen Bruder Willehelm, Markgrafen von Montferrat, jeine Dheime’) und andere in großer Zahl. Weil aber allen wohl

1) Ardader. 2) Leitha. 3) Ludwigs VII. Aufbrudy erfolgte am 12. Juni von &t. Denys aus. 4) Mouzon. 5) Baudremont. 6) Amadeus von Maurienne. 7) Wilhelms v. Montferrat Stiefſchweſter Adelheid, die Tochter des Grafen Humbert II. von Savoyen, war die Mutter Ludwigs; Amadeus war Wilhelms Stiefbruder, Mit den Staufern war Wilhelm durch feine Gemahlin Zulitta oder Judith verwandt, eine Tochter Leopolds III, von Oeſtreich aus jeiner Ehe mit Agnes, Konrad II. Mutter,

1147.

78 Dtto v. Freifing. Friedrich 1.

befannt it, weldyes Ende um unjerer Sünden willen genannter Zug gebabt hat, jo überlaffen wir, die wir uns diesmal nicht ein TIrauerjpiel, jondern eine erfreuliche Gejchichte zu jchreiben vorge- nommen haben, anderen oder veriparen es auf einen anderen Drt, dies zu erzählen. Auch wie die Sachen, die, wie ich jagte, be- nachbarte Stämme angriffen, wegen des Zwieſpalts der Fürften unter einander heimgekehrt find, ift dem Gedächtniß derer noch nicht entjchwunden, welche noch leben. Damit aber des gegenwärtig regierenden Fürſten Friderich Glück, welches ihm von Jugend an auch in jchweren Gefahren bis auf den heutigen Tag niemals völlig ein umwölktes Gelicht gezeigt bat, nicht mit Stillichweigen bedeckt werde, will ich Doch aus allem und für alles, was uns auf eben dieſem Marſche zuſtieß, ein Ereigniß erzäblen.

45. Nachdem mit großer Mühe und vieler Schwierigkeit der Wege nach Pannonien Bulgarien durchzogen und nach Ueberſchreitung des Hebrus!) das obere Thracien durchmeſſen war, erreichten wir, als wir uns jchon einige Tage durch Unterthracien in den frucht- bariten Gegenden unter vieler Freudigfeit des Herzens einherziehend der föniglichen Stadt näherten, am fiebenten Tage vor den Iden des September?) d. h. am letzten Wochentage vor dem Geburtsfeit der jeligen Marta (8. Sept.) ein Thal bei einem Städtchen, Cherevach?) genannt, erfreulich dur das Grün des Feldes, ausgezeichnet durch den Lauf eines in der Mitte defjelben fliegenden Flüßchens.) Bon der Anmuth dieſes Drtes insgeſammt bezaubert, bejchliegen wir, dort die Zelte aufzufchlagen, und um die erfreuliche Geburt der Gottes-Mutter und ewigen Sungfrau mit großer Freude zu feiern, daſelbſt an diefem Tage zu verweilen, während nur Herzog Sriderich mit den Seinen und jein Oheim Welfod) denn die Schaar der Lotharingier hatte ich noch nicht mit uns vereinigt‘) an dem Abhang eines Berges gegenüber in unjerer Nähe das Lager

1) Marika. 2) Sonntag, den 7. September. 3) Chörobacdhi, einige Meilen wejtlic) von Konftantinopel. 4) Melas, der aus der Nähe von Adrianopel in die Propontis fliegt-

5) Welf VI 6)Röhricht, Beiträge zur Gejchichte der Kreuzzüge IL, 68 läßt irrthümlich die Lothringer ſich mit Friedrich) und Welf gemeinfam lagern.

Ueberſchwemmung des Lagers bei Chörobacchi. 79

abſtecken ließen. Es war in der Nähe das propontifche Meer, welches jett Arm des heiligen Georg von den Einheimiſchen ge- nannt wird, und an feinem Geſtade zwei Eleine Städte, Natura und Salumbria,!) wo wir einen Markt erwarteten. Diejes Meer hieß einſt das hellespontiiche von der befannten Fabel von Phrixus und Helle, oder das propontilche d. h. das Vormeer des Pontus, weil es vom pontiſchen Meere, durch den Andrang von zwei der größten Flüſſe, des Tanais?) und des Danubius vorgedrängt, gleich einem ichmalen Fluffe, wie man meint, ind Adriatiſche oder Tyrrheniſche Meer?) in der Nähe des alten Troja fich ergießt. Ich geitehe, während der ganzen Dauer der Fahrt hatten wir niemals herrlichere Quartiere, niemals hatten unjere Zelte, joweit man nad) Sinnes— eindrücen urtheilen fann, einen größeren Raum eingenommen. Und jiehe da, um die Frühwacht*) führte ein Eleines Wölkchen, das ent- ftand, einen fanften Regen herbei, dem plößlich ein jo ſtürmiſcher Wirbel von Negen und Wind folgte, daß er die Zelte erichütterte, losriß und zur Erde warf und ums, die wir nach den Yobpretjungen der Metten uns wieder auf unſer Lager zurücdgezogen hatten, auf das Ichlimmite weckte. Ein die ganze Luft ringsumber erfüllendes Geſchrei erhebt ich; denn das Flüßchen war, ob infolge eier Nückfluthung des nahen Meeres und der Menge des Regens oder durch einen Bruch der himmlischen Schleujen infolge der Mache der göttlichen Majeſtät, bleibt ungewiß jo hoch ange— ſchwollen und hatte infolge der Anjchwellung über Gebühr jo viel überſchwemmt, daß es das ganze Heerlager bedeckte. Was jollten wir thun? Da wir es mehr als eine göttliche Strafe, denn als eine natürliche Ueberſchwemmung betrachteten, jo waren wir um jo mehr

erichüttert. Doch eilten wir, ein jeder wie er fonnte, zu den Fräftigen

Pferden und trachteten, den Strom zu durchichreiten. Da, konnte

1) 63 muß, wie aud) Gieſebrecht IV, 478 bemerkt, mit den beiten Handjchriften jtatt et natura salubria gelejen werden Natura et Salumbria (Selymbria j. Siliwri und Athyras j. Böjuk Tſchekmedſche.) 2) Don. 3) Für Otto bezeichnen die beiden Namen nicht befondere Theile des Mittelmeeres, jondern gelten ihm als Gejammtbenennung für dag ganze Bellen. 4) Früh 3 Uhr.

1147,

1147.

80 Otto v. Freifing. Friedrich I.

man ſehen, wie die einen ſchwammen, andere an ihren Pferden hingen, andere, um der Gefahr zu entgehen, an Tauen elend ſich ziehen ließen, noch andere ohne Ordnung in die Fluth ſich ſtürzten, und weil ſie mit den anderen ohne Bedacht ſich verwickelten, untergingen, und die meiſten, weil ſie hindurch waten zu können meinten, durch die Macht des Fluſſes fortgeriſſen, von Felsſtücken bedeckt wurden und von der Gewalt des Strudels verſchlungen ihr Leben im Fluſſe ließen, manche,!) wie Tte des Schwimmens ‚unfundig, jobald ſie auf Schwimmende trafen, ſich an diefe Elammerten, um zu entfommen, und die Umflammerten jo ermübdeten, bis, beide rüclings, wenn Das Ruderwerk der Arme ermattete, unterfanfen und ertranfen. Ginige von uns, zu denen much ich gehörte, begaben ſich hinüber in die Zelte des Herzogs Friderich, welche allein von diefer jo verderblichen Berheerung unverſehrt blieben, hörten dort die heilige Meßfeier und fangen nicht mit Sreude, jondern mit vieler Bitterkeit des Herzens, da wir die Trauer und die Seufzer der Unferen hörten: „Laßt ums fröhlich jein.” Endlich Durchichritten die einen den Strom mit großer Furcht und Anſtrengung, die andern banden Wagen zu- ſammen oder gebrauchten andere Gegenstände, die fie gerade erlangen fonnten, und ftellten fie als Schußwehr gegen den Andrang des Waſſers wie Verzweifelte, das Verlaufen der Ueberſchwemmung er- wartend. Wie ſchweren DVerluft aber jowohl an Menichen wie an Dingen und Geräthen, die zu einem jo langen Marſch nöthig waren, unſer Heer dort erlitten bat, ift nicht nöthig zu erzählen. Am folgenden Tage, als nad) * Sinken des Waſſers die Oberfläche der Erde ſich wieder zeigte, konnte man, während wir alle hierhin und dorthin zeriprengt waren, ebenſo den traurigiten Anblick unjerer Zelte haben, wie Tags zuvor den heiteriten, jo daß nicht mit Un— recht heller als das Tageslicht Tich zeigte, wie groß Die Allmacht der göttlichen Erhabenheit jei und wie der flüchtige Augenblick menjd- licher Fröblichfeit feinen feften Beitand habe. Doc genug davon. 46. Es lebte in jenen Tagen im galliichen Aquitanien, in der

1) ®or nonnullos ift ein Komma zu ſetzen.

Gilbert de la Borree. 81

Stadt Pictavis!) ein Biſchof, Giſilbert?) mit Namen; er war gebürtig aus diefer Stadt, pflegte von Jugend an bis zum äußerſten Greiſen— alter am verjchiedenen Orten Galliens das Studium der Philoſophie, und hatte der That und dem Namen nach das Amt eines Lehrers verwaltet; kurz vor diefen Tagen war er zur Biſchofswürde in ge- nannter Stadt erhöht worden. Cr war gewohnt, infolge der Größe jeines feinen Geijtes und des Scharffinns feiner Grunde vieles zu reden, was über den gemeinen Menichenverftand hinausging. Als dieſer num einmal bei der eier einer großen Verſammlung der Geijtlichen jeines Sprengels im feine Nede, welche er gerade um der Srmahnung willen hielt, einiges über den Glauben an die heilige Dreieinigteit einfügte, wurde er von feinen beiden Archidinconen, nämlich Arnald nnd Kalo, gleich als jtelle er eine Lehre auf, welche gegen die Norm der Fatholiichen Kirche verftoße, zur Verantwortung vor dem Papſte und der römiſchen Kirche durch Ginlegung der Appellation gefordert. So treten beide ihren Weg an und begegnen dem römiſchen Papſte Gugen, der von Nom nach Gallien reifte, in Senä,?) einer Stadt Tusciens. Als der römifche Papſt fie ange- hört und den Grund ihrer Reife vernommen hatte, antwortete er furz: er fomme nach Gallien und wolle dort über dieſe Aeußerung genauere Unterfuchung anjtellen, weil er da wegen der Menge ge- lehrter Männer, welche dort fich aufhielten, bequemere Gelegenheit zur Prüfung habe. Die Archidiaconen ehren nach Gallien zurüc, befragen den oben erwähnten Abt Bernhard und ftimmen ihn ihrer Sache günftig gegen den Biſchof.

47. Es war nämlich genannter Abt jowohl infolge der glühenden Begeijterung für die chriftliche Religion ein Eiferer als infolge feiner angeborenen Milde gewiffermaßen leichtgläubig, jo daß er einerfeits die Lehrer, welche, auf weltliche Weisheit vertrauend, allzufehr an menjchlichen Vernunftgründen hingen, verabjcheute, andererjeits leicht jein Ohr lieh, wer ihm etwas, vom chriftlichen Glauben abweichendes, über jolhe Männer berichtet wurde. Daher geichah es, daß nicht

1) Poitiers. 2) Gilbert de la Porrée. 3) Siena. Geihichtihreiber, Lg. 69. Dtto dv. Freifing. Friedrich) J. 6

1142,

82 Otto v. Freifing. Friedrich I.

lange vor dieſen Tagen!) auf ſeinen Rath zuerſt von den Biſchöfen Galliens, nachher vom römischen Biſchofe dem Petrus Abajolardus?) Schweigen auferlegt wurde. Diejer Petrus jtammte aus der Provinz Galliens, welche jeßt von den Einwohnern Brittannien ?) genannt wird, es ilt nämlich genanntes Yand fruchtbar an Geift- lichen, die zwar jcharfe und in Künften wohl bewanderte Geijter haben, aber zu anderen Gejchäften faſt einfältig find, wie die beiden Brüder Bernhard und Theoderich, zwei jehr gelehrte Männer, waren diejer Petrus, jage ich, war den wiljenjchaftlichen Studien und anderen Feinheiten von Sugend auf zugethan, aber jo anmahend und jo ſehr nur auf jeine eigene Vernunft vertrauend, das er kaum zur Anhörung der Lehrer von der Höhe jeines Geiltes ſich berablief. Doc hatte er anfangs zum Lehrer einen gewiffen Nozelinus,*) welcher zuerft in unſeren Zeiten im die Yogif die Yehre von den Namen (den Nominalismus) eimführte; nachher wanderte er zu den be deutenditen Männern, Anshelm von Yaudunum?) und Gwilhelm von Gampellum,d) dem Biſchof von Catalaunum,“) ertrug aber das Ge- wicht ihrer Worte nicht lange, da er es für jcharflinniger Feinheit jogut wie bar hielt. Darauf wurde er Lehrer, kam nach Parifius®) und war befonders Itarf in der Feinheit feiner Crfindungen, die nicht allein zur Philoſophie nöthig, ſondern auch nüßlich zur jcherz- baften Erheiterung der menjchlichen Gemüther waren. Als er dort bei einer zur Genüge bekannten Gelegenheit nicht gut behandelt ward,’) wurde er Mönch im Kloſter des heiligen Dionyiius.!0) Dort lag er Tag und Nacht dem Lelen und Studiren ob, umd wurde aus einem jcharfliinnigen Manne ein noch jeharfiinnigerer, aus einem gelehrten ein noch gelehrterer in ſolchem Maße, daß er nach einiger Zeit, vom Gehorfam gegen jeinen Abt entbunden, in

1) 1140 auf der Synode von Sens. 2) Petrus Abälardus (Abelard) geb. 1079, geit. am 21. April 1142, 3 Bretagne. 4) Roscellinus, Canonikus zu Compiegne. 5) Laon. 6) Wilhelm von Champeaur, geb. um 1070, geſt. 1121. 7) Chalons-ſur-⸗Marne. 8) Paris, im Mittelalter immer indeclinabel. 9) Otto meint Abelards Entmannung wegen jeineg Liebesverhältniſſes mit Heloije (geit. 16. Mai 1164), der Nichte des Canonikus Fulbert. 10) St. Denys. Sein Eintritt ins Klofter erfolgte 1119.

Petrus Abälardus. 83

die Deffentlichfeit trat umd die Lehrtbätigfeit wiederum aufnahm. Die Lehre von den Worten oder Namen aljo hielt er im ihrer natürlichen Bedeutung feit, übertrug fie aber unvorfichtiger Weije auf die Theologie. Daher behauptete er, als er über die heilige Dreieinigkeit lehrte und jchrieb, indem er die drei Verjonen, welche die heilige Kirche Feineswegs bloß als leere Namen, jondern als ge- trennte und durd ihre Eigenſchaften verjchiedene Dinge bisher in frommen Glauben betrachtete und getreulich lehrte, allzujehr ver- flüchtigte, auf ungeeignete Beijpiele geitüßt, unter anderem: „Wie dieſelbe Rede Vorderſatz, Unterfag und Schlußſatz ift, jo it auch diejelbe Weſenheit Vater und Sohn und heiliger Geiſt.“ Des— halb wurde er zu Suejitonis!) auf einer gegen ihn berufenen Pro— vinzialſynode in Gegenwart des Legaten des römischen Stuhles von treff- lichen Männern und nambaften Magiſtern, Alberich von Nemi?) und Yetald von Novara als Sabellianifcher?) Sieger verurtheilt und von den Biichöfen gezwungen, die Bücher, welche er herausgegeben hatte, mit eigener Hand ins Feuer zu werfen, obne.da man ihm die Gelegenheit zur Rechtfertigung gab, weil feine Gewandtheit im Dig- putiren von allen gefürchtet wurde. Dies gejchah unter Yudewig (VI.) dem Nelteren, Könige der Franken.

48. Nachher*) wird er, als er wiederum längere Zeit las und einen jehr großen Schwarm von Schülern nach ſich zog zur Zeit, da in der Stadt Rom Innocenz (IL) auf dem päpſtlichen Stuble ſaß, im Francien aber Ludewig (VIL), der Sohn des früheren Ludewig, König war von den Biſchöfen und dem Abte Bernhard von neuem zum Verhör nach Senonas?) vorgefordert, dem König Ludewig und Pfalzgraf Theobalde) jowie andere Edle und vom Volke Unzählige beiwohnten. Ms dort nun über feinen Glauben

1) Soiſſons, 1121. 2) Reims. 3) Sabelliu aus Libyen, Presbyter zu Ptolemais in Aegypten (ca. 250), ijt der bedeutendſte Vertreter des jogen. Monardianismus, der nad) ihm auch Sabellianismus genannt wird. Nach der Lehre des Monarchianismus gibt es nur eine göttliche Perſon, Gott den Vater, der. die Herrichaft führt, während eine perjönliche Exiſtenz Chriſti (des Logos) und des heil, Geiftes geleugnet wird. 4) Pfingften 1140, 5) Sens. 6) von der Champagne,

6*

84 Dtto v. Freijing. Friedrich I.

verhandelt wurde, legte er aus Furcht vor einem Aufſtande des Bolfes an den anoftolifchen Stuhl Berufung ein. Die Bifchöfe aber jammt dem Abte jchieften eine Gefandtjchaft an die römtiche Kirche und forderten von ihr für die Sätze, um derentiwillen er an- gegriffen wurde, den Spruch der Verdammung in einem Briefe, deſſen W eilt folgender ift:

„pen ehrwürdigiten Herrn und geliebteften Vater, Bayft Inno— cenz von Gottes Gnaden, ©.,') Erzbifchof von Neims, die Biſchöfe Sohelin?) von Sweſſionis, Gau.?) von Catalaunum, A. von Ane- banist) freiwilligen Gehorſam jehuldiger Unterwerfung.

Da unſere Ohren jest jehr viel in Anfpruch genommen find, jprechen wir nur ein kurzes Wort über eine langwierige Angelegen— heit, vor Allem darum, weil fie jelbit ausführlicher und eingehender in dem Briefe des Herrn Erzbiſchofs von Senones?) enthalten tft. Petrus Abajelardus trachtet das Verdienſt des chriftlichen Glaubens zu vernichten, indem er, in dem Wahn, das Weſen Gottes mit menfchlicher RN Vernunft ganz zu erfaffen, bis zu den Himmeln emyor- und bis zu den Tiefen (der Hölle) hinabfteigt. Nichts gibt's, das ihm verborgen tft, weder in der Tiefe der Unterwelt, noch in der Höhe darüber. Gr iſt ein großer Mann in feinen Augen, dis— putirt über den Glauben gegen den Glauben, ergeht fich in großen und wunderbaren Dingen, die über feinen Verftand gehen. Ein Erforſcher der göttlichen Majeſtät, der Urheber von Ketzereien, hatte er ſchon vorlängſt ein Buch über die heilige Dreieinigfeit gejchrieben, aber es iſt im Gegenwart des Legaten der römiſchen Kirche geprüft und zum Feuer verurtheilt worden, weil in ihm jündhafte Lehren gefunden wurden.) DBerflucht, der die Nuinen Sericho’s wieder aufbaut.) Bon den Todten auferitanden iſt jenes Buch, und

1) Samſon de Mauvoifin (gejt. 21. Sept. 1161.) 2) Joſcelin de Viercy (gejt. d. 24. Okt. 1152). 3) Gaufried (gejt. 27. Mai 1142). 4) Amiens? Vielleiht ift jtatt Anebanensis zu lejen Atrebatensis; e& würde alsdann Alviſus von Arras gemeint jein. Die Namens— chiffre U. würde auf den damaligen Biſchof von Amiens nicht pafjen; auch müßte, wenn der Biihof von Amiens wirklich gemeint wäre, Ambianensis zu lejen jein. 5) Heinrid) Sanglier von Sens (geit. d. 10. Jan. 1142). 6) ©. Kap. 47. ©. 83. 7) Joſ. 6, 26.

Brief an Papft Innocenz. 85

mit ibm find die Keßereien vieler, welche jchon jchliefen, wieder auferftanden und vielen erjchienen!). Jetzt ſpannt er ſchon feine Zweige bis an's Meer und bis nah Nom feine Schößlinge. Das ift die Prahlerei jenes Mannes, daß jein Buch am vömijchen Hofe hat, wo es jein Haupt hinlege.?) Dadurch ijt er im jeinem Irrthum bejtärft und befejtigt worden. Seitdem yredigt er mit Zuverficht allüberall das Wort jeiner fündlichen Lehre. Deshalb hat er auch, als ihn angefichts der Bifchöfe der Abt von Claravallis, bewaffnet mit dem Eifer für Gerechtigkeit und Glauben, bejchuldigte, weder zugejtanden noch geleugnet, jondern apyellirte von Tag, Ort und Richter, den er fich jelbit erwählt hatte, ohne dat ihm zu nahe getreten war und ohne Bejchwerde an den apoftoliichen Stuhl, um jeine jündliche Yehre nod länger vortragen zu können. Die Bijchöfe, welche nur um diejer Angelegenheit willen zufaummengefommen waren, beugten fich wor euerer Ehrwürdigfeit und haben nichts gegen feine Perſon gethan, jondern haben nur die Süße, welde einjt von den heiligen Vätern verdammt worden find, nach der Vorſchrift der Heilkunde zum Feuer verurtheilt,?) damit bie Krankheit nicht weiter- greife. Da nun jener Mann eine Menge nach fich zieht und viel Volks hat, das ihm glaubt, jo ift es nöthig, daß ihr dieſer Krankheit mit einem jchnellwirfenden Heilmittel begegnet;

denn zu jpät wird bereitet der Heiltranf, Wenn durch langen Verzug mächtig Das Uebel erwuchs.*)

Wir find in diefer Angelegenheit vorgegangen, joweit wir wagten. Es ift an dir, heiligfter Vater, im Uebrigen dafür zu jorgen, daß nicht durch einen Flecken ketzeriſcher VBerfehrtheit der Schmuck der Kirche beihmußt werde. In deine Obhut ift die Braut Chriftt) gegeben, o Freund des Bräutigams.d) An dir ift e8, diefe Jung— frau einem Manne, Chrijto, vein zuzubringen.?)“

1) Worte des Ev. Matthäi 27, 52, 53, 2) Matth. 8, 20. 3) igni fehlt im Text, kann aber nicht gut entbehrt werden. 4) Aus Ovid Remedium amoris, ®, 91, 5) Dffenb. 30h. 21, 9, 6) Joh. 3, 29. 7) 2, Korinther 11, 2,

86 Dtto v. Freifing. Friedrich I.

Die Antwort aber des Papſtes Innocenz lautete alfo:

„Biſchof Innocenz, der Knecht der Knechte Gottes, den ehr- würdigen Brüdern: den Erzbifchöfen Heinrich von Senones!) und ©. von Remi?) und ihren Suffraganen und dem in Chriſto geliebteiten

Sohne B.,3) Abt von Glaravallis, Heil und apoftolifchen Segen. Aus dem Zeugniß des Apoſtels) erfennen wir, dal; wie ein Gott, jo auch ein Glaube ſei, in welchem, wie auf unbeweglichen Grunde, außer dem Niemand einen andern legen fann,?) die Feitig- feit der fatholifchen Kirche unverſehrt beruht. Daher verdiente der jelige Apoſtelfürſt Petrus für jein herrliches Bekenntniß dieſes Glaubens das Wort zu hören: „Du bit, jage ich, Petrus, und auf diefen Fels will ich bauen meine Gemeine‘ ,6) indem er handgreif- ih mit dem Fels die Keitigfeit des Glaubens und die Dauerhaftig- feit der fatholifchen Einheit andeutete. Site ift ja das ungenähte Kleid unjeres Erlöjers, über das die Soldaten das Loos warfen,) aber fie fonnten es durchaus nicht theilen. Gegen ſie (nämlich die chriftliche Kirche) Enirfchten im Anfange die Heiden und die Völker jannen Gitles. Die Könige der Erde ftanden auf und die Fürften Iicharten fich zufammen. Aber die Apoſtel, die Führer der Herde des Herrn, und ihre Nachfolger, die apoftolifchen Männer, haben, entzündet vom Feuer der Yiebe und vom Eifer, recht zu thun, fein Bedenken getragen, den Glauben zu vertheidigen und ihm in Die Herzen der Völker unter Vergießung ihres eignen Dlutes zu pflanzen. Als endlich die Wuth der DBerfolger nachließ, gebot der Herr den Winden, und es entitand in der Kirche eine große Stille.) Aber weil der Feind des menschlichen Gejchlechtes immer umgeht und juchet, wen er verjchlinge,?) jo hat er, um die Reinheit des Glaubens anzufechten, die hetrügerifche Falſchheit der Ketzer liſtig hinein zu

bringen gewußt. Dagegen!) erhoben fi) die wahren Yeiter der 1) Send. 2) Samjon de Mauvoifin von Reim. 3) Bernhard von Clairvaux. 4) Epheſ. 4, 5. 5) 1. Kor. 3, 11. 6) Matth. 16, 18; es ift wohl nur ein Verjehen, wenn in der ſonſt beiten Handſchrift ſteht beatus Petrus. 7) Joh. 19, 23. 24.

8) vgl. Marc. 3, 39, 9) 1. Petri 5, 8. 10) Statt contra quas lies contra quam mit Bezug auf fraudulentam fallaciam oder contra quos mit Bezug auf haereticorum.

Antwort des Bapftes Innocenz. 4 87

Kirchen mannhaft und verdammten die verkehrten Lehrſätze ſammt ihren Urbebern. Denn auf der großen Nichnifchen Synode ift der Ketzer Arrius verdammt worden. Die Synode von Konftan- tinopel verdammte den Keger Manichäus durch gebührenden Syrud). Auf der Epheſiniſchen Synode empfing Neſtorius die verdiente Ver— dammung jeines Irrthums. Auch die Synode von Chalcedon hat der Keßerei des Neftorius und der des Eutyches ſammt Divscorus und feinen Genoſſen durd den gerechteiten Spruch Einhalt gethan. Außerdem jpricht ſich Martianus,!) der zwar ein Pate, doch ein jehr chriftlicher Kaifer war, von Liebe für den fatholifchen Glauben durd- glüht, in einen Briefe an unſern Vorgänger, den heiligiten Bapit Sohannes,?) gegen diejenigen, welche die heiligen Wiyfterten zu ent- weihen ſuchen, unter anderem alfo aus: „Sein Glerifer oder Kriegs— mann oder Angehöriger irgend eines anderen Standes wage fortan über den chriftlichen Glauben öffentlich zu verhandeln. Denn Un— vecht thut gegen das Urtheil der ehrwirdigiten Synode, wer das, was einmal dur einen Beſchluß in richtige Ordnung gebracht ift, wieder aufzurühren und von neuem zur Disputation zu bringen fucht, und gegen die Berächter diejes Gejetes wird als gegen Schänder des Heiligen die Strafe nicht ausbleiben. Wenn aljo ein Glerifer öffentlicdy über die Religion zu handeln wagt, jo wird er aus der Gemeinjchaft der Elerifer ausgeitogen werden." Wir beklagen aber, daß, wie wir aus der Einficht eurer Briefe und aus den von eurer Drübderlichfeit uns zugelandten irrigen Lehrſätzen erfannt haben, in den letzten Tagen, da jchlimme Zeiten drohen, die verderbliche Lehre des Magiſters Petrus Abajolardus und die SKeßereien der Vorge- nannten ſowie andere verfehrte, dem fatholifchen ‚Glauben wider- iprechende Lehrſätze überhand zu nehmen begonnen haben. Aber damit tröften wir uns zumeiſt und jagen dem allınächtigen Gotte Dank dafür, daß er in euren Ländern an Stelle der Väter jolche

1) regierte von 450 bis 457. 2) 63 ijt der Erlaß der Kaiſer Balentinian und Marcian an die Bürger von Konjtantinopel vom J. 452 in Betreff des Concil3 von Chalkedon ges meint; die angeführte Stelle jteht in Manſi's Coll. Concil. VII, 475,

im Jahr 325. im Jahr 331. im Jahr 431.

im Jahr 451.

am 21. Juli 1140,

85 Otto v. Freifing. Friedrich‘

Söhne erweckt hat und zur Zeit unjeres Apoſtelamtes in jener Kirche jo herrliche Hirten erjtehen lafjen wollte, welche den Läfterungen des neuen Keßers zu begegnen und die unbefleckte Braut als reine Sung- frau einem Manne, nämlich Chriſto, zuzubringen bemüht find. Wir alfo, die wir, wenngleich unverdienter Weiſe auf dem Stuhle des heiligen Petrus, dem vom Herrn gejagt worden ift: „Und wenn dur dermaleinft dich befehreft, jo ftärfe deine Brüder“ 1) ſitzend ge- jehen werden, haben nach gemeinschaftlicher Berathung mit unjern Brüdern, den Sardinalbifchöfen, die uns von euch zugefandten Schriften und ſämmtliche verkehrten Yehrjüße des genannten Betrus auf Grund der heiligen kanoniſchen Beftimmungen jammt ihrem Urheber ver- dammt und ihm als einem Ketzer beſtändiges Stillichweigen auf- erlegt. Auch halten wir dafür, das alle Anhänger und Vertheidiger jeines Irrthums von der Gemeinjchaft der Gläubigen auszufchließen und mit dem Bande der Exkommunikation zu feſſeln find. Gegeben im Yateran am 12. Tage wor den Kalenden des Auguft.“

49. Als Betrus erfuhr, dat die Verdammung jeiner Yehre von der römifchen Kirche beitätigt worden jei, begab er ſich nach dem Klojter Cluniacum,?) fchrieb eine Vertheidigungsichrift und leugnete von den vorgenannten Lehrſätzen theils die Worte, durdaus aber den Sinn. Dieſe Schrift hebt alfo an: „Um nicht nach jenem Worte des Boetius durch Einleitungen, die nichts enthalten, die Zeit zu vergeuden, will ich jogleich zur Sache ſelbſt kommen, damit Die Wahrheit der Dinge jelbit mehr als die MWeitjchweifigfeit der Worte meine Unſchuld bezeuge”. Es möge aber genügen, folgende gegen ihn aufgejtellte Sätze, wenige von vielen, anzuführen:

Dat der Vater die volle Macht, der Sohn einige Macht, der heilige Geiſt feine Macht Jet. Daß der heilige Geiſt nicht von der Subſtanz des Vaters jet. Dai; der heilige Geiſt die Weltjeele jet. Dat Chriftus nicht das Fleifch angenommen hat, um ung vom Sod) des Teufels zu befreien. 1) Zuc. 22, 32. 2) Cluny.

Abälards Vertheidigungsichrift. Gilbert v. Poitiers. 89

Daß nicht geſündigt haben, die Chriſtum gefreuzigt haben, ohne zu wiſſen, was ſie than.

Er jelbit aber beſchloß nicht lange Danach, vor feinen Brüdern