Natural Hislory Museum Library

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REISEN

IN BRITISCH-GUIANA

IN DEN JAHREN 1840—1844.

ZWEITER THEIL.

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REISEN IN

BRITISCH GHANA

IN DEN JAHREN 1840—1844.

IM AUFTRAG S»- MAJESTÄT DES KÖNIGS VON PREUSSEN

AUSGEFLURT VON

RICHARD SCHOMBURGK.

NEBST EINER FAUNA UND FLORA GUIANA’S NACH VORLAGEN

VON

JOHANNES MÜLLER, EHRENBERG, ERICHSON, KLOTZSCH, TROSCHEL, CABANIS UND ANDERN.

MIT ABBILDUNGEN UND EINER KARTE VON BRITISCH-GUIANA

AUFGENOMMEN VON

SIR ROBERT SCHOMBURGK.

ZWEITER THEIL.

LEIPZIG,

VERLAGSBUCHHANDLUNG VON J. J. WEBER.

1848.

Vorwort

zum zweiten Theile.

Die freundliche Aufnahme, welche der erste Band meines Reise- werkes gefunden , das Opfer und Mühen aller Art von mir forderte, drängt mich , den geehrten Subscribenten meinen aufrichtigen Dank aus- zusprechen.

Ausserdem aber fühle ich mich auch veranlasst, hiermit meinen Verleger vor einem Vorwurf zu schützen , der diesen wegen der Ueber- schreitung des ursprünglich beabsichtigten Planes und der damit verbun- denen Bedingungen nach aussen hin treffen könnte.

In voller und dankbarer Anerkennung der bedeutenden Verdienste, die sich mehre der namhaftesten Gelehrten unseres Vaterlandes um den strengwissenschaftlichen Theil meines Werkes erworben haben , glaube ich es aussprechen zu können , dass die durch die Gründlichkeit der wissenschaftlichen Untersuchungen selbst nothwendig gewordenen Erwei- terungen , eben so sehr im Interesse der Wissenschaft , wie der Herrn Subscribenten lag.

Zugleich ist es für mich eine angelegene Pflicht und ernste Sorge, die Verantwortlichkeit der durch diese Erweiterung bedingten Aufgabe des

4"

VI

VORWORT.

ursprünglichen Planes ganz und ungetheilt auf mich zu nehmen, und den Herrn Verleger, der mit der aufopferndsten Bereitwilligkeit für die Ausstattung die anzuerkennendste Sorge trug , von jeder möglichen Miss- deutung frei zu sprechen und zu verwahren.

Die angegebenen Gründe machten es nach verschiedenen Seiten hin unmöglich, der Fauna und Flora Guiana’s, diesem wichtigen Theile der Arbeit , noch einen Platz in dem zweiten Bande anzuweisen , und da sich ausserdem die neuen Formen in viel reichhaltigerer Zahl herausstell- ten, als man anfänglich vermuthen konnte, sah ich mich genöthigt, den Herrn Verleger zu veranlassen, die Fauna und Flora als dritten abge- sondernten Band herauszugeben.

Leider konnte unter diesen Verhältnissen der Verleger, um wenig- stens die ohnedies bedeutenden Kosten des Unternehmens mit einiger Wahrscheinlichkeit zu decken, nicht umhin, eine mässige Preiserhöhung eintreten zu lassen.

Obschon die Fauna im Druck bereits vollendet, und nur noch der der Flora zurückbleibt, so glaubte ich doch die Ausgabe des zweiten Bandes nicht bis zur Vollendung des Ganzen verzögern zu dürfen, welcher letzteren die geehrten Subscribenten bis Johannis bestimmt entgegen sehen können.

Berlin, im März 1848.

Richard Schomlmrgk.

ZWEITES

SUBSCRIBENTEN-VERZEICHNISS

AUF

RICHARD SCHOMBURGK’S REISEN IN BRITISCH-GUIANA.

(Bis Ende Februar 1848).

AMSTERDAM.

Durch C. G. Siilpke.

Herr Jonkheer Mr. C. Bäcker in Amsterdam Ex. \

Herr van Noamen van E m e n e s in Z wolle. - I

Herr van der Oudermeulen, Präsident der Handelmaatschappy . - 1

BERLIN.

Durch Alexander Duncker.

Herr Geheimer Medizinal Rath, Direktor, Professor, Dr. Link. . - 1

Durch D. Reimer.

Herr Professor Karl Ritter - 1

BONN.

Durch E. Weber.

Die Königliche Universitäts-Bibliothek in Bonn. ... - \

BRESLAU.

Durch F. Hirt.

Se. Hoheit Prinz E rn st von Sachsen-Altenburg - 1

BROMBERG.

Die Buchhandlung von Louis Le vit , . . - 1

CLAUSENBURG.

Durch J. Tilsch.

Herr Graf Georg Csäki in Clausenburg - \

Herr Graf Samuel Kemeny in Clausenburg, - 1

Das Museum in Clausenburg - \

VIII

Zweites Subscribenten-Verzeichniss.

COPENHAGEN.

Durch die Gylc^ndal’ sehe Buchhandlung.

Die grosse Königl. Bibliothek in Copenhagen Ex. \

Die Universitäts-Bibliothek - 1

Die Bibliothek des Botan. Gartens - 1

DRESDEN.

Durch die i4mo?<2’sche Buchhandlung. '

Herr Alexander Ross (Berbice). - 1

FULDA.

Durch Th. Henkel’ s Buchhandlung.

Herr Graf Karl von Görtz auf Schlitz - 1

HERMANNSTADT.

Durch die M. Edle von Hochmeister' sehe Buchhandlung.

Herr Johann Schneider, evangel. Pfarrer in Siebenbürgen. . - \

JEVER.

Durch D. Grosse.

Herr Eden, Kaufmann in Jever. - 1

Fräulein La löge in Jever - 1

KIEL.

Durch die Schwers' sehe Buchhandlung.

Die Uni versitäts-Bib liothek in Kiel. - \

KRUSZEWO bei CZARNIKAU a. N.

Herr Roman v. Swinarski, Rittergutsbesitzer auf Kruszewo

bei Czarnikau a. N - 1

LEIPZIG.

Die Buchhandlung von Hermann Bethmann -1

Die Buchandlung von Friedrich Ludwig Herbig -1

Durch J. J. Weher.

Se. Königliche Hoheit Peter, Erbgrossherzog von Oldenburg. . - 1

Die Uni versitäts-Bibliothek in Leipzig - \

Herr Dr. Eduard Pöppig, Professor an der K. Universität in

Leipzig - 1

Herr G. Heck, Geograph - 1

Herr E. Kretzschmar, Xylograph. .* - 1

Zweites Subscribenten-Verzeichniss.

IX

LINZ.

. Durch V. Fink.

Herr Josef Gündl, Sr. apostol. Majestät Rath u. Abt des Stiftes

Seitenstetten Ex. 1

MITAU.

Durch G. A. Reyher.

Herr von D ort lies en auf Feldhof in Kurland. . - \

PARIS.

Herr Lapie, Colonel, Chef de laSection topographique au depöt

general de la guerre ä Paris - 1

STETTIN.

Die Buchhandlung von F. Nagel - 1

* Durch die Nicolai sehe Buchhandlung.

Die Bibliothek der Königl. Regierung in Stettin - 1

STUTTGART.

Durch F. H. Köhler.

Se. Majestät der König von Württemberg, für Höchstseine

Pri vat-Bibliothek - 1

VENEDIG.

Durch II. Münster.

Herr Ferdinand Cal lega ri - 1

WIESBADEN.

Durch Chr. W. Kreidel.

Die Herzoglich Nassauische Landes -Bi blio thek - 1

ZERBST.

Durch die G. A. Kummer' sehe Buchhandlung.

Ihre Königliche Hoheit die Frau Herzogin von Anhalt-Dessau. - \

Das Verzeichniss der während des Druckes des drillen Bandes eingehenden Subscri- benten folgt mit Schluss des Werkes.

INHALTS-VERZEICHNISS DES ZWEITEN THEILS,

I.

Abreise von Pirara. Vegetation der Savanne jenseits des Pirara. Der See Venturu. Wirbel- winde der Savanne. Thierformen des Savannenstaubes. Mündung des Pirara in den Mahu. Bivouak am Pirara. Quellen des Mahu. Rückkehr des Herrn Fryer mit den Kranken nach Pirara. Meteorologische Beobachtungen am Pirara. Savanuenbrand. Vereinigung des Mahu mit dem Takutu. Crax tomentosa. Delphinus amazonicus.

Fluss Capaya. Lager an der Mündung des Mucumucu in den Takutu. Mündung des Camu und Awarrimani. Die ersten Stromschnellen des Takutu. Berg Curatawiu- buri. Opisthocomus cristatus. Bänke des Takutu mit Agat und Chalcedon. Anas moschata. Mündung des Savvara-auuru. Weg des Chirurgen Hortsmaun vom Jahr 1739. Gebirgsformation des Takutubettes. Hydrolycus scomberoides. Lebensart der Fisch- otter. Catarakt und Fluss Scabunk. Tabernaemontana Humboldtii. Dorf Tenette. Cursatogebirge. Sitten der Wapisianas. Ibis oxycercus. . . . Seite 'l

II.

Aufbruch von Tenette. Buiimus haemastomus. Orthalicus gallina, undatus. Descimentos der Brasilianer. Niederlassung Auuru-paru. Berg Kuipati. Savannenreh. Fluss Cu- rati, Guidiwau. Berg Wurucokua. Fluss Waluxvau. Kai-irite oder Mondgebirge. Auf- fallende Granitflächen. Tuarutu - Gebirge. Felsenpyramide Aikuwe. Wasserloses Ge- birgsdefile. Fluss Manaliwau. Niederlassung Tuarutu. Abenteuer Hamlet’s. Mischling von Neger und Indianerin. Hautkrankheit der Indianer, Granitfelsen Uruwai-Wapuna und Curuschiwini. Abreise von Tuarutu. Ossotsehuni - Gebirge. Berlholletia excelsa. Atta cephalotlies. Macusi-Niederlassung Maripa. Quelle des Watuwau. Die verschie- denen Arten des Katzengeschlechts in Guiana. Ampelis Pompadora. Quellen des Ta- kutu. Stromgebiet desselben. Ateles paniscus. ..... Seite 50

XII

1NHALTS-VERZEICHNISS.

III.

Vorbereitung zur Rückkehr Dach Pirara. Geographische Lage Maripa’s. Theilung der Parthie. Aufbruch von Tuarutu auf dem allen Wege. Indianisches Feuerzeug. Dasypus gigan- teus. Dasypus villosus. Dicotyles lahiatus und seine Jagd. Gulo barbarus. Einschif- fung auf dem Takutu. Dicotyles torquatus. Ankunft in Tenetle. Herr Fiiyer. Ein- treffen der andern Parthie. Quelle des Rupununi. Pinghette-Gebirge. Manette-Gebirge. Vorboten der Regenzeit. Aufbruch von Tenette. Calycophyllum Stanleyanum. Gebrauch der Saamen von Miinosa acacioides. Honigbiene. Rückkehr nach Pirara. Lebensmittel- Iransport aus Georgetown. Rückkehr Petri’s und der Boote dahin. . Seite 94

IV.

Eintritt der Regenzeit. Züge und Einsammeln der Termes destruelor, Atta cephalotes. Phanaeus Jasius und Mimas. Meteorologische Bemerkungen. Herricbtung der Hütte für die Regenzeit. Feuchtigkeit der Temperatur und des Bodens. Rückkehr Hamlet’s nach Georgetown. Absendung Hendrick’s und Reüter’s dahin. Aufzählung der lästigen und gefährlichen Thiere, die die Regenzeit in die Hütte treibt. Flora der Regenzeit um Pirara. Wintersaison in Pirara. Besuch von Brasilianern. Fehlgeschlagne Hoffnungen auf gebrorhne Fasten. Einwirkung der Atmosphäre auf das Leben des Indianers. Zu- rückberufung Youd’s. Abreise desselben nach London. Sein Tod, Folgen desselben für Pirara. Behandlung des Schlangenbisses bei den Indianern. Meteorologische Beobach- tungen vom Mai bis August. Rückkehr Hendrick’s und Reüter’s von Georgetown. Ab- berufung des Mililairs. Entlassung und Tod Reüter’s. Manatus americanus. Baru. Zer- störung des Forts New Guinea. Erneuerter Ansflug nach dem Canuku-Gebirge. Coracina militaris. ............ Seite 111

V.

Antritt der Reise nach dem Roraima. Brutzeit der Mycteria ainericana. Mündung des Virua, Manucurapa der Harten. Ufer des Takutu. Fazenda des Frater Jose. Mündung des Zuruma oder Cotinga. Lager am westlichen Ufer des Zuruma. Schmelterlingszüge. Piinclodus Arakaima. Delphinus amazonicus (?). Taeniura motoro. Crotophaga major. Besuch der Noblesse des Fort Saö Joaquim im Lager am Zuruma. Abbruch des Lagers Fortsetzung der Reise den Zuruma aufwärts. Fluss Warami. Niederlassung Warami. Jagd des Dicotyles torquatus und lahiatus. Mächtiges Infusorien-Lager. Tapirjagd. Beginn der Cataracten. Stromschnclle von Aratiari. Fluss Mawitzi. Felsen Maikang- Yepatori und Arawanna. Cnidoscolus Curcas. Vereinigung des Zuruma mit dem Cotinga. Lager an der Vereinigung. Stromlauf des Cotinga. Berge Piriwai und Maikangpati. Cataracten von Piriwai. Zweite Cataraclenreihe des Cotinga. Stromschnellen von Pa- natsikameri. Natürliche Fontäne. Fuss des Pacaraima-Gebirges. Piatzang. Lnndreise. Lager am Fusse des Morokai. Macusi-Niederlassung Torong-Yauwise. Feier des 15. Oetobers. Canis cancrivorus. ........ Seite 150

VI.

Aufbrueh von Torong-Yauwise. Berg Tamungkang. Thal des Taptiring. Thal des Tukere. Auftreten der Protcacccn und Ternsti ümiaceen. Thal des Muyang. Gebiet der Are- kunas. Niederlassung Yawangra. Humirida-Gebirgc. Elisabelha regia. Uebersleigung ries lluinirida. Tafelland des Humiridn und seine Vegetation. Stromgebiet des Orinoko, llergllial des Zuappi. Niederlassung Humescla. Thal des Kukenain. Fall Mariamaru. Niederlassung Barapaug. Rue-imcru. Zuaplipu-Gebirge. Waramatipu und Eramaturu- Gebirgc. Fluss Waiarite. ......... Seile 200

INHALTS-VERZEICHNISS.

XIII

VII.

Our Village. Sitten und Gebräuche der Arekunas. Meteorologische Beobachtungen. Flora und Fauna der Umgebungen. Gebirgsformation. Serekongs. Besteigung des Roraima. Wirkung des Bisses der Grubenotter. Quellen des Kukenam , Cotinga , Yuruani, Araparu, Cako, Cama, Apauwanga. Flora des Roraima-Gebirges. Leiothamnus Elisabethae. Encholirium Augustae. Meteorologische Beobachtungen. Rückkehr nach Our Village. . Seite 235

VIII.

Aufbruch von Our Village. Berg Waranak. Fluss Yawaira. Niederlassung Carakitta. Berg Kinotaima. Wanderameise. Myiothera Tetema und Colma, Pithys leucops. Fluss Wa- rung-kaiti. Thal des Haiowe. Niederlassung Ewaboes. Rückkehr nach Torong-Yauwise. Ueberfahren der Fälle und Stromschnellen. Takutu. Fluss Mona. Fluss Ororopi. Fort Saö Joaquim. Acauthicus bistrix. Rückkehr nach Pirara. Mesembryanthemum guianense. Bittere Erfahrungen in Bezug auf meine reichen Sammlungen. Ankunft einer brasilianischen Grenzcommission in Sao Joaquim. Ausgraben der Indianerskelette. Aufsteigen des Cometen von 1843 am Horizont der südlichen Hemisphäre. Seite 280

IX.

Sitten, Gebräuche und Sprache der Macusis , so wie anderer Stämme, van Heuvel über das El Dorado und den See Pariina. Die Amazonen. Krankheiten der Macusis. Me- dizinische Eigenschaften einzelner Pflanzen und ihre Anwendung. Verunglückte Specu- lation eines Kaufmannes. Meines Bruders Rückkehr nach Pirara. Tiedge’s Rückkehr nach Georgetown. Ergebnisse und Verlauf der Reise meines Bruders von Our Village nach dem Cuyuni. Vereinigung des Kukenam und Yuruani. Caroni. Flussgebiet des Cama. Berg Irutipu. Fluss Cako. Stromgebiet des Mazaruni. Fluss Annawai. Quellen des Carimang. Cutzi. Musa paradisiaea in wildem Zustande. Felsen Kapoi-lipu und Wariina-tipu. Fluss Paruima. Bergkette Kauru-tipu. Stromgebiet des Cuyuni. Felsen Cara-utta. Vereinigung des Carapu mit dem Wenamu. Sandsteinmauer des Poinka- watui. Cataract Irainapara. Gebiet der Akawais. Vereinigung des Wenamu mit dem Cuyuni. Mündung des Ekruyeku. Ekrekuberge. Fischzüge der Indianer. Seite 310

X.

Mein Aufbruch von Pirara. Erlebnisse an der Bucht Wai-ipukari. Bemerkungen über den Kaiman. Antritt der Expedition den Rupununi aufwärts. Mündung des Maurukiamu. Niederlassung Curua. Attalea speciosa. Niederlassung Aripai. Cassicus persicns und haemorrhus. Harpyia destruclor. Pik Burukutuau-yari. Niederlassung Kuiaralon. Pockenkranke. Fälle Curuaayari. Ruru-ruru, Tremital und Trekutara-tepau. Matzien- daua-Berge. Mündung des Catu-auuru. Portage Paruauku. Fryer’s Cataract. Fall Cuta-tarua, Corona der Portugiesen. Fall Sarata. Quellgebiet des Rupununi. Lan- dungsplatz von Watu-Ticaba. Waruau. Niederlassung Watu-Ticaba. Myroxylon Toluifera. Die Letzte des Stammes der Amaripas. Aussterben der Atorais, Daurais Tarumas. Die Woyawais. Trennung der Expedition. Meine Rückkehr nach Pirara. Colonel Matoz und seine Grenzbeslimmungen. Abschied von Pirara. Das Abwärtsfahren der Cataracten des Esscquibo. Warapula. Mr. Poliert. Barlika Grove. Das neue Penal Settlement. Rückkehr nach Georgetown. ..... Seite 352

XIV

INHALTS-VERZE1CHNISS.

XI.

Reise nach dem Qucllgcbiete des Pomeroon. Plantage Anna Regina. Lebensart des Callichthys coelatus. Tapacuma. Arapiacro. Pomeroon. Kaari-mapo. Niederlassung Kuamuta. Die Bodelschwinghia und die Hyla venulosa, ihr Bewohner. Psittacus madagascariensis. Mündung des Sururu. Niederlassung Akupautari. Niederlassung Arraia. Traditionen der Caraiben, ihre Sitten und Gebräuche. Cazike Mahanarva. Wirkung des Clibadium asperum. Cyphorhinus cantans. Rückkehr nach Arraia. Strychnos toxifera am Su- ruru. Krabbenfang an der Küste in der Nähe der Mündung des Pomeroon. Mündung des Morocco. Mission Morocco. Calyptranthes obtusa. Todtenklage der Warraus. Gulo Allamanda. Gebiet des Kamwata, Beara u. s. w. Barama. Triplaris americana. Akawai-Niederlassung Pirisana. Caraiben-Niederlassung Cariacu. Podinema Teguixin. Waini. Sandbank. Todtenceremonie der Arawaaks. Ihre Familiengesetze. Ehegesetze. Nyctipithecus trivirgatus. Rückkehr nach Georgetown Seite 409

XII.

Rückkehr meines Bruders von dem Quellgebiet des Corentyn. Resultate dieser Expedition. Taruma-Niederlassungen. Barokoto-Indianer. Maopityans oder Froschindianer. Was- serfall des Onoro. Stromgebiet des Amazonas. Caphiwuin. Niederlassung der letzten der Maopityans. Berg Karamuzin. Cataractenreihe des Caphiwuin. Zurumata-Indianer. Verbindung des Wanamu mit dem Caphiwuin. Kaphu. Flussgebiet des Wanamu. In- dianische Hieroglyphen. Cataractenreihe des Wanamu. Wasserscheide zwischen dem Amazonas und Corentyn. Pianoghottos. Vereinigung des Curuni mit dem Cutari. Ca- taraclenreihe des Corentyn. Wasserfall Friedrich Wilhelms IV. Pfad des Don Fran- cisco Jose Rodriguez Barata zwischen dem Corentyn und dem Essequibo. Rückkehr nach Georgetown. Excursion den Demerara aufwärts. Fluthende Grasflächen. Dona- cobius vociferans. Nectandra Rodiei. Die Kette der Sandhills. Fauna und Flora der- selben. Goldenhill. Krümmungen des Demerara. Kasliwima-Hügel. Vultur papa. Nebenflüsse des Demerara. Granitmassen. Stromschnellen. Ororu Malalli oder grosser Fall. Topographisch statistische Bemerkungen über Britisch-Guiana. Rückkehr nach Europa. ............. Seite 465

VERZEICHNISS DER ABBILDUNGEN.

Das Innere einer Wapisiana-Hütte Pag. 41

Esse-tamaipu Wapisiana ........... - 42

Piatzang ...... - 181

riial des b lusses Cotinga bei seiner Vereinigung mit dem Waikueh und dem Berge

Palaghe - 186

Fall der Rue-imeru ............ - 228

Kornima und Kukenain ........... - 259

Gruppe von zwei Wapisiana-Indianern und einem Mädchen von 11 Jahren, jenen

eine Trinkscliale mit Paiwari reichend - 289

Fort Saü Joaquim am Rio Branco ......... - 295

REISEN

IN BMTISCHCI ItM

IN DEN JAHREN 1840—1844.

ZWEITER TIIEIL.

II. Theil.

1

I.

Abreise von Pirara. Vegetation der Savanne jenseits des Pirara. Der See Ventura. Wirbel- winde der Savanne. Tbierformen des Savannenstaubes. Mündung des Pirara in den Mabu. Bivouak am Pirara. Quellen des Mahu. Rückkehr des Herrn Fryer mit den Kranken nach Pirara. Meteorologische Beobachtungen am Pirara. Savannenbrand Vereinigung des Mabu mit dem Takutu. Crax lomentosa. Delphinus amazonicus. Fluss Capaya. Lager an der Mündung des Mucumucu in den Takutu. Mündung des Camu und Awarrimani. Die ersten Stromschnellen des Takutu. Berg Curatawiu- buri. Opisthocomus cristatus. Bänke des Takutu mit Agat und Chalcedon. Anas moschata. Mündung des Sawara-auuru. Weg des Chirurgen Hortsmann vom Jahr 1739. Gebirgsformation des Takulubettes. Hydrolycus scomberoides. Lebensart der Fisch- otter. Catarakt und Fluss Scabunk. Tabernaemontana Humboldt ii . Dorf Tenelte.

Cursatogebirge. Sitten der Wapisianas. Ibis oxycercus.

Der erwachende Morgen des 24. März fand uns in rüstig schaffender Thätig- keit; das Dorf selbst war zum aufgeregten Ameisenhaufen geAvorden , All und Jung um unsere Hütte versammelt, denn es galt hier wieder einen Abschied von Kindern und Frauen. Waren die Packete auch schon am vorigen Abend den einzelnen Trägern zugetheilt, so gab es doch noch manches in der Packung zu ändern , bevor die breiten Stirnbänder befestigt werden konnten. Der Indianer trägt seine Last nur selten mit den Schultern, sondern fast durchgängig vermittelst der Nackenmuskeln. Ein breites Band aus Bast, mit den Enden an die beiden Hauptsläbe der Tragekörbe (Rute) angebunden, ist gerade so lang, dass die eigent- liche Last auf dem Rücken ruht und von dem Kopf getragen wird, indem die Mitte des Tragebandes sich um die Stirn , statt Avic bei uns die beiden Tragebänder über die Schultern zieht. Schon am gestrigen Nachmittag zeigte sich das Dorf belebter als gewöhnlich , denn die Frauen hatten ausser dem festen Surrogat für das Pai- icari, das , Avic unsere Bouillontafeln , mit auf Reisen genommen Avird , noch eine

1 *

4

REISEN IN

Mensre Leckerbissen u. s. w. für den Ehemann zu bereiten, seine Sclmiinkbüchse neu

n

zu füllen, kurz alle die wichtigen Kleinigkeiten zu besorgen, die eine Reise des In- dianers verlangt, und die alle vereint in ein wasserdichtes Körbchen (Paeara), aus der Calathea geflochten, gepackt werden. Dauert die Reise mehre Tage, so ist auch das consistente Paiwari nothwendig; den Lieblingslrank länger als einen Tag zu entbehren, wäre eine Anforderung, der sich der Indianer nur mit Murren unter- werfen würde. Einige Tage vor dem Antritt der Reise des Hausvaters bäckt die Frau einige frische Cassadabrodc , von denen eins gekaut wird, während die übrigen mit dieser gekauten Masse und dem verdickten Safte der Manihot zu einem Teig geknetet und wohlverwahrt mit auf den Weg genommen werden. Nach 4 bis 5 Tagen geht bereits der Gährungsprozess vor sich. Will der Indianer seinen ewig lebhaften Durst stillen , so nimmt er eine kleine Quantität von der Masse, tliut diese in seine Trinkschale, giesst Wasser dazu und rührt nun den Inhalt so lange herum, bis sich jene aufgelöst hat. Freilich hält sich dieses Surrogat höch- stens 14 Tage , da es bereits nach Verlauf dieser Zeit zum Tummelplatz zahlloser Maden geworden ist. Dass diese aber nicht zur Entwicklung kommen können, dafür sorgt die durstige Seele.

Zu dem eigentlichen Reisegeräth aber gehört: die geliebte Hängematte , die Jagdtasche , meist aus Jaguarfell, Bogen, Pfeile, einige Angelhaken, die gefüllte Schminkbüchse, Spiegel und Kamm, die Triukschale, ein Paketchen Tabacksblätter und einige Streifen des papierähnlichen Bastes der Lccythis Ollaria (Litt.), in das sic das Tabacksblutt einwickeln, um es als Cigarre zu rauchen.

W ussten wir auch, dass der Indianer, sobald er eine Reise von mehren W neben unternimmt, sowohl aus Eifersucht, als auch seinem angebornen Bequem- lichkeitshange nach, dem die Frau in jeder Hinsicht Genüge leisten muss, sein W eib nie zu Hause lässt, so hatten wir doch bei demMiclhen der Träger und Füh - rer festgesetzt, dass ausser Sororeng und Aiyuisante, ein Macusi, der meinen Bru- der schon aufseinen frühem Reisen begleitet hatte, und als mächtiger Piai bei dem ganzen Stamme in namhaftem Ansehen stand , keiner seine Frau und Kinder mit sieh nehmen durfte , um durch diesen Train die an und für sich schon zahlreiche Parlliie nicht noch zahlreicher zu machen.

Als Aivlkanti: mit seiner Tochter und mit Bari;, seiner zukünftigen zweiten Frau, einem schönen, langgelockten Mädchen voll 10 Jahren , das aber eine tief eingewurzelte Abneigung gegen ihren zukünftigen Eheherrn hegte, vor unserer lliille erschien, folgten ihm noch einige Indianer ebenfalls mit Frau und Kind, mit Sack und Park zur Reise gerüstet, nach. Wollten wir die Reise wirklich antre- l<*n , so mussten wir gute Miene, zum bösen Spiel machen; diesen Train zu- rück« eisen, hätte die .Männer ihm folgen heissen. Die armen Kreaturen waren nicht

BRITISCH -GUIANA.

5

allein mit den ganzen Kochutensilien, Hängematten u. s. w., sondern ausserdem noch mit grossen Quantitäten Cassadamehl bepackt, ohschon wir sie auf der Reise beköstigen mussten denn das frische Cassadabrod länger als ein paar Tage ent- behren zu müssen , gehörte ebenfalls wieder zu den kleinen Leiden eines indianischen Gaumen. Das Reisemehl wird in weitläuftig geflochtene Körbe , die man vorher mit Palmenblättern auslegt, festgestampft, und in jedem Rivouak soviel davon genommen, um wenigstens dem Ehemann etwas frisches Brod vorsetzen zu können, das auf einem Stein oder wohl gar in einem ihrer leeren Töpfe gebacken wird. Als Herr, Frau und Kinder die Hütte verlassen, war ihnen natürlich die ganze Meute Hunde gefolgt, die durch ihr unsinniges Bellen schon der Reise ihren Jubelhymnus entgegenschallen Hessen, glücklicherweise aber gingen die Wünsche der Herren mit denen der Thiere in entgegengesetzter Richtung, wovon die letzte- ren bald durch den kräftigen Prügel und die wiederholten Steinwürfe überzeugt wurden.

Nachdem wir endlich Herrn Youd und den Officieren des Forts , die nach Pi- rar a gekommen, unser Lebewohl gesagt , setzte sich die 49 Personen starke Ko- lonne nach der indianischen Sitte in Bewegung; die Weiber bildeten den Nach- trab. Der gegen Westen liegende vielfach gewundene Weg durch die Savanne brachte uns nach einer halben Stunde zu den Ufern des Pirara, wo dieser aus dem See Amucu heraustritt; der Fluss war aber so seicht, dass wir ihn ohne Mühe durchwaten konnten. Die niedlichen Gesträuchgruppen der Helictercs guazumac- folia, bedeckt mit ihrem scharlachrothen Blüthensehmuck , die hier in der Nähe des Pirara-Fhisses vereinzelt standen, lagen bald hinter uns. Mit dem Ueber- schreiten des Pirara verschwand der sich gegen Süden hinziehende Wellengrund ganz. Unsere Richtung war eine nordwestliche. Mit der veränderten Oberflächen- bildung der Savanne veränderte sich auch ihr Boden. Der Thon, welcher allge- mein die Unterlage bildet, verlor seine rothe Färbung, wie auch jene runden, glänzenden , durch Eisenoxyd rothbraun gefärbten Quarz- und Thonstücken , die oft meilenweit die wellenförmige Savanne überziehen, nicht mehr sichtbar waren. Die Termitenbauten fehlen ebenfalls in der Ebene ganz. Da dieser ganze Strich etwa 100 Fuss tiefer als die Niederlassung Pirara liegt, so bildet er während der Regenzeit den See Amucu oder Parima. In ihrem Vegetationscharakter stimmte auch diese Fläche mit dem mir schon bisher bekannt gewordenen überein, nur trat die Byrsonima verbaseijolia hier vorherrschend auf, und überzog die Savanne nach allen Richtungen hin , und brachte mit ihren silberfarbigen, filzigen Blättern, ihren gelben ßlüthen doch wenigstens etwas Abwechselung in die allgemeine Ein- lörmigkcil, die, allerdings durch die jetzt ihrem Ende entgegengehende Trockenzeit ihren Culminationspunkt erreicht hatte. Cyperaceen , als: Cyperus amentaceus

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REISEN IN

( lind ge), Iso/epis junciformis (Humb. Bonp.), capillaris (Roem. et Schult.), Hij- po/ytrnm pungens (Vahl.), Chlorideen und Festucnceen , zwischen denen man je- doch auch häufig Eriocaulonccn fand , bildeten die allgemeine Grasdecke. Unter letztem hat der Paepalanthus capillaceus besonders dadurch ein eigentümliches Interesse, dass ihm der Indianer durch das Abbrennen der Savannen förmlich zur Bliilhe zu verhelfen scheint. Hat das Feuer sämmtliche Blätter vernichtet, so erscheinen bereits nach 2 bis 3 Tagen aus dem starken, kurzen, blattlosen, ge- schwärzten Stengel, die zahllosen, wohlriechenden, kopfförmigen Blüthen; ist die Blütezeit vorüber , dann erst folgen die neuen Blätter nach. Ich habe nur in äusserst seltenen Fällen Exemplare gefunden , die , von dem Feuer verschont, Blätter und Blüten zugleich besessen hätten. Eine Grasart, die ich jedoch nie in Blüthc sah, bedeckte oft ausschliesslich ganze Strecken, und wurde mir besonders durch ihren Namen interessant; die Maeusis nannten sie « vannah •>, und solche Flächen « vandai ». Ob von diesem Worte vielleicht die Benennung «Savanna« hcrzuleiten sein möchte, muss ich freilich den Etymologen zu entscheiden über- lassen ! Der Boden war durch die grosse Hitze so zerrissen , dass er mit einem förmlichen Netzwerk von oft 3 4 Zoll breiten Rissen überzogen wurde.

Unsere Tour würde heute im höchsten Grade monoton gewesen sein, wenn nicht im Süden und Norden das Canuku- und Pacaraima-Gekirge, diese Monotonie etwas gemildert hätte, wozu sich an dem freilich jetzt fast wasserleeren See Veti- luru noch die zahllosen blauen Blüthen der Eichhornia azarea, Heteranthera li- mosa(Vahl.) und die grossen Entenheerden gesellten, die sich bei unserer Annähe- rung unter ihrem pfeifenden Geschrei erhoben. Dass die Anas viduala und brasih'cnsis ihr reichhaltiges Contingent zu unserm nächsten Mahle liefern musste, brauche ich nicht zu versichern; ausser diesen belebten nur noch vereinzelte Cara- cv//Y/- Adler , die auf den ausgetrockneten Sumpfboden herumliefen und kleine Ge- sellschaften des Ibis albicollis (Fieill) die einförmige Fläche. Wurden letztere von uns nurgescheucht , dann Hessen sie auch ihre eigentümliche, schnarrende Stimme laut werden. Ich habe diese Ibis durchgehends weniger an dem Rande der Sümpfe, als auf der trockenen Savanne bemerkt, wo man gewöhnlich 6 8 Stück vereint findet. Mycterien, strdea , Ciconien u. s. w., die früher solche Stellen belebten , alles hatte sich mit dem verschwundenen Wasser nach den Savannen- flüssen iibergesicdelt.

Gegen .Mittag hatte die Hitze 125° Fahrenheit erreicht, und bald traten jene Wirkungen der reflcklirten Sonnenstrahlen nicht bloss in der Atmosphäre , nach welchen alle Gegenstände in eine tanzende Bewegung versetzt zu sein scheinen, sondern auch in meinem Blute iifs Leben. Einzelne kühlende Luftslröme , aus denen man wieder in die unbewegten, durchglühten Schichten cintrat, machten

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den Gegensatz nur noch fühlbarer. Ein eigenthümliches und zugleich ziemlich neues meteorologisches Phänomen waren mir die Menge Wirbelwinde und die dadurch hervorgerufenen Wirbelsäulen , die ich seit der Savanne am Rupununi nicht wieder in solcher Anzahl gesehen. Plötzlich sieht man von einem Punkte aus den Staub und die Blätter der Sträucher u. s. w. ziemlich in horizontaler Richtung in schneckenförmiger Linie eine Strecke über die Ebene hingetrieben werden , bis sich der Anfang immer mehr hebt und bald als spirale Säule einen Augenblick über der Savanne steht, und dann über diese hinjagt, wobei sie gegen die Erde hin immer durchsichtiger wird, sich dann in der Mitte scheidet und spur- los verschwindet. Offenbar liegt die Ursache dieser zahlreichen Wirbelsäulen in der durch die reflectirte Sonnenhitze hervorgerufenen Ungleichheit der Temperatur der Luftschichten und in den dadurch entstehenden, zwar parallel, aber in entgegenge- setzter Richtung verlaufenden Luftströmen.*) Seit dem kleinen See Venturu , des- sen noch zurückgebliebenes Wasser kaum trinkbar war, hatten wir wieder 8 10 Miles zurückgelegt , ohne dass unser brennender Durst Befriedigung gefunden, und doch waren jene 1.25° Fahrenheit noch keinesweges der Culminationspunkt der heutigen Hitze, den sie erst gegen 3 Uhr erreichte. Die am Vormittag un- durchbrochene, indianische Reihe war längst aufgelöst; warf man das Auge zurück, so folgte in weiter Unterbrechung die matte Arrieregarde den Vorangehenden und viele waren sogar noch ausserhalb des weiten Gesichtskreises.

Unter Jubel, Scherz und Laune waren wir ausgezogen , doch in demselben Maasse , wie die Hitze stieg , verstummten auch nach und nach die lärmenden Stimmen. Wo irgend eine kümmerliche Curatella etwas Schatten warf, sah man einzelne der erschöpften Neger und Deutschen diesem blassen Schatten zueilen, um in ihm auszuruhen. Die Indianer dagegen Hessen sich selbst unter ihrer Last keine solche Schwäche zu Schulden kommen ; rüstig schritten sie auf dem schmalen Pfade voran, und erwiederten alle dringend an sie gestellten Fragen : wie weit es noch bis zur Mündung des Pirara, unserm heutigen Ziele , sei , unter zu-

*) Der vom Winde aufgeregte rothe Staub der Savanne, der sich besonders an den Stengeln der Eriocavlonecn festsetzt, enthielt nach der Untersuchung des Prof. Eurenberg folgende mikroskopische Thierformen :

Polygastrica.

Trachelomonas volvocina. Dijflugia areolata.

Pinnularia borealis. Arcella areolata.

Phy tollt haria.

Lithodontium furcatum. Spongolithis aspera.

Lith. platyodon. Sp. - - - ßstulosa.

Litho stylidium Amphiodon. Sp. - - - obtusa.

Spongolithis acicalaris.

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rückgcwandtcm Gesicht mit der Antwort: « a-m in ki,-a-m inki, Matti (Freund, sehr weit, sehr weit)!» freilich ein leidiger Trost für Todmüde und Halbverdurstete ! Endlich tauchte in tanzender Bewegung am Horizont eine Reihe Bäume auf, es waren die bewaldeten Ufer des Pirara! Alle noch nicht vertrockneten Kräfte wurden zusammengerafft, um sobald als möglich dem marternden Zustand ein Ende zu machen , uud die ermüdeten Glieder in dem dunklen Schatten zu stärken. Das ersehnte Eldorado war nach vier Uhr erreicht; endlich konnte der einzige Wunsch, den wir hegten, befriedigt werden! Eine Stunde Rast im dunklen Schat- ten der grünen Bäume stärkte die müden Glieder so , dass wenigstens der Theii unserer Colonne , welcher standhaft mit den Indianern vorangeschritten war, die Mündung des Pirara in den Mahn erreichte. Viele von den Zurückgebliebenen kamen erst spät in der Nacht, die übrigen, und dies war der grössere Theii der Neger und Deutschen , sogar erst am folgenden Morgen an. Wir hatten 17 Miles zurückgelegt, ein Marsch , der, bei 125 130° Fahrenheit und einer schatten- losen Savanne, keineswegs so unbedeutend war , als es scheinen könnte.

Die sich weithin ausbreitenden Aeste und die dichtbelaubte Krone eines mäch- tigen Maranbaumes ( Copaifera Jacquini Desf.), der eine kleine Strecke von der .Mündung, aber in der unmittelbaren Nähe des Ufers des Pirara stand, dessen un- geheurer Stamm eine Menge alter und frischer Spuren aufwies , wie oft man sich schon in Besitz seines Balsams gesetzt hatte, so wie der von allem Unterholz gereinigte Boden, nach welchem dieser allgemein zur Landungsstelle benutzt worden sein musste, versprach auch uns den gewünschten Schutz, und wurde da- her augenblicklich zur Bivouakstelle benutzt.

Während der Besitznahme Pirara' s durch die Brasilianer, standen diese mit der Bevölkerung am Rio Branco und Fort Saö Joaquim in lebhafter Communi- kation , der in der trocknen Jahreszeit nur durch die Seichtigkeit des Pirara- Flusses etwas Abbruch gethan wird , da in dieser die Bewohner am Rio Branco mit ihren grossen Corials nur bis hierher fahren können.

L m den Balsam der Marane zu sammeln , hauen die Indianer eine halbrunde \ ertiefung in den untern Theii des Stammes , die sich bis zum Kern erstreckt. In gewissen -Monaten, namentlich im Februar und März, fliesst der harzige Saft in Menge aus und füllt die Vertiefung an , die von Zeit zu Zeit ausgeschöpft wird. Auch wir fanden die Höhlungen gefüllt, und zahllose Wespen und Fliegen um sie versammelt. Sollten crstcre den Balsam vielleicht als Bindemittel zu ihren Nestern benutzen? Ausser bei Verwundungen und zum Einsalben des Körpers und der Haare, benutzen die Indianer selbst den Balsam zu nichts weiterem, da ihnen alle jene verheerenden Krankheiten fremd sind, zu deren Heilung er früher allgemein angewandt wurde; sic sammeln ihn nur, weil er ihnen als gesuchter und müheloser

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!)

Tiiuschartikel bekannt geworden ist. In der unmittelbaren Niilie unsers Bivouaks zogen gleich anfangs mehre Tonteliabäume durch ihren reichen Bliithenschmuck mein botanisches Interesse auf sich. Bei der spätem Untersuchung stellte sich die Species als neu heraus, und Tontelia guianensis (Klotssch) war mein erster Fun dam Pi- rar a. Das jenseitige Ufer des Pirara hatte eine steile Höhe von 20 30 Fuss.

Obschon die Indianer im Laufe des folgenden Tages unter der Belaubung der Uferumsäumung zwei kleine Corials entdeckten, so zeigten sich diese doch in einem so erbärmlichen Zustand, dass wir ihnen ohne vorherige gründliche Ausbesserung nicht einmal unser weniger werthvolles Gepäck würden anvertraut haben. Die Zeit zu einer solchen Ausbesserung fand sich. Um zu sehen, welchen Einfluss der Land- transport auf die beiden Chronometer ausgeübt, die sich in einem kleinen Blech- kasten befanden, und von dem zuverlässigsten der Deutschen, Heiter, vermittelst eines Riemens über die Schulter, getragen wurden , war wenigstens eine Rast von drei Tagen erforderlich; die Corials konnten daher bis zum erneuten Aufbruch aus- gebessert werden, und di eCuratella americana lieferte uns in Folge ihres krüppel- haften Wuchses das trefflichste Knieholz, so dass wir den Fahrzeugen ohne grosse Mühe die so nolhwendige Festigkeit geben konnten. Die gleichmässig gekrümmten Aeste dieses in den Savannen allgemein verbreiteten Baumes müssten sich ungemein vortheilhaft zu Gestellen von Militairsätteln benutzen lassen, und ich glaube sicher, dass man aus den Savannen zwischen dem Riqmnuni und Rio Rranco die. ganze europäische Gavallerie damit versehen könnte. Die Macusi nennen den Baum Curat.akie, da sie mit seinen rauhen Blättern namentlich dem Futteral ihrer Blase- röhre ( Cura ) die Politur geben.

Die Einwirkung des Transportes auf die Chronometer hatte sich gleich Null gezeigt, die Corials waren reparirt, und doch waren wir leider durch einen trau- rigen Vorfall noch an unser Bivouak gebunden. Die grosse Zahl Cucuril- (Ma.ri- mil. regia) und SöM><m'-Palmen, welche die Ufer umsäumten, waren, ihrer reifen Früchte wegen , der gesuchte Aufenthalt zahlloser, blauer Araras. Am Morgen nach unserer Ankunft hatte ich mehre geschossen, aus denen uns Hamlet eine der schmackhaftesten Suppen bereitete. Stöckle und Petri, der vierte Deutsche, hatten von dieser Suppe gekostet und darin hinreichenden Grund gefunden, sich dieses vorzügliche Gericht ebenfalls zu bereiten; schnell machten sich beide auf den Weg, um die dazu nöthigen Vögel zu schiessen.

Noch waren sie nicht lange unter den Bäumen verschwunden, als ein Schuss, und ein bald darauf folgendes , markdurchdringendes Geschrei das ganze Lager in Aufruhr brachte. Alles eilte der Gegend zu, wo wir Petri, sich am Boden im

Blute wälzend und Stöckle mit ringenden und windenden Händen um ihn hernm-

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laufen fanden. Als wir uns zu dem Aermsten hcrabbcuglen, entdeckten wir eine II. Tlicil. 2

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bedeutende Schusswunde an der untern Seite des Schulterblatts. Diese Stelle musste uns natürlich auf den Gedanken bringen, Stöckle sei der unvorsichtige und leichtsinnige Schütze gewesen, eine Vermuthung, die sich auch augenblicklich in den härtesten und bittersten Vorwürfen aussprach ; dieser aber betheuerte , dass er unschuldig, dass seine Flinte noch geladen, dass er sich im Augenblicke des Schusses gar nicht bei Petri befunden, dass er nur erst auf dessen Hülferuf zu ihm geeilt sei, und dass dieser sich daher selbst geschossen haben müsse. So war es auch. Perm hatte ein Dickicht durchkriechen wollen , hatte das Gewehr, dessen Hahn er aber, wie er später versicherte, noch nicht aufgezogen, vorn am Lauf gefasst und hinter sich her gezogen, der Hahn war wahrscheinlich von einer Schlingpflanze festgehalten und als er straff angezogen, emporgehoben worden, und so hatte sich das Gewehr entladen. Als wir den bis jetzt immer noch Besin- nungslosen nach dem Bivouak getragen , ihn dort, da er wegen der Rückenwunde nicht in der Hängematte liegen konnte, ein kleines Gerüst von Stangen bereitet, dieses dicht mit Gras belegt und nun die Wunde untersuchten, glaubte Niemand, dass er den nächsten Morgen erleben würde. Die äussere Wunde hatte die Grösse eines Zweigroschenstücks, woraus hervorging, dass er den mit Schroot geladenen Lauf ganz nahe an sich heran gezogen haben musste , das Schulterblatt aber war ganz zerschmettert. Herr Fryer, dem die Schusswunden nichts fremdes waren, suchte alles aus dem Medizinkasten hervor, was dem Gequälten nur irgend Linde- rung verschaffen konnte, die grösste Qual aber, die fürchterliche Hitze, konnte er leider nicht beseitigen ; denn ungeachtet dass das Thermometer unter dem Zelle hing, das wieder von dem Maranenbaum beschattet wurde, zeigte dieses doch gegen 3 Uhr Nachmittags 97 100° Fahrenheit ; sein niedrigster Stand , 6 Uhr des Morgens, betrug 73°. Ungeachtet der fort und fort wiederholten Auswaschun- gen halten sich bereits am 3. Tage Maden in der Wunde gebildet; ihr Geruch war last unerträglich. Das Wundfieber überstand er glücklich, worauf Herr Fryer die Hoffnung aussprach, dass der Arme doch noch gerettet werden könnte.

Da wir hier nicht bleiben , der Kranke uns aber auch nicht folgen konnte , so war bereits am Morgen des Tages nach dem Unglücksfall ein Bote mit der Bitte an Herrn V um gesandt worden, acht Indianer zu schicken, die den Verunglückten nach Pirurn tragen sollten. Herr Fryer und Tiedge sollten ihn dahin begleiten, und so lange dort verweilen, bis er ihrer gegenseitigen Hülfe nicht mehr bedurfte. Haid aber war Petri nicht mehr der einzige Wundkranke. Die kühlenden Wellen des Pirara waren bei der unausstehlichen Hitze für uns Gesunde die grösste Er- quickung, die uns aber leider nur zu bald vergällt wurde, da einem der Indianer- knaben , die uns gefolgt waren , bei dem Ueberschwimmcn des Pirara s von den gi'frässigen Pirais (Pygocenlrits) ein grosses Stück Fleisch aus dem Fusse ge-

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rissen wurde; das schreckliche Aufschreien , als er die Wunde erhielt, liess uns anfänglich fürchten, er sei die Beute eines Kaimans geworden. Schreck und Schmerz halten ihn so erschüttert , dass er kaum das Ufer erreichen konnte. Bei der Unzahl, in welcher der Pii'ara diesen gefürchteten Raubfisch enthielt, hatten wir von vielem Glück zu sagen, dass bei unserem vielen Baden nicht schon mehre verwundet worden waren. Da keiner Lust zeigte , seinen Körper den Räubern preiszugeben, wurde natürlich das Baden eingestellt, so schwer uns auch dieser Entschluss fiel. Die feste Ueberzeugung, dass unsere Expedition einen unglück- lichen Ausgang nehmen müsste, war von jetzt an der unerschütterliche Glaube aller Abergläubischen, vom Indianer bis zu Stöckle hinauf.

Nächst dem bisherigen Bade lieferten uns die saftigen und angenehm säuer- lichen Früchte einer Eugenia, ( Eugenia cauliflora Dec.l) die ganz die Grösse und Form ainer Reine-Claude hatten und von braunrother Farbe waren, einen un- gemein kühlenden Trank, in dessen Bereitung die Indianer unsere Lehrmeister w'urden; sie nannten die Frucht Casami. Wir fanden diese Species hier zum erstenmal; im Verläjif der Reise begleitete sie uns in bedeutender Anzahl den ganzen Ta/cutu aufwärts, wo sie am häufigsten zwischen den Felsentrümmern auftrat, die den Fluss so zahlreich durchziehen.

Der mit seinen kaffeebraunen Wellen sich zwischen dichtumsäumten Ufern hinwälzende Mahu , war viel bedeutender, als ich vermuthet. Seine Quellen sollen sich auf dem nördlichen Abhange des PtfCfl/wV/fl-Gebirges, auf einem Tafel- lande befinden, worauf er bald einen imposanten Wasserfall, Carona genannt, bildet und seinen Weg durch die malerischen, obschon unfruchtbaren Thäler des Gebirges fortselzt. Während der Regenzeit trägt namentlich dieser Fluss viel zu den Ueberschwemmungen der Savanne bei, wie zugleich dann die eigenthümliche Erscheinung in’s Leben tritt, dass sich die Gewässer zweier Flüsse, die ganz ver- schiedenen Flusssvslemen angehören, mit einander vermischen.

In Folge des jetzigen niedern AVasserstandes erhoben sich in dem Pirara nahe seiner Mündung eine Menge grössere und kleinere Blöcke eines grobkörni- gen Quarzconglomerats , durch eisenhaltigen Thon mit einander verkittet, ihre braunen Flächen über das Wasser, und bildeten an einzelnen Stellen förmliche Bänke.*) Solche Stellen schien die ebenerwähnte Eugenia am meisten zu liehen,

*) Nach den Untersuchungen des Prof. Eiiiirnberg enthielten diese mikroskopische Thierformen ;

Eunotia Pileus. Gallionella grau u lala. Navicula cliaphana. Pinnularia inaequalis.

Polygastrica.

Pinnularia nobilis. Gomphonema sp. Synedra sp. l)ichy ocha sp.

Blöcke folgende

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tla man jene nie ohne diese anlraf. Bot auch die Flora in den Umgebungen der Sa- vanne keine grosse Abwechselung*), so lieferte uns ausser der Eugenia, doch auch noch das kleine Psidium turltinißorum (Mart.) in seinen kleinen, an Geschmack den Erdbeeren gleichen Früchten ein vielgesuchtes Labsal. Die Indianer nannten die Frucht Piriko. Die Früchte einer andern Species hallen fast die Grösse der des Psidium potniferum ; ihr Strauch war 3—4 Fuss hoch, diese nannten die lud iancr Ca n urig. Soviel Früchte wir auch sammeln konnten, gelang es uns doch nicht, auch nur eine Bliithe aufzufinden, um diese zwei interessanten Species bestimmen zu können.

Da die Indianer in dieser drückenden Zwischenzeit nichts zu thun hallen, so folgten sic täglich ihrer Jagdlust, und kehrten niemals ohne reiche Beute an Rehen, grossen Vögeln, wie Mycterien , Nimmersatt (Sawiwi der Macusis) und Enten heim. Eine der Mycterien mass mit ausgebreitelcn Flügeln 7' 2". Ist der Vogel noch jung, so hat sein Fleisch viel Aehnlichkeit mit dem Rindfleisch und Hamlet bereitete uns aus der Brust so vortreffliche « steaks «, dass diese fast gar nicht von den Beefsteaks« zu unterscheiden waren. Bei den altern Vögeln gehörten frei- lich andere Kauorgane und Kaumuskeln zum Zermalmen des Fleisches, als die unsrigen waren. Das dichte Gebüsch der Ufer ertönte jeden Morgen und Abend von dem lieblichen, aber klagenden Gesänge des schönen Gilbvogels (Icterus Ja- macaii Daud.), den ich hier zum erstenmal wild sah. Er findet sich nur an den mit Gebüsch umsäumten Ufern der Savannenflüsse, und, nach der Aussage der Indianer, am häufigsten an dem Malm , Pirara und Takutu. Sein beuleiförmiges Nest , das aus den feinsten Grashälmchen gebaut ist, hängt er auf dieselbe Weise, wie alle Species dieser Gattung, an baumartige Sträucher auf, die an dem Saum der Savanne stehen. In der Colonie ist er wegen seines schönen Gesanges un- gemein beliebt und wird eifrig von den Colonisten , da ihn die Indianer bis dahin bringen, gekauft, freilich nur um bald zu sterben, indem er sich auf keine W eise an die Gefangenschaft im Iiiilig gewöhnen zu können scheint. So oft ich auch den ^ ogel auf dieser Reise in fast jeder Niederlassung zahm fand, balle er doch vollkommene Freiheit, hin zu fliegen, wohin er wollte. In der Colonie wird

Phytolitha r i a.

Li/hotlersius ti/berculatus Spongolithis ac.icularis.

Lilhodonlii/m Bursa. Sp. aspera.

Litlioslylidium rude. Sp. obh/sa.

L. Sara. Tineae squamu/a.

') Lirania in ran a ( /In bl.) , Ilalirleres guaznmaefulia , Sida linifolia (Car.), Panama [Hamb, /iunlh.), canccUala (Cav.) , Mclochia fasciculala ( lienlli .) . ntelissaej'olia Brnth. iiboiirhiiui aspera, Mitnosa campururn (Bcnl/i.), Neptun in pulypliylla (lienlh.). Il/iynrhantei a ncuminuta (lient/i.), Mironia f ullax (I)ec.).

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der Trupiale , wie ihn die Colonisten nennen, durchschnittlich mit 5 Dollars be- zahlt. Unsere Macusis nannten ihn Murumuruta, und die Brasilianer, die Nachti- gall Guiana's. Ein anderer, hellbrauner Vogel, den ich ebenfalls liier zum ersten- mal fand, war der Furnarius leucopus (Sw.)-, auch er belebt das niedere Gebüsch der Ufer der Savannenflüsse. Kurz vor Sonneuauf- und Untergang tönt seine hell pfeifende Stimme aus allen Gebüschen , weshalb er von jetzt an , als Signalist für den Anbruch des Tages und den Beginn der Geschäfte desselben galt. Der ge- schwätzige QiH-est-ce-que-d.it war eben so häufig. Diese an Species so zahlreiche Gattung scheint über ganz Guiana verbreitet zu sein; die Macusis nannten ihn Sette-qui. Gleich häufig wie die Pirais waren im Pirara auch die elecktrischen Aale, die in Menge an der Angel gefangen wurden. So wie einer dieser Fische angebissen, fühlt man dies augenblicklich durch den Schlag, da der Gefangene seine Elektricität augenblicklich entlud, was manche lächerliche Scene herbei- führte.

Am achten Tage nach jener unglücklichen Verwundung kamen die verlangten 8 Indianer aus Pirara im Lager an, und da das Wundfieber glücklich überstanden war, so glaubte IlerrFRVER, dass er die Reise mit dem Kranken nach Pirara unternehmen könnte. Der Brief Herrn Youds an meinen Bruder stellte freilich den Unfall als die gerechte Strafe des Himmels für die Uebertretung des dritten Gebotes hin; denn es war ein Sonntag, an welchem Petri mit Stöckle, an welchem ich auf die Jagd gegangen war! Am 2. April verliess Herr Fryer mit Petri, dem eine bequeme Bahre gemacht worden war , in Begleitung von Tiedge und Hamlet, der sich auf einmal krank fühlte , unser Lager. Dass Hamlet am Tage der Abreise des armen Petri’s krank werden würde , sehr krank werden würde, konnte jeder seit der Verwundung unseres kleinen Indianers Cumeru vor- hersehen. Petri's Unglücksfall hatte seinen Aberglauben aufgerüttelt, Cumeru's Verwundung durch die Pirais ihm die Ueberzeugung gegeben, dass die bösen Geister unsern Untergang beschlossen, und es Wahnsinn sein würde, der warnen- den Stimme, die laut genug gesprochen , trotzig zu widerstehen. Da er meinen Bruder von der frevelhaften Halsstarrigkeit beseelt fand , dieser bösen Omina ungeachtet die Reise fortzusetzen , musste ihn die fingirte Krankheit dem allgemei- nen Verderben entreissen. So wenig wir auch anfangs geneigt wten , diese als ihatsächlich anzuerkennen, so gaben wir doch endlich nach, und Hessen den aber- gläubischen Schelm , namentlich da Herr Fryer niemand hatte , der ihm während seines Aufenthalts in Pirara kochen konnte, mit nach Pirara zurückkehren.

Um die drückende Tageshitze zu vermeiden , setzte sich der Zug schon um 3 Uhr des Morgens in Bewegung. Theilnehmend und schmerzlich bewegt nahmen wir von unserm armen Landsmann Abschied und jagten Hamlet, der seine Freude

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nicht mehr verbergen konnte und mit freudestrahlenden Blicken der Bahre folgte, noch den grenzenlosen Schreck ein , dass wir ihn plötzlich zurückriefen. Die Wirkung dieses Hufes war so gewaltig, dass dem Burschen der Angstschweiss aus allen Horen trat, und er seihst dann noch mehre Minuten zitternd und sprach- los auf der Stelle stehen blieb , wo ihn jener Unglücksruf erreicht , als wir ihm längst wieder die Erlaubniss zum Ausreissen gegeben hatten.

Auch wir verliessen noch an demselben Tage unser Lager. Die beiden kleinen Corials , die von zwei Ruderern geführt wurden , beherbergten die Instrumente, einen Theil des Gepäckes und den armen Cumeru, der seinen Fuss noch nicht wie- der gebrauchen konnte , aber auf keine Weise zur Rückkehr nach Pirara zu be- wegen war.

Die während unsers Aufenthalts vom 27. März bis zum 2. April 1842 an der Mün- dung angestelltenThermometerbeobachtungen, ergaben folgende mittleren Resultate :

Thermometer. Fahrenheit.

6 Ulir Vonnitt.

9 Wir Vormitt.

12 Uhr Mittags.

3 Uhr Nachmitt.

6 Uhr Nachmitt.

Maximum.

Minimum.

75». 72

83°. 13

91°. 82

94°. 92

86°. 07

98°

73o

Nach den beiden Chronometern war die geographische Länge 15' 30" (in arc) westlich des Dorfes Pirara.

Nachdem wir den Pirara gekreuzt, und mit Mühe und Anstrengung das steile, jenseitige Ufer erklommen, setzten wir den Weg in südwestlicher Richtung gegen die Mündung des Mahn in den Takutu durch eine gleich einförmige Savanne fort. Noch aber batten wir diese nicht lange betreten, als wir auch gegen Südosten hin zahllose Rauchsäulen, die sichern Verkünder eines Savannenbrandes, aufwirbeln sahen , und uns die Indianer mit ängstlicher Hast zur Eile antrieben , da sich die l’cucrcolonne wahrscheinlich auf uns zuwälzen würde. Belächelten wir auch an- fänglich die uns unwahrscheinlich dünkende Befürchtung, so verwandelte bereits die nächste Viertelstunde unsere lächelnden Mienen in die des bittersten Ernstes. Jede 3Iinule steigerte die Gefahr mehr und mehr , und schon war uns die schreck- liche Gewissheit geworden, ihr nicht mehr entfliehen zu können. Wo wir auch hinblicken mochten, nirgends entdeckte das suchende Auge eine dunklere Färbung in der Grasfläche, eine Sumpfslclle, nirgends eine jener Oasen, schon konnten wir die leuerkolonne selbst unterscheiden, die durch einen aufspringenden Südostwind doppelt beflügelt auf uns zucillc, schon konnten wir das Platzen und Gedröhne der

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zerspringenden Gräser deutlich hören, da entdeckte das scharfe Auge der Indianer einige kleine Erhöhungen vor uns , die nur sparsam mit niederem Grase bedeckt waren, und in wilder Flucht eilten wir ihnen entgegen , um hier das entfesselte Element vorüberrasen zu lassen. Eine halbe Minute später, und ein fürchterlicher Tod wäre unser Loos gewesen! Mit wildklopfendem Herzen sahen wir das Feuer- meer, das uns bereits vollkommen in sich eingeschlossen, gleich einer Windsbraut sich auf uns zuwälzen , sengend und brennend schlug die glühende Lohe an unsere Gesichter, und nöthigte uns ihr den Rücken zuzukehren , um den fürchterlichen Entscheidungsmoment in verzweifelnder Resignation zu erwarten. Der bren- nende Hauch der Lohe schlug an mir empor, zwei glühende Feuerarme um- schlangen die Basis des Hügels und vereinigten sich vor uns wieder zu einer wogenden Masse , in die ich starr vor innerm Grausen stierte , bis sie sich immer weiter von uns entfernte wir waren gerettet ! Die Flamme hatte zwar das kurze Gras des Hügels abgesengt, doch nicht soviel Nahrung gefunden , um die schaudervollen Befürchtungen zur schrecklichen Wahrheit werden zu lassen. Ganze Schaaren gieriger Raubvögel zogen gleich hungrigen Schakals in kreisen- dem Fluge hinter und zu den Seiten der Feuercolonne her und machten auf die dem entfesselten Elemente entfliehenden oder halbverbrannten Schlangen und Ei- dechsen Jagd. Sah es doch , wenn sie sich mit Blitzesschnelle auf den erspähten Raub herabstürzten , und für Augenblicke in den Rauchwolken verschwanden, als wollten sie sich freiwillig dem Feuertode weihen!

Raid war das betäubende Getöse verstummt, und nur die schwarzen Wolken verrielhen noch, dass das Feuer seinen verheerenden Weg fortsetzte, den auch wir jetzt durch die leichte Asche antraten, in die uns der noch wehende Südost förmlich einhüllte, so dass wir bald in vollkommene. Schornsteinfeger verwandelt waren. Dass die Indianer unendlich mehr stoischen Gleichmuth, als wir besassen, zeigte sich auch hier w'ieder ; wöhrend der schauerliche Moment noch lange wie ein erdrückender Alp auf uns lastete, setzten sie den Weg schon wieder mit lachen- der 3Iiene und unter ununterbrochenen Witzeleien über die Verwandlung, welche die Asche an uns allen vornahm, fort, wiewohl mit jedem Schritt die Qual des Durstes sich steigerte, indem jeder Athemzug den feinen Kohlenstaub in Mund und Nase führte und die Schleimhäute vollkommen überkleidete.

Nach einer mehr als stundenlangen Tour sahen wir endlich einen dichten Waldsaum vor uns auftauchen, zu dem sich bald für das Ohr der Zauberton der Wellen des Mahu gesellte. Mit doppelt beflügelten Schritten stürzten wir diesen zu, um den ausgetrockneten Mund feuchten , den brennenden Durst löschen und den mit Asche bedeckten Körper von seiner unangenehmen Hülle befreien zu können. Bald war das ersehnte Ziel erreicht , aber unsere Qual noch keineswegs

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beendet, denn getäuscht stunden wir auf den 25 30 Fuss hohen, steilen Ufern und schauten auf die lockend zu uns herauf lachenden Wellen hinab, ohne sie er- reichen zu können. Nachdem wir dem Flusse etwa eine halbe Stunde gefolgt, fand sieh endlich eine Stelle, von der uns durch die Wurzelu einiger nahe am Ufer stehenden Bäume wenigstens die Möglichkeit gegeben wurde, die bisher ausge- standene Tantalusqual zu beseitigen. Ohne Berücksichtigung der Gefahr suchte jeder so schnell als möglich die gesteigerte Gier zu befriedigen und bald labten wir uns an dem klaren kaffeebraunen Wasser. Gestärkt und gekräftigt suchten wir das Ufer wieder zu erklimmen, was uns freilich unendlich schwerer, als das Her- nblasscn wurde.

Das Ziel der heutigen Reise, die Verbindung des Mahu mit dem Taki/tu , lag noch vor uns, und rasch schritten wir ihm zu. Mehre morastige Stellen, die wir im Verlauf noch zu durchwaten hatten, waren dicht mit der herrlichen Mauritia, beladen mit ihren ungeheuren, oft 5 6 Fuss langen Fruchtbüscheln, bestanden. Viele der Büschel waren gewiss mit 800 1000 einzelnen Früchten besetzt. Ob- schon die Früchte, wenn sie bei erlangter Reife einzeln herablällen, nicht bloss von den Indianern, sondern auch von mehrern Vierfüsslern gern gegessen werden, so muss doch der Psittacus Ma/tavuanna (Lin.) der grösste Freund derselben sein, da wir selten eine Gruppe dieser Palmen fanden, in der sich nicht zahlreiche Heer- den der glänzenden Vögel aufgehalten hätten, wie sie auch fast durchgängig in den von den Spechten gemachten Höhlungen dieser Palme zu nisten pflegen. Bei jeder Palmengruppe, der wir uns näherten, wurde die tiefe Stille, die besonders den Mittag in den Tropen bezeichnet, wo sich die meisten Thiere ruhig in den Schatten der Bäume verhalten , durch ein eigentümliches Knurren unterbrochen, das sich als W arnungsruf nach allen Seilen verbreitete, bevor sich die zahlreiche Schaar unter wildem Gekreische erhob und die Palmengruppe schreiend umflog. Die grüne Färbung des Gefieders verräth nur selten dem suchenden Auge den Papagei zwischen den gleichgrüncn Wedeln der Palme. Ausser diesen lärmenden Vögeln, fand sich hier noch ein zweiter, aber stummer Bewohner auf der Mauritia, die f ranilla palmar um ( Lindl .). Es ist eigentümlich , dass diese Orchidee auf keiner andern Palme als der Mauritia vorkommt. Sie wurzelt jederzeit an der Basis der Blattstiele, zwischen denen sich immer etwas Humus ansammelt, während ihre Banken an dem glatten grauen Stamm herabhängen. Hin und wieder fand ich diese Species auch auf Granitfelsen, wo sie in den mit Erde angefüllten Spalten wurzelt.

Gegen 4 Uhr erreichten wir unser Reiseziel, die Vereinigung des Mahu mit dem Ta hu tu. Gleich den übrigen Savannenflüssen sind auch seine Ufer mit einer üppigen \ cgelal ionsdecke bekleidet, durch welche ihre unmittelbaren Umgebungen S" grell gegen die mehr verkümmerten Plainen contrastiren. Dieser Waldsaum,

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in dem wir seiner Breite nach etwa eine halbe Stunde lang fortgeschritten waren, bevor wir den Fluss selbst erreichten, bestand theils aus hohen Bäumen, theils aus einem dichten, baumartigen Unterholze, das sich an den Ufern bis zum eigentlichen Wassersaume hinabzog, und hier die ruhig hingleitenden Wellen überhing und be- schattete. Auch oberhalb war dieses Unterholz so dicht, dass es nur hier und da einem durstenden Sonnenstrahl die Erde zu küssen erlaubte. Die grossem Bäume gehörten fast durcbgehends den Cordiaceen , Ma/pighiaceen und Mimosen an. Das erstere Genus aber wurde hauptsächlich durch Cordia ietraphylla (Aull.) repräsentirt, jenen interessanten Baum, den die Colonisten wegen seiner breiten, flach niedergedrückten Krone « fable free » nennen. Da sich die Aeste vollkommen im rechten Winkel vom Stamme abzweigen , so hat der Baum in der Ferne auch in der That ganz das Ansehen eines riesigen, runden Tisches. Wie der Psittacus Mnkawanna die Mauritia zu seinem Brutort aussucht, so wählt der Cassicus per- sicus und cristatus besonders gern jede vereinzelt stehende Cordia , um an ihr sein beutelförmiges Nest aufzuhängen , wodurch das an und für sich schon son- derbare Aussehen des Baumes noch sonderbarer wird.

Ebenso häufig wie Cordia tetraphylla war auch eine baumartige Malpighia , deren reife , orangegefärbten Beeren den ganzen Boden überdeckten , die unsere Indianer mit grossem Eifer sammelten. Das Leckere, was diese daran fanden, konnten wir auf keine Weise herausfinden. Noch schöner in ihrer Form und Zweigbildung dünkte mir aber eine Mimose mit hellgrauem Stamm und fein gefie- derten, lebhaft grünen Blättern. Leider fanden wir an diesen beiden sehr inte- ressanten Species keine Blüthen.

Ein ziemlich freier Platz am linken Ufer des Mahn bot uns eine bequeme Bivouakstelle. Die beiden Boote trafen erst einige Stunden nach unserer Ankunft ein. Da der Mahn kaffeebraunes, der Takutu grünlich blaues Wasser hat, das mich Avieder lebhaft an die freundlichen Wellen des vaterländischen Rheins erinnerte, nur dass das Auge vergebens nach den stolzen Zinnen alter Ritterburgen suchte und nur eine unübersehbare gelbe Ebene fand , so war wie bei dem Essequibo und Rupununi, die Grenzlinie der Gewässer beider Ströme erst nach einer wei- ten Strecke Arerschwunden. An ihrer beiderseitigen Vereinigung beträgt die Breite des Mahn 263, die des Takutu 192 Yards, was leicht zu der Annahme verleiten könnte, dass der letztere ein Nebenfluss des ersteren wäre. Die IVapisianas und Atorais , die das Stromgebiet desselben bewohnen , nennen ihn Butu-auuru. Den Mahu nannten unsere Macusis : Ir eng. Da die geographische Breite der Ver- einigung beider Flüsse noch nicht bestimmt war, so sollte solange hier verweilt werden , bis der Himmel eine astronomische Aufnahme erlaubt haben würde. Meine Jagdlust fand durch diese Zögerung, namentlich in Folge der zahlreich ver- II. Tlieil. 3

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sammelten Psittacini reiche Befriedigung. Die Cvcurit - und Sawari- Palmen hat- ten den blauen Araras , die mit reifen Früchten beladene Malpighia ganze Heer- den des herrlichen Sonnenpapagei's (Psittacus solstitialis Lin. Kessi-Kcssi der In- dianer), welchen letztem ich hier ebenfalls zum erstenmal sah, während der breite Waldsaum , der geliebte Aufenthalt des schönen Hokkohuhns ( Crax tomentosa Spix , Ourax cnjlhrorhynchus Sw., Pauituima der Indianer) war. Da sich der herrliche, metallglänzende Vogel nur in den bewaldeten Ufersäumen der Sa- vannen aufhält , nennen ihn die Colonisten Savannen -Powis.

Nach den Circummeridianhöhen des südlichen Kreuzes, liegt die Mündung des Mahn unter 35' 8" Norderbreite.

Das herrliche Sternbild, das südliche Kreuz, wird von den Indianern allgemein als die Wohnung des Geistes der Savannen angesehen , wie sie uns auch ver- sicherten , dass der Augenblick , wo es den Zenith erreicht, von den Pauiluimas durch ihren tiefen , klagenden Ton verkündet würde. Wir hatten zu dieser Ver- sicherung immer ungläubig gelächelt. Denn obschon diese Angabe schon früher ein- mal sich wirklich bestätigt, so war doch das Erreichen des Meridians gerade mit der Zeit zusammengetroflen, an welcher gewöhnlich der Vogel seine dumpfe , me- lancholische Stimme erschallen lässt, nämlich um 4 Uhr des Morgens, so dass wir in dieser einen Thatsache noch keineswegs eine Bestätigung der Behauptung finden konnten. Am 4. April aber hatte das a des Kreuzes 25 Minuten nach 11 Uhr Nachts eben den Meridian erreicht, und in demselben Augenblick schallten die hohlen Töne der Pauituimas durch die stille Nacht; nach Verlauf einer Viertel- stunde lag wieder liefe Ruhe auf unsern Umgebungen. Da wir während dieser Zeit die Stimme des Vogels niemals gehört hatten, zeigte sich in diesem Falle die An- gabe als so evident und schlagend , dass alle Zweifel an der merkwürdigen That- sache bei uns verschwanden.

Der Himmel war während unseres Aufenthaltes an der Vereinigungsstelle grösstenlheils bewölkt, was, verbunden mit dem frischen Ostwind, viel dazu bei- trug, die Hitze zu mildern, der wir wegen einer 2600 Fuss langen Sandbank in der unmittelbaren Nähe des Lagers ausserdem gewiss ausgesetzt gewesen wären. Schon am Abend unserer Ankunft war meine Aufmerksamkeit durch das zahlreiche Auftauchen grosser Delphine mehrfach erregt worden. Nicht selten erschienen 6 8 paarweise , pfeilschnell an der Oberfläche herumschwimmend , oder in ewigem Wechsel auf- und niedertauchend , wobei sie nicht allein ihre spitze Schnauze, sondern meist auch einen grossen Theil ihres 7 8 Fuss langen Leibes über das Wasser erhoben. Sowie der Kopf über der Oberfläche hervorragte, trieben sie unter einem lauten Geräusch, das viel Achnlichkeit mit dem Schnau-

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ben der Pferde hatte , das beim Schlacken in die Schnauze getretene Wasser als feinen Staubregen aus den Spritzlöchern , was dem stillen Landschaftsbilde einen ungemeinen Reiz verlieh. Nie habe ich bemerkt, dass diese Specics , wie es andere thun sollen, das Wasser in Strahlen ausgestossen hätte. Leider fehlte uns eine Harpune, um eins dieser interessanten Thiere in unsere Gewalt zu bekommen. Alle die zahlreichen Versuche, sie durch die Kugel zu tödten, misslangen. Ausser im Takulu und Zuruma habe ich sie in keinem andern Fluss Guiana’s gefunden, selbst den Mahu schienen sie nicht aufwärts zu gehen. Nach den Kennzeichen, die wir bei dem flüchtigen Auftauchen beobachten konnten , musste es Delphinus amazonicus (Mart.) sein, der seinen Weg leicht durch den Rio Negro , Rio Branco nach dem Takulu gefunden haben konnte. Besonders häufig erscheinen sie während der Regenzeit und unmittelbar nachher, wo die erhöhte Wasser- masse die Stromschnellen noch bedeckt. Die seeähnlichen Stellen bei der Ver- einigung zweier Flüsse müssen sie besonders lieben, wenigstens glaubten wir uns durch die grosse Anzahl, die wir in der Nähe der Vereinigung des Zuruma und Virua mit dem Takulu fanden, zu diesem Schlüsse berechtigt. Oberhalb der Ver- einigung des Mahu waren sie ganz verschwunden.

Bei einem der Ausflüge auf das jenseitige Ufer des Takutu hatten die scharf- spähenden Augen eines Indianers ein Corial in dem Ufergebüsch versteckt gefun- den ; vermöge der Elastizität des menschlichen Gewissens waren auch unsere Be- griffe über das Mein und Dein etwas weiter geworden, es wurde als glücklicher Fund willkommen geheissen und an seinen schadhaften Stellen einer gründlichen Repara- tur unterworfen . So verlockend auch die reinen Wellen uns zum Bade einluden, so liess die Furcht vor den räuberischen Pirais uns doch allen Verlockungen wider- stehen, da niemand für die momentane Abkühlung einen Theil seines Körpers auf das Spiel setzen mochte. Dass die Räuber aber in wahrer Unzahl hier versammelt sein mussten, zeigte die Menge, welche die Indianer mit der Angel fingen; mit ihnen zugleich ging auch ein anderer interessanter Fisch häufig an den Köder, der Pime- lodus insignis ( Jard .). Der Fisch zeichnet sich in seinem äussern Habitus beson- ders dadurch aus , dass die zweite Rückenflosse sich von dem Schwänze bis zur ersten Rückenflosse erstreckt, wobei das erste Paar der Flossenstrahlen von nahm- hafter Grösse ist. Wurde er an der Angel aus dem Wasser geworfen, so lebte er oft noch länger als eine halbe Stunde ausserhalb seines eigentlichen Elements. Seine Nahrung besteht in kleinen Fischen, und sein Fleisch gehört unbestritten zu den schmackhaftesten Leckerbissen ; er wurde bis zu 18 Zoll Länge gefangen.

Wie am Rupununi , so fand ich auch auf der oben erwähnten Sandbank den Desmanthus mit seinem Schmarotzer, dem Loranlhus guianensis bedeckt. Das jenseitige Ufer des Mahu war förmlich von den hohen Bäumen der schönen Mi-

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REISEN IN

i/iosa Schomburgkii (Benth.) eingefasst, deren wcisser Blütheiiflor die dunkle und zart gefiederte Belaubung, wie mit einem Schleier überzog. Die Thermomcler- beobaclitungcn von 3. bis 5. April ergaben folgendes Mittel :

Vormittag

Mittag 12 Uhr.

Nachmittag

1842

6 Uhr.

9 Uhr.

3 Uhr.

4 Uhr.

Bcmerkungeu.

3. bis 5. April.

72°. 50

80°. 12

89°. 12

89°. 43

82°. 50

Einige kleine Sprühregen.

Da der natürlichen Grenzeinlheilung nach der Takutu von seiner Quelle bis zur Mündung des Zuruma als ein Theil der südlichen Grenze von Britisch-Guiunn gegen Brasilien anzusehen war, so wurden in jene Mimose, deren Spccies wegen Mangel der ßlüthen nicht zu bestimmen war, der Name Victoria Regina mit dem Dalum eingeschnitten und dann die Königin unter den gewöhnlichsten Ceremonien als Herrscherin über diese Strecke proclamirt.

Am sechsten April setzten wir unsre Reise fort ; das Gepäck war grössten- theils in die drei Corials verpackt worden , zu dem sich auch Herr Goodall und ich gesellten , während mein Bruder und die Uebrigen ihren Weg längs dem Ufer zu Lande antralen. Er durchschritt mit seiner Parthic die eine halbe Stunde von uiiserm Lager entfernte seichte Stelle im Takutu, die auch von den Brasilianern während ihrer Verbindung mit Pirara als Furt benutzt worden war, und bald halten wir die Fussgänger aus den Augen verloren; dafür rückten wir Wasser- fahrenden in Folge des niedern Wasserstandes nur äusserst langsam vorwärts.

In Rücksicht des Hochwaldes stimmte die Uferumsäumung des Takutu hier ganz mit der des Mahu überein; hin und wieder hatte die Stelle des baumartigen Unterholzes der Bambus ( Guadua latifolia) eingenommen. Hatten anfangs die Corials immer noch so viel Wasser gefunden , dass wir sie mit Stangen vor- wärts bringen konnten, so fehlte dies in Folge der zahlreichen Sandbänke bald in dem Masse , dass wir die Fahrzeuge über diese hinwegziehen mussten , weshalb vir auch mehre Stunden später als die Fussgänger im Bivouak ankamen , wo wir zur Freude unserer hungernden Magen schon die gefüllten Fleischtöpfe in grosser Fülle auf die Schüsseln ausgeleert fanden; die Jäger halten ein Reh erlegt und der Substitut Hamlets, der ebenfalls schwarze Adams, timt alles, um uns den zeitweili- gen \ erlust des erstem vergessen zu machen.

Das Lager war auf dem linken Ufer des Takutu an der Mündung des kleinen Musscs Macupara aulgeschlagen , der seinen Namen von einem Baume erhalten

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hat, der häufig an seinen Ufern wächst , und den die Macusis Macupara nennen. Nach den äpfelartigen Früchten zu urtheilen, ist es Aub/et's Macoucou guianen- sis (Ilex Macoucou Pers.). Im Verlauf des Tages hatten wir die Mündung des Manari passirt , der sich auf dem rechten Ufer in den Takutu ergoss. An den Stellen, wo die Savanne bis zuin unmittelbaren Bett des Takutu herantrat, bestan- den die Ufer meist in 40 bis 50 Fuss hoben, perpendikulären Wänden, und waren durchgehends aus einem eisenhaltigen Conglomerat von Thon und abgeriebenen Quarz fragmen teu zusammengesetzt, das nur von einer ein bis zwei Zoll mächtigen Schicht Dammerde überlagert wurde. Die Macusis nannten diese steilen Ufer lpera ghiri.

Auch beute wurde uns wieder das schon seit längerer Zeit nicht mehr seltene Schauspiel einer brennenden Savanne, durch das mir jedesmal jene schauerlichen Minuten des drohenden Feuertodes in's Gedächtniss zurückgerufen wurden , zu Theil; nur das zauberhafte Farbenspiel, welches die untergehende Sonne in den wirbelnden Rauchwolken hervorrief, entfaltete einen neuen, noch nie wahrgenom- menen Reiz über die schnell vorrückende, vernichtende Feuermasse.

Da sich zur Aufnahme des Flusslaufes die Fussreise doch nicht so gut eignete, so nahm mein Bruder am folgenden Morgen ebenfalls in einem der Corials Platz. Nachdem wir eine kleine Stromschnelle passirt , die aber wohl nur bei so niede- rem Wasserstande bemerkbar sein mag, wurde die Vegetation beider Ufer immer wechselnder , immer reizender. Der Monat April scheint der Anfang der Blüthezeit des Innern zu sein , mag nun die Regenzeit bereits eingetreten sein oder nicht. Man hat vielfach behauptet, dass die Vegetation erst einige Tage Regen verlange, bevor sie von neuem zu treiben beginne; die Ufer des Takutu aber Avidersprechen dieser Annahme in der blühendsten Sprache , denn der Monat März und die zurückgelegten Tage des April waren fast ohne einen Tropfen Regen vorübergegangen , und doch waren die Ufer des Flusses an vielen Stellen, Avie mit einem Blüthenteppich überzogen. Wie in der Heimath, um diese Zeit der Sclnvarzdorn noch ohne Blätter, von einem Blüthenschnee überstreut ist, so traten uns hier auch die weissen Blüthenmassen der blattlosen Sträucher mehrer Erythroxylon- Arten, Avie ruf um und der neuen Species squarrosum (K/otssch) entgegen, unter die sich hier und da die grossen, gelben Blülhen der ebenfalls noch blattlosen Tecoma mischten, die theils als Baum, theils als baumartiger Strauch oft ohne Blätter, oft mit Blättern, immer aber blühend auftrat, während hier die glän- zend weisse , mit rosa umsäumten Blüthen der Gustavia , dort die tief kornblum- blaue Jacaranda, das Avcisse, lebende Schneefeld mit bunten Sträussern überstreute. Mimosen , Melastomaceen und eine schöne Cujtliea nahmen den unmittelbaren Ufersaum ein, gegen Osten aber schlossen die dunklen Massen der höchsten Er-

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hebungcn des U<T«vÄtf-Gebirges, wie der Iquari , Zemai, llamikipang und Noppt den Horizont wie mit einer Mauer ein. Am Morgen lag das Flussbett ziemlich gegen Siid ; gegen Mittag aber w'andte es sich plötzlich gegen Osten, so dass uns nach und nach auch der westliche Theil des Camiku- Gebirges sichtbar wurde. Es war ein reizendes Bild, so reizend, dass es uns in seiner Frische, seiner fort- währenden Abwechselung, alle die Mühen und Schmerzen vergessen liess, die uns der seichte Strom und die neuaufgetauchte Plage der Sandfliegen machten. Jenes grobkörnige, eisenhaltige Thonconglomerat bedeckte von jetzt ab an einzelnen Stellen in mächtigen Blöcken auch die Flusssohle. In der scharfen Biegung gegen Osten mündete sich auf dem linken Ufer der Capaya (Carica Papaya ), der die Grösse des Pirara hat. Nicht weit von der Mündung erheben sich mehre thon- reiche Sandsteinbänke, die ersten Zeugen dieser Formation, die uns seit lange be- gegnet waren , deren glatte Oberflächen mehre Eindrücke , wahrscheinlich von Isopoden sehen lassen. Das Gestein zeigte eine Menge theils runder, theils vier- eckiger Vertiefungen, die oft einen Durchmesser von 6 8 Zoll halten. Ungefähr eine Stunde oberhalb der Mündung des kleinen Flusses Mucumucu , am rechten Ufer, der seine Quelle auf dem Quariwaka (Nebelberg), eine der höchsten Erhe- bungen des Ud72tt£«-Gebirges, hat, schlugen wir unser Lager auf, um hier einige Tage zu verweilen und Herrn Fryer zu erwarten, dem dieser Punkt bestimmt worden war, um uns zu treffen, wenn Petri’s Gesundheitszustand ihm die Abreise erlaubte; zugleich wurde dieser Aufenthalt dazu benutzt, mehre Indianer zu den das Canuku- Gebirge bewohnenden Macusis zu schicken, um diese zu ver- anlassen, uns Cassadabrod und andere Provisionen gegen Tauschartikel zu bringen. Während die Indianer noch mit dem Reinigen unsers Lagerplatzes beschäftigt waren , wurde die ganze Mannschaft durch das plötzliche Aufschreien der nied- lichen Bai'u in Allarm gesetzt, die etwas abseits eben ihre Hängematte schlingen wollte , worin sie aber durch den emporgerichteten Kopf einer grossen Klapper- schlange , (Crotalus horridus Duud.) , die sich eben zum Sprunge bereitete, ver- hindert wurde. Sie wurde getödtet, noch ehe sie den Sprung ausführen konnte; die Klapper zählte sieben Ringe.

Während von meinem Bruder dieser Aufenthalt zu einer trigonometrischen Messung der Höhe des llamikipang verwandt wurde , die sich nach einer allerdings nur flüchtigen Berechnung zu 2500 Fuss herausslellte, benutzte ich meine Zeit zur botanischen Ausbeute des waldigen Ufersaums und der angrenzenden Savanne. Der ersten* bestand auch hier aus Cucurit- und 5awan-Palmen, Erythroxylon, Tccoma , Mimosa, Jacara-nda und Byrsotiima , unter welchen letztem mich namentlich eine neue Spccies, Byrsonima tenuifolia (Klotzseh), die ebenfalls noch keine Blätter getrieben, durch den Reiz ihrer pfirsichfarbenen Blüthen in Er-

ßRITISCH-GUIANA.

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staunen versetzte. An dem Savannensaum blühte namentlich eine niedere Calathea mit gelben Blüthen , an die sich unmittelbar ein dichtgedrängter Streifen der nied- lichen Hypoxis breviscapa (Humb . Bonp .) anschloss, deren ebenfalls gelbe Blüthen mich lebhaft an das heimische Ornithogalum luteum (Lin.) erinnerten. Die Byrso- nima verbascifolia schien alle übrigen Gattungen und Species von der Savanne ver- drängt zu haben, da man aus ihrem dichten Filz nur dann und wann einige niedere Sträucher der Byrsonima crassifolia auftauchen sah ; an vielen Stellen erhoben sich auch mächtige Blöcke eines eisenhaltigen Conglomerals über die niedere Vege- tationsdecke, die mit grossen , weissen Termitenhügeln abwechselten,- ihnen zur Seite streckten meist riesige Cactus ihre stachlichen Arme aus, und verliehen dem sonst so einförmigen, öden Savannenbild wenigstens etwas Abwechselung.

Die Menge Rehe, die unsere Jäger von ihren Jagdparthien auf der Savanne, und die grosse Zahl der beschuppten Bewohner des Flusses , welche die Fischer in das Lager brachten , zeigten deutlich , dass jene eben so zahlreich , wie diese sein mussten. Untern den letztem fielen mir namentlich mehre Pirat s (Pygocen- trus) wegen ihrer dunkelschwarzen Färbung und des abweichenden Colorits der Iris auf, die ebenfalls schwarz und von einem goldgelben Ring umgeben war. Einer der Fische mass 1 Fuss 5 Zoll und hatte eine Stärke von 8 Zoll. Wahr- scheinlich ist es bloss eine Spielart von Pygocentrus niger. Leider erlaubte mir die Kleinheit meiner Spiritus-Behälter nicht, einen derselben mit mir zu nehmen. Auch der schmackhafte Colile der Arawaaks, Corutlo der Macusis ( Platystomn tigrinu/n) wurde uns in ausserordentlicher Grösse gebracht. Einer derselben wog 16 '/o Pfund, war 2 Fuss 11 Zoll lang und mass 1 Fuss 8 Zoll im Umfang. Für mich war der Fisch, ungerechnet seines ungemein schmackhaften Fleisches, namentlich deshalb immer ein höchst willkommenes Gericht , weil er ausser den wenigen Rippen fast gar keine Gräten hat; eine Eigenschaft, die ihn einem hun- grigen Magen doppelt werlh macht.

Die Töpfe unserer Indianer kamen während unseres Aufenthaltes im Lager nicht vom Feuer hinweg; denn war einer derselben geleert, so wanderte er auch schon wieder gefüllt nach dem brennenden Holzstoss zurück. Hier erst erfuhr ich, was ein Indianer, wenn der Wille mit der Fülle übereinstimmt, im Essen leisten kann ! Ich sah sie mehrmals innerhalb 5 6 Stunden ,3 4 mal um den Topf versammelt und die letzte Mahlzeit mit gleichem Appetit, wie die erste verzehren.

Da die eigentliche Essenszeit meist zwischen Sonnenuntergang und Son- nenaufgang fiel, so eilten die Weiber, die am Tage nichts zu thun hatten, in die waldigen Umsäumungen des Flusses oder in die Savanne , um die reifen Früchte der Mauritia oder des Psidium , wie auch andere essbare Früchte zu sammeln,

2\

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die sic dann , in der Hängematte liegend , verzehrten , um sich damit die Zeit zu vertreiben.

Schon am zweiten Tage nach unserer Ankunft wurde uns von den an dem Fusse des llamikipang wohnenden Indianern eine Menge Provision , sowohl an Brod, als auch an Yams, Plantains und Bataten gebracht. Die Verkäufer waren meine alten Freunde aus der Niederlassung Curata-kiu , in der ich der Bereitung des Uran beigewohnt. Einer der Knaben brachte mir ein Armadill ( Dasypus villosus Des.) mit, das er unterwegs auf der Savanne überrascht hatte. Um seine Flucht zu verhindern, band ich es mit einem Strick an dem Fuss fest. Kaum aber liessen wir es unbeachtet, als es sich in kurzer Zeit, vermöge seiner ungemeinen Muskelkraft in den Vorderfüssen , auch schon so tief in den festen Boden einge- graben, dass cs bereits verschwunden war; konnten wir auch die Hinterfüsse noch packen , so gelang es doch den Indianern , die ihr Heil daran versuchten, nicht, das Thier wieder herauszuziehen, da es sich so fest an die Wandungen der Höhle anzustemmen schien, dass die hülfreichen Hände der Indianer eher den ausgerissenen Ilinterfuss, als das Thier selbst hervorgebracht haben möch- ten. Um das geängsligte Geschöpf nicht weiter zu quälen, schenkte ich ihm die Freiheit, womit meine Helfer keinesweges einverstanden zu sein schienen, denn es entging ihnen dadurch einer ihrer grössten Leckerbissen! Die Schnellig- keit, mit welcher sich das Armadill, namentlich, wenn es einen Feind in der Nähe wittert, in die Erde gräbt, hat später oft mein Erstaunen rege gemacht: drei Minu- ten sind, selbst bei einem gerade nicht lockern Boden, hinlänglich für dasselbe, um sich zu verbergen. Bei dem Eingraben kratzt es mit den Klauen der Vorderfüsse die Erde los, und scharrt sie mit den Hinterfüssen so hinter sich, dass es zugleich die Höhlung verstopft.

Die klagende und pfeifende Stimme eines Vogels, die sich sowohl während des Tages , als auch in der Nacht aus dem Dickicht hören liess, hatte meine Neu- gier schon von der ersten Stunde , wo wir unser Lager aufgeschlagen , auf sich gezogen , ohne dass cs mir gelungen , ihn selbst zu sehen , indem er jedesmal schwieg , sobald er den Schützen bemerkte. Erst als ich die Hülfe eines Indianers in Anspruch genommen, bekam ich den Vogel in meinen Besitz. Es war die kleinste, bis jetzt mir bekannte Eulenart (Strix passcrinoides Tom.). Wie alle übrigen Eulen, sitzt auch sie ruhig an einem schattigen, dunklen Orte im dichte- sten Gebüsch und stösst in regelmässigen Intervallen, fast ununterbrochen , jenen in der That ganz eigenthümlichen Klageion aus.

Nach der Aussage der uns besuchenden Indianer, lag die nächste Nieder- lassung vier Tagereisen den Flussaufwärts, und zwar in der Nähe des Cui'salo- Gebirges, von da beginne das Gebiet der Wapisianas ; der Landweg dahin kürze

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die Reise um einen Tag- ah. Diesen letztem liess mein Bruder auch die Leute, welche bisher dem Flussufer des Takutu gefolgt waren, einschlagen, um uns dort zu erwarten. Nach den genommenen Beobachtungen lag unser Bivouak unter 20' 37" Norderbreite , während die meteorologischen folgendes mittlere Resul- tat gaben.

Vo rin

ittag

Mittag 12 Uhr.

Nachmittag

1842

6 Uhr.

9 Uhr.

3 Uhr.

4 Uhr.

Bemerkungen.

8. bis 10. April.

74°. 57.

79°. 67.

86°. 17.

91°. 17.

84°. 84.

Der llimmel war meist bewölkt , zugleich wehte ein starker N. N. und Oslwind.

Den Tag über wehte der Wind fast durchgängig mit Ungestüm aus N.N.O., bis er gegen Sonnenuntergang ziemlich erstarb, regelmässig nach 8 Uhr Abends wieder in W. aufsprang und sich dann nach N.N.O. wandte.

Da wir bis heute, den 11. April, von Fryer noch nichts vernommen, brachen wir das Lager ab, und setzten die Reise den Fluss aufwärts fort. Grosse, aufein- ander gehäufte Blöcke des eisenhaltigen Conglomerats mit glasiger Oberfläche, über- deckten hier wie am Rupununi, und, nach der Angabe meines Bruders, auch am Rewa und Quitaro ganze Strecken. Das heisere Gebell und Heulen eines Hundes, der uns fortwährend längs dem Ufer zu folgen schien , machte natürlich unsere Neugier rege, bis der Urheber selbst am Wasser erschien, hinein sprang und unsern Corials nachschwamm. Da wir verinuthen mussten, dass er den In- dianern gehöre, die uns Provision gebracht und von einer grossen Anzahl Hun- den begleitet waren, so wollten wir ihn nicht in die Boote aufnehmen; wacker alier schwamm das Thier hinterher, wandte sich, sobald er ermüdet war, wieder zum Ufer, und lief uns abermals unter Heulen und Bellen nach. Als wir gegen Abend landeten, war er augenblicklich an unserer Seite, leckte uns die Hände und umwedelle uns unter den freundlichsten Sprüngen. Hätte uns nicht schon sein Aeusseres die portugiesische Abkunft verrathen, diese Freundlichkeit gegen Fremde würde uns darüber aufgeklärt haben. Da er uns so unverdrossen gefolgt war, nah- men wir ihn unter uns auf, bereueten es aber später häufig genug, da er durchaus kein Jagdhund war, und uns nur zu oft durch sein Bellen das Wild verscheuchte. Der Mangel an Raum in den Booten zwang ihn , am nächsten Morgen die Reise wieder zu Fass längs dem Ufer mit fortzusetzen.

Während unserer heutigen Fahrt passirten wir die Mündungen des Camu und Awarrimani ; der erstere hat seine Quellen am Abhang des Ilamikrpang . Jenseits II Tlieil. 4

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REISEN IN

der Vereinigung des Awarrimani erreichten wir die ersten Stromschnellen des Takutu , die aber so unbedeutend waren, dass wir sie ohne Aufenthalt überfahren konnten. Einige Milcs weiter aufwärts mündet sich auf demselben Ufer wie der Atoarrimani der kleine Fluss Maripa-ouie , der seine Quelle ebenfalls an dem westlichen Ausläufer des CV?««£tt-Gebirges hat. Je mehr wir uns nun dem Canuku- Gebirge näherten , um so häufigere Krümmungen machte auch der Takutu , um so schwieriger wurde unsere Fahrt. Oie mächtige Erhebung des Cumucumu , der Cerro d' Eldorado oder Cerro Ucucuamo des Tagebuches Santos’, der Acacumno Caulun’s, scheidet die Wasser des Rupununi von denen des Takutu. Der erstere hat den Gebirgszug durchbrochen , der Takutu aber wendet sich , nachdem er den Mahu aufgenommen, in einer scharfen Biegung von seinem südöstlichen, dann aber westlichen Lauf nach S.W. gegen den Rio Rranco , obschon er von der Vereini- gung mit dem Mahu an eigentlich nicht mehr seinen Namen verdient, da der erstere jedenfalls in Folge seines fortgesetzten , südwestlichen Laufes , als der Hauptfluss zu betrachten ist, wie dies auch schon, nach Alexander von Humboldt, Nicolas IIoktsmann, der erste europäische Reisende, der diese Gegenden be- suchte, gethan hat.

Die westliche Kette des CWmA’M-Gebirges endet sich in dem 2000 Fuss hohen Curalawuiburi ; die südlichen Ausläufer sind weniger eine zusammenhängende Kelle, als vielmehr durch Savannen von einander getrennte und vereinzelte Berge.

Je mehr wir uns dem Curatawuiburi näherten , um so niedriger wurde auch der Wasserstand des Flusses, um so mehr häuften sich unsere Mühen, da wir des Tages unsere Boote oft mehrmals ausladen mussten, um sie über die Sandbänke zu ziehen , wobei sich unser unverdrossener vierfüssiger Begleiter immer auf kurze Zeit unter den lebhaftesten Freudebezeichnungen wieder mit uns verei- nigte. Bei einer solchen Stelle voll Mühe und Schweiss wurde meine Aufmerk- samkeit durch ein auffallendes heiseres Geschrei und Gekrächze rege gemacht, das mir aus dem bewaldeten Ufersaum entgegen schallte. Als ich mich vorsichtig der Stelle näherte, sah ich eine ungeheure Heerde grosser Vögel vor mir; es waren Sehopfhühner (Opislhocomus cristutus Hl.), Stinkbirds der Colonisten. Obschon die deutsche Benennung der langen Kopffedern wegen bezeichnend genug ist, so hebt der Name der Colonisten doch mit noch mehr Recht eine der vorherrschendsten Ei- genschaften dieser Vögel hervor, denn ohne sie zu sehen, wird man doch bereits aus ziemlicher Entfernung, wenn auch nicht auf die angenehmste Art, von ihrer Nähe unterrichtet. Der Geruch ist so unangenehm, dass selbst die Indianer, ungeachtet seines Muskelreichlhums , den Vogel um keinen Preis essen würden. Die Ilccrde zählte gewiss Hunderte, die sich theils sonnten, theils in dem Gebüsch lierum- jaglen , theils von dem Erdboden aufflogen; es schien die Paarungszeit zu sein.

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Ein Schuss aus meiner Flinte unter die fröhliche Gesellschaft tödlcte mehre zu- gleich. Hat der \ ogel seinen Kopf emporgerichtet, so hat er ein ganz stolzes Aus- sehen. Bei den altern Vögeln waren die langen Schwanzfedern an den Spitzen, wie auch das Gewebe derselben abgerieben , ein Beweis, dass sie häufig auf dem Erdboden herumlaufen, um dort ihre Nahrung zu suchen, wobei die langen Schwanzfedern den Boden berühren. Der Geruch hat viel Aehulichkeit mit frischem Pferdedünger, und ist zugleich so intensiv, dass ihn selbst der Balg noch jahrelang beibehält. Ausser an dieser Stelle , habe ich den Vogel nie wieder gefunden.

Die sich immermehr vermehrenden Sandbänke wurden theils von Flusssand, theils von Geröll eines grob oder feinkörnigen Quarzes und ausgezeichnet schönen Chalcedoumandeln von weisser oder gelber Farbe gebildet. Gleich häufig fanden sich auch grosse Stücke des sogenannten Fortifikationsagats , so wie eine Menge verwitterter Melaphyr darunter, aus welchem Gestein die Chalcedonmandelu her- stammten. So interessant uns aber auch diese geologischen Bestand tlieile an und für sich waren , um so unangenehmer und lästiger wurden uns die Folgen ihres Daseins, die gegen 2 Uhr Nachmittag eine Hitze von 126 130° Fahrenheit fast zum Unerträglichen steigerte. Endlich mussten Avir die Corials ganz verlassen, und unsern Weg unter grosser Beschwerde, die Fahrzeuge hinter uns herzie- hend, auf den sich fortwährend 100 120 Fuss breiten, an dem einen oder andernUfer gleich Dünenhügeln hinziehenden Sandbänken fortsetzen, auf einem Boden, der sich gegen 3 Uhr bis auf 110° Fahrenheit erhitzt hatte, und durch seine glänzende und flimmernde Weisse die Augen blendete und entzündete. Und doch war dies noch nicht die grösste Pein im Vergleich mit den Legionen von Sandlliegen , gegen deren fürchterliche Angriffe auf Gesicht und Hände wir uns auf keine Weise schützen konnten, da wir fast ununterbrochen bei dem Hiniiber- schaffcn der Corials über die Sandbänke mit thätig sein mussten. Die Wirkungen des Sonnenbrandes blieben nicht lange aus, denn heute noch bekam jeder von uns Europäern ein Aussehen, als ob Fiisse , Hände und Gesicht in spanische Fliegen- pflaster gehüllt gewesen wären ; das Gesicht hatte selbst der grosse Strohhut nicht vor den Hitzblasen schützen können. Auch mein Bruder, dessen Haut doch schon seit langen Jahren an diese Temperatur gewöhnt war, blieb nicht verschont. Der Schmerz, welchen diese Hitzblasen verursachen, übersteigt den jeder andern Brand- wunde um das Doppelte. Am meisten waren Ohren, Nase und Hals geplagt, und ich glaube, dass sich diese Tlieile auf der Ta/cutu- Reise 6 8 mal gehäutet haben. Mussten wir beim Ziehen der Corials im Wasser waten, und kamen etwa Stellen, wo dieses sich flacher als gewöhnlich zeigte, so dass die Beine, an denen wir die Beinkleider heraufgezogen, t heil weise unbedeckt blieben, so waren diese Stellen

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KEISEN IN

im Nu ebenfalls mit Blasen bedeckt; nur die Indianer litten nichts und lächelten über unsere Klagen ! Ungeachtet dieses , man möchte sagen, glühenden Bodens, fristeten doch einige Psidiumsträucher , so wie mehre Mimosen, Dcsmanthus , kraularligc Boraginecn und Convolvulaceen ihr kümmerliches Dasein in dem- selben. —

Noch nie hatten wir dem eintretenden Abendwind so aus innerrn Herzens- wunsch cnlgegengeseufzt, als es während dieser qualvollen Tage geschah , indem er nicht nur unsern brennenden Gesichtern Kühlung zufächelte, sondern auch die Legionen von Sandfliegen hinwegführte , deren Stiche um so schmerzhafter wurden, als >vir uns die wunden Gesichter, den wunden Hals nicht kratzen durften.

Obschon mit den Sandbänken auch eine Menge von Mijcicrien , Ciconien, Ardea, Ibis, Tantalus , Anas , selbst die schöne Orinoco- Gans ( Anser jubatus Spix.) erschienen waren , verging uns bei den Schmerzen , die wir auszuslehen halten , doch alle Jagdlust. Dass eine grosse Zahl der Wasservögel gegen die Mitte der Trockenzeit nach andern , wasserreicheren Gegenden ziehen muss , be- wiesen mir diese, wenn auch immer noch zahlreichen, doch im Verhältnis zu jenen , die ich am See Amucu gefunden , geringen Heerden , unter denen sogar eine ganze Zahl von den mir schon dort bekannt gewordenen Species fehlte. Ob- schon sich der Nimmersatt nicht nur während der Regenzeit, sondern auch nach dem Ende derselben noch eine längere Zeit in unzählbaren Schaaren an den Sümpfen der Savanne aufhält, so ist sein Nest doch vollkommen unbekannt. Auf meine Fragen darnach erwiederten mir die Indianer jedesmal : «der Vogel zieht weit, weit fort, » wobei sie gegen Süden zeigten, «dort brütet er, und kehrt dann nach langer Zeit mit seinen Jungen nach der Savanne zurück. « Darf man den Angaben der Indianer auch nicht immer unbedingten Glauben schenken, da sie vermöge ihrer natürlichen Schlauheit es dem Reisenden nur zu schnell abge- lauschl, was er gern hört, und ihm daher auch das überreich auftischen, was sei- ner Neugier zusagt, oder wenigstens in einem Gewände mittheilen , dessen dünner und trügerischer Faden aus falschen und grundlosen Naturerscheinungen und einem ganzen Gewebe von Aberglauben zusammengedreht sind , so fand diese Angabe doch in unserer eigenen Erfahrung einen hinreichenden Unterslülzungsgrund für ihre Wahrheit; so vielfach und so lange Zeit wir uns auch in den Savannen des Rio Branco , Takutu , Rupununi , so wie in den östlich und nördlich von diesen Flüssen gelegenen Strichen aufgehalten und den Vogel in der nassen Jahreszeit überall und häufig antrafen, so haben wir doch niemals sein Nest gefun- den, das nach der Grösse des Vogels ziemlich ansehnlich und in die Augen fallend sein muss. Dieselbe Beobachtung haben wir auch noch an der Ciconia Maguari

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gemacht, während wir die Nester der Alyctciia häufig auf den grossen Bäumen der Uferumsäumung und der waldigen Oasen am Mahn, Takutu und Cotinga fanden.

Die hässliche J/fl/ff/«ffta-Sehildkröte, die wir seit dem Essequibo nicht wieder gesehen , war hier ziemlich häufig. Gewöhnlich hatte sie sich am Rande des W assers in den Sand eingewühlt, so dass das Wasser etwa 2 Finger hoch über sie wegging, und schien dort bewegungslos auf Rauh zu lauern; ebenso bewegungs- los liess sie sich ergreifen, was wir freilich nur selten thaten, da sie ausser mit einer hässlichen Gestalt , auch mit einem ekelhaften Geruch begabt ist. Sahen wir unter den Vierfüsslern auch dann und wann Tapire , so waren diese doch fortwährend so auf ihrer Hut, dass sie sich schon in weiter Entfernung aus dem Staube machten. Weniger scheu zeigte sich das Wasserschwein. Ich fand oft 6 8 Stück beisammen, die immer eine Reihe bildeten, in deren Mitte sich die Jungen befanden. Trafen wir aber unser Ziel nicht unmittelbar tödtlich , so ent- ging uns jedesmal die Beute, indem sich dass verwundete Thier augenblicklich in das Wasser stürzte , dessen Nähe sie selten verlassen , und vergebens auf seine Rückkehr warten liess; nur wenn die Indianer eins derselben mit dem Giftpfeil angeschossen , wurde unser Warten dann und wann belohnt.

Am 13. April erreichten wir die ersten bedeutenden Stromschnellen, die durch eine Bank metamorphischen Grauwackenschiefers gebildet wurden , welche den Fluss in 56%° W. durchkreuzte ; an einzelnen Stellen zeigte der Grauwacken- schiefer grosse Mengen Granit, während dieser an andern gänzlich fehlte. Bald folgte Stromschnelle auf Stromschnelle , die jedoch nicht mehr von jenem Grau- wackenschiefer, sondern jetzt von unzähligen Granit- und Gneisblöcken gebildet wurden , welche theils als einzelne Massen , theils als anstehendes Gestein den Fluss durchsetzten. Unsere Qualen und Mühen sollten jetzt erst ihren Gipfel- punkt erreichen , denn zu all den bisherigen Anstrengungen gesellte sich nun noch das täglich sich oft mehr als einmal wiederholende Ausladen und beschwer- liche Hinüberziehen der Corials , welches uns , ungeachtet der unansehnlichen Fahrzeuge, besonders dadurch doppelt erschwert wurde , dass die Spalten , durch welche sich das wenige Wasser drängte, meist nur 2 4 Fuss breit waren. Hatten wir eine solche Felsenbarriere überschritten , dann hot uns das dahinter aufgestaule Wasser wohl einen Ruhepunkt, doch wie lange Währte dieser? Nach drei bis vierhundert Ruderschlägen baute sich schon wieder eine neue Barriere auf!

Ein Glück war es, dass bei unsern äusserlichen Leiden und Mühen, nicht auch noch unser Magen zu darben brauchte , da wir nicht allein mit Brod noch reich versehen waren , sondern auch der Fluss unsern Jägern und Fischern die reichste Ausheute darbot. Besonders reich waren die Felsenbarriercn an der

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schönen und schmackhaften Bisamente ( Auas moschata). Sie ist unstreitig die wilde Stannnrace der sich häufig auf unsern grösseren Hühnerhöfen findenden Muscovu- Ente. Letztem Namen scheint sie von der falschen Annahme erhalten zu haben, dass sie aus Russland eingeführt sei. Da sie Azara selbst in Paraguay fand , so scheint sic über ganz Südamerika verbreitet zu sein. Was ihr den Spe- ciesnamen moschata erworben , kann ich nicht recht begreifen , da sie auch keine Spur von Moschusgeruch an sich hat. Während der drückenden Hitze am Mittag und Nachmittag suchen sie meistens ein schattiges Plätzchen am Ufer oder auf den Sandbänken auf ; am Morgen und Abend aber gehen sie ihrer Nahrung nach , die in Fischen, Schnecken, Algen und andern Wasserpflanzen besteht. Das Männchen ist bedeutend grösser als das Weibchen; ihre Nester bauen sie theils in hohle Bäume am Ufer , theils , wie man uns versicherte , besonders in Sümpfen auf die Mauritia ßexuosa , von wo die Alte die Jungen, unmittelbar nachdem sie aus dem Ei gekrochen sind, im Schnabel nach dem Wasser tragen soll. Ob das Letztere w ir klich faktisch ist, will ich dahin gestellt sein lassen ; gesehen habe ich es nie. Dass die Ente des Nachts nur auf hohen Bäumen schläft, und auch immer nur nach solchen fliegt, wenn sie am Tage aufgescheucht w ird, hatte ich jeden Tag Gelegen- heit aus eigener Anschauung kennen zu lernen. Selbst die, die sich am Tage in den Sümpfen der Savanne aufhalten, fliegen beim Untergang der Sonne den waldi- gen Oasen oder Ufersäumen zu, um dort auf den hohen Bäumen zu schlafen. Ihr Flug ist ungemein schnell und immer, besonders aber beim Auffliegen, von einem lauten und dumpfen Geräusch, ähnlich dem beim Auffliegen unserer Rebhühner, begleitet. Im Mai, wie im September fanden wir Junge, die von der Mutier sorg- fältig bewacht wurden. Bei der geringsten Gefahr eilt diese augenblicklich mit den Kindern in das dichteste Gesträuch, aus dem sie dieselben, sobald die Gefahr vor- über ist, wieder durch einen besondern Ton hcrvorlockt. Die Paarzeit scheint die blutigsten Kämpfe unter den Männchen hervorzurufen; wenigstens fanden wir dann ganze Strecken mit den Federn derselben bedeckt. Ist die Ente nicht tödllich ver- w undet, und irgend ein Dickicht in der Nähe, so entgeht dem Jäger grösstentheils die Beute, da sie sich dann augenblicklich so verkriecht, dass es meistenlheils selbst den Indianern nicht gelingt, sie aufzufinden. Noch häufiger aber als die Muscovy- Enle waren die blauen Araras. Näherten wir uns den Bäumen, auf welchen sie sassen, so erhoben sie sich paarw eise unter betäubendem Gekreisch und umkreisten uns mit wildem Gelärm. Die Pärchen sassen meist in kosender Eintracht, und unter unun- terbrochenem Ausstossen eines eigentümlichen Knurrens neben einander; wurde dann eins durch das tödlliche Schroot herabgeschossen, so umflog das Gerettete den Raum und Zweig unter klagendem Geschrei, kehrte auf die Stelle zurück und sah sieh vergebens nach dem verschw undenen Genossen um. Diese zärtliche Liebe der

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Paare scheint der ganzen Gatlung eigen zu sein. Es ist eigentümlich, dass sich die Gesellschaften der beiden ^?'«ras-Arten , Macao und Araraunn , streng von einander gesondert halten; ich kann mich keines Falls entsinnen, wo ich die eine Species in der Nähe der andern gesehen hätte. Prinz von Neuwied hält diese Ab- sonderung fü eine Fabel, mein Bruder und ich müssen sie als einen vieljährigen Erfahrungssatz aufstellen. Ausser dem Savanne-lIocko-IIuhn (Crax tomentosa), wurde auch häufig der Crax alector in dem Ufersaume geschossen. Bemerkens- wert war es , dass beide Species in diesem Monate einen starken , zwiebelartigen Geruch verbreiteten, den auch das Fleisch angenommen, was diesem einen höchst pikanten Geschmack verlieh. Höchst wahrscheinlich sind gewisse Saamenarten oder Früchte, die in diesem Monate ihre Reife erhalten, die Ursache, obschon uns der in dem Magen der Geschossenen Vorgefundene Inhalt keinen Aufschluss darüber gab. Da wir hier eine so reiche Fülle von schmackhaftem Vogelwild fanden, so wurde natürlich der gleichfalls grossen Menge der zähen Penelope Paraca nicht geachtet, die jedes Bambusgebüsch des Ufers mit ihrem durchdringenden, fasanen- ähnlichen Geschrei belebte.

Schon seil einigen Tagen war ich von einzelnen Fieberschauern heimgesucht worden, die ich leider nicht im Keime ersticken konnte, da Herr Fryer dem Me- dizinkasten , den er uns bei seiner Abreise nach Pirara zurückgelassen , Chinin beizufügen vergessen hatte. Heute verkündete dieser unwillkommene Gast seine wirkliche Besitzergreifung in einem ziemlich raisonablen Grade, und ich hatte es unserer Vergesslichkeit zu danken, dass ich das Fieber auf der ganzen Takulu- Reise mit mir herumtragen musste, und mich auch erst nach unserer Rückkehr nach Pirara davon frei machen konnte. Nach einer astronomischen Beobachtung befand sich unser Lager vom 12. April unter 12' 51" Norderhreite und 20,6 Miles westlich von Pirara.

Der Fluss behielt seinen felsigen Charakter auch am folgenden Tag bei, ja steigerte ihn sogar um vieles, da die einzelnen Blöcke jetzt eine Höhe von 20 30 Fuss annahmen und wild zerstreut im Fluss neben und aufeinander geschichtet herumlagen. Der Curatawuihari lag N . 73° 0. von uns, was auch die Ilauptrich- tung dieser Granitlager zu sein schien. Wurden unsere Mühen schon dadurch im Vergleich gegen gestern vielfach gesteigert, so hielten die vermehrten Qualen der Sandfliege gleichen Schritt mit ihnen. Ebenso unerwartet wie im Herbst biswei- len kalte Luft in eine mit Feuchtigkeit geschwängerte Atmosphäre eindringt und einen plötzlichen Nebel hervorruft, fanden wir uns oft in eine solche Fliegen- wolke gehüllt. Die Blutgierigen lielen dann in Unzahl über uns her, und senkten unter peinigendem Schmerz, der sich mit jedem Augenblick steigerte, ihren starken, kurzen Säugrüssel in die Haut, bis sich das Thier endlich vollgesogen

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hat. Während sic saugen, erhebt sich die Haut halbkugelförmig , unterläuft mit einer Feuchtigkeit, die sich, nachdem das Thier wieder fortgeflogen, mit Blut vermischt, das nach einiger Zeit eintrocknet, und jenen rothen Punkt er- zeugt, der, wie ich schon früher bemerkte, mehre Tage sichtbar bleibt, bis er herausfallt. So lange die Stiche einzeln bleiben, ist die Qual immer noch zu ertragen, kommen diese Harpyen aber in solchen Massen, wie es hier der Fall war, so rufen sie nicht allein Entzündung, sondern oft auch förmliche Geschwüre hervor. Zahlreicher aber wie hier konnten sie nicht werden , was Wunder, dass daher unsere bereits durch den Sonnenbrand wunden und blasigten Gesichter heute ein noch schrecklicheres Aussehen annahmen ! Den Vormittag erbarmte sich unserer dann und wann ein kühler Luftzug und verscheuchte die hungrige, erbar- mungslose Schaar wenigstens auf Minuten ; doch am Nachmittag verschwand auch dieser und die drückende Hitze steigerte sich so, dass das von der Sonne abge- wandte Thermometer 108° Fahrenheit zeigte. Schlagen, Verscheuchen, kurz alle angewandten Rettungsversuche blieben fruchtlos , und mit einer wahrhaft ver- zweifelten Resignation ergaben wir uns endlich in das unvermeidliche Schicksal.

Am Nachmittag fuhren wir auf dem rechten Ufer an der Mündung des kleinen Flusses Saivara-auuru vorüber. Sawara ist, wie ich schon bemerkte , der india- nische Name das für Aslrocaryum Jauari und auuru heisst in der Sprache der IVapisianas «Fluss«. Vermittelst dieses Flusses und einer unbedeutenden Portage kann man den Rupununi in drei Tagen erreichen. Dieser Weg hat dadurch eine geschichtliche Bedeutung, dass ihn, nach Alexander von Humboldt , der Chirurg IIoiitsmann im Jahre 1739 einschlug, als er Demcrarn verliess , um im Innern die Gold- und Diamantengruben aufzusuchen, wie ihn, nach derselben Autorität, auch Francisco Jose Rodriguez Barala verfolgte , als dieser 1793 zweimal von Para aus Depeschen nach Surinam zu bringen halte. Die Indianer und Brasilianer be- nutzten ihn auch jetzt noch ; namentlich in der nassen Jahreszeit. Das Streichen der Granit- und Gneislager verlief fortwährend von S. 10° 0. nach S. 10° W. Der Gneis zeigte sich fast durchgehends von schwarzer Farbe, nur dann und wann trat er mehr gelblich gefärbt auf. Hier und da entdeckten wir auch jene metamor- phischen Schiefer mit Quarzgängen wieder, während andere Bänke aus einem verwitterten Glimmerschiefer, gelben Jaspis und grob- und feinkörnigen Quarz- geröll bestanden.

Gleich wie die Sandfliegen hatten sich mit dem Erscheinen dieser Eelsenbar- rieren auch die Fische vermehrt, unter denen uns namentlich der schon erwähnte schöne Ammann (Ostcoglossum bicirrhosum) höchst willkommen war. Ihr Fang machte uns in diesen Felsenlabyrinthen wenig Schwierigkeiten, da wir nur die Zwischenräume zwischen mehren der Felsen abzuschliessen brauchten, worauf

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die Indianer mit ihrem Waldmesser zwischen die abgeschlossenen einhieben, oder sie auch mit den Pfeilen schossen, wenn die Lokalitäten jene Metzeleien nicht er- laubten. Zu ihnen hatten sich eine Menge Pirapoco oder Morouoai ( Xiphostoma Cuvieri) gesellt , die wie jene immer an der Oberfläche schwimmen. Ihr schönes, buntes Schuppenkleid nimmt, sobald sie einige Zeit aus dem Wasser sind , eine gleichmässige , braune Färbung an. Den mit den zwei, drei bis vier Zoll lan- gen Zähnen bewaffneten Hydrolycus scomberoides (Müll. Trosch.), Palha der Macusis , der besonders die felsigen Stellen der Savannenflüsse zu lieben scheint, fand ich hier zum erstenmal. Ebenso auffallend , wie ihre Zähne, war mir ihre Muskelkraft, die sich besonders dadurch deutlich herausstellte, dass sie meist eine ganze Zeit mit dem sechs Fuss langen Pfeile, der sie durchbohrt hatte, hin und herschwammen. Die beiden gewaltigen , etwas nach Innen gebogenen Zähne , befinden sich in der untern Kinnlade und schieben sich , wenn der Fisch die Schnauze schliesst, jeder durch ein rundes Loch in dem Oberkiefer. Das Fleisch ist zwar nicht unschmackhaft, aber so grätenreich, dass ein hun- griger Magen gern nach etwas anderem greifen lässt. Die Nahrung des Fisches be- steht in kleinen Fischen, die er ganz verschlingt. Wie der Pirai biss er in seiner Gier oft die Angelschnur mit seinem scharfen Gebiss .durch. Die erwähnten Zähne geben dem Fische ein merkwürdiges Aussehen , worin er nach meiner Erfahrung nur von dem mit Schienen bedeckten Hypostoma übertroffen wird , das hier eben- falls durch mehre Species repräsentirt war. Da sie sich meistentheils in einer ge- wissen Tiefe in den Spalten zwischen den Felsenblöcken aufhielten, so tauchten die Indianer darnach unter, um sie aus ihrem Schlupfwinkel hervorzuholen, wobei sie, wie letztere behaupteten, einen eigentümlichen Ton hören lassen sollen. Auch der Sudis gigas zeigte sich an den tiefem Stellen wieder.

Wo die Savanne unmittelbar bis an das Ufer herantrat, fiel dieses auch durchgängig in 15 20 Fuss hohen, steilen Wänden ab. Unter der Curntella bemerkte ich auch hier und da die mit blauen Blüthen übersäete, wenn auch nie- drige Bowdichia major (Mart.), mehre Malpighien , krautartige Leguminosen , besonders Clitoria Lin. ( Vexillaria , Hoffmsg.) , die diesen sterilen Flächen wenigstens ein etwas belebteres Kleid verliehen, als das, welches die Savannen des Mahu und Pirara trugen; und da das Gras abgebrannt gewesen, aber bereits wieder durch jungen Trieb ersetzt war, so trug dieser grüne Teppich allerdings viel dazu bei, mich wieder einmal mit den einförmigen Flächen auszusöhnen.

Dass der Takulu ausser dem gewöhnlichen Kaiman auch noch eine kleinere Species beherberge, welche die Indianer Kaikutschi (Champsa vallifrons Natt.) nennen, und deren Fleisch sie, nächst dem der Iguana, für die grösste Delikatesse halten , hatten wir ebenfalls wahrgenommen. Am späten Nachmittag sollten wir 11 Thcil. 5

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auch noch Zeugen eines höchst interessanten Kampfes werden. Jenseits der oben erwähnten ersten Geröllbänke lag der Fluss in tiefer und ebener Fläche vor uns, so dass die Corials nach langer Zeit wieder einmal die Wellen ungehindert durchschneiden konnten. Plötzlich sahen wir in geringer Entfernung vor uns eine ungewöhnliche Bewegung im Wasser. Wir trieben daher die Indianer zum schnellem Kudern an, um sobald als möglich in die Nähe jener Stelle zu kommen. Ein ungeheurer Kaiman hatte eben einen Kaikutschi in der Mitte des Leibes ge- packt, so dass Kopf und Schwanz an beiden Seiten seines fürchterlichen Rachens hervorragten. Der Kampf war hart, war höchst interessant, aber alle Anstren- gungen des Schwächern blieben gegen die Wuth und Gier des Mächtigem frucht- los. Jetzt verschwanden beide unter der Oberfläche , und nur die aufgeregten Wellen des sonst glatten und ruhigen Flusspiegels verkündeten, dass in der Tiefe ein Kampf auf Leben und Tod gekämpft wurde; nach einige Minuten tauchten sie wieder auf, und peitschten mit den Schwänzen die Wasserfläche, die sich in Wellen nach allen Seilen hin zertheilte ; bald aber war der Erfolg nicht mehr zweifelhaft, die Kräfte und Anstrengungen des Kaikutschi liessen nach; wir ruderten näher; so wie uns der Kaiman bemerkte , tauchte er unter, kehrte aber, da er seine Beule im Wasser nicht verschlingen konnte, in einiger Ent- fernung wieder zurück , und schwamm nach einer kleinen Sandbank, wo er sein Mahl augenblicklich begann.

Wie uns heute die weniger durchbrochene Wasserstrasse namhafte Erleichte- rung gebracht, so fanden wir am 14. in dem bewölkten Himmel und einem kühlen- den Windaus 0. bei S. den willkommensten Begleiter bei der Fortsetzung unserer Reise; um 11 Uhr zeigte das Thermometer 90° Fahrenheit. Im Laufe des Tages passirten wir wieder eine mächtige, 50 60 Fuss hohe Bank aus Quarzgeröll, das durch einen eisenhaltigen Thon zu gewaltigen Conglomeratblöcken verkittet war; inderseiben Richtung, in welcher diese Conglomeratbank den Fluss durch- setzte, konnte man das unverkittele Quarzgeröll auch als breiten Streifen auf der Savanne verfolgen. Da jenseits dieser mächtigen Felsenrippe die Sandbänke wieder häufiger wurden und damit der Fluss auch seinen alten Charakter wieder annahm, so eilte ich während des HinüberschafFens der Corials den übrigen mit einer Flinte voraus , um an den schattigen Stellen des Ufers Enten aufzusuchen, und uns für den Abend ein schmackhaftes Mahl zu verschaffen. Das klare Wasser erlaubte mir, die belustigenden Manoeuvres zweier Stachelrochen, die sich eben in dem sandigen Boden in der Nähe des Ufers einwühlen wollten, zu beobachten und sie hatten meine Aufmerksamkeit so in Anspruch genommen, dass ich alles um und neben mir vergass , bis ich plötzlich durch ein dumpfes Murren und Knurren aus meinen Träumereien aufgeschreckt wurde. Es konnte, nach der gemachten Er-

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fahrung vom Canuku - Gebirge her, nur von einem Jaguar Herkommen , und als ich bestürzt und blass aufblickte, traf mein Auge wirklich etwa 10 12 Schritt vor mir auf einen solchen von ungeheurer Grösse , der mit sprühenden und rollenden Augensternen und mit auf den Hoden niederhängendem Schwänze am Wasser- saume stand, und wahrscheinlich so eben aus dem dichten Gebüsch der Uferum- säumung zur Tränke getreten sein musste. Offenbar war er über meine Gegen- wart gleich ungehalten , wie ich über seine Nähe erschrocken ; denn ich muss gestehen, dieses unangenehme Zusammentreffen machte mich im ersten Augen- blick so bestürzt, dass ich seinen starren und feurigen Blicken, wahrscheinlich eben so starre, wenn auch weniger feurige entgegengesetzt haben mag. Sollst du schiessen? war der erste Gedanke nein denn nur der eine Lauf des Doppelgewehrs war geladen, und auch dieser nur mit Entenshcrot; was aber thun? dich rückwärts, den Feind immer scharf im Auge behaltend, zurückzie- hen. Gedacht, gethan, und ohne die Augen von dem die grossen Zähne fletschenden Unthier zu wenden , ohne daran zu denken , wohin mich mein Krebsgang führen möchte , trat ich den Rückweg an. Ruhig blieb der Jaguar stehen, sah mich fort- während starr an , zischte und knurrte ununterbrochen fort, bis er mir plötzlich durch eine Biegung des Flusses aus dem Auge verschwand , und ich nun «Kehrt um» machte, um in mächtigen Sätzen zu den Corials zurück zu eilen. Als wir mit Büchse und Kugeln zurückkehrten , hatte er sich in das Gebüsch zurückgezogen, ohne dass es uns gelungen wäre, ihn wieder aufzufinden. Der Schreck war nicht klein; denn das Bewusstsein, gar keine entsprechende Waffe gegen einen solchen Feind zu besitzen, ist lähmender, als die grösste Gefahr, der man gerüstet ent- gegen treten kann.

Etwas oberhalb der ominösen Sandbank fanden wir wieder tieferes Wasser. Sechs Ottern schienen uus dasselbe streitig machen zu wollen , da sie uns ununter- brochen mit dem ihnen eigenthümlichen Schnarchen und Bellen umschwammen, in die- sem Augenblick sich bis zur Hälfte ihres Körpers aus dem Wasser erhebend und uns ihr fürchterliches Gebiss zeigend, wobei sie sich den Corials so weit näherten, dass die Indianer mit den Rudern nach ihnen schlagen konnten , im nächsten Moment aber wieder untertauchend, um sogleich mit erneuerter Wuth abermals über dem Wasser zu erscheinen. DieseEnergie Hess mich vermuthen, dass sie ihre Jungen in der Nähe hatten ; denn sowohl früher als später, näherten sie sich wohl immer bis auf eine gewisse Entfernung unsern Corials unter jenem zornigen Schnarchen, nie aber machten sie eine förmliche Attake auf uns, wie es hier der Fall war. Auch hier wurde eine derselben verwundet, augenblicklich aber tauchte sie unter; das Wasser färbte sich roth vom Blut, das Thier kam aber nicht wieder zum Vorschein. Ueber- raschlen wir sie bei demFrasse ihrer Beule am Ufer oder auf einem der Felsblöcke,

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dann eilten sie mit Gedankenschnelle, jedoch jederzeit eine hinter der andern zum Wasser hinab, oder sprangen eine nach der andern vom Block hinunter. Meist haben sie ihre bestimmten Plätze, wo sie ihre Beute verzehren, deren Umgebungen durch die Ueberbleibsel, wozu der Kopf, der Schwanz und die Gräten gehören, vollkommen verpestet werden. Die kleinere Species geht gewöhnlich in Gesellschaften von 8 10 Stück auf Raub aus, wobei sie in eiper Reihe den Strom entgegen schwimmen, plötz- lich untertauchen, 8 10 Minuten unter dem Wasser fortschwimmen, und jegli- chen Fisch , der über sie hineilt , beim Bauche ergreifen und nach dem Fressplatz schleppen, die Beute dort niederlegen und augenblicklich nach dem Wasser zurück- eilen, um den Raubzug von neuem zu beginnen. Erst wenn sie eine Quantität auf- gehäuft , beginnt das gemeinsame Mahl der Theilnehmer. Die Indianer benutzen diese Eigenthümlichkeit zu ihrem Vortheil: sie schleichen sich behutsam in die Nähe solcher Plätze, warten ruhig ab, bis die Ottern die Beute dort niedergelegt haben, und nehmen diese weg, sobald jene nach dem Wasser zurückgekehrt sind. Die Ottern greifen die grössten Fische, selbst den Sudis gigas an, und schleppen oft 12 15 Pfd. schwere an das Ufer. Mein Bruder war auf dem Corentyn Zeuge, wie eine Otter dieser kleinen Species einen 12 Pfund schweren Haimura (Macrodon trahira Müll., Erythrinus macrodon Agas.) an einem Felsblock emporzog, sich dort auf keine Weise durch das Geschrei der Indianer, welche meinen Bruder be- gleiteten, stören liess, sondern so lange fortfrass, bis einige derselben in das Boot sprangen und auf sie zu ruderten, wonach sie erst in das Wasser sprang und den Indianern die Beute üherliess. Die eben erwähnten Fressplätze sind ausser dem pestilcnzialischen Geruch ihrer Umgebung noch dadurch kenntlich, dass eine tief ausgehöhlte Strasse dahin führt. Ihre Wohnungen haben die Ottern in Löchern am Ufer. Die Jungen scheinen ziemlich lange unter dem Schutze derEltern zu stehen. In der Gefahr ergreift die Mutter die Jungen mit der Schnautze und springt in das W asser; sind sie in Sicherheit, so erscheint sie unter dem erwähnten, zornigen Schnarchen wieder an der Oberfläche. Dennoch wissen die Indianer die Alten zu überlisten, ihnen ihre Jungen zu rauhen und diese so zu zähmen, dass sie ihnen wie die Hunde nachlaufen. Sie füttern sie mit Fisch, Fleisch und Früchten. Das Fell der grossem Species war am Bauch dunkel mäusefahl, auf dem Rücken beinah schwarz, der Kopf ebenfalls mäusefahl, die Brust zeigt einen milchweissen Fleck. Ihre Schnauze ist kurz, mit einem starken Bart besetzt 5 eben so sind die Fü'sse ungemein kurz. Das eigentliche Borstenhaar ist grob, das Wollhaar dagegen un- gemein fein und von hellerer Farbe. Die Länge der kleinern Species beträgt etwa 4 Fuss, wovon der Schwanz 13 14 Zoll wegnimmt. Ihre Färbung geht aus dem hell Mäusefahlen mehr in das Rölhliche über. Der Bauch ist weiss, wie sich auch der wcissc Bruslflcck bei ihnen findet. In ihren Gewohnheiten stimmt

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sie ganz mit jener überein, nur dass sie nicht, wie jene paarweise , sondern in Gesellschaften zusammenlebt ; auch schien mir ihr Kopf verhältnissmässig breiter als bei jener zu sein. Die Arawaaks nennen sie Assiero , die Caraiben Avari- puya , die Tarumas Carangneh , die Warraus die kleinere Species Elopu , die grössere Itscha-keya, die Macusis die erstere Dura, die letztere Maparua. An den Küstenflüssen, besonders in D einer ar a , kommt noch die Saumotter ( Pterura Sambachn) vor.

Unser heutiges Bivouak lag unter 1' Norderbreite , am linken Ufer des Takutu , und wurde von unzähligen Sträuchern jener Eugenia eingeschlossen, die wir schon am Pirara fanden ; auch hier beugten sich die zarten Aeste unter der Last ihrer Früchte. Desgleichen kam die Outea acaciaefolia (Benth.) mit ihren schönen gefiederten Blättern häufig vor.

Dass der Zustand unserer an und für sich höchst gebrechlichen Fahrzeuge mit jedem Tag gebrechlicher wurde, zeigte sich immer deutlicher, und war bei dem fort- währenden Ziehen über die Sandbänke oder dem Hinüberschaffen über die Granit- rippen und Gerölldämme gar nicht zu verwundern. Schon seit zwei Tagen war in jedem der Corials , sobald wir in tiefes Wasser kamen, ein Mann fortwährend damit beschäftigt, das eindringende Wasser auszuschöpfen. Der grosse Fall Sca- bunk , der grösste, den wir bis jetzt getroffen, setzte uns am nächsten Tage be- deutende Hindernisse entgegen. Der Fall hat seinen Namen von dem kleinen Flusse Seabunk erhalten, der sich am Fusse des Cataracts von 0. her mit dem Takutu vereinigt. Catu-auuru , wie ihn die IV apisianas nennen, bedeutet so gut wie Seabunk oute: « sandiger Fluss » , nach den mächtigen Sandbänken seiner Ufer. Schon hatten wir zwei unserer Corials glücklich über die Felsenbarrieren hinweg- geschafft, als ein Unglücksfall für heute unserer Reise ein Ziel setzte.

Unter den zahlreichen Fischen, die dem Takutu eigen sind, nimmt der Stachelrochen ( Sting-ray der Colonisten) durch seine Menge, eine der ersten Stellen ein. Wie ich schon früher angab, wühlen sie ihren platten Körper so in den Sand oder Schlamm ein, dass nur die Augen frei bleiben, wodurch sie sich selbst im klarsten Wasser den Blicken der im Wasser Herumwatenden entziehen. Hat nun Jemand das Unglück, auf einen dieser Hinterlistigen zu treten, so schnellt der beunruhigte Fisch seinen Schwanz , der mit einer auf beiden Seiten sägeartig ausgezackten Knochenstachel versehen ist, mit einer solchen Kraft gegen den Stö- renfried , dass der Stachel die abscheulichsten Wunden beibringt, die oft nicht allein die gefährlichsten Krämpfe, sondern selbst den Tod in ihrem Gefolge haben. Da unsere Indianer diesen gefährlichen Feind kannten, so sondirten sie immer, sobald die Corials über die Bänke geschoben oder gezogen wurden, den Weg vor sich mit dem Ruder oder einem Stocke. Ungeachtet dieser Vorsicht

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wurde einer unserer Ruderer, der Arekuna - Indianer Awacaipu doch zweimal von einem der Fische auf der Spanne verwundet. Sowie der arme Mann die Wunden erhielt, wankte er der Sandbank zu, wro er zusammenstürzte und sich , die Lippen zusammenbeissend vor wüthendem Schmerz , im Sande herum- wälzte, obschon seinem Auge keine Thräne entrollte, und seinem Munde kein Schmerzensschrei entfloh. Noch w'aren wir damit beschäftigt, dem armen Schelm seine Schmerzen soviel als möglich zu lindern, als unsere Aufmerksamkeit durch ein lautes Aufschreien von dem Patienten abgezogen und auf den schon so hart geprüften Cumeru gerichtet wurde, der an der Mündung des Pirara so gefährlich von einem Pirai gebissen worden und dessen Wunde noch immer nicht zugeheilt war; eben hatte sich zu dieser an demselben Fusse eine zweite von einem Stachelrochen gesellt. Der Knabe besass noch nicht die Cha- rakterfestigkeit, um wie Awacaipu den Ausdruck seines Schmerzes zu unter- drücken: unter durchdringendem Schmerzensgeschrei, warf er sich auf dem Bo- den herum, und w ühlte sein Gesicht und seinen Kopf in den Sand ein, ja biss sogar in diesen hinein. Ich habe nie einen Epileptischen in solchem Grade von den Krämpfen befallen gesehen. Obschon Awacaipu auf der Spanne und Cumeru auf der Sohle des Fusscs verwundet w'orden waren, fühlten doch beide die grössten Schmerzen in den Weichen, der Gegend des Herzens und unter den Armen. Tra- ten die Krämpfe schon bei dem Arekuna ziemlich hart auf, so nahmen sie bei dem Knaben einen so bösen Charakter an, dass wir alles fürchten zu müssen glaubten. Nachdem wir die Wunden hatten aussaugen lassen, überbanden wir sie, wuschen sie dann mit Laudanum aus , und legten nun fortwährend erweichende Rreiumschläge von Cassadabrod auf. Die Symptome hatten sehr viel Aehn- liclikcit mit denen, welche den Schlangenbiss begleiten. Keinesfalls kann diese gänzliche Nervenerschüllerung von der blossen Verwundung allein herrühren, und muss höchst wahrscheinlich zugleich einer damit verbundenen Vergiftung mit zu- geschrieben werden. Ein kräftiger und rüstiger Arbeiter , der kurz vor unserer Abreise aus Demerara, auf der Plantage Zelandia von einem Stachelrochen ver- wundet worden war, starb unter den fürchterlichsten Krämpfen. Die Indianer benulzen die sägeartigen Stachel als Pfeilspitzen und als Lancetten beim Aderlässen.

Da wo das Wasser die Sandbänke etwas ausgewaschen hatte, zeigte sich an mehren Stellen ein weisser Kies. Das Streichen der compacten Felsmasse verlief S. 20°O., wobei das Gestein eine Menge Gänge einer abweichenden Formation von einer Breite von ungefähr 2Fuss zeigte, die N. G0° 0. die Slrata durchsetzten; auch Quarzadern durchsetzten in 0. 15° S. in Menge das Massengebirge. Unge- fähr 2 .Mil es vom linken oder westlichen Ufer entfernt, erhebt sich der Berg Ma- riwcllc oder Tuquiara ; seine Höhe beträgt ungefähr 2 300 Fuss.

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Hatten sich auch am folgenden Tag die Schmerzen unserer Patienten etwas gelindert, so waren sie doch noch vollkommen unfähig, ihre Füsse zu gebrauchen, weshalb wir sie in die Corials brachten. Wir setzten die Reise unter den bisheri- gen Schwierigkeiten fort, bis diese sich durch die wachsende Zahl der Strom- schnellen und Cataracten so steigerten, dass wir fast alle Hoffnung verloren, sie ferner bekämpfen zu können. Riesige Granit- und Gneisblöcke, oft von 40 50' im Durchmesser, versperrten uns das Flussbett fast Schritt für Schritt.

Nachdem wir unter den grössten Mühen den grossen Cataract Curucuku über- stiegen halten und eben schweisstriefend damit beschäftigt waren, an dem darauf fol- genden Fall Matzipao unsere Corials durch eine 3 Fuss breite Spalte, die einzige Wasserslrasse, die er zeigte, zu ziehen, hörten wir menschliche Stimmen in dem Cfergebüsch , und bald stand zu unserer ungetheilten Freude Sokoreng in Beglei- tung eines grossen, muskulösen und phantastisch gekleideten Indianers vor uns, dessen edle und kühne Züge dem stolzesten Römer Ehre gemacht haben würden. Die wundervolle Federmütze bestand aus den schneeweissen Federn des süd- amerikanischen Adlers ( Harpijia destructor Tem.), die gleich Straussfedern in schönen Bogen über ein Stirnband von grünen Papageifedern herüberhingen. Das Septum der Nase war durchbohrt, und in der Oeffnung hing ein breitgeschla- genes und blank polirtes Geldstück ; in den ebenfalls durchbohrten Ohrläppchen trug er runde, halbe Fuss lange Stäbchen von Letlcrwood ( Brosimnm Aublelii ), die an dem einen Ende mit bunten Federbüscheln geziert waren. Die schöne, kräftige Figur, der phantastische Schmuck und das wundervolle schwarze, glän- zende Haar, das lang über die Schultern herabfiel, hatte etwas so Imposantes, dass ich den Mann lange verwundert anstaunte ; es w ar ein fVapisiana.

Nach Sororeng’s Berichten hatte die Landparthie die l/^ff/«sm//ff-NiederIassung Tcnette in der Nähe des Cursato- Gebirges bereits am dritten Tage nach ihrem Auf- bruche erreicht. Beunruhigt durch unser langes Aussenbleiben, hatte sich der brave Sororeng aufgemacht, um uns aufzusuchen, was ihm auch schneller gelungen, als er erwartet, da die Niederlassung nur drei Wegstunden von hier entfernt lag, eine Kunde, die uns alle in die freudigste Aufregung versetzte, welche freilich bald etwas herabgestimml wurde, als wir hörten, dass sich in Folge eines Misswachses die Provisionsfelder in einem so erbärmlichen Zustand befänden, dass sich bereits viele Bewohner auf Reisen begeben und die Zurückgebliebenen sich grösstentheils statt des Cassadabrodes mit Palmenfrüchten begnügen müssten.

Der Plan, den Fluss in den Corials weiter zu verfolgen, war schon gestern aufgegeben worden , und die Kunde Sororeng's , dass wir bloss drei Stunden zu- rückzulegen hätten, um Tenette zu erreichen, liess uns auch nicht mehr lange mit der Ausführung unseres Entschlusses zögern. Der grosse Cataract, jetzt frei-

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lieh ohne Wasser , zeigte auf seinem Scheitel ein förmliches Plateau von Granit mit ungemein grossen und reichen eingebetteten Quarzmassen , während er eben- falls von durchsichtigen Quarzgängen, wie von paralellen Gängen jenes Gesteins durchsetzt wurde, das wir schon am Scabunk bemerkt hatten.

Eine halbe Meile oberhalb der Fälle von Dabaru erreichten wir die ersehnte Landungsstelle von Tenette, in der Nähe des grossen Cataractes Cocoya, der durch die an beiden Ufern sich erhebenden Berge, der Wawat am westlichen und der Ta tat am östlichen, gebildet wird. Der Fluss wird auch hier von einem Chaos von Granit- und Gneisfelsen verengt. Beide Berge sind von unbedeutender Höhe. Damit unsere Sachen schon am folgenden Morgen nach dem Dorfe geschafft werden konnten, trat Sokoreng den Weg dahin augenblicklich an, um nicht allein unsere Leute, sondern auch noch einige JVapisianas zum Transport zu holen; wir selbst begannen mit dem Ausladen, fanden aber leider, dass das Wasser un- geachtet des beständigen Ausschöpfens sich an einigen Stellen der defectenCorials erhalten und manche Gegenstände unbrauchbar gemacht hatte.

Schon der frühe Morgen brachte unsere Leute und einige Bewohner des Dor- fes zu uns ; das Gepäck wurde vertheill und die Reise angetreten. Ein in der Savanne, südöstlich von uns, sich isolirt erhebender, ansehnlicher Hügel zog augen- blicklich unsere Aufmerksamkeit auf sich ; es war der kleine Berg Tejiette , nach welchem die Wapisianas ihre Niederlassung, die an der südöstlichen Seite lag, be- nannt hatten. Eine bewaldete Fläche an seiner Basis, die sich bis zur Hälfte der Höhe emporzog, verlieh ihm ein ungemein freundliches Aussehen. Das Interesse, das mir bereits die abwechselnde Flora*) auf unserem Wege durch die etwas sump- fige Savanne erregt, wurde besonders durch einen herrlichen, hyacinthengleichen Geruch erhöht, den uns dann und wann ein starker Luftzug von dem noch ziemlich entfernten , bewaldeten Hügel zu trug. Je mehr wir uns näherten, um so reicher war die Luft mit dem herrlichen Parfüme geschwängert; um so mehr steigerte sich daher meine Neugier nach seiner Quelle, die mir bald in mehren Bäumen von mittler Höhe, ungemein gefälliger Form , und mit zahllosen weissen Blüthen be- deckt, freundlich enlgegenlrat. Wie der Geruch, so hatte auch die Blülhe unge- mein viel Achnlichkcit mit unserer einfachen , weissen Hyacinthe. Bei näherer Untersuchung erwies es sich als eine neue Species Tabernaemontana , die ich nach Alexander von Humboldt Tabcrtiacmontana Humkoldlii (Schomb.) nannte. Der Baum zeichnet sich nicht allein durch seine herrlichen duftenden Blüthen,

*) Boiodichia tnajor {Mart.), Buttncria divarieata ( Benth .), Licania pendula ( Benth .), Clidcmia rmnprstris (Benth.) , Cup hau anlisiphylitica (Humb. Bonp.) , Elcphantopus caro- linianu t (IPiltd.), Mr/orhia mclissacfotia (Benth.) , fasciculata {Benth.), lanceolata (Benth.), /Ujvnia tumeutusa (Lin.).

Das Innere einer Wapisiana- Hütte.

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sondern auch in Rücksicht seiner schönen, grossen, glänzend dunklen Belaubung aus und gehört unbestritten zu den lieblichsten Zierhäumen der Tropen. Ein dichter Kranz der Agave vivipara (Lin.), der den Waldsaum umschloss und mit seinen riesigen Blüthencandelabern förmliche Verhaue bildete, über die sich die weissen Blüthenäste der Tabernaemontana herüberbeugten , verlieh dem Ganzen einen wahrhaft feenartigen Beiz. Hatte uns bisher bloss die liebliche Seite des Wäld- chens entgegengelächelt , so setzte uns einer seiner Bäume , der sich unmittelbar neben dem Pfade nach dem Dorfe erhob, in solches Staunen, dass wir alle zugleich in einen Ausruf der Verwunderung ausbrachen. Es war ein wahrer Biese von Bombax globosvm (Aub/.); wiewohl seine Höhe nur 120 Fuss betrug, so erstreckten sich seine Biesenäste doch über eine Fläche von 129 Fuss. Einen Fuss über der Erde betrug der Umfang seines Stammes 57 und die Breite einer der tafelförmigen, strahligen Ausbreitungen des Wurzelhalses 83/4 Fuss. Die Ma- cvsis nannten den Baum Copalpe.

Nachdem wir das mit Vegetationswundern überfüllte, interessante Wäldchen durchschritten, sahen wir die bienenkorbähnlichen, kuppelförmigen Hütten des Dorfes über niedere Cvratella und mit blauen Blüthen bedeckte Bowdichia her- vorragen. Bei unserm Eintritt sahen wir eine schwarze Gestalt auf uns zueilen; es war Hamlet, der eben hier eingetroffen, uns die Nachricht brachte, dass Herr Fryer den armen Petri noch nicht habe verlassen können, und dass er Hamlet, da seine Krankheit sich bald gehoben, vorausgesandt, um uns über sein längeres Aussenbleiben zu beruhigen. Erfreulicher als diese Nachricht, war uns eine Quan- tität Beis, die uns Herr Fryer durch die zwei Indianer, welche Hamlet den Weg gezeigt, zuschickte; eine Sendung, die uns bei dem in Tenet te benschenden Mangel doppelt willkommen war.

Die Niederlassung bestand aus sieben runden, domförmigen Hütten von 30 40 Fuss Durchmesser und durchschnittlich 40 50 Fuss Höhe. Der Eingang war auch bei ihnen die einzige Oeffnung, die bei Eintritt der Nacht mit einer Art Thür aus Palmenblättern geschlossen wurde. Wie bei den andern Stäm- men bewohnten mehre Familien eine Hütte, in deren inneren Baum sich die Be- wohner stillschweigend getheilt, ohne dass diese besondern Besitzungen durch Scheidewände abgetheilt gewesen wären. Das Territorium der einzelnen Fami- lien bezeichneten einige Steine, die den Heerd bilden, drei bis vier Querbalken, durch Lianen an die aufrechtstehenden Tragbalken etwa 7 8 Fuss vom Boden befestigt , um die Hängematten daran zu schlingen , die Bogen , Pfeile und Blase- röhre der verschiedenen Hausherrn darauf zu legen, und die Trophäen des Muthes derselben auf der Jagd, Yvelche nach der Beihenfolge an die aufrechtstehenden Trä- ger befestigt waren. Den mittleren Theil der grossen Hütte nahm ein gewaltiger, II. Theil. G

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nusgehöhlter, nach indianischem Geschmack bemalter Baumstamm ein, der bei Fest- lichkeiten als Bowle dient, und gewiss 300 Quart fassen mochte. Dieselbe edle Gestalt, welche wir bei dem Begleiter Sororeng’s bewundert, charakterisirte auch die übrigen Bewohner; alle waren schöne, schlanke Leute mit edlen, regelmässigen Gesichtszügen , grossen , römischen oder griechischen Nasen , Avodurch sie sich höchst vortheilhaft Aron dem mehr mulattenglcichen Typus der IV arr aus, Mncusis und Ariiwaalss auszeichneten , wie sie überhaupt nicht nur in ihrer ganzen Phy- siognomie , sondern auch in ihrem Körperbau mehr an die nordamerikanische Ra- cenent Wickelung erinnerten. Gleiche Eigenschaften, nur dass bei ihnen das Kräftige und Muskulöse der Männer in einer viel zarteren Abrundung auftrat, besassen auch die Frauen, die uns Fremde mit naiv verschämtem Staunen betrachteten. Das Haar der Indianerinnen hatte ich schon vielfach zu beAVundern Gelegenheit gehabt, in einer solchen Länge und Fülle aber, Avie es die Wapisianas besassen, hatte ich es noch nie gesehen. Sic trugen es durchgängig sauber geglättet, geordnet, mit Palmöl eingerieben, und, über die Schultern herabfallend, reichte es bei vielen bald bis nz den Waden. Die Männer schneiden es fast immer kurz. In dem durchbohrten Nasenseptum trugen sie glaltgeschlilfcne und breitgeschlagene Silber- oder Kupfer- münzen, und in der durchbohrten Unterlippe entweder einen kleinen Cylinder oder eine Art Glocke von Knochen. In der Kleidung stimmten Männer und Frauen mit den übrigen Indianerstämmen überein, d.h. sie bestand bloss in einem Schaum- schurz; desto abweichender aber Avar ihre Sprache, die viel Aehnlichkeit mit der der Vauixanus am Rio Branco halte und in der Aussprache und Betonung der harten und scharfen Worte mich lebhaft an die Juden erinnerte.

Die endemische Hautkrankheit, die ein Erbübel der südamerikanischen Stämme zu sein scheint, war auch bei ihnen heimisch. Noch keinen der Stämme, mit denen wir in Berührung gekommen, halten wir von ihr frei gefunden, und auch alle übrigen, die Avir noch kennen lernten, waren damit behaftet.

Dass der rege Kunstsinn unseres Goodall durch die wahrhaft lieblichen Ge- sichtszüge und schönen Gestalten der Weiber und Mädchen augenblicklich ange- fcuerl wurde , einige derselben seinem Skizzenbuch anzuvertrauen , erregte weni- ger unsere Verwunderung, als cs das unendlich naiv mädchenhafte Benehmen

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der Originale that, die durch das Ungewisse der Handlung und das feste Ansehen des Mal ers in eine solche Verlegenheit und Unruhe versetzt wurden, dass die Hölhe, welche die Verschämtheit auf ihre Wangen rief, selbst den braunen Teint durchbrach. Nachdem die erste Bestürzung vorüber war, fand Goodall mehr Hindernisse, als wir erwartet, denn ehe eres sich versah, Avaren die Schönen verschwunden, und cs gelang uns erst nach vielen Geschenken, sie zu vermögen, sich im Beisein ihrer Männer oder Mütter von neuem den prüfenden Blicken

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Wapisiana.

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Goodall’s auszusetzen. Noch interessanter für den Beobachter war es aber, den iunern Kampf zwischen der natürlichen Schaam und der Neugier zu verfol- gen. So wie Goodall seinen Blick auf dem Papier haften liess, bewegte sich auch der Augapfel des Originals darnach hin; welcher Schreck aber, wenn sie sich auf diesem verstoblnen Weg durch uns oder den aufblickenden Maler ertappt fanden! Obschon die Männer sich offenbar durch dieses Portraitiren geschmeichelt fühlten, konnten wir sie doch eben so wenig, wie die Frauen dahin vermögen, ihrem Conterfei offen in die Augen zu schauen ; die Freunde dagegen betrachteten die Gemälde mit sichtbarem Interesse.

Polygamie ist unter ihnen ebenfalls heimisch, wenn auch nicht so häufig, als bei den Warraus und Arnwaaks.

Nach der Menge von Jagdtrophäen, zu denen auch die Rückenschilder mehrer Schildkröten gehörten , und der grossen Zahl ihrer schönen Hunde , müssen die IVapisianas ebenso leidenschaftliche Jäger sein, wie sie passionirte Raucher sind. Sie wickeln die Tabacksblätter ebenfalls in die innere Bastschicht des Karakalli- Baumes (Lecytlus Ollarin ) und rauchen sie als Cigarre ; den Rauch bliesen sie meistentheils durch die Nase.

Da wir von hier aus unsere Reise zu Fuss fortsetzen wollten, und mein Bru- der zuvor gern die trigonometrische Messung der Verbindung des Cö7??/Ä7/-Gebirges mit dem Cursato , so wie die der isolirten Gebirgsgruppen , durch die uns später unser Weg führen sollte, vornehmen wollte , so dauerte unser Aufenthalt mehre Tage, die ich dazu benutzte, den interessanten Hügel Tenette botanisch genauer zu untersuchen, der nordwestlich vom Dorfe lag und sich 124 Fuss über die Savanne erhob, und dessen Spitze ausser einigen kümmerlichen Curatella -Gebüsch , fast von aller Vegetation entblösst ist. Bevor ich den eigentlichen Gipfel erreichte, kam ich auf zwei ziemlich grosse , mit ansehnlichen Granittafeln bedeckte Plattfor- men, zwischen denen eine Menge Agaven , Ccrcus und Melocactus wucherten. In der nächsten Umgebung dieser Granitplatten sprossten zwischen wild über und durcheinander zerstreuten Granitblöcken, Plumeria, Polygala , besonders Poly- gala Timoutou (Aubl.), monticola (Humb . Bo/ip.) und Myrtaccen , Melostama- ceen und Malpighiaceen. Ausser den oben schon erwähnten Bäumen enthielt das üppige Wäldchen auch noch einen für mich interessanten Baum , den wir zwar schon öfter in der südlich von Pirara sich hinziehenden, waldigen Oase gesehen, aber noch niemals in Blüthe getroffen hatten. Nicht nur das schöne, dunkel orange Holz, aus dem die Brasilianer hauptsächlich die Kirche und Fazenda errichtet hatten, sondern namentlich auch seine merkwürdigen, grossen geflügelten Saamen, zogen gleich anfänglich unser Interesse auf sich. Aus der Bliilhe ergab sich, dass es eine neue Species Ormosia war, die den Namen Onnosia histiophylla (Klotzsch) er-

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hielt. Da das wirklich schöne, durch seine dunkel orange Farbe, die fast in das Kölhlichc überspielt , dein Mahagoni sehr ähnliche Holz die herrlichste Politur annimmt, so würde es sich, wenn es ausgeführt würde, jedenfalls als ein gesuchtes Möbelholz geltend machen, wie es die Brasilianer schon als solches gebrauchen, die es Poa da rainka nennen. Die Aussicht von der Höhe war reizend. Von N.N.O. zog sich nachO.S.O. die malerische Canu/cu- Kette, während der 30 40 Miles im Umkreis sichtbare Saeraeri, mit seinen drei ziemlich tief eingesattelten, konischen Gipfeln, und eine Menge andere, isolirte Höhen sich ungefähr 18 20 Miles gegen N.O. aus der Savanne erhoben. Der Mondberg ( Kai-irite der W a- pisia/ias) begrenzte den Horizont in S.W., indess in N.N.W. der Mariwette seinen Gipfel in die duftigen Luftschichten streckte. Die nahe von meinem Stand- orte in S.O. sich erhebende Gebirgskette Cursato , Ursato oder Cussato, wie ihn auch manche Stämme nennen, ist nur von geringer Ausdehnung. Ihre sich von N. nach S. erstreckende Längenachse beträgt kaum 5 Miles, und ihr höchster Punkt, unter 47' Norderbreite, erhebt sich nicht über 3000 Fuss über den Spiegel des Takutu. Wie das Camtku- Gebirge , so ist auch das Cwrsßfo-Gebirge dicht be- waldet, nur fehlen ihm jene mächtigen, steilen Granitklippen und Kegel, die dein erstem einen so malerischen und romantischen Charckter verleihen. Gegen S.O. von Cursato erhebt sich der Duruau ; diesem folgt der Ma/ioa. Nach der Be- hauptung der Indianer soll dessen Contur die Gestalt eines Ameisenbären wieder- geben , daher auch sein Name. Leider musste ich meinen Begleitern versichern, dass meine Phantasie viel zu dürr und trocken sei, um dies herauszufinden.

Mein Fieber halte sich jetzt völlig eingebürgert und gab mir seine Gegen- wart alle drei Tage auf eine solche Weise zu erkennen, dass es selbst das Mit- leiden des Piai der Niederlassung erregte, denn während eines der Anfälle trat er unaufgefordert an meine Hängematte heran, blies mir in das Gesicht, und murmelte zugleich ununterbrochen unverständliche Worte zwischen den Zähnen, um mich dann abermals anzublasen. So wenig mich auch mein Zustand zum Lachen geneigt machte , so wurde die Lust dazu doch endlich in einem solchen Grade rege, dass ich ihr nicht mehr widerstehen konnte. Beleidigt und zürnend wandte sich der sympathische Arzt ab und verkündete am folgenden Tage, wo das Fieber mich noch immer hcrumschültelte , allen seinen Pfleglingen , das sei die Strafe, dass ich gestern bei seiner Entzauberung gelacht.

Die L angeweile , die mich mit ihrer lästigen Gegenwart in meiner Hänge-- matte jedenfalls heimgesucht haben würde, wurde mir durch die sonderbaren und lächerlichen Caprioien eines jungen Ameisenbären (Myrmecophaga jubata Litt.) vertrieben, den unsere Jäger am Tage nach unserer Ankunft aus der Savanne milgebracht, in der sie ihn in Gesellschaft seiner Mutier angctroHcn, und bevor er

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sich auf den reitenden Rücken derselben hatte flüchten können, gefangen hatten. Die ersten zwei Tage war er ungemein wild und wagte sich nur selten aus den dunkelsten Schlupfwinkeln der Hütte hervor. Näherte sich jemand , so ergriff er zwar immer nur die Defensive, diese aber in einer Art, die selbst den Verwege- nen zur Vorsicht nöthigte. Indem er sich niedersetzte und den linken Vorderfuss auf die Erde stemmte, hieb er mit dem rechten so kräftig nach dem Ruhestörer aus, dass jedes Treffen mit den harten* langen Krallen gewiss einen namhaften Mus- kelverlust nach sich gezogen haben würde. Wurde er von hinten angegriffen, so veränderte er gedankenschnell seine Position , und geschah es von mehren Seiten, so warf er sich auf den Rücken, führte dann seine Hiebe mit beiden Vorderfüssen und stiess dabei fortwährend unmuthige und zornige Töne aus, die viel Aebnlich- keit mit dem Knurren der jungen Hunde hatten. Oft genug vermischte sich damit das Zetergeschrei der jungen Jagdhunde, deren freundliche Absicht, mit dem neuen Gesellschafter zu spielen, auf das jämmerlichste von dem wilden Fremdlinge vergol- ten wurde. Hatte er einen derselben ergriffen , so konnte diesen nur die vereinte Hülfe mehrer Indianer aus der tödtlichen Umarmung retten, in der er den Zudring- lichen mit übergeschlagenen Vorderfüssen an sich drückte. Da der Ameisenbär weder eine Höhle, noch ein bestimmtes Lager hat, in dem er die Nacht zubringt , so scheint ihm die Natur den langbehaarten Schwanz als Decke gegen die kühlere Nacht und gegen den Regen verliehen zu haben, wenigstens brauchte ihn unser kleiner Gefangener zu diesem Zwecke. Legte er sich zum Schlafen nieder, so zog er entweder alle 4 Füsse unter den Bauch zusammen, und bedeckte dann den gan- zen Leib mit dem Schwänze, oder er nahm die Lage eines schlafenden Hundes an, und breitete den Schwanz nur über den Kopf und den Vordertheil seines Körpers. Auffallend war es mir, dass sich sein ganzer Körper immer eiskalt anfühlte. War es in der Hütte ruhig geworden, dann hob er seine spitze Schnauze empor, schnüf- felte einigemal in der Luft herum , erhob sich und lief, mit der rüsselförmigen Schnauze fast die Erde berührend , in dem Raum umher. Kam er in die Nähe eines Hundes, oder eines andern Gegenstandes , so setzte ersieh augenblicklich auf die Hinterfüsse, streckte die Schnauze in die Luft, schnüffelte und unter- suchte diese nach allen Richtungen, knurrte und murrte, bis er sich endlich wieder auf seiner alten Fährte fortbewegte. Aus allen Beobachtungen , namentlich aber daraus , dass er häufig an Gegenstände , die in seinem Wege lagen , anrannte, nahm ich deutlich wahr , dass sein Gesichtsorgan ungemein schwach sein muss. Nie war sein knurrender Ton missmuthiger , als wenn er wirklich an einen Gegenstand angelaufen war. Diese Species muss eben so gut klettern können, wie der kleinere Ameisenfresser (Myrm. tetradactyfa) , denn unser Gefangner unter- nahm seine Excursionen nicht nur auf ebener Erde, sondern dehnte sie auch

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auf die Pfähle und Wände der Hütte aus, an denen er mit der grössten Leichtig- keit eraporkletterle. Hatte er eine Zeitlang ruhig gelegen, so richtete er sich plötz- lich auf den Hinterfüssen , wie die Bären , auf, schnüffelte in der Luft herum und legte sich, wenn er nichts Verdächtiges entdeckt halte, wieder nieder. Aus Schnauze und Nase tröpfelte ihm ununterbrochen eine dem Wasser ähnliche Flüssigkeit; saufen sah ich ihn äusserst selten. Wir fütterten ihn mit Termiten, welche die Indianer in der Savanne sammelten. Die Schnelligkeit, mit der er seine lange, klebrige Zunge in die Masse steckte und bedeckt, mit den Insekten, wieder zurückzog, benahm mir die Verwunderung, wie ein so grosses Thier seinen Hunger mit so kleinen Insekten stillen könnte. Mit den Termiten verschlang er zugleich auch eine grosse Menge Baumaterial der Hügel. Eben so gern, wie die Termiten , verzehrte er klein gehacktes Fleisch , womit mein Bruder bereits auf seiner frühem Reise lange Zeit zwei junge Ameisenbären gefüttert hatte. Da wir nach Entdeckung der Quellen des Takutu wieder über Tenette zurück- kehren wollten , so Hess ich meinen Gefangenen zur Pflege hier , um ihn dann mit nach Pirara und Demerara zu nehmen, und später nach Berlin zu befördern. Leider fand ich ihn bei unsrer Rückkunft verendet; die Indianer hatten ihn wahr- scheinlich verhungern lassen.

Da die Natur dem Ameisenbär die Waffe der Zähne versagte, verlieh sie ihm in den ungeheuren Klauen und der ausserordentlichen Muskelkraft der Vorderfüsse ein nicht minder gefährliches Verlheidigungsmittel. Selbst aus den Kämpfen mit dem Jaguar soll er oft als Sieger hervorgehen, und die Indianer versicherten uns, dass sie nicht nur oft schon Jaguare allein mit aufgerissenem Leibe , sondern auch beide Kämpfer zugleich todt in der Savanne gefunden hätten. Der Jäger wird sich einem, mit dem Giftpfeil angeschossenen Ameisenbär nie früher nähern, als bis er überzeugt ist, dass das Gift seine volle Wirkung ausgeübt. Die Weibchen werfen alljährlich nur ein Junges, das sie, nachdem es einige Tage alt ist, auf ihrem Rücken herum tragen. Auch in Gefahr nimmt das Junge seine Zuflucht dorthin. Das Junge begleitet die Mutter gewöhnlich ein Jahr, bis es von einem neuen Nach- kömmling verdrängt wird, und dann als cmancipirt anzusehen ist.

Der Ameisenbär läuft, wie bekannt, auf der äussern Seile der Sohle der Vorderfüsse , wobei er die Klauen unter der Sohle zusammenzieht, da er diese nicht, wie das Kalzengcschlecht zurückziehen, und daher auch nicht auf der platten Sohle laufen kann. An der Zungenwurzel befinden sich zwei grosse Drüsen, die die Zunge mit der erwähnten klebrigen Feuchtigkeit versehen. In noch flüssigem Zustand ist diese Sekretionsmasse ungemein zähe, in trockenem kann man sie selbst zwischen den Fingern zu Pulver reiben.

Da die grosse Hütte, welche wir eingenommen , auch noch von ihren Ei-

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genlhümern bewohnt wurde, so gab mir die Beobachtung ihres Thuns und Handelns manche Abwechselung auf meinem Lager. Die fV apisianas weichen in ihrer Lebensweise fast gar nicht von den andern Stämmen ab, die ich bereits kennen gelernt halte. Mit dem Erwachen des Morgens erhob sich auch hier der Herr Ge- mahl, trat vor die Thür, reckte, streckte und rieb sich mehremal die Glieder, und entfernte sich dann, um seine natürlichen Bedürfnisse zu befriedigen, wobei Männer und Frauen eine ungemeine Verschämtheit bekunden, indem sie dies nie in Gegen- wart von Andern thun, und dann alles, wie die Katzen, mit Erde bedecken. Ist dies geschehen, so kehrt er nach der Hütte zurück, hockt am Feuer nieder, sucht dies, ohne mit den Genossen ein Wort zu sprechen, zu unterhalten, röstet sich Früchte oder verzehrt das ihm von den Frauen Vorgesetzte Frühstück, und eilt dann zur Jagd oder zum Fischfang, während die Frauen sich und den Kindern das Haar glätten und salben, den Körper bemalen, und dann andere häusliche Verrich- tungen vornehmen , oder auf das Feld und in den Wald eilen , um Früchte zu suchen, da ihnen ersteres, in Folge des Misswachses, wenig oder nichts bot. Im Baumwollspinnen waren sie eben so geschickt, wie die Macusis.

So reinlich sich die tVapisianas in Bezug auf den Körper zeigten, so schien doch jede Familie die Reinigung der Hütte als eine Beschwerde anzusehen , die man lieber unverrichtet Hess, denn der Staub und Schmutz hatte sich hier förmlich massenhaft aufgehäuft. Das Unangenehme meiner Lage wurde durch den Rauch von vier bis fünf unerlöschlichen Feuern erhöht , der ausser der Thür vergebens nach einem Ausgang suchte, so langsam schleichend er sich auch in der domförmi- gen Kuppel in vielfach verschlungenen Windungen hinbewegte; er belästigte mich so, dass meine Augen in einem fortwährenden Thränenbade schwammen. Dazu kam noch das unausstehliche Bellen der vielen halbverhungerten Hunde, das jedes- mal ausbrach, sobald einer unserer Leute in die Hütte trat, das Geschrei zahlloser Papageien, so wie des anderen zahmen Geflügels, und zahllose Heerden blutdürsti- ger Flöhe, auf die meine Gegenwart in der Hängematte eine besondere Anziehungs- kraft zu üben schien.

Mehre Hokkohiihner (Crax tomentosa ) übten offenbar die Oberherrschaft über das übrige zahme Federvieh aus, und die Hühner, Psophia, Penelope hatte ihr hartes Scepter in eine Furcht und Unterwürfigkeit gesetzt, die wahrhaft lächerlich war; denn nicht genug , dass sie sich bei Tage in ihren launenhaften Willen schicken mussten, durfte es selbst bei hereinbrechender Nacht kein Anderer wagen, sich da zur Ruhe niederzulassen, wo diese sich hinsetzen wollten.

Den Mangel der Cassada mussten die eben reifen Früchte der Melicocca bijuga, Macu der Macusis, ( Genipa Merianae Rieh.) und Genipa edulis (Rieh.) ersetzen. Die Frucht der erstem ist in der Colonic , wo der Baum cultivirt

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wird, unter dem Namen « Marmoladnbox » geschätzt; die IV apisianas nennen sie Umpa «.

Wie der Papagei, so verkündet hier noch ein anderer Vogel, der Ibis oxycer- cus ( Spix .), Tah-rong oder Tah-rah der Macusis und JVapisianas , den an- brechenden Morgen. Zwei Paare derselben, die sich in der Nähe der Niederlassung aufhielten, Hessen jeden Morgen bei Tagesanbruch ihr lautes, schnarrendes, lang- gezogenes und durchdringendes Geschrei hören, das den Worten Tah-rong ähnelt und das sie, paarweise von Baum zu Baum fliegend, ausstiessen. Das Weibchen ging dem Männchen nie von der Seite : wo dieses hinflog, eilte es ihm nach und kehrte am Abend unter demselben unangenehmen Geschrei nach ihrem Ruheplatz, einer Mauritia , gleichzeitig mit ihm zurück. Als das Männchen geschossen wurde, kehrte das Weibchen wie die Araras , ununterbrochen auf die Stelle zurück, wo es dasselbe zum letztenmal gesehen. Das metallglänzende Gefieder und die orange- farbene Wachshaut des Schnabels und der Augenringe , giebt dem Vogel ein schönes Aussehen. Ich habe diesen Jbis nur in der Umgegend von Tenettc, sonst nirgends anders gefunden.

Südwestlich von der Niederlassung, in einer kleinen Entfernung, zog sich ein ansehnlicher Sumpf hin, dessen Wasser aus der Ferne von der dichten Vegetation, namentlich der Mauritia in der üppigsten Ausbildung, ganz verborgen wurde. Ich fand hier Stämme von 100 120FussHöhe, bis zu der Stelle, wo sich die grossen, fächerartigen Wedel auszubreiten anfangen. Der wilde Plantain der Colonisten, (Ravenala guianensis), schloss sich in ihrer Höhe an die stolzen Palmen an; Cannaceen , Farrn, Zingiberaceen folgten dann, die an dem Wassersaum von einem Blüthenkranz der Rhynchanlhera grandiflora ( Dec .), Micro/icia bivalvis (Dec.) , brevifolia (Dec.) und einer neuen Species , Microlicia heterophyl/a (Iilotzsch) umschlossen wurden. Den Saum entlang zogen sich eine Menge Löcher hin, die die Indianer zu dem Zwecke ausgetieft hatten, damit sich das zu ihrem täglichen Gebrauch nöthige Wasser durchseihen sollte. Freilich durfte man, wollte man sich den Appetit nicht ganz verderben, diese Flüssigkeit nicht mit kritisirenden Augen anschen !

Einen interessanten Fund hatte ich bereits an dem ersten Tage nach unserer Ankunft in dem Wäldchen des Hügels an einem Exemplare des schönen Nacht- falters , der Noctua (Erebus) Agrippina gemacht , das an einem Baume sass ; der Schmetterling mass bei ausgebreilcten Flügeln 10 Zoll ; cs war das einzige Exemplar, das mir auf der ganzen Keise vorgekommen ist.

Auffallend war es uns, bei den fVapisianas ein Salz vorzufinden, das sie , wie wir auf unsere Erkundigung erfuhren , in der Savanne sammelten und das ungemein scharf war. Bei dem Aufsammeln gleicht die Masse unserer

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Torferde , die erst später durch wiederholtes Waschen eine wcissliche Farbe erhält.

Der Takutu hatte uns bisher die Reise so schwer gemacht, dass wir seine Hülfe im Transport unserer Sachen gern entbehren wollten, dafür freilich aber einen grossen Theil unseres Gepäckes in Tenette zurücklassen mussten, indem das Dorf nicht mehr soviel männliche Bewohner bcsass , als zum Fortzuschalfen des- selben nöthig waren. Was daher nicht durchaus nothwendig war, blieb hier.

Das Mittel der während unseres Aufenthalts angestellten Thermometerbeob- achtungen war :

1842

Vormittag

Mittag 12 Uhr.

Nachmittag

Bemerkungen.

6 Uhr.

9 Uhr.

3 Uhr.

G Uhr.

16.bis23.

April.

75°. 87

79°. 83

87°. 63

90°. 10

81°. 33

Beobachtungen wur- den in einer nach allen Seiten offenen Hütte gemacht, wo dasTher- momcter vor den re- fleclirlen Sonnen- strahlen geschütztwar.

II. Theil.

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II.

Aufbruch von Tenelle. Bulimus baemastomus. Orthalicus gallina, undatus. Descimentos der Brasilianer. Niederlassung Auuru-paru. Berg Kuipali. Savannenreh. Fluss Cu- rati, Guidiwau. Berg Wurucokua. Fluss VVatuwau. Kai-irite oder Mondgebirge. Auf- fallende Granitflächen. Tuarutu - Gebirge. Felsenpyramide Aikuxve. Wasserloses Ge- birgsdefile. Fluss Manaliwau. Niederlassung Tuarutu. Abenteuer Hamlet’s. Mischling von Neger und Indianerin. Hautkrankheit der Indianer. Granitfelsen Uruwai-Wapuna und Curuschiwini. Abreise von Tuarutu. Ossotschuni - Gebirge. Bertholletia excelsa. Atta cephalolhes. Macusi-Niederlassung Maripa. Quelle des Watuwau. Die verschie- denen Arten des Katzengeschlechts in Guiana. Ampelis Poinpadora. Quellen des Ta- kutu. Stromgebiet desselben. Ateles paniscus.

Mit Tagesanbruch des 23. April verliessen wir das unter 49' 40" N. B. und 59° 48' 29" W.L., 13 Milcs westlich von Pirara liegende Tenelte. Meine Schuhe waren durch das häufige Baden in dem Wasser des Takutu , da ich sie aus Furcht vor den Stachelrochen nicht auszuziehen wagte, in einen solchen Zustand versetzt worden, dass sie mir für einen Landweg keinen Nutzen mehr gewähren konnten ; ich musste zu einer Unterlage greifen , die mich so ziemlich in un- mittelbare Berührung mit der mütterlichen Erde brachte. Schuhmacher gab es nicht, und ich sah mich daher genöthigt, wie die Indianer auf Sandalen zu laufen. Dieser Entschluss war aber leichter gefasst, als ausgeführl, da die Verbindungshaut meiner Zehen , wie die Haut- und Muskelbedeckung der Achil- lessehne noch ganz ihre deutsche Empfindlichkeit besass. Die Sandalen werden aus den gespaltenen Blattstielen der Mauritia gemacht, und allgemein von den Indianern der Savanne und der Gebirge getragen, da ohne diese ihre Fiisse durch die zahllossen scharfen und spitzen Quarzfragmente, die beide bedecken, zerschnitten und zerstochen werden würden. Auf ähnlichem Terrain hält eine

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solche Sohle freilich kaum 2 3 Tage , doch jede Palme liefert eine neue. Um sie an den Fuss zu befestigen, befinden sich an beiden Seiten Schnuren aus den Fibern der Bromelia Karatas , die zwischen der grossen und der zweiten Zehe hindurchgezogen, oberhalb der Hacke um das Bein geschlungen, und über dem Spann zugebunden werden. Anfangs ging das Laufen auf diesem einfachen Schuh- werk ganz gut , bald aber begann das Hinken , und schon nach einer halben Stunde lief mir das Blut zwischen den Zehen und an der Hacke hinab , wo sich durch die fortwährende Friction die Schnuren eingerieben halten. Da die Wunden nie zuheilen konnten, so war die Zeit, bis zu welcher sich an diesen Stellen eine Hornlage gebildet , wahre Kreuz- und Marterwochen ; doch die Notli wurde auch hier die beste Lehrmeisterin Abänderung war nicht möglich , ich musste mich in das Unvermeidliche ergeben !

Nachdem wir von Tenette aus unsern Weg durch die Savanne eine Stunde gegen S.W. fortgesetzt, erreichten wir die Mündung des kleinen Flusses Curso- rari und damit auch wieder den Takulu. Unzählige Bäume und Sträucher der herr- lichen Elisabetha coccinea (Schomb.) , überstreut mit ihrem glänzenden, rotheu Blüthenschmuck, umsäumten die Ufer des kleinen Flusses und hüllten diesen förm- lich ein. Die Bäume waren zugleich mit Knospen, Blüthen und Schoolcn be- deckt; besonders verliehen die letztem durch ihr rothes, sammtartiges Carpellum dem Baume ein höchst interessantes Aussehen. Ein kleines Corial, das wir hier fanden, brachte uns nach dem gegenüberliegenden Ufer des Takutu, wo sich eben- falls, dem Cursorari gegenüber, ein kleiner Fluss einmündet, und von wo wir unsern Weg mehr gegen S. nach dem in eine Spitze auslaufenden Berg Auuru- paru richteten , der sich in einiger Entfernung vor uns erhob. Auf der Savanne selbst, die wir durchschritten, wechselten fortwährend Flächen mit vereinzelten Curatella und Bowdichia bestanden, mit dichtbewaldeten Oasen. Nähert man sich einer solchen Oase, die meist einen Umfang von 1 6, oft noch mehrMiles hatten, so verkündet schon der veränderte Vegetationscharakter ihre Nähe, ohne dass man sic selbst zu sehen braucht. Die vereinzelt stehenden Bäume der Curatella und Bowdichia werden zahlreicher, hier und da mischt sich schon der Strauch einer Bubiacea , Composita oder Melastomacea ein; noch aber kann man nicht sagen, ob die Savannen- oder Waldvegelation die überwiegende ist; ein Zweifel, der vollkommen gehoben wird, sobald Solanum, Apeiba, Helicteres, Mi~ mosa, Bauhinia , Peltogyne, Melastoma, Sauvagesia und Wedelia, von Aga- ven und Cactus umsäumt, den Blicken entgegentreten, und die kühlende At- mosphäre der brennenden Haut und lechzenden Zunge , die Nähe der dichtbe- laubten Myrtaceen : Lecythideen, Laurineen, Leguminosen und Euphorbiaceen verkündet. Ist die Fläche , die eine solche Oase einnimmt, sumpfig, dann ist die

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Familie der Palmen und Heliconien die vorherrschende. Der Boden dieser Oasen weicht natürlich, wie ihre Vegetation, ganz von dem der Savanne ab, und besteht meist aus einem reichen Marschgrund , oft auch aus schwerem Lehm mit Sand und verrotteten vegetabilischen Bestandteilen gemischt. Wir überschritten im Verlauf des Vormittags den kleinen Fluss Totowau , der von Westen her dem Takutu zuströmte.

Ein dunkelschwarz heraufziehendes Gewitter trieb uns zur Eile, um noch vor seinem Ausbruch eine der dichtbewaldeten Oasen zu erreichen ; doch ehe wir unseren Wunsch erfüllt sahen, begann der Himmel auch schon seine Schleusen zu öffnen. Die Oase bestand fast nur aus Palmen, Zingiberaceen , Cannaceae und Musaceen, deren Blätter die herrlichsten Schulzdecken für unser Gepäck abgaben, welches die Indianer so schnell als möglich in einige Haufen zusammengelegt hat- ten. Zwei, drei Blätter der Ravenala guianensis bildeten für uns die trefflichsten Regenschirme , auf denen uns der herabströmende Regen noch ein ziemlich geräuschvolles Concerl gab. Das Wetter hielt mehre Stunden an, und so lang- weilig die Sache auch an und für sich war, so hatte sie doch auch in den stummen, nackten Gruppen, die in sich zusammengekauert, vor Frost mit den Zähnen klap- pernd, die riesenhaften Blätter über sich hallend, um uns herum sassen, manche lächerliche Seile. Als endlich der Regen nachgelassen, setzten wir den Weg tüch- tig durchnässt, durch die Oase fort, und waren nicht wenig überrascht, bei dem Heraustreten aus derselben, eine der freundlichsten Hügellandschaften sich vor uns ausbreiten zu sehen, welchen Genuss mir aber ein heftiger Fieberanfall bitter ver- gällte. Die waldigen Striche rückten von jetzt ab immer näher aneinander, wäh- rend die Savannenflächen an Ausdehnung abnahmen. Erschöpft betraten wir am Nachmittag einen Wald , dessen tropische Fülle mich so überraschte, wiewohl ich von meinem Fieberanfall ermattet und von meinen Sandalen schmerzlich gepei- nigt war, dass meine Aufmerksamkeit von allen , eben noch bitter empfundenen Leiden abgezogen wurde. Die Laubgiganten , Palmen , vereint mit riesigen Ravenalas , die durch ihr mächtiges , baldachinarliges Dach jedem befruchtenden Sonnenstrahl zur mütterlichen Erde den Weg abschnitten, beschatteten zahllose Musaceen, Cannaceae, Piperaceen , Orchideen und modernde Pilze, die alle mehr oder weniger durch saftige, fette Blätter und Stengel, sowie durch un- gewöhnliche Färbung ihre lichtscheue Entwicklung bekundeten. Sowohl an dem Sauine als in der Oase selbst, fand ich mehre Exemplare der schönen Vielfrass- schnecke (Buliinus hacnmslomvs Lam.); sie ist mir später in Guiana nie wieder vorgekommen. Nach ihrem purpurrothen Saum und der Lippe des Gehäuses gehört sic unbestritten zu den schönsten Schnecken Guiana’s. In der Oase waren mir bereits mehre Exemplare Orthalicus gallina Sultan a (Beck.) und undalus (Beck.)

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an den Baumstämmen aufgestossen. Ich habe beide Species durch ganz Britisch- Guiana gefunden ; oft war das Thier der ersten Species so gross, dass es sich nicht mehr in sein Gehäuse zurück ziehen konnte.

Nachdem wir unsern Weg eine zeitlang durch den Wald mit seiner nassen, dumpfen Atmosphäre fortgesetzt, traten wir auf ein ziemlich ausgebreitetes Cassada- feld, den willkommenen Verkünder einer Niederlassung, die nicht mehr allzufern liegen konnte und die wir auch wirklich bald auf einer kleinen Erhöhung als öde Brandstätte entdeckten. Das ehedem freundliche Dorf von 5 Häusern war von einem brasilianischen Descimento (Sklavenjagd) heimgesucht, des Nachts überfallen und in Brand gesteckt worden, um seine Bewohner, Männer und Weiber, Greise und Kinder, in die Sklaverei zu führen. Nur eine der 5 Hütten war noch in leid- lich bewohnbarem Zustande. Indem wir uns mit innerm Unwillen über all das Elend , welches europäische Cultur über den friedlichen Heerd gleichberechtigter Brüder gebracht, zwischen den lautklagenden Zeugen der menschlichen Bosheit um- sahen, und jeder nach der Verwirrung, in welcher zerbrochenes Kochgeschirr, zer- brochene Waffen und halbverkohlte Feuerbrände umherlagen, sich die Scene aus- malte , von der nur die stillrauschenden Bäume Zeugen gewesen , traten mehre Macusis aus der Hütte, die noch vor dem Wetter Schutz gewährte. Es war eine Familie vom Rio Branco, die hier übernachten wollte und unter der mein Bruder zu seiner grossen Freude zwei seiner frühem Begleiter auf der Reise nach der Quelle des Orinoko erkannte. Die Freude über dieses unerwartete Zusammen- treffen war aber um so grösser, als er damals den einen derselben todtkrank in einer Niederlassung an den Ufern des Kundanama hatte zurücklassen müssen. Nach seiner Wiedergenesung hatte der Mann allein einen Weg von mehr als 300 Miles zurückgelegt , um wieder zu seinem Dorfe zu gelangen !

Nachdem wir einige Stunden auf dieser Stätte der Verwüstung und mensch- licher Grausamkeit verweilt, um auszuruhen, und mein Bruder seine alten Freunde mit mehren Kleinigkeiten beschenkt hatte, setzten wir, obschon es bereits spät war, doch unsere Reise noch fort, um wo möglich die nach der Aussage der Führer am Fusse des Auuru-paru liegende Niederlassung zu erreichen, was uns auch unmittelbar vor Sonnenuntergang gelang. Die Niederlassung bestand aus einer grossen Hütte mit 10 Bewohnern, gröstentheils alten Leuten. Als ich in die Hütte trat, begegnete meinen Augen die älteste Indianerin, die ich noch gesehen. Sie lag unbekleidet in ihrer Hängematte , schneeweisses, aber immer noch volles Haar be- deckte die zusammengeschrumpflen Schultern , doch glich die ganze Gestalt mehr einem mit schlotternden Haulfalten bedeckten Gerippe , als einem wirklich noch lebenden Wesen. Die furchtbare Hässlichkeit, welche durchschnittlich dem Greisen- alter der heissen Zone eigen ist, trat mir in dieser Frau so abstossend entgegen,

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dass ich augenblicklich wieder ins Freie zurück eilte. Ungeachtet ihrer Schwäche hatte sie die Neugierde nicht in der Hängematte gelitten, denn kaum hatte ich die Hiitte verlassen , als das wandelnde Gerippe an der Hand eines blödsinnigen Kna- ben , den ich früher nicht bemerkt , in der Thür erschien und mit verwunderten Augen die ersten Parana ghieris anschaute, die die Niederlassung besuchten. Das wirklich thierische Aeussere ihres Begleiters, aus dessen offenem Munde die Zunge auf das Kinn herabhing , seine blöden , stieren und nichtssagenden Blicke , die er abwechselnd auf der alten Frau und auf uns haften Iiess , machten die schon an und für sich abstossende Gestalt nur noch schauerlicher. Mein Bruder konnte, un- geachtet seines langjährigen Aufenthaltes, diesem Beispiel eines hohen Greisenalters unter den Indianern doch nur noch einen zweiten Fall an die Seite setzen.

Die Blödsinnigen werden unter den Indianern mit besonderer, ehrfurchtsvoller Scheu behandelt , da es allgemeine Ueberzeugung ist, dass diese Armen in inniger Verbindung mit dem guten Geiste stehen, weshalb auch ihre Worte und Handlun- gen für Aussprüche der Gottheit gehalten werden. Mil Ausnahme einer einzigen jungen, hübschen Frau, die lächelnd uns in einer Kürbissflasche etwas Honig (Majja) brachte, und dafür zu ihrer unaussprechlichen Freude mit einigen Glasper- len beschenkt wurde, bestanden wie schon erwähnt alle gegenwärtigen Bewohner aus alten Leuten, zu denen aber, wie Sororeng bald herausbrachte, noch zwei junge Männer gehörten , die sich eben im nahen Walde auf der Jagd befanden. Um ihnen ein Zeichen zu geben, dass Fremde in ihrem Besitzthum angekommen, schossen wir zwei Gewehre ab. Der Schrecken , welchen diese beiden Schüsse sowohl unter den vernunftbegabten, als den vernunfllosen Bewohnern hervorrief, bewies uns deutlich , dass beiden das Gewehr mit seiner Sprache gleich unbekannt war. Das wilde Aufschreien der alten Weiber, des blödsinnigen Knaben, der auf der Hiitte und den nahen Bäumen schon zur Ruhe gegangenen zahmen Papageien, Hühner u. dergl., vermischte sich mit den Schreckenstönen der wilden Vögel, die sich in Schaarcn über die Wipfel der Bäume erhoben , zu einem solchen Höllen- lärm , dass wir uns staunend gegenseitig ansahen , und nicht anders glaubten , als die ganze uns umgebende Welt sei wahnsinnig geworden. Mit verstörten Mienen sahen wir nach einer halben Stunde die beiden Männer über die Savanne der Hülle zugelaufen kommen, die wahrscheinlich in den Schüssen die Verkünder der Zer- störung nnd des Mordes gehört zu haben glaubten.

Die Holfnungen , welche das üppige Cassadafeld in uns erweckt, wurden mit einem Male durch die Aeusscrung niedergeschlagen, dass die Cassada noch nicht reif, und daher auch noch nicht tauglich zum Brod sei; wohl aberbiete sich uns in den zahlreichen liehen der Savanne eine ergiebige Quelle zur Ausfüllung der cingetrelenen Provisionslücken. Um daher wenigstens unsern Bestand noch

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einige Tage schonen zu können, wurde beschlossen, den nächsten Tag noch hier zu verweilen, und die Jäger mit dem anbrechenden Morgen zur Jagd zu schicken. Nachdem die freundliche junge Frau längere Zeit mit ihrem Gemahl, einem der jungen Männer , die unser Schiessen aus dem Walde zurückgerufen, gesprochen und ihm mit den sprechendsten Zeichen der grössten Freude die vorgehaltenen Perlen gezeigt hatte, zugleich einen deutlichen Wink über die Schätze lallen lassen , die wir noch besässen , meinte dieser plötzlich , dass sich morgen doch noch einige Cassadakuchen würden backen lassen, nur müsse er, bevor er sich be- stimmt darüber aussprechen könne, noch einmal das Feld besehen.

Pas unangenehme, ohrenzerreissende Geschrill und Gezirpe zahlloser Cica- den ( Cicada grossa und manifera ) scheuchte uns mit Sonnenaufgang aus unserm festen Schlaf auf. Während sich die besten Jäger in Begleitung der beiden jungen Männer in dem Savannengebüsch verloren , wagte ich mit Goodall noch einmal das Altershospital zu betreten, und mich genauer als gestern in der Hütte umzu- sehen. Ausser einigen alten Mütterchen, die unter der Hängematte ihrer eben so alten Männer sassen, um das Feuer unter denselben zu erhalten, oder ein Töpfchen mit den Ueberbleibselu von den Mahlzeiten des gestrigen Tages zu wärmen, lag alles noch in den Hängematten. Wie mich gestern der unerwartete Anblick der alten Frau zurückgescheucht, so hätte es heute beinahe der eines nicht gerade viel jün- gern Mannes gethan, dessen unmässig aufgeschwollener Leib deutlich genug zeigte, dass er mit der Wassersucht oder irgend welchem Leberleiden im hohen Grade be- haftet war. Der blödsinnige Knabe sass unter der Hängematte des Kranken und stierte gedankenlos in die glühenden Kohlen eines kleinen Feuers, warf, als ich mich ihm näherte , seine stumpfen , aber furchtsamen Blicke auf mich , und verschwand mit der Schnelligkeit eines aufgescheuchten Rehes in dem dunkelsten Winkel der Wohnung, wodurch die hochbejahrte Frau des Kranken, die neben ihm sass, auf uns aufmerksam gemacht wurde. Ein neugeflochtener, breiter Strohhut, wahr- scheinlich brasilianisches Fabrikat , der auf wer weiss welchem Wege des Tausch- handels hierher verschlagen worden war , zog meine Aufmerksamkeit um so mehr auf sich, als der meine sich in einem ganz schlechten Zustande befand. Mein Vor- schlag, mir denselben abzulassen, wurde leichter eingegangen, als der Antrag Good- all’s, ihm den dicken Haargürtel (Matupa) zu verkaufen, welcher neben dem Hute hing, und durch seine Stärke ein sprechendes Zeugniss von der frühem Tapferkeit und dem manneskräftigen Muthe des Besitzers ablegte Die Trennung von dem Hute wurde dem Alten eben nicht schwer, und unser Handel war bald abgeschlossen. An- ders aber verhielt es sich mit der geliebten Matupa, aus deren Anblick der verglim- mende Lebensfunken noch eine kümmerliche Nahrung zu ziehen schien. Bei dem Manne war daher Goodall’s Ueberredungsgabe vergebens ! Die Veränderung der

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apathischen Züge der Frau, die der Anblick der glänzenden Perlen hervorgebracht, liessGooDALL sein Strategen» ändern und sich an die Frau wenden, die, geblendet von der Eitelkeit, nun den Gemahl zu überzeugen suchte, dass sie wohl noch Perlen, er aber seine Matupa nicht mehr gebrauche. Doch die Trennung war zu schwer ; den Gürtel nach allen Seiten traurig anblickend , schüttelte er den Kopf, und hielt ihn der Frau hin, die ihn wieder an den alten Ort hängen sollte; ärgerlich that dies die getäuschte Ehehälfte und händigte Goodall zugleich die Perlen wieder ein, die sie schon erhalten. Da fügte der unerschütterliche Käufer zu den Perlen noch einige andere Kleinigkeiten , und augenblicklich begannen die Capitulationen zwischen Frau und Mann von neuem, die damit endeten, dass der Kranke die Matupa herabnehmen liess, sie in die Hand nahm, sein Gesicht hineindrückte und sie dann seiner Frau überliess, die sie, eitel Freude strahlend, Goodall über- reichte. Ohne einen Blick auf die Gegenstände zu werfen, welche die Frau erhal- ten , und die sie ihm vorhielt , kehrte sich der Kranke in der Hängematte um und verbarg sein Gesicht in den Falten derselben.

Im Laufe des Vormittags bestiegen wir den kahlen Gipfel des Kuipaiti , den wir schon von Tenette aus gesehen hatten. Kuipaiti scheint der Collectivname für alle Hügel zu sein , die aus Massengebirge bestehen und nur mit einer spär- lichen Vegetation bedeckt sind, da wir diese Benennung noch bei einer grossen Menge anderer Berge antrafen. Die Basis des Hügels bestand aus Granit und Gneis; von seinem südwestlichen Abhang zog sich ein mehr als 1000 Fuss langer Gesteinwall von ungefähr 50 60 Fuss Höhe hin. Die Aussicht von dem Gipfel, der einer jüngern Formation angehörte, war reizend und viel ausgedehnter, als die vom Tenette. Der Gipfel mochte sich etwa 500 Fuss über die Savanne erheben. Gegen S.W. thürmte sich das Mondgebirge , Kai-irite der Wapisianas , empor, während sich das ferne Canuliu- Gebirge gleich einem dunklen Bande am nördlichen Horizonte hinzog, und hier und da durch schwarze Wolkenmassen zerrissen wurde, die auf seinem Rücken zu ruhen schienen ; umsäumt von grünem Gebüsch und riesigen Bäumen schlängelte sich der Talsutu in tausendfachen Krümmungen durch die Savanne zu unsern Füssen hin und nahm in S.W. die Wellen des Curati auf. Zugleich mit uns trafen die ausgesandten Jäger nach kurzer Abwesenheit reich beladen im Lager ein. Sieben schöne Rehe waren der Lohn ihres Jagd- zuges. Da wir erst nach vier Tagen wieder eine Niederlassung anlrelfen sollten, so war uns dieser reiche Erfolg auf der Jagd um so erwünschter. Alle Hände hatten jetzt vollauf zu thun. Dort wurden Gerüste zum Räuchern errichtet, hier die liehe ausgewaidet und in Stücke zerlegt; nach kaum anderthalb Stunden wurde ein Theil der Beute , welche noch kurz vorher im Grase herumsprang, schon verzehrt. Ein grosser Leckerbissen für die Indianer schienen die Eingc«

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weide, namentlich aber der Magen des Wildes zu sein , da sie diese Tlieile immer zuerst verzehren. Freilich nahmen die Frauen das Reinigen derselben nicht gerade allzugenau, und die Aufforderung , ihr Gast dabei zu sein, fand daher bei uns taube Ohren, namentlich da es uns an Fleisch nicht fehlte, wenn sich die In- dianer an ihrem Lieblingsgericht labten. Die Macusis nannten das Savannenreh IVaiking , die Colonisten Begu. Allem Anschein nach bildet es gleichsam das Mittelglied zwischen Hirsch und Reh. Es findet sich stets einzeln, äusserst selten in Rudeln und dann immer nur zu 3 bis höchstens 5 Stück vereint in der Savanne. Das Junge muss das Weibchen im März oder April werfen; wenig- stens befanden sich unter unserer Reute vier hochträchtige Ricken ; da ich aber auch im September oder Oktober solche erlegte , so werfen sie entweder zwei- mal im Jahre, oder sind überhaupt an keine bestimmte Rrunstzeit gebunden. In Wäldern kommt dies Reh niemals vor. Da die Savanne nur wenig oder gar kein Gebüsch hat, in dem sich der Jäger an das Reh anschleichen könnte, so ist es ungemein interessant, ihn auf dieser Jagd zu beobachten. Sobald er das Wild bemerkt, und das Reh beugt sich zum Fressen nieder, so bewegt sich der Jäger, gleich der Katze, kriechend vorwärts, wobei er das Thier jedoch immer im Auge behält, um augenblicklich unbeweglich, gleich einer Statue, liegen zu bleiben, so wie jenes den Kopf wieder emporrichtet. Nichts kann seine Geduld ermüden , sollte er auch zwei bis drei Stunden nöthig haben , um sich auf diese Weise his auf Schussweite zu nähern. Ist er dem arglosen Wilde bis auf ungefähr 100 Schritt nahe gekommen , so ahmt er auf das Täuschendste den Lockruf des Rockes nach. Das Reh wird aufmerksam , spitzt die Ohren, stampft mit den Vorderfüssen und sei es nun Mangel an scharfem Gesicht, oder scharfer Witterung, kurz, das Thier fängt an, den Jäger in immer engern und engern Windungen zu umkreisen, bis es sich ihm ungefähr 20 Schritt genähert, wo es als sichere Reute der Schrotkörner oder des noch sicherem Pfeiles fällt. Dem unbelheiligten Zuschauer dünkt es , wenn er den Jäger be- wegungslos im Grase stehen , und sich das Reh ihm immer mehr und mehr nähern sieht, als müsse Zauberei dabei im Spiele sein. Uns ist es nie gelungen, das Wild auf diese Weise zu erlegen! Ausser der eben erwähnten Species be- sitzt Guiana noch den Cervus rufus (Hl.); das Gehörn des männlichen Thiers führt keine Enden. Er lebt einzeln in den Wäldern, und sucht nur des Morgens und Abends die freien Stellen des Waldes, oder tritt auch an den Waidsäumen auf die Savanne heraus. Die Mutier führt das weissgefleckte Junge mit sich. Diese Hirsche werden besonders von den Stechfliegen geplagt und ihr ganzer Körper ist mit der Larve des Insccts bedeckt. Die Holzböcke (Ixotcs) peinigen sie nicht minder. Unsere Jäger brachten oft Thiere nach Hause, deren Kopf und Hals II. Tlieil. 8

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förmlich von diesen Holzböcken bedeckt war, so dass uns der Eckel das Mahl un- möglich machte. Die dritte Species ist der Cervus smpltcicornisl ( III .), der sich ebenfalls nur im Walde und besonders häufig an der Küste aufhält, wo er gegen Abend oder am Morgen meist die an den Urwald grenzenden Plantagen be- sucht, und dort geschossen wird. Das Fleisch ist schmackhaft und gilt in der Coloniesladt als eine grosse Delikatesse. Die vierte und kleinste Species ist unter dem Namen Walibisiri ( Cervus humilis?) bekannt; sein Aufenthalt ist ebenfalls in dichter Waldung.

Bei der Rückkehr vom Kuipaiti fand ich im Gebüsch mehre interessante Kä- fer, unter denen mir namentlich ein Bock mit langen Hörnern, die mit schwarz und weissen Bürstchen besetzt waren , viel Freude machte. Schon glaubte ich, es sei eine neue Species, die ich, nach der Uebereinstimmung der Färbung der er- wähnten Büschel mit den preussisehen Nationalfarben , als borussica bezeichnen zu dürfen hoffte , als sich ergab, dass er bereits in d’ Orbignv’s Reise unter dem Namen Cosnrisoma formosa abgebildet, aber noch nicht beschrieben ist. Die Bu- prestis gigantea (logen in grosser Menge von Baumstamm zu Baumstamm. Die Indianer stellen diesem Käfer besonders nach, da sie seine metallschimmernden Flü- geldecken zu Halsketten und dergleichen Schmuck benutzen. Das zerschrotene Holz an den umgestürzten und vermodernden Stämmen bewies , dass Passalus und Calandra häufig hier Vorkommen; beide sind eine Delikatesse der Indianer, die sie roh verzehren.

Die Inspcclion des Cassadafeldes von Seiten des jungen Mannes musste nicht ohne Erfolg gewesen sein, denn seine junge Frau brachte uns am Abend wirklich mehre Cassadakuehen.

Mit dem frühen Morgen packten wir unsere geräucherten Rehe in Körbe und brachen auf. Anfänglich durchkreuzten wir die pfadlose Savanne , wandten uns dann aber gegen den in der Ferne sich in Süden erhebenden Berg fVurucokua. Die Savanne wurde immer freundlicher, die Umgebungen immer lachender; nach allen Seiten tauchten um, neben und vor uns bewaldete Bergkuppen auf, bis wir endlich den Fluss Curati durchwaten mussten, da viele den schwindelnden Gang über die natürliche Brücke, welche ein umgestürzter Baum bildete, nicht wagten. Der Curati bildet in Verbindung mit dem Guidiwau und einer kurzen Portage eine treffliche Wasserstrasse mit dem Rio Branco. Jenseits des Curati. überschritten wir einen sanften Wellcnboden, den unsere Führer fVariweli nannten. Von einem dieser Hügel starrten uns die traurigen Brandruinen einer Niederlassung entgegen; ob auch diese das Werk der Brasilianer waren, konnten wir nicht erfahren. Die Höhe, auf welcher die Niederlassung gestanden, boteine reizende Aussicht, und von den umgcslürzlen Lehmwänden der Hütten, auf denen wir unser Frühstück

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verzehrten und die uns sagten , dass ihre Bewohner Macusis gewesen , da die W apisianas nur kuppelförmige Hütten aus Palmenblättern hauen , bemerkten wir, dass sich die bewaldete Hügelreihe 1 % Mile von N.N.O. nach S.S.W. hinzog. Eine Menge Capsicum - Sträucher , mit rothen und gelben Früchten behängen, waren von dem Feuer unversehrt geblieben, und ein willkommener Fund für unsere Begleiter.

Gegen O.S.O- verlief eine Anzahl vereinzelter Berge , unter denen der JVu- rucokua und IVayawatiku die höchsten waren ; diese ansehnlicheren Erhebungen waren nur spärlich bewaldet, dafür aber ihre Abhänge mit massenhaften Felsen- trümmern bedeckt, zwischen denen der tropische Winter eine Menge Wasser- strassen ausgespült hatte. Mehre kleine Nebenflüsse des Watuwau hatten da- zwischen ihre Quellen. Vom IVurucokua zog sich, wie vom Kuipaili ein Trümmer- wall S. 60° 0. ungefähr eine Mile in die Savanne herab, über die sich der Berg etwa 1500 Fuss erhob. Nach einem fernem Marsch von einer halben Stunde, sliessen wir abermals auf eine Erhöhung, die von rothem , verhärtetem Thon gebil- det wurde, in dem eine Menge eckige Quarzfragmente eingebettet waren, während ihre Oberfläche mächtige, in Zersetzung begriffene Granitblöcke überzogen.

Der Berg Piritate bildet den südlichen Vorposten der Berggruppen IVurucokua, Wayawatiku und Wakuroite. Längs ihrer östlichen Abdachung erstreckt sich gegen den Tuarutu und Ossotschuni eine andere Gruppe gegen S., wie gegen den Kai-irite eine südwestlich. In ihrer Formation ganz übereinstimmende Gruppen, wie der Pauisette, Rhati , Duruau , Pinighette , zogen etw a 5 Miles vom Bette entfernt auf dem rechten Ufer des Takutu von N. nach S. hin.

Am Nachmittag betraten w ir eine niedere Savanne , in der wir eine Menge Sümpfe zu durclnvaten hatten, deren Wasser und Schlamm uns oft bis über den Gürtel reichte. Die Mauritia bildet in diesen Sümpfen förmliche Wälder, die von grossen Heerden Araras und kleinen Papageienarten bevölkert waren. So oft ich auch schon solchen Heerden begegnet, so oft mir ihr widriges Gekreisch die Ohren zerrissen , so hatte doch der unendliche Reiz , den ihr glänzendes Gefieder entfal- tet , w enn die Fliehenden paarweise in unbedeutender Höhe hinziehen , für mich noch nichts von seinem Anziehenden verloren.

Fast durchgängig erheben sich in solchen Morästen , ich weiss nicht aus wel- cher Ursache , eine Menge kleiner Hügel , so dass man immer von dem einen zum andern zu springen suchen muss. Wehe aber dem Armen, der zu kurz springt ein Schlammbad bis unter die Arme, oder noch tiefer ist die unausbleibliche Folge und das schadenfrohe Lachen der ganzen Gesellschaft der Lohn seiner falschen Berechnung oder schwachen Sprungkraft. Nächst diesen Hügeln zogen namentlich ganze Haufen von Reh- und Jabiruknochen unsere Aufmerksamkeit auf sich , ohne

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dass wir uns auch hierbei erklären konnten, wie sie hierher gekommen. Hätte man auch annehmen wollen, dass irgend ein Rauhthier diesen Sumpf zur Wohnung er- koren, und die durstenden Rehe bei Stillung ihres Durstes überfallen, so war doch die Ueberrumpclung der Jabirus nicht so leicht zu deuten. Nicht weit davon hatte sich eben eine Parthie Aasgeier an das Skelettiren eines Rehes gemacht, während ihnen auf einem nahen Baume der Geierkönig in träger Dummheit, bereits gefüllt mit dem Besten des Aases, zusah.

Die sumpfige Grasfläche wurde hier und da von kleinen Gebüschgruppen unter- brochen , und von den weissen Blüthen des Hippeastrum Solandriflorum (Herb.) überdeckt. Der Blüthenstiel war oft 30 Zoll lang und trug gewöhnlich 2 3 Blü- then von 10 y2 Zoll Länge und 6 Zoll Weite; die Blätter erscheinen erst nach der Bliithe, wie bei allen Amaryllideen. Am Morgen und Abend verbreiten sie einen herrlichen Geruch. Die Macusis nannten sie Manasero , die Wupisianas : Gua- tappu. Von Orchideen fand ich namentlich in der Nähe der Gebüschgruppen das herrliche Epistcphium parviflorum (Lindf.) und Cleistes rosea (Lindl.).

Höchst interessant war mir eine kleine Eule, die ich schon seit mehren Tagen bemerkt hatte ; in ihrer Lebensweise wich sie von ihren übrigen Verwandten beson- ders dadurch ab, dass sie nicht wie diese, bei Einbruch der Nacht auf Raub ausging, sondern dies Geschäft am Tage abmachte. Sie verlässt den Boden nur selten und duckte sich, sobald sie uns sich nähern sah, nieder, um, wenn wir sie übergangen, eine Strecke wcgznfliegen und sich wieder aul den Boden niederzusetzen, wobei sie immer ein pfeifendes Geschrei ausstösst. Es gelingt nur selten zum Schuss zu kom- men, da sie den sich noch in grosser Entfernung befindlichen Feind immer im Auge behält, und sich seinen Augen auf listige Weise zu entziehen weiss. Es ist di eStrix cunicularia Lin., dieselbe Species, die auch in den Prairien des westlichen Theils der Vereinigten Staaten vorkommt, und besonders die Kolonien der Prairihunde ilebt , in deren Höhlungen sie nisten und zugleich in der Gesellschaft der Klapper- schlange leben soll. Nach den Aussagen unserer Indianer nistete sie hier in den Löchern und Höhlungen , die man oft an der Basis der Termitenhügel findet. Die Klapperschlange sucht diese Höhlungen wegen der animalischen Wärme des ver- einten Völkchens ebenso gern auf.

Bei der Fortsetzung unseres Weges durch die Savanne begegneten uns diese Eulen heute zahlreicher als je. Sobald sic uns bemerkten , streckten sie den Hals empor, ihre grossen Augen glänzten in der Sonne gleich Sternen, dann duckten sie sich nieder, bis sie einen günstigen Augenblick zur Flucht erspäht zu haben glaubten. Dasselbe Manocuvrc cxcrcirlen auch die Ziegenmelker, die wir auf unserm heutigen Wege ebenfalls in Menge in der Savanne antrafen.

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Die Vorsicht der Ziegenmelker, welche die Indianer auch zu behaupten ver- anlasste, dieser Vogel besitze noch ein zweites Paar Augen auf dem Rücken , und die Schnelligkeit , mit der sie sich unsern Nachstellungen zu entziehen wussten, machte uns ungemein viel Spass, bis unsere Aufmerksamkeit wieder auf einen andern Gegenstand, den schäumenden und tosenden IV atuwau , gezogen wurde. Der Fluss war ungefähr 150 Vards breit und hat seinen Namen von dem Aasgeier den die W apisianas : Watuwau nennen. Obschon er an demselben Wassermangel wie der Takutu litt, und uns kaum bis zum Gürtel reichte , so gehörte der Ueber- gang, in Folge der ungemein reissenden Strömung und der zahllosen vereinzelten Granitblöcke in allen Grössen und Formen, doch zu den schwierigsten, nament- lich war er dies für mich, da mich eben wieder ein heftiger Fieberanfall überrum- pelte und so weidlich durchschüttelte , dass wir am jenseitigen Ufer einige Stun- den anhalten mussten, bevor ich die Reise fortsetzen konnte. Auf dieser Seite war die Savanne wieder mit kleinen, eckigen Quarzfragmenten, so wie mit grösse- ren Blöcken überzogen, die mir namentlich das Gehen mit den durch die Sandalen wund geriebenen Füssen ungemein schmerzhaft machten.

Nachdem wir den Rücken des Aruatimau, eines Hügels von ungefähr lOOFuss Höhe, der ebenfalls mit grossen Quarz- und Granitblöcken überdeckt war, erreicht, lag das reizende Gebirgspanorama des Kai-irite (Mondgebirges) in einem wahrhaft zauberhaften Glanze vor uns. Nach den halbmondförmigen Umrissen seines Gra- tes, nennen die Wapisianas den Gebirgszug Kai-irite (Kaira der Mond), die Brasilianer Serra da Luna. Der oben erwähnte magische Glanz wird , wie bei einigen Gebirgsmassen des Canuku und Pacaraima durch die Feuchtigkeit, die sich auf dem kalten Quarzgestein niederschlägt, und die Sonnenstrahlen, wenn sie sich unter einem bestimmten Winkel reflektiren, erzeugt, wie daraus hervor- geht, dass sobald die Sonne eine gewisse Höhe erreicht, die Massen ihren intensiv weissen Glanz 30 CO Miles weit zu verbreiten anfangen, was jedoch nach dem verschiedenen Stande der Sonne immer blos periodisch der Fall ist. So leuchtete einer der Felsen des Pacaraima nur vom Mai bis August, während vor und nach dieser Zeit die Strahlen nicht unter den Winkel auf seine feuchte Oberfläche fielen, um dieselbe in dem angegebenen Grade zu reflektiren. Der Felsen Curassaivaka und Guaniwaka im Canuku hat ebenfalls solche scheinende Quarz- stellen, der Kai-irite ühertrifft sie jedoch alle bei weitem. So nahe dieser Gebirgs- zug dem Rio Branco liegt, so ist er den Brasilianern doch eben so unbekannt, wie den Indianern. Jene hallen ihn für das Gebiet der wildesten und grausamsten In- dianer, und vermeiden seine Nähe aus Furcht vor den Menschen, diese aber sehen ihn als den Sammcl- und Tummelplatz aller bösen Dämone an, und fliehen seine Nähe aus Furcht vor der fürchterlichen Begegnung der Geister. Der Zug erstreckt

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sich von N. nach S.O., sieht aber mit dem Gebirge des obern Essequibo in keiner Verbindung. Der höchste Punkt des Gebirges erhebt sich 3100 Fuss.

Nachdem die trigonometrischen Messungen beendet waren , stiegen wir den Ilügel abwärts und betraten ein enges, waldiges Gebirgsthal, dessen rechte Seite ein 900 Fuss hoher, pyramidenähnlicher Berg bildete, den die Wapisianas « Aru- atintiku » (Tigerberg) nannten. Ungeachtet nach der Aussage unserer Beglei- ter sich hier eine Menge Jaguare aufhalten sollten , schlugen wir doch an seinem Fusse unser Lager auf, denn wir waren mehr als ermüdet, und durstiger als wir seit dem Mahu wieder gewesen. Der Berg ist bis zum Gipfel bewaldet ; dort er- hebt sich noch eine nakte, spitze Felsenmasse über die dunkle Laubmasse. Die Hügel der linken Thalseile waren nur von unbedeutender Höhe.

Einige kleine Vertiefungen, mit einem bläulich milchigen, dicken Wasser an- gefüllt, lieferten nicht soviel, um unsern Durst zu löschen und die Gefässe zum Kochen zu füllen. Glücklicher Weise fanden die Indianer mehre Melicoccabäume, deren Früchte uns das reichten, was uns die Vertiefungen versagten. Ein wüthen- der Sturm, der sich gegen Mitternacht aus S.W. erhob, sauste mit solcher Gewalt und Wuth durch das enge Thal, dass wir jeden Augenblick durch irgend einen entwurzelten Baum erschlagen zu werden fürchteten. Der Durst trieb uns schon vor Sonnenaufgang aus den Hängematten und zum Antritt der Tagestour. Der Weg führte uns bald an der isolirten Hügelgruppen Tabaitiku vorüber, die einen ziemlich regelmässigen Halbkreis bildet und mit dem westlichen Ausläufer des Aruatintiku in Verbindung stellt. Auch hier war die Basis der einzelnen Hügel dicht bewaldet, während ihre Gipfel in schroffen und kahlen Felsenzinnen ausliefen. Eine schöne, blühende, baumartige Cassin verlieh dem Thalwalde ein ungemein liebliches und wechselndes Colorit. Bald darauf wurde die Savanne immer steiniger, die einzelnen Quarz- und Granitblöcke nahmen immer mehr au Höhe und Umfang zu und wuchsen endlich zu förmlichen Felsen an, bis sie von der isolirt aus der Savanne aufspringenden , kleinen Gebirgskette Muruwit mit ihren thurm- oder säulenförmigen Felsengipfeln unterbrochen wurde. Der west- lichste dieser Berge, an dem uns der Weg vorüberführte, ist eine solide Granit- masse von 4 500 Fuss Höhe ; die Wapisianas nannten ihn , wie alle kahlen Felsenhöhen, Kuipaili. Der Coloss bot nach seinen von drei Seiten senkrechten Abfallen und einer Menge Cereus, Melocaclus, Agaven , Tillandsicn und Orchi- deen , besonders Epidcndrum, Monachanthus , Cyrlopodium Andersonii, und einzelne Gesnerien , die in dem Felscngekliift hinlängliche Nahrung fanden, ein gar wunderbares Bild, das durch einen förmlichen Pallisadcnkrcis von riesenhaftem, grauem Cereus, der die Basis der dunklen Gcslcinmassc umzog, ein höchst charak- lerislischcs Aeusscrc erhielt. Dieser Pallisadcnkrcis schmückt sich nur des Nachts

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mit seinem festlichen Kleide , den reizenden , feenhaften , oft fusslangen weissen Blüthen, die dann aber mit ihrem Dufte die ganze Luft erfüllen und sich schon wieder schliessen, ehe die Sonne das erste Viertel ihrer Bahn durchlaufen, um sich nie wieder zu öffnen. Nur die schönen rothen, apfelartigen Früchte unterbrachen in etwas die düstere Einförmigkeit dieser Verhaue und boten unsern lechzenden Gaumen eine Labung, die man sonst in ihrer Nähe vergebens sucht, da ihr Auf- treten das sicherste Zeichen einer vollkommnen wasserarmen Umgebung zu sein pflegt Da mein Bruder zum Behuf einiger Messungen von der einzig zu- gänglichen Seite den Gipfel ersteigen wollte , so eilten wir übrigen voraus und einem dichten Gebüsch zu, das sich am Horizont aus der Savanne erhob; denn dort musste Wasser sein ! Die sengende Hitze hatte unsre Sehnsucht nach einem Tropfen des flüssigen Elements so gesteigert, dass schon die Hoffnung in jenem dunklen Gebüsch solches zu finden , mich kaum auf den lieblichen blauen Teppich, den hier und da die niedliche Xiris americana ( Aubl .) über die Savanne aus- breitete, achten liess ; hier und da streute eine Varietät weisse Flocken in die tief- gesättigten blauen Flächen , die uns die Erfüllung unserer Wünsche fast mit Ge- wissheit verhiess , obschon sie mehrmals durch andere Strecken wankend gemacht wurde, die förmlich mit ein halb bis zwei Fuss hohen Granitplatten gepflastert waren. Hatte mich die Xiris nicht in meinem Wettlauf nach dem lockenden Ge- büsch aufhalten können , so blieb ich doch verwundert vor der ersten dieser merk- würdigen , natürlichen Pflasterungen stehen , die sich etwa über eine Fläche von 200 Fuss Breite ausdehnte. Keine Platte lag auf der andern , das Auge schaute über eine vollkommene Steinflur, in welcher Platte an Platte gelegt war, zwischen denen hier üppige Rhexia und Melastoma , dort Clusien, Euphorbien, Pcpcromia, Gesnerien oder Tillandsicn ein förmliches, wenn auch in seinen Maschen unregel- mässiges Netzwerk bildeten. Wo die jedesmaligen Zwischenräume sich etwas grösser zeigten , starrten uns zahllose Melocactus , bewaffnet mit ihren furcht- baren , langen Stacheln und ihrer aschgrauen Oberfläche , umgeben von ihrer un- zählbaren Nachkommenschaft, entgegen; doch unwiderstehlich zog uns derbren- nende Durst und mich ausserdem ein heftiger Ficberanfall dem dunklen Gebüsch zu, unsers Bleibens war hier nicht! Von diesem einen Gedanken beherrscht, hatte ich nicht auf denWeg geachtet, da hielt ein markdurchdringender Schmerz in der Fusssohle, der mir einen lauten Schrei auspresste, plötzlich unsere Eile auf. Ich war auf einen Melocactus getreten, die ]/4 Fuss langen Stacheln waren mir durch die Sandalen in den Fuss gedrungen und hier abgebrochen. Gestützt auf die Schultern z'weier Indianer hinkte ich blutend dem Gebüsch zu, wo wir nicht allein unsere Hoffnungen erfüllt fanden , sondern wo ich mir auch die abgebrochenen Stachelspitzen von den Indianern aus der Sohl herausschneiden und die Wunden aus-

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waschen lassen konnte. Die brennenden Schmerzen des Fusses und der doppelt zu- rückgekehrte Fieberaufall nöthigten mich, die Hängematte in dem Schatten zweier Bäume aufzuschlingen, um mich bis zur Ankunft meines Bruders wenigstens etwas zu erholen. Dieser hatte inzwischen auf dem Gipfel des Kuipaiti eine niedliche Helicteres gefunden 5 es war eine neue Species, Helicteres glaber ( Schomb .).

Der Durst, der Fieberanfall und der Schmerz der Fusssohle hatten mich so ermattet, dass ich mich bei der Fortsetzung der heutigen Reise kaum vorwärts bewegen konnte , und mehr geschleppt werden musste , als dass ich selbst ging. Dazu gesellte sich noch der lästige Kohlenstaub , der durch das Anbrennen der Savanne entstanden, dass die Indianer niemals unterlassen können, wenn sie von einem Rendezvous aufbrechen. Das Feuermeer, durch einen östlichen Wind heftig angefacht, wurde in der Richtung, die wir einzuschlagen hatten vor uns herge- trieben. Eine dichte Waldgruppe in der Ferne hatte ihm « Halt» geboten, was uns die fixirten Rauchsäulen verkündeten, die von ihrem Saum aufstiegen.

Nachdem wir die Oase und ein kleines Flüsschen, das sich in tausend Krüm- mungen durch sie hinwand , durchschritten , traten wir wieder in die offene Sa- vanne und damit zugleich in einen fast ununterbrochenen Sumpfboden, auf welchem uns der Wasserüberfluss fast eben so peinigend wurde, als am Vormittag der Wassermangel. Sumpf folgte auf Sumpf, die wir alle zu durchwaten hatten, wo- bei uns das Wasser oft bis unter die Arme reichte. Bei solcher Gelegenheit erreg- ten die abgehärteten Naturen unserer Indianer unsere volle Verwunderung. War einmal ein längerer, trockner Zwischenraum eingetreten, und erreichten wir dann wieder Sumpfstellen, so ging es von Seiten unserer Begleiter, obschon sie in Folge ihrer Last von Schweiss trieften , ohne Zaudern in das Wasser hinein und hin- durch. Hätten wir nach jedem Durchwaten unsere allerdings einfache Bekleidung, die eben nur in einem Hemd und leinenen Hosen bestand , wechseln wollen, dann hätten wir eine andere Garderobe besitzen müssen , als wir bei uns führten.

Plötzlich wurde die lautlose Stille, die nicht allein in unserer Colonne, son- dern über die ganze Umgebung herrschte, in der Ferne durch ein heftiges Hunde- gebell unterbrochen, das uns von einem bewaldeten Hügel, an dessen Abhang sich eine unförmliche Granilmasse erhob, entgegcschalltc, ohne dass unsere Augen die Lrheber desselben auffinden konnten. Da unsere Begleiter mit Recht schlossen, dass da, wo Hunde bellten, auch Menschen sein müssten, brachen sie in ein helles Geschrei aus ; alles blieb still, nichts Lebendes liess sich blicken. Der Vorlrab verdoppelte seine Schrille, der Felsen wurde erstiegen, eine dichte Umsäumung aus Agava vivipara , die ihre candelaberartigen Blüthenstengel hoch in die Luft getrieben und sich an das Gebüsch anschloss, wurde durchschritten, und bald ent- deckten die vordersten auf einer Felsenbank zwischen den Agaven einen alten

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Indianer, der Pfeil und Bogen in der Hand trug und unsere Bemühung gleichgül- tig beobachtete. Nachdem er einige Worte mit unsern Indianern gewechselt, drehte er sich nach einem dichten Gebüsch um und stiess einige laute Töne aus worauf sich das Gebüsch theilte und eine junge, niedliche Indianerin mit einem hübschen Knaben an der Hand zum Vorschein kam, der nicht lange darauf ein junger, starker, ebenfalls mit Bogen und Pfeilen bewaffneter Indianer in Be- gleitung mehrer schönen Hunde folgte.

Die Jagdparthie hatte uns schon in weiter Entfernung bemerkt, und uns, durch unsere grossen Sti'ohhüte verleitet, für Brasilianer gehalten; als ihnen das nicht zurückzuhaltende Gebell der Hunde gesagt, dass ihre Gegenwart verrathen sei, hatte sich das junge Ehepaar mit dem Sohne in einen sichern Versteck zu- rückgezogen; nur der alte Mann, den sein hohes Alter vor der Sklaverei schützte, war zurückgeblieben , um die vermeintlichen Menschenjäger durch seine Gegen- wart von einem genauem Durchsuchen des Waldes abzuhalten, oder im Noth- fall den Verborgenen ein Zeichen zu geben, die weitere Flucht zu ergreifen.

Die Leute waren aus der Niederlassung Tuarutu, unserm vorläufigen Reise- ziel, in den uns jetzt nicht mehr allzufernen Gebirge gleiches Namens gelegen. Um sich in der Savanne Rehe zu schiessen , die es im 7Wmfw-Gebirge nicht giebt, hatte die Parthie ihre Jagdstreiferei bis hierher ausgedehnt. Sie hatten das Dorf vor 3 Tagen verlassen.

Die allseitig ersehnte Ruhe nach einem so ermüdenden Marsche verscheuchte leider ein fürchterlicher Gewitiersturm , der gegen Mitternacht mit einer sol- chen Heftigkeit über uns hereinbrach , dass an keinen Augenblick Schlaf mehr zu denken war. Der Regen stürzte in solchen Strömen auf unsere Zelte nieder, dass nicht einmal die dickgeölten Zelttücher dem Angriff widerstehen konnten, obschon wir diese unter dichtbelaubten Bäumen aufgespannl hatten. Alle Ele- mente waren in Aufruhr; der entfesselte Sturm sausste und rasete durch den uns umschliessenden Wald, wobei sein wildes Geheul in einzelnen Momenten von den krachenden Donnerschlägen oder dem dumpfen Gedröhn eines in grösserer oder geringerer Entfernung stürzenden Riesenbaumes iibertäubt wurde, das uns jedesmal im Innersten erzittern Hess, da wir in Folge der wahrhaft ägyptischen Finsterniss, die nur auf Augenblicke von den flammenden Blitzen erhellt wurde, immer fürchten mussten , einer der mächtigen Bäume in unserer unmittelbaren Nähe sei entwur- zelt, und werde uns im nächsten Augenblick unter seiner Last begraben. So schwer es uns auch wurde, bei dieser Aufregung der Elemente in unserer Hängematte lie- gen zu bleiben, so war dieses vollkommen passive Ausharren doch das einzige Mit- tel , den uns überall drohenden Gefahren wenigstens so weit zu entgehen , als sie nicht über das Fleckchen hereinbrachen, das wir eben inne hatten. Die armen India- II. Theil. 9

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ner, die sich keines solchen Weiters versahen, waren noch viel schlimmer daran, als wir, da sie sich keine Reisehiitten aufgebaut und ihre Hängematten hlosz wischen den Bäumen aufgehangen, aus denen sie das grauenhafte Wetter unter unser Zelt- dach trieb, wo sie wie die Heringe an einander geschichtet, auf den Fersen hockend und zähneklappernd vor Frost auf dem Boden sassen , und dann und wann von den Blitzen grell beleuchtet wurden , um dem Auge im nächsten Moment wieder zu verschwinden.

Endlich, wir hatten ihn lang ersehnt, kam der Morgen, und es wurden augenblicklich alle Anstalten zur Fortsetzung der Reise getroffen; unbemerkt war die Indianer-Familie schon aufgebrochen , denn vergebens suchten wir sie bei Anbruch des Tages, und waren daher genöthigt , ohne ihre Führung die niedere Savanne zu durchwaten , die der wolkenbruchähnliche Regen in einen förmlichen See umgewandelt halte. Bei der kühlen Temperatur des frühen Morgens war dieser über zwei Stunden anhaltende, nasse Weg, auf dem uns das Wasser oft bis über die Iinie ging , kein angenehmer. Ausser einer neuen Species Oncidium , die den Wasserspiegel an einzelnen Stellen mit ihren gelben Bliithenstengeln überragte, war die niedere Vegetation gänzlich überdeckt.

Bald nachdem wir die wasserreiche Savanne durchschritten, nahm uns das waldreiche Tuanitu-Gvblrge auf, wie wir zugleich ein schmales Defile betraten, das sich in dem dichten Urwald und zwischen Bergen von 4 500 Fuss Höhe hin- zog , die in der Ferne von einer noch hohem Kette überragt wurden. Der Pfad wurde immer steiniger und unwegsamer, bis er endlich ganz verschwand, und dann wieder auf einzelnen kleinen, steinigen Savannenflecken zum Vorschein kam, die von nun an fast ununterbrochen mit dem dichten Urwalde abwechselten.

Unsere Neger und Farbigen erhielten die strengsten Befehle , sich mehr zu- sammen und namentlich zu der Avantgarde der Reihe zu halten, da zwischen den Felscntrümmern und in dem pfadlosen Urwald ein Abirren nur zu leicht möglich war. An vielen Stellen mussten wir endlich sogar Hände und Füsse zu- gleich brauchen , um über die massenhaften Granitblöcke , die oft förmliche Gür- tel und Verhaue bildeten, hinwegzukommen. Es war die wildeste und roman- tischste Scenerie, die ich noch gesehen ; eine Landschaft mit unendlichen Reizen, die in ihrer steten Abwechselung zwischen phantastischen Felsenriffen , die hier gleich Uyclopenbauten aus der tiefgesätliglen Belaubung emporragten, und den lieblichsten Wiesenthälern , das Auge mit einem bannenden Zauber fesselte. Gleich den Ameisen klimmten die braunen Gestalten mit ihren Lasten in den diislern Massen empor, jetzt verschwanden sie zwischen den Spalten und Rissen, um bald darauf, wie der Bergmann aus dem Schacht, wieder aufzutauchen; endlich zog eine riesige Pyramide, die in einer Entfernung von etwa 2 Miles uns

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zur Linken ihre Umgebungen weit überragte, alle Blicke auf sieh; die W apisia- nas nannten sie Aikuwe, und mein Bruder glaubte sich in die Nähe der Ufer des Quilaro versetzt, auf dessen schäumende und von Cataracten unterbrochene Wasser ebenfalls eine in ihrer Form vollkommen gleiche Felsenmasse, der Alararpu (Teu- felsfelsen) ernst und düster herabschaul. Der Wald, der die wilden Savannenstrecken unterbrach, wurde endlich so dicht, dass selbst die sengenden Strahlen der Mittags- sonne die fest von Lianen in einander verschlungenen und mit einander verbunde- nen Baumgipfel nicht durchbrachen. Während uns eine weniger grosse Anzahl ecki- ger, scharfer und spitzer Felsentrümmer den Boden gangbarer machte, wurde er da- für von mächtigen Baumwurzeln überzogen, an denen ich die Schnüre meiner San- dalen durch unaufhörliches Anstossen nur immer tiefer in das Fleisch zwischen den Zehen eintrieb, so dass mich der Schmerz bei jedem neuen Anstoss zu den künst- lichsten Luftsprüngen zwang, und mich laut aufschreien machte. Was hätte ich darum gegeben , wenn ich jetzt ein Paar Schuhe oder Stiefeln herbeizaubern oder wenigstens meine Beine an den stelzenartigen Schritt der Indianer gewöhnen kön- nen ! Zu diesen allgemein verbreiteten Hemmnissen gesellten sich noch hier und da Verhaue von umgestürzten Bäumen, die die gestrigen und frühere Stürme auf ein- ander gethürmt hatten, und ungeheure Schichten von trocknen Wedeln der Stech- palmen ( Astrocaryum , Bactris ), deren Stacheln mir fast bei jedem Schritte fühlbar machten , dass meine Fiisse auch an andern Stellen , als der Ferse verwundbar waren. Zum ersten Male waren die Indianer Gegenstand meines Neides; die brau- nen Gestalten schlüpften zwischen den Bäumen und über alle diese Hindernisse, wie die Schatten hin, ohne dass ihnen wie mir das Blut an den Füssen herabge- laufen, oder Hände und Arme zerrissen worden wären. Um, wenn auch nicht im Gesichtskreis dieser flüchtigen Führer, doch wenigstens im Bereich des Schalles zu bleiben , wurde von Zeit zu Zeit durch einen herzhaften Schrei ein Signal ge- geben , das sich dann vor und hinter uns fortpflanzte , bis die Erwiederung der Nachzügler in fast unhörbaren Tönen erstarb und uns sagte, dass die gegebenen Befehle von den Negern und Farbigen doch nicht befolgt worden Avaren.

Nachdem wir noch einige Zeit in dem Defile fortgegangen, erstiegen wir wie- der einen Hügel , dessen Abhänge wo möglich mit einer noch grossem Zahl mäch- tiger Granilblöcke bedeckt waren, zwischen denen und über die wir unsern Weg in Schlangenlinien fortsetzten. Viele dieser Blöcke waren mit Orchideen , Agaven und Cactus bedeckt, am häufigsten mit Cyrtopodium Andersonii , Schombitrg- kia marginata , Cattlcya si/perba, Maxillaria, Brassavo/a , Vanilla. Seitdem Bupvnuni halte ich die Cattleya nicht wieder gesehen. Wo sich etwas Pflanzen- erde angesammelt, da waren auch Sträucher der Cassia und Eugenien aufge- schossen, die förmlich aus den Gesteinmassen herauszuwachsen schienen. Als wir

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den Gipfel erstiegen hatten, breitete sich zu unsern Füssen abermals eine steinige Savannenstrecke aus, an deren Ende sich ein riesiger Ficus erhob, welcher seine mächtigen, horizontalen Zweige weil in die Luft ausstreckte; diese wurden von un- zähligen Stützen getragen, welche seine Luftwurzeln bildeten, die nach dem gan- zen Umfang seiner Laubbedachung zur Erde herabgegangen waren und hier wieder Wurzel gefasst hatten. Giebt das mächtige Laubdach diesem Riesenbaum mit seinen Stützen, der darin am meisten dem auf Ceylon vorkommenden Banyan- Baum (Ficus i/idica) gleichkommen mag, in einer gewissen Entfernung ein schon an und für sich äusserst charakteristisches Aussehen, so trat dies hier in noch höherem Grade hervor, da sich unmittelbar hinter ihm eine ungeheure Granitmasse auf- thürmte, die sich, vielleicht l‘/2 Mile im Umfang, wenigstens bis zu 300 Fuss er- hob ; über diese sollten wir hinüber ! Auf den vielen einzelnen Blöcken in dem kühlenden Schatten des Ficus, gönnten wir unsern müden Gliedern die uns jetzt so nölhige Ruhe, und wollten zugleich, bevor wir den Steinwall erklimmten, die Nachzügler wenigstens auf dem Grathdes hinter uns liegenden Hügels erwarten, die wir auch nach und nach einzeln, aber höchst schwerfällig, dort auftauchen sahen.

Hatte schon das Aufklimmen an der riesigen Felsenmasse ungemeine Vorsicht gefordert, so wurde dieselbe in einem dreifachen Grade bei dem Herabgleiten, denn so nur konnte man das Abwärtssteigen auf der andern Seite nennen, in Anspruch genommen. Die Höhe deckten ebenfalls Cereus , Melocactus , Agaven und hier und dort das niedere Gesträuch eines Desmanlhus , sowie mehre Clusien und Cas- sien. An der jenseitigen Basis des Felsens angelangt, schloss uns wieder ein neues, von Bergen und Felsen umgebenes Basin ein, über das uns unsere Führer, welche sich in ihrer Richtung nach einzelnen Felsenkuppen und Riffen richteten, theils durch kleine dichte Waldungen, theils über unbedeutende Savannenstrecken führten. Nur diese offenen Savannen gestalteten uns einen Rundblick über unsere wild roman- tischen Umgebungen. Ich habe nie wieder bizarrere Felsenmassen, nie wieder Thäler oder Höhen gefunden, die ich denen, welche unsere heutige Tour umfasste, auch nur im Entferntesten an die Seite hätte stellen können. Hatte ich früher über die reiche Phantasie der Indianer lächeln, und meine nordische Armuth bejammern müssen, wenn sie mir in diesem Felsen einen Menschen, in jenem irgend welches Thier zeigten, so glaubte ich mich hier in ein wahres Zaubergehiet versetzt, in welchem die versteinerte Welt mit brennendem Verlangen des lösenden Zauber- slabcs harrte , um ihr geschäftiges Leben , das ein bannendes Machtwort unter- brach , ungestört wieder fortzusetzen. Die Scheitel des gesammten Hügelkreises liefen in kahlen Granit-, Gneis- und Quarzmassen von den cigenthümlichsten Bil- dungen aus, während die letztem in Folge der reflectirten Sonnenstrahlen über die dunkeln Laubmassen des Thalkessels einen Glanz verbreiteten, der die Täuschung

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nur noch mehr erhöhte. Schon der Gedanke, sich in diesem Felsenlubyrinth zu ver- lieren, erregte ein unheimliches Frösteln, und bereits befand sich einer unserer Ne- ger, und dazu noch der kopfloseste von Allen, Hamlet, in dieser schrecklichen Lage !

Seitdem wir den Savannensee verlassen, hatten wir keinen Tropfen Wasser mehr zu Gesicht bekommen, wohl aber Felsen und Sonnenbrand unsern Durst bis zum Verschmachten gesteigert. Zu meiner Pein kam noch ein heftiger Fieberanfall, der uns zum Halten nöthigte ; inzwischen w urden die Indianer angewiesen, sich in den Umgebungen zu zerstreuen, um vielleicht einen Sumpf oder ein rieselndes Bächlein aufzufinden. Mit welcher Sehnsucht namentlich ich jedem aus dem Ge- büsch heraustretenden Abgesandten entgegensah, wird nur der begreifen können, der von dem Wechselfieber in seinen höchsten Stadien heimgesucht worden ist, und sich vergebens nach einem kühlenden Trunk gesehnt , nachdem ihm eine un- unterbrochene Tour von fast sechs Stunden über durchglühtes Gestein und unter sengenden Sonnenstrahlen Mund und Gaumen völlig ausgetrocknet hat ! Einer nach dem andern kehrte zurück , ohne nur einen Tropfen Wasser gefunden zu haben ; die lechzenden Nachzügler trafen wenigstens theilweise ein und schauten sehnsüch- tig mit uns den noch ausbleibenden Indianern entgegen ; aber auch diese kehrten zurück, ohne etwas anderes, als einige reife Früchte der Cucurit- Palme ( Maxi - miliana regia) mitzubringen, die zwar etwras süsslichen Saft besitzen , dabei aber ein unangenehmes Kratzen im Gaumen zurücklassen , das bald nach dem Genuss die Pein des Durtes nur noch mehr erhöht; und doch genossen wir sie, um der lechzenden, bleiernen Zunge, dem ausgetrockneten Munde nur etwas Feuchtigkeit zu geben.

Wiewohl noch immer sämmtliche Neger , sowie auch noch einige Andre fehl- ten , so glaubten wir doch keine ernstliche Befürchtung hegen zu dürfen , und da unser Warten nur unsere Pein verlängerte, so setzten w ir die stumme Reise wieder fort. Der Wald, den wrir jetzt durchschritten, w urde immer dichter, die Bäume immer colossaler, und bald verkündeten die zahlreichen tiefen Seufzer, die sich von dem Vordersten auf den Nächstfolgenden u. s. w. fortpflanzten, dass w ir abermals an dem ausgetrockneten Bett eines Sturzbaches angekommen waren. Bei der ersten Kunde, dass hier früher Wasser vorhanden gewesen sei, hatten w ir uns nach ober- und unterhalb des Beltes zerstreut, um vielleicht in einer felsigen Vertiefung noch etwas Feuchtigkeit vorzufinden; aber der verabredete Ruf blieb aus, einer nach dem andern kehrte zurück , und das langsame Rascheln des Laubes , das sich in dem Bett gesammelt, verrieth uns, die wir zuerst nach der Ausgangsstelle zurück- gekehrt waren, da uns die Kräfte zum weitern Vordringen fehlten, dass auch jene nicht glücklicher gewesen! Nach mehrmaliger, vergeblicher Wiederholung dieser Excursioncn gaben wir die Hoffnung bei den folgenden Flussbetten verzweifelnd auf.

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w as aber jetzt um mich vorging, war für mich gleichgültig; wie die Indianer in diesem Walde die Richtung nach unserm Ziele auffinden konnten, hatte für mich kein Interesse, mit abgestumpften Sinnen wankte ich willenlos meinem Vorgänger mit der mich fortwährend beherrschenden fixen Idee nach, in jedem ungewöhnlichen Ton das Wort « Tuna » (Wasser) zu hören.

Doch diese Lethargie sollte plötzlich auf eine nichts weniger als angenehme Weise gehoben werden.

Der Weg war immer unwegsamer und verworrener geworden, und die an der Spitze befindlichen Indianer mussten ihn von jetzt an mit Axt und Wald- messer wenigstens soweit klären, dass wir Nachfolgenden hindurchkriechen konn- ten. Mehre ausgestossene Schmerzensrufe, ein dumpfes Summen um meine Ohren und das gänzliche Zersprengen der Reihe spannten meine erschlaffenden Sinne wieder so weit an , dass ich mich von der Ursache der wilden Flucht überzeugen und mich derselben anschliessen konnte. Als das Gebüsch umgehauen wurde, waren mehre kopfgrosse Nester einer grossen Wespe ( Marimbonla ) mit zur Erde gefallen , deren Bewohner uns nun wahrhaft wüthend anfielen und verfolgten. Unter wildem Geschrei, mit niedergebeugtem und von den Händen bedecktem Ge- sichte verschwanden die Indianer im Gebüsch , aber die sich oft wiederholenden Schmerzenstöne verkündeten deutlich genug, dass mancher von den wüthenden Thieren ereilt worden sei, was uns nach beendeter Verfolgung auch die dickge- schwollcnen Gesichter nur zu augenscheinlich bestätigten. Um einem solchen Wes- pennest auszuweichen, scheut selbst der Indianer einen bedeutenden Umweg nicht.

Eine Menge durch das Dickicht gebrochener Pfade Hessen plötzlich unsre Ilolfnungen von neuem aufleben. Hier mussten Menschen in der Nähe wohnen, Bäche in der Nähe sein , denn woher sonst die vielen Wege, die unsere Richtung unter allen Winkeln durchkreuzten? Die ernste Warnung der voranschreilen- den Indianer, keinen dieser trügerischen Pfade cinzuschlagen , nur immer dem Vordermann zu folgen , schlugen abermals die kaum geborne Hoffnung nieder es waren die Wildbahnen der Tapire und Schweine. Die Täuschung war für uns Europäer um so verzeihlicher, da der harte Boden keinen Eindruck der Fährte gestattet und wirklich nur das geübte Auge des Indianers diese Bahnen von wirk- lichen Wegen zu unterscheiden vermag. Wehe dem, der diesen trügerischen Pfa- den folgt; er kann Tage , Wochen wandern, ehe er eine Hütte oder ein mensch- liches Wesen anlrifft, -wenn ihn nicht schon früher Hunger und Durst tödtet !

So mochten wir eine Strecke von einer deutschen Meile in dem unwegsamen Walde zurückgelegt haben , da hörte ich in der Entfernung einen Ton, wie fest gcwurzcll stand ich, lauschte, und die Worte: “Tuna! - Tuna!« schlugen an mein ängstlich horchendes Ohr. Jubelnd, zitternd vor Freude, wiederholte ich mit

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so lauter Stimme, als mir geblieben : « Tuna ! » und vorwärts ging es, um das er- sehnte Wasser so schnell als möglich zu erreichen, und unter einer wahrhaft fieber- haften Aufregung stand ich bald an dem Bette des kleinen Flusses Manatiwau , der zwar kein fliessendes Wasser, wohl aber mehre dunkelgefärbte Pfuhle zeigte. W as kümmerten mich, was kümmerten uns alle die Schaaren Frösche, die, gemächlich ihre vier Füsse ausgestreckt, auf der Oberfläche herumschwammen und, durch das Geräusch aufgeschreckt, nach dem sumpfigen Boden untertauchten , um sich im Schlamme einzuwühlen, und das Wasser noch dickflüssiger zu machen, als es schon an und für sich war! Für uns wurde es zum Nektar, in den wir mit seligem Entzücken unser Cassadabrod eintauchten , die ersten Bissen , welche wir heute unsern Magen anboten , denn der quälende Durst, der trockne Mund, der ausge- dörrte Gaumen hatte dem trocknen Brod den Weg zum Magen unmöglich gemacht. Es war ein Göttermahl für uns ! Vergessen waren unter diesem Genüsse alle Qua- len und Schmerzen , die wir ausgestanden, vergessen alle Erinnernngen an die überstandenen Leiden, und noch ferner lag uns der Gedanke, dass der folgende Tag unser vielleicht mit gleicher Pein harrte ! Um die Nachzügler zu erwarten , hätten wir keinen bessern Ort finden können. Kaum erblickten diese unsere fröhlichen, befriedigten Gesichter, als sie neue Lebenskraft bekamen, in raschen Sprüngen herbeieilten und sich nach gestillter Gier mit gleicher Fröhlichkeit neben uns lager- ten. Die Indianer warfen ihre Last ab und sprangen, ungeachtet unserer Vorstel- lungen mit gleichen Füssen mitten in den Pfuhl hinein, um neben der Stillung ihres Durstes auch den brennenden Gliedern ein erquickendes Bad zu verschaffen , wo- durch das Wasser für die Nachkommenden freilich noch consistenter wurde.

Das Flüsschen Manatiwau ergiesst während der Regenzeit sein Wasser in den Warimiwau , der sich in den Takutu mündet. Nachdem wir wenigstens zwei Stunden geruht , auch viele der Nachzügler uns eingeholt, fehlten nur noch Hen- drick, Hamlet und zwei Indianer; da aber die beiden ersten als die schlechtesten Fussgänger bekannt waren, so glaubten wir, dass sie die Indianer durch irgend ein Versprechen vermocht hätten, bei ihnen zu bleiben, um ihnen den Pfad zu zeigen , was schon mehrmals der Fall gewesen , so dass sie oft mehre Stunden später im Lager angekommen waren. Wir brachen daher auch jetzt wieder auf, um wo möglich Tuarutu noch zu erreichen , das nur noch eine Stunde von hier entfernt liegen sollte, Hessen aber Sororeng zurück, damit dieser die Verspäteten hier erwarten und sie davon benachrichtigen sollte.

Nachdem wir die freie, hügeliche Savanne wieder erreicht und durchschritten, die auch liier von Bergen und dichten Waldungen umschlossen war, erstiegen wir abermals einen der Hügel, dessen Abhänge und Höhe förmlich mit Quarz- und Graniltrümmern, so wie von einer Menge Brauneisenstein in Körnern von Schrot-

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und Postengrösse, dem Bolincnerz vergleichbar, überdeckt waren. In solcher Menge hatten wir den Brauneisenstein in dieser Form noch nicht angetroffen. Nächst diesen kleinen Trümmerfragmenten zogen gewaltige Blöcke eines körnigen Quarzes, die äusserlich durch den eisenoxydhaltigen Thon, wie er uns schon früher als verhärtete Concretionen auf den Savannen des Mahu aufgefallen, tief roth ge- färbt waren ; noch mehr Freude aber machten uns heute die beiden grossen Hütten von Tuarutu, die wir von dieser Höhe auf einer zweiten vor uns liegen sahen, und die wir bald erreicht hatten.

Die grösstentheils bejahrten Bewohner der beiden Häuser waren bereits durch die uns vorausgeeilte Familie von unserer Ankunft benachrichtigt, und kamen uns mit dem keineswegs tröstlichen Geständniss entgegen , dass wir hier nur wenig Provision erhalten könnten, da sie selbst beinahe Mangel litten ; besser aber sei es damit in den benachbarten Niederlassungen bestellt.

Da unsere Provision ihr Ende erreicht, so mussten die Lücken wieder gefüllt werden, und wir hier einige Tage verweilen. Ein kleines Thal mit einer waldigen Oase in der Nähe beider Hütten wurde zu unserem Lager gewählt, und eben hatten wir unsere Zelte aufgeschlagen, als Hendrick mit den beiden Indianern, aber ohne Hamlet ankam , den sie bereits bei uns angekommen glaubten. Aus He ndrick’s Erzählung ging hervor, dass sich Hamlet in dem Walde hinter jener soliden Granitmasse, wahrscheinlich auf einer der Wildbahnen verloren. Hendrick hatte sich durch einen Sturz über eine Baumwurzel schon früh am Tage den Fuss verrenkt, und war dadurch zu öfterer Ruhe genöthigt worden , obschon er sich, soweit es irgend seine Schmerzen gestatteten, in unserer Nähe gehalten. Das Er- klimmen der grossen Felsenmasse hatte ihn so erschöpft und seine Pein so gestei- gert, dass er sich auf der Plattform zu einer längern Rast niederlassen musste, wobei ihn Hamlet mit den beiden Indianern eingeholt. Hendrick bat die letztem, bei ihm zu bleiben , was sie auch thaten , während Hamlet äusserte , er werde immer langsam vorangehen, da er sonst zu spät zum Bereiten des Abendbrodes in das Bivouak kommen möchte. Hendrick folgte nach einiger Zeit mit den zwei In- dianern ; sie erreichten den Fluss Manntiwau, wo sie Sororeng vorfanden, der sie nach Hamlet fragte; da erst erinnert sich Hendrick kurz vor Eintritt der Dunkel- heit eine Stimme gehört zu haben , die ganz wie der Ruf eines Menschen geklun- gen, die aber, nach der Aussage der Indianer, einem Thiere oder Vogel angehört haben sollte. Heute liess sich nichts mehr thun.

Mit Anbruch des Morgens (28. April) traf auch Sororeng ohne Hamlet von dem Ufer des Manuliwau ein , und behauptete, dass sich der Verirrte meilenweit von uns bclindcn müsse, da er sonst seine Signale, die er die ganze Nacht hindurch mit seiner Flinte gegeben, gehört haben und ihnen gefolgt sein würde. Es wurde

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mm alles aufgeboten , um den Unglücklichen aufzusuchen, und nach vielen Ueber- redungskünsten verbunden mit dem Versprechen mehrer Gläser Rum, gelang es uns endlich , zehn Indianer zu vermögen, ihre Antipathie gegen den - Negro » , den schon längst ein Jaguar gefressen haben sollte, weshalb es unnöthig sei, sich weiter um ihn zu kümmern, zu bekämpfen und mit Stöckle an der Spitze aufzubrechen. Dieser erhielt den gemessenen Befehl, alle Viertelstunden ein Gewehr abfeuern zu lassen, und unter Lachen und Kopfschütteln traten sie ihren Weg an.

Die Nachricht von unserer Ankunft hatte sich liier eben so schnell in der Um- gegend verbreitet, als dies an andern Orten der Fall gewesen, denn schon im Laufe des Vormittags bewegte sich ein langer Zug Indianer auf unser Lager zu, um die ersten weissen Leute zu sehen und zu begriissen, welche in diese Gegend gekom- men waren. An der Spitze des Zuges schritt eine lange Gestalt, den Körper, mit Ausnahme der stark bemalten Beine und Arme , mit einem Stück bunten Kattuns umwickelt, das auf dem Wege des Tauschhandels durch wer weiss welchen Zufall hierher verschlagen worden war. Das Haar war zurückgekämmt und über der Stirn mit einer dichten Masse Roucou beklebt, in das sie die weissen Daunen des Hokko- huhns geklebt hatte. Ihr folgte ein anderer geputzter Indianer, der eine Art Sessel trug, dem sich dann noch eine ganze Reihe über den ganzen Körper stark bemalter Indianer anschloss, bis die Frauen den Zug schlossen. Als sie unser Zelt erreicht, begann der Häuptling seine Begrüssungsceremonie , die wie gewöhnlich darin be- stand , dass er die flache Hand dreimal in der Nähe unsers Gesichts auf- und abbe- wegte, ohne dieses selbst zu berühren, worauf er sich gravitätisch auf den unterdess hingestellten Sessel niederliess und die Rapporte empfing, die ihm die übrigen über das , was sie an und neben uns sahen , brachten ; denn er schien es unter seiner Würde zu halten, sich selbst nach uns und unsern Sachen umzusehen. Die Be- richte über Sachen, welche die Begriffe dieser Naturmenschen überstiegen, die sie heute zum erstenmal sahen , schienen etwas verworren zu werden , die Mienen des Herrschers nahmen einen unwilligen Charakter an , die Unterhaltung wurde immer lebhafter, die Berichterstatter mussten immer öfterer zu dem Gegenstand zurückkehren, und ihn nochmals genau ansehen, um eine deutlichere Beschreibung liefern zu können ; endlich schien entweder seine Geduld gerissen, oder seine Neugier von dem, was man ihm mittheilte, so gesteigert zu sein, dass es ihn nicht mehr auf dem Sessel litt. Er stand auf und unterwarf alles, namentlich aber den Kochapparat , den wir in einer besondern Küchenhütte aufgestellt hatten , seiner eigenen Ansicht, und als ihm Sororeng den Gebrauch desselben erklärte, erreichte sein Erstaunen den höchsten Gipfel. Auch bei ihnen erregten unsere Gabeln grosse Bewunderung, die sich noch mehr steigerte, als Sororeng ihnen die praktische Be- nutzung deutlich machte. Dieser Parlhie folgten im Laufe des Tages noch mehre II.TIieil. 10

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andere , von denen ebenfalls jedes einzelne Stück auf das sorgfältigste gemustert wurde. Unter den Zulelztangekommenen zog namentlich ein Halbindianer ( Capou - cre), dessen Vater ein Neger und dessen Mutter eine Indianerin gewesen, unsere Aufmerksamkeit, besonders wegen seines eigentbümlichen Haarwuchses auf sich. Dieser hatte nämlich halb den Charakter des Vaters, halb den der Mutter angenom- men, war somit weder zum vollkommen gekräuselten Wollhaar des Negers, noch zum schlichten des Indianers gekommen, und starrte nun, halb dieses, halb jenes, in die Luft, was dem Kopfe ausser einem ungeheurem Umfang ein höchst auffallen- des Aussehen verlieh. In Bezug auf den Körperbau übertraf der Mischling die Indianer nicht nur an Stärke und Grösse, sondern auch an gedrungener, kräftiger Muskulatur; seine Färbung war ein Gemisch von Braun und Schwarz. In Britisch- Guiana sind uns nur wenige solcher Individuen begegnet; desto zahlreicher sollen sie in Surinam sein, wo sich die entlaufenen Sklaven vielfach mit Caraibinnen ver- heirathet haben.

Auch unter den JVapisianas fanden wir jene flechtenartige Hautkrankheit hei- misch, und sahen unter den Versammelten mehre Individuen, die in einem ziemlich hohen Grade damit behaftet waren. Bei einzelnen Kranken war nicht allein die Brust und das Gesicht, sondern selbst die Extremitäten mit den sich schuppenden, weissen Flechten überzogen, was ihnen ein höchst merkwürdiges, gewissermassen abschreckendes Aeussere gab; es waren, wenn ich mich des Ausdrucks bedie- nen darf, umgekehrte Schimmel. Allen Erfahrungen nach, die wir machten, scheint bei den Indianern gerade die Haut das reizbarste und den meisten Krank- heiten unterworfene Organ zu sein. Auch hier entdeckte mein Bruder einen alten Bekannten vom Fort Saö Joaquim , den er dort im Jahre 1837 als Sklaven gefun- den. Später hatte sich ihm eine günstige Gelegenheit zur Flucht gezeigt, die er mit günstigem Erfolg benutzt.

Spät am Abend kehrte Stöckle mit seiner Parthie ohne Hamlet, aber wie wir wohl fanden, auch ohne viel nach ihm gesucht zu haben, in’s Lager zurück. Die Indianer, welche Stöckle's Charakterfestigkeit kannten, hatten ihn ziemlich schnell zu der Uebcrzeugung gebracht, dass der « Negro >< längst von einem Jaguar zer- rissen worden wäre, und sich dann ruhig niedergelegt, um die Zeit bis zum Abend zu verschlafen.

Durch diese unverzeihliche Vernachlässigung stieg unsere Besorgniss um den armen Verirrten natürlich immer mehr, und cs musste jetzt alles aufgeboten werden, um ihn, wo möglich, noch zu retten. Für die Nacht wurden daher grosse Massen Holz auf dem Gipfel des Hügel aufgcsehichtct und angezündet, damit Hamlet, wenn er noch am Leben war, durch den sich weit hin verbreitenden Schein auf- merksam gemacht würde. Am folgenden Morgen, dem um Mitternacht wieder ein

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Gewittersturm vorhergegangen war, wurden alle Indianer der Nachbarschaft auf- geboten , um uns im Aufsuchen des wahrscheinlich schon vor Angst halbtodten Hamlet behiilflich zu sein. Bald hatten die gemachten Versprechungen, denn erst nach diesen zeigten sie sich bereit , den « Negro » mit aufsuchen zu helfen, gegen 20 um uns versammelt, so dass wir mit unsern Leuten einen Haufen von 50 Mann bildeten, der in drei Parthien getheilt wurde; die eine derselben ging unter Leitung meines Bruders unsern alten Weg zurück, die zweite, von Herrn Goodall be- gleitet, wandte sich mehr nördlich, während ich mit der dritten eine südliche Rich- tung einschlug, wobei wir fortwährend in kurzen Zwischenräumen unsere Gewehre abfeuern sollten, um Hamlet auf die nahende Hülfe aufmerksam zu machen.

Bald hatten wir die beiden andern Züge aus dem Gesicht verloren, der Schall der von jedem abgefeuerten Gewehre wurde immer schwächer und erstarb endlich ganz. Schüttelnd und lachend meinten meine Indianer, dass der « Negro » das Pul- ver gar nicht werth sei , welches man lieber zur Jagd auf Tapire, Hokkohühner u. s. w. verwenden sollte; ja, es gab einzelne Momente, wo ich meine ganze Ueberredungsgabe und Energie aufwenden musste, um sie vom Umkehren abzu- halten. Dieser allgemeine Hass der Indianer gegen die Neger ist merkwürdig, namentlich da er sich nicht allein auf besondere Oertlichkeiten beschränkt, sondern sich in gleichem Masse über Brasilien , Chili und Peru verbreiten soll.

Nachdem wir durch Sümpfe gewatet, durch Gebüsche gekrochen, bergauf und bergab gestiegen, über Felsen geklettert und nichts versäumt hatten, was den Verirrten nur irgend auf unser Bestreben aufmerksam machen konnte, sah ich mich gegen Sonnenuntergang , wo mich wieder ein heftiger Fieberanfall durch- schüttelte, genöthigt, den Rückweg einzuschlagen. So störrisch sich auch die Indianer gezeigt, so wandten sie später doch ihren ganzen Scharfsinn an , um aus den aufgefundenen Spuren , die für mich freilich vollkommen unbemerkbar blieben, zu untersuchen, ob sie von Hamlet, d. h. von einem Neger , herstammten: «dies ist der Fussstapfen eines Indianers; dies einer Indianerin; hier ging einer vorüber, welcher nicht zu unserm Dorfe gehört», doch die Worte, die ich so sehnlichst erwartete: «hier war der Neger,» blieben aus. Der Scharfsinn der Indianer in dem Auffinden dieser Fussspuren grenzt in der That an das Zauberhafte. Im feuch- ten Gras hätte auch ich mich anheischig gemacht, die Fussstapfen eines Europäers, Negers und Indianers von einander zu unterscheiden , aber diese selbst auf den Felsen zu entdecken und zu classificiren , schien mir dem Hellsehen verwandt.

Es war schon ziemlich finster, als wrir in der Niederlassung ankamen, in der wir Herrn Goodall bereits vorfanden, ohne dass auch er nur die leiseste Spur von Hamlet entdeckt hatte.

Eine halbe Stunde später verkündete uns ein lautes Lärmen die Rückkehr der

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letzten , aber auch glücklichen Parlhie. Ungefähr sechs Miles rückwärts hatte mein Bruder den armen Teufel in dem kläglichsten Zustande aufgefunden. Schon hatten auch sie die Hoffnung auf Erfolg aufgegeben und wieder nach der Nieder- lassung zurückkehren wollen, als einer der Indianer ein fernes Rufen gehört, dem sie folgten und so seine Spur und Hamlet selbst fanden. Furcht und Ermattung hatten so heftig auf ihn eingewirkt, dass mein Bruder ihn anfänglich für wahnsinnig hielt, so schnell wechselten die unzusammenhängendsten Reden mit heftigem Wei- nen und dem ausgelassensten Gelächter. Als man ihn getroffen, hatte er eine halb- ausgeleerte Landschildkröte, bisher seine höchste Antipathie, auf der Schulter ge- habt, um sich wahrscheinlich den Rest für die nächste Mahlzeit aufzusparen. Wie oft hatte er, wenn er uns eine zubereitete Schildkröte aufgetragen, hoch und theuer versichert , dass er sich lieber todtschlagen lassen oder verhungern würde , ehe er nur einen Bissen Schildkrötenfleisch verzehre, doch Hamlet hatte bisher noch nicht den Spruch aus Erfahrung gekannt: Noth kennt kein Gebot; diese zwang ihn sogar, das verhasste Fleisch roh zu verzehren. Um heute noch mit derParthie nach der Niederlassung zurückzukehren, dazu war er zu schwach gewesen , es waren daher mehre Leute bei ihm gelassen worden , um ihn morgen nach dem Dorfe zu bringen.

Als er am folgenden Tage ankam, erschütterte mich sein Aussehen bis in das Innerste. In dieser zitternden, jeden Augenblick aufschreckenden , leichenhaften Gestalt, die sich ohne Unterstützung nicht aufrecht halten konnte, aus den wilden, verstörten Blicken, war Hamlet, der ewig schmunzelnde Hamlet nicht wieder zu erkennen ; die Besorgniss, die schon gestern gehegt wurde, wich auch heute noch nicht, und erst am folgenden Tag , wo sein schon an und für sich schwacher Geist wieder etwas in’s Gleichgewicht gekommen, theilte er uns in abgerissenen Brocken seine Leidensgeschichte mit. Nachdem er bei Hendrick und den beiden Indianern vorüber gegangen, sei er in den Wald getreten und immerauf dem ihm richtig scheinenden Weg fortgeschritten, bis ihm die tiefe Stille aufgefallen und er sich ge- wundert, dass er noch Niemand von den Vorangegangenen eingeholt. Er sei stehen geblieben, um den Nachtrab zu erwarten, dieser sei aber nicht gekommen , er sei umgekehrt, um diesem entgegen zu gehen, habe ihn jedoch nicht gefunden. Als er aber endlich gegen Abend jenen Felsen wieder getroffen, ohne auch nur eineSpur von den Zurückgelassenen zu entdecken, da habe sich ihm der schauerliche Gedanke aufgedrängt, dass er verloren sei; alle seine Hülferufe seien ohne Antwort verhallt. Jetzt hätte ihn die Furcht vor wilden Thiercn und bösen Geistern, als deren unrett- bare Beute er sich schon angesehen, die letzte Spur der Besinnung geraubt, und un- ter wildem Geheul wäre er durch das Gebüsch und Gestrüpp gebrochen, um endlich wieder an den alten Ausgangspunkt zu gelangen. Den nagenden Hunger halle er

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erst am zweiten Tage gespürt, und ihn so lange mit Pilzen gestillt, bis er in seinem Kreisläufe jene Schildkröte gefunden. Schlaf sei seit drei Tagen und zwei Nächten nicht in seine Augen gekommen, und während der letzten habe er ununterbrochen zu dem Geiste seiner verstorbenen Mutter gebetet, dass er ihn rette. Am zweiten Tage habe er zwar Flintenschüsse gehört , sei auch der Gegend zugelaufen, doch plötzlich hätten diese Signale geschwiegen, Stöckle hatte sich mit seiner Parthie schlafen gelegt! und er habe sich nun ohne Rettung für verloren gehalten, bis am dritten Tage erneuerte Flintenschüsse ihm verkündet, dass man noch nach ihm suche. Da habe er seine letzten Kräfte zusammen gerafft, sei der Gegend, wo die Schüsse gefallen , zugeeilt , und habe dann durch Rufen und Schreien , da er vor Mattigkeit nicht weiter konnte , seine Gegenwart kund gegeben, bis er glücklich gefunden worden.

Dass er uns bei der Fortsetzung der Reise folgen konnte, gehörte bei seinem geschwächten Körperzustande zu den Unmöglichkeiten ; aber trotz der heiligen Versicherung, dass wir ihn auf der Rückkehr von den Quellen des Takatu hier abholen wollten, war seine Furcht in einem solchem Grade aufgeregt, dass endlich die tröstenden Ermahnungen in ernste Befehle übergehen mussten, bevor er sich in sein schreckliches Schicksal ergab , für welches er dies Zurückbleiben hielt.

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Die Niederlassung Tuarutu lag unter 7' 3" N.B. uud 59° 46' W.L. ; der höchste Punkt des Gebirges gleiches Namens, in dem wir uns jetzt befanden, erhob sich 1800 Fuss über den Takutu. Einige andere bedeutende Berge in unserer Um- gebung erreichten eine Höhe von 1000 1150 Fuss. Die Kette erstreckt sich der Länge nach ungefähr lOMiles, ohne jedoch ein eigentliches Längengebirge zu bilden, vielmehr ist es eine unregelmässige Masse einzelner Berge und Hügel , die grössere Savannenflächen, durchgängig mit wilden Granittrümmern überlagert, um- schliessen. Durch solche Savannenflächen und einzelne Hügel von 150 200 Fuss Höhe, steht das Tuarutu- mit dem Ossotschuni - Gebirge in Verbindung, welches sich seiner Länge nach 11 Miles von N.O. nach S.W. erstreckt. Die erwähnten steilen, granitischen Massen , die schon im Tuarutu - Gebirge unser höchstes Er- staunen erregten , traten im Ossotschuni in noch mächtigem Erhebungen auf. Uruwai Wapuna oder Wahuma, Curischiwini sind Granitcolosse , die sich von 1500 1800 F. erheben, und vermöge der Beleuchtung, welche durch die von den ungeheuren, eingesprengten Quarzgängen reflectirten Sonnenstrahlen verursacht wird, einen wirklich magischen Contrast gegen die dunklen, düslern Granitmassen bilden und zugleich den Waldungen an ihrer Basis einen mehr als zauberhaften Reiz verliehen. Nach der Behauptung der Wapisianas sollte am Uruwai der Ta- back wild wachsen. Südlich vom Ossotschuni zog sich dichter Urwald bis zum

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lernen Horizont, während diesen in blauer Ferne gegen S.S.O. die Gebirge des Esscquibo begrenzten.

Nach den Nachrichten , die wir hier über die Quellen des Takutu einzieben konnten, würden wir in zwei Tagen eine Macusiniederlassung erreichen, in deren Nähe sich diese befinden sollten.

Bis zum 2. Mai hatten wir uns soweit verproviantirt, dass wir die Reise fort- setzen konnten, wie wir auch das Versprechen erhielten, bei unserer Rückkehr so- viel Vorrath zu finden, um damit bis Pirara ausreichen zu können. Hamlet zerfloss in Thränen, als wir Abschied von ihm nahmen und der Zug, einen Indianer von Tuarulu als Führer an der Spitze, sich gegen das Ossotschuni- Gebirge in Bewe- gung setzte. Nachdem wir mehre Felsenhügel, auf denen eine Menge Orchideen , als Cyrtopodium , Monachanthus und Oncidium wucherten, überschritten, erreich- ten wir den Fluss Turerucata-kurin , dessen Wasserreichthum aber keineswegs dem langen Namen entsprach. Er mündet sich in den Ossotschuni , der seine Quelle in dem gleichnamigen Gebirge hat, das wir zu unserer Rechten liegen Hessen, seiner Abdachung ungefähr in