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ITALISCHE
LANDESKUNDE
VON
HEINRICH NISSEN
ZWEITER BMI) DIE STAEDTE
ZWEITE HAELFTE
BERLIN
WEIDMANNSCHE BUCHHANDLUNG
1902
Haec est Italia diis Sacra, hae gentes eius, haec oppida populorum.
Plinius
INHALT
KAPITEL IX
Rom
Seite
1. Die Anfänge 488
2. Die Altstadt 499
3. Die Sladterweiterunp 509
4. Die Kaiserstadt 523
5. Die Stadttheile 530
6. Das Weichbild 541
KAPITEL X Latium
1. Alt Latium 555
2. Die Seekäste 566
3. Das Albaner Gebirge 579
4. Das Anioland 604
KAPITEL XI
Neu Latium
1. Die Volsker Mark 626
2. Die Herniker 647
3. Die Aurunker 656
4. Die Volsker 667
KAPITEL XII Camp anien
1. Die Nordmark 685
2. Capua 696
3. Die Seestädte 717
4. Der Süden 753
lY Inhalt.
KAPITEL XIII
8 a m n i u m S^j^^
1. Die Frentaner 778
2. Die Nordsamniten 785
3. Die Hirpiner 803
4. Die Picentiner 823
5. Die Mark Venusia 826
KAPITEL XIV
Ap Uli en
1. Die Ebene 835
2. Das Hügelland 850
3. Calabrien 861
KAPITEL XV
liucanien
1. Das Westland 890
2. Das Ostland 906
KAPITEL XVI
Bruttium
1. Das Nordland 927
2. Das Südland 945
ANTIKE ORTSNAMEN 968
KAPITEL IX.
Rom.
Die Siebenhügelstadt beherrscht ein reiches und vvechselvolles Gesichtsfeld. Das Auge umfafst gen Süden die latinische Ebene mit dem Albaner Gebi^^e: den Ra&d des lacv? AJbavus, in 25 km Abstand den mons Alhanus, dessen Spitze (954 m) das Eeüifjtunj des Juppiter Latiaris einnahm, Castrimoenium, Tmculum (67^"* m;, die alten Lalinerburgen von Rocca Priora (768 m) und Colon na (347 m). Ueber die Einsenkung hinweg die das vulkanische Ring- gebirge von der Appenninkette scheidet, werden einzelne Höhen aus dem Trerusthal sichtbar. Nach Südost bildet das in der Luftlinie 35 km entfernte Praeneste den Abschlufs. Von dieser in die Höhe (752 m) steigenden Stadt ab auf einer Strecke von 30 km hemmt der Appennin einer Mauer gleich die Fernsicht nach Osten und läfst nur die beiden schlanken Gipfel des 2487 m hohen M. VeUno ober- halb des lacus Fucinus bei 80 km Abstand emportauchen. Unge- fähr in der Mitte der Mauer bricht der Anio durch, über dessen Absturz (245 m) Tibur thront. Nach Nordost erhält sie im mons Lucretilis M. Gennaro ihre höchste Erhebung (1269 m). Aber nun- mehr treten die Berge zurück und lassen den Blick über die Oliven- hügel des ager Sabinus 75 km weit bis zu den hohen Gurgures (2213 m) am Reatiner Becken schweifen, deren Schneedecke im Frühling und Herbst eine fremdartige Welt kündet. Aus der trans- tiberinischen Landschaft tritt am Ausdruckvollsten 40 km nach Nord der zackige Rücken des Soracte (691 m) hervor, in gröfserer Nähe die Veit überragenden vulkanischen Höhen der M. Musino (402 m) M. Razzano (436 m) u. a. Die Aussicht in westlicher und nord- westlicher Richtung ist von den sieben Hügeln durch das hart an den Flufs gerückte Janiculum (85 m) gesperrt. Draufsen vor dem
Nissen, Ital. Landeskunde. II. 31
482 Kapitel IX. Rom.
Thor scliaul man darilber hinweg nach dem moyis Ciminins (1056 m), der Rocca Romana (601 m) am lacus Sahatinns, dem Tolfagebirge (615 m) das die Gebiete von Caere und Tarqiiinn trennt. Ein Kreis von 100 km Durchmesser breitet sich vor dem Reschauer aus, lauter festes Land : das Meer zu ersp«1hen trotz dessen blofse 25 km be- tragenden Nähe reicht der Standort nicht aus; die Kuppel von St. Peter oder M. Mario hat die erforderliche Flöhe; der gewohnliche Pfahlbiirger kann in Rom aufwachsen und sterben, ohne jemals der blauen Salzflut gewahr zu werden. — Wol sind das östliche Etrurien, Umbrien, die Sabina und Latium, die Landschaften die das ganze 340 d. Q M. grofse Stromgebiet des Tiber ausmachen, von Natur auf den Flufs als Handelsstrafse, auf Rom als Absatz- markt für ihre Producte hingewiesen (1309); wol erkennen wir mit den Alten in der günstigen Handelsstellung Roms zum Rinnen- Jand wie zum Meer eine Vorbedingung seiner Gröfse (I 316): aber der Ausblick von den sieben Flügeln lehrt uns zugleich verstehen, warum die nationale Sinnesart ein so verzweifelt bäuerliches unsee- männisches Gepräge bewahrt hat (1 88). Flandel und Schiffahrt erzeugen andere Lebensbedingungen als Ackerbau und Viehzucht, in allen Staaten verschmelzen wirtschaftliche Gegensätze mit politischen. Fn FFellas drängt die Demokratie auf die See, werden die grofsen Freiheitschlachten auf der See geschlagen, erhält der nationale Ge- danke an Bord seinen kräftigsten Ausdruck. Fn Rom ist der Adel mit seiner fremden Bildung, seinen Sklaven und Freigelassenen Träger der maritimen F^olitik, führt die Kriege mit Tarent und Karthago, mit Makedonien und Asien herbei, betreibt den Erwerb ausländischer Besitzungen. An Wagemut und Unternehmungslust hat die Volkspartei dem Adel nicht nachgestanden; aber sie will in- ländische Eroberungen, will die Grenzen Ftaliens erweitern, erzwingt dem Senat zum Trotz das Vorrücken bis an den Po und den Ful's der Alpen. Beide Richtungen haben im Widerstreit mit einander dem nämlichen Ziel zugeführt: eine jede Vergröfserung des ager Romanus d. h. des festländischen Gebiets diente nur dazu die Basis auf der die Weltherrschaft ruht, breiter und sicherer zu ge- stalten. — Bis zum Anfang des vierten vorchristlichen Jahrhunderts bedeutete trayis Tiberim Feindesland. Freilich gieht der Strom hier so wenig wie anderswo die scharfe Grenze ab welche die gemeine Vorstellung mit Wasserläufen zu verbinden pflegt, König Romulus hat der Sage nach bereits seine Herrschaft am rechten ITfer bis ans
Rom. 483
Meer vorgerückt, ohne Zweifel sind auf demselben uralte Bestand- tlieile der römischen Feldfliir zu erkennen; aber erst mit dem Fall Veji's 396 V. Chr. gewinnt die Feldflur diejenige Ausdehnung die ihr von Natur vorgeschrieben ist. Die Höhenzüge die das etrurische Tafelland von der Südmark scheiden , bestimmen im Norden wie das Albanergebirge im Süden und die Appenninkette im Osten das Gebiet, das die Götter vor den Augen der Quirlten als erstrebens- werten Besitz ausgebreitet hatten. Indessen war menschlicher Hab- sucht nach keiner Seite hin eine Schranke gesteckt, die 60 d. D M. grofse die Mitte der Halbinsel einnehmende Ebene ist nach allen Himmelsrichtungen geöffnet. Sie setzt sich südwärts durch die pomptinische Niederung bis Tarracina, durch das Thal des Trerus bis an den Liris fort, nordwärts erschliefst der Flufs das ganze Binnenland, sogar im Osten winken die Schneegipfel, zum Ein- dringen in das Hochgebirg auffordernd. Die Eroberung schreitet mit der unerbittlichen Gewalt eines Natuigesetzes vor, da sie sich dem Bau des Landes, der Anordnung der Hebungen und Senkungen aufs Engste anschmiegt. Seiner Lage nach ist Rom die natürliche Hauptstadt der mittehtahschen Ebene. Nachdem es diesen Anspruch durchgefochten hatte, fällt ihm als Siegespreis eines hundertjährigen Ringens die Führerschaft der Halbinsel anheim. Solche Stellung entspricht durchaus den räumlichen Verhältnissen des langgestreckten Appenninlandes; denn wenn man seinen Anfang bei Luna (44 o 5') wo es den continentalen Charakter aufgiebt, sein Ende bei Thurii {39^41') ansetzt, also das als Gegenstück zu Sicilien betrachtete und vom Appennin losgelöste insulare Brultium bei Seite läfst, dann ergiebt die Breite Roms (41 " 54') genau das Mittel zwischen beiden Endpuncleu. Weiter hat das geeinte Itahen zwei Menschenalter hindurch um die ihm von Natur zugewiesenen Aufsenlande, um Sicilien Sardinien Corsica und den Po gekämpft. Auch für dies von Trient bis Cap Pachynum und vom Var bis Otranto, der Länge wie der Breite nach über mehr als llo ausgedehnte Gebiet das eine geographische Einheit bildet, bezeichnet Rom die Mitte die vom äufsersten Norden und Süden gleich, vom äufsersten Westen und Osten nahezu gleich weit entfernt ist. Endlich wird es theils durch die Schwerkraft der Verhältnisse theils durch den Ehrgeiz seiner Leiter zur Hauptstadt und Herrin der Welt erhohen : einer Aufgabe die viel weniger als die bisherigen Aufgaben mit den natUrhchen Bedingungen im Einklang stand. Dies wirkt auf den
31*
484 Kapitel IX. Rom.
Gang der Ereignisse entscheidend ein. Rom erwies sich unfähig das Erbe Alexanders des Grofsen anzutreten : sowie der Schwerpunct der Weltbegebenheilen an dem Ufer des Tiber ruht, wird das Abend- land vom Indus an den Euphrat zurückgeworfen und mufs sich an einer um 30 o nach Westen verschobenen Grenze genügen lassen. Man begreift dafs Caesar der den Entwürfen Alexanders nach- eiferte, an eine Verlegung der Hauptstadt gedacht, dafs Constantin sie wirklich ausgeführt hat. Freilich macht die Trennung des Mittel- meers in zwei Hauplbecken es unmöglich eine einzelne Stadt als notwendiges Centrum des ganzen hinzustellen. — Ein halbes Jahr- tausend war Rom Sitz der Weltherrschaft, und damit wiederholt sich die eben vorgetragene Wahrnehmung. So wenig seine Lage die räumliche Mitte des Reiches ausdrückt, ist die Bildung seines Bodens für die Aufnahme einer Weltstadt geeignet. Der grofsstädtische Ver- kehr wird durch deii bunten Wschse!, die regellose Verbindung steil ansteigender Hügel und tief eingeschnittener Thäler behindert. Gegen diese Hemmnisse hat Altertum wie Neuzeit mit dem Auf- wand liesiger Mittel angekämpft, hat Berglehnen abgetragen, Nie- derungen ausgefüllt, Erdmassen in Bewegung gesetzt die nach Millionen von Cubikmetern berechnet werden. In unabsehbaren Mengen von nah und fern ist Baustein herangeschafft worden: Ziegel, Tuff, Lava aus der Umgebung, Travertin vom Anio, Sperone vom Gabiner, Peperin vom Albaner See, Marmor von Luna, der Forsten des Appennin nicht zu gedenken; durch Bauschutt ist der Boden überall gewachsen. Viermal sodann hat in geschichtUcher Zeit eine rauhe schonungslose Hand die Stadt von Grund aus um- gestaltet: die Gallier vernichteten 390 v. Chr. die Schöpfung der Könige; Nero rief 64 n. Chr. das Feuer zu Hülfe, um das republi- kanische Rom in eine würdige Kaiserresidenz zu verwandeln; auf den Trümmern des Mittelalters gab Sixtus V den Ideen päpstUcher Allgewalt ihren monumentalen Ausdruck; endlich seit 1870 werden die Ansprüche der Kirche den Ansprüchen der Nation und des modernen Lebens geopfert. Die Umwälzung die wir vor unseren Augen sich vollziehen sehen, gewährt einen Anhalt zum Verständnifs ähnlicher Vorgänge im Altertum. Allein nicht nur durch die ge- steigerte Thätigkeit einzelner Epochen, auch im gewöhnlichen Lauf der Dinge verändert das Stadtbild unablässig seine Züge. Nirgends wird mehr Altes zerstört, mehr Neues geschaffen, mit dem rastlosen Betrieb den Gewinnsucht und Luxus der Reichen entfalten, eifert
Rom. 485
die Baulust des Staats um die Wette. Seit dem Verfall der Republik gehört eine umfassende Baulhäligkeit zu den ständigen Gepflogen- heiten der Regierenden. Grofse und bewundernswerte Werke sind im Dienst des Gemeinwols, aber auch im Dienst persönlicher Eitel- keit entstanden. Denn da die Herrschaft selten in ruhiger Ent- wicklung vom Vater auf den Sohn vererbte, meistens durch Gewalt oder als Spielball hadernder Factionen in eine fremde Hand ge- langte, haben Imperatoren und Päpste die Leistungen der Vorgänger zu übertreffen, deren Namen zu verdrängen, dem eigenen die Un- sterbhchkeit zu sichern gesucht, wol wissend dafs auf die Pietät der Nachfolger kein Verlafs sei. Auf Schritt und Tritt wird der Be- sucher Roms daran gemahnt, dafs die Völker des Erdkreises haben steuern müssen, damit die Gewaltigen ihren Ehrgeiz stillen konnten durch mafs- und sinnlose Errichtung von Tempeln und Theatern, Thermen und Palästen, Kirchen und Klöstern. Wenn Rom einen Herrn hat, wird gebaut, mag die Zeit auch noch so trostlos, die Menschheit auch noch so arm und herabgekommen sein ; bezeich- nender Weise bietet das Exil von Avignou die einzige gröfsere Pause. — Es giebt keine Stadt auf Erden die einen gleicher Mafsen historischen Charakter trüge. Die Fülle der Denkmäler welche die Entwicklung Europa's von den Anfängen bis auf die Gegenwart wiederspiegelt, ist geeignet den Beschauer zu überwältigen. Viel Fleifs und Scharfsinn ist auf ihre Erforschung verwandt worden.*) Indem wir daran gehen die Ergebnisse der bisherigen Arbeiten zu- sammen zu fassen, fliefst uns unwillkürlich das Wort Goethe's in die Feder; „wenn man so eine Existenz ansieht, die zweitausend Jahre und darüber alt ist, durch den Wechsel der Zeiten so mannich- fahig und von Grund aus verändert, und doch noch derselbe Boden, derselbe Berg, ja oft dieselbe Säule und Mauer, und im Volke noch die Spuren des alten Charakters, so wird man ein Mitgenosse der grofsen Ratschlüsse des Schicksals, und so wird es dem Betrachter von Anfang schwer zu entwickeln , wie Rom auf Rom folgt , und nicht allein das neue auf das alte, sondern die verschiedenen Epochen des alten und neuen selbst auf einander" (7. Nov. 1786).
*) Karten: J. H. Westphal, die Römische Kampagne in topographischer und antiquarischer Hinsicht, Berlin und Stettin 1829. 4, mit einer modernen Karte und einer antiken Wegekarte beide 1 :210 00U. Derselbe Carta topografica della parte piü interessante della Gampagna di Roma, R. 1827, 1 : 60 000. Diese grundlegende Leistung hat erst nach dem Tode des Verfassers die gebührende Anerkennung gefunden: er war der ausdauerndste Wanderer der je Italien
486 Kapitel IX. Rom.
durchforscht hat und fand, wie ein Held auf dem Schlachtfeld, auf der Wander- schaft seinen Tod der ihn %-on den erbärmlichen Sorgen ums tägliche Brot be- freite. — Als Adjutant des Prinzen Heinrich von Preufsen hat Moltke 1845. 46 die Aufnahmen gemacht die zur Herstellung dienten seiner Carla topografica di Roma e dei suoi contorni fino alla distanza di 10 miglia fuori le mura, Berlin 1852, 1:25 000 und reducirt Berlin 1859, 1 : 50000. Zu vergleichen sind die anschaulichen Schilderungen in Feldmarschall Mollke's Wanderbuch, Berlin 1892". — Auf Aufnahmen des französischen Generalstabs beruht die Carte de la partie SO des E(ats de l'cgiise 3 Bl., Paris 1856, 1 : 80 000 nebst dem Plan de Rome et de ses environs, 1 : 20 000. — Die genaueste Darstellung mit Hori- zontalcurven von 5 zu 5 m enthält die vom Istitnto topografico militare 1872 — 74 aufgenommene und mit Nachträgen bis zum Erscheinen versehene Carla topo- graßca dei dintorni di Roma 9 Bl., Firenze 1884, 1:25 000: sie reicht 11 km nach 0 und W, 9 km nach N und S von der Mauer. Eine Terrainkarte 1:30 000 giebt Fr. degli Abbati, Del suolo fisico di Roma e suoi contorni, Cosenza 1869.
Stadtpläne: über die neuerdings vermehrten Bruchstücke des antiken sog. capitolinischen Stadtplans vgl. I 27. Eine Anzahl mittelalterlicher Veduten hat Giov. Bat. de Rossi, Pianfe icnografiche e prospettiche di Roma anteriori al secoio XVI, Roma 1879, veröfTentlicht. Ueber die neueren Pläne handelt eingehend Jordan, Top. I 1, 105 — 114. Zu erwähnen La pianta di Roma di Leonardo Bufalini (1551) in der Gröfse des Originals veröffentlicht vom Unter- richtsministerium, R. 1879. Grundlegend Giov. Bat. Nolii, Nuova pianta di Roma 12 Bl., R. 1748, 1:3000. Sodann nach Aufnahmen von 1802fg. der Katasterplan, Pianta topografica della Direzione generale dei Censo 4 Bl., Roma 1842, 2. Aufl. 1866, 1 : 4000. Ein grofser alle antiken Funde berücksichtigen- der Plan ist von Rodoifo Lanciani seit 1893 erschienen, Mailand 1:1000 46 Blatt. A. Schneider, Das alte Rom, Entwickelung seines Grundrisses und Geschichte seiner Bauten, Leipzig 1896. Die beste Uebersicht gewähren : Formae urbis Romae antiquae, delineaverunt H. Kiepert et Ch. Huelsen, ac- cedit nomenclator topographicus, Berolini 1896.
Stadtbeschreibung: Slrabo V 229fg. 234—36 lebendig und sach- kundig. Plinius ni 65 fg. mit Angaben über die Vermessung 73 n.Chr. Trockene Aufzählung der wichtigsten Gebäude nebst der Zahl von Vici Miefswohnungen Palaesten Speichern Badestuben Brunnen Bäckereien in den 14 Regionen aus dem 4. Jahrhund<>rt. Sie liegt in zwei Redactionen vor, der 334 abgeschlossenen sog. Notitia und dem um 357 geschriebenen Curiosum urbis Romae regionum XIHI cum breviariis suis, und geht auf ein älteres Reisehandbuch zurück. Aus christlicher Zeit ist uns eine Stadtbeschreibung sowie die älteste Sammlung römischer Inschriften im Anonymus von Einsiedeln (8. Jahrh.) erhalten. Das nahezu völlige Erlöschen der antiken Tradition bekunden um 1 150 die Mirabilia Romae sowie deren jüngere Fassung Graphia aureae urbis Romae. Die sämt- lichen Schriften des ausgehenden Altertums und Mittelalters sind in einer Hand- ausgabe vereinigt von C. L. Urlichs, Codex urbis Romae topographicus, Wirce- burgi 1871. Die heidnischen Inschriften CIL. VI in 6 Bänden und XV 1 Ziegel- stempel, die christlichen Inscr. christianae ed. de Rossi 2 B., R. 1857. 88. — Eingehend wird die topographische Forschung seit dem 15. Jahrhundert er-
Rom. 487
öitert von Jordan Top. I 1, 75—104. Den Reigen der wissenschaftlichen Topo- graphen eröffnet Flavio Biondo 1445 mit seiner Ro.-na instaurata (I 49). Die Wiedererweckung des Altertums hat zu einer eifrigen und begeisterten Pflege der Topographie geführt. Freilich wurde der künstlerische Aufschwung den die Stadt im 15. und 16. Jahrhundert nahm, für den Bestand der antiken Bauwerke verhängnisvoll. Nachdem das ganze Mittelalter seinen Bedarf an Baumaterial ihnen entnommen hatte (I 41), wird die Zerstörung durch die ge- wallige Bauthätigkeit der Renaissance unendlich gesteigert. Ihren Höhepunct und im Wesentlichen ihren Abschlufs erreicht die Zerstörung durch Sixtus V. Leider auch wurde die wissenschaftliche Arbeit dieser schönheittrunkenen Zeit durch das nämliche Handwerk beeinträchtigt dem wir in der Municipalgeschichle begegnet sind (I 50). Für Rom knüpft die Fälschung an die Interpolation der olien erwähnten Regionenbeschreibung an, die erst im 19. Jahrhundert er- kannt worden ist, und macht sich ferner auf dem Felde der Epigraphik breit. Aufser Pirro Ligorio (1 48) ist als Hauptsünder Onufrio Panvinio (1529 — 68) zu nennen. Von achtungswerten Darstellungen seien erwähnt: B. Marliani, Anti- quae urbis Romae topographia, R. 1534 und umgearbeitet 1544; G. Fabricius aus Chemnitz, Roma, Basel 1550; Alexander Donatus, Roma velus ac recens, R. 1638. Sie alle jedoch wurden durch Famiano Nardini verdrängt, dessen unkritische und phantastische Roma antica, R. 1666, zuletzt in 4 B. von Nibby 1818 herausgegeben, die Wissenschaft bis ins 19. Jahrhundert hinein beherrscht hat. Wenn man absieht von den Einzeluntersuchungen R. Fabretti's (De aquis et aquaeductibus veleris Romae, R. 1680 u. a.) und der Förderung der Denk- mälerkunde namentlich durch Giamb. Piranesi (1706 — 78), so liegt dies Feld lange Zeit völlig brach. — Die Anregung die von Winckelmann ausging, leitet einen Umschwung der Forschung ein dessen hauptsächlicher Träger Carlo Fea (1753 — 1834) ist, gestützt auf methodische Ausgrabungen die allein festen Untergrund schaffen können. Nach ihm übernimmt Luigi Canina (1795 — 1S56) die Führung: Indicazione topograßca di Roma antica, R. 1831, 1850''. Edifizi di Roma antica, 6 B. fol., R. 1848—56. Inzwischen erschien das von Niebuhr's Gedanken getragene deutsche Hauptwerk: Beschreibung der Stadt Rom von E. Platner C. Bunsen E. Gerhard und W. Böstell, abgeschlossen durch L. Urlichs, 6 B., Stuttgart 1830 -42. Dasselbe wurde an philologischer Schärfe und Be- herrschung der antiken Litteratur überholt durch W. A. Becker, Topographie der Stadt Rom (Handbuch der römischen Altertümer 1), Leipzig 1843. Neben dieser bahnbrechenden Leistung behaupten die besonderen Arbeiten L. Prellers, Die Regionen der Stadt Rom, Jena 1846, u. a. einen bleibenden Wert. — Die Verlegung der Hauptstadt Italiens nach Rom hat das ersehnte goldene Zeitalter für die antike Topographie herbeigeführt, lieber die Funde wird fortlaufend berichtet in dem seit 1872 in 4 Jahresheflen erscheinenden Bullettino della commissione archeologica municipale (comunale) di Roma, sowie seit 1876 in den monatlichen Notizie degli Scavi. An einen weiteren Leserkreis wendet sich der durch eine Reihe glänzender Untersuchungen bewährte Leiter der städti- schen Archaeologie R. Lanciani in seinem Ancient Rome in the light of recent discoveries, London 1889, Pagan and Christian Rome, London 1S92, The ruins and excavations of ancient Rome, London 1897, The destruction of ancient Rome, New York 1899. Den Fortschritt der Entdeckungen der deutschen Wissenschaft
488 Kapitel IX. Rom.
zu übermitteln ist H. Jordan mit unermüdlichem Fleifs bemüht gewesen, bis der Tod sein unvollendetes Werk unterbrach: Topographie der Stadt Rom im Altertum 3 B., Berlin 1872—85. Einen klaren üeberblick gewährt 0. Richter, Topographie von Rom in Jwan Müllers Handbuch III 725 — 920, Nördlingen 1888: in 2. Auflage, München 1901, auf den doppelten Umfang erweitert. Eigene Wege geht J. H. Middleton, The remains of ancient Rome 2 vol., London and Edinburgh 1S92. Sehr dankenswert sind Ch. Hülsens Jahresberichte über neue Funde und Forschungen in den Mittheiingen des deutschen archaeolo- gischen Instituts seit 1889. Endlich sei auf die allgemeine Förderung hinge- wiesen die der Erforschung des christlichen Rom durch G. B. de Rossi (1822 — 94) verdankt wird: Roma sotterranea 3 v., R, 1864— 77, BuUettino di archeologia cristiana seit 1863 u. a.
Stadtgeschichte: C. Sachse, Geschichte und Beschreibung der alten Stadt Rom 2 B., Hannover 1824. 28. 0. Gilbert, Geschichte und Topographie der Stadt Rom im Altertum 3 B., Leipzig 1883 — 90. Grundlegend und in blühender Darstellung F. Gregoiovius, Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter vom 5.— 16. Jahrh. 8 B., Stuttgart 1858—72, seitdem in 4. Auflage. Eine Uebersicht von der Gründung bis 1846 giebt A. v. Reumont, Geschichte der Stadt Rom 3 B., Berlin 1867—70. Wichtige Beiträge in der Monografia della cittä di Roma e della Campagna romana 2 vol. R. 1878 mit Atlas.
§ 1. Die Anfänge.
Die mittelitalische Ebene, welche durch die Thätigkeit der Vul- kane dem Meer abgewonnen worden ist, dacht sich in drei grofsen Terrassen von Nord nach Süd hin ab: die volsinische Landschaft liegt 150 m höher als die vejentische, diese um ungefähr den gleichen Betrag über der latinischen (I 254 fg.). Das breit aus- gewaschene Thal des Tiber trennt die beiden letztgenannten Gebiete, und in den Uferräiidern findet dasselbe Verhältnifs seinen Ausdruck. Der Tiber beschreibt unaufhörlich Windungen und weist damit den gröfseren Theil seiner Thalsohle bald dein rechten, bald dem linken Ufer zu. Da wo die Mulvische Brücke die Via Flaminia hinüber- leilet, hält er sich an der etrurischen Seite; die steil ansteigenden Höhen übertreflen die jenseitigen latinischen um 70 — 80 m. Aber bei der höchsten Erhebung, dem vorspringenden M. Mario (146 m) biegt der Flufs nach Südost um , so dafs die vom Fosso dell' In- ferno durchströmten Prati di Caslello, die vatikanischen Gefilde an Etrurien fallen. Alsdann tritt ein neuer Wechsel ein : hüben wird das Marsfeld in weitem Halbkreis vom M. Pincio Quirinal und Capitol umschlossen, drüben zieht sich der lange, 70 — 90 m hohe Rücken des Gianicolo hin, einen schmalen Saum am Flufs frei lassend. Bei der Insel geht der Saum in eine kleine Ebene über,
§ 1. Die Anfänge. 489
während jenseit Capitol Palatin und vor allem Aventin dem Tiber nahe rücken. Aufserhalb des Thors nach Ostia dreht sich das Ver- hältnifs wieder um. Der gröfseren Erhebung entspricht das höhere Alter das die Bildung der rechtstiberinischen Hügel zur Schau trägt. Als Giiindschicht finden wir den graublauen pliocänen Thon den die vaticanische Tüpferei ausbeutet (I 255). Darüber ist als Haupt- beslandtheil des Höhenzugs gelber Sand in verschiedenen Stufen gelagert. Die Austern und Schallhiere, die in ganzen Bänken am M. Mario angetroffen werden, zeigen dafs einst im pliocänen Meer der Bergrücken eine Untiefe dargestellt hat. In der Folge ist er von vulkanischem Tuff bedeckt worden, der jedoch nur eine geringe Mächtigkeit entfaltet. Bezeichnender Weise werden aus dem Alter- tum keine fest umschriebenen Namen für diese mehr als 6 km langen im Angesicht der ewigen Stadt hingestreckten Höhen über- hefert. Wie die Vorstadt an ihrem Fufs die in der späteren Re- publik entstanden, von Augustus als 14. Polizeibezirk eingerichtet wurde, unbestimmt Irans Tiberim hiefs, so der ganze Höhenzug Ja- niculum oder mons Vaticanus. Er überragt das gegenüber Hegende Marsfeld um 60 — 70 m , so dafs nach Cicero's Worten eine hier lagernde Truppe den Römern auf Haupt und Nacken sitzen würde, i) Ein von Norden kommender Feind fand hier seinen natürhchen Stützpunct.2) Insonderheit war die Stadt durch den gleichmäfsig auf das Marsfeld, die Insel und den Ochsenmarkt zu gerichteten Vorsprung (70 m) den die Kirche S. Pietro in Montorio krönt, be- droht. Deshalb wurde derselbe zur Sicherung gegen eine plötzliche üeberrumpelung besetzt gehalten, wenn das BUrgerheer zu den Cen- turiatcomitien ausrückte.^) In den Bürgerkriegen erscheint er stark befestigt und gilt als Schlüssel von Rom, gerade wie heutigen Tages. *) Es klingt durchaus glauMich, wenn die Annalen die Befestigung mit dem Bau der hölzernen Brücke in Verbindung setzen und dem König Ancus zuschreiben ; ä) denn ohne ständige Grenzwacht und ohne den Zugang zur Brücke zu beherrschen, würde diese in alten
1) Gic. de leg. agr. 1,16 ubi enim cavetur ne in Janiculo coloniam con- stituatig, ne urbem hanc urbe alia premere atque urgere possitis? 2,74 quid igitur est cautae quin coloniam in Janiculum possint deducere et suum praesidium in capite atque cervicibus nustris conlocare?
2) Liv. 11 10. 51 XXIV 10 Dion. H. V 22 IX 26.
3) Dio XXXVII 28 vgl. Liv. XXXIX 15.
4) Appian b. civ. 1 67 fg. 111 94 Dio XLVI 44.
5) Liv. I 33 Dion. H. III 45.
490 Kapilcl IX. Rom.
Zeiten Rom jedem Ilandslieich geöITiiet haben. Dauernd vertbeidigt zu uerden war das Vorwerk urspriingUcii nicbt bestimmt: deshalb geschieht seiner auch in den Etruskerkriegen keine Erwähnung. Man kann aus dem Namen Janicnlnm, der Thor und was damit zu- sammenhängt bedeutet, folgern dafs es einfach eine Sperre der Sirafse nach Etrurien gewesen sei i) ; der Name wird aber für den ge- samten Rücken bis M. Mario oinschliefslich gebraucht.^) Ebenso verhält es sich mit der Bezeichnung mons oder collis Vaticanus: wenn Horaz an ihm den Reifall des Pompeiustheaters wiederhallen läfst, so ist klärlich das heutige Gianicolo, die Hohe von S. Onofrio und S. Pietro in Montorio gemeint.^) Seit dem Ausgang des Alter- tums versteht man unter Monte Vaticano die Anhöhe hinter dem päpstlichen Palast und der Apostelkirche: indefs ist eine vom Rücken losgelöste Kuppe hier überhaupt nicht vorhanden, das begrenzende Thal deir Inferno verdankt seine jetzige Ausdehnung lediglich den Töpfergiuben. Der Höhenzug wie das ganze Gebiet ager Vaticanus hiefs so nach einer verschollenen Gemeinde die dem Schwert eines römischen Königs erlag. Dafs das Gebiet zu Etrurien gehörte, wird einstimmig bezeugt 4); dafs es unter Veji's Herrschaft gestanden hatte, ehrt die Benennung des Flufsufers bei der Farnesina als ripa Veien- tana.^) Es ist nicht möglich das Zurückdrängen der Vejenter vom Tiber Schritt für Schritt zu verfolgen (S. 359), die Eroberung des vatikanischen Gebiets wird nirgends ausdrücklich erwähnt. Nach den Annalen hat entweder Romulus oder Ancus Marcius das rechte Tiberufer bis zum Meer den Etruskern entrissen. So viel jedoch ist sicher, dafs dieser Grenzstrich bis zum Fall Veji's hart um- stritten war, und erst nach dem Erwerb der Weltherischaft, wie die fortschreitende Anlage von Rrücken bekundet, in den Rereich stä-
1) Fest. 104 Janiculum dictum, quod per eum (sc. coUem) Romanus po- pulus primitus transierit in agrum Etrtiscuvi, vgl. clavicula das Vorwerk vor dem Thor Hygin 55. Gewölinlicli wird es als Burg des Janus gedeutet: Varro bei Auguslin civ. dei VII 4 Solin 2,5 Verg. Aen. VIII 358 Ov. Fast. 1 245. Andere nennen die Burg Aenea Dion. H. I 73 oder Anlipolis Plin. III 68. Janiculus mons kommt bei den Alten nicht vor,
2) So Martial IV 64 und der in Rom heimische Dionys, der IX 14. 24 die Entfernung von Rom auf 16 oder 20 Stadien beziffert.
3) Hör. Od. I 20 Cic. All. XIII 33,4 Elter Rhein. Mus. XLVI 112 fg. 4j Fest. 379 Gell. N. A. XVI 17 Plin. III 54 XVI 237 Liv. X 26.
5) Hülsen, Millheil. d. arch. Inst. 1889 p. 287, der mit Recht das lilus Etnucum Hör. Od. I 2,14 hierauf bezieht.
§ 1. Die Anfänge. 491
dtischer EntwickluDg hineingezogen wurde. Das ältere Rom be- schränkt sich durchaus auf das hnke Ufer des Flusses.
Die Masse der latinischen Hügel besteht aus den I 256 be- schriebenen Tuffarten, welche die pliocänen Sand- und Thonschichten völlig verdecken. An beiden Ufern stimmt der Bau darin überein dafs der Steilrand der Einsenkung des Tiber zugekehrt ist, während die Hochflächen landeinwärts niedriger werden. Im Uebrigen hat die Thätigkeit des Wassers die latinische Seite stärker betroffen und ungleich mannichfaltiger gestaltet als den langen einförmigen Rücken des Janiculum. Der Gang der städtischen Entwicklung war durch die vom Wasser in Urzeiten durch die Tuffmassen ausgespülten Rinnen bedingt. Das hierfür in Frage kommende Gebiet erstreckt sich in weitester Ausdehnung 8 km von Nord nach Süd, 5 km von West nach Ost. Wie der Tiber die Westgrenze bildet, macht der Anio im Norden einen ähnlichen, wenn auch minder scharfen Ein- schnitt: er war im Altertum schiffbar (I 314); sein Thal hat 17 m Meereshöhe, wenig mehr als das des Haupiflusses bei ihrem Zu- sammenstofs. Wo der Anio eine grofse vom mons sacer (37 m) ausgefüllte Schleife beschreibt, nimmt er den von Süd nach Nord fliefsenden Fosso della Maranella auf, dessen auf 19 m, bei der Via Praenestina 22 m eingesenktes Thalbett die Ostgrenze des Stadt- gebiets bezeichnet. EndHch an der Südseite tritt das weite Thal des Älmo Acquataccio oder Marrana della Caffarella (an der Via Ostiensis 13 m, an der Via Appia 14 ni) als Scheide ein. Zwischen den beiden Bächen bleibt ein Isthmus von 2 km Breite übrig, der das römische Plateau mit dem latinischen verbindet: die Boden- gestaltung wird durch den Umstand veranschaulicht, dafs 3 Haupt- strafsen und 10 Wasserleitungen auf diesem Isthmus zusammen- gedrängt sind. — Von dem derart abgesonderten Raum ist der südwestliche Theil aus dem einfachen Grunde Träger der Stadt- bildung gewesen, weil die Höhen bis hart an den Tiber vorspringen und dessen Thal schhefslich auf 750 m — nicht mehr beträgt der Abstand zwischen Aventin und Janiculum — einengen. Die feste und dabei gesunde Höhenlage in der Nähe des Flusses hat den Ort der ältesten Gründungen i), ihre Beherrschung des Flufsverkehrs (I 316 fg.) den weiteren Aufschwung bestimmt. Allmälich nach
1) Cic. Rep. li 11 {Romulus) locumque delegit et fontibus abundantem et in regione pestilenli salubi'em; colles enim sunt qui cum perflantur ipsi, tum adferunt timbram vallibus.
492 Kapitel IX. Rom.
laoger Arbeit sind danu auch die Niederungen entsumpft und be- siedelt worden. Im Einzelnen weist der Boden folgende Gliederung auf. — Dem vatikanischen Feld gegenüber ist der Tiber vom Hügel- rand nur 300 m entfernt, bis jener nach West umbiegt, während dieser nach Südost streicht. Der Hügel, 52 m hoch, hiefs nach den Villen die er trug coUis Hortulorum, in der späteren vaiserzeit mons Pincius, wahrscheinlich nach einer hier wohnenden Familie. i) Ein zugespitztes Thal trennt ihn von dem laug gestreckten Rücken des collis Quirinalis, der nach Südwesten läuft und seine anfäng- liche Höhe von 64 m bis auf 47 m ermäfsigt. Eine Fortsetzung des Rückens ist der mons Tarpeius-): der beide mit einander ver- bindende Sattel hat seit der Anlage des traianischen Forum nur 31 m Meereshöhe, mufs aber früher mehr gehabt haben. Der tar- peische Berg besteht aus zwei Kuppen, der nordöstlichen mit der arx (50 m), der südwestlichen mit dem Capüoliwn (46 m), die durch die Einsenkung tnter duos liicos (37 m) getrennt sind. Die Ent- fernung des Capitols vom Flufs mifst 200 m. In derselben Rich- tung wie der Quirinal streicht der collis Viminalis (56 m), ohne jedoch dessen Ausdehnung zu erreichen. 3) Schmale Thäler fassen ihn an beiden Seiten ein. Die folgende unregelmäfsige Erhebung heifst Esqiiiliae, welchen Namen die Römer nach Art der Stadtnamen ge- brauchen.4) Au ihr werden zwei Theile unterschieden, der Norden als mo7is Cispius (53 m) der Süden als mons Oppius (55 m).5) Die genannten Höhen hängen sämtlich an ihrer Wurzel mit einander zu- sammen: dies gilt auch von dem letzten Ausläufer dem mons Cae- lius (60 m).6) Dagegen erscheint der westlich vom Caelius gelegene mons Palatium (51 m) fast völlig isolirt"), da nur der niedrige
1) Suel. Nero 50; Cassiod. Var. III 10.
2) Varro LL. V 41 Liv. I 55 Cornif. Rhet. IV 43 Plin. VII 143 XXVIII 15 Tac. Hisl. III 71 Suet. Caes. 44 u. a. Die Bezeichnung 7nons CapitoUnus ist nicht antik.
3) Der Name wird vom Weidengebüsch abgeleitet Varro LL V 51 Fest. 376 Plin. XVI 37 Juvenal 3,71.
4) Die Schreibung Exq. kommt neben der häufigeren Esq. vor. — Esqui- liat ire Esquüiis ohne in Cic, Deorum nat. III 63 Leg. II 28 Hör. Sat. I 8,14 u. a. Selten muns oder collis Esquilinus Cic. Rep. II 11 Liv. I 48 Ov. Fast. II 435.
5) Varro LL. V 50 Fest. 42. 348 Gell. N. A, XV 1,2.
6) Varro LL. V 46 Fest. 44 Liv. I 30 Dion. H. II 36. 50 III 1.
7) Verschiedene Ableitungen Varro LL. V 53 Fest. 220 Liv. I 5 Plin. IV 20 Dion. H. I 31 fg, Verg. Aen. VIII 54 u. a. Aeufserst selten Jtions Palatinus Gell. N. A. XIII 14,2 Tac. Ann. XII 24 XV 88 vita Heliog. 3, und wol erst nachdem der Name die Bedeutung der Kaiserresidenz erhalten, aufgekommen.
§ 1. Die Anfänge. 493
Sattel der Velia (29 m) ihn mit dem Esquilin verknüpft.^) Er hat die Gestalt eines unregelmäfsigen Vierecks mit annähernd l^j-i km Umfang und 10 ha Flächeninhalt, ist vom Flufs 300 m entfernt und iimfafst ähnlich wie der tarpeische Berg zwei geschiedene Kuppen. Die Niederung des Circus Maximus trennt ihn von dem unmittelbar an den F'lufs anstofsenden mons Aventinus (46 m).^) Die Alten be- schränken den Namen auf die westliche Kuppe am Flufs und schliefsen die durch eine Einsenkung geschiedene Höhe von S. Saba (43 m) davon aus. — Die heutigen Höhenlinien gewähren ein unvollstän- diges Bild von den ursprünglichen Verhältnissen (I 295). Der Boden ist nicht nur in den Thälern, sondern vielfach auch auf den Hügeln durch Bauschult gewachsen 3); z. B. wurde auf dem Quirinal eine antike Strafse in der überraschenden Tiefe von 18 m unter der heutigen Oberfläche angetroffen. Immerhin wird man nach allge- meinen Naturgesetzen eine weit durchgreifendere Umgestaltung der Niederungen annehmen müssen. Dies erhellt schon aus dem Um- stand dafs die in ihnen laufenden Bäche im Altertum sichtbar waren, gegenwärtig aber sich den Blicken entziehen. So flofs aus dem Thaleinschnitt zwischen Pincio und Quirinal ein längerer Bach ah und wurde durch eine am Fufs des Quirinal hervorbrechende Quelle gespeist. Dieser Wasserlauf nördlich von der Altstadt ist die amnis Petronia, die der im Marsfeld thätige Magistrat nur nach Einholung von Anspielen überschreiten durfte.^) Die Stelle des Circus Fla- minius war ehedem von Wiesen eingenommen 5); an eine sumpüge Strecke derselben erinnerte die Bezeichnung paliis Caprae.*^) Aus- führlicher verbreiten sich die Alten über das Thal zwischen Pala- tium und Capitol '') :
hoc ubi nunc fora sunt, udae tenuere paludes,
amne redundatis fossa madebat aquis. Curtius nie lacus siccas qui sustinet aras,
nunc solida est tellus sed lacus ante fuit.
1) Varro LL. V 54 Gic. Rep. II 53 Liv. II 7.
2) Varro LL. V 43 Serv. Y. Aen. VII 657 Liv. I 3 Fest. 19.
3) Fronlin aqu. 18 nam ?iunc colles qui sunt, propter frequentiam in- <;endiorum excreverunt rudere.
4) Fest. 45. 250 vgl. Gic. Deor. nat. II 11.
5) Liv. III 54.
6) Liv. I 16 Ov. Fast. 11491.
7) Üv. Fast. VI 401 Varro LL. V 149 Liv. I 12. 38 Dion. H. II 42. 50.
494 Kapitel IX. Rom.
qua Velabra söhnt in Circum ducere pompas, nil praeter salices cassaque canna fuit. Sie erklären auch den Namen Velabrum von einer Nachenfähre und lassen das Palalium sowol im Nordwesten nach dem Capitol als im Südwesten nach dem Aventin zu von Gewässern umgeben sein.i) Diese Vorstellung entspricht durchans den physischen Bedingungen. Das alte Strafsenptlaster im Circus liegt nur 3 m, im Velabrum und tiefsten Theil des Forum 5 m über dem mittleren Stand des Tiber, wird mithin von jeder Hochflut betrofl'en (I 322). Durch das Circus- thal fliefst ein vom Albanergebirg her kommender Bach, der den Caelius vom Aventin und dessen Fortsetzungen absondert und die letzte Strecke vor seiner Mündung überwölbt ist: sein jetziger Name ist Marrana, der frühere unbekannt. Bei der Kirche S. Giorgio in Velabro nimmt er die Cloaca maxima auf. Dies kann nach Hülsens einleuchtender Beobachtung ursprünglich auch nichts Anderes als ein Wasserlauf wie die Petronia gewesen sein , der am Fufs des Esquilin entspringend durch den Sumpf nach dem Tiber strebte, allmälich eingeengt und geregelt, schliefslich nach bedeutenden Auf- schüttungen in einen unterirdischen Abzugscanal verwandelt worden ist.2) Die Natur selbst arbeitete an der Einebnung des Bodens: der Tuff ist durchlässig, das einsickernde Wasser höhlt sich im Innern der Hügel Gänge aus und sprengt die Ränder ab; gegen Felsstürze haben die am Fufs belegenen Quartiere, z. B, am Capitol, durch Mauern geschützt werden müssen. 3) Indessen war die Aus- gleichung zwischen Berg und Thal im Altertum lange nicht bis zu dem Grade gediehen den sie heute erreicht hat: der im Mittel 30 m betragende Niveauunterschied wurde durch steile Aufgänge clivi und scalae überwunden. Vollends zur Zeit der Gründung können die Verbindungswege nur spärlich an Zahl und recht be- schwerlich gewesen sein. Endlich um das Bild zu vervollständigen sei daran erinnert dafs die ganze Gegend einst mit Wald bedeckt war; noch im 2. Jahrhundert v. Chr. verirrten sich bisweilen Wölfe in die Stadt; die Namen von Oerthchkeiten und die zahlreichen heiligen Haine, mochten sie auch auf wenige Bäume zusammen-
1) Varro LL V 43. 54. 156 Properz V 2,7 9,5 TibuUII 5,33 Ov. Fast. II 391 Plut. Rom. 5,5 Solin 1,14.
2) Die Aufschüttung bezeugt DioD. H. II 42. 50 vom Forum, III 43 vom Circusthal.
3) Liv. XXXV 21 XXXVIII 28.
§ 1. Die Anfänge. 495
geschrumplt sein, gaben dem Forscher einen Fingerzeig, wie er sich das Aussehen des von einem Häusermeer bedeckten Septimon- tium in Urzeiten zu denken habe.i)
Als das erste Licht der Geschichte auf diese Stätte Tällt, wird sie bereits von einer starken Macht eingenommen. In dem 509 V. Chr. mit Karthago vereinbarten Bündnifs beansprucht Rom die Oberhoheit über die ganze lalinische Küste. Wenn ein paar Menschen- aller später Antiochos von Syrakus die Sikeler nicht aus Latium, sondern aus Rom vertrieben sein läfst (I 520), so wurde er hierzu durch die Thatsache bestimmt dafs aufser Kroton damals keine Stadt des italischen Festlands dieser an Umfang und Gröfse gleich kam. Aber wie die Schöpfung selbst kann auch deren Name nicht höher als das 6. Jahrhundert hinauf reichen. Der einzigartige Sprachgebrauch Esqiiib'ae als Stadtoamen zu behandeln (S. 492), hat längst schon zu dem Schlufs geführt dafs ihm eine ursprüng- lich selbständige Niederlassung entsprochen haben müsse.2) Ein Thor in Tibur, offenbar das nach Rom zu gewandte, heifst [jior]ta Esquüina und bestätigt damit den Schlufs den das grammatische Gefühl an die Hand gegeben halte. 3) Die Grenze dieser esqui- linischen Stadt nach Osten wird durch die Gräber bestimmt die innerhalb der servianischen Mauer entdeckt worden sind. Die Aus- stattung der Todten, das ohne Drehscheibe geformte roh verzierte schlecht gebrannte Thongeschirr kennzeichnet den Beginn einer Entwicklung die wir zeitlich nicht zu umschreiben vermögen. *) Es ist wol möglich dafs die esquilinische Ansiedlung bereits auf dem Zusammenschlufs mehrerer Gemeinden beruhte uud nicht verschieden ist vom Septimonlium, das ein heiliger Lenz der Sabiner nach Verrius Flaccus den Ligurern und Sikelern abnahm. 0) In der That erkennt auch die amtliche üeberlieferung an dafs hier wie anderswo dreierlei Ursachen an der Stadtbildung zusammen gewirkt haben: neben der freiwilligen Einwanderung und der gewaltsamen Verpflanzung findet die erzwungene Aufnahme fremder Kriegshaufen ihre Stelle. — Die
1) Liv. XXXII 29 XLI 9 Vario LL. V 50. 152 PJin. XVI 37 Dion. H. II 50.
2) Vgl. Jordan Top. I 1,183 fg.
3) CIL. XIV 3679.
4) Es wäre erwünscht dafs die Topographie der ältesten Funde festge- stellt würde, um dadurch einen Anhalt für den Sitz und die Ausdehnung der ursprünglichen Ansiedlungen auf dem Boden Roms zu gewinnen.
5) Dion. H. I 16. 22. 73 Fest. 321 M.
496 Kapitel IX. Rom.
einheimische Ueberheferung bewegt sich hinsichtlich der Anfänge in unlösbaren Widersprüchen, da sie zu verschiedenen Zeiten aus verschiedenartigen Quellen latinischen sabinischen fremden (etrus- kischen campanischen griechischen) Ursprungs zusammen geflossen ist. Als sichere Thatsache gilt ihr dafs die Vereinigung eines lati- nischen Stammes der Ramnes und eines sabinischen der Tities den Grundslein zur römischen Machteutfaltung gelegt habe. Die That- sache erhält ihre mythische Einkleidung darin dafs zwei Hügel am Anfang aller Dinge besiedelt werden : der tarpeische auf dem Saturn oder auch heimatlose Argiver die Stadt Saturnia i), der palatinische auf dem der Arkader Evander die Stadt Palatium gründen ; auf beiden wurde die casa Romuli die strohgedeckte Hütte des ersten Königs und Stifters gezeigt.^) Es ist ein aussichtsloses Unterfangen die ältesten Niederlassungen auf diesem schicksalreichen Boden nach Zeilfolge und Zusammengehörigkeit unterscheiden zu wollen. Da- gegen tritt, nachdem vermutlich viele Kämpfe und Wechselfälle vor- ausgegangen waren, die Doppelstadt der Ramner und Titier in greifbarer Gestall uns entgegen. Die Titier bewohnen Quirinal und Viminal die ein willkürlicher aber strenger Sprachgebrauch colles im Gegensatz zu den latinischen montes benennt, deren Sonderstellung bis zur Schöpfung Grofs Roms durch Servius Tullius gedauert hat.3) Von der Mauer welche die Ramnerstadt Palatium einfafste, sind be- merkenswerte Ueberreste vorhanden ; das Pomerium d. h. der freie Raum vor der Mauer der die Grenze des Gottesfriedens ankündigte, war noch in der Kaiserzeit deutlich erkennbar. Es mag wol sein dafs die Gründung jünger ist als die esquilinische und mit Gewalt ins Werk gesetzt ward. Capitol Palatium und Aventin sind ehedem durch den Tiber und die von ihm versumpften Thäler zu starken Festungen gemacht worden. Indessen überragt der Palatin die beiden anderen Bollwerke am Flufs einerseits durch seine gröfsere Ausdehnung, anderseits durch seine centrale Lage. Da nämlich die Stadterweiterung bis nach dem Erwerb der Weltherrschaft vom Marsfeld absieht, bildet er den natürlichen Kern von dem nach allen Richtungen neue Siedlungen ausgehen können. Die Ein- wanderung von Handwerkern und Kaufleuten, die Verpflanzung be- nachbarter Gemeinden drängte zur V'ermehrung des Wohnraums.
1) Varro LL. V 42. 45 Fest. 322 Dion. H. I 34. 44 11 1 u, a.
2) Viliuv 11 1,5.
3) Liv. I 44 Dion. H. 11 5U Slrab. V 234.
§ 1. Die Anfänge. 497
Nach und nach werden nicht nur die Höhen sondern auch die da- zwischen liegenden Thäler angebaut. Es entstehen Ortschaften oder Vorstädte die durch Erd- und Pfahl werke geschützt sind.i) Die spätere Entwicklung hat die Festungswerke beseitigt, dagegen die Commurialverbände bis zum Ausgang der Repubhk verschont. Man unterschied damals noch zwischen montani und paganiß) Auf der Höhe wohnen ursprünghch die herrschenden Geschlechter, die Alt- bürger. Die Vororte werden als pagi Dörfer bezeichnet: wir kennen den pagus Janicolensis am rechten Tiberufer 3), den pagus Aventinen- sis'^), pagus Montanus vom Esquilin ^J, pagus Sucusanus die Subura.^) Aufserdem tritt zu den beiden Stämmen der Ramner und Titier ein dritter hinzu: die Luceres die möglicher Weise den Caehus be- wohnt haben.') Unter Ausschlufs von Quirinal und Caelius wird die Mitte als ein engerer Verband zusammengefafst unter dem Namen Septimontium^); sieben klinische Kirchspiele nehmen an dem am 11. December gefeierten Fest der sieben Berge Theil: Palatium und Cermalus (die nordwestliche Kuppe dieses Hügels), Fe/m, Oppius, Cispius, Fagutal (die Thalmulde zwischen den beiden letztgenannten Höhen), endlich die Niederung der Subura. — Die städtische Entwicklung ist am Tiber wie aller Orten sonst von den einfachen Formen bäuerlichen Lebens ausgegangen. Die Verkehrs- lage hat viel frühere und schnellere Fortschritte gezeitigt als in den Dörfern des Polands (S. 10). Die winzige Hütte die dem Bauer bei Nacht und Unwetter Unterschlupf gewährte, wird zum Hause erweitert. Aber man darf den Fortschritt nicht zu hoch einschätzen. Die Häuser haben ein einziges Geschofs, ein spitzes Strohdach, sind aus Holz, die Wände aus Flechtwerk und Lehm.9j Den Göttern werden Haine und Altäre geweiht, der Bau steinerner Tempel hat noch nicht begonnen. Mit der zunehmenden Rodung wird der
1) Varro LL. V 48.
2) Cic. de domo 74 Fest. 340 unter sifus. Bull. mun. 1887 p. 156 mon- tani montis Oppi.
3) CIL. I 801. 802.
4) CIL. XIV 2105.
5) CIL. VI 3823.
6) Varro LL. V 48 Fest. 302. 309.
7) Varro LL. V 55. 81 Fest. 119 Liv. I 13. 30.
8) Varro LL. V 41 VI 24 Fest. 340. 348. 321 TertuUian de idol. 10 Plut. qu. Rom. 69 CIL. p. 407.
9) Vitruv II 1,5 Fest. 12 Ovid Fast. I 199 III 183 VI 261 Isid. Or. XV 8. Nissen, Ital. Landeskunde. 11. 32
498 Kapitel IX. Rom,
Holzbau laugsam durch den Steinbau zurück gedrängt: zuerst für Wasser- und Befestigungsanlagen (S. 41). Im Tullianum dem Quellhaus am Fufs der Arx, den ebendort befindlichen Latomien, der palatinischen Umfassungsmauer kündigt sich die allmähche Wandlung an, bis die Herrschaft der Tarquinier ihr zum Sieg ver- hilft und eine wirkliche Stadt schafft.
Wie die Ueberlieferung Rom aus kleinen Anfängen heran- wachsen läfst, beschränkt sie auch dessen älteste Feldmark auf einen bescheidenen Umfang. „Zwischen dem 5. und 6. Meilenstein von Rom, schreibt Strabo i), liegt ein Ort Namens Festi: diesen erklärt man für die Stadtgrenze unter Romulus, und die Priester richten hier und an mehreren anderen Grenzorten am nämhchen Tage ein Opfer aus das sie amharvia Flurweihe heifsen." Die Angabe trifft auf den Arvalenhain an der Via Campana zu, ohne Bedenken wird auf diesen der anderweitig nicht vorkommende Name Festi bezogen werden dürfen. Wenn demnach am rechten Tiberufer das römische Gebiet seewärts den 6. Meilenstein nicht überschritt, so wird das Gleiche für das linke bezeugt, wo man ebenfalls am 6. Meilenstein der Via Laurentina dem Terminus opferte.^) Landeinwärts 5 Milben von Rom scheint ein Graben fossa Cluilia oder Cloelia die Grenze gegen Alba gebildet zu haben. 3) EndHch im Norden ist die Anio- linie nicht erreicht, da Antemnae diesseit mit nur 3 Millien Ab- sland von Rom sich dazwischen schiebt. Aus diesen Angaben ist ersichthch dafs das ursprünghche Gebiet Roms kaum einen Flächen- inhalt von 2 d. Geviertmeilen befafst hat. Unter der kraftvollen Führung seiner Könige wird es um den acht- oder neunfachen Be- trag erweitert. Nach Aufnahme der Albaner wird die Tibermündung dauernd gewonnen , zu ihrer Sicherung Ostia gegründet. Ein schmaler Streifen an beiden Flufsufern ist römisch: nördhch vom Tiber sind die Vejenter bis jenseit der Lagune verdrängt worden, wo Fregenae das 245 v. Chr. eine Bürgercolonie erhielt, auf vejen- tischem Boden lag (S. 350); an der Südseite erstreckt sich die Feldmark von Laurentum bis zum Abflufs der Lagune 2 — 3 km von Ostia.4) Durch den Anschlufs Alba's ist die römische Grenze in
1) Strab. V 230 vgl. Jordan Top. I 1,289 Benzen Acta fr. Arvalium 47.
2) Ovid Fast. II 681.
3) Liv. 1 23 II 39; Cloeliae fossae Fest. 56 M. Dion. H. III 4 Vlll 22 Plut. Coriol. 30,1.
4) CIL. XIV 126.
:§ 2. Die Altstadt. 499
ähnlicher Weise nach Süden bis über M. Cavi vergröfsert worden. Das linke Anioufer 15 km aufwärts bis Collatia erscheint als römischer Besitz. Endlich sind am rechten Ufer ihm einverleibt worden die Gemeinden Corniculum Ficulea Crustumerium, so dafs Rom seinen Arm am Tiber 16 Milben zu Berg, ebenso weit als zu Thal aus- gestreckt hat.i) Am Ende der königlichen Zeit ist demnach das Stadtgebiet auf 15 — 20 d. Quadratmeilen angewachsen. Daneben hat Rom an der Vergrölserung seines Machtgebiets unablässig ge- arbeitet. Wie es im Innern die grofsen Flufsthäler Tiber und Anio in seine Gewalt bringt, so sucht es auch vor allem die Seeküste zu unterwerfen. In dem 509 v. Chr. abgeschlossenen Vertrag erkennt Karthago die römische Herrschaft über die ganze 120 km lange Küstenstrecke von der Tibermündung bis Tarracina an. Diese Thatsachen deuten schon auf eine bedeutende Entwicklung im städti- schen Sinne hin: die gesonderten Gemeinden werden zur Einheit verbunden durch eine neue Gründung, welche die Sage dem Ser- vius Tullius zuschreibt. Mit ihr betritt die Stadtgeschichte festen Boden.
§ 2. Die Altstadt.
Rom heifst die Siebenhügelstadt 2); aber die Bestimmung der einzelnen Hügel hat ebenso geschwankt wie bei unserem Sieben- gebirge am Rhein. Am Ausgang des Altertums wird das Janiculum, in den Regionbeschreibungen auch noch der Vatican eingerechnet. 3) Unter Septimontium versteht der ältere Sprachgebrauch das Pala- tium und seine Vorstädte mit Ausschlufs von Aventin Caelius Viminal und Quirinal (S. 497). Dagegen zählen die Geschichtschreiber der Re- pubhk sieben Hügel auf die Servins Tullius mit einer gemeinsamen Mauer umgab: Palatium Capitol Quirinal Viminal Esquilien Caeüus Aventin. 4) In der That sind sie es gewesen deren Zusammenschlufs die gröfste und stärkste Festung ergab die ganz Italien, von einigen wenigen hellenischen Seestädten im Süden abgesehen, aufzuweisen hatte. — Cicero preist die Weisheit der römischen Könige welche die Mauer rings an steilen und abschüssigen Bergen hinführten, so
1) Plin. m 54.
2) Cic. an Att. VI 5,2 Varro LL. V 41 Verg. Georg. II 535 Aen. VI 783 TibuU II 5,55 Gell. N. A. XUl 14,4 Plin. III 66 Marlial IV 64,11,
3) Serv. V. Aen. VI 784.
4) Strab. V 234 Dion. H. IV 13 Liv. 1 44.
32*
500 Kapitel IX. Rom.
dafs nur an einer Seite zwischen Quirinal und Esquilin ein bequemer Zugang war der durch mächtige Werke gedeckt werden mufste.i) Nach dem Erwerb der Weltherrschaft sprengt Rom seinen Mauer- gUrtel: neue Thore werden hiudurchgebrochen, Häuser lehnen sich an der Innen- und Aufsenseite an, zur Zeit des Augustus hielt es schon schwer den Ring im Einzelnen zu verfolgen.^) Die letzten Jahrzehnte haben an 40 — 50 Stellen Ueberreste ans Licht gefördert, die verstatten ein klares Rild von der gesamten Anlage zu ent- werfen. Drei Viertel des rund 6,6 MiUien 9,8 km messenden Um- fangs sind von iNatur gedeckt, da die Hügel durchweg 30 m über den sumpflgen Niederungen ansteigen. An den Hügeln wurden entweder die Tuffwände künstlich abgeschrofft (wie am Capitol und Quirinal ersichtlich); oder man bettete in halber Höhe eine Quader- mauer in den Felsen ein und führte sie bis über den Rand des Berges, den leeren Hinterraum mit Schutt ausfüllend. Mancherlei Abweichungen werden an den vorhandenen Stücken wahrgenommen, wie nicht anders sein kann bei einem Werk das 4 — 500 Jahre in sturmfreiem Zustande erhalten 3) und hierauf langsamer Zerstörung preisgegeben wurde. Die Ueberlieferung schreibt es mehreren Königen zu: Ancus Marcius, Tarquinius Priscus, Servius TuUius, Tarquinius Superbus 4); ohne Zweifel sind vielfach ältere Befestigungen der Hügel in diese neue aufgenommen worden. Aber im Gro/sen und Ganzen trägt die Anlage den gleichen Stempel und ist nach einheitlichem Plan ins Leben gerufen : wie begreiflich da der Plan durch die Bodengeslallung an die Hand gegeben wurde. Die Mauer ist aus regelmäfsigen Tufl^quadern von 1' röm. Schichthöhe (S. 63) im Wechsel von Läufern und Bindern ohne Anwendung von Mörtel errichtet. Nur an der Angriffsfront im Osten und an drei Stellen wo die Thalsohle zu durchqueren war, bedurfte sie einer Ver- stärkung an Höhe und Breite sowie der Beigabe von Thürmen. Der umschlossene Raum mifst bei gröfster Länge in der Luftlinie von Nordost nach Südwest 4 km , bei gröfster Breite 2 km ; doch spotten die Umrisse der Hügel jeglichen Vergleichs mit einer künst- hchen Figur. — Den Abstand zwischen Tiber und Capitol sperrt
1) Cic. Rep. II 11.
2) Dion. H. IV 13 Liv. 1 44.
3) Noch im hannibalischen Krieg 212 v. Chr. viferden Mauern und Thürme durch eine aufserordentliche Commission hergestellt Liv. XXV 7.
4) Strab. V 234 Liv. I 36. 44 Dion. H. III 66 IV 13. 54 Plin.III 67.
§ 2. Die Altstadt. 501
ein 200 m langes Mauerstück das unmittelbar am Flufs dem Süd- ostende der Insel gegenüber die porta Flumentana ') , landeinwärts die porta Carmentalis ein Doppelthor enthält. Das Capitol ist als Citadelle behandelt und nach dem Fall der übrigen Stadt ver- theidigurigsfähig2): es hat einen einzigen Aufgang von Südosten her, ist im Altertum vom Marsfeld aus unzugänglich gewesen, wo- durch späterhin dem entwickelten Verkehr ein unerträgliches Hinder- nifs bereitet war. lieber den Nacken der Capitol und Quirinal verbindet, läuft in einem tiefen Einschnitt eine zweite Strafse nach dem Marsfeld : der Einschnitt wie die hier befindUchen Steinbrüche dienen dazu die Nordostecke der Burg zu verstärken. Der lange Rücken des Quirinal ist durch das Thal nach dem Pincio hin ge- sichert: wir dürfen uns die Versumpfung im Marsfeld durch die Petronia (S. 493) älterer Zeit so ausgedehnt denken dafs jeder An- griff auf die Stadt von Nordwest her aussichtslos war. Anders ver- hält es sich im Nordosten, wo die Landzungen des Quirinal Viminal und Cispius an den Grundstock des Hügelplateau's austofsen. Die Hochfläche bei ihrer Vereinigung im Norden 64 m, nach Süden auf dem Esquilin bis 52 m sich abdachend, überragt und beherrscht die gesamte Stadt, steckt damit auch dem anrückenden Feind ein deutliches Ziel. Von der porta Collina dem quirinalischen Thor her droht die schwerste Gefahr, hier pflegt sich das Schicksal der Festung zu entscheiden 3); die via Salaria und via Nomentana die von Nord und Ost kommenden Heerstrafsen münden hier ein. Der gefährdete Abschnitt reicht bis zur porta Esquilina dem Ausgang der Ost und Südost nach Tibur und Praeneste laufenden Strafsen. Zwischen beiden in der Mitte liegt die porta Viminalis. Zum Schutz wurde der agger eine grofsartige Verschanzung erbaut, die noch in der Kaiserzeit Bewunderung erregte.*) Ihre Länge mafs nach Dionys 7, nach Strabo 6 Stadien, in Wirklichkeit etwas mehr nämlich rund 1300 m. Im Uebrigen stimmt die Beschreibung des Dionys mit den Ergebnissen der neueren Ausgrabungen überein. Auf der Hochfläche war ein Graben von mindestens 100' Breite und 30'
1) Die Lage wird bestimmt durch Fest. 89 appellata quod Tiberis partem ea fluxisse affirmant.
2) Cic. Rep. II 11.
3) Liv. II 11. 51 III 51 V 41 XXVI 10 Dion. H. IX 24. 68 Appian b. civ. I 67. 93 Plut. Sulla 9. 29 Tac. Eist. III 82 Juvenal 6,291.
4) Dion. H. IX 68 Strab. V 234 Plin. III 67.
602 Kapitel IX. Rom.
Tiefe gezogen. Dahinter war mit der ausgehobenen Masse ein gewaltiger Wall aufgeschüttet den Quadermauern an beiden Seiten einfafsten: die äufsere war 4 m dick und mindestens 15 m hoch; von der inneren steht noch ein ansehnlicher Rest. Bei einer Ge- samtstärke von reichlich 30 m war dem Wall weder mit Sturm- böckeo noch mit Minen beizukommen. Die Befestigung der Südost- und Südseite, deren Gang auf weiten Strecken nicht durch Ueber- bleibsel erläutert wird, wies zwei schwache Stellen auf: dieEinsenkung zwischen Esquilin und Caelius und die Einsenkung zwischen Caelius und Aventin; in der letzteren befindet sich die porta Capena, das belebteste aller römischen Thore durch das die grofsen Strafsen nach Süden, die via Latina und via Appia ausziehen. Der Aventin ist durch einen Bach die Marrana (S. 494) von Caelius und Palatin geschieden, stellt aber trotzdem ein notwendiges Glied in der ge- samten Anlage, man darf sagen den Schlufsstein dar; denn von den drei Hügeln am Tiber beherrscht keiner den Wasserverkehr in gleichem Grade wie dieser, und Herrschaft über den Flufs ist der Gedanke der den Erbauern Roms vorgeschwebt hat. Ohnedem ward durch die Aufnahme des Aventin eine unverächtliche Südfront gewonnen: der Almo erschwerte das Vorgehen des Feindes und die am nürdüchen Fufs des Berges und dem Flufs belegene porta Tri- gemina war ganz unnahbar, indem die offene Schwertseite des An- greifers auf mehrere hundert Schritt von der den Hohlweg über- ragenden Mauer bestrichen werden konnte. Endlich auf einer Entfernung von 300 m zwischen Porta Trigemina und Carmentalis hütete der Tiber die Stadt. i) Das Ufer war bis auf den Grund mit einer Quadermauer eingefafst, deren Brüstung für die damaligen Aufgaben der Vertheidigung ausreichte ohne das Anlegen oder Schleppen der Schiffe zu behindern. Der pons sublicius, eine auf schnellen Abbruch berechnete Holzbrücke stellte die Verbindung mit dem rechten Ufer her. Die Zahl der Thore läfst sich nicht mehr mit Sicherheit ermitteln: während man in der Kaiserzeit deren 19 unterschied, wird ungefähr der dritte Theil nicht als ur- sprünglich anzusehen sein.
Das servianische Rom umfafst nach Beloch's Berechnung einen Flächeninhalt von 426 ha. Es steht den hellenischen Seestädten Syrakus und Akragas Kroton und Tarent an Gröfse nach, wird aber
1) Liv. II 10 Dion. H. V 23 IX 68.
§ 2. Die Altstadt. 503
in den italischen Landschaften nirgends erreicht oder gar über- Iroffen : von den Zwölfstädten der Etrusiier kommt ihm allein Veji nahe (S. 37). Der Wettbewerb auf den die Natur beide hinge- wiesen hatte, wird die aufserordentliche Kraftentfaltung bewirkt haben (S. 38). Viele unter den Städten deren Beschreibung diese Blätter füllt, erfreuen sich kraft ihrer Lage vollkommener Sicher- heit vor jedem feindlichen üeberfall und sind durch offene Gewalt nicht zu bezwingen. Bom dagegen nimmt die strategische Mitte der Halbinsel ein , ist von allen Himmelsrichtungen her Angriffen ausgesetzt und keineswegs von Natur in gleichem Mafse geschützt wie jene. Trotzdem darf man ihm eine höhere Stärke beilegen: während die Bergfestungen im Appennin und Etrurien eingeschlossen und ausgehungert werden können , ist dies bei der Tiberfestung nicht möghch. In alter und neuer Zeit haben Geschichtschreiber sich die Köpfe darüber zerbrochen, warum Pyrrhos und Hannibal nach den glänzendsten Siegen von der Belagerung Abstand nahmen. Der Grund ist einfach der dafs das Unternehmen nur unter der Voraussetzung durchführbar war, dafs der Angreifer gleichzeitig an beiden Flufsufern überlegene Streitmassen zu seiner Verfügung haben mufste. Das servianische Rom gleicht nach der Auffassung seiner Bewohner einem Feldlager: auf dem Janiculum erwartet das Heer den von Etrurien, am CoUinischen Thor den vom Anio an- rückenden Feind und wechselt den Standort vermittelst eines 5 km langen Marsches, während der Belagerer von einer Angriffsfront zur anderen die vierfache Entfernung zurückzulegen und den reifsenden Strom zu überbrücken hatte. Seine Aussichten würden sich erheb- lich gebessert haben, wenn er über eine Flotte geboten, den Aus- weg zum Meer und den ganzen Flufslauf beherrscht hätte: ein solcher Fall ist indefs in den älteren Kriegen nie und erst 87 v. Chr. eingetreten, nachdem inzwischen die VVehrhaftigkeit der Festung durch den Anbau von Vorstädten sehr beeinträchtigt worden war. — Die servianische Mauer hat den Gang der städtischen Entwicklung bestimmt; dies gilt auch von der Anordnung des Wohnraums die König Servius getroffen. Auf ihn wird die Einrichtung der vier städtischen Tribus zurückgeführt: des Palatium der Ramner als tribus Palatino, der latinischen Vorstadt auf dem Caelius und in der Subura als tribus Suburana, der alten Esquiliae als tribiis Esquilina, der Sabinerstadt auf dem Quirinal als tribus Collina. Diese vier Quar- tiere bilden eine sacrale Einheit: zweimal des Jahres werden die
504 Kapitel IX, Rom.
27 Kapellen der Argeer die über sie verlheilt sind, in feierlicher Procession besucht, i) Sie stellen auch ein bevorzugtes Rechts- gebiet dar. Wie der Wall des Lagers Bürger und Bundesgenossen umschliefsl, so die Stadtmauer Bürger und Bauern: noch am Aus- gang der Republik werden die Bewohner Roms als montani und pagani unterschieden (S. 497). Beide sind getrennt durch das Pomerium. In der Kaiserzeit war das Verständnifs des Begriffs mit seiner praktischen Bedeutung aus dem allgemeinen Bewufstsein ent- schwunden. Ehedem in den Tagen des alten Ständekampfs war es keineswegs gleichgiltig gewesen, ob ein Stadtviertel innerhalb oder aufserhalb des Pomerium lag: aufserhalb gebot der Magistrat unumschränkt über Leben und Tod, innerhalb hatte er den Blut- bann nicht, mufsten seine Lictoren das Beil aus dem Ruthenbündel fortthun. Die Grenze zwischen den beiden Rechtsgebieten domi und militiae, wie die römische Ausdrucksweise lautet, ist mehrfach ver- schoben worden. 2) Der Aventin lag bis zum J. 49 n. Chr. aufser- halb des Pomerium; dasselbe gilt ursprünglich auch vom Capitol und den zwischen ihm und dem Aventin befindlichen Niederungen. Dafs das Vorrücken des Pomerium und die Verleihung der Privi- legien der City die darin enthalten war, für die bauliche Gestaltung der Stadt von Bedeutung gewesen sei, versteht sich von selbst: leider läfst uns die Ueberlieferung im Einzelnen im Stich. Bürger höheren und niederen Rechts sind im Rahmen der Centurienver- fassung zum gegliederten Ganzen vereinigt, eine gemeinsame Mauer schützt die Quartiere ob sie nun innerhalb der städtischen Frei- grenze liegen oder aufserhalb. Das Feldlager hat im Praetorium seine beherrschende Mitte, der Imperator hält die zwiespältigen Heer- genossen zusammen, da ihm Alle mit Leib und Leben bedingungs- los überantwortet sind. Zum Praetorium von Rom wird der 450 m lange 150 m breite tarpeische Berg erhoben, gleich jenem die letzte widerstandsfähige Wehr wenn Wall und Mauer vom Feinde durchbrochen sind. Die südwestliche Kuppe heifst Capitoliwn der IIauptberg3); sie trägt den hochragenden Tempel des besten obersten Juppiter des wahren Königs von Rom 4), den die Tarquinier erbaut und die ersten Consuln geweiht haben. Ein schwerer massiger
1) Varro LL. V 45 fg.
2) Tac. Ann. XII 24 Liv. I 44 Sen. Diel. X 13,8 Gell. N. A. XIII 14.
3) Varro LL. V 41 Dion. H. IV 59 Plin. XXVIII 15.
4) Dio XLIV 11.
§ 2. Die Altstadt. 505
Bau (Grundfläche 59 X 55 m) aus unverputzten Tuffriuadern mit hölzernem Gebälk und thönernem Bilderschmuck, hat er für alle Zeiten als die Verkörperung römischer Macht und als höchstes Heiligtum des Erdkreises gegolten. Er brannte 83 v. Chr. 69. 80 n. Chr. ab und erstand jedesmal prächtiger aus seiner Asche. Die nordöstliche Kuppe wird von der Arx eingenommen, die sich zum Capitol verhält wie das Quaestorium im Lager zum Praetorium. Hier ist 344 v. Chr. der Gemahlin Juppiters der Juno Moneta ein Tempel errichtet worden, an den sich die Münzstätte anschlofs (S. 68). Vom Praetorium im Lager läuft die Hauptstrafse nach der Frontseite die Via Praetoria aus; an dasselbe schliefst sich das Forum an. Die nämliche Anordnung wird in Rom befolgt. Von Südost her führt die Sacra via die palatinische Altstadt von der Subura scheidend auf die Einsattelung des Capitols hinauf: der ein- zige Fahrweg der Burg und Stadt verbindet. Die starke Steigung des clivus Capitolinus (1 : 15) machte seine Benutzung recht unbe- quem. Das sumpfige Thal zwischen Capitol und Palatin wurde durch ungeheuere Aufschüttungen erhöht, der Abflufs geregelt und schliefs- lich überwölbt, wie wir ihn in der cloaca maxima vor uns sehen (S. 494). Die Sage läfst mit Recht einen langen Zeitraum über der Austrocknung verstreichen, da sie die Eröffnung des Forums dem Romulus und Titus Tatius, den Bau der Kloake dem letzten Tarquinier zuweist. Das eigentliche Forum ein länglicher Platz von 154 X 52 m wird an der Südseite von der Sacra via eingefafst: hier erhebt sich am Fufs des Capitol seit 497 v, Chr. der Tempel des Saturn, am unteren Ende seit 484 der Tempel des Castor. Die gegenüberliegende Nordseite weist den Carcer auf, sodann die Curie, das Haus des Senats dessen Bau von König Tullus Hostilius herrührt. Vor der Curie erstreckt sich das Comitium, die Ding- stätte auf der Recht gesprochen wird und die Bürger der drei alten Tribus Ramner Titier und Lucerer zusammentreten. Endlich die Ostseite wird durch den Hain der Vesta und die Regia die Amts- wohnung des Oberponlifex begrenzt. — Während das staatliche Leben seinen Brennpunct im Capitol und Forum findet, drängt Handel und Verkehr dem Flufs zu. Die Niederung zwischen Capitol Palatium und Aventin ist die bevolkertste Geschäftsgegend der Stadt. Zu Füfsen des obersten Juppiter auf dem forum boarinm laufen sämtliche Hauptstrafsen als dem gewiesenen Centrum zu- sammen: auf diesen Platz führt die Fortsetzuns; der Alta semita
506 Kapitel IX. Rom.
vom Qurinal, des vtcus Patricius vom Viminal, der Subura vom Es- quilin, die nahe Porta Capena und die noch näheren Flufsthore Trigemina und Carmentalis; von diesem Platz führt die Holzbrücke die einzige l'esle Verbindung nach dem jenseitigen Ufer hinüber. An ihn stöfst der circus maximus etwa 10 ha grofs, 600 m lang und 150 ni breit, an Werkeltagen ein Krammarkt, an hohen Fest- tagen Rennbahn. Der Grund und Boden über den das städtische Leben ein- und ausströmte wie das Blut im Herzen, ist durch die Tarquinier entsumpft worden. Er war bis 88 v. Chr. vom Pomerium ausgeschlossen und angebUch durch König Numa den grofsen Priester- schaften zur Nutzniefsung überwiesen worden, in deren Gasse die Platzmiete der hier hausenden Handwerker und Krämer der collegia Capitolitiorum und Mercurialium Hofs, i) Der Verkehr ist so alt wie die Ansiedlung auf dem Palatium: daran erinnerte die ara maxitna auf dem Ochsenmarkt die der fromme Evauder dem Her- cules geweiht hatte. Aber der Uebergang von den Schilfhütten und Bretterbuden die bei Gelegenheit der Messe aufgeschlagen wurden , zu festen VVohnstätten mufs sich durch eine Reihe von Jahrhunderten hingezogen haben. Er erfolgt zuerst an der Haupt- ader die das Forum mit dem Ochsenmarkt verbindet, dem vicua Ttiscus: die Erbauung wird unter Romulus oder Tarquinius Priscus, von unseren Annalen 508 v. Chr. angesetzt.^) Sodann nach der Auswanderung der Plebs wird 493 der Cerestempel am Circus ein- geweiht und zum Mittelpunct der plebejischen Sondergemeinde er- hoben. Endlich ertrotzt die Plebs 456 die Auftheilung des Aventin zu Bauplätzen: auf diesem Hügel lag der unter Servius TuUius von Römern und Latinern gemeinschaftlich gestiftete Tempel der Diana ; der Boden befand sich nur zum kleineren Theil in Privathänden, zum gröfseren Theil in öffentlichem Besitz. Nunmehr wird das Gemeinland zu vollem Eigentum überwiesen , ein dichtes Plebejer- viertel entsteht, das in allen bürgerlichen Zwistigkeiten bis auf die Gracchen herab recht eigentlich als Festung dieses Standes ge- dient hat. 3)
Das Kriegslager das König Servius errichtet hatte, fiel 390 v. Chr. ohne Schwertstreich in die Hände der Kelten, nachdem das römische Heer an der Allia vom Rückzug in dasselbe abgeschnitten
1) Gros. V t8,27 Appian Mithr. 22.
2) Varro LL. V 46 Tac. Ann. IV 65 Liv. II 14 Dion. H. V 36 Fest. 354 u. a.
3) Dion. H. X 31. 32 Liv. lU 31.
§ 2. Die Altstadt. 507
worden war. Es verblieb sieben Monate lang in ihrem Besitz, währenddem gingen die leichten Holzhäuser meistentheils in Flammen auf. Der binnen Jahresfrist erfolgende Neubau hat in mehr als einer Richtung das Aussehen der Stadt bestimmt, i) Allerdings hatte die Gestaltung des Bodens 2) und die gesonderte Entstehung der einzelnen Viertel den Königen die Durchführung eines einheitlichen Strafsenzugs erschwert. Aber die zwölf Tafeln enthalten genaue Vorschriften über die Breite der Vici 3) , und das weitverzweigte Netz der unterirdischen .\bzugscanäle setzt eine regelmäfsige Anlage der verschiedenen Quartiere voraus. Diese ward durch den Neu- bau verwischt: die Anlieger rückten über die Fluchtlinie vor, schlugen auch wol die ganze Gasse zu ihrem Grundstück und leiteten damit jene zweck- und gesundheitswidrige Vertheilung des Raums ein die für die spätere Weltstadt verhängnilsvoU werden sollte. — Ursprünghch bildete Landwirtschaft die vorwiegende Beschäftigung der Bewohner: die Sage läfst jedem Bürger zwei Morgen durch König Romulus als Erbe zugetheilt werden und führt auf diese Anweisung die Entstehung des Privateigentums an Grund und Boden zurück.^) Daneben blüht das Gewerbe auf: König Numa hat die acht Zünfte der Musikanten Goldschmiede Zimmerleute Färber Schuster Gerber Kupferschmiede Töpfer eingerichtet und alle übrigen Handwerke in einer neunten zusammengefafst. ') Beide Lebens- richtungen sind der Natur der Dinge wie der geschichthchen Ent- wicklung nach im Grofseu und Ganzen räumhch getrennt. In den ältesten Stadttheilen auf den Höhen hat der Ackerbau seinen Sitz, die geschützten und gesunden Hügel weiden von den Adelshöfen eingenommen. 6) In den Niederungen, in der Subura am Fufs des Palatium am Flufs siedeln die Gewerbsleute. Dort wiegt das Bauern- haus mit Giebeldach und Stallung, hier die Bretlerhütte vor: diese wie jenes nach dem Mafsstab kommender Zeiten beschränkt und ärmHch.7) — Das Vorbild das der Staat mit seinen Tempeln und
1) Diod. XIV 116 Liv. V 55 Plul. Cam. 32 Tac. Ann. XV 38. 43 Juvenal 3.236.
2) Cic. de lege agr. 2,96 Romam in montibus positam et convallibus, cenaculis sublatam atque suspensam, ?ioti optiinis viis angustissimis semitis.
3) Schoell fr. p. 138.
4) Varro RR. I 10.
5) Plut. Numa 17.
6) Cic. de domo 101 fg. de har. resp. 32 Liv. II 7 VIII 19 V 46.
7) Varro bei Neu. 55 Val. Max. IV 4,8 Tac. Aan. II 33 re publica tenui angustas civium domos.
508 Kapitel IX. Rom.
Befestigungen gegeben, wirkt auf die bürgerliche Bauweise ein, das Blockhaus beginnt in ein Steinhaus sich umzuwandeln: die Grund- schichten werden aus Quadern, die Wände aus Luftziegeln aufge- führt.!) Das Strohdach wird zunächst durch Schindeln ersetzt, nach dem Gallischen Brand hefert der Staat seinen Bürgern gebrannte Dachziegel, erst um 280 v. Chr. jedoch verschwinden die Schindel- dächer.2) Damit hängt eine andere folgenreiche Neuerung zusammen. Das Landrecht von 450 bestimmt dafs die Häuser durch einen Ab- stand von 2V2' für die Dachtraufe getrennt seien; später haben sie durchgehends gemeinsame Zwischenwände für die das Gesetz eine Stärke von IV2' vorschreibt. 3) Die hierin liegende bedeutende Raumersparnifs wird dadurch erzielt dafs das tuscanische Atrium das den Regen durch eine Oeffnung des einwärts geneigten Daches im Inneren des Hauses zusammenfliefsen läfst, an die Stelle des bisher üblichen Giebeldachs tritt. Man darf vermuten dafs der Neubau von 390 diesen Umschwung, den Uebergang von der offenen zur geschlossenen Bauart veranlafst hat. Wenn hiermit dem Wachs- tum der Bevölkerung Rechnung getragen wird, so geschieht dies in noch höherem Mafse durch die Entwicklung des Hochbaus. Die Annalisten weisen in glaubhafter Weise bereits dem tarquinischen Königshause ein Obergeschofs zu. 4) Aber naturgemäfs sind es die Geschäftsgegenden die den Raum zu vervielfältigen in die Höhe streben: am Ochsenmarkt gab es 218 v. Chr. dreistöckige Häuser; bei der Besiedelung des Aventin 456 soll das Rechtsverhältnifs nach welchem die einzelnen Stockwerke verschiedenen Eigentümern ge- hörten, zur Anwendung gelangt sein.^) — Ein Zeugnifs für die allmäliche Verdrängung der Ackerwirtschaft aus den Mauern und die fortschreitende Ausbildung städtischer Wohnweise erkennen wir in dem Umstand dafs der Gebrauch des Wagens je länger desto mehr beschränkt wird. Die Enge der Strafsen macht es begreif- lich, dafs die Gesetzgebung um dieselben frei zu halten schon sehr früh zum Einschreiten genötigt wurde. Man wufste in Rom dafs die höheren Beamten einst in der Stadt fuhren, dafs sie auch nach
1) Vgl. Pomp. Studien 25.
2) Pomp. Stud. 23.
3) Pomp. Stud. 79. 567. 630. Die communio parietum wird durch Nero untersagt Tac. Ann. XV 43.
4) Liv. I 41 Dion. H. IV 5.
5) Liv. XXI 62 XXXVI 37 XXXIX 14 Dion. H. X 32.
§ 3. Die Stadterweiterung. 509
Ablauf ihres Amis zu den Senalssitzungen fahren durften: aber dies Vorrecht ist beseitigt worden bevor es eine ausführHche Chronik gab; denn die Chronik verzeichnete nur einen einzigen Fall vom J. 241 wo die entsprechende Erlaubnifs dem blinden Pontilex Metellus vom Volk ertheilt ward.i) Was der Freistaat den Männern untersagte, gewährte er gleichwol den Frauen: als Entgelt für die fromme Hingabe ihres Coldschmucks wurde ihnen 395 gestaltet an Festtagen vierräderig, Werktags zweiräderig durch die Stadt zu fahren. Sie behaupteten dieses Vorrecht, von einer kurzen Unterbrechung (215 — 195) abgesehen, bis auf die Monarchie.^) Das 46 erlassene Stadtrecht Caesars schliefst mit wenigen Ausnahmen jeglichen Wagenverkehr innerhalb der bewohnten Fläche für die Geschäfts- zeit von Sonnenaufgang bis zur zehnten Tagesstunde aus. Erst im 3. und 4. Jahrhundert n. Chr., seitdem die Strafsen Roms ent- völkert waren, verlor das strenge Fahrverbot seine bindende Kraft.
§ 3. Die Stadterweiterung.
Die palatinische Gründung des Romulus, wenn wir der Tra- dition folgen, ist durch den Anschlufs von Vororten bis zu dem Umfang gewachsen den die servianische Mauer anzeigt. Auch dies gewaltige Werk wird bald nach seiner Errichtung durch die treiben- den Kräfte des römischen Staats bedroht. Zunächst am Tiber breitet sich der Verkehr aufserhalb der schützenden Thore aus. Vor der Porta Trigemina am Aventin ist ein Stapelplatz für Salz von Ostia und bereits im 5. Jahrhundert auch für Getreide nach- weisbar. 3) Nach Norden im Marsfeld werden die navalia Docks für die Kriegsmarine zuerst 338 erwähnt.^) Eine ganze Reihe von Tempeln ausländischer Götter werden im Umkreis der Stadt erbaut und geben den Kern neuer Ansiedlungen ab. Das Vorrücken nach Norden wird durch die Tempel der Bellona 495 und des Apollo 431 eingeleitet; 291 nimmt Aesculap von der etwa 300 m langen Tiberinsel Besitz. Im Süden liegt ein alter 3Iarstempel eine reich- liche Millie vor Porta Capena: der Zwischenraum zwischen Thor und Tempel beginnt schon im 4. Jahrhundert ausgefüllt zu werden.
1) Fest. 49 Gell. N. A. III 18,4 Plin. VII 141.
2) Liv. I 48 V 25 XIX XXXIV 1. 8 Fest. 245 Pol. XXXII 12,4 Suet. Tib. 2.
3) Frontin aqu. 5 Liv. IV 16.
4) Liv. Vm 14 vgl. III 26.
610 Kapitel IX. Rom.
Seit der Eroberung Campaniens nämlich, im Zeitalter der Samniter- kriege dehnt sich die Stadt nach dieser Himmelsgegend aus: 312 wird die Via .\ppia die älteste römische Kunststrafse nach Capua geführt; ihr Urheber der Censor Appius Claudius hat zugleich die erste römische Wasserleitung geschaffen. Die 11 Millien lange unterirdische aqua Appia die über den Aventin nach Porta Trige- mina läuft und hier endigt, versorgt im Süden die plebejischen Viertel innerhalb wie aufserhalb der Mauer. Nach dem Krieg mit Pyrrhos wird die gleiche Wolthat dem Esquilin zu Theil durch die Anio vetus genannte Leitung, die in den J. 272 — 261 erbaut 43 Millien weit Gebirgswasser aus dem Anio herschaffte. Als die Römer in Sicilien und Sardinien festen Fufs gefafst hatten, sodann den Po und die Alpen als Landesgrenze in Aussicht nahmen, er- folgt der entscheidende Schritt zur Erweiterung der Stadt durch das Marsfeld. Vor Porta Carmentalis lag bereits der Gemüsemarkt (forum olitorium), und das Flufsufer wurde je länger desto mehr von Gebäuden eingerahmt. Aber die Censur des Gaius Flaminius 220 verlieh der im Entstehen begriffenen Vorstadt durch die An- lage des circus Flaminius einen ähnlichen centralen Platz wie die Altstadt im circus maximus besafs, und schuf ihr in der via Flami- nia ein festes Rückgrat. Unter allen Strafsen Roms steht die Flaminia einzig und allein der Appia an Redeutung nach, wie sie denn auch als deren nördliche Fortsetzung aufgefafst werden kann. Ihr Anfang vom Capitol ab heifst via lata jetzt Corso, und ist die Hauptverkehrsader des Marsfeldes im Altertum nicht minder als in der Neuzeit. 41/2 km vom Capitol überschreitet sie auf dem pons Mulvius Ponte Molle den Tiber: der ersten oder zweiten Rrücke welche aufserhalb des Mauergürtels geduldet wurde. i) Man kann Dämlich vermuten dafs die Insel — inter duos pontes heifst sie öfters — seit ihrer Weihung an Aesculap mit den beiden Ufern eine feste Verbindung gehabt habe. 2)
Durch die ringsum anschliefsenden Vororte ist die Entfestigung Roms angebahnt worden. Indessen geht es damit äufserst lang- sam, und erst am Ausgang der Republik hat die von den Königen errichtete Wehr ihre militärische Bedeutung eingebüfst. Im hanni- baUschen Kriege 217. 212 werden Mauer und Thürme ausgebessert. 3)
1) Liv. XXII 8 XXVII 51 Zonar. VIII 25.
2) Zuerst 192 erwähnt Liv. XXXV 21.
3) Liv. XXn 8 XXV 7.
§ 3. Die Stadterweiterung. 511
Nach überstandener Gefahr als nirgends ein Feind mehr drohte, dringen an der Innen- und Aiifsenseite Hänser an die Mauer her- an.i) Die beiden Hauptwerke auf dem Esquilin und Janiculum bleiben sturmfrei erhalten; im Uebrigen mufs Rom 87 gegen Cinna und Marius durch neue Schanzen gedeckt werden 2), nicht der Mauerkampf sondern die Feldschlacht entscheidet 82 und in den späteren Kriegen über sein Schicksal. Wie schwer die Regierung sich dazu verstanden hat den Anforderungen des Verkehrs gehorchend die Festung zu entwaffnen, zeigt ihr Verhalten im Brückenbau. Der Tiber gilt seit Alters mit Recht als Schützer und Schirmer: so sehr alles darauf hindrängte das rechte Ufer in den Kreis des städtischen Lebens hineinzuziehen , beschränkt sich die ältere Zeit auf drei feste Verbindungen , und alle drei der Pons Sublicius innerhalb wie die Inselbrücke aulserhalb des Thores endlich die Mulvische im Norden sind aus Holz erbaut, können mithin in kürzester Frist abgebrochen werden. Weniger durch Menschenhand als durch die Elemente sind diese spärlichen Verbindungen oft genug zerstört worden, z. B. wird der Pons Sublicius am Ochsen- markt in den J. 60. 32. 23 v. Chr. 69 n. Chr. von den Fluten fort- gerissen.3) Er hatte den ganzen Verkehr der servianischen Alt- stadt mit dem jenseitigen Ufer zu bewältigen und wird trotzdem einer eingerosteten Satzung zu Liebe nach jedem Einsturz ohne Verwendung von Erz und Eisen neu gezimmert.^) Um ihn zu ent- lasten und zugleich dem Hochwasser wirksamer zu begegnen wird oberhalb in seiner unmittelbaren Nähe der steinerne pons Aemilius Ponte Rotto erbaut: die Pfeiler werden 179 eingesenkt, aber bis zu ihrer Ueberwölbung 142 lälst die Regierung mehr als ein Menschenalter verstreichen. 5) Es dauert ein weiteres Menschenalter bevor die Mulvische Brücke 110 in Stein hergestellt wird. 6) Dann kommt 62 die Inselbrücke pons Fabricius an die Reihe. '^) EndHch
1) Wie aus Fest. 249 hervorzugehen scheint.
2) Appian b. civ. 1 67 oi vnarot xo fiev aarv raf^ote xaL zeixdjv dni- axevdis (oxvqovv xal /urixavTjuaTa ifiaravov vgl. c. 92.
3) Dio XXXVII 58 L 8 LUI 33 Tac. Hist. I 86 vita Anton. Pii 8.
4) Varro LL. V 83 Dion. H. III 45 Plut. Numa 9 Plin. XXXVI 100 Ovid Fast. V 622.
5) Liv. XL 51 Plut. Numa 9 in AtutXiov ra/uievovroe vgl. den Denar bei Mommsen Münzw. N. 124.
6) Aur. Victor, v. ili. 72 Ammian XXVII 3,9.
7) Dio XXXVII 45 CIL. I 600.
512 Kapitel IX. Rom.
hat M. Agrippa mit den veralteten Anschauungen völlig gebrochen, als er 160 m oberhalb Ponte Sisto zwischen der rechts- und links- seitigen Neustadt einen weiteren Uebergang schuf. lu der Tliat war Rom schon vorher rechtlich als ofleue Stadt anerkannt worden : den ersten uns erhaltenen Ausdruck davon finden wir in dem cae- sarischen Municipalgesetz von 46, das den Umfang Roms nicht durch die Mauer sondern durch die städtische Wohnweise bestimmt (nbei continente habitatur). Damit war der Untergang der alten Festungswerke besiegelt; wie mit so vielen Wällen in der Neuzeit geschehen ist, dient die mächtige Wehr auf dem EsquiHn fortan als öfl'enthcher Spaziergang. i)
Die iMauer ist nicht die einzige Fessel, welche die freie Ent- faltung der wirtschaftlichen Kräfte hinderte. Auch das Pomerium die städtische Freigrenze hat ihren Spielraum eingeengt. Von Hause aus der freie Platz zu beiden Seiten der Mauer, den die Ver- theidigung erheischt, ist der Begriff schon unter den Königen von seiner ursprünglichen Beziehung losgelöst und als Grenze ver- schiedener Rechtsgebiete aufgefafst worden (S. 504). Durch die Entwicklung der Volksfreiheit gegenüber der Magistratur verliert der Gegensatz zwischen beiden seine ursprüngliche Schärfe. Aber noch die Monarchie bindet sich an die äufseren Formen des Stadt- friedens: der Kaiser trägt daheim die Toga statt des Feldherrn- mantels, seine Lictoren führen zwar Beile im Bündel, doch sind die Beile wie beim Triumph mit Lorbeer verhüllt, die Garde lagert aufserhalb des Pomerium, die Palastwache zieht im Bürgerkleid, nicht im Kriegskleid auf. Desgleichen bleibt die Vorschrift in Kraft, dafs Fremde, Götter wie Menschen, vom Wohnsitz innerhalb des Pomerium ausgeschlossen sind. In den Fremdenvierteln greift die Polizeigewalt mit geringerer Rücksicht ein als der Bürger be- ansprucht. Wichtiger ist die auf ihnen vielfach lastende Beschrän- kung des Eigentums. Der Grund und Boden im Umkreis der Mauer gehört in ausgedehntem Mafse der Gemeinde, kann vvol mit oder ohne Rente zur Bebauung überlassen, aber nach jeglicher Verjährungsfrist wieder eingezogen werden. Wie sehr dies Rechts- verhältnifs in die Baugeschichte eingegriffen hat, vermögen wir mehr zu ahnen als klar nachzuweisen. Während der ganzen älteren Zeit von König Servius bis Sulla ist die Freigrenze unverändert geblieben.
1) Hör. Sat. I 8,15.
§ 3. Die Stadterweiterung. 613
Nachdem 88 v. Chr. für die KriegsrüstuDg gegen Mithridat die Liegenschaften am Capitol (S. 506) um 9000 Pfund Gold (8 Million Mark) losgeschlagen worden waren, rückt dieselbe zum ersten Mal vor. Die Monarchie hat sich minder spröde gezeigt: von Caesar Augustus Claudius Nero Vespasian Traian Aurelian wird die Er- weiterung des Pomerium überliefert.
Die Sage läfst König Romulus ein Asyl eröffnen um Einwohner für seine Gründung anzulocken, das geschichtliche Rom hat mit gewaltsamen Mitteln den Andrang abzuwehren gesucht. Die Ueber- lieferung erwähnt zuerst 187 v. Chr. als 12 000 Latiner ausgewiesen wurden, die einreifsende Uebervölkerung.i) Fortan ist dies Uebel bis zum Ausgang des Altertums ohne bleibenden Erfolg bekämpft, worden.^j Zur Entfernung der Latiner und Fremden genügte ein Machtwort der Magistrate 3) ; gegen die Orientalen wurde gelegent- lich mit äufserster Härte eingeschritten 4); insonderheit mufsten die Nichtrömer bei drohender Theuerung die Stadt räumen.^) Anders verhielt es sich mit den Bürgern : für An- und Abziehende bestand allerdings die Meldepflicht beim Consul oder Praetor 6) ; aber keine gesetzliche Schranke hinderte oder erschwerte die Einwanderung. Deshalb ergofs sich aus der bürgerlichen Bevölkerung ein ungleich stärkerer Strom nach der Hauptstadt als aus der Fremde. Da Rom Sitz der Gerichte der Regierung und Verwaltung ist, da die ver- schiedenen Seiten des Staatslebeus einen bedeutenden Aufwand an Personen beanspruchen, so mufs eine jede Vermehrung der Bürger- schaft zugleich die Einwohnerzahl steigern. Vollends nach dem Erwerb der Provinzen, als der Thron der Herrschaft und der erste Geldmarkt der Welt hier aufgeschlagen wurde, ging die Erweiterung der Stadt mit derjenigen des Reiches Hand in Hand. Das aus dem Reich erprefste Capital trieb den Bauer von seiner Hufe, der Bauer suchte naturgemäfs seine Zuflucht in der Stadt. Wol blühten zu Rom verschiedene Gewerbe welche an die Landschaften Tuch- Metall- und Thonwaaren absetzten. 'j Aber der Wettbewerb des
1) Liv. XXXIX 3 iatn tum muUitudine alieuigenarum urbem onerantt.
2) R. Pöhlmann, DieUebervölkerung der antiken Grofsstädte im Zusammen- hang städtischer Givilisation dargestellt, Preisschr. Leipzig 1884. 4.
3) Liv. XLI 9 XLII 10 Cic. pro Sest. 3U Off. III 47 Dio XXXVII 9.
4) Tac. Ann. II 85 Suet. Tib. 36.
5) Dio LV 26 Suet. Aug. 42 Gros. VII 3,6 Atimian XIV 6,19 XXVIII 4,32.
6) Cic. pro Archia 7 fg. CIL. I 2U6,lfg. Rhein. Mus. XLV 103.
7) Cato RR. 135.
Nissen, Ital. Landeskande. II. 33
514 Kapitel IX. Rom.
Capitals und der Sklavenarbeit, der Makel der an dem Handwerk haftete, veisperrte den brotlosen Bauern die Unterkunft die sie bei der analogen Entwicklung Englands in den Fabriken gefunden haben. Die darbende Menge forderte ihren Antlieil an den Früchten der Herrschaft, wie sie ihn seit Alters durch Gründung von Colonien empfangen halte.') Als die Regierung keinen Acker mehr verfüg- bar halte, und Tiberius Gracchus sie eines Besseren belehren wollte, da slrümten nach den Worten eines alten Gewährsmannes die Massen vom Lande nach Rom zusammen wie Flüsse in das all- umfassende Meer; nach dem Zeugnifs eines Zeitgenossen liefs sich der Volksführer während seines Tribunals von einem 3 — 4000 Mann starken Gefolge geleiten. 2) Vollends nachdem sein Bruder die Kornvertheilung an die hauptstädtische Plebs eingerichtet hatte, und die Republik ihrem Verderben rettungslos entgegen trieb, machte sich nicht allein das Gesindel aus der ganzen Halbinsel auf den Weg, auch der Tagelöhner liefs Weinberg und Saalfeld im Stich um in Rom die Welt regieren zu helfen und zu faulenzen. 3) Aufser- dem trug die Gewinnsucht der Herren welche ihre Sklaven frei hefsen um durch deren Vermittlung von den üffenthchen Spenden Nutzen zu ziehen, zur Vermehrung des Proletariats bei (S. 124).^) So waren schliefslich unter Caesar 320000 Bürger in die Listen der Getreideempfänger eingetragen: in den ersten beiden Jahr- hunderten unserer Zeilrechnung ist die Ziffer kaum unter 200000 gesunken.^) Neben dem Ungeheuern Wachstum der freien Ein- wohnerschaft nahm auch die unfreie stetig zu: leider fehlen be- stimmte Angaben um die Kopfzahl des im Dienst der Begüterten verwandten Gesindes sowie der öffentlichen und privaten Arbeit- sklaven zu schätzen (S. 119). Immerhin erscheint es dem in den nordischen Anschauungen der Gegenwart befangenen Betrachter
1) Liv. III 1 IV 47 VI 16 VIII 16X6 Dlon. H, VI 44 VII 13. 28 IX 59 Piut. Coriol. 12 Pol. II 21,8.
2) Diod. XXXIV 6 Asellio bei Gell. N. A. II 13.
3) Sallust Cat. 37 iuvenlus quae in agris manuum mercede inopiam tole- raverat, privatis atque publicis largiliunibus excila urbanum otium ingraio labori praetulerat. Appian b. civ. II 120 tö le aiiTjqiat.ov toIs nivr,at. x^QV' yovfievov iv ftovrj 'Pco/itj tov aQyov xal TixcaxBVOvra xai raxvspyov r/js ^IjaXiae Xecov is xfjv 'Pcüfirjv inäyerat.
4) Dion. H. IV 24 Suet. Aug. 42.
5) Suet. Caes. 41 Flut. Caes. 55 Mon. Ancyr. c, 15 Dio LXXVI 1,
§ 3. Die Statiterweiterung. 515
ein wahres Rätsel wie die im republikanischen Rom zusammenge- pferchte Menschenmenge ihr Obdach gefunden hat.
So lange Rom den Charakter als Festung bewahrte, d. h. bis in die sullanische Zeit war der Haupttheil der Bevölkerung auf die Altstadt beschränkt. Einer wirksamen Entlastung durch die Vorstädte stand auf dem Esquilin der Wall des Servius, gegenüber dem Mars- feld der schroffe Rücken des Capitol, gegenüber dem rechten Flufs- ufer die Unzulänglichkeit der Brücken im Wege. Die eigenthche Geschäftsgegend gaben die enlsumpften Niederungen am Fufs der Hügel ab. Aber um auf das Forum im Herzen der Stadt aus weiter Ferne den Strom des täglichen Lebens hin und her zu leiten, um Geschäft und Wohnung von einander zu trennen, wie London und andere Grofsstädte durch die modernen Verkehrsmittel erreicht haben, dazu fehlten nicht weniger als alle Vorbedingungen. Es genügt auf die Beschaffenheit der Strafsen hinzuweisen. Die Canalisirung war 184, die Anlage von Gangsteigen sowie die Pflasterung des Fahrdamms 174 v. Chr. theils durchgeführt theils an- gebahnt worden.^) Aber die Strafsen waren viel zu eng um einen regen Wagenverkehr zu gestatten. 2) Der Sprachgebrauch erkannte inner- halb der Altstadt nur 2 als viae Fahrwege an , die Sacra via und die Nova via auf dem Palatin, während alle übrigen als vi« be- zeichnet wurden. Man mufs annehmen dafs die Kaiserzeit eine durchgängige Verbreiterung bewirkt hat, und doch messen die vor- handenen Reste im Mittel nur 4 m, für die Hauptstrafsen 6 — 7 m. Es klingt schier unglaubUch dafs dieser dürftige Raum von den Anliegern durch vorspringende Tabernen und Erker weiter verkürzt wurde, wogegen die Polizei des öfteren einschreiten mufste.3) Bezüghch der freien Bewegung ihrer Ellbogen waren die Quiriten eben ge- nügsame Leute. Um 170 — 160 v. Chr. bewohnten 16 Aelier mit Weib und Kind zusammen ein Häuschen, und des AemiHus Paullus Tochter trug kein Bedenken in derartige Wirtschaft einzuheiraten.'*) Um dieselbe Zeit wird die Höbe der Mieten erwähnt, unter Caesar betrug sie im Durchschnitt das Vierfache des in italischen Städten
t) Liv. XXXIX 44 XLI 27.
2) Cic. de lege agr. 2,96 Tac. Ann. XV 38 Seneca Controv. II 1,11 Ju- venal 3,236.
3) Liv. XXXIX 44 Martial VII 61 Herodian VII 12,5 Ammian XXVII 9,10. V 4) Plut. Aem. Paul. 5,4 Val. Max. IV 4,8.
33*
516 Kapitel IX. Rom.
ilbliclien SatzesJ) Die ungeheuere Nachfrage führt eine Umwälzung der römischen Besitz- und Wohnverhältnisse herbei. Aehnlich wie die Bauerhufen von den Latifundien, werden die Bürgerhäuser von den Mietcasernen verschlungen (S. 46). Der städtische Wohnraum fallt dem Grofscapital als Beute anheim, wird ohne Erbarmen aus- genutzt und zum Gegenstand einer wüsten Speculation gemacht.2) Das Geld verzinst sich hier bedeutend besser als bei der Anlage in ländlichen Grundstücken, ist freilich auch gröfserer Gefahr ausge- setzt.3) Von Brand und Einsturz abgesehen, kommt es sogar ver- einzelt vor dafs auf das Drängen der Masse hin eine Jahresmiete von der Begierung erlassen wird.4) Immerhin wird durch derartige Zwischenfälle der Schwung des Geschäftes nur vorübergehend ge- stört. Der Grund und Boden erreichte Preise wie sie in unseren heutigen Weltstädten gezahlt werden. So kam die Baustelle von Caesars Forum in der wertvollsten Gegend auf 100 Millionen Sesterzen (21 3/4 Mill. Mark) zu stehen d. h. bei rund 9000 Dm der Quadrat- meter auf 2400 Mark. 5) Vielleicht der fünffache oder ein noch höherer Betrag mufste 54 v. Chr. für den Erwerb der an der Nord- seite des Forums belegenen Tabernen aufgewandt werden. ß) Bei dem Hause auf dem Palatin das Cicero für 3^2 Millionen von Crassus gekauft hatte, wurden nach amtlicher Schätzung II/2 Million 43 Procent des Wertes für die Grundfläche gerechnet '^); setzen wir solche zu 1000, höchstens 2000 Dm an, so ergiebt sich ein Preis von 2 — 300 Mark für den Meter. Die Ursache für das späte Auf- treten von Palästen in Rom ist vornehmlich in dem hohen Boden- wert zu suchen : erst nachdem durch die allmäliche Auflassung der Festungswerke I^uft geschafft war, konnte der Palastbau der im Altertum sich in der Ausdehnung der Grundfläche bethätigt, zur freien Entfaltung gelangen.
Die Weltherrscherin galt den Fremden als eine häfsliche Stadt.S)
1) Diod. XXXI 18 Dind. Suet. Caes. 38 Juvenal 3,225.
2) Sltab.Y 2'ib fieran^aasie aSidXsiTiTOi xal aiirai ovaaiGic.ai Qu.fr.Il3,7.
3) Gic. Off. II 88 Gell. N. A. XV 1,3. Cicero zieht aus seinen Mielhäusern SU 000 Sesterzen ad Att. XVI 1,5 XII 32. Ertrag einer Insula 60 000 Dig. XIX 2,7 und 40 0UÜ eb. 30.
4) Caes. b. civ. III 21 Cic. Off. II 83 Suet. Caes. 38 Dio XLII 51 XLVIII 9.
5) Suet. Caes. 26 Plin. XXXVI 103.
6) Cic. ad Att. IV 16,8 vgl. Suet. Aug. 56.
7) Cic. ad Fam. V 6,2 Att. IV 2,5.
8) Liv. XL 5.
§ 3. Die Stadterweiterung. 517
Man wird auf die verrufeosten Gegenden der Neuzeit, die Heimstätten von Elend und Siechtum wie das Gängeviertel in Hamburg oder die alten Theile Neapels zurückgreifen müssen um ihren Eindruck zu veranschaulichen. Ein Haus im ursprüngUchen Sinne des Wortes d. h. ein Erdgeschofs zu bewohnen ist ein Vorrecht der Reichen geworden, der grofse Haufe ist auf die Mietgelasse die insulae angewiesen. i) Vergleichsweise günstig sind die Krämer und Handwerker daran welche die jetzt alle Gassen und Durchgänge einfassenden Tabernen bevölkern. Aber solcher Gunst erfreuen sich nur die Patricier der Plebs. Bei einer Dichtigkeit der Be- völkerung die 1500 Köpfe auf den Hektar (das Vierfache des heutigen Köln innerhalb der früheren ümwallung) in der Altstadt erreicht oder überschritten haben mag, waren die nötigen Wohn- oder richtiger gesagt Schlafstellen nur durch gewaltige Steigerung des Hochbaus (S. 508) zu gewinnen. Dagegen haben einsichtige Staats- männer seit Beginn des letzten Jahrhunderts v. Chr. mit weWichen und kirchhchen Mitteln erfolglos aogekämpft.^) Augustus beschränkte die für Neubauten an öflentlichen Strafsen zulässige Höhe auf 70' 21 m, Traian ging bis auf 60' 18 m herunter.3) Es liegt auf der Hand dafs dies Mafs in Wirkhchkeit, insonderheit bei Hintergebäuden weit überschritten wurde.^) Zieht man die heutigen Bauordnungen europaeischer Hauptstädte zum Vergleich heran, so erscheinen die Höhengrenzen durchweg niedriger gesteckt, und zwar richten sie sich nach der Stralsenbreite: z.B. gestattet Paris bei 7,80 m Strafsen- breite 11,90 m Haushöhe, bei 7,80—9,75 m Strafse 14,60 m, bei 9,75—20 m Strafse 17,55 m, bei 20 m und darüber 20 m. An den Pariser Boulevards kommt also nicht einmal die Haushöhe vor, die Kaiser Augustus für 4 m breite Gassen erlaubt hat. Die Bedeutung dieser Ziffern für die öffentliche Wolfahrt ist jedem Gebildeten ge- läufig; in vortrefflicher Weise hat R. Pöhlmann die Ergebnisse der neueren Volkswirtschaftslehre zur Aufhellung der socialen Krankheits-
1) 0. Richter, Herrn. XX 91 fg. Attilio de Marchi, Ricerche intorno alle in- sulae © case a pigione di Roma antica, Milano inst. Lonab. 1891.
2) Suet. Aug. 89 Gic. Off. 111 66.
3) Strab. V 235 Aar. Victor ep. 27.
4) Am Capitol erreichen 70 n. Chr. die angebauten Häuser die Höhe des Sattels Tac. Hist. III 71. Gell. N. A. XV 1,2. Die als Merkwürdigkeit von den Stadtbeschreibungen in der neunten Region aufgeführte insula Feliculae ist eine Vorgängerin heutiger Himmelkratzer Tertullian adv. Valent. 7. Marl. VlI 20,20 wohnt ein Client 200 Stufen hoch. Juvenal 6,31 Slat, Silv. IV 4,14.
618 Kapitel IX. Rom.
erscheiniingen im alten Rom verwertet. Wir verzichten darauf bei den Einzelheiten des täglichen Lebens, der Verpestung der Luft, dem Schmutz und Gestank, den steilen Stiegen, den Dachkammern und Kellern, der Tyrannei der Vermieter, dem Laster und Ver- brechen das diese Wohnart erzeugte, zu verveeilen. Nur die be- sonderen Hauptzüge welche die Entwicklung der Republik heraus- gebildet hat, sollen hier bezeichnet werden. Selten ist mit so frevelhaftem Leichtsinn gebaut worden. Der ungebrannte Lehmziegel den Pompeji seit Alters verschmähte, behauptet sich bis zu einem von Augustus erlassenen und kraftvoll durchgeführten Verbot im allgemeinen Gebrauch, i) Dies Material gereicht den niedrigen der üeberschwemmung unterworfenen Quartieren zum Verderben (1323); da es dem Wasser keinen Widerstand leistet, brechen die Häuser zusammen, ihre Insassen werden von den Fluten fortgerissen. Zwei andere Uebel haben auch durch kaiserliche Fürsorge nicht ausge- rottet werden können. Die alte nach unserer Vermutung vom Gallischen Brande datirende Vorschrift welche als Dicke der gemein- samen Wände eine Elle festsetzt (S. 62), blieb für den entwickelten Hochbau in Kraft. Es khngt schier unglaubHch und wird doch durch einen Fachmann verbürgt dafs auf 45 cm starken Grund- mauern 5 — 6 Geschosse aufgethürmt wurden. 2) Bei näherer Er- wägung erkennt man dafs zwei Umstände dies ermöghchten: einer- seits ruhte die Last nicht auf den Aufsenwänden sondern war über viele Zwischenwände gleicher Stärke vertheilt; anderseits wurde die Last dadurch vermindert dafs der ganze Oberbau in leichtem Hok- fachwerk ausgeführt war. Freilich verschaffte diese Bauart den beiden Würgengeln Einsturz und Brand in der ewigen Stadt Bürgerrecht.^) W^as in geordneten Ländern der Gegenwart zu den seltensten Vorkommnissen gehört, dafs ein baufälliges Haus die Be- wohner unter seinen Trümmern begräbt, ist hier bis zum Ausgang
1) Darauf bezieht sich das bekannte Wort von der Umwandlung der Lehm- in eine Marmorstadt Suet. 28 Dio LVI 30. Das Verbot fallt vor der Abfassung von Vitruv II 8,1", also geraume Zeit vor 15 v. Chr. Letzte Erwähnung der Lehmwände 54 v. Chr. Dio XXXIX 61 vgl. Cic. Divin. II 99.
2) Vitruv II 8,16 mit dem wichtigen Zusatz Plin. XXXV 173.
3) Plut. Grass. 2,4 ras avyyevEis xai avvoixovs t^s Prö/j-rje xrjQas ifingr]- <f/iois xal avvit,r,aEii Sia ßaQOi xai nXi&oi oixoSofiTjfidzcov. Oft zusammen genannt Strab. V 235 XIV 670 Plin. XXXVI 106 Seneca Ep. 90,43 103,1 CatuU 23,9 Juvenal 3,6 fg. 190 fg. Symmach. Ep. VI 37, mehr bei Friedländer, Silteng. 16 30.
§ 3. Die StadterweiteruDg. 519
des Altertums an der Tagesordoung gewesen. Packend schildert Juvenal die Gefahr die über dem Schlummer der Quiriten schwebte: nos nrbem colimus tenui tibkine fultam magna 'parte sui; nam sie labentibus obstat ■ viltcus, et veteris rimae cum texit hiatum, securos pendente iubet dormire ruina. vivendiim est Ulk nbi nulla incendia milli nocte metus. iam poscit aquam, iam frivola transfert Vcalegon, tabnlata tibi iam tertia fumant: tu nescis; nam si gradibus trepidatur ab imis, ultimns ardebit quem tegula sola tuetur a pluvia, molles ubi reddunt ova columbae.
Im Unterschied von anderen Grofsstädten des Altertums und der Gegenwart, in Uebereinstimmung mit unserem Mittelalter war Rom durch seinen Holzbau häufigen und verheerenden Feuers- brünsten ausgesetzt.!) Die riesige aus feuerfestem Peperin 36 m hoch errichtete Mauer durch die Augustus sein Forum gegen die Geschäftsgegend absperrte, führt uns vor Augen wie sehr der lauernde Feind gefürchtet wurde. Der Freistaat trat ihm mit beschämender Ohnmacht entgegen. Wol halte ein Dutzend hoher Beamter vom Consul abwärts bei jedem Grofsfeuer zu erscheinen, wol unterhielt die Gemeinde eine unfreie Mannschaft zur Hülfleistung, aber so kläglich war das öffentliche Löschwesen bestellt dafs es dem Wett- bewerb der Grundherren das Feld räumte. 2) Ein Speculant grofsen Stils wie M. Crassus besafs eine geschulte Feuerwehr von 500 Mann mit der er auf jede Brandstätte rückte; aber das Löschen begann erst nachdem die geängstigten Eigentümer die brennenden und be- drohten Häuser um einen Spottpreis losgeschlagen hatten: auf diesem Wege brachte der Biedermann den grüfsten Grundbesitz in Rom zusammen. Seinen Nachfolgern legte freilich die Monarchie das Handwerk: indefs hat auch sie wegen der Enge der Gassen und der Entzündhchkeit der Häuser nicht diejenige Sicherheit erreicht die Lian nach dem Aufgebot ihrer Mittel hätte erwarten sollen. Von bedeutenden Bränden erwähnt die lückenhafte Chronik folgende:
1) Hirtius b. AI. 1 nam incendio fere tula est Alexandria, quod sine contignatione ac materia sunt aedißcia et strucluris ac fornicibus conti- nentvr tectaque sunt rudere aut pavimenlis hebt den Gegensatz hervor.
2) Dig. I 15,1 Plut. Grass. 2,4 Vell. II 91 Dio LIII 24 UV 2.
520 Kapitel IX. Rom.
241 V. Chr. am Forum und rings in der Stadt, viele Menschen kommen
um Oros. IV 11,8. 213 zwei Nächte und einen Tag am ganzen Flufsufer
Liv. XXIV 47. 210 am Forum Nacht und Tag Liv. XXVI 27.
203 am Aventin Liv. XXX 26.
195? am Forum Fest. 241 probrum vgl. Liv. XXXIV 44.
192 am Tiber beim Ochsenmarkt Tag und Nacht Liv. XXXV 40.
178 am Forum Obseq. 8.
111 grofser Theil der Stadt Obseq. 39.
50 14 Vici gehen zu Grunde Oros.;^VI 14,4 VII 2,11 Obs. 65.
49 durch Blitz Dio XLI 14.
32 unbestimmt Dio L 8.
31 am Circiis maximus und anderwärts Dio L 10.
23 unbestimmt Dio LIII 33.
14 am Forum Dio LIV 24.
12 auf dem Palatin Dio LIV 29.
9 durch Blitz Dio LV 1.
7 am Forum Dio LV 8.
3 n. Chr. Palatin Dio LV 12.
6 wegen der vielen Brände wird die Wehr der Vigiles
gebildet Dio LV 26. 16 schwerer Brandschaden Dio LVII 16.
27 Caelius Tac. Ann. IV 64 Suet. Tib. 48.
36 Circus und Aventin, Tiberius schenkt 100 Mill. Sest.
Unterstützung Tac. Ann. VI 51 (45) Dio LVIII 26. "" 38 Caligula zahlt Unterstützungen Dio LIX 9 Suet. Cal. 16.
50? grofser Brand Zonar. XI 11 Suet. Claud. 18.
64 von den 14 Regionen bleiben nur 4 verschont Tac.
Ann. XV 40 Dio LXII 18. 80 drei Tage und Nächte im Marsfeld Suet. Tit. 8 Dio
LXVI 24. ca. 150. 340 Häuser brennen ab vita Ant. Pii 9. 191 Friedenstempel und Palatin Dio LXXII 24 Herodian I
14 Galen XIII 362 K. 238 viele Menschen kommen um Herodian VII 12,5 vita
Maximini 20,6 Max. et Balb. 9,2. unter Aurelian Carinus Maxentius verzeichnet der Chronograph von 354 Brände.
§ 3. Die Stadterweiterung. 521
Für das Verhältnifs des bebauten Raumes inoerhalb der Alt- stadt zum unbebauten fehlt uns ein ziffermäfsiger Ausdruck; doch mufs es ein erschreckend ungünstiges gewesen sein. Mit dem Wachstum der Bevölkerung macht sich deshalb das Bestreben be- merkbar lind zieht sich durch sieben Jahrhunderte der Stadtgeschichte hin den freien Raum zu vergröfsern, durch Niederreifsen von Häusern dem öfTentiichen Leben Platz zu schaffen. So wird das Capitol bereits 384 v. Chr. gesäubert.^) Nicht lange darauf werden die Fleischer vom Forum entfernt und in ein eigenes Schlachthaus verwiesen. 2) 320 v. Chr. erhält das Forum Gallerien; zu seiner Entlastung werden 184. 179. 169 v. Chr. Häuser angekauft und die porcische fulvische aemihsche Basilika errichtet. 3) Aber während das Raumbedürfnifs andauernd steigt, versagen der Regierung die Mittel es zu befriedigen, bis schliefslich Caesar durchgreift und aus der gaUischen Beute die Grundfläche des Forums verdreifacht. — Besser als mit Luft hat der Freistaat seine Bürger mit Wasser ver- sorgt. Für die Mietcasernen reichten die vorhandenen Brunnen nicht aus, die zunehmende Verunreinigung des Tibers war geeignet die Trinkbarkeit des Flufswassers zu schmälern. *) Wenn daher in den Samniterkriegen die erste, nach dem Sieg über Pyrrhos die zweite künsthche Leitung angelegt war (S. 510), so wurde 144 mit einem Aufwand von 180 Millionen Sesterzen die 62 Millien lange vortreffHche Aqua Marcia, endlich 125 die Aqua Tepula hinzugefügt. Freilich genügte das gelieferte Quantum den Ansprüchen keines- wegs, und was schlimmer war, mit der einreifsenden Anarchie ge- rieten die Leitungen in Verfall. 5) — Als hervorragende Leistung der Römer wird neben der Strafsenpflasterung und Wasserzufuhr auch die Anlage unterirdischer Abzugscanäle betrachtet. 6) Durch sie sind die Niederungen der Altstadt und des Marsfeldes entsumpft (S. 494), die Hügel ihres Unrates entledigt worden. Die Cloaken erfüllen ihre Aufgabe noch heutigen Tages. Das weit verzweigte Netz ist von den Königen begonnen, im Lauf der Zeiten ausgedehnt und vervollkommnet worden. Die Regierung hat nach dem hanni-
1) Liv. VI 20 vgl. V 50 Val. Max. VI 3,1 Plut. Cam. 36,7.
2) Pomp. Stud. 275.
3) Liv. XXXIX 44 XL 51 XLIV 16.
4) Vgl. I 315 A. 4 Frontin aq. 4.
5) Frontin aq. 9.
6) Strab. V 235 Dion. H. III 67 Liv. I 56 Plin. XXXVI 104 fg.
522 Kapitel IX. Rom.
balischen Kriege bedeutende Summen für diesen Zweck verwandt; aber mit der Auflösung der Republik wurden die Werke verwahr- lost J) — Wie der römische Capitalismus in roher Selbstsucht be- fangen die üfTentliche Gesundheit gefährdete, zeigt endlich die Be- handlung der Todten. Während an allen Landstrafsen Grabmäler in thörichtem Prunk mit den Pyramiden wetteiferten , nahm der Schindanger vor dem esquilinischen Thor die Masse der Armen auf.2) Er wurde in den dreifsiger Jahren v. Chr. dem Maecenas überlassen, mit einer 8 m hohen Erdschicht verdeckt und in einen vielgepriesenen Garten umgewandelt. Darauf nimmt die bekannte Schilderung des Horaz Bezug:
huc prius angustis eiecta cadavera cellis conservus vili portanda locabat in arca; hoc miserae plehi stabat commune sepulcrum, Pantolabo scurrae Nomentanoque nepoti. mille pedes in fronte trecentos cippus in agrum, hie dahat heredes monumentum ne sequeretur. nunc licet Esquiliis habitare salubribus atque aggere in aprico spatiari, qua modo tristes albis informem spectabant ossibus agrum. Der Dichter bleibt hinter der Wirkhchkeit zurück die bei der 1872 begonnenen Anlage des esquilinischen Stadtviertels enthüllt wurde.^) Das abgesteckte Feld war von 10 m tiefen Gruben durchlöchert: Lanciani hat deren 75 untersucht. Menschen Thiere Unrat aller Art war in den Gruben durch einander gehäuft, trotz der langen Verwesung stiegen ekelhafte Dünste die Arbeit hindernd aus der Masse auf. Inschriften mit wiederholten Strafandrohungen kündeten dafs man kurzer Hand auch auf den benachbarten Grundstücken Leichen ablud. Es zeigte sich sogar dafs der Graben der servianischen Be- festigung bis an den Rand mit Leichen angefüllt war: auf dem kleinen Stück von 50 m Länge an dem die Thatsache erkannt wurde, mögen Zehntausende gemodert haben.
Die allgemeinen städtischen Verhältnisse erklären die Haltung der Bevölkerung in der langen Uebergangszeit vom Freistaat zur Monarchie. Die armen Schelme die der Hohn des Schicksals Herren der Welt nannte, hatten wahrlich keinen Beruf ihre Haut
1) Liv. XXXIX 44 Dion. H. III 67 Dio XXXXIX 43 Plin. XXXVI 104.
2) Varro LL. V 25 Fest. 217 Hör. Sat. I 8,8 fg. mit Schol.
3) Vgl. Lanciani, Ancient Rome 64 fg.
§ 4. Die Kaiserstadt. 523
für die Erhaltung des Bestehenden zu Markte zu tragen : jede Um- wälzung versprach ihnen eine Besserung ihres Loses. Die Plebs war und blieb caesarisch, weil der Kaiser sie mit Wolthaten über- häufle, für die tägliche Notdurft Luft und Licht Brot und Wasser sorgte, den Leib und Leben bedrohenden Gefahren nach Kräften wehrte, gelegentüch freien Mietzins und ein baares Stück Geld spendete, märchenhafte Augenweide und unaufhörliche Feste zum Besten gab. Die Stadt die vermeintlich den ganzen Erdkreis be- herrschte, sah die eigene ^Yolfahrt von der starken Hand ihres Gebieters umschlossen. Freilich hatten die von der Entwicklung der Weltstadt und des Weltreichs unzertrennlichen Schäden so tiefe W^urzelu geschlagen dafs sie von der Monarchie nur beschnitten, nicht ausgerottet werden konnten.
§ 4. Die Kaiserstadt. An äufserem Glanz stand das republikanische Rom hinter den Residenz- und Handelsstädten des Ostens, ja selbst hinter manchen Landstädten Italiens weit zurück. Während diese mit Theatern Odeen Amphitheatern Palaestren Thermen und endlosen Säulenhallen sich schmückten, dadurch dem gemeinen Manne das Dasein behag- licher und anmutiger gestaUeteu, blieben alle solche Herrlichkeiten der römischen Plebs bis auf die Monarchie versagt. Dem Pompeius wurde das erste steinerne Theater, Caesar die erste bedeutende Erweiterung des Forums verdankt. Sodann verwandelte Augustus nach seinen eigenen Worten die Lehm- in eine Marmorstadt, um deren Verschönerung die Nachfolger bis auf Constantin wetteifernd bemüht waren. Die Kaiserbauten bestimmen unsere sinnliche An- schauung vom antiken Rom, die Litteratur bringt durch ihre Reich- haltigkeit unserem Verständnifs die Kaiserzeit näher als frühere Epochen. 1) Die erhaltenen Bauwerke sind indessen geeignet das Urtheil über die städtische Entwicklung zu verwirren. Während sie theils durch den Ehrgeiz ihrer Urheber theils durch die fort- schreitende Verfeinerung der Sitten ins Leben gerufen worden sind, erwecken sie unwillkürlich die Vorstellung als ob die Einwohner- Schaft, wie trügerische Erfahrungen der Gegenwart zu lehren scheinen, seit Begründung des Reichs bis zu der Verlegung der Hauptstadt nach Byzanz in steter Zunahme begriffen gewesen sei, mindestens
1) L. Friedländer, Darstellungen aus der Sittengeschichte Roms in der Zeit von August bis zum Ausgang der Antonine, 3 B. Leipzig^ 18SS— 90.
524 Kapitel IX. Rom.
die anfängliche Höhe behauptet habe. Wäre dies richtig, so be- fänden wir uns dem Gang der Wellbegebenheiten gegenüber in schwerer Verlegenheit. In Wirklichkeit jedoch läfst sich der Irrtum als solcher nachweisen.
Etwa vier Jahrhunderte lang von den Gracchen bis Aurelian war Rom eine offene Stadt deren Ausdehnung nur annähernd ermittelt werden kann.') Zwar beschränkt der strenge Sprachgebrauch die Bezeichnung urbs auf die Allstadt innerhalb der servianischen Mauer. Aber nur der Wall auf dem Esquilin bleibt als Sleuergrenze erhalten, der übrige Umkreis ist eingerissen überbaut und unkenntlich geworden. Die Mauer wird in der Kaiserzeit ersetzt durch das Pomerium. Die wiederholte Erweiterung desselben an die S. 513 erinnert wurde, hängt mit dem Vorgehen in der Altstadt zusammen. Um Licht und Luft in die grauenhaft übervölkerten Quartiere zu schaffen, werden Iläuserblücke niedergerissen und räumen öfl'entlichen An- lagen den Platz. Den Umfang der Enteignungen veranschauhcht z. B. die Thatsache dafs die Bauten auf dem Palatin 10 ha, die Kaiserfora 6 ha, die Thermen Traians 7 ha Privatbesitz verschlangen. Zum Ersatz haben die Schöpfer dieser Werke von Caesar bis Aure- lian das Pomerium vorgerückt, d. h. den Bezirk des vollen keiner Bodensteuer unterworfenen Eigentums vergrüfsert. Die Grenze des steuerfreien Stadigebiets wird seit Claudius durch beschriebene Steine hervorgehoben. 2) Unler diesem Kaiser ändert sich auch die bisher gellende räumliche Auffassung des Pomerium. Man bezog dasselbe früher auf die Mauer die Romulus um den Palatin er- richtet hatte. .Aber durch Augustus werden die romulischen Er- innerungen mit den caesarischen für immer verschwistert. Palatium erhält die Bedeutung Kaisersitz und wird als arx imperii wie bis- lang die arx Romana das Capitol von der urbs ausgeschieden. 3) Im Zusammenhang damit wird fortan das Pomerium auf die Mauer des Servius bezogen, wird der Aventin ihm einverleibt. In weitester Ausdehnung beschreiben die von Vespasian gesetzten Grenzsteine eine ungefähr T'/i Millien 11 km lange Linie, die annähernd 600 ha freien Grund und Boden umschliefst. Die aufserhalb gelegenen Stadttheile sind minder bevorrechtet und haben vielfach Bodenzins
1) Dion. H. IV 13.
2) Hülsen, Hermes XXll615fg.
3) Dio Uli 16 Tacit. Hist. III 70. 71.
§ 4. Die Kaiserstadt, 525
an den Staal zu entrichten. Dazu gehören das ganze rechte Tiberufer, das eigentliche Marsfeld sowie Abschnitte verschiedener Bezirke. — Seit Caesar reicht Rom so weit wie die Strafsen von geschlossenen Häuserreihen eingefafst sind (S. 512). Die Eingemeindung der Neustadt wird 7 v. Chr. zum Abschlufs gebracht, da in diesem Jahr die Eintheilung des Ganzen in 14 Regionen oder Polizeibezirke er- folgt.') Die Stadtgrenze wird auf dem Esquihn durch den ser- vianischen Wall gebildet, mufs aber im ganzen Umkreis seit Ein- führung einer Verbrauchsteuer durch Caligula scharf umschrieben gewesen sein, so dafs der Ein- und Ausgang auf 19 Thore beschränkt blieb. ^) Die Grenze hat nachweislich geschwankt, ihre gröfste Aus- dehnung 73 n. Chr. durch Vespasian erlangt. Damals mafs sie 13,2 Milben 19,5 km, während die aurebanische Mauer nur 18,8 km lang ist.3) Da sie aber das von dieser einbezogene Praetorianer- lager ausschliefst, mufs sie nach anderen Richtungen bedeutend über die jetzigen Thore, namentlich am Flufs hinausgegriffen haben. Der innerhalb der Zollgrenze befindliche Flächenraum kann auf an- nähernd 2000 ha veranschlagt werden. Für dies Gebiet bleibt das S. 509 besprochene Fahrverbot bis zum Anfang des dritten Jahr- hunderts in Kraft.4) Wenn Wein, Oel, zeitweise auch Obst und Gemüse hier zollpflichtig sind, so kommen anderseits den Bewohnern allein die Kornspenden aus den Staalsmagazinen zu Gute, die nur ausnahmsweise auf die Vorstädte ausgedehnt werden.^) — Jenseit der Zollgrenze reicht das städtische Weichbild noch eine Millie weiter. 6) Es mifst 20 Milben 30 km im Umfang, erstreckt sich bis in die Nähe von M. Mario Ponte Molle S. Agnese und den Katakomben der Via Appia. Die christlichen Friedhofe meiden dies Gebiet, auf dem orientahscber Gottesdienst nicht geduldet wird.^) Es bezeichnet die Grenze der bürgerlichen Rechtsprechung die tief in das Verkehrsleben eingreift. *) — Nicht zur Stadt gehörig und
1) Dio LV 6. 8. 26. Säet. Aug. 30.
2) Dig. L 16,2. 87. 139. 147. 173: urbis appellatio muris , Romae autem continentibus aedificiis finitur quod latius patet.
3) Plin. III 65fg. und meine Erklärung Rhein. Mus. XüX 275 fg.
4) Friediänder a. 0. I^ 71 fg.
5) Vita Heliogabali 27,7.
6) Dig. L 16,154 mille passus non a miliario urbis sed a continentibus aedificiis numerandi sunt.
7) Dio LIV 6 vgl. Val. Max. II 4,2.
8) Gaius IV 104 Dig. XXXIII 9,4 L 16,2. 87. 139. 147. 173.
526 Kapitel IX. Rom.
doch durchaus von ihr ahhSngig fafst ein breiter Villengürlel das Weichbild ein, das nicht rechtlich, aber thatsdchhch erst nach 4—5 MiUien sein Ende findet. Die ganze bauHche Entwickhing seit dem Ausgang der Repubhk wird von dem Streben nach Ver- gröfserung des Wohnraums beherrscht. Erst nach einer langen Periode des Stillstands und Verfalls hat die Mauer Aurelians diesem Streben ein Ziel gesetzt. Man darf aus der anhaltenden Raum- erweiterung nicht so sehr auf einen Zuwachs der Bevölkerung als auf eine Steigerung der Lebensansprilche schliefsen, die für die oberen Schichten der Gesellschaft bezeugt wird und aller Wahr- scheinlichkeit nach wie in den Landstädten so auch hier den Mittel- stand ergriffen hat. Angesichts der vorhandenen Ueberreste kann man den Alten die über keine heutigen Verkehrsmittel verfügten, wol nachfühlen dafs Rom den Eindruck des Unermefslichen wach rief. Von welchem Standort, meint Aristides in einer um 145 ge- schriebenen Lobrede, konnte man soviel mit Gebäuden bedeckte Hügel, in Städte verwandelte Thäler, oder richtiger so viel in einer Stadt vereinigtes Land übersehen? Man befindet sich immer in der Mitte wo man auch hingeht. Die Wirkung wurde durch die Höhe der die engen Gassen einfassenden Mielhäuser verstärkt (S. 518). Wird die Höhe neben der Ausdehnung berücksichtigt, sagt Plinius, so kommt keine Stadt auf Erden dieser gleich. Ari- stides läfst Rom wie einen starken Mann der andere in die Höhe hebt, Städte auf Städten tragen : würden sie auf dem Boden aus- gebreitet, so wäre ganz Italien bis zur Adria von einer zusammen- hängenden Stadt eingenommen.!)
Die Bevölkerung hat in der Zeit des höchsten Aufschwungs unter den iuhschen Kaisern eine Million, vielleicht selbst andert- halb Millionen, letztere Ziffer jedoch nicht erheblich überstiegen. 2) Im J. 5 V. Chr. zählte man 320 000 Bürger, von denen 200000 Korn aus den öffentlichen Magazinen empfingen: da aber das weib- liche Geschlecht weit schwächer vertreten war als das männliche, kann die gesamte Plebs kaum 800 000 Köpfe erreicht haben. 3) Dazu kam der Adel, mindestens 5000 Ritter mit einem Census von 400000 Sesterzen*), 600 Senatoren mit einem Census von
1) Arist. Gr. XIV p. 198 fg. J. Plin. III 67.
2) Darin kommen die besonnenen Erörterungen so ziemlich überein vgl. Fried- länder a. 0. 1 p. 58 fg. Marquardt, Staatsverw.II p. 1 17 fg. Beloch, Bevölkerung 392 fg.
3) Monum. Anc. c. 15 Dio LIV 16 LVI 7. 4) Dion. Hai. VI 13.
§ 4. Die Kaiserstadf. 527
einer Million, ferner eine Garnison von 20 000 Mann und eine Masse von Fremden, ^'ach Aeufserungen alter Schriftsteller soll die freie Bevölkerung hinter der unfreien zurückgestanden haben. i) Ihr Blick ist jedoch getäuscht worden durch die Sklavenmenge welche die Paläste erfüllte und in der Gegenwart nur in Indien oder an slavischen Adelshöfen ihres Gleichen findet. Für jedes Kutschenpferd einer europäischen Grofsstadt brauchte Rom vier Sänftenträger, die Dienerschaft eines heutigen Fürsten genügte höchstens den Ansprüchen eines gewöhnlichen Ritters, das Haus- gesinde des Stadtpraefecten 61 n.Chr. umfafste 400 Sklaven (S. 119). Auch hat das in den verschiedenen Zweigen der Staatsverwaltung verwandte öffentliche Gesinde, insonderheit die grofsen Gladiatoren- banden, für die allgemeine Sicherheit Besorgnifs einflöfsen können. Allein wenn wir erwägen dafs Rom von der Arbeit der Provinzen lebte und keine nennenswerte Ausfuhr besafs, so fehlte der An- lafs eine unfreie Fabrikbevölkerung anzuhäufen der an anderen Orten gegeben war. Deshalb ist es ratsam die Zahl der Sklaven geringer anzuschlagen als gewöhnlich geschieht: 300 000 dürfte eher zu hoch als zu niedrig gegriffen sein. Der jährliche Verbrauch an Weizen der sich unter Augustus auf 60 Millionen Scheffel (5,2 Mill. hl) belief, bestätigt das gewonnene Ergebnifs dafs die Einwohnerschaft mehr als eine Million betragen habe.^) Ihre Er- nährung hat zu den schwierigsten Aufgaben der kaiserlichen Politik gehört; oft genug wenn die Zufuhr aus Afrika und Aegypten stockte, sind Fremde und Sklaven ausgetrieben worden. Da das Gedeihen der Stadt ausschliefslich von der Regierung abhing, war von einem Wachstum aus eigener Kraft keine Rede, In viel höherem Mafse als es von modernen Grofsstädten gilt, war ihr Be- stand auf Einfuhr von Sklaven und Einwanderung angewiesen. Mit dem 19. Juli 64, dem Neronischen Brande hebt der sichtliche Niedergang an , dem Brande folgte Schlag auf Schlag die Pest die im Herbst 65 30000 Menschen hinraffte 3) , die Thronkriege, die Erstürmung Roms an den Saturnalien 69. In den ersten Jahren Vespasians lagen noch viele Brandstätten wüst.^) Die beiden nächsten
1) Tacit. Ann. IV 27 Sen. de dem. I 24.
2) Aegypten lieferte 20 Mül. Aur. V. ep. 2, ein Drittel des jährlichen Be- darfs Joseph b. J. II 16,4.
3) Tac. Ann. XVI 13 Suet. Nero 39.
4) Suet. Vesp. 9 CIL. VI 931.
528 Kapitel IX. Rom.
Geschlechter sahen die herrlichsten Prachtbauten erstehen, aber es ist wenig wahrscheinlich dafs die Bevölkerungsziffer je wieder ihre frühere Ilühe erreicht habe (S. 129). Die Malaria greift um sich (1 417), verheerende Seuchen, wie eine solche im Herbst 79 10000 Menschen täghch hinraffle'), die an 20 Jahre unter Marc Aurel und Commodus wütenden lilaltern-), die Pest unter Gallien mit 5000 täglichen Stei befallen '^), reifsen Lücken die nicht wieder aus- gefüllt werden konnten. Um 200 unter Septimius Severus ist der Gelreidebedarf auf 26 '/a Millionen Scheffel gesunken, weniger als die lliilfle des zur Zeit des Augustus benotigten Quantums: dafs die Einwohnerzahl in entsprechender Weise zurückgegangen war, leuchtet von selbst ein.^j IVun stand auch kein Gedränge der Strafsen dem Fahren mehr im Wege (S. 509). Und nach abermals zwei Jahrhunderten, nachdem das neue Rom am Bosporos das alte am Tiber zur l^umpelkanimer herabgedrückt halte, reichten 5 Mil- lionen Scheffel zum Unterhalt aus.^) Wenn vollends Konig Theo- derich nur eine Jahreslieferuug von 120 000 Scheffel, nach früherer Rechnung die Quote für 2000 Bürger, aussetzte, so mufs die Stadt um 51)0 bereits menschenleer gewesen sein, 6) Schliefslich bricht mit den Gollienkriegen die Nacht der Verödung und Zerstörung ein. Die wechselnden Bilder welche die Geschichte der Weltstadt von den Gracchen bis Kaiser Coustantin aufrollt, wiederholen alle den nämlichen übereinstimmenden Grundzug: die Stadt nimmt un- unterbrochen zu an Gesundheit Ordnung Sicherheit, an Schönheit und Pracht, sie nimmt ununterbrochen ab an Kraft Ansehen und Geltung im öffentlichen Leben. Um die Zeit Sullas beginnen die Reichen ihre Wohnungen umzugestalten: die Säule, dasjenige Ele- ment welches die Wandlung des Hauses in den Palast ermöglichte, dringt in den Privatbau ein. Die Baulust wird zum Bauheber: das schönste Haus Roms 78 v. Chr. wurde nach Verlauf eines Menschen- alters von hundert anderen übertrolfen.') Seitdem die Schranken
1) Hieron. a. Abr. 2093 Dio LXVl 23 Suet. Tit. «.
2) Galen XJX 15 IV 788 X 360 Kühn vila M. Ant. 13 Dio LXXIl 14 Hero- diaii I 12.
3) Vila Gallieni 5.
4) Vila Sepl. Sev. 23 vgl. Hirschfeld Phil. XXIX 25.
5) Ich glaube inil Hirschfeld a. 0., dafs die Nachricht Olympiodors Phot. cod. 80 p. 59,30 Bk. so zu deuten sei.
tJ) Anonymus Val. 67. vgl. Prokop b. Golh. 11 3. 7) Plin. XXXVI 7. 45. lU9fg.
§ 4. Die Kaiserstadt. 529
gefallen waren die die Erweiterung der Wohnfläche behinderten, dehnen sich die Säulenhallen und Gärten der Grofsen in einem Umfang aus dafs 4 Morgen (1 ha), wie man spottete, nur ein be- engtes Wohnen gestalteten. i) Nero nahm für sein Goldenes Haus im Mittelpunct der Stadt einen Raum von 50 ha in Anspruch und meinte damit eine menschenwürdige Stätte erlangt zu haben. 2) Er- freuhcher und bedeutsamer als die Offenbarungen mafsloser Selbst- sucht und Ueppigkeit die auf den Höhen der Gesellschaft zu Tage treten, erscheint die von Caesar geplante und von seinem Sohn in halbhundertjähriger Friedensarbeit durchgeführte Besserung der Dinge im Grofsen. Von Augustus rührt die neue Bauordnung her (S. 517. 18), von ihm die fortan herrschende Bauweise: der schlechte Luftziegel wird verdrängt durch stahlharten Backslein, der matte stumpfe Peperin und Sperone durch leuchtenden Travertin (I 263) und den schimmernden Marmor von Luna (S. 285). Er verdoppelt die Ausdehnung des Forum und stellt dem alten ein neues glänzen- des Rom im Marsfeld an die Seite. Was er alles im Dienst des Gemeinwesens gebaut hat, zählt seine Grabschrift mit berechtigtem Stolze auf; um das Bild zu vervollständigen müssen wir der langen Liste die Leistungen seiner Genossen anfügen. 3) Freilich spiegelt das Bild den Zwiespalt wieder der das ganze Staatsleben durchzieht: Altes und Neues, Imperium und Republik stehen im Aeufseren der Stadt sich unvermittelt gegenüber. Langsam gleitet die städtische Verwaltung, ein Zweig nach dem anderen, in die Hand des Kaisers. Nero verleiht den thatsächhchen Verhäliuisseu einen ungewöhnlichen Ausdruck: nicht durch die Mittel durch die Napoleon Hl das könig- liche Paris in ein kaiserhches umschuf, nicht durch Enteignung und Umbau, sondern durch Feuer vernichtete er das alte Rom mit seinen ehrwürdigen Ueberlieferungeu.-'j Unter all den Gewalligen die die lange Stadtgeschichte vorführt, hat keiner so tief eingegriffen wie dieser Lotterbube. Aber ein gerechtes Schicksal bat seiu An- denken von dem entweihten Boden ausgetilgt und den Ruhm der Gründung einer neuen einheilhchen strahlenden Kaiserresidenz dem Vespasian und seinen Söhnen vorbehalten. Amtlich heifst Rom
1) Val. Max. IV 4,7 Sallust Cal. 12 Seneca Ep. 90,43 114,9 Plin. XIX 50 Stat. Silv. I2,t52fg. Maitial Xil57,19fg. Olympiod. Phot. cod. 80 p. 63a ßk.
2) Suetoa N. 31. 38 Otho 7 Tac. Ann. XV 42.
3) iMonum. Anc. c. 19—21 Sueton 28—30 Strabo V 236.
4) Vgl. meine Bemerkungen Sybels Hist. Zeilschr. XXXII 337 fg. Xissen, Ital. Landes^onde. II. 34
630 Kapitel IX. Rom.
Sacra %irbs Kaiserstadt erst seit Septimius Severus, thatsächlich wurde es dazu durch Nero gemacht. Von den 14 Regionen waren 3 vüUig, 7 grofsentheils eingeäschert, die 4 äufseren allein ver- schont gebliehen: der Aulbau hat ein Jahrzehnt und länger ge- dauert (S. 527). Er ging planmäfsig von Statten : die Strafsen wurden gestreckt, verbreitert (S. 515), von forllaufenden Bogen- gängen eingefafst, den Hausbesitzern die Verwendung feuerfesten vulkanischen Gesteins im Erdgeschofs vorgeschrieben, gemeinsame Zwischenwände untersagt.") Es war auch jetzt die Müghchkeit ge- boten die in der Mitte befindlichen Gegenden von Privatgebäuden frei zu halten, dafs sie wie die Lungen dem Körper die Luft den Mietvierteln zuführten. Mit dem Schlagwort exhilarata servitus halte einst Cicero die Monarchie begrüfst; jeder Schritt den Rom vom Freistaat zur unverhüllten Despotie hin macht, bringt ihm einen neuen Schmuck, neue Annehmlichkeit und Unterhaltung. Das Leben war und bUeb kostspielig; der schäbige Client der um einen Hungerlohn hinter der Sänfte seines Herrn herlrottete, wohnte er- bärmlich ; die Grofsstadt verschlang Jahr aus Jahr ein ein Heer von Menschen nach dem Niemand fragte. Trotz Allem war es besser geworden seit jenen Tagen wo Salurninus und Clodius die Quirlten zur Wahlschlacht führten. Rom hatte mehr Luft und Licht und Grün erhalten, fliefsendes Wasser in verschwenderischer Fülle, Prachtbauten und Kunstwerke ohne Zahl wie nie eine Stadt auf Erden besessen hat. Die überschwengliche Bewunderung die ihm von den Berichterstattern aus fünf Jahrhunderten gezollt wird, er- scheint auch den nüchternen Sinnen der Gegenwart wolverdient.2)
§ 5. Die Stadttheile.
Acht Jahrhunderte waren seit dem Bau der servianischen Mauer verflossen, halb so viel seit ihrem Verfall, als die Furcht vor den Germanen wieder eine grofse Festung am Tiber schuf. Kaiser Aurelian begann 271 das Werk, Kaiser Probus vollendete es. Die Mauer 18,8 km lang, 16 m hoch, ist aus Backstein aufgeführt, mit Thürmen wol ausgerüstet, ohne Graben, hat 14 (15) Thore, 12 (13)
1) Tac. Ann. XV 43. Die Vorschriften sind immer wieder übertreten worden Marlial VII 61 Herodian Vll 12,5 Ammian XXVII 9,10, über die liederliche Bau- art der Zinshäuser S. 518.
2) blrabo V 235fg. Plin. XXXVI 101 fg. Ammian XVI 10.
§ 5. Die Stadttheile. 531
am linken, 2 am rechten Flufsufer.i) Sie hat, von Honorius Belisar u. a. hergestellt, den Wechsel der Zeiten überdauert und steht im Wesentlichen noch heute. Unwillkürlich erweckt sie eine Vor- stellung vom alten Rom die nicht zutrifft, da sie nicht die Blüte sondern den Verfall zum Ausdruck bringt. Wenn der eingeschlossene Raum nur 1230 ha (Beloch) mifst, so umfafst die von Vespasian gezogene Stadtgrenze eine mehr als anderthalb mal so grofse Fläche (S. 525). Auch die statistischen Verzeichnisse des vierten Jahr- hunderts (S. 486 A.) haben das Urtheil verwirrt. Ihre Angabe dafs Rom 1790 Einzelhäuser und 46602 Mietwohnungen enthielt, führt auf eine Bevölkerungsziffer von etwa ein Drittel Million die den damaligen Verhältnissen, nicht aber früheren angemessen erscheint. Die öffentlichen Anlagen deren trockne Aufzählung so inhaltsvoll ist, waren auf gröfsere Menschenraassen berechnet. Die Statistik ver- zeichnet u. a. 28 Bibliotheken (davon werden 7 anderweitig mit Namen erwähnt), 11 grofse Thermenanlagen, 856 Badestuben, 1352 fliefsende Brunnen, 19 Wasserleitungen, 2 Circus, 2 Amphitheater, 4 Gladiatorencasernen, 5? Naumachien, 3 Theater, 36 Marmorbögen, 22 grofse Reiterbilder, 80 goldene und 74 Götterbilder aus Elfen- bein. Die Menge der öffentlichen Stand- und Reiterbilder die noch unter Theoderichs Regierung vorhanden waren, gab seinem Minister die Wendung populus copiosissimus statuarum, greges etiam abun- dantissimi equorum in die Feder.*)
Für die Zwecke der Verwaltung hatte Augustus 14 Regionen eingerichtet (S. 525), die 7000 Mann starke Pohzei und Feuerwehr der vigües zerfiel in 7 Cohorten, so dafs der Regel nach die einzelne Cohorte den Dienst in zwei Regionen versehen haben wird. Aber die herrschende Annahme als ob die einmal getroffene Eintheilung ohne Rücksicht auf die bedeutenden Schwankungen der Stadtgrenze, die Einführung einer Verbrauchsteuer, die ausgedehnten Enteig- nungen im Inneren , die Befestigung usw. unverrückbar bis ins vierte Jahrhundert fortbestanden haben sollte, sieht recht unwahr- scheinlich aus. Das Gegentheil lehrt die mit den kleinsten Ver- waltungskörpern den viel vorgenommene Veränderung: 73 n. Chr. gab es ihrer 265, im 4. Jahrhundert auf zwei Dritteln der früheren Grundfläche nach der Summe der in der Statistik angeführten Einzel-
1) Prokop b. Goth. I 19 II 9.
2) Cassiodor Var. VII 13.
34'
532 Kapitel IX. Rom.
ansiitze 304 oder 307, nach der ebendort enthaltenen Hauptsnmme gar 423. Rlärhch sind die Stadtbezirke im letzeren Falle viel kleiner gewesen als im ersteren. Aus dem Gesagten erhellt zugleich warum wir bei unserer Umschau die constanfinische Beschreibung nur be- dingt als Filhrerin wählen dürfen.
Wir beginnen mit der 14. Region traiis Tiberim der ausge- dehntesten von allen, die im Lauf der Zeiten allmälich eng und i-n^er mit der Stadt verwachsen war. Schliefslich führten 6 Brücken hinüber, halb soviel wie heute, nämlich von Norden beginnend: pons Aelins oder Hadriani Ponte S. Angelo, pons Aurelius Ponte Sisto (Ersatz für den abgebrochenen pons Agrippae S. 512), die beiden Inselbrücken pons Fabrkins Ponte Quattro capi und pons Cestins oder pons Gratiani Ponte S. Bartolomeo, pons Aemiltns Ponte rolto, jetzt verschwunden wie der nahe pons sublmus (S. 511) und der pons Probi oder Theodosii am Aventin. In früheren Jahr- hunderten halten Mucius Scaevola und Cincinnatus ihre Hufen die ihnen hier auf etruskischem Grund und Boden angewiesen worden waren, bestellt. Sodann hatten sich Fischer Gerber Töpfer ange- siedelt und am Ausgang der Bepublik eine Masse orientalischer 'Freigelassener, namenthch Juden.') Von dem Umfang der Juden- schaft zeugt die Nachricht dafs ihrer 8000 den Gesandten des Königs Ilerodes das Geleit zur Audienz bei Augustus gaben, dafs 4000 im J. 19 n. Chr. nach Sardinien gegen die Briganten ver- schickt wurden, zeugen vier aufgefundene jüdische Katakomben. Und obwol sie sich auch in der Vorstadt an der Via Appia 2) sowie auf dem Esquilin^) eingenistet hatten, blieb Trastevere doch ihr Hauplsitz bis 1556, wo Paul IV. sie nach dem 1887 niedergerisseneu Ghetto an der Porticus Octaviae verpflanzte. Das ganze Flufsufer bis weit jenseit der Engelbrücke war ebenso wie das gegenüber liegende in den Bereich des Verkehrs gezogen und mit Magazinen bedeckt. Für diese dicht bevölkerte Begion die 78 Viel zählte, während die ihr zunächst kommende nur 35 hat, war von Augustus eine Wasserleitung aus dem Alsietiner, von Traian eine zweite aus der Gegend des Sabatiner Sees angelegt worden; die letztere ist als Aequa Paola seit 1611 wieder in Betrieb. Wie die Niederung
1) Philo Leg. ad Gaium 11 Cic. pro Fiacco 67 Josephus Ant. XVII 11,1 Tac. Ann. II 85 Sueton Tib. 36 Glaud. 25 Uio LX 6 Friedländer llie p. 618.
2) Juvenal 3,1 4 fg., liier befinden sich zwei Goemeterien.
3) Bull, crist. 1883 p. 79.
§ 5. Die Stadtlheile. 53B
eine ärmliche und fleifsige Einwohnerschaft festhielt, wurde der Reichtum durch den Hügelrücken mit seiner weiten Aussicht an- gelockt 1) :
hinc Septem domtnos videre montes
et totam licet aestimare Romain
Albanos quoque Tnsculosque coUes
et quodcunque iacet sub urbe frigus.
Viel genannt ist die Villa Caesars in der die letzte Königin von Aegypten Hof hielt, mit prachtvollen Gärten die vom Eigen- tümer letztvvillig dem Volk vermacht wurden. Die ausgedehnten Gärten der älteren Agrippina reichten his an den Flufs: ihr Sohn Caligula legte darin einen Circus an, dessen Stelle die Peterskirche einnimmt, der grofse Ohelisk vor St. Peter stand auf der Spina. Kaiser Nero pflegte in diesem Circus als Wagenlenker zu glänzen und hat durch greuelvolle Marter der Christen die Stätte ehrwürdig gemacht.^) Bis zum Ausgang des vierten Jahrhunderts haben Mithras und Kybele um den blutgedüngten Boden mit dem Christen- gott gerungen, ein Jahrhundert später ergriff der Statthalter Christi dauernd Besitz. Dafs er ihn durch alle Stürme des Mittelalters hindurch bis auf unsere Tage behaupten konnte, war zum guten Theil durch das Grabmal veranlafst das Hadrian in den Gärten der Domitia begonnen und sein Nachfolger 139 beendet halte. Für die Asche der Kaiser bestimmt die bis Caracalla in ihm Aufnahme fanden, stellte der wuchtige Quaderbau — ein Unterbau von 104 m im Geviert, darüber ein Cyhnder von 73 m Durchmesser, im Ganzen 50 m hoch — einen natürlichen Brückenkopf für den Rons AeHus dar der zum Marsfeld hinüberführte. Dafs ihm solche Bestimmung im Plan der aurelianischen Befestigung zugedacht war, hegt auf der Hand. Er erfüllte sie zum ersten Mal 537, als die Gothen unter Vitiges an seinen Mauern sich die Köpfe einrannten, und hat — nach einer Pest von 590 dem Erzengel Michael geweiht und daher Engels- burg benannt — seitdem als Zwingburg der ewigen Stadt gedient.
Die Errichtung des Aesculaptempels auf der Insel 291 v. Chr. bahnt den Uebergang auf das rechte Ufer an (S. 510). Inzwischen war bereits auf dem hnken eine bedeutende Vorstadt im Entstehen begriffen. Wir haben S. 443. 501 darauf hingewiesen dafs ein Bach
1) Martial IV 64,11 vgl. Cic. pro Caelio 36, I 316 A. 6.
2) Seneca Dial. V 18,4 Dio LIX 14 Plin. XXXVI 74 Tac. Ann. XIV 14 XV 44.
534 Kapitel IX. Rom.
die Ebene nördlich vom Capitol und Quirinal durchflofs, dafs Sümpfe einen AngrilT auf die servianische Festung von dieser Seite her erschwerten. Nach der Sage war das ganze Feld Krongut der Tarquinier und ging nach deren Vertreibung in den Besitz des Staates über.') Daraus sind Stücke an Privatleute verliehen oder verkauft worden, verliehen z. B. für Grabstätten, verkauft nament- lich 88 V. Clir. (S. 513), und damit hängt das Vorrücken des Po- merium zusammen. Weil die Strecke zwischen Capitol und Flufs die einzigen bequemen Ausgänge aus der Stadt bot, beginnt der Anbau vor Porta Flumenlana und Porta Carmentalis (S. 501). Hier erwächst ein Gegenbild zum Ochsenmarkt im forum olitorium auf dem die Oberländer das Gemüse das sie auf Kähnen herangeschafft hatten, feil boten. Ein dicht bewohntes gewerbliches Viertel schliefst sich an. Es wurde S. 510 erwähnt dafs Gaius Flaminius dieser Neustadt ihren Stempel bis auf die Gegenwart aufgedrückt hat. Die via lata Corso, der Anfang der von ihm erbauten Strafsc trennt in der späteren Einlheilung die 9. {circus Flaminius) nach dem Flufs zu gelegene von der 7. (via lata) nach dem Pincio zu gelegenen Region, Jene hat den wesentlichsten Theil der mittelalterlichen Stadt ausgemacht. — Die Alten unterschieden darin zwei Hälften: die kleinere am Fufs des Capilols wurde nach dem Circus Flaminius benannt, der als Markt- Renn- und Versammlungsplatz für die Plebs diente. In den anstofsenden alten Tempeln der Bellona und des Apollo (S. 509) fanden Senatssitzungen aufserhalb des Pomerium statt. Die grüfsere Hälfte der Ebene hiefs nach dem campus Martins, auf dem in alten Zeiten die bewaffnete Bürgerschaft zur Ausübung ihrer höchsten Rechte antrat. Als die Bürger der Waffen entwöhnt waren und kein äufserer Feind ihre Sicherheit bedrohte, sind die Machthaber ans Werk gegangen in dem Häusergewirr das nach und nach aus dem Boden aufgeschossen war, Ordnung zu schaffen und es mit zeitgemäfsen Anlagen zu schmücken. So erbaute Pompeius 55 V. Chr. ein steinernes Theater mit 40 000 Sitzplätzen und eine grofse Säulenhalle daneben. So begann Caesar die saepta Julia für die Tributcomitien in Marmor herstellen und mit hohen Säulen- hallen von 1000 Schritt Länge einfassen zu lassen. 2) Das Gebäude das später als Bazar verwendet wurde, ist, von anderen Plänen zu schweigen, erst durch seinen Nachfolger vollendet worden. Augustus,
1) Liv. II 5 Dion. Hai. V 13.
2) Cic. Att. IV 16,8 vgl. XIII 33,4.
§ 5. Die Stadttheile. 535
Agrippa und die anderen Stützen des Kaisertums statteten das Marsfeld mit jener überschwänglichen Pracht aus, die in den Augen fremder Besucher das alte Rom der Repubhk zu einem blofsen An- hängsel des neuen herabdrückle.i) Die Porticus der Octavia, des Philippus, das Theater des Marcellus, des ßalbus, das Amphitheater des Statilius Taurus, von Agrippa das Pantheon, die Thermen, der Neptuntempel, endUch das kaiserliche Mausoleum legen dafür zum Theil auch uns Zeugnifs ab. Der Reichtum ist andauernd vermehrt worden: durch Domitian (Tempel der Minerva, Stadium, Odeum) Hadrian (Strafse nach seiner Brücke via tecta) Marc Aurel (Sieges- säule) u. a. Die Säulenhallen der 9. Region mafsen nach einer Schätzung 4^2 km Länge. Dem Agrippa verdankt sie noch jetzt ihr treffliches Trinkwasser (aqua Virgo 19 v. Chr.). Die Anlagen des Marsfeldes erstrecken sich noch über den östlichen Abschnitt der Ebene, der amtlich der 7. Region zugewiesen war. Erwähnt wird hier die Porticus der Pola mit der Weltkarte ihres Bruders Agrippa, der Sonuentempel Aurelians; vier Triumphbögen über- spannten die Via Lata. — An Volkszahl stand die 7. Region hinter der 9. zurück, da letztere 35, erstere nur 15 vici umfafste. An Ausdehnung keineswegs; denn das Pomeriura griff über die aure- lianische Mauer hinaus. Aber während die Massen in der Niederung gedrängt wohnten, war der Pincio (S. 492j von wenigen Gärten in Anspruch genommen: Luculi entfaltete auf ihm seinen Geschmack und seine Schätze, desgleichen Pompeius und Sallust; die Besitzung des Geschichtschreibers reichte bis auf den Quirinal. Es entspricht dem Gang der Zeiten dafs alles schhefslich in die Hand des Kaisers gelangte und die Wenigen die von dieser anmutigen Höhe auf das Gewimmel zu ihren Füfsen herabblickten, von einem einzigen Herrn abgelöst wurden.
Die Aussicht vom Pincio wird im Süden durch das Capitol begrenzt, dessen Höhe zuerst 1348 durch die Treppe nach Araceli, dann 1536 durch zwei neue Wege vom Marsfeld her zugänglich gemacht worden ist. Derart erscheint die Stadterweiterung nach dieser Richtung ebenso wie Trastevere als ein fremdartiger Zusatz. Dagegen ist die servianische Altstadt in natürlichem Fortschreiten nach Ost und Süd gewachsen und bildet mit den Aufsenringen eine zusammenhängende Einheit. Die Mitte von Stadt und Reich,
.) Strabo V 236.
536 Kapitel IX. Rom.
von urbs und oibis nehmen Capitol (S. 504) und Palatium (S. 524) ein: dort thront der Herrscher des Himmels, hier thront der Herr- scher der Erde. Es entspracli den Gedanken die er von der kaiserlichen Allmacht nährte, wenn Caligula die beiden Herrscher- sitze äiifserlich durch eine Brücke mit einander verband. Anfäng- lich hatten die Gebieter andere Beisassen neben sich geduldet. Seit 384 V, Chr. jedoch war den Adlichen untersagt auf dem Capitol zu wohnen. Die alte Stadt des Romulus verblieb ihnen bis zum Aus- gang der Republik. Fulvius Flaccns der Verbündete der Gracchen, Lulatius Catulus, Cicero, Catilina, Clodius, die Redner Licinius Cal- vus und Hortensius, Antonius, Agrippa, Messalla, um ein paar be- kannte Namen zu nennen, haben in den Mauern des Palatium ihr Heim aufgeschlagen. Hier stand die Wiege des Augustus, hier das Haus des neuen StadtgrUnders. Unmerklich im Stillen wird der ganze Berg den einst die Gelahrten des Romulus bevölkert hatten, in kaiserliches Eigentum verwandelt. Die Ruinen weisen neben den von Augustus Tiberius Domitian Septimius Severus herrührenden Prunkräun)en eine Unzahl kleiner Zimmer und Kammern auf, der- art den Umlang des Hofgesindes veranschaulichend. In der That mufsten, von den Luxussklaven abgesehen, Tausende fleifsiger Köpfe und Hände sich regen um die hier zusammen strömenden Geschäfte zu bewältigen. — Auch die Anlage der Kaiserfora ist keines- wegs allein auf persönlichen Ehrgeiz und das Streben nach Ver- schönerung Roms zurückzuführen. Vielmehr ist sie zunächst durch praktische Bedürfnisse veranlafst worden. Innerhalb eines Menschen- alters von Augustus bis Claudius stieg die Bürgerschaft um die Hälfte, von 4 auf 6 Millionen, und hat seitdem nicht durch natür- lichen Zuwachs, wol aber durch weitere Verleihungen dauernd zu- genommen. Entsprechend wuchs die Zahl der Rechlshändel, die in letzter Instanz auf dem Forum zum Austrag gelangten. Augustus gab dem Forum der Republik diejenige Gestalt die nach Abzug der späteren Zulhaten (Vespasianstempel Severusbogen Schola Xantha) in ihren Trümmern vor uns liegt. Die östliche Schmalseite nimmt der Tempel des Divus Julius ein, die südliche Langseite an» Clivus Capitolinus der Saturn-, am unteren Ende der Castortempel, beide umgebaut, dazwischen durch die nach dem Flufs laufenden vicus ivgarius und vicus Tuscvs begrenzt, die Basilica Julia die annähernd i/i ha die gleiche Fläche wie das Forum bedeckt. An der Nord- seite liegt die Curie und die Basilica Aemilia. Nach dieser Richtung
§ 5. Die Stadttheile. 537
hin wurde mit dem Aufwand riesiger Geldmittel (S. 516) Raum ge- schafft für das Forum Julium mit dem Tempel der Venus Genetrix, dahinter das Forum Auguslum mit dem Tempel des Mars Ultor. Bis Vespasian ist man mit dem verfügbaren Platz ausgekommen. Dieser fügte das Forum mit dem Friedenstempel hinzu. Die zwischen letzterem und dem Augustusforum befindliche Lücke wurde von Domitian und Nerva durch das Durchgangsforum ausgefüllt. Eins prächtiger als das andere, und doch wurden sie weit übertroffen durch das Forum Traians „ein ganz einziges Werk unter dem Himmel , dem auch die Götter ihre Bewunderung nicht versagen können". 1) Apollodor aus Damaskos hat den Bau geleitet. Der Baugrund wurde gewonnen durch Abtragung der Quirinal und Capitol verbindenden Höhe und Herstellung eines ebenen Durch- gangs von der Altstadt zum Marsfeld. Die ganze Anlage, Basilica Bibliothek Reiterbild Siegessäule Ehrenbogen und Tempel des Kaisers umfassend, nimmt eine Fläche von gegen 4 ha ein; die abgegrabene Erdschicht erreicht eine Tiefe von 100'. — Die constantinische Sladl- beschreibung giebt für die 8. Region forum Romanum vel magnum nicht weniger als 34 vici 3480 insuJae 180 domus an, für die 10. Region Palatium nicht weniger als 20 vici 2642 insulae 89 domus. Diese Ziffern lassen sich nur so erklären dafs einerseits die Gelasse der Tempel und öffentlichen Gebäude, in denen die zugehörige Dienerschaft hauste, eingerechnet wurden, anderseits der im Privat- besitz verbliebene Raum aufs Aeufserste ausgenutzt war. Es war zwar verboten , nichts desto weniger wurde immer wieder an die Tempel angebaut.'^) Das Capitol halte schon durch das von Catulus errichtete Tabularium viel von seiner Festigkeit eingebufst; 69 n. Chr. konnte es von den Dächern der an den Felsen angeklebten Gebäude erstiegen werden. 3) Derart sind auch die beiden vor- nehmsten und glänzendsten Stadtviertel dicht bewohnt.
Vom Capitol führt die Hauptstrafse Roms die sacra via zum Forum hinab (S. 505), steigt von hier an dem Kloster der Vestalen, der Regia (Amtswohnung des Oberpontifex), den Tempeln der Pena- ten und Laren vorüber die Velia hinauf, erreichte die stattUche Breite von 12 m, mit den Gangsteigen 23 m: Schmuck- Salben-
1) Ammian XVI 10,15 Gell. N. A. XIII 25,1 Cassiod. Var. VII 6,1.
2) Ammian XXVII 9,10.
3) Tac. Hist. 111 71 nee sisti poterant scandentes per coniuncta aedificia quae ut in mtiUa pace in altum edita solum Capiiulii aequabant.
538 Kapitel IX. Rom.
Blumen- und Obslläden fafsten sie ein; auf dem Scheitel steht der Titusbogen, davor der Tempel des Juppiter Stator. Das Atrium von Nero's Goldenem Hause nahm den östlichen Theil der Velia ein: Hadrian errichtete den grofsen Doppeltempel der Venus und Roma an dessen Stelle. Nachdem Maxentius den Zwischenraum zwischen diesem und dem Friedenstempel durch seine kühn ge- wölbte Basilica geschlossen halte, reihte sich 2 km lang vom Mars- feld bis an den Fufs des Caelius in ununterbrochener Folge ein kaiserlicher Prachtbau an den andern. Keiner von allen verkörpert so eindrucksvoll die Majestät des römischen Namens wie das Am- phitlieater, das Vespasian in der Tiefe zwischen Velia Caelius und Esquilin aufführte. Nero halte hier einen Teich für seinen Garten angebracht. Das Amphitheater aus Travertin erbaut steigt in 4 Stockwerken 48,5 m auf, mifst im Umfang 365^4 Schritt 540,6 m, enthält angebhch 87 000 Plätze. Das Mittelalter erblickte darin einen Sonnentempel und übertrug darauf den Namen des mehr als 100' hohen Colusses, der der Sonne geweiht 75 n. Chr. als Schutz- geist der flavischen Stadt an der heiligen Strafse aufgerichtet worden war. An dies Bildnifs knüpft die von Beda dem Ehrwürdigen auf- bewahrte Weissagung an: quamdiu slat colysaeus, stat et Roma; quando cadet colysaeus, cadet et Roma; quando cadet Roma, cadet et mundns. Zwei Drittel der Quadern sind verschleppt, den Wert des noch vorhandenen Restes berechnete ein Architekt des 18. Jahr- hunderts nach damaligen Tagespreisen auf Vj-i Million Scudi 8 Millionen Franken. Auf dem anstofsenden Caelius und Oppius be- fanden sich die Casernen und Zeughäuser welche das Fechterwesen erforderte. Man sieht noch auf dem Caelius die Bogen der Leitung die Nero für die Wasserkünste seines Gartens angelegt hatte. In der Periode der Anfänge eine geschlossene Einheit mit besonderer Befestigung, bildet das Caelimontium die 2. Region des Augustus und wird in der Kaiserzeit vom Adel bevorzugt. Das Haus der Laterani kam nach mancherlei Schicksalen durch Constantins Schen- kung an den Papst und wurde die Mutterkirche der abendländischen Christenheit: seine Reste liegen 7,5 m unter der heutigen Kirche. Die Bauthätigkeit der Flavier ist besonders der 3. und 4. Region zugewandt gewesen. Die 3. in der Stadtbeschreibung Isis et Serapis beoannt, enthält aufser dem Amphitheater die grofsen Thermen die Titus und Traian aus einem Theil des Goldenen Hauses herstellten. Sie liegen auf dem Oppius dem südHchen Vorsprung des Esquiün
§ 5. Die Stadttheile. 539
(S. 492); der Westrand hiefs Carinae und bewahrte lange die Spuren eines alten Walles. Ihm zu Filfsen erstreckte sich die Subura, die als 4. Region nach dem Hauptgebäude den Namen templum Pacis erhielt. Da die Strafsen von den drei Thoren des esquili- nischen Rückens (S. 501) hier einmünden, ist die Subura ein Hanpt- sitz von Gewerbe und Verkehr.
Aber die eigentliche Geschäftsgegend befindet sich westhch vom Forum nach dem Flufs zu (S. 505), in diesen Niederungen ist der älteste Hochbau nachweisbar (S. 508). So oft auch der Brand in den engen Gassen tobte, haben die Kaiser doch davon Abstand genommen diesen Stadttheil umzugestalten oder in die Central- anlagen einzubeziehen. Die 11. Region hiefs circus maximus nach dem grüfsten Marktplatz Roms (S. 506). Den auf ihm abgehaltenen Wagenrennen konnten unter Augustus 150000, unter Nero angeb- lich 250 000, nach der Stadtbeschreibung gar 485000 Zuschauer beiwohnen. Die Gewölbe welche die aufsteigenden Sitzreihen trugen, waren an kleine Leute vermietet und dicht bewohnt. Die aus Holz bestehenden oberen Stockwerke gaben häufig Anlafs zu verheeren- den Bränden, stürzten auch gelegentlich unter dem Zudrang der Massen ein : die Chronik von 354 meldet dafs unter Antoninus Pius 1112, unter Diocletian 13000 Menschen durch Einstürze im Circus umkamen. — Rein geschäftlichen Zwecken dienten das Velabrum (S. 494) und das Forum Boarium (S. 505). Die Flufsufer waren wie bemerkt hüben und drüben in den Kreis des Verkehrs gezogen und mit Speichern besetzt. Aber der wichtigste und älteste Stapel- platz lag südlich von der Altstadt in der 13. Region Aventinus. Der fahrbare clivu?, Publtcius führte auf diesen seit 456 v. Chr. von der Plebs besiedelten Berg (S. 506) hinauf. Aufserhalb der Porta Trigemina werden zuerst Salz-, dann Kornlager erwähnt (S. 509); 193 V. Chr. erfolgt die Einrichtung eines besonderen Emporium, und schliefslich bedeckt sich die weite Ebene am Fufs des Aventin mit grofsen Speichern. Wir kennen il horrea mit Namen, die verschiedensten Waaren lagerten in ihnen, von der Masse bunten Marmors der aus Asien Africa Griechenland angefahren und wie es scheint in Folge einer Ueberschwemmung preisgegeben wurde, zeugen die seit 1867 gemachten Funde. Als redendes Zeugnifs von der Grofsartigkeit des Verkehrs steht der Monte Testaccio da der am Fufs über 1 km im Umfang 35 m (50 m ü. M.) hoch auf- steigt und ausschhefslich aus zerbrochenen Thonkrügen die Wein
540 Kapitel IX. Rom.
Oel Getreide aus Spanien entliallen hatten, besteht (S. 129). Aehn- lichen Scherbenbergeo begegnen wir auf beiden Tiberufern, freiHch in unendlich kleinerem Mafsslab. — Die ostUche Kuppe des Aventin (S. 493) nebst einem Theil der Vorstadt vor Porta Capena ist der 12. Hegion pisciiia publica zugewiesen: so heifst sie nach einem alten später beseitigten Teich. Die Via Appia bildet die Grenze gegen die 1. Region porla Capena, nach dem am Abhang des Caelius gelegenen Thor der servianischen Mauer benannt. Der Umstand dafs sie zur Bildung von zwei Regionen ausreichte, beweist die Ausdehnung dieser ältesten Vorstadt (S. 509). Die Regionenbeschrei- bung greift hier mit der Anführung des Almo '/2 km über das aurelianische Thor hinaus; 2 km weiter hegt der 309 n. Chr. erbaute Circus des Maxentius mit 18 000 Sitzplätzen. Das hervorragendste Denkmal dieses Stadttheils sind die 212 von Caracalla begonnenen Thermen die einen Flächenraum von 11ha einnehmen und alle früheren Anlagen übertreffen.
Im Osten bildete die gewaltige Mauer der Kouigszeit (S. 501) bis auf Aurelian die Stadtgrenze (S. 525). Die Hebung des Osl- viertels wurde von Augustus eingeleitet: der allen Gefühlen Hohn sprechende Schindanger verschwand (S. 522), vor dem esquilinischen Thor errichtete die Kaiserin Livia ein Schlachthaus, innerhalb eine Säulenhalle. Den Kern einer neuen Vorstadt schuf Tiberius durch den Bau der 20 ha messenden castra praetoria vor dem viminalischen Thor, wo fortan die Garde lagerte. Die Anlage ist ebenso wie das zur Unterhaltung der Soldaten bestimmte Amphitheater bei S. Croce in den Lauf der aurelianischen Mauer einbezogen worden. Auch die anderen Truppenkörper mit Ausnahme der Vigiles waren wie die Garde im äufseren Sladtring untergebracht. Die bürgerliche Eintheilung befafst die alte Sabinerstadt auf dem Quirinal als 6. Region alta semüa — der Name bezeichnet wahrscheinlich die Hauptstrafse Via Venti Settembre — sowie die 5. Region Esquiliae. Der Quirinal wies ein Capüolium vetus auf d. h. ein Heiligtum von Juppiter Juno Minerva, dem ein höheres .Aller zugeschrieben wurde als dem von König Tarquinius errichteten, desgleichen manche an- dere Heiligtümer aus der sabinischen Vergangenheit. In dieser heimatlichen Umgebung lag die Grabstätte des flavischen Kaiser- hauses das durch besondere AnhängUchkeit an seinen sabinischen Ursprung (S. 468) sich hervorthat. Einen glänzenden Schmuck erhielt dies Viertel durch die 305 n. Chr. eingeweihten Thermen
§ 6. Das Weichbild. 541
des üioclelian: eine Anlage die diejenige Caracalla's weit hinter sich hefs, da sie eine Fläche von 20 ha bedeckte und 3000 Badende aufnehmen konnte. Und damit nicht genug fügte Constantin eine letzte Thermenanlage oberhalb des Traiansforum hinzu. Mit der Abnahme der Bevölkerung war der Baugrund billig geworden und gestaltete derartige Ausschreitungen des Luxus.
§ 6. Das Weichbild. In der Zeit höchsten Glanzes haben die Römer sich gewöhnt in Tibur und Praeneste Aricia und Laurentum, kurz in all den Ortschaften die an den Sabiuer- und Albanerbergen, wie auf der weiten Ebene vur ihren Bhcken auftauchten (S. 481), blofse Vor- städte der eigenen zu sehen.') Wenn wir ihnen darin auch nicht folgen und das suburbium auf die zur Stadtgemeinde gehörigen und vom städtischen Leben abhängenden Weiler Gehöfte und Villen be- schränken, so bleibt die Ausdehnung dieses Bezirks stattlich genug. Die älteste Feldflur (S. 498) ist von Rom und seinen Vororten nach und nach ausgefüllt, ja überschritten worden; denn es be- deckt mit diesen einen Flächenraum von rund 120 Dkm, wovon ungefähr die Hälfte innerhalb der Rechtsgrenze, ein Sechstel inner- halb der Mauthgrenze fällt (S. 525). Das allmäliche Wachstum ist den Alten durch Grabmäler veranschaulicht worden und wird es auch uns. Jene sahen auf dem Comitium Aventin und in den Argeer- capellen Gräber die in die erste Zeit der Anfänge hinaufreichten; die Ausgrabungen auf dem Esquiün haben ein Todtenfeld inner- halb der Serviusmauer ans Licht gebracht. Dann werden die Todten vor die Thore gedrängt und behaupten sich im Umkreis der Altstadt bis in die erste Kaiserzeit. Aber mit der grofsen Er- weiterung des Pomerium durch Claudius müssen sie \ ieder weichen und hinaus rücken, so dafs sie die von Rom auslaufenden Strafsen 8 km und mehr ohne Unterbrechung einfassen. Auch die unter- irdischen Friedhöfe der Christen die wir Katakc'mben zu nennen pflegen, umgeben die aurelianische Mauer in ^^inem Abstand von 2 — 5 km. Einige fünfzig sind bisher bekannt geworden, die vom Ende des ersten Jahrhunderts ab angelegt uad bis in den Anfang des fünften benutzt worden sind. Ihr Areal wird auf 246,7 ha berechnet, aber da die Gänge in der Tiefe von mehreren Stock-
1) Ovid Ars amat. I 259 Fast. VI 58 Varro LL. VI 18 Flor. I 5,7.
542 Kapitel IX. Rom.
werken über einander ausgehöhlt sind, stellt sich ihre Gesamtlänge aul 876km, die Zahl der Bestatteten auf 27-2 Millionen: da diese Zahl einen Zeitraum von reichlich drei Jahrhunderten umspannt, ist sie geeignet vor einer Ueberschätzung der Stärke der Christen- gemeinde und der Bevölkerungsziffer der späteren Kaiserzeit über- haupt zu warnen. Als der Gothenkönig Alarich Rom belagert und geplündert hatte, wird das Begraben in den Katakomben durch das Begraben in den Kirchen ersetzt: Lebende und Todte flüchten gleicher Mafsen in den Schutz der Festung.
Die centrale Lage Roms als natürlicher Hauptstadt der vom Tiber durchflossenen Ebene erhält in der Menge der von seinen Thoren auslaufenden Strafsen ihren Ausdruck. Die älteren sind durchweg nach ihrem Endziel, die jüngeren nach ihrem Erbauer benannt. Wenn in der Friedenszeit die Wohnweise durch den Gang der Verkehrswege bedingt wird (S. 58), so tritt der Wandel hier in besonderer Stärke iu die Erscheinung. Augustus hat 20 v. Chr. die Herstellung der italischen Strafsen in die Hand genommen und als Denkmal seiner Thätigkeit das miliarium anreum mit einem Verzeichnifs derselben oberhalb des Forums errichtet. i) Die goldene Säule ist seit den Flaviern als Mittelpunct der Stadt betrachtet worden. Mit verzeihlichem Irrtum hat man darin auch den Endpunct der itahschen Strafsen erblickt: in Wirklichkeit werden die Entfernungen von den servianischen Thoren aus bestimmt. Als solche erkannte die Kaiserzeit 19 an (S. 525); die Regionenbeschreibung läfst von den 15 Thoren Aurelians 29 Strafsen ausgehen, und diese Ziffer trifft annähernd zu. Wir beginnen die Aufzählung auf dem rechten Lfer im Süden.
Aus porta Portuensis führt die belebte via Portuensis^) 15 Mil- lien lang nach dem von Claudius angelegten neuen Hafen an der Tibermündung. Sie hält sich nicht im Flufsthal, sondern schlägt die gerade Richtung über den Hügelrand ein. Reichlich 1 MiUie vom Thor zweigt dem Flufs folgend die via Campana^) ab und fällt am 11. Meilenstein wieder mit ihr zusammen. Am 5. Meilen-
1) Dio LIV 8 Plin. 111 66 Tac. Bist. I 27 Plut. Galba 24 SueL Otho 6 Dig. L 16,154.
2) It. Ant. 300 Regionär.
3) Acta fr. Arv. a. 224 v. 3. 14 Suet. Aug. 94 (vgl. Dio XLV 2) Regionär. CIL. VI 1610 X 1795.
§ 6. Das Weichbild. 543
Stein der Via Campana liegt in der Vigna Ceccarelli der Rundtempel der Dea Dia mit dem Hain der Arvalen (S. 498). Nicht nur dies Heiligtum, auch der Name lehrt dafs ihr ein höheres Alter zukommt als der Portuensis; denn er ist klärlich vom campns salinarum Romanarum Campo Salino, der grofsen Salzwiese am rechten Flufsufer (S. 359) abgeleitet, i)
Von porla Aurelia P. San Pancrazio auf der Höhe des Janicu- lum läuft die via Aurelia die grofse Küstenstrafse nach Pisa aus (S, 299). Unweit des Thores geht links eine antike Strafse nach der Kirche S. Pancrazio ab, verliert sich aber weiterhin im Felde. Man hat mit Grund vermutet dafs sie sich bis zur Küste fortsetzte und ehedem via Viiellia, später via Janiculensis hiefs.2) Inschrift- lich wird eine Aurelia vetus et nova unterschieden. 3) Um den steilen Anstieg nach S. Pancrazio zu vermeiden wurde nämlich ein Umweg über den 10 m niedrigeren Rücken hinter S. Peter eröffnet, der nach 372 Millien in die alte Strafse einmündet. Von der neuen, bei etwa 2 Millien Abstand von der heutigen Porta Cavalleggieri, trennt sich die via Cornelia deren nach Caere führender Gang noch erkenn- bar ist^): wer sie erbaut hat wissen wir nicht. Unbekannt ist des- gleichen der Grund der Benennung wie die Entstehungszeit der via triumphalis^); sie mündet, von Porta Angelica am Vatican über M. Mario hinführend, in die Via (Claudia) Cassia zwischen dem 8. und 9. Meilenstein aus.
Vom Capitol sind 3, von porta Flaminia Porla del Popolo 2 Millien bis zum pons Mulvius Ponte Molle, der als Holzbau schon im hannibaUschen Kriege (S. 510), in Stein seit 110 v. Chr. be- stand (S. 511); die mittleren 4 Bogen stammen aus dem Altertum. Die Brücke wird oft erwähnt 6); ihre militärische Wichtigkeil trat 312 beim Untergang des Maxentius zu Tage.") Ein Ehrenbogen war an ihr dem Augustus zum Dank für die Herstellung der flami-
1) Allein bekannt durch die Weihinschrift Not. d. Scavi 1888 p. 228.
2) Suet. Vit. 1 Regionär. Nibby III 568.
3) CIL. XIV 3610.
4) Regionär. CIL. XIV 361U, in christlichen Quellen Jordan Top. I 1,376 A. 51 Nibby III 569.
5) Regionär. CIL. XIV 3610.
6) Sali. Cat. 45 Cic. Alt. XIII 33,4 Mon. Anc. c. 20 Stat. Silv. II 1,176 Claudian 28,544.
7) Lactanz de mort. pers. 44 Aur. Vict. Caes. 40; vgl. Tac. Bist. I 87 II 89 III 82.
544 Kapitel IX. Rom.
nischen Strafse errichtet.') Ein Vorort war durch den Verkehr ins Leben gerufen worden. 2) Jenseit des Tiber folgt die via Flaminia dem Fhifsthal bis Prima Porta wo sie landeinwärts zieht, während die via Tiberina die anfängUche Richtung beibehält (S. 372). Links von der Flaminia zweigt bei Ponte Molle die via Claudia ab (S. 353). Am 6. Meilenstein der Claudia bei einem Grabmal das der Volks- mund dem Nero beilegt, führt rechts eine Strafse nach Veji (S. 356); am 11.. Meilenstein trennen sich die Claudia und die via Cassia.
Von der jetzt geschlossenen porta Pinciana lief keine Haupt- strafse aus. Es folgt porta Salaria 400 m aufserhalb des viel ge- nannten coUinischen Thors (S. 501). Die uralte via Salaria (S. 477) überschreitet zwischen dem 2. und 3. Meilenstein den Anio: die oft zerstörte Brücke wird zuerst in den Kämpfen gegen die Gallier 358 V. Chr. erwähnt.3) Am Zusammenflufs von Anio und Tiber er- hebt sich in beherrschender Höhe (62 m) ein Hügel nahezu gleichen Umfangs wie der palatinische und überaus fest, wie er denn auch gegenwärtig ein Fort trägt. In grauer Vorzeit trug er das thurm- bewehrte Antemnae, dessen Name aus der Lage vor den Flüssen her- rührt.^) Stiabo giebt seine Entfernung von Palatium richtig zu 30 Stadien == 3 Mühen an.^) Bei solcher Nähe hat es die Unab- hängigkeit früh, nach der Sage durch Romulus eingebüfst und ist zu einem Dorf, dann einer Villa herabgesunken. o) Die am 1. Novem- ber 82 V. Chr. am coUinischen Thor von Sulla geschlagenen Sam- niten suchten hier ihre letzte Zuflucht. '')
Mit der Salaria lief ursprünglich auch die via Nomentaiia vom coUinischen Thor aus 8), seit dem aurelianischen Mauerbau aus der 300 m davor liegenden porla Nomentaiia Porta Pia. Sie mündet bei Eretum wieder in jene ein (S. er 479). Grab kennzeichnen ihren Gang, so das von Constantins Tochter Constantia (mit zwei Kata- komben in der Nähe) vor dem 2. Meilenstein; zwischen dem 2. und
1) Dio LIIl 22.
2) Tac. Ann. XIII 47.
3) Liv. VII 9.
4) Vario LL. V 28 Fest. 17 M. Verg. Aen. VII 631 turrigerae A. dazu Serv. Sil. It. VIII 365 Antemna ebenso die Griechen: Dion. H. Plut. Steph. Byz.
5) Strab. V 230.
6) Liv. I 9. 11 Plut. Rom. 17 Dion. H. I 16 II 35 IV 3 VI 55 Plin. III 68 Gate Or. I 25 Jordan Not. d. Scavi 1886 p. 24 18S7 p. 64.
7) Plut. Sulla 30.
8) Strab. V 228.
§ 6. Das Weichbild. 545
3. führt eine antike Brücke über den Anio. Auf dem jenseitigen Ufer 3 Millien von Rom zur Rechten der Strafse erinnerte der mons Sacer den Plebejer an den Auszug seiner Vorfahren 494 und 449 V. Chr., dem er Recht und Freiheit verdankte. Die Ortsangaben der Alten stimmen überein. i) Auch kann über den zur Abwehr eines von Rom kommenden Gegners wie für Einfälle in römisches Gebiet gleich geeigneten Hügel auf dem die Plebs lagerte, kein Zweifel sein. Er steigt 20 m über der Thalsohle auf und wird an drei Seiten von dem eine Schleife bildenden Anio umflossen, aufser- dem im Rücken durch einen in den Anio mündenden Bach gedeckt.
Südlich vom Lager der Praetorianer befindet sich ein früh vermauertes Nebenlhor, aus dem so wenig wie aus der 500 m ein- wärts gelegenen Porta Viminalis eine Heerstrafse ausgegangen ist. Die Oerllichkeit vor der Angriffsfront zwischen dem colliuischen und esquilinischen Thor die Hannibal 211 v. Chr. vom Anio her erkundete, kennzeichnet Livius durch die Worte inter cotwalles tec- taque hortorum et sepulcra aut caoas uniiqne vias.-) Das esqui- hnische Thor ist in der Befestigung Aurelians durch zwei ersetzt worden, zunächst die 800 m entfernte porta Tiburtt'na Porta S. Lorenzo, wie sie jetzt nach der von Constantin gegründeten Patriar- chalkirche heifst. Kurz vor dem 5. Meilenstein überschreitet die via Tihurtina (in ihrer Fortsetzung Valeria) den Anio auf einer, man weifs nicht weshalb, Ponte Mammolo benannten Brücke, deren geringe Breite (4,85 m) ein hohes Alter verrät. Nach Strabo sind diese, die appische und laliuische die drei berühmtesten Strafsen.^)
Fast 1 Millie auswärts vom esquilinischen liegt ein Doppelthor porta Praenestina Porta Maggiore. Der linke Thorbogen entsendet die via Praenestina, der rechte die via Labicana^): zwischen beiden steht das Denkmal des Bäckers Eurysaces vom Ausgang der Republik. Da die erstgenannte Gabii berührt, heifst sie in alten Annalen via Gabina.^) Am 3. Meilenstein liegen die ausgedehnten Ruinen von Tor de' Schiavi aus Diocletians Zeit. Eine iNebenstrafse der Praene-
1) Gic. Brut. 54 Rep. II 58. 63 fr. p. 14,24 Baiter Fest. 318 M. Liv. II 32 III 52 Dion. H. VI 45 X 35 Val. Max. VIII 9,1.
2) Liv. XXVI 10.
3) Strab. V 236. 37.
4) Strab. V 237.
5) Liv. II 11 1116 V49.
Nissen, Ital. Landeskunde. II. 35
646 Kapitel IX. Rom.
stioa ist die via CoUatina.^) An der Labicana am 3. Meilenstein bezeichnen die Ruinen Tone IMgnaltara das angebliche Grabmal der Helena Mutter Constantins. Aelmlich wie in Lorium (S. 351) hatte sich um einen Kaiserpalasl eine ausgedehnte Vorstadt ange- siedelt die ein eigenes Bistum Subangnsta bildete.^)
Der Absland der porta Asinaria Porta S. Giovanni von dem servianischen Thor am Caelius beträgt 700 m. Die von hier aus- laufende via Asinaria ist eine Nebenstrafse recht alten Ursprungs, welche die Latina und Appia schneidend am 3. Meilenstein der Ardeatina endigt. 3) Es folgt die jetzt geschlossene porta Metrovia. Da im 3. Jahrhundert v. Chr. eine via Latina vetus und nova unter- schieden wird, ist es müghch dafs einer von beiden Armen dies Thor benutzt habe.*)
Wie dem auch sei, so sind sicher zwei andere aurelianische Thore an die Stelle der Porta Capena (S. 502) getreten, die ehedem den ganzen grofsen Verkehr von Süden aufnahm: die vermauerte porta Latina und die porta Appia Porta S. Sebastiano. Die via Latina und via Appia gehen 650 m vor Porta Capena in spitzem Winkel auseinander, um kurz vor Capua sich wieder zu vereinigen. Während Strabo beide mit der Valeria auf gleiche Stufe stellt (S. 545), kann in der Schätzung der Gegenwart keine römische Strafse auch nur von Weitem mit der appischen verglichen werden. Der Wanderer der im Colosseum die Gröfse Roms angestaunt hat, sieht auf ihr einen nach dem anderen die Zeugen einer reichen Vergangenheit, von dem Ringen mit Samnium und Karthago bis zu den Kämpfen und Siegen der Kirche und dem Fehdeleben des Mittelalters, an seinem Auge vorüberziehen. Wenn er sich Rechen- schaft zu geben sucht von dem stillen Zauber der ihm den Sinn gefangen hält^), so wirken drei verschiedene Ursachen zusammen. Vom 3. Meilenstein ab läuft die Strafse auf dem Rücken eines un- geheueren Lavastroms (I 262), dessen Höhenlage einen freien Rund- blick nach allen Seiten gewährt. Sodann haben Raubburgen die
1) Regionär. Fionlin aqu. 5. 10.
2) ad duos laui'os, inter duas latiros, ad laurum Cliron. min. 1 303. 490 III 296; Duchesne Archivio rom. XV 497.
3) Fest. 282 M. Regionär, vgl. Prokop b. Golh. 114 III 20.
4) Eph. epigr. I p. 133.
5) Dies ist in Erinnerung an die päpstliche Zeit gesagt: seither und be- sonders im letzten Jahrzehnt hat die Strafse von ihren Reizen viel verloren.
§ 6. Pas Weichbild. 647
in den Denkmälern sich eingenistet hatten (Caeciha Melella, Tor ili Selce), den Verkehr frühzeitig fortgescheucht und dadurch die Er- haltung der Ruinen begünstigt: erst 1850fg. wurde der Fahrdanim wieder aufgedeckt. Endlich ist nach dem eigenen Zeugnifs der Römer die Appia die belebteste und glänzendste, die Königin ihrer Slrafsen gewesen, hat noch im 6. Jahrhundert Prokop's Bewunderung erregt.') Daher hatten schon die Grofsen der Republik mit Vor- liebe ihre Ruhestätte vor Porta Capena gewählt.^) Der erste Meilenstein steht aufserhalb der aurelianischen Mauer. Die Strafse senkt sich zum Thal des Almo Acquataccio herab das im Süden das Stadtgebiet begrenzt (S. 491). Der am Fufs der Albanerberge entspringende kaum 15 km langt; Bach setzte gelegentlich den Grund unter Wasser und richtete in der Vorstadt bemerkenswerten Schaden an. 3) Der Marstempel der den Kern der Vorstadt abgegeben hatte (S. 509), lag auf der Anhöhe über dem Bach links von der Strafse. Jenseit des Almo geht rechts die via Ardeatina ab. Am 3. Meilen- stein erreicht die Appia das Grabmal der Caecilia Metella des jungem Crassus Gemahlin, einen Rundbau von 20 m Durchmesser der am Absturz des Lavastroms (64 m) weithin sichtbar thront. Erst nach weiteren 5 Millien lichtet sich die Gräberreihe.
Auch der via Ostiensis hat es, wie die am gleichnamigen Thor in die Mauer eingefügte aus carrarischem Marmor erbaute Pyramide des Cestius lehrt, an stattHchen Denkmälern nicht gefehlt. Sie hält sich in der Nähe des Flusses. Die Lage der Paulskirche zwischen dem 1. und 2. Meilenstein läfst schon schliefsen dafs Vororte sich weit hinaus erstreckt haben. In der That wird am 3. Meilenstein der vicus Alexandri als Anlegeplatz für grofse Schiffe erwähnt (l 317 A. 5). Die Angabe trifft auf den Porto della Pozzolana zu, wo aus den nahen Gruben die treffliche Erde von den seewärts fahrenden Schiffen als Rückfracht oder Ballast eingenommen wird.^) I/o Millie vorher zweigt die via Laurentina ab: an ihr liegen 3 Millien von der Stadt die aquae Salviae Tre Fontane, deren Ursprung von
1) Sta.. Silv. n 2,12 Martial IX 101,2 Prokop b. Goth. I 14.
2) Cic. Tuscul. I 13 CIL. I p. 11 fg.
3) Cic. ad Quint. 111 7 de üeor. nat. 111 52 Ovid Met. XIV 329 Fast. IV 337 fg. Lucan I 600 Martial III 47,2 Stat. Silv. V 1,222 Sil. It. VIII 363 Vib. Seq. p. 146 R. Ammian XXUI 3,7 CIL. I p. 390.
4) Nibby III 491 Wesiphal 4, Not. d. Scavi 1897 p. 195 1898 p. 450 fg.
35*
548 Kapitel IX, Rom.
der Legende mit der Hinrichtung des Apostels Paulus in Verbindung gebracht wird.')
Die Grabniäler sind es nicht allein die der Campagna ihren historischen Charakter verleihen; die meilenlangen Bogenreihen der Aquäducte machen ihnen den Rang streitig. Die Alten haben mit Lobsprüchen auf die Wasserversorgung Roms nicht gekargt und sie unter die >Yellwunder gerechnet.^) Im Lauf von sechs Jahrhunder- ten sind riesenhafte Mittel zur Lösung der Aufgabe verwandt worden. Die Gesamtlänge der Leitungen beträgt 359 Millien wovon 304 unterirdisch, 55 bis zur Höhe von 100' und mehr überirdisch geführt sind. Da die Römer aufser Stande waren Röhren herzu- stellen , die den Unebenheiten des Bodens folgend den Druck der hier bewegten Wassermengen auszuhalten vermocht hätten , waren jene Bogenstellungen nach dem Mafsstab damaliger Technik ebenso notwendig als sie nach heutigem Mafsstab eine zweckwidrige Ver- geudung der Mittel bedeuten würden. Die 4 jetzt wieder thätigen Leitungen schaffen täglich 380 000 cbm: ein Ergebnifs um das Rom von anderen Grofsstädten beneidet wird. Unter Augustus er- reichte das gelieferte Quantum rund eine, am Abschlufs des Alter- tums gar zwei Millionen cbm. Als Einheit gefafst entsprechen die Leitungen einem Flufs mit gegenwärtig 4,4, unter Augustus 11,3, unter Traian 18,5 cbm Abflufs in der Secunde, d. h. Vco ^li Vis vom Gehalt des Tiber (1 317).3) Diese Bergströme genügten nicht nur um all die öffentlichen Bäder Brunnen und Wasserwerke (S. 531) zu speisen, sondern auch unentgeltlich die Privathäuser mit treff- lichem Quellwasser zu versorgen. Der Segen der daraus der all- gemeinen Wolfahrt zuströmte, wird nicht leicht überschätzt werden können. Ueber die Geschichte der Wasserversorgung bis auf Nerva sind wir durch die sachkundige Denkschrift Frontins gut unter- richtet, recht ungenügend über die späteren Leistungen. *) Die einzelnen Leitungen fols:en zeithch so aufeinander:
t) Der Name erst in christlicher Zeit bezeugt u. a. Gregor M. Reg. XIV 14.
2) Fronlin de aq. 16 tot aquarum tarn mullis necessariis molibus pyra- viidas videlicet oliosas compares atit incrtia sed fama celebrata opera Grae- curiun? Dion. H. 111 67 Strab. V 235 Plin. XXXVI 123 Galen XVII 2,159 K. Rutil. Nam. I 97 fg. Cassiod. Var. VII 6 Prokop. b. Goth. I 19.
3) Es ist ein Versehen wenn Lanciani, Ruins p. 59 den Gehalt der Lei- tungen höher ansetzt als den des Tiber.
4) Fabretli (S. 487) Betocchi in Monografia di Roma II (S. 488); einen aus- führlichen Gommentar zuFronlin giebtLanciani in Atlide'Lincei 1880 p. 215— 614.
§ 6. Das Weichbild. 549
1. Aqua Appia 312 v. Chr. 11 Millien (S. 510), Tagesleistung 115 000 cbm.
2. Ani'o (vetus) 272 v. Chr. 43 Millien (S. 510), Tagesleistung 278 000 cbm.
3. Aqtia Marcia 144 v. Chr. 62 Mühen (S. 521), davon 71/2 i>ber- irdisch meist bei Rom, 1869 hergestellt. Die Porta Tiburtina ist ein Bogen derselben. Tagesleistung im Altertum 296314, gegenwärtig 121305 cbm.
4. Aqua Tepula 125 v. Chr. aus dem Albanergebirge auf denselben Bogen wie die Marcia, Tagesleistung 28 000 cbm.
5. Aqua Julia 33 v. Chr. I5V2 Millien, aus demselben Quellgebiet und auf denselben Bogen wie die Tepula, Tagesleistung 76 000 cbm.
6. Virgo 19 v. Chr. (S. 535) 14 Millien bis auf 1 '/4 unterirdisch, als Acqua Vergine nie ganz unterbrochen; liefert heute täglich 155271 cbm, im Altertum unbedeutend mehr.
7. Aqua Alsietina oder Augusta 2 v. Chr. 22 Millien unterirdisch, aus dem gleichnamigen See (S. 350) von Augustus zur Speisung einer Naumachie in Trastevere hergeleitet und nur im Notfall als Trinkwasser verwandt, Tagesleistung 25 000 cbm.
8. Aqua Claudia 52 n. Chr., von Caligula 38 begonnen, 46 V2 Millien davon 10 zu Tage, die mächtigste unter den Bogenreihen der Campagna. Die Porta Praenestina ist ein Bogen derselben. Tagesleistung 209000 cbm.
9. Anio novus gleichzeitig mit der vorigen und zuletzt auf dem- selben Unterbau, 59 Millien davon 9 oberirdisch. Tagesleistung 299000 cbm.
10. Aqua Traiana 110 n. Chr. 35 Milben, für Trastevere bestimmt. Das südliche Etrurien ist arm an Quellen: man fafste solche bei der Rocca Romana nürdhch vom Sabatiner See (I 259). Bei der Herstellung der Leitung (Acqua Paola 1611) wurde Seewasser hinzugefügt (S. 351) und dadurch die geringe Be- schaffenheit des Wassers wesentlich verschlechtert. Es kam auf die Vermehrung des Quantums an um die auf dem Janiculum belegenen Mühlen zu treiben. Solche waren schon im 4. Jahr- hundert in Betrieb.^) Tagesleistung im Altertum 118000, gegen- wärtig 81 000 cbm.
11. Aqua Alexandrina von Alexander Severus angelegt, 1585 von
1) CIL. VI 1711 Prokop b. Golh. I 19.
650 Kapitel IX. Rom.
Sixtus V als Acqua Feiice hergestellt, vom Albanergebirge 22
Millien. Tagesleistung heute 2l633cbni.
Um die Zahl 14 die Prokop angiebt, oder die Zahl 19 der Stadtbeschreibung heraus zu bringen lassen sich mit mehr oder weniger Ilechl Nebenleitungen einrechnen, da mehrere Hauptleitungen nachträglich durch neue Quellen verstärkt worden sind. Die Ueber- sicht spiegelt in lehrreicher Weise die geschichtliche Entwicklung wieder. Als Rom nach der Niederlage der Samniten und Hellenen Vormacht Italiens geworden war, schafft es für die wachsende Ein- wohnermenge täglich 2y'5 MilHon cbm Leitungswasser an. Es be- eilt sich damit nicht, wird aber durch den Ungeheuern Zudrang den die Weltherrschaft im Gefolge hatte, scbliefslich doch genötigt 3/io Million cbm hinzuzufügen. Dann bewirkt das Jahrhundert der Revolution einen langen Stillstand. Auguslus hat bei seiner Ordnung der städtischen Verhältnisse den vorhandenen Schatz um 1/4 Million vermehrt und damit hauptsächlich die neue Kaiserstadt im Marsfeld bedacht (S. 535). Die Regierung des Claudius bringt die über- raschende Steigerung von V2 Million cbm. Ein DedUrfnifs lag hierfür nicht vor: der Gröfsenwahn Caligula's hat das Unternehmen begonnen, der unpraktische Gemeinsinn seines Nachfolgers hat es mit einem ähnlichen Aufwand wie die Trockenlegung des Fuciner Sees erforderte (S. 453), zur Ausführung gebracht, i) Dem gegen- über fallen die späteren Leitungen nicht ins Gewicht: sie dienen wesentlich zur Versorgung jener ausgedehnten Thermen die den zunehmenden Verfall in so merkwürdigem Gegensatz begleiten (S. 540). Dies hört im 3. Jahrhundert auf. Die Erbauer der Diocletians- und Constantinsthermen haben trotz» des gewaltigen Redarfs den diese Anlagen verursachten, von weiterer Zufuhr Ab- stand nehmen können, weil der anderweitige Verbrauch mit der Devölkerung zugleich zurück gegangen war. Die Gothen schnitten 537 die Leitungen ab und seitdem hat der gröfsere Theil keinen anderen Zweken als zum Schmuck der Landschaft gedient.
1) Frontin 13 C. Caesar qtii Tiherio successit, cum painim e publicis usibus et privalis voluptatibus Septem ductus aquarum sufficere viderentur, . . . duos ductus inchoavit: quod opus Claudius magnificentissime consummavit dedicavilque.
KAPITEL X.
Latium.
Die erste Region des Augustus reicht vom Tiber bis zum Silerus, umfafst damit eine Küste von mehr als 300 km Länge mit den Mündungsgebieten des Tiber Liris Volturnus d. h. der drei gröfslen Ströme, wenn man von dem die Grenze bildenden Aruus absieht, die die Halbinsel aufweist. Bis auf den obersten Lauf ge- hört der Liris mit seinen Zuflüssen ihr ganz an. Aber da er wie die übrigen Appenninflüsse der Richtungsaxe des Gebirges folgt, so übersteigt in der Luftlinie gemessen die Ausdehnung der Region vom Meer landeinwärts nirgends 80 km, während sie am Nord- und Süd-Ende auf die Hälfte und darunter sinkt. Der Flächeninhalt mit rund 15 500 Dkm 280 d. qM steht nicht erheblich hinter der anstofsenden vierten Region zurück. Die Gegensätze welche die Natur und Geschichte Italiens erfüllen, erhallen in beiden den sprechendsten Ausdruck. Ungefähr das halbe Küstenland ist durch die Thätigkeit der Vulkane und der Flüsse dem Meer abgewonnen, verdankt der glücklichen ßodenmischung seine unerschöpfliche Fruchtbarkeit, der geringen Erhebung sein mildes Klima. Auf gleichem Raum vermag es mit Leichtigkeit die fünf- und sechsfache Zahl von Bewohnern zu ernähren wie das Gebirg. Wenn gegen- wärtig Campanien an Dichtigkeit der Bevölkerung von keiner andern Provinz erreicht wird, so traf dasselbe im Altertum auf die erste Region in ihrer Gesamtheit gegenüber den zehn folgenden zu. An Umfang nahm sie den achten, an Städten den allerobersten Platz ein. Sie zählte ihrer 86, darunter manche denen der Kaiser die Selbstverwaltung lediglich aus antiquarischer Liebhaberei belassen hat, aber auch 9 Colonien und Rom ungerechnet 4 Grofsstädte mit 50 — 100000 Einwohnern (S. 122). Die Brennpuncte des städtischen Lebens hegen an den Enden, im Norden am Tiber, im Süden am
5Ö2 Kapitel X. Laliuni.
Golf von ^caI)el, beitle auf vulkanistlieni Boden. Die breite Masse der Volskeiieige trennt diese bevorzugten Gebiete jüngerer Bildung von einander (I 239. 263) Wie die Ausläufer des Appennin eine räumlicbe Sclirauke zv\isclien ibnen aufgericbtel haben, macht auch die Erstreckung des Küstenlandes über P/2 Breitengrade sich kli- matisch fühlbar: die Jahres^ arme Neapels übertrifft um 2^ diejenige Roms (I 379. 396). Der natürlichen Scheidung entspricht die ge- schichtliche: im Süden hat das Hellenentum Wurzel geschlagen und aus nächster Nähe auf die Eingebornen gewiikt, hat die unter solchem Einflufs erzeugte Cullur der Osker ihre reichste Blüte ent- faltet. Freilich ^ — und darin war das Verhängnifs Italiens be- schlossen — ei^vies sich der Widerstreit von Küsten- und Binnen- land mächtiger -als die Gemeinschaft von Sprache und Abstammung. Als die campanischen Städte 343 v. Chr. unter Roms Fittichen Schutz suchten gegen die Slammesverwandten in den Bergen, war die Freiheit der ganzen Halbinsel bedroht. Ali-bald rückt das Latiner- tum unaufhaltsam vor; aber es hat doch drei Jahrhunderte gedauert, bis nach dem Bundesgenossenkrieg und der Ertheilung des Bürger- rechts die oskifcche Sprache ausstirbt I 523). Der Süden ist von Natur vseit mehr begünstigt worden durch den Reichtum seines Bodens und die VorlrefTlichkeit seiner Häfen, dem Norden sicherte ein entwickeltes Flufsnelz den entscheidenden Vorrang (1 293). Wenn auch nicht an Wehi kraft, so dcch in den Künsten des Friedens an Grüfse und Wols-tand hat Capiia mit Rom wetteifern können. Daher ist es gekommen dafs die Landschaft den von ihrer Haupt- stadt entlehnten Namen bewahrt und dafs ein die gesamte Region befassender Name bis zum Ausgang des Altertums gefehlt hat.
Es wurde schon bemerkt (I 520) dafs Lathini vermutlich das- selbe bedeute wie Campania, nämlich die Ebene im Gegensatz zum Gebirg. In seiner ältesten An^^endung im Vertrag mit Karthago von 509 v. Chr. bezeichnet es das ganze den Römern verbündete oder unterthänige Küstenland von der Tibermündung bis einschliefs- lich Tarracina.i) Die Geographen rücken seit Skylax die Grenze zum Vorgebirge der Kirke zurück, das bei der veränderten Küsten- richtuug dem Seefahrer als Landmarke in die Augen fällt.^) Bei Skylax um die Mitte des 4. Jahrhunderts ist die Küste der ersten
1) Pol. III 22,11 vgl. 24,16.
2) Skylax 8 fg. vgl. Thcophrast bist, plant. V 8,3.
Lalium. ^53
Region derart unter die Stämme vertheilt dafs den Latinern ^/g, den Volskern 2/9, den Canipanern 2 '9 und endlich bis zur luca- nischen Grenze den Samniten 1/9 gehört. Der Ansatz ist für die späteren Geographen mafsgebend geworden : zwar der Name der Volsker verschwindet mit der politischen Vernichtung dieses Volkes; aber man rechnet, schwerlich mit Recht, das alte Latium antiquum^) nur bis Circeii, das neue Latium adiectum^) oder novum^) von hier bis zur campanischen Grenze. Sinuessa (106 Millien von Rom) wird bald Campanien^), bald Latium zugewiesen s), so dafs die po- litische Grenze scheinbar schwankt, während die natürliche durch den M. Massico gegeben ist. Im Binnenland läuft sie zwischen Casinum und Teanum ungefähr am 100. Meilenstein der Via Latina vorbei.6) Die Festsetzung der Grenze hat im Rechtsleben späterhin die praktische Bedeutung gehabt dafs die Ausweisung aus Rom zugleich einen Umkreis von 100 MiUien, also Latium mit einschlofs.") Dagegen waren in der Epoche der Samniterkriege in welche die Scheidung von Latium und Campanien zurück reicht, wesentlich andere Rücksichten entscheidend. Die beiden Heerstrafsen die Rom und Capua verbanden, die 312 erbaute Rüstenstrafse und die binnenländische Via Latina führten, jene ausschhefslich durch ro- misches, diese bis jenseit Casinum durch latinisches und römisches Rechtsgebiet. Allerdings waren auch die südlichen Gemeinden in den Bürgerverband ohne Stimmrecht aufgenommen worden, be- haupteten aber eine derart bevorzugte Sonderstellung dafs sie häufig als selbständige Bundesgenossen bezeichnet werden. 8) Sie bildeten eigene Legionen 'J), halfen eigene Verfassung Verwaltung Münze, vor allem ihre eigene Sprache. Die Unterscheidung von Latium und Campanien hat demnach ursprünglich den Sinn gehabt dafs in jenem Latein allein, in diesem daneben Oskisch im öffentlichen
1) Strab. V 231 Plin. III 56. 70.
2) Plin. III 59.
3) Serv. V. Aen. I 6.
4) Pol. lU 91,4 Plin. III 56 XXXI 8 Ptol. III 1,6.
5) Slrab. V 219. 231. 237 Meia II 70 Plin. III 59 Serv. V. Aen. I 6.
6) Pol. III 91,5 Strab. V 237 Ptol. III 1,54. 59.
7) Gaius I 27 Tac. Ann. XIII 26 Dio LV 26 Herodian II 13,9 Cod. Theod. XVI 5,62.
8) Liv. IX 6. 7 XXIII 5. 10. 18 XXXI 31.
9) Pol. II 24,12 Oros. IV 13,7 Liv. XII XV Gros. IV 3,4 Val. Max. U 7,15 Pol. I 7 Dien. H. XX 4 Frontin Str. IV 1,38.
554 Kapilel X. Latium.
Verkehr gebraucht wird. Eine Nachricht läfst das alte Latium vom Tiber bis Fundi sich erstrecken, das neue von Fundi bis zum Vol- turnus.i) Indem wir erwägen dafs das lalernische Gebiet seit 340, Fundi seit 338 romisch war, die Bürgercolonien Minturnae und Sinuessa erst 296 gegründet wurden, dürfen wir darin ein Zeugnifs vom Fortschritt der lateinischen Amtsprache erkennen. Au der Via Appia liegt 9 Millien von Sinuessa, 115 von Rom, der Weiler Pons Campanus bei einer über den Savo führenden Brücke '-^j: der IVame kündet klärlich die Grenze der alten campanischen Feldmark an. Freilich hatte nach dem Untergang Capua's und dem hanni- balischen Kriege eine strenge Scheidung im allgemeinen Bewufst- sein die Wichtigkeit verloren die sie im dritten und vierten Jahr- hundert besafs. Daraus erklärt sich dals die Geographen von Polybios ab die natürliche Grenze welche die Kocca Monfina (1037 m) und der M. Massico (811 m) zwischen dem Unterlauf des Liris und Volturnus aufrichten, an Stelle der politischen auf die Landschaft übertragen.
Als 292 die Grundsteuer in Italien eingeführt wurde (l 84), erhielt die erste Region des Augustus die Bezeichnung provincia Campania 3) und galt als die Speisekammer für Rom.*) Der Name Latium verschwindet aus dem Gebrauch, Campania dagegen geht allmälich in die allgemeine Bedeutung der Feldflur im Unterschied von der Stadt über.^) So hiefs der ager Romanus das alte Stadt- gebiet römisches Campanien^), während der Name in seiner Heimat, der reichen Landschaft um Capua erlosch. — Der innere Zu- sammenhang sowol als die Fülle des Stoffes macht es unthuulich die ganze Region im Rahmen eines einzigen Kapitels abzuhandeln. Deshalb sollen nach einander das alte und das neue Latium sowie Campanien getrennt beschrieben werden. Die einzelnen Theile lassen sich freilich nicht ohne Willkür abgrenzen. Latium ist der vorUegende Abschnitt betitelt, verzichtet jedoch auf die Ausdehnung die Slrabo und Plinius dem Namen geben. Im Süden fallen die
1) Serv. V. Aen. I 6.
2) Hor. Sat. 1 5,45 Plin. XIV 62 Tab. Peut. lt. Hier. Gll.
3) CIL. X p. 1117 Paul. h. Lang. II 17 Feldm. 3. 48. 178. 179. 221. 229 Schol. Juvenal 3,224. 319 Serv. V. Aen. VIII 9. 564.
4) Exposiüo tolius mundi 54 (Riese p. 119) Cod. Theod. XIV 2 Gothofredus.
5) Cassiodor Var. XII 22,3 Gregor v. Tours h. Franc. 111 15 V 2 u. a.
6) Prokop b. Gotli. I 15.
§ 1. Alt Latium. 555
natUrlicheu und politischen Grenzen aus einander, die letzteren haben mehrere Jahrhunderle hindurch geschwankt. Deshalb be- schränken wir uns im Wesentlichen auf die Landschaft die das Auge von Rom aus umspannt. Sie ist dreifach gegliedert: in Küste Mitte und Appennin. Voraus geht ein Ueberbhck über die abge- storbenen Bildungen die fremdartig in die geschichtlich bekannten Zeiten hineinragen. i)
§ 1. Alt Latium. Die Sage läfst Latium nach dem König der Aboriginer Latinus benannt sein : soweit wie dessen Scepter reicht auch der Name.^) Da Lalinus über die Laurenter herrscht von der Tibermündung bis zu den Rutulern , ist die ursprüngliche Geltung des Namens eng begrenzt gewesen. Latium bezeichnet die Küste, Alba das Bergland (I 140). Von den Hüben des Ringwalls den die vulka- nische Kraft südlich vom Tiber mit ungetheilter Arbeit aufgeschüttet hat (I 260), umspannt der Bhck viele Meilen in der Runde. Als in längst vergangenen Zeiten der albanische König Umschau hielt, gehorchte der nähere Umkreis, ein gut Stück der Lande die vor dem Auge ausgebreitet lagen, seineu Befehlen : der albanische Name hat sich in den Anfängen ungleich viel weiter erstreckt als der latinische. Das Verzeichnifs der populi Albenses, der 30 Gemeinden die den ältesten albanischen Bund bildeten, ist erhalten. 3) Es sind folgende:
1) Quellen: Strabo V 228—32. 236-40 Plin. III 53—70 Ptol. III 1,5. 54 CIL, XIV (Dessau) X 1 p. 675 (Mommsen). Kaibel Inscr. Graecae p. 239—531. — "Weslphal, Nibby, Gell S. 346 A. 1. Albert Bormann, Alllatinische Choro- graphie und Städtegeschichte, Halle 1852. G. Tomassetti, della Campagna Romana nel medio evo, Archivio della societä Romana di storia patria, vol. II (1879) — IX. XI. XII. XIV. XV. XVII. XIX. XX. XXlI. XXUI (1900). — Ueber Karten vgl. S. 485. Von der italienischen Generalstabskarte 1: 100000 entfallen auf diesen Abschnitt Bl. 144. 149—51. 158.
2) Varro LL. V 32 Liv. I 2 Cato Or. I 5 Jordan.
3) Die plinianische Beschreibung von Latium stammt aus vier verschieden- artigen Quellen: 1. einer Küstenbeschreibung § 56 — 60: 2. der alphabetischen Statistik des Augustus § 63. 64; 3. einer ohne erkennbare Ordnung gemachten Zusammenstellung von 20 Städten, deren Zerstörung in den römischen Annalen überliefert wird; 4.eineralphabetischenListe§69 von 30 verschollenen Gemeinden, die am albanischen Fest nach wie vor aufgerufen wurden, ihren Antheil vom Opferfleisch in Empfang zu nehmen. Der Zähigkeit mit der die römische Religion am Alten fest hielt, verdanken wir dafs die Namen auf die Nachwelt gelangten. Vermutlich hat Plinius die Liste den Antiquitäten Varro's entlehnt; die richtige Deutung hat Niebuhr I 223 angebahnt.
556 Kapitel X. Latium.
Albani als Miinicipium Alba Longa von Augustus anerkannt.
Aesolani vielleicht verschrieben für Aefnhni Süd von Tibiir.
Accienses anderweitig nicht bekannt.
Aholani anderweitig nicht bekannt. 5. Bubetani 499 erwähnt Dion. II. V 61, Sitz unbekannt.
Bolani in der Gegend von Labici und Praeneste.
Cusnetani vielleicht die Carventani an der aequischen Grenze.
Coriolani Süd vom Albaner Gebirg.
Fidenates nürdlich von Rom am Tiber. 10. Forelt unbekannt, vielleicht gleich den 499 erwähnten Fortinei
Dion. H. V 61.
Hortenses vielleicht Ortona an der aequischen Grenze.
Latinienses in unmittelbarer Nähe von Rom Cic. de har. resp.
20. 62. (Plin. III 54 XIV 67 Dio XXXIX 20 Varro LL. V 52)
und noch in der Gemeindeliste des Augustus als ager Latinns
aufgeführt Plin. III 63.
Longani wol Longnia an der volskischen Grenze.
Manates anderweitig nicht bekannt. 15. Macrales anderweitig nicht bekannt.
Munienses unbekannt, vielleicht das spätere Municipium Ca-
strimoenium.
Numinienses anderweitig nicht bekannt.
OUiculani anderweitig nicht bekannt.
Octulani anderweitig nicht bekannt. 20. Pedani zwischen Tibur und Praeneste.
Foletaurini vielleicht gleich dem § 68 erwähnten Politorium.
Querqnelnlani erwähnt Dion. V 61, hängen wol mit der porta
Querquelulana des servianischen Rom zusammen.
Skani Wohnsitz unbekannt vgl Verg. Aen. XI 317 VIII 328.
Sisolenses anderweitig nicht bekannt. 25. Tolerienses am oberen Tolero (Sacco).
Tntienses wol nach dem Fliifschen Tutia 6 Millien von Rom.
VimileUari anderweitig nicht bekannt.
Velienses erinnern an die romische Velia, eine der Gemeinden
des Septimontium.
Venetulani anderweitig nicht bekannt. 30. Vilellenses an der ae(juischen Grenze.
Die Liste trägt das Gepräge hohen Altertums an der Stirn: von Fidenae abgesehen begegnet in ihr keine einzige von den
§ 1. AU Lalium. 557
Städteo die sich einen Namen iu der Geschichte gemacht haben. Diese sind jüngeren Ursprungs. Durch Einverleibung der Dorf- schaften sind Rom Tibur Praeneste Tusculum Aricia Gabii ent- standen und gewachsen. In ihrem Schofs haben jene verschollenen Pagi sich fortgepflanzt, ähnlich wie die Kirchspiele des Septimontium zu Rom (S. 497). Es ist nicht möglich die Grenzen des albanischen Vereins zu ziehen. Aber es sieht nicht gerade wie ein Zufall aus dafs unter den 12 Gemeinden deren Sitz annähernd bestimmbar ist, keine der Küste angehört. Vielmehr wird der aus dem Namen ge- zogene Schlufs dafs der Bund ein binnenländischer war, hierdurch bestätigt. Die römischen Geschichtschreiber kennen das Verzeichnifs nicht, sondern erklären die Städte des späteren Lalium i) kurzer Hand für Colonien Alba's und bestimmen deren Zahl auf 8^) oder 18 3) oder gar 30.*) In ihrem Bestreben die Herrschaft Roms durch uralte Rechtsausprüche zu verklären scheuen sie vor der Er- findung nicht zurück Alba zur Tochterstadt von Lavinium zu machen. Glaubhafter khngl die Erzählung von den Fortschritten der römischen Waffen die einzelnen Königen zugeschrieben werden, nur dafs wir unter den zerstörten Städten Gauburgen verstehen und deren Besitzer in der albanischen Gemeindeliste suchen.
Nachdem der Vorort des Bundes von König Tullus Hostilius bezwungen worden war, verliert der Name albanisch seine poli- tische Bedeutung; die binnenländischen Gaue die ihre Selbständig- keit bewahrten, heifsen jetzt wie die an der Küste wohnenden Laliner, dieser Name dient fortan um den Gegensalz zwischen rö- mischen Bürgern und Bundesgenossen zum Ausdruck zu bringen. Der Zusatz prisci Latini bezieht sich auf den Bundesstaat der 493 durch den Vertrag des Sp. Cassius von Rom als gleichberechtigt anerkannt, aber 338 in seine Bestandlheile aufgelöst wurde. ^) Der Bund hat sich allmälich unter dem Druck äufserer namentlich von Rom drohender Gefahr gebildet. Zur Zeit der Tarquinier befafste er 8 Gemeinden: Tusculum Aricia Lanuvium am Albanergebirg,
1) Liv. 1 3. 52.
2) Verg. Aen. VI 773 fg.
3) Eusebios 2S7 Schoene aus Diodor VII.
4) Dion. H. I 45 III 10. 31. 34 VI 20, womit die V 61 aufgeführten ge- meint sind.
5) Plin. XXXIV 20; der Name wird in der Regel misbräuchlich auf die Urzeit bezogen (I 521).
558 Kapitel X. Latiuoi.
Tibur am Appennin , Cora Pometia im später volskischen Gebiet, Laurentes und Ardeates Rutuli an der Küste. Ihr Oberhaupt {dic- tator Latinus, die erste verbürgte Ausdehnung des Namens auf das Binnenland) weiht das Heihgtum der Diana am See von Nemi.i) In der nämhchen Gegend von Aricia am südwestlichen Fufs des Albanergebirgs ist die Quelle und der Hain der aqua Ferentina zu suchen, an dem die unabhängigen Latiner ihre Zusammenkünfte abhielten.^) Wegen der hier entstandenen Wohngebäude wird auch von einer Ortschaft Ferentinum gesprochen. -^j Seit Cluver hat man sie nach Marino verlegt: im Widerspruch mit den Geschicht- schreibern nach denen die Strafse von Rom ins Volskerland, d. h. die spätere Via Appia vorbeiführte.^) Keinenfalls darf der Ort auf römischem Grund und Boden gesucht werden. Unter der Quelle mag vielleicht geradezu der Abflufs des Nemisees der in dem Thal von Aricia zu Tage tritt (I 262) und nach Ardea läuft, zu ver- stehen sein. Der Bund der 8 Städte hat den Kern abgegeben und durch den Anschlufs anderer Gemeinden eine bedeutende Erweite- rung erfahren. Wenn die Ueberlieferung der am Quell der Feren- tina versammelten Eidgenossenschaft gedenkt, läfst sie diese aus 30 Gliedern bestehen. &) Die Zahl, wie männiglich aus der Aeneas- fabel bekannt, ist für Latium typisch; bereits Timaeos schreibt dem Aeneas die Gründung von 30 Burgen im Lande der Aboriginer zu.^) Ebensoviel befafst das Festverzeichnifs der albanischen Ge- meinden das mit dem Latinerbund als solchem nichts gemein hat. Der letztere ist weit jünger, nach den Annalen 499 entstanden. '') Die Liste der 30 Theilnehmer ist alphabetisch geordnet, nach der- jenigen Folge der Buchstaben die um die Mitte des dritten Jahr- hunderts üblich wurde, kann also nicht einer gleichzeitigen Ur- kunde entstammen. Jedoch erheben sich keine triftigen Gründe gegen ihre Richtigkeit, vielmehr enthält sie eine vertrauenswürdige Ueberlieferung. Die 8 Gemeinden die das Heiligtum am Nemisee gestiftet hatten §), kehren hier wieder : das von Tarquinius Superbus
1) Cato Or. II 21 Jordan.
2) Liv. I 50. 51. 52. ü 38 VII 25 Fest. 241 praetor.
3) Dion. H. MI 34. 51 IV 45 V 61.
4) Liv. II 38 Dion. H. VIII 4.
5) Liv. II 18 Dion. H. VI 63. 74. 75.
6) Lykophron AI. 1255.
7) Dion. H. V 61.
8) KoQvcov ist in KoQavcöv zu ändern.
§ 1. AU Latium. 559
zerstörte Pometia fehlt, umgekehrt wird Lavinium neben den Lau- renlern als selbständiges Glied aufgeführt, was es auch späterhin war. Ferner begegnen 6 oder 7 Namen aus der albanischen Ge- meinschaft.') Von der Gesamtzahl behaupten 17 ihren Platz als Verwaltungskürper bis in die Kaiserzeit, die übrigen 13 werden der Mehrzahl nach in der Kriegsgeschichte erwähnt.^) Geographisch lassen sie sich in folgende Gruppen einordnen:
I. Oestliche Gruppe.
Nomentum wird 338 römisches Municipium. Tibur bleibt bis 90 selbständig. Scaptia genaue Lage nicht bekannt, seit 338 römisch. Pedum 338 zerstört, geht in römischen Besitz über. 5. Bola früh zerstört, wegen der Lesung A. 1. Praeneste bleibt bis 90 selbständig. Tolerium seit 488 verschollen.
IL Mittlere Gruppe.
Gabii wird früh von den Römern erobert.
Labia wird 418 von den Römern erobert. 10. Corbio wird 457 von den Römern zerstört.
Tusculum seit 381 römisches Municipium.
Cabenses stehen noch in der Censusliste des Augustus.
Aricia wird 338 römisches Municipium.
Lanuvium wird 338 römisches Municipium. 15. Corioli seit 488 volskisch und verschollen.
IIL Küstengruppe.
LaureiUes Landgemeinde.
Lavinium bis 338 selbständig.
Ardea 442 von den Römern colonisirt (S. 27).
Tellenae früh verschollen.
1) Bcohtva-v (so mit der lateinischen Uebersetzung zu lesen statt de» handschriftlich überlieferten Boia.Xavd.v) Bivßevxavüv Kaoovevxavöiv (S. 556)^ KoQioXavüv <Po^iveia)7> (S. 556) IleBavcüv KoqxoxovXavdJv
2) TQiüQivcov der Vulgata an vorletzter Stelle ist notwendig am die Zahl 30 zu füllen: der Name sonst nirgends erwähnt, ist möglicher Weise verderbt, vgl. Schwegler II 328 A.
560 Kapitel X. Lalium.
IV. Südliche Gruppe.
20. Velitrae bald volskisch, 338 endgiltig unterworfen.
Carveutani Lage unsicher.
Coro bald volskisch, vor 330 römisch.
Norba 492 colonisirt (S. 27).
Setia 382 colonisirt (S. 27). 25. Satricum 385 colonisirt (S. 27), 346 zerstört.
Ctrcei 488 volskisch, 393 — 90 latinische Colonie.
Unbestimmbar.
Bubetani ehedem albanisch (S. 556). Fortinei vielleicht die albanischen Foreti. Querquetulani ehedem albanisch (S. 556). 30. Tricrini über den Namen S. 559 A. 2.
Das in diesem Bunde vereinigte Gebiet mag 40 d. D Meilen umfafst und bei der Gründung 499 das römische an Umfang um mehr als das Doppelte übertrolTen haben. Aber die innere Einheit fehlt, Rom nimmt die natürliche Mitte ein. Wie es den Unterlauf des Tiber in seiner Hand hat, sucht es auch die Küste sowie die grofsen Strafsen nach Süden zu gewinnen und damit den Zusammen- hang der Bundesgenossen zu zerreifsen. Das Vordringen der Ge- birgslämme anderseits führt zum mannichfachsten Wechsel in der Parteinahme und verleiht den Kämpfen der beiden nächsten Jahr- hunderte ein bewegtes Aussehen. Im Allgemeinen wird durch diese Kämpfe die städtische Entwicklung, die Unterordnung der kleinen Gemeinden unter eine gröfsere, die Erweiterung der Burg zur Stadtfestung befördert. Es nimmt nicht Wunder dafs aufser den mitgelheilten Verzeichnissen noch eine Menge von Gauen mit Namen erwähnt werden. — Nach Plinius sind in AUlatium 50 Ge- meinden spurlos zu Grunde gegangen. i) Ihre Wohnsitze lassen sich in der Regel nur annähernd auf der Karte unterbringen. Romulus hat gleich nach dem Raub der Sabinerinnen das römische Ge- biet nach Norden hin erweitert und Caenina Antemnae Crustumerium ihm einverleibt.^) Von den drei Namen ist der an erster Stelle genannte der berühmteste: Romulus tödlete den caeninensischen
1) Plin. III 70 steht 53, aber es sind nur 20 + 30.
2) Liv. I 10 fg. Dion. H. 11 32 fg. Plut. Rom. 16 fg.
§ 1. Alt Latium. 561
König Acron im Kampf und weihte die Rüstung im Tempel des Jiippiter Feretrius.i) Zu Ehren seines Vorgängers hat Kaiser Aiiguslus den Gottesdienst der Gemeinde neu belebt und zum Be- trieb eigene sacerdotes Caetiinenses eingesetzt.^) Die Lage des Herculestempels an den der Dienst anknüpfte, ist unbekannt 3): wir suchen ihn am linken Anioufer in der Gegend der Via Nomen- tana und Tiburtina. — Genau bestimmbar ist die Oertlichkeit von Antemnae, wovon S. 554 die Rede war. Ebenso erhielt sich das Andenken der dritten Gemeinde in dem ager Crustnminus von dem die 493 errichtete tribns Clustumina ihren Namen erhielt.^) Er begegnete uns bereits an der Adria in Umbrien (S. 374). Wenn er aufserdem mit einer verschollenen Stadt aus Etrurien angeführt wird, ist man um so mehr geneigt diese Feldmark an beiden Ufern des Tiber zu suchen als die Stadt nach der die Tribus heifst, einem beachtenswerten Gewährsmann zufolge den Etruskern gehörte.^) Die crustuminische Mark am rechten Ufer ist ganz oder gröfstenteils an Veji gefallen; denn vom 16. Meilenstein der Via Salaria ab schied der Fliifs vejentisches und crustuminisches Gefilde. 6) Der linkstiberinische Theil zog sich zwischen Eretum (S. 479) und Fidenae etwa vom 16. bis zum 6. Meilenstein hin und umfafste landeinwärts noch den Mons sacer am Anio (S, 545).') Der Boden war fruchtbar s), braclite sehr geschätzte Birnen hervor.'') Man begreift dafs der Dichter solch ausgedehntem Gau in den Kämpfen der Vorzeit einen ausgezeichneten Platz anweist lO); nicht minder
1) Erst seit der Herstellung des Tempels durch Augustus (Liv. IV 20) er- hält der in den Annalen namenlose König diesen Namen CIL. I p. 283 Fest. 189 M. Properz V 10,5 fg. Val. Max. III 2,3 Flor. I 1,11 Solin 1,20 Ampel. 21 Aur. Vict. 2 Serv. V. Aen. VI 860.
2) Marquardt Staatsverw. III 460.
3) Properz V 10,9 Fest. 45 Dion. H. I 79.
4) Die ältere Schreibung mit 1 wiegt durchaus auf den Inschriften vor (Kubitschek, de Rom. tribuum origine, Wien 1882, p. 38), findet sich auch Cic. pro Plane. 38 Balb. 57 , ferner wol nach der Stellung Fest. 55 vgl. Serv. V. Aen. VII 631.
5) Plin. III 52 Fest. 55 M.
6) Plin. III 54 vgl. Liv. XLl 9.13.
7) Liv. II 64 V 37 Varro LL. V. 81 RR. I 14.
8) Cic. pro Flacco 71 Plin. II 211 Liv. I 11.
9) Verg. Georg. II 88 Colum. V 10 Plin. XV 53 XXIIl 115. 10) Verg. Aen. VII 631.
Nissen, Ital. Landeskunde. 11. 36
562 Kapitel 10. Latium.
dafs in diesen von Sabinern All)anern Etruskern Römern umstrittenen Strichen die Angaben über seine Herkunft ') sowie seine Unter- werfung aus einander gehen. 2) Der Hauptort Crustumeria oder Crustumerinm ^) kommt in historischen Zeiten nicht vor; er lag stromaufwärts von Fidenae zwischen diesem und Eretum.^)
Unter Tullus Hostihus wurden die Albaner auf dem Caelius an- gesiedelt. Ancus Marcius besiedelt den Aventin uud erweitert das Gebiet bis zur Tibermündung. Von den genommenen Ortschaften wird Ficana ausdrücklich an den 11. Meilenstein der Via Ostiensis gesetzt.^) Die Hügel von Decima springen hier gegen den Flufs vor und zwingen ihn einen spitzen Winkel zu beschreiben : der ab- fallende Fels, jetzt nach dem Hof von Dragoncello benannt, hiefs den Alten Puilia saxa und schuf einen Hafen für den Ort den er auf seinem Rücken trug. Den 12. Meilenstein der Ostiensis um- fafste der ager Solonius: weiter erstreckte sich dieser Landstrich an der Feldmark der Laurenter und Ardeaten hin bis zu den Grenzen von Anlium und Lanuvium.ß) Eine vereinzelte Nachricht läfst einen Etruskerfürsten aus Sohnium dem Romulus Hilfe bringen''): wahrscheinlich gehören die Namen von Stadt und Land- schaft zusammen. In dem nämlichen Strich nach der See zu sind die zugleich mit Ficana eroberten Orte Politorium^) und Tel- lenae^) zu suchen. Ersteres begegnet vielleicht in der Liste der albanischen Gemeinden (S. 556, 21); letzleres wird unter den 30 Rundesstädten Latiums aufgeführt und scheint nach Aricia und Antium hin gelegen zu haben. — In derselben Richtung weiter schieben sich die Eroberungen der Tarquinier gegen das Volsker-
1) Sabiniscli Plul. Rom. IT Stepli. Byz.; albanisch Diod. VII 3a, 7 Liv. I 38 Dion. H. II 36; etruskiscli Fest. 55; sikelisch Serv. V. Aen. VII 631.
2) Liv. I 11. 38 II 19 Dion. H. II 32. 36 III 49 XI 23. 25. 27.
3) Beide Formen bei Livius und Dionys, dichterisch Crustumerii Verg, Aen. VII 631 Cruslumium Sil. It. VIII 366. Adjectiv CrusUiminus , seltener Crustumerinus und Crustumius.
4) Liv. III 42 Dion. H. XI 23.
5) Fest. 250 M. Liv. I 33 Dion. H. III 38 Plin. III 68 Nibby II 40.
6) Fest. 250 M. Plut. Mar. 35,5 Liv. VIII 12 Gic. Att. II 3,3 9,1 Div. I 79 II 66.
7) Dion. H. II 37.
8) Liv. I 33 Dion. H. III 37. 38. 43 Plin. III 68 Cato Or. II 26 Jordan.
9) Liv. I 33 Dion. H. I 16 lil 38. 43 V 61 Diod. VII 3 a, 7 Plin, 11168 Strab. V 231. Der Ursprung der Redensart tricae Tellenae Varro bei Non. I 26 Arnob. adv. nat. V 28 bleibt dunkel.
§ 1. Alt Latium. 563
land vor. Priscus zerstört Apiolae und erntet reiche Beute. i) So- dann kehrt er die Waffen gegen die sabinische Grenze, zunächst gegen die Stadt an die das Verderben seines Hauses anknüpfen sollte, Collatia.^) Von den Albanern oder Sabinern gegründet 3) hat sie in- geschichthchen Zeiten nichts zu bedeuten.^) Dafs dem nicht immer so war, beweist die Lage und beweist die Via Col- latina (S. 546). An dieser Nebenstrafse 8 Milben von Rom bei Salone werden die Quellen der Aqua Virgo gefafst (S. 549)^); 10 Milben von Rom an der Einmündung der Üsa in den Anio er- hebt sich durch die Wasserläufe geschirmt ein Hügel der das Castell Lunghezza trägt und ehedem CoUatia trug. 6) Nachdem er diese starke Festung am linken Anioufer bezwungen, nimmt Tarquinius jeuseit des Anio 7 altlatinische oder zu den Latinern abgefallene Ortschaften ein. Unter diesen befinden sich die bekannten Muni- cipien Ficulea und Nomentum sowie das annähernd bestimmbare Crustumerium. Aber 4 bleiben übrig deren Lage nicht genau an- gegeben werden kann : Corniculiim '') Cameria ^) Ameriola ^) Medullia.^^) Im Gesichtsfeld der Römer heben sich die Kalkberge ab die dem Fufs des Lucretilis vorgelagert sind: Monticelli (389 m) und S. An- gelo in Capoccia (400 m), beide im Altertum wie jetzt von Ort- schaften eingenommen, dazwischen Poggio Cesi (415 m). Man will in diesen Hügeln die Corniculani montes und in Monticelli Corni- culum wieder finden 1'): eine ansprechende Vermutung aber nichts mehr.
Wie die Stadt Rom in 4, wurde ihre Feldmark 495 in 17 Tribus getheilt. Nach den Eroberungen der Königszeit fafsten die länd-
1) Liv. 1 35 Dion. H. III 49 Plin. III 70 Strab. V 231.
2) Liv. I 38. 57 fg. Dion. H. III 50 IV 64 Ov. Fast. II 733 Sil. It. VIII 361.
3) Verg. Aen. VI 774 dazu Servius Fest. 37 M; nach Livius sabinisch.
4) Cic. de lege agr. 2,96 Strab. V 230 Plin. lil 68.
5) Frontin 5. 10 Plin. XXXI 42.
6) So Westphal p. 100; Nibby I 478 zieht das 2 Millien entfernte Gastel- laccio an der Osa vor, das aber minder fest ist. Vielleicht hat der Ort nach dem Ausdruck Vergils a. 0. aus zwei getrennten Burgen bestanden.
7) Liv. I 38. 39 Dion. H. III 50 IV 1 Ov. Fast. VI 628 Flor. 1 5,6 Plin. III 68.
8) Liv. I 38 Dion. H. II 50. 54 III 51 V 21. 40. 49. 51 Diod. VII 3a, 7 Plut. Rom. 24, Plin. III 68 Cameinuvi.
9) Liv, I 38 Plin. III 68 (durch Conjectur hergestellt).
10) Liv. I 33. 38 Dion. II 36 III 1. 34. 38 VI 34. 55 Diod. VII 3a,7 Plin. III 68 Medullum Steph. Byz.
11) Dion. H. I 16.
36*
564 Kapitel X. Latium.
liehen Tribus als geschlossene Bezirke, im Mittel etwa eine d. Ge- viertmeile grofs, die Mauer rings ein. Nur von einzelnen wird die Stelle überliefert. Am rechten Tiberuler ist die Romulia oder Romilia die älteste ij, vermutlich bis zum Arvalenhain an der Grenze des Weichbilds reichend (S. 498). Stromabwärts folgte die Galeria: es ist nämlich wahrscheinlich dafs ihr Name mit dem am 10. Meilen- stein in den Tiber mündenden Rio Galera zusammenhängt.^) Der Bach wird erst seit dem 11. Jahrhundert erwähnt; aber in ähnhcher Weise verhält es sich mit dem Arrone und der Tribus Arnensis (S. 352). Stromauf ist die Fabia nicht ohne Grund an der Cremera der Grenze gegen Veji (S. 360) angenommen worden. 3) Am rechten Ufer des Anio sind die Clustumma (S. 561) und Claudia bezeugt.*) Uebel berufen war die Pupim'a wegen ihres unfruchtbaren unge- sunden Bodens, 8 Mühen von Rom an die tusculanische Flur stofsend."') Die bezeichnete Gegend, die Tenuten von Torre nuova Tor Vergato Carcariola usw.. weist in der That die gerügten Eigen- schaften auf. 6) Auch die Papiria scheint an Tusculum gegrenzt zu haben, insofern diese Gemeinde ihr einverleibt wurde.") Endlich erstreckte sich die nach einem Pagus benannte Lemonia vor Porta Capena an der Via Latina hin.s) Das von den Tribus umschlossene Gebiet bezeichnet nur einen Bruchtheil der Herrlichkeit die Rom unter den Tarquiniern besessen und nach deren Vertreibung im jähen Zusammenbruch seiner Macht eingebüfst hatte. Es wird an Ausdehnung von dem Gebiet der verbündeten Herniker überholt, von dem Gebiet der 30 Lalinerstädte um mehr als das Doppelte übertroffen. Wenn auch keine einzelne Bundesstadt sich entfernt mit Rom messen konnte, war dieses doch der Gesamtheit gegenüber auf Menschenalter hinaus zu einer bescheidenen Haltung genötigt. Mit Hilfe seiner Bundesgenossen erobert es das südliche Etrurien und die volskische Mark, wächst und wächst, zerbricht 338 den
1) Varro LL. V 56 Fest. 270. 71 M.
2) Nach Nibby IP 92.
3) Kubitschek de trib. orig. 12.
4) Liv, II 16 Dion. H. V 40.
5) Fest. 233 M. Liv. XXVI 9 Val. Max. IV 4,4. 6 8,1 Gic. de lege agr. 2,96 Varro RR. I 9 Colum. I 4 (Liv. IX 41).
6) Nibby 11* 666.
7) Fest. 232. 33 M. Kubitschek a. 0. 12.
8) Fest. 115 M.
§ l. Alt Latiiim. 565
latinischen Bund, die Stütze seines Wachstums. Etwa ein Viertel wird zur römischen Feldmark geschlagen, die übrigen Gemeinden fuhren ein getrenntes Sonderleben bis die Umwälzung des Jahres 90 alle bisherigen Rechtsschranken auf der Halbinsel niederreifst. *) Die freien Bauern die einst den latinischen Boden pflügten, wurden durch das aus dem Reich einströmende Capital vernichtet.^) Die Gauburgen an deren Mauern die Kraft eines jugendlichen Volkes sich erprobt hatte, mufsten von Sklaven erfüllten Gutshofen Platz machen. 3) Das Bild das um den Beginn unserer Zeitrechnung von den sieben Hügeln aus den Beschauer entzückte, die Stadt mit ihrem schwellenden Kranz von Landhäusern und Fruchtgärten, den Vor- städten am Abhang des Gebirgs (S. 541) erinnert uns an die leuch- tende Sonne welche die Planeten umkreisen. Mit dem Erkalten der Sonne erstarrt das Leben das sie genährt hatte. Von der Malaria die jetzt die Gegend beherrscht, ihrem Ursprung und Wachs- tum ist früher (1416 fg.) die Rede gewesen. Nach den Erfahrungen der letzten Jahrzehnte steht das parlamentarische Regiment ihr ebenso ohnmächtig gegenüber wie weiland das päpstliche. Die Schriftsteller des Altertums erkannten in den Latifundien die Ur- sache der unheilbaren Krankheit an der ihr Volk dahin siechte. 4) Sie konnten nicht ahnen dafs dies vom Reichtum des Erdkreises strotzende Land im weiteren Verlauf der Krankheit sich wandeln würde in jene baumlose Einöde welche die heutige Hauptstadt Italiens umgiebt, wo weder ein Bauer die ererbte Scholle noch ein fremder Knecht die Scholle seines Herrn umwirft, wo nur ein Zehntel der weiten Fläche obenhin beackert wird, während der Rest als W'eide dient. Auf Schritt und Tritt drängt sich dem einsamen Wanderer die Vergangenheit auf, und wenn es nur unförmliche Trümmor sind die das Gesichtsfeld füllen, so fördert der Spaten, mag man ihn in der Campagna ansetzen wo man will, anmutige glänzende Zeugen einstiger Pracht ans Licht. Damals als die Zeitgenossen der Caesaren sich ihrer erfreuten, gab es nur eine Stadt in der das Leben begehrenswert schien, oder mit den Worten des Dichters -^) :
1) Liv. VllI 14.
2) Plin. XVIII 6—21 Fest. 371 M.
3) Strab. V 230 tote /usv TtoXixfia, vvv Si xcöfiai xrr'ffcts iSimTcöv.
4) Plin. XVIII 35 Liv. VI 12 Flut. Tib.Gr. 8,7 App. b. civ. I 7. 11 Sali. Gat. 12.
5) Juvenal 10,99.
566 Kapitel X. Latium.
huius qui trahitur praetextam sumere mavis, an Fidenarum Gabiorumque esse potestas et de mensura ins dicere, vasa minora frangere pannosus vacuis aedilis Ulubris? Der Freund geschichtlicher Betrachtung wird gern bei der Spiefsbürgerei verweilen, da solche eine Brücke schlägt um die Ge- danken in die Vorzeit zurückzuführen in welcher der Grund zur römischen Weltherrschaft gelegt wurde.
§ 2. Die Seeküste.
Am 12. Meilenstein der Via Ostiensis hören die Tulfhügel auf und werden von dem Strandgürtel abgelöst der von den Ausläufern des Tolfagebirgs bis südlich von Ardea über 70 km lang und 3 — 10 km breit aus den vom Meer ausgeworfenen Schwemmstoffen des Tiber entstanden ist. Die regste Thätigkeit herrscht naturgemäfs unmittelbar an der Mündung. An beiden Ufern hat der Flufs durch Dünen lang gestreckte Lagunen abgeschnitten (I 202) : am rechten das Stagno di Ponente, am linken das Stagno di Levante. Das eine wie das andere ist seit Urzeiten zur Salzgewinnung ausgebeutet worden. Die Salzvviesen des rechten Ufers den campus salinarum Romanarum (S. 543) nahm Romulus den Vejentern ab (I 108), am linken drang Ancus Marcius erobernd bis zum Meer (S. 562) und gründete Ostia Gemünd die älteste römische Colonie.^) Die Gründung war an der Landseite durch den Strandsee geschützt, dem das alte Tiberbelte mit einer grofsen Krümmung bis auf ein paar hundert Schritt sich nähert, während das jetzige um den dreifachen Betrag abgerückt ist. Die Salinen wurden in der Folge bis auf die Gegen- wart hinab fortbetrieben.^) Aber der Dichter betont mit Recht dafs König Ancus nicht blos nach dem Ruhm des eisten Salzgrafen strebte 3):
Ostia munita est; idem loca navibus pulchris munda facit nautisque mari quaesentibus vitam.
1) Die Singularform Ostia -ae ist die ältere und gewöhnlichere Fest. 197 M. Charisius 1 p. 98 K.; aber bereits Sallust braucht Ostia -orum und dies scheint durch die Hafenanlage des Claudius und die Verdoppelung des Wohn- raums empfohlen worden zu sein CIL. XIV p. 4.
2) Liv. I 33 Plin. XXXI 89 Aur. Victor 5. Auf die Häufigkeit des Namens Salinalor in Ostia macht Dessau CIL. XIV p. 4 aufmerksam.
3) Ennius fr. 145 Vahlen (Fest. 258 M.) Dion. H. 111 44.
§ 2. Die Seeküste. 567
An der einförmigen Küste die zwischen dem Argentaro und Circello 200 km lang hinstreicht (I 324), bot die gröfste Fiufs- mündung den geeignetsten Ankerplatz. Seit 440 wird er als Handels- hafen i), seit den panischen Kriegen als Kriegshafen oft erwähnt.'^) Mit dem Wachstum Roms wuchs seine Bedeutung; vollends seitdem die Weltstadt für den Lebensunterhalt auf ausländische Kornzufuhr angewiesen war, hing ihr Schicksal von der Behauptung des Hafens ab und hat in der Kriegsgeschichte mehrfach (87 v. Chr. 409. 537 n. Chr.) sich nach dessen Fall zum Schlechteren gewendet.^) In alten Zeiten wurden daher auch die Colonisten als stehende Be- satzung betrachtet und selbst in Notlagen von der Aushebung für das Landheer befreit, später zum Dienst auf der Flotte herangezogen.*) Seit 267 v. Chr. erhielt ein eigener Quaestor in Ostia seinen Sitz mit der lästigen und verwickelten Aufgabe den Kornhandel zu über- wachen.5) — Die Tibermündung ist dem Südwest, dem Sturmwind dieser Küste (I 386) ausgesetzt: ihr eifrigster Bewunderer mufs das zugeben. Von dem Umfang des angerichteten Schadens zeugt die beiläufige Nachricht dafs er 62 n. Chr. in dem inzwischen geschaffenen Hafen 200 beladene Schiffe zum Sinken biachte.6) Dazu kam die zunehmende Versandung die grofse Kauffahrer nötigte auf offener Rhede ganz oder theilweise zu loschen (I 318. 324). Und wenn die Flufsbarre glückHch überwunden war "), mufs auf dem schmalen Strom ein ebenso beängstigendes Gedränge gewaltet haben wie in den Gassen Roms. Die Stadenlänge in Ostia von Torre di Bovac- ciana, der alten Strandmarke, bis zum Thor nach Rom übersteigt keine IV2 km. Das ehemalige Aussehen der Gegend ist freilich sowol durch künstliche Aufschüttung 8) als durch natürhche An- schwemmung verwischt worden. Es mag wol sein dafs der Flufs
1) Dion. H.XII 1 Pol. XXXI 20,tl Justin. XLIII 3,4 Liv. XXII 11. 37 XXIX 14.
2) Liv. XXII 11. 57 XXIil 38 XXV 20 XXVII 22 Cic. de imp. Pomp. 33 Dio XXXVl 22.
3) Appian b, civ. I 67. 88 Zosim. VI 6 Prokop b. Goth. I 26.
4) Liv. XXVII 38 XXXVl 3.
5) Gic. pro Sest. 39 pro Mur. 18 de har. resp. 43 Vell. II 94 Suet. Claud. 24 Diod. XXXVI 12.
6) Dion. H. Ill 44 Tac. Ann. XV 18 Petron 76 Amniian XIX 10,1. Der Tauchergilde (urinatores) in Ostia hat es an Beschäftigung nicht gefehlt CIL. XIV 303 Dig. XIV 2,4.
7) Strab. V 232 Liv. XXIX 14.
8) Tac. Ann. XV 43.
568 Kapitel X. Lalium.
beim Austritt sich früher ausbiichtete i) und am rechten Ufer mehr Raum bot. Nichtsdestoweniger ist unverkennbar dafs alle Vor- bedingungen für die Aufnahme des Weltverkehrs hier ebenso fehl- ten wie auf den sieben Hügeln (S. 484). Caesar hat an Abhilfe gedacht.2) Die Ausführbarkeit wurde bezweifelt 3), bis Kaiser Claudius dessen Regierung wie keine zweite die kühnsten grofsarligsten Entwürfe zum gemeinen Resten ausgeführt hat, sofort nach seiner Thronbesteigung ans Werk ging.^) Mit Ungeheuern Kosten wurde 4 km uördlich von Ostia ein neuer Hafen geschaffen, theils am Strande ausgegraben, theils durch zwei Molen der See abgewonnen. Zwischen den gleich riesigen Armen ausgreifenden Molen von je 700 m Länge lag in der Mitte der Einfahrt eine künstliche Insel mit hohem Leuchlthurm.^) Der Hafen umschlofs einen Flächen- raum von 70 ha, fünfmal so viel wie der von Centumcellae (S. 333) der für den maritimen Verkehr des heutigen Rom ausreicht. Der Abschlufs der Arbeiten hat viele Jahre gedauert und zu guter letzt den Urheber um den verdienten Ruhm dafs das Werk seinen Namen empfing betrogen. Nero taufte es mit schillernder Zweideutigkeit Partus Augusti.^) Um den Anfang des zweiten Jahrhunderts fügte Traian einen geschützten Rinnenhafen von 40 ha Grundfläche in Gestalt eines Sechsecks hinzu. Seitdem lautet die amtliche Re- zeichnung Partus Augusli et Traiani oder Partus nterque und wiid im vierten Jahrhundert durch Partus urbis, Ramae, Romanus er- setzt.") Der Hafen wurde von grofsen Speichern in regelmäfsigen Zeilen eingefafst, von einer aus Rom verlegten Cohorte und Kriegs- schiffen aus Misenum bewacht *), zwischen dem inneren und äufseren Recken lag ein Kaiserpalast: kurz und gut an dem Ort der den Verkehr der Provinzen mit Rom vermitteln sollte, war in wenigen Jahren eine Wohnstätte vom Umfang eines Municipium ins Dasein
1) Wie Dion. H. III 44 angiebt, vgl, Ov. Fast. IV 291. 329 Tiberina atria.
2) Plut. Caes. 58 Suet. Claud. 20.
3) Ouintil. 1121,18 111 8,16.
4) Dio LX 11 Suet. Claud. 20 Plin. IX 14 XVI 202 CIL. XIV 85.
5) Juvenal 12,75 Val. Flacc. Arg. VII 83 Plin. XXXVI 70. 83.
6) Eckhel D. N. VI 276 Dio LXXV 16 It. mar. 493. 94. 98 Ammian XIX 10,1 Schol. Juv. 12,75 Cluver p. 877 Dessau a. 0. p. 6.
7) Belege bei Dessau p. 6. 7.
8) Suet. Claud. 25 Vesp. 8 Tac. Bist. I 80 II 63 Plut. Oth. 3 Dessau p. 9 Hirschfeld, Verwaltungsgeschichte p. 139 fg.
§ 2. Die Seeküste. 569
gerufen worden.') Diesem seinen Hafen gegenüber sah sich das alte Ostia in die Rolle des Rentners gedrängt, dessen Händen die Geschäfte der Firma entgleiten um dem Sohn und Theilhaber an- heim zu fallen. Kaiser Claudius, heifst es in einer Inschrift 46 n. Chr., hat durch die Canäle die er für die Hafenanlagen aus dem Tiber ins Meer leitete, Rom von Ueberschwemmungsgefahr befreit.^) Das war eine schwere wenn auch verzeihliche Täuschung (I 322 A). Wol aber glückte es dem Strom den künstlich geschaffenen kürzeren Weg zum Meer anzuweisen den er seitdem eingehalten hat (I 315). Damit wurde zugleich dem alten Flufsbette die Kraft entzogen um die Senkstoffe fortzuspülen. Die im Laufe dreier Jahrhunderte hervorgebrachte Wirkung schildert Rutilius als er 416 zur Heim- kehr rüstete 3):
tum demum ad naves gradior, qua fronte bicorni dwiduus Tiberis dexteriora secat.
laevus inaccessis fluvius vitatur arenis, hospitis Aeneae gloria sola manet. Die neueren Ausgrabungen nebst 2000 Inschriften bringen uns diese Epoche in anschauliche Nähe.^) Ostia zieht sich von der alten Mündung ab eine Mühe am Flufs hin und bedeckt annähernd ein Feld von 130 ha. Rechnet man den Hafen und die Vorstädte ein, so wird die Einwohnerzahl auf höher als 50000 geschätzt werden dürfen. 5) Von Hause aus gehörte die Colonie zur Tribus Voturia, später wog die Palatina vor weil die Freigelassenen ähnlich wie in Rom behandelt, also in eine städtische Tribus eingetragen wurden. An der Spitze der Verwaltung begegnet das in Colonien übliche Reamtentum. Der Platz der Duovirn scheint aber früher von Praetoren eingenommen gewesen zu sein, die als praetores sacris Volkani fadundis im Gottesdienst fortleben. Dieser Gott stellt alle übrigen so sehr in den Schatten, dafs der oberste und ursprüng- lich alleinige Priester der Stadt pontifex Volkani et aedium sacrarum heifst. Den Dioskuren als Patronen der Schiffahrt wurde vom Stadtpraetor oder -praefecten alljährlich eine Feier des Staates aus-
1) Lanciani, suUa cittä di Porto, Ann. dell' Inst. 1868 p. 144 fg.
2) CIL. XIV 85 vgl. Plin. Ep. VIII 17,2.
3) Rutil. Nam. I 179.
4) Not. d. Scavi 1888. 89 Eph. ep. VII p. 356—72, Boissier, Promenades archeologiques, Paris 1880, p. 249 — S6.
5) Galen XVllI 1,348 Kühn.
570 Kapitel X. Latium.
gerichtet J) Den heimischen Güttern machten die fremden, Isis Serapis Kybele Milhras scharfen Wettbewerb. Viel Wolstand war in Ostia aufgehäuft: davon zeugen die Ruinen und die Kunstschätze die sie bergen, zeugen die ötfenllichen Aufwendungen seiner Millio- näre; von hier wurden 64 n. Chr. die Abgebrannten in Rom mit Hausrat versorgt.-) Die Feldmark, so hoch entwickelt auch der Gartenbau war 3), konnte bei ihrer geringen Ausdehnung nur einen Bruchtheil des Wolstandes beisteuern. Dessen Quelle entsprang der Aufgabe „die Schätze und Zufuhren der ganzen Welt gleichsam als Roms Seeherberge aufzunehmen".*) Die Inschriften auf denen auch nicht selten griechische Sprache erscheint »), stellen uns die einkehrenden Fremden vor, lehren die zahlreichen Gilden von See- und Flufsschiffern Lastträgern Kornmessern Weinhändlern SchifTs- zimmerleuten usw. kennen. Die stattlichen Strafsen, deren eine die für antike Verhältnisse ungewöhnliche Breite von 50' 15 m erreicht, Kaufhallen Tempel Thermen Theater sind gefälhg dem Geschmack der Kaiserzeit angepafst. Die geringe Entfernung von 16 Millien ♦') machte einen Ausflug von Rom nach dieser anmutenden Stadt und ihren Seebädern leicht ausführbar.'') Das Gestade war mit Land- häusern bedeckt. 8) Von Claudius ab haben die Kaiser mit ihrer Gnade gegen Ostia nicht gekargt: zu Anfang des 4. Jahrhunderts befand sich hier auch eine Münzstätte. 9) Der Vorrang Ostia's vor allen Städten der römischen Landschaft kommt noch in der christ- lichen Hierarchie zum Ausdruck, insofern sein Bischof an der Spitze der Cardinäle steht {decanus sacri collegii). Jedoch hat Portus be- reits in consiantinischer Zeit einen eigenen Bischof. i^) Mit dem ein- brechenden Verfall sieht sich Rom aufser Stande beide Zugänge zum Meer zu behaupten : der Hafen wird befestigt, die Stadt bleibt un- beschützt. In den Gothenkriegen hat sich der Verkehr ausschUefs- lich auf das rechte Flufsufer beschränkt. ii) Die Ueberfälle der
1) CIL. XIV 1. Aethicus Gosm. 25 (p. 83 Riese) Suidas /iaiovftäs{p. 679 Bk.)
2) Tac. Ann. XV 39 vgl. Plin. Ep. II 17,26.
3) Maulbeere Plin. XV 97, Lauch Plin. XIX 110, Melone vita Clod. Alb. 11.
4) Florus I 4 Plin. II 121 XIX 4 Strab. HI 145.
5) Kaibel inscr. Gr. 913—50 vgl. p. 694.
6) It. Ant. 301 Eutrop I 5 Hier. a. Abr. 1397 Plin. III 38.
7) Gell. N. A. XVIII 1 Minuc. Felix Oct. 3%.
8) Cic. Atl. XII 29,2 Vairo RR. III 2 Symmach. Ep. I 6 II 52 VI 35. 72.
9) Dessau zu CIL. XIV 1878. 10) Dessau a. 0. p. 7. U) Prokop b. Gotli. I 26 II 7 vgl. Cassiodor Var. VII 9,
§ 2. Die Seeküste. 571
Barbaresken die vom 7. bis zum 19. Jahrhundert anhielten ([ 114), vollendeten die Verödung dieser Rüsten und machten wiederholte Versuche sie dem Fieber zu entreifsen zu Schanden, inzwischen arbeitete Vater Tiber ungestört weiter, füllte die kaiserlichen Häfen aus und rückte sie 2 — 3 km vom Strande ab (I 315). Den Umfang der Insel die beide Flufsarme umschliefsen , hat er seit dem Aus- gang des Altertums mehr als verdreifacht: Prokop bestimmt ihre Breite richtig auf 2 Millien und benennt sie Sacra insula; nach einem anderen Schriftsteller soll sie wegen ihres Rosendufts „der holden Venus Weihrauch" geheifsen haben.') Der heutige Besucher hört die alten Namen Porto Isola Sagra Ostia erklingen, erblickt aber in den Trägern nur blutlose Schatten der Vergangenheit. Hatte er unter den Trümmern des Campo vaccino unter denen Gibbon den Plan zu seinem Geschichtswerk fafste, die nötige Stille und Stimmung vermifst um über Roms Gröfse und Untergang nachzu- sinnen, hier ist er sicher beides zu finden.
Die Via Aurelia die an der Küste Etruriens hinzieht, mündet durch einen Seitenarm in Ostia aus (S. 350) und setzt sich südwärts als via Severiana an der latinischen Küste fort.^) Der IVame rührt von Septimius Severus her der die Uferstrafse umgebaut oder ge- pflastert haben wird: dafs die latinischen Seestädte seit Alters durch eine solche verbunden waren, liegt in der Natur der Dinge. Ihre Länge von Ostia bis Antium beträgt 30, bis Terracina 73 Millien. Am 2. Meilenstein überschreitet sie den Abflufs der Ostlagune der die Feldmark Ostia's von der laurentinischen scheidet. 3) Nach der Sage reichte die laurentinische Feldmark ursprünglich bis zur Tiber- mündung ^): es kann auch nicht füglich bezweifelt werden dafs ein 2 Milben breiter Streifen von ihr für die Gründung von Ostia ab- getrennt worden ist. Die Südgrenze bildete der Numicius oder Numicus.^) Uebereinstimmend wird von diesem Flufs ausgesagt dafs er zwischen schilfbewachsenen Ufern in Schlangenwindungen hinkriecht und in einer Lagune endigt: das trifft auf den 25 km
1) Prokop b. Goth. I 26 Aethicus Gosm. 25 (p. 83 Riese).
2) GIL. X 1,6811 Tab. Peut.
3) CIL. XIV 126.
4) Verg. Aen. VII 30 fg. VIII 31 fg. IX 70. 469. 790. 815 XI 316 Serv. zu VII 661.
.5) Verg. Aen, VII 150. 242. 797, ISumicius Ovid Met. XIV 599 Fast. III 647 Plin. III 56, Numicus GIL. XIV 2065, beide Formen Sil. It. VIII 179. 190.
672 Kapitel X. Latium.
langen Rio Torlo zu.i) Unter gewöhnlichen Verhältnissen hätte freilich Aeneas in ihm nicht ertrinken können : nach starken Regen- güssen war solches recht wol möglich. Der ager Laurens 2) befafste mithin einen Küstenstrich von ursprünghch 16, später 14 Millien Länge. Da er landeinwärts an die solonische Landschaft stiefs (S. 562), kann sein Flächeninhalt 4 — 5 d. D M. nicht überschritten haben. Dünen und Moräste erfüllen den Strand und machen die Klage verständlich die ein Annalist dem Aeneas in den Mund legt: in eum deveiiisse agruni macerrimnm lüorosissimnmque.^) Der Rusch- wald Silva Laxirentina dehnte sich in den sumpügen Niederungen aus^): der Lorbeer der an der ganzen Küste weit verbreitet war (l 432), hat dem Völkchen den Namen Lauretites verschafft. 5) Hier fand der Eber eine zusagende Stätte ^), wurden von römischen Grofsen Wildparks angelegt.') Immerhin so ungünstig die Verhältnisse lagen, haben die Laurenter Seefischerei betrieben 8) und wurden im 4. Jahr- hundert V. Chr. in sicilischen Häfen angetroffen. 'J) Als sie noch im Resitz der Tibermündung waren, muls ihr Verkehr und ihre See- stellung bedeutend gewesen sein. Daraus erklärt sich einerseits die frühe Aufnahme griechischer Culte, anderseits die Verbreitung des hier heimischen Latinernamens im Rinnenland. Die Aeneasfabel die nach dem Zeugnifs des Timaeos bereits um 300 v. Chr. einge- bürgert war, hat allerdings in der von den Römern empfangenen Gestalt wirksam dazu beigetragen die geschichtlichen Zusammenhänge zu verdunkeln. Alba kann unmöglich eine Tochterstadt von Lavi- nium gewesen sein, die Ausdehnung des Namens laurentisch über Latium bis an den Liris beruht lediglich auf dichterischer Willkür. *") Der Grundzug der Erzählung dafs Lavinium auf abgetretenem Ge-
1) Nibby IP 41 6 fg.
2) Oder Laurentinus Plin. Ep. II 17,1.
3) Fab. Max. bei Serv. V. Aen. I 3 vgl. Dion. H. I 56.
4) Obseq. 24 Val. Max. I 6,7 Verg. Aen. XI 134 Symmacli. Ep. VII 15.
5) Varro LL V 152 Verg. Aen. VII 59 Herodian I 12,2.
6) Verg. Aen. X 7ü9 Hör. Sal. II 4,42 Martial IX 48.
7) Varro RR. 111 13.
8) Martial X 37,6 Plin. Ep. II 17,28.
9) Wo Tinnaeos seine Dion. H. I 67 erwähnten Nachrichten von ihnen ein- gezogen haben wird.
10) Laurentisch heifst Ardea Verg. Aen. VII 650 Stat. Silv. I 3,83; Astura Fest. 317 M. u. Stura; Marica die Göttin von Minturnae Verg. Aen. VII 47; bei Silius Italiens so viel wie römisch oder italisch.
§ 2. Die Seeküsle. 573
biet erbaut wiid , spiegelt übrigens die thatsächlichen Verhältnisse wieder die durch die Stellung Delphi's zu den Phokiern erläutert werden mögen.
Eine eigene Strafse die via Lanrentina verbindet Rom mit der heiligen Stadt. i) Sie zweigt zwischen dem 2. und 3. Meilenstein von der Ostiensis ab (S. 547), läuft mit stellenweise erhaltenem Pflaster durch Decimo (ad Decimum) und erreicht nach 19 Millien Lavintum Pratica.2) Von Ostia 16 Millien 3), vom Meer 3 entfernt 4) nimmt es einen reichlich 100 m ansteigenden steilen Hügel von 1200 m Umfang ein. Der dazu gehörige Acker beschränkte sich zeitweise auf einige hundert oder lausend Morgen. 5) Nichts desto weniger hat dies geistliche Gemeinwesen der Landesgemeinde gegenüber eine unabhängige Haltung gewahrt. Unter Romulus gehört es den Lau- rentern ß); bei der Stiftung des Heiligtums von Nemi (S. 558), im römisch-karthagischen Vertrag von 509 wird es nicht erwähnt. 'i) Dagegen tritt es in dem neuen latinischen Bunde von 499 als selbständiges Glied auf (S. 559). Aus dieser Zeil schreibt sich der Glaube her der in Lavinium die Mutlerstadt der launischen Nation erblickte. Der Glaube erhielt seine äufsere Verkörperung in einem allen Latinern gemeinsamen Venustempel, dessen Dienst Priester von Ardea besorgten.^) Demgemäfs fochten die Lavinaten in dem entscheidenden Waffengang 338 v. Chr. auf latinischer Seite, während die Laurenter sich ruhig verhieUen.-') Nunmehr hebt ein neuer
1) Vai. Max. VIII 5,6 Ovid Fast. II 679 Plin, Ep. II 17,2 Gell. N. A. X 2,2 Regionär. CIL. XIV 4086. 87.
2) Varro LL. V 144 Dion. H. I 56. 67 fg. CIL. XIV p. 186 Schwegler I 2S3 fg. Nibby IP 206fg. Toroassetti Bull. com. 1895 p. 132fg.
3) It. Ant. 301 Tab. Peut. verwirrt.
4) Strab. V 229 Dion. H. I 56.
5) Nur 500 Cassius Hemina bei Solin 2,14; 2700 wie es scheint Gate Or. I fr. 9 Jordan; die Dion. H. I 59 gemeinte Ziffer ist nicht mit Sicherheit aus- zurechnen.
6) Liv. I 14 Dion. H. II 51 fg.
7) Pol. 11122,11 wird das überlieferte agevrivoiv richtig AaQsvTlvtov er- gänzt, von Polybios, der die Gegend kannte, c. 24,16 als Landgemeinde ab- sichtlich übergangen.
8) Strab. V 232. Da Dionys überall die Lavinaten statt der Laurenter nennt, ist die Angabe III 34, dafs einer der beiden ersten Praetoren des Bundes aus Lavinium stammte, ohne Bedeutung.
9) Nach den Capitolinischen Fasten triumphirt Consul Maenius de Antia- tibus Lavinieis Felitemeis. Hier sowie Liv. VIII 11. 12. 13 Lavinium in Lanu-
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Abschüitt ihrer Geschichte an. Mit der Sprengung des Bundes hört Lavinium auf der religiöse Mitlelpunct Latiums zu sein, statt dessen wird es die Penatenstadl von Rom. Es kehrt unter die Hoheit der Laurenter zurück, mit denen nach dem Geheifs der sihyllinischen Bücher das römische Volk alljährlich sein feierliches Bündnifs er- neuert.') Bei ihrem Amtsantritt opfern Consuln Praetoren und Dictatoren in Lavinium den Penaten und der Vesta,^) Der Ort barg kostbare Gnadenschätze: Heroldstäbe und einen Topf aus Troia, wovon schon Timaeos gehört hatte 3), die Sau welche die 30 Ferkel warf, in Salzlake 4); am nahen INumicius lag der Hain des Juppiter Indiges der für den göttlichen Aeneas ausgegeben wurde.^) Aber mit dem Verfall des Freistaats verödeten die geweihten Stätten und der Dichter klagt c):
Albanosque lares Lanrenttnosque penates rus vacuum, quod non habitet iiisi nocte coacta invüns qneshisque Numam iussisse Senator, non aetas haec carpsit edax monumentaque rerum putria desiiluü: crimen civile videmns tot vacuas urbes. Wir wissen nicht einmal welcher Tribus die Laurenter bei der Verleihung des Bürgerrechts 90 v. Chr. zugetheilt wurden. Erst als die Aeneaden den Thron der Weltherrschaft bestiegen, feierten die alten Erinnerungen ihre Auferstehung. Sie wurden nicht nur von der Muse besungen, die zahlreiche aus römischen Rittern gebildete Priesterschaft der Lanrentes Lavinates übernahm ihre Pflege.') Den- selben Namen odei* kurzweg Lanrentes führt die Stadtgemeinde^),
vium zu ändern ist unbegründet. Neben der üblichen Form Lavinas braucht Varro RR. 11 4 Laviniensis, Plin. 111 64 Verg. Aen. 1 2 IV 236 Prop. 111 32,64 Lavinius.
1) Liv. VllI 11 CIL. X 797.
2) Macrob. Sat. III 4,11 Obseq. 24 Val. Max. 1 6,7 Serv. V. Aen. II 296 III 12 Schol. Veron. V. Aen. 1 260.
3) Dion. H. 1 67.
4) Varro RR. II 4.
5) Flin. III 56 Liv. I 2 Dion. H. I 64 Tibull II 5,43.
6) Strab. V 232 Lucan VII 394.
7) Marquardt Staatsverw. 111 457 Dessau a. 0. p. 187.
8) In dem Gemeindenverzeichnifs Plin. III 64 llionenses Lavini ist ersteres allem Anschein nach ein Zusatz des Plinius, jedesfalls anderweitig nicht zu be- legen. Die Aenderung des zweiten Namens in Lanivini ist nicht zu billigen, vielmehr mufs der Ausfall von Lanuvini angenommen werden.
§ 2. Die Seeküste. 575
am Ausgang des Altertums ist daraus das unziemliche Laurolavinium gemacht worden.') Die kaiserliche Huld ist ihr fortan treu ge- blieben 2), bis mit dem Erlöschen des Heidentums die religiosa civitas um 400 n. Chr. unseren Blicken entschwindet.^)
Der erbliche Zwiespalt zwischen Stadt und Land ist von der Monarchie nicht versöhnt worden. !Nach der Gemeindeordnung des Augustus gehört nur die südliche Hälfte des laurentischen Gebiets zu Lavinium. Das au Ostia grenzende Stück hat eigene Municipal- verfassung mit Quattuorvirn und Decurionen (in Lavinium lauten die Titel vornehmer Praetoren und Senat). Sein Hauptort galt nicht als Stadt sondern als Flecken, der nach Aussage des in der Nähe ansässigen PHnius für die Befriedigung bescheidener Ansprüche aus- reichte, u. a. drei Badeanstalten besafs.^) Aus Inschriften erfahren wir dafs er nach dem ersten Kaiser amtlich vi'cus Augustanus heifst, die Gemeinde Laurentes vico Augustano.'^) In der Litteratur, damit wol auch im Volksmund heifst er seit Alters Laurentum.^) Die Ent- fernung von Rom beträgt 17, von Ostia 5 Millien '), di«; Lage inner- halb des königlichen Jagdreviers Castel Porziano (Porcigliano) ist durch Inschriftenfunde gesichert. Seit den punisehen Kriegen greifen die Latifundien um sich^), in der Kaiserzeit