— . , .
—: e . . , . , ¾˙ ; es ]«— eer
Ne
t
Meisen.
Elin und Carol
i g 2 i } 4 i H — Sa f ) ses i $ 5 } 7 i i i j ' i = es } : 1 * et nt 8 ; 2 4 — 5 1 : | se I i f Ae) { i — 5 f 5 1 i 4 Fl a ne a k a at Serer tee ee Pe ee rc eg eT es ge 1 ——— — . — a eee! . ease a 1 — — — — NS — — 1 — — ae w= —— = j — See Sa — — ede e — arGis — is — 45 —— — ee — ie — —— — = — —s — — 3 = 2 . — — — — — 2 — = — — ee — — — — —U U—œ— ——E——E—ö«ͥ ——— — — —iẽ — — : —— — 5 4 2 = 2: d — — — — — — — — — — —— — — = — — — — — —:.ũ— ~ — — See nl 5 er See. - meg POLL ESS yy SS oS — m ree N 72 2 — 8 r — eS — ie — — — os 1 * 2 eet 8 — — =. . ay st : 2 = — oe ae — — —— — — — — — — 2 — = = =
eet
— att I
Wilhelm und Caroline von Humboldt 2 S in ihren Briefen a
EP. a Wilhelm und Caroline : von Humboldt: in ihren Briefen
Herausgegeben von Anna v. Sydow
— —'
I. Band:
Aus der Brautzeit
17871791 Sechſte Auflage Geheftet M. 9, —, in geſchmackvollem
Geſchenkeinband mit Goldſchnitt.. M. 10,— ö II. Band: Aus der jungen Ehe 17911808
; Dritte Auflage Geheftet M. 6,50, in geſchmackvollem Geſchenkeinband mit Goldſchnitt .. M. 8,.—
III. Band: Weltbürgertum und preußiſcher
Staatsdienſt
1808 1810
Geheftet M. 9, — in geſchmackvollem Geſchenkeinband mit Goldſchnitt .. M. 10,—
IV. Band: In den Freiheitskriegen 1812-1815
Geheftet M. 10,—, in geſchmackvollem Geſchenkeinband mit Goldſchnitt .. M. 12,—
8 1 Humboldt 2
= in 50 Briefen „ 2
W Fünfter Band 7 8. N 9 Diplomatiſche Friedensarbeit ö © 2 NY 1815—1817 iS N. N * y N . AN 9 Ns N 8 N W. N * ASS . N 2 ke ty 78 W, B=, ON N ZS 1 Pee 2 SEGA PEE 2 ZI GRE 22 LGA, GRR Lie N * ; DS es Berlin 1912 y Ernſt Siegfried Mittler und Sohn 78 8 Königliche Hofbuchhandlung N 90 Kochſtraße 68—71 AN 10 8
4
iplomatiſche Friedensarbeit
1815—1317
0 W a 0 S Herausgegeben von Anna von Sydow Co N 8 N * \ N I. 8 mh 8 2 Mit einer Abbildung Le Ny 8 9 N QW 5 . 2 2 85 N ‘aN NY N W. 8 N HN =f 8 YY 78 N Dies el W N = GEL aS 2 gr \ 9 0 eS Berlin 1912 ts 85 Ernſt Siegfried Mittler und Sohn KN 08 Königliche Hofbuchhandlung N NY Kochſtraße 68—71 0 n . 2 fs SOS 6 oo b LEEKS 4 b 7 Ke,
Ao S
Alle Rechte aus dem Gefes vom 19. Juni 1901 ſowie das Aberſetzungsrecht find vorbehalten
5 Seite Aeli “8ef TATE ae OA Tac ee heal UU OR MAIN (NOD 9
Erſter Abſchnitt: Humboldts Abreiſe aus Berlin und i Mifemgall in Poris 1128
Zweiter Abſchnitt: In Frankfurt a. M. bis zur Wieder⸗ vereinigung der Familie daſelbt 129295
Dritter Abſchnitt: Von Frau von Humboldts Abreiſe nach Italien bis zu Humboldts 5 be 1 . 296— 402 Namen verzeichnis eee
Abbildung Alexander von Humboldt. Gelbftportrat . . . . Zw. S. 18 u. 19
7 igh VR 2 8 8 bas N nn “pa 0 * eS Oe 9 * ihe . Wry! *
. " „
rr . . * f 1
ant)
ror .
fa) : “ . 1 * ‘dp _ 1 1 Pain’: ' „ = 5 bad 4 * pi Ce ye . 5
1 i 8 n N A
Pee) Fie Waite | of a ere. h * She, okt ; Hine Fes * n N rd ‘ 7
achdem Napoleons Wiederauftreten den lang— wierigen Wiener Kongreß zu einem jähen Schluß geführt hatte, war Humboldt noch ſo lange durch die Nacharbeiten in Wien gefeſſelt, daß er dieſen Schauplatz ſeiner mühevollen und leider nicht von : — dem erwünſchten Erfolg gekrönten Tätigkeit erft am 20. Juni 1815 verlaſſen konnte, um über Berlin, wo er die Seinen nach faſt einjähriger Trennung wiederſehen wollte, mit Hardenberg ins Hauptquartier zu gehen. Auf dem Wege nach Berlin erfuhr er die Siegesnachricht von Belle Allianee. Wie groß mag die Freude des patriotiſch begeiſterten Paares beim Wiederſehen geweſen ſein!
Kurze Zeit des Zuſammenſeins war den beiden nur vergönnt. Nach kaum vierzehn Tagen iſt Humboldt ſchon wieder unterwegs, um mit Hardenberg, den er in Saarbrücken trifft, nach Paris zu gehen. Die Schwierigkeit ſeiner dortigen Lage bei den Friedens unterhandlungen, in denen er auf das kräftigſte Preußens An⸗ ſprüche vertrat, aber wiederum keine ausſchlaggebende Stimme hatte, legt er ſeiner Gattin wiederholt in vertrauten Briefen dar. IX
Fein charakteriſiert der tiefe Menſchenkenner den Kaiſer Alexander, deſſen Eigenſucht ſich hinter ſentimentalen Phraſen und gekünſteltem Idealismus verbirgt und ihn zum größten Widerſacher Preußens werden läßt. Klar erkennt er, daß ſein raſtloſer Eifer, ohne ihm in Preußen Popularität zu gewinnen, ihn bei den franzöſiſchen und ruſſiſchen Staatsmännern mißliebig und unbequem machen mußte!
Wenn auch Humboldt ſeinen Aufenthalt in Paris zunächſt nur auf ſechs bis neun Monate berechnete, und, ſobald die Sicher⸗ heit der Straßen es erlauben würde, dringend die Ankunft ſeiner Gattin wünſchte, ſo ſtellten ſich doch der Wiedervereinigung ernſte Hinderniſſe entgegen. Die Tochter Caroline hatte gegen ihr ſchweres neuralgiſches Leiden eine magnetiſche Kur in Berlin begonnen, die nicht unterbrochen werden durfte. Die Mutter plante nun, nach Hedemanns, ihres Schwiegerſohnes, Rückkehr vom Feldzug, Caroline und den kleinen Hermann mit ſeinem Hofmeiſter bei dem jungen Paar einzuquartieren und ſelbſt mit Gabriele nach Paris auf⸗ zubrechen, ſtieß aber auf Widerſtand bei dem jungen Ehemann und mußte erkennen, daß ihr liebevolles Herz die Selbſtloſigkeit und Opferbereitſchaft der Jugend überſchätzt hatte. Aber auch hier wird das Elternpaar anderer Individualität gerecht, läßt keinen Mißklang aufkommen und entſagt ſtill.
So blieb denn Caroline in Berlin, Humboldt aber wurde Anfang Oktober 1815 beauftragt, unmittelbar nach dem Abſchluß des zweiten Pariſer Friedens, an den in Frankfurt ſchwebenden, ſogenannten Territorialverhandlungen teilzunehmen. Erſt ſpäter ſollte er dann ſeinen Geſandtenpoſten in Paris antreten, auf den er ſchon fünfviertel Jahr zuvor berufen worden war. Die Frankfurter Geſchäfte — es handelte ſich um Gebietsaustauſch und Entſchädigungen — erwieſen ſich als äußerſt verwickelt und lang⸗ wierig, und es bedurfte nicht allein des ſtets wachſamen, durch⸗ dringenden Verſtandes, ſondern auch der ganzen Ausdauer und X
Geduld eines Wilhelm Humboldt, um nicht zu erlahmen und eine ganze Reihe von Fragen zum erwünſchten Abſchluß zu bringen. Weit länger als vorauszuſehen war, über dreizehn Monate, zog ſich ſein Aufenthalt in Frankfurt hin.
Inzwiſchen harrte man auf die Eröffnung des vom Wiener Kongreß geſchaffenen Deutſchen Bundestages. Im Sommer 1816 war als Preußiſcher Vertreter der bisherige Geſandte v. Hänlein aus Kaſſel nach Frankfurt berufen worden. Er verdarb dort, wie Humboldt ſagt, „in drei Tagen mehr, als man in einem Jahr wieder gutmachen könne“ und mußte alsbald wieder zurück⸗ treten. An ſeiner Stelle wurde Graf A. F. F. Goltz“), der frühere Miniſter des Auswärtigen, ernannt.
Da dieſer durch Krankheit verhindert war, ſofort einzutreffen, ſo ward Humboldt mit ſeiner Vertretung betraut, abermals als Lückenbüßer, abermals um zu verſuchen, eine verfahrene und ſchon halb verlorene Sache wieder einzurenken, ohne ſie doch zu Ende führen zu dürfen. Ihm iſt es zu danken, wenn in der Eröffnungs— ſitzung vom 5. November 1816 Preußens Politik der öſterreichi— ſchen gewachſen ſchien, und neue Hoffnungen ſich an den Bund knüpften. Aber mit dem Augenblick, da, ſechs Tage ſpäter, Humboldt zurücktrat, weil Graf Goltz in der erſten Geſchäftsſitzung erſchien, ging es abwärts, und bald war der Bundestag ein Spott.
Wir haben über dieſe Periode keine Briefe, denn endlich, ſeit dem 6. Auguſt 1816, war das Humboldtſche Paar in Frankfurt vereint, nachdem Mutter und Tochter Caroline noch eine Kur in Karlsbad gebraucht hatten. Das Familienleben, deſſen Glück noch
*) Auguſt Friedrich Ferdinand Graf v. der Goltz, geb. 1765, + 1832, unterzeichnete 1807 als Miniſter des Auswärtigen den Frieden zu Tilſit und ſchloß auch 1812 den Vertrag mit Frankreich, ward nach dem erſten Pariſer Frieden Oberhofmarſchall und kehrte zu dieſer Stellung zurück, nach⸗ dem er 1824 vom Bundestag abberufen worden war.
XI
durch die Verlobung der Tochter Gabriele mit Bülow, Humboldts Legationsſekretär, erhöht wird, ſpiegeln die Briefe Frau v. Humboldts und der jungen Braut an Adelheid Hedemann wieder), und wir können uns die Heiterkeit in dieſem harmoniſchen Kreiſe nicht hinreißend genug denken.
Aber nur fünf Monate war es der Familie vergönnt, in Frank⸗ furt ſo vereint zu bleiben. Humboldts Vertreter in Paris, Graf K. H. F. Goltz“) (nicht zu verwechſeln mit dem vorerwähnten Bundestagsgeſandten) war dem franzöſiſchen Kabinett bequem, und Richelieu hatte ſchon in einem Schreiben vom 31. Auguſt 1816 Hardenberg gebeten, ihn dauernd als Geſandten in Paris zu laſſen unter dem Vorwand, daß ſich an Humboldt zu viel kränkende Erinnerungen wegen der demütigenden Friedens— unterhandlungen knüpften. Hardenberg gab dieſen Wünſchen, die auch von Rußland unterſtützt wurden, nach, und beſtimmte Humboldt Ende Oktober 1816 zum Geſandten in London, forderte ihn aber gleichzeitig auf, bei den Beratungen über die Finanz⸗ verfaſſung und die Konſtitution in Berlin zugegen zu ſein.
Am 11. Januar 1817 verlaſſen Humboldts Frankfurt, be⸗ ſuchen in Weimar Goethe, verweilen kurz auf den thüringiſchen Gütern und treffen Anfang März in Berlin ein.
Hier erwarten Humboldt allerlei Auszeichnungen: Die längſt verheißene Dotation wird ihm durch Kabinettsorder vom 13. März 1817 zugeſichert: Humboldt ſoll ſelbſt eine Beſitzung mit einem Ertrag von 5000 Talern wählen. Ferner wird er zum Mitglied des neugegründeten Staatsrats und auch der Verfaſſungs⸗ und Steuerkommiſſion ernannt.
Humboldt fand die Lage des Preußiſchen Staates in der Nähe
) Siehe Gabriele v. Bülow, ein Lebensbild.
**) Karl Heinrich Friedrich Graf v. der Goltz, geb. 1772, + 1822, zuerſt Militär, Adjutant Blüchers, 1810 Geſandter in München, 1814 in Paris. XII
betrachtet noch viel übler, als er aus der Entfernung befürchtet hatte. In der Verwaltung heilloſe Verwirrung, im Finanzdeparte⸗ ment hoffnungsloſe Mißwirtſchaft, und, was das Schlimmſte war, Hardenbergs Anſehen in den Grundfeſten erſchüttert. Humboldt hielt die Steuervorſchläge, die der Finanzminiſter Bülow, Harden— bergs Neffe, vertrat, nicht für zweckmäßig und konnte von ihnen keine wirkliche Beſſerung der ſchwierigen Finanzlage erhoffen. Er fühlte ſich verpflichtet, dieſen Plänen mit der ihm eigenen Klarheit und Schärfe entgegenzutreten. Seine Ausführungen riefen leidenſchaftliche Erregung im Staatsrat hervor. Er ſprach auch Hardenberg gegenüber in einem Schreiben vom 14. Juli 1817 offen aus, daß er ſeine Geſchäftsführung nicht billigen könne und in der jetzigen Lage der Miniſter die Stellung eines zweiten Rabi- netts⸗Miniſters, die ihm Hardenberg vorgeſchlagen hatte, nicht an- nehmen würde.
Es kann nichts Offeneres und Loyaleres gedacht werden, als dieſe freimütige Darlegung und Beurteilung der Verhältniſſe, aber die durchgreifende Abhilfe, die Humboldt vorſchlug: die Selbſtändig⸗ keit und Verantwortlichkeit, die er für die einzelnen Miniſter und Oberpräſidenten forderte, griff allerdings die Stellung des Staatskanzlers ſelbſt an, und hierin fühlte ſich Hardenberg per— ſönlich getroffen. Im Effekt liefen Humboldts Vorſchläge auch tatſächlich darauf hinaus, des Staatskanzlers Macht zu brechen, nur kann nicht oft genug betont werden, daß Humboldt dabei alles Perſönliche völlig fern lag. Es war ihm allein um die Sache zu tun, und er vermochte durchaus in ſeinem Inneren Perſönliches und Sachliches ſo zu trennen, wie es leidenſchaftlichen und leicht erregbaren Naturen unmöglich erſchien. Hardenberg aber dachte nicht groß und ſelbſtlos genug, um ſich mit der Stellung eines Präſidenten des Miniſteriums und des Staatsrats — „mit dem Recht ohne alle Rückſicht auf Stimmenmehrheit im Miniſterium
XIII
zu entſcheiden und mit dem alleinigen Vortrag beim König“ wie Humboldt vorſchlug — zu beſcheiden, und es iſt verſtändlich, daß gegen den, der ihm ein ſolches Opfer zumutete, eine gewiſſe Ab⸗ neigung erwachte. Rätſelhaft aber ſcheint es, wie nach den Worten und Handlungen Humboldts auch bei Hardenberg der Verdacht auftauchen konnte, Humboldt ſtrebe ſelbſt nach dem Kanzlerpoſten. Solange noch eine perſönliche Berührung ſtattfand, ſind bei Harden⸗ berg auch keine Mißſtimmungen hervorgetreten, denn Humboldt, deſſen Gefühle für Hardenberg unverändert freundſchaftlich blieben, erwähnt in ſeinen Briefen öfter — noch bei der letzten Begegnung in Karlsbad, Mitte Auguſt 1817, — des Kanzlers „immer gleich bleibende Freundſchaft und wirkliche Zärtlichkeit“. Während der dann folgenden langen Abweſenheit Humboldts hat wohl Ver— leumdung, der Hardenberg ſtets zugänglich war, das ihrige getan, ein Mißtrauen in ihm großzuziehen, das ſich ſpäter in dem Beſtreben äußerte, Humboldt von Berlin fernzuhalten.
Von den erregten Debatten in der Steuerkommiſſion geben Humboldts Briefe uns wieder Kunde, denn Mitte April 1817 hebt eine neue lange Trennung und damit unſer Briefwechſel wieder an. Das bis zur Anerträglichkeit geſteigerte Leiden der Tochter Caroline bedingte den Gebrauch der Bäder auf der Inſel Ischia, und ſo machte ſich Frau v. Humboldt mit den Töchtern in Be⸗ gleitung des jungen Hedemannſchen Paares nach dem vielgeliebten Süden auf. Juli und Auguſt wurden auf der Inſel Ischia zu⸗ gebracht, dann ging es nach Rom.
Humboldt verließ Berlin Ende Juli, ging über Burgörner und Schleſien, wo er das als Dotation vorgeſchlagene Gut Ott⸗ machau beſichtigte, zu Hardenberg nach Karlsbad und harrte dann in Frankfurt ſeines Kreditivs, um nach England abzugehen. Mitte September erſt konnte er aufbrechen. Er reiſte über Brüſſel, Amſterdam und Rotterdam und ſchiffte fic) am 3. Oktober in XIV
Hellevoetſluis nach London ein, wo er am 5. eintraf. Frau v. Humboldt iſt ihm dorthin nicht gefolgt, weil anfangs die ſchwankende Geſundheit der Tochter, ſpäter ihr eigener leidender Zuſtand das engliſche Klima nicht ertragen hätten. So geht der Briefwechſel ununterbrochen fort, bis ſich das Paar im Sommer 1819 in Deutſchland wieder vereinigt.
Der vorliegende Band bricht mit dem Beginn des Londoner Aufenthalts ab, der folgende wird uns bis zu Humboldts Aus— ſcheiden aus dem Staatsdienſt, am 31. Dezember 1819, führen.
200
XV
Erſter Abſchnitt. Humboldts Abreiſe aus Berlin und ſein Aufenthalt in Paris 5. Juli bis 22. November 1815
1. Humboldt an Caroline Burgörner, 7. Julius 1815
ch bin geſtern nacht um 1 Ahr (oder vielmehr Li heute nacht) hier angekommen, liebe Li, und Du i kannſt nicht glauben, wie es mich ſchmerzt, daß Du mS FY nicht mit mir biſt, und ich nur fo wenige Stunden hier bleiben kann. Burgörner, wie ich es nur er- blicke, atmet mich immer mit einem Gefühle vergangenen Glücks und einer Wehmut an, die ich nicht beſchreiben kann. Ich bin noch die Nacht, wie ich die Leute fortgeſchickt hatte, in allen Stuben ge— weſen, habe den Kirchberg angeſehen, wo wir ſo oft ſaßen, um über ihn die Sterne kommen zu ſehen, und habe die Stube begrüßt, wo Du als Mädchen wohnteſt. Du ſüßes, geliebtes Herz haſt mich immer ſo unendlich glücklich gemacht, daß ich Dir nie genug dafür danken kann. Humboldt⸗Briefe. V. 1 1
SSIES
Ich wäre um gute zwei Stunden früher hier geweſen, wenn ich mich nicht in Deſſau aufgehalten hätte. Aber ich hielt kaum an der Poſt ſtill, fo ließ mich der Herzog“) durch den Kommandanten einladen, zu ihm zu kommen und bei ihm zu eſſen. Er iſt ein ver⸗ trauter Freund meines Vaters geweſen und hat mich als Kind oft in Tegel geſehen, ich mochte es ihm alſo nicht abſchlagen. Du glaubſt nicht, mit welcher Herzlichkeit mich der alte 75jährige Mann auf⸗ genommen, wie er von Tegel geſprochen, ſich gefreut hat, daß wir es noch hätten, und immer wiederholt, wie mein Vater ſich gefreut haben würde, wenn er erlebt hätte, Alexandern und mich ſo zu ſehen. Beim Eſſen hat er mir noch Kirſchen einpacken laſſen, die ich ſchlechterdings habe eſſen müſſen. Dann iſt er wohl eine Meile weit mit mir gegen Köthen zu gefahren. Er ließ auch Dich ſehr grüßen, er hat Deinen Vater gut gekannt. Beim Abſchied weinte er bitterlich.
Hier muß ich ſuchen, daß ich keinen Augenblick verliere. Lebe innigſt wohl. Amarme die ſüßen, lieben Mädchen.
Ewig Dein H.
2. Caroline an Humboldt Berlin, 8. Julius 1815
— fängt denn das Numerieren wieder an, und ich kann ö (GF Dir gar nicht ſagen, mein liebſter Wilhelm, wie traurig — es mich macht, nun wieder auf das Schreiben reduziert zu ſein. Ich bin um dieſe Stunde — es iſt 10 Ahr — mit Dir in Auleben, wo Dunker“) Dir in der gedrängten Zeit wohl manches Aktenſtück vortragen wird.
*) Leopold III., Herzog von Anhalt⸗Deſſau, geb. 1740, + 1817. ) Sekretär des verſtorbenen Präſidenten v. Dacheröden.
Seit vorgeftern nachmittag, wo Caroline, nachdem fie eine Stunde lang am Baquet geſeſſen, über eine Stunde lang an der Seite der Clairvoyante geſchlafen, iſt das Kopfweh, zum erſtenmal ſeit Mo— naten, ganz weg. Sie hat geſtern wieder geſchlafen, iſt heute ſehr heiter, einmal des bangen Druckes los zu ſein. Gott gebe, daß es Beſtand habe!
Morgen will ich mit Rorners*), ihnen einen heiteren Tag zu machen, nach Tegel hinausfahren.
Wie innig denk ich an Dich, lieber Wilhelm, und an die viele Liebe, die Du mir gezeigt haſt. Ich trage ſie dankbar im Herzen und will ſuchen, ſie zu verdienen. Für heute breche ich ab und umarme Dich innigſt. Die Kinder grüßen. Deine Li.
3. Humboldt an Caroline Rudolſtadt, 9. Julius 1815
Ich bin heute vormittag hier angekommen, liebe Li. Retelhodt**) und Beulwditz“ ) haben mich nur fo viel allein gelaſſen, als zu meinem Anziehen nötig war, und ich erwarte Ketelhodt mit jedem Augenblick, um mich zur Fürſtin ) zu führen.
Ich bin um 4 Ahr aus Auleben ausgefahren, Wieſe in) kam mir ſchon auf dem halben Wege entgegen und nahm mich mit zu ſich h).
Der Fürſt ) hatte beſtellt, daß, wie man erführe, daß ich käme, man ihn holen ließe. Er war auf der Jagd. Er kam eine Viertel⸗
*) Eltern des Dichters. * Rudolſtädter Hofrat. 0 Erſter Gatte von Caroline v. Wolzogen. +) Caroline Luiſe, Fürſtin von Rudolſtadt, geb. 1771, + 1854. +t) Geheimrat. ttt) Nach Sondershauſen. h) Günther Friedrich Karl, Fürſt von Schwarzburg⸗Sondershauſen; geb. 1760, + 1837, nachdem er 1835 die Regierung niedergelegt hatte. 1* 3
ftunde nach meiner Ankunft zu Wieſe und hielt mich über eine Stunde auf. Du kannſt Dir nicht denken, was er alles durdh- einander geſprochen hat. Ich werde Dir ein andermal einiges ſchreiben, es iſt zu merkwürdig. Anter anderem ſagte er mir, ich wäre der geſcheiteſte Miniſter des Kongreſſes geweſen, ſetzte gleich hinzu: er könne das zwar gar nicht beurteilen, und darum könnte ich von ihm es immer annehmen, bewies es mir aber dadurch, daß es ihm ſein Büchſenſpanner geſagt habe, als er ſich durch dieſen habe den Brief, worin ihm meine Ankunft gemeldet ſei, vorleſen laſſen. Für Chalebra*) äußerte er ſich auf das Günſtigſte, nur auf die Jagd möchten wir Verzicht tun, das ſei, als wenn man ihm ein Mädchen nähme. Ich verſicherte ihm gleich, daß ich ihm ſolches Herzeleid nicht anmuten wolle. Im ganzen hat er mich ſehr amüſiert. Er hat offenbar Originalität und recht viel Verſtand, nur gänzlichen Mangel an Erziehung.
Durch Erfurt kam ich die Nacht und ſah, was mir ſehr leid tat, Papas Haus nicht, da der Weg nicht vorbeiführt.
Hier hat man mich ſchon bis jetzt mit der gewohnten Güte und Freundſchaft aufgenommen. Ich ſollte bei Hofe wohnen, allein, da ich nach dem Abendeſſen wieder fortgehe, habe ich es abgelehnt.
Ich habe hier das Einrücken Blüchers am 3. in Paris erfahren und mich unendlich gefreut, daß er der erſte da iſt. Er hat, wie das Bulletin ſagt, die Anhänger Bonapartes verhaften laſſen. So geſchieht endlich einige Gerechtigkeit. Nur Napoleon ſelbſt iſt doch entkommen.
Lebe wohl, teures, inniggeliebtes Herz.
Ewig Dein H.
: vom 7. aus Burgörner mich geſtern überraſcht. Nie iſt — ein Brief aus Burgörner ſo ſchnell hierher gekommen wie dieſer. Wie gern, wie ſehr gern wäre ich bei Dir geweſen! Auch ich liebe Burgörner ungemein, und alle lieben Erinnerungen der Kindheit und der ſchönen Jugend knüpfen ſich an dieſen einſamen Aufenthalt, wo ich wohl zuerſt meiner recht bewußt worden bin, wo ich Dich, mein teures Weſen, ja zuerſt geſehen habe.
Der Herzog von Deſſau rührt mich ordentlich, ich habe den alten Mann lieb, da er Dich ſo lieb zu haben ſcheint.
Es verbreitet ſich die Nachricht, durch Kaufmannskonnexionen, daß Paris mit Kapitulation übergegangen ſei und zwar am 3., ich wünſche ſehr die Beſtätigung. Hier ſind vorgeſtern nacht einige Hundert Menſchen auf den Templauerberg gelaufen, um Paris brennen zu ſehen. Wie findeſt Du das?
Ich umarme dich von ganzer Seele. Ewig Deine Caroline.
5. Caroline an Humboldt Berlin, 13. Julius 1815
Mein teures Herz! geit vorgeſtern, wo ich Dir ſchrieb, wurde das Gerücht der Kapitulation von Paris immer lebhafter, und nachmittags um 4 Ahr erfuhren wir, daß Leo von Lützow, Berthas“)
Mann, die Nachricht als Kurier überbringe. Die Senſation im Larocheſchen Hauſe kannſt Du Dir denken. Sie fuhren gleich nach Schöneberg, von wo aus Lützow mit den Poſtillonen eingeholt werden
) Bertha von Laroche, Tochter des Humboldtſchen Jugendfreundes. 5
follte, und ſahen fic) dort. Adelheid ließ ein wenig das Köpfchen hängen, daß man nicht Hedemann*) mit einer fo ſchönen Nachricht hergeſchickt habe, gönnte aber doch Berthan vor allen dieſe Freude.
Geſtern abend bei Larochens wurden Wachslichter gebrannt, die Lützows Bedienter in den Bagagewagen Napoleons genommen hatte. Wir hören hier, daß der Feldmarſchall vier Millionen Taler und Be⸗ kleidung für 150000 Mann vorerſt ausgeſchrieben hat. Ich geſtehe Dir, daß ich von jetzt an unbeſchreiblich auf den Gang der Begebenheiten be⸗ gierig bin. Daß Paris in unſere Hände kommen würde, habe ich ge- hofft; daß man aber ſo großes Gelungenes benutze, iſt mir nicht klar.
Der Anmut der Ruſſen, nicht teil an dieſem großen Siege und ſeinen Folgen genommen zu haben, iſt hier ſehr ſpürbar. Ich habe mir von Lützow das Manöver unſerer Armee auf der Karte zeigen und beſchreiben laſſen, es iſt ſehr ſchön. Heute erwartet man einen zweiten Kurier, der den wirklichen, auf den 6. beſtimmten Einzug in die große Babylon überbringen ſoll.
6. Humboldt an Caroline Paris, rue Dominique Nr. 105, ; 18. Julius 1815
s hat mir ſehr leid getan, Dir, liebe Li, ſeit Frankfurt,
IH alfo feit ſieben Tagen, nicht ſchreiben zu können. Allein
es fehlte mir durchaus an Gelegenheit, und erſt heute
erſte Kurier des Kanzlers ab.
Hier habe ich Deinen teuren Brief vom 8. Julius bekommen und danke Dir unendlich für Deine Liebe. Wohl iſt es ſchmerzlich, daß das Zählen der Briefe wieder angeht, allein wenn Du nach Paris kommen wollteſt, ſo empfange ich Dich mit Freuden, und
*) Auguſt v. Hedemann, geb. 1785, + 1859, Humboldts Schwiegerſohn,
Adjutant des Prinzen Wilhelm, Friedrich Wilhelms III. Bruder. 6
7 |
I!
unfer Zuſammenſein würde mich ſehr glücklich machen. Die Un- gewißheit der Dinge und die Anſicherheit der Straßen, die für den jetzigen Augenblick eine ſolche Reiſe freilich noch nicht ratſam machen, müſſen in wenigen Wochen, und früher als Deine und Carolines Badekur aus ſein werden, geendigt ſein.
Meine Reiſe iſt viel glücklicher geweſen als ich es mir dachte. Ich konnte kaum hoffen, den Kanzler anders als in Paris zu finden, und traf ihn {don in Saarbrücken an. Die Beſorgnis, den Partei- gängern in die Hände zu fallen, hatte ihn dort aufgehalten.
Es war am 12., als wir zuſammenſtießen, und von da an blieben wir zuſammen! Am Nancy herum war die Gegend aufer- ordentlich unſicher. Dem Kriegsminiſter Boyen !) iſt fein Wagen genommen worden. Martens) und ein Leutnant Gerlach ſaßen darin, doch hat man dieſe wieder gehen laſſen. Er ſelbſt war glück⸗ licherweiſe zufällig zum Prinzen Wilhelm, dem Sohn des Königs, in den Wagen geſtiegen. Ein ruſſiſcher Oberſt nebſt vier Soldaten wurden zur Zeit als wir da reiſten, erſtochen. Wir hatten meiſtenteils Eskorte von Kavallerie, indes manchmal auch nicht, und wir haben nicht den mindeften Anfall erlebt. Wir hätten ſogar zwei Tage früher ankommen können, wenn dem Kanzler ſein Alter alle Nächte durchzufahren erlaubte.
Auguſt habe ich leider hier nicht mehr gefunden. Er iſt mit dem Prinzen der Loire zu marſchiert, um die jenſeits noch verſammelt ſtehende Armee zu beobachten. Ich hatte mich ſo ſehr gefreut, ihn wiederzuſehen. Sage aber Adelheid, daß ich von allen, die ihn ganz kürzlich geſehen, weiß, daß er vollkommen wohl iſt.
Ich wohne hier im Hauſe des Marſchalls Davout ). Er hat
) Leopold Hermann Ludwig v. Boyen, geb. 1771, + 1848. *) Georg Friedrich v. Martens, geb. 1756, + 1821, ſeit 1814 banno- verſcher Geheimer Kabinettsrat. **) Louis Nicolas Davout, Herzog von Auerſtädt, geb. 1770, + 1823. 7
nämlich ein großes Hotel und ein kleines, ganz abgeſondertes, worin der Miniſter Altenſtein!) und ich find. Wir kamen den Abend ſpät an und begriffen nicht den Anterſchied zwiſchen den beiden Häuſern, da die Anweiſungen nicht ſchriftlich und deutlich gegeben waren. Den anderen Tag entſtand nun die Frage, ob ich ins große Hotel ziehen wollte. In dieſem liegt in der oberen Etage die Frau, eine geborene Leclere, in Wochen, und die untere Etage iſt prächtig meubliert und nie bewohnt geweſen. Sie ließ mich gleich, da ich ſie in Erfurt gekannt habe, beſcheiden, und bat mich, da das große Appartement durch Bewohner leicht verdorben werden würde, zu bleiben, wo ich fei. Ich wohne gut, ſehr an- ſtändig, in mehr Freiheit als mit ihr unter einem Dach und liebe, wie Du weißt, in dieſen Dingen mehr eine einfache Beſcheidenheit. Ich bin alſo im kleinen Hotel geblieben. Sie bearbeitet nun Alten⸗ ſtein, ihn auch dahin zu bringen. Er hat jedoch, da er gar nicht gut wohnt, ſich noch ſeinen Entſchluß vorbehalten. Was mich be- wogen hat, iſt, daß, da ich hier bleiben kann und wahrſcheinlich bleiben werde), es lächerlich und nicht einmal recht anſtändig iſt, wenn ich einquartiert, alſo umſonſt, ein königlich möbliertes und nach⸗ her für mein Geld ein viel bürgerlicheres Haus bewohne. Abrigens iſt es närriſch genug, daß, nachdem ich in Erfurt Gefälligkeiten für Papa in Abſicht der Einquartierung nachgeſucht habe“), ich nun im Fall bin, von Davout ſelbſt um viel größere angegangen zu werden. Die Geſchäfte ſind mit dem erſten Tage nach unſerer Ankunft wieder angegangen. Die Form iſt die, daß die Miniſterien der vier verbündeten Höfe ein einziges Konſeil bilden, das mit dem franzöſiſchen Miniſterium dasjenige abmacht, wobei das letztere
) Karl Freiherr vom Stein zum Altenſtein, geb. 1770, +1840, preußi⸗ ſcher Miniſter. **) Als Geſandter. +) Bal. Band III, S. 63.
8
eintreten muß. Dies Konſeil verfammelt fic) alle Morgen um 11 Ahr. Vor unferer Ankunft haben Gneiſenau und Kneſebeck“) unſere Stelle darin vertreten. Sie ſind auch jetzt noch dabei, und ich habe dem Kanzler ſehr geraten, ja zu machen, daß Gneiſenau“) dabei bleibt, und auch, wenn es zu wirklichen Friedensunterhandlungen kommt, einer der Bevollmächtigten ſei. Er hat Genie und Charakter und kann uns äußerſt wichtig ſein. Er läßt Dich ſehr grüßen und erinnert ſich mit großem Vergnügen, Dich in Berlin oft geſehen zu haben.
Geſtern habe ich mit ihm und dem Kanzler beim alten Blücher in St. Cloud gegeſſen. Man iſt hier immer mit dem umgeben, was ſonſt Napoleon gehörte. Gneiſenau fuhr uns mit den dem Wagen Napolons abgenommenen Pferden hin, bei Blücher aßen wir im Schloß und auf Napoleons vaisselle.
Es hat mich ſehr gerührt, an der Brücke bei dem Neftaurateur vorbeizufahren, wo Du wohnteſt. Ich bin nach Tiſch allein ein wenig in den großen Laubengängen des Gartens herumgegangen, es war ſehr ſchön im Mondſchein. Die ſehr einfache Art, wie wir damals lebten! ), hat noch jetzt immer einen eigenen Reiz für mich, die Geſinnung wird uns beiden auch immer bleiben, und wir kehrten wahrſcheinlich beide wieder gern dahin zurück.
Im weſentlichen ſtehen die Sachen hier ziemlich gut. Du weißt, welche bange Ahndungen ich wegen gewiſſer immer zu großmütiger Geſinnungen hatte. Aber die Meinung, daß man Schadloshaltung und Sicherheiten haben muß, ſcheint doch, ob ich es gleich noch ganz nicht beurteilen kann, ſehr übereinſtimmend. Das iſt ſchon viel, wenn auch noch das einzelne ſich erſt nachher entwickeln muß. Gegen die Preußen iſt viel Neid und daher auch viel Verleum-
) Karl Friedrich v. dem Kneſebeck, geb. 1768, + 1848, preußiſcher Generalfeldmarſchall. *) Gneiſenau war 1815 Generalſtabschef in Blüchers Armee. ***) 1797-1799 und 1800-1801.
dung, obgleich mit der vollften Anerkennung des Getanen. Bei der preußiſchen Armee iſt allein und ausſchließend der Sinn der ſtrafenden Gerechtigkeit und daher viele von den laxer Gefinn- ten begünſtigte Kläger gegen ſie; bei der preußiſchen Armee endlich wird im einzelnen dieſer Sinn übertrieben und daher auch manche gegründete Reklamation. Du wirſt aus dieſen wenigen Worten einſehen, wie dies Verhältnis jetzt hier ſehr und nicht immer ange- nehm beſchäftigen muß.
Die Armee unter Davout ſteht noch immer an der Loire, allein man nimmt nun ernſthafte Maßregeln, und wenige Tage werden entſcheiden, ob ſie auseinandergehen wird, oder ob man ſie wird von neuem angreifen müſſen. Ich glaube das letztere nicht. Nach den geſtern hier uns offiziell mitgeteilten Nachrichten iſt Bonaparte zu Schiff von der Inſel Aix bei La Rochelle gegen die Inſel d' Veu zu gegangen. Von der Familie wiſſen wenigſtens wir nichts. Lucian“) ſcheint ſich vorzüglich ſchlecht benommen zu haben, bloß als ein Anhang Napoleons, ſogar ohne Selbſtändigkeit.
Schlabrendorffen n) habe ich den Tag nach meiner Ankunft beſucht. Ich wollte ihn einladen, mit dem Kanzler und mit mir zu eſſen. Allein wie ich in die Stube trat, ſah ich, wie unmöglich nur ein ſolcher Vorſchlag war. Er hatte einen über anderthalb Hände breiten langen Bart, ſonſt iſt er wie immer und ſieht kaum einmal älter aus. Er grüßt dich auf das herzlichſte.
Du ſchreibſt ſo lieb über Dich und mich, ſüßes Herz. Aber ſage nicht, daß Du meine Liebe verdienen willſt. Es iſt von jeher unendliche Güte von Dir geweſen, ſie ſo zu erwidern, und Deine Liebe hat mich noch neulich tief und innig gerührt. Wie gleich ſie ſich bleibt, ſo iſt ſie mir immer neu, und es ſcheint mir immer, wenn ich Dich zuletzt geſehen habe, daß Du noch lieber und gütiger
*) Lucian Bonaparte, Bruder Napoleons I., geb. 1775, + 1840.
**) Graf Guſtav Schlabrendorff, geb. 1750, + 1824. Vgl. Bd. II, III, IV. 10
geweſen wäreſt als ſonſt. Ich ſehne mich nach nichts, als mit Dir zuſammen zu ſein, und endlich müſſen ſich doch die Dinge geſtalten. Lebe innigſt wohl, teures Herz. Ewig Dein H.
7. Humboldt an Caroline Paris, 22. Julius 1815
SS}
Au wirſt aus meinem vorigen Brief geſehen haben, daß ich D hier bin und auf alle Fälle einige Monate hier bleiben nmnuß. Es iſt mir ſogar wahrſcheinlich, daß ich hier als Geſandter bleibe..
Meine Lage hier iſt gar nicht lieblich, ſehr ſchwierig und nicht leicht dahin zu bringen, wo es wünſchenswert.
Der arme Kanzler iſt unpäßlich und ſehr ſchwach. Mit Gneiſe— nau bin ich gut und tue was ich kann, um dies Vernehmen zu unterhalten, kann aber nicht ganz mit ihm übereinſtimmen. Die Höfe, die mit uns handeln, haben ganz andere und zum Teil alberne und ſchlechte Grundſätze. Kurz, überall Schwierigkeiten und nirgends ordentliche, treue, wahrhaft verſtändige und leidenſchaftloſe Hilfe, ſie zu überwinden.
Indes bin ich demungeachtet geſund und heiter. Du weißt, daß ich mich nicht fortziehen laſſe, ſondern bleibe, wie ich bin. Ohne dieſe Selbſtändigkeit möchte ich lieber begraben ſein, als ſo leben. Wieviel Du, mein ſüßes, teures Weſen, mir dabei hilfſt, weißt und begreifſt Du nie. Dein teures Bild iſt mir immer gegen— wärtig, iſt mir eine Zuflucht und eine Sicherheit überall. Solange der Menſch etwas auf Erden hat, das er treu und rein anbetet, iſt ihm immer wohl.
Lebe wohl, Du Einziggeliebte. Ewig Dein H.
11
8. Humboldt an Caroline Paris, 26. Julius 1815
liebe Li ... Ich bin wohl und ſehr beſchäftigt. Der arme Kanzler kann noch nicht viel teil an den Geſchäften nehmen. Er leidet ſeit einigen Tagen fortdauernd, es iſt gar kein Anſchein einer Gefahr, allein ich kann nicht leugnen, daß mich die Sache dennoch ſehr ängſtigt.
In den großen Begebenheiten iſt gerade nichts Neues vorgefallen. Die franzöſiſche Armee unter Davout ſcheint ſich in ihre Entlaſſung zu fügen. Die Feſtungen haben mehr oder weniger ſich für den König) erklärt, und wenn man ſich dabei beruhigt, fo iſt alſo das Haus der Bourbons in ſicherem und ruhigem Beſitz. Daß man ſich aber darauf verlaſſen könne, das zu glauben, bin ich weit entfernt.
Blücher hat St. Cloud verlaſſen und hat ſein Hauptquartier jetzt in Rambouillet. Er folgt unſeren Truppen an die Loire. Ich habe ihn nur einmal geſehen, als ich bei ihm aß. Ich habe nicht Zeit gehabt, Paris zu verlaſſen. Mit Grolman™) bin ich im nämlichen Fall. Er kommt gar nicht in die Stadt. Das letztemal war er ja bloß durchmarſchiert. Dagegen bin ich mit Gneifenau in täglicher Berührung. Er wohnt den Konferenzen bei, und wir kommen regelmäßig eine halbe Stunde früher beim Kanzler zuſammen. Auch eſſen tun wir gewöhnlich miteinander, da auch er meiſtenteils beim Kanzler ißt. Seine unmittelbare Teilnahme an den Geſchäften iſt mir ein großer Troſt. Auch Kneſebeck iſt ſehr brav dabei.
Ich bin in den erſten Tagen hier viel im Muſeum geweſen. Anſere Sachen haben wir alle vollſtändig zurückerhalten. Man dankt
. habe keine Briefe in dieſen Tagen von Dir erhalten, \ : 3
) Ludwig XVIII., geb. 1755, + 1824.
**) Karl Wilh. Georg v. Grolman, geb. 1777, + 1843, war 1815 General- quartiermeiſter bei Blüchers Armee. 12
dies bloß der Armee, die ſehr tätig dabei geweſen iſt. Im Muſeum, beim Herumgehen in den Straßen und in allem dem, was man tun kann, ohne einen einzigen Menſchen zu ſehen und zu kennen, finde ich allein einiges Vergnügen. Die Einſamkeit im Gewühle, die immer ein ſehr großer Genuß für mich war, iſt nur in Paris und London anzutreffen. Inſofern wirſt auch du gern in Paris ſein. Die Geſellſchaften muß ich freilich ſehen, inſofern es welche gibt, was jetzt wenig der Fall iſt, allein ſie ſind nichts weniger als reizend, nicht einmal intereſſant.
Ich bin faſt ganz um die Zeit, Dir zu ſchreiben, gekommen. Wie ich bis hierher war, kamen die Latour und die Delambre*) zu mir, Regnault“) und auch Arnault“ ) find, wie Du aus den Seitun- gen ſehen wirſt, auf der Liſte derer, die ſich aus Paris entfernen müſſen und vermutlich werden verbannt werden. Sie wollten nun wiſſen, ob ſie nach Neuchatel gehen könnten. Allein dies hat man die Klugheit, zu verhindern. Die Schweiz iſt kein für uns ſicherer Aufenthalt dieſer Herren. Arnault kommt ein wenig un- ſchuldig zur Verbannung, wenigſtens hat er ſich nie weſentlich und viel in politiſche Händel gemiſcht. Aberhaupt iſt das das Beſte, daß ſelbſt die, die jetzt auf den Straf- und Proffriptionsliften ſind, nichts anderes daran auszuſetzen finden, als daß man ihnen nicht mehrere andere zugeſellt hat. Wirklich hat man wohl Recht, ſich darüber zu verwundern, daß man einige vermißt.
Ich bin unendlich begierig zu wiſſen, ob Du herkommen wirſt. Da man nur nach Ahndungen handeln kann, ſo wäre ich für
) Gattin des franzöſiſchen Aſtronomen Delambre, mit Humboldts feit dem erſten Pariſer Aufenthalt bekannt.
**) Regnault de St. Jean d' Angély, als Publiziſt offizieller Verteidiger der Handlungen Napoleons, blieb bis zuletzt bei ihm, ging 1816 exiliert nach Amerika, kam 1817 zurück. + 1819.
**) Antoine Vincent Arnault, geb. 1766, + 1834, Dichter; unter Napoleon Chef des öffentlichen Anterrichts.
13
Dein Kommen, wenn nur Carolinens Geſundheit es erlaubt, und Du wirklich Luſt haſt, hier zu ſein. Es mag meine große Sehnſucht nach Dir, die das letzte Sehen nicht geſtillt, ſondern nur tiefer geweckt hat, mich vielleicht verführen, aber ich glaube, Du täteſt daran gut. Eine Art Wirtſchaft findeſt Du hier. Meine doppelte Feldeinrichtung von Küchenzeug, Silber, unſer Wedgewood, einige Tiſchwäſche, alles kommt uns jetzt zuſtatten. Komm immer, ſüßes, teures Herz. Glaube mir nur, verrate aber dieſe Vorliebe den Kindern nicht, die Boulevards, die Tuilerien, ſelbſt die engen Straßen, die Kais ſind doch ſehr hübſch. Neulich ſah ich von der Brücke Ludwigs XV. den Vollmond hinter der cité blutrot aufgehen, es war ein himmliſcher Anblick. Du warſt auch ſonſt gern und glücklich hier, und ſolche Erinnerungen hängen wenigſtens bei mir auf ewig an allen Häuſern, Wegen, Amgebungen. Du ſollteſt kommen. Du warſt jetzt ſchon entſetzlich lange nicht außerhalb Deutſchlands. Lebe innigſt wohl. Ewig Dein H.
9. Caroline an Humboldt Berlin, 29. Juli 1815
Mein teuerſter Wilhelm! eſtern ſind mir Deine Zeilen aus Frankfurt am Main vom
N 11. durch die Poſt zugekommen. Warum ſo ſpät, weiß N ich nicht. Gottlob, daß ich Dich und den Staatskanzler (über den hier die beunruhigendſten Gerüchte gingen), glücklich in Paris angekommen weiß.
Ich kann, ich geſtehe Dir, nicht die Hoffnungen derer teilen, die hier meinen, unſere Truppen könnten vor Winters wieder einziehen. Nichts geht in der Welt ſo ſchnell, als man ſich's eben denkt, und dort in Frankreich ſcheint es mir, müſſe es diesmal lang dauern, wenn es gut werden ſoll. Ich bin nur darauf begierig, daß es erſt 14
ausgeſprochen fei, was man von Frankreich nehmen will, um Garantien der Ruhe dieſer unruhigen Menſchenmaſſe in Händen zu haben. In dem kleinen Hofzirkel der Prinzeſſin Wilhelm“) ſpricht man ſehr laut und beſtimmt von dem Etabliſſement des Prinzen in Bonn als dem Sitz der rheiniſchen Regierung, fo daß unſere kleine Majorin auch daraufhin ihre Gedanken und kleinen Pläne richtet, denn ſie hält es für wahrſcheinlich, daß Auguſt jetzt noch beim Prinzen bleibt. Sie wird ſich leichter von mir trennen, als ich von ihr. Ich kann mir das gar nicht ausdenken.
Glaubſt Du, daß Du noch Geſandter in Paris werden wirſt? Was Du mir von der Zukunft ſchreiben kannſt, inſofern ſie abzu⸗ ſehen iſt, und inſofern ſie Bezug auf unſere Exiſtenz hat, iſt mir allerdings ſehr lieb, nicht einer ungeregelten Neugierde wegen — Gott weiß, daß ich freier wie jemals davon bin, — aber der zeit⸗ lichen Arrangements wegen, die man en perspective oft nehmen kann. Jetzt darf ich Carolinens wegen nicht an eine Exiſtenzver⸗ änderung denken, und die Straßen wären auch überdem zu unſicher. Im Frühjahr, meint Wolfart**), müſſe Caroline ein e auf jeden Fall gebrauchen.
Was Du mir über Napoleons Verhältnis und den Beſchluß in England über ihn ſagen kannſt, wird mich intereſſieren. Mich dünkt, die Entſcheidung ſeines Schickſals liegt nicht allein in dem Willen Englands. Wo ſind ſeine Brüder? Lucian, Hieronymus und Joſeph? Wo iſt denn Murat“) hingekommen? Wo iſt Lucians Frau und
*) Marianne, Prinzeſſin v. Preußen, geb. Prinzeſſin von Heſſen⸗ Homburg, geb. 1785, + 1846, Schweſter der Fürſtin von Rudolſtadt.
**) Berliner Arzt, Anhänger der magnetiſchen Kurmethode.
*) Joachim Murat, geb. 1767, + 1815, General, Schwager Napoleons, fiel nach der Schlacht bei Leipzig vom Kaiſer ab, trat aber nach dem Wiener Kongreß wieder mit ihm in geheime Verbindung, flüchtete, von den Oſter⸗ reichern geſchlagen, im Mai 1815 nach Frankreich, im Auguſt nach Korſika,
landete mit einer kleinen Truppe Korſen Ende September in Kalabrien, wo er gefangen und als Aſurpator erſchoſſen wurde.
15
feine Kinder? Was mag denn Lucian vermocht haben, diesmal ſich an Napoleons Schickſal anzuſchließen? Dachte er wohl nach ſeinem Fall eine Rolle in Frankreich zu ſpielen? Wird dieſe ganze ehrenwerte Familie nicht aus Frankreich heraus auf irgendeine Süd⸗ ſeeinſel verwieſen werden?
Empfiehl mich Alexandern, umarme Schlabrendorff für mich trotz des langen Bartes. Wie ſehr, wie unausſprechlich gern ich den wiederſähe — und außer Paris ſieht man ihn doch nie — kann ich nicht ſagen! Für heute umarme ich Did, ich bin ewig
Deine Li.
10. Humboldt an Caroline Paris, 29. Julius 1815
Ich führe hier nur inſofern ein angenehmes Leben, als ich, Q wie ich es doch immer für einen Teil des Tages erreiche, einſam bin. Von den Geſchäften kann ich Dir, da ich nicht weiß, ob dieſer Brief nicht doch durch die Poſt gehen muß, nicht ausführlich ſchreiben, allein es wird Dir genug ſein, wenn ich Dir ſage, daß fie nichts weniger als angenehm find. Wn eigent- liche Anterhandlungen wird jetzt noch nicht gedacht, alles, was vor- kommt, betrifft noch die Art, wie die Armeen ſich in Frankreich ſtellen, beköſtigen und betragen ſollen. Aber die unſrige erhoben die Franzoſen und erheben zum Teil noch die ſchrecklichſten Klagen. Anfangs ſind wohl partielle Anordnungen, vielleicht hier und da ſelbſt Plünderungen geweſen. Der Nationalhaß und die Erbitterung ſind groß und gerecht, die Armee iſt im Schlagen und in Eilmärſchen bis nach Paris ge— kommen. Es wäre wunderbar und kaum zu begreifen, wenn das alles hätte in vollkommener Regelmäßigkeit bleiben ſollen. Allein das allermeiſte war und iſt Abertreibung und ſogar reine Verleum⸗ dung; auch beklagen ſich die Franzoſen über Dinge, die es uns, wie 16 J
fie bei uns waren, gar nicht eingefallen wäre, anders als natürlich zu finden.
Davout iſt von der Armee der Loire durch den König zurück⸗— berufen, noch ift er aber nicht hier. Macdonald!) ſoll an ſeine Stelle kommen. Submiſſionen für den König laufen von allen Seiten ein, allein ob man an ihre Aufrichtigkeit überall glauben kann, möchte ich nicht verſichern.
Ich ſchrieb Dir, glaube ich, ſchon, daß ich, ſoviel es nur an- geht, täglich im Muſeum bin. Bis jetzt habe ich mich auf die Statuen beſchränkt. Es iſt doch ſehr, ſehr viel, was ich nie geſehen hatte, vorzüglich aus Villa Albani. Es iſt ein unendlicher Genuß und wirklich meine einzige Freude hier. Das Muſeum iſt für uns, Pariſer gehen jetzt gar nicht hin oder werden vielmehr nicht ein- gelaſſen, von 9 bis 6 Ahr offen, und man kann alſo jeden freien Augenblick benutzen. Es iſt ein noch nicht ganz fertiger neuer Saal gemacht, in dem die Muſen, die Velletriſche Pallas, der Borgheſiſche Fechter, die ſchöne Amazone und eine Menge anderer Statuen ſtehen, und der weit ſchöner eingerichtet iſt, ie irgendein anderer Gaal des Muſeums.
Berlin wird plötzlich mit Sovresporzellan überſchwemmt werden. Die Manufaktur war im Augenblick des Gefechts in Sevres ge- nommen worden. Man legte Beſchlag darauf, kam über eine Summe mit der Direktion überein und brachte dieſe Summe durch einen Verkauf zum halben Preis heraus, zu dem jedoch nur die Alliierten zugelaſſen wurden. Ich habe es zu ſpät erfahren, und es war gar nichts Gutes mehr da. Allein man ſieht bei dieſer Gelegenheit, wie teuer die Fabrik iſt. Denn auch der halbe Preis iſt noch teurer als unſer Porzellan. Die Engländer ſollen ſehr viel um den halben Preis gekauft haben und vorzugsweiſe das Alleraltmodiſchſte.
) Etienne Jacques Joſeph Alexandre Macdonald, Herzog von Tarent, Marſchall von Frankreich, geb. 1765, + 1840.
Humboldt⸗Briefe. V. 2 17
Alexander malt noch immer, er hat ſich aufs neue gemalt, und Steuben*) hat zwei Bilder von ihm fertig. Von ſeinen Finanzen ſpricht Alexander diesmal gar nicht. Er iſt den ganzen Tag um den König.
Du erinnerſt Dich, liebes Kind, daß ich einen langen Brief der Charlotte“) in Berlin erhielt. Ich bin erſt hier dazugekom⸗ men, ihn zu leſen. Er iſt entſetzlich lang, allein enthält doch zwei Tatſachen, wovon die eine wirklich merkwürdig iſt. Sie ſchreibt, daß ſie in Göttingen wunderbarerweiſe auf einmal hergeſtellt iſt, und daß ſie monatlich nicht mehr als 10 Taler braucht. Sie könnte alſo mit unſern Revenuen eines Jahres weit über 200 Jahre leben. Mich tröſten immer ſolche Erfahrungen ſehr. Man kann nie wiſſen, wie es einem einmal ergeht, und man muß immer ſich in der edlen Geſinnung erhalten, unabhängig vom Gelde zu bleiben.
Lebe wohl, teure, liebe Seele. Ewig Dein H.
11. Humboldt an Caroline Paris, 2. Auguſt 1815
it mir ſteht es jetzt fo. Es iſt von nichts anderem die Rede, als daß ich, ohne nach Berlin zurückzugehen, hier Fals Geſandter bleiben ſoll. Allein ich ſehe dabei zweierlei 8 ſo gut als mit Gewißheit voraus; einmal, daß ich dieſen Poſten nur ſehr kurze Zeit behalten werde, zweitens, daß ich auf jeden Fall wohl bis zum Frühjahr wenigſtens werde bleiben müſſen. Lange hierzubleiben, kann ich bei dem Zuſtand der Geſundheit
) Steuben, ruſſiſcher Maler, in Frankreich aufgewachſen, ſiehe Bd. IV., S. 276 u. 328.
**) Charlotte Diede, geborene Hildebrand, geb. 1769, + 1846, an die Wilhelm v. Humboldts „Briefe an eine Freundin“ gerichtet ſind. Siehe B. IV, S. 406 f.
18
Alexander von Humboldt Selbſtporträt
Die Inſchrift am rechten Rande lautet: Alex. v. H. von mir ſelbſt im Spiegel Paris 1814.
8
des armen Kanzlers nicht glauben. Er iſt von einer äußerſt be- denklichen und mich tief ſchmerzenden Schwäche. Erholt er ſich auch wieder, kehrt er nach Berlin zurück, ſo wird er das Gefühl haben, meiner Hilfe zu bedürfen, und er wird mich auf eine oder die andere Art in Berlin ſtellen. Allein ſolange die Geſchäfte, wie notwendig in den nächſten ſechs bis neun Monaten, hier ſo ſchwierig und wichtig ſind, wird er mich nicht wegnehmen wollen, ſondern ſich ſo gut er kann allein behelfen. Eine Möglichkeit, die aber nicht wahrſcheinlich iſt, bliebe noch übrig. Wenn nämlich eine An⸗ terhandlung an einem Orte außer Paris oder Frankreich gemacht würde, ſo würde ich unſtreitig davon ſein.
Ich möchte jetzt Deine Pläne wiſſen. Was ich wünſche, wo— nach ich mich ſehne, weißt Du. Je früher Du kommſt, je lieber iſt es mir. Wäre nicht Carolinens Geſundheit, ſo hätte ich kaum einen Zweifel. Bei Carolinen wirkt das Moraliſche immer vorzüglich ſtark. Glaubſt Du, daß ihre Beſſerung oder wenigſtens die Cicher- heit der Beſſerung davon abhängt, daß ſie bei Wolfart bliebe und daß ſie nicht in Paris ſei, wogegen ſie jetzt Abneigung zeigt, ſo vollende das Werk Deiner Liebe und unermüdeten Zärtlichkeit mit ihr, es iſt freilich etwas unendlich Gutes und Schönes, wenn fie vollkommen beſſer wird..
12. Humboldt an Caroline Paris, 5. Auguſt 1815
ls macht mir unendliche Freude, daß Auguſt hier iſt. Ob 5 >|) ich gleich entſetzlich zerſtreut und beſchäftigt bin, fo ſehe dich ihn doch ziemlich viel. Ich eſſe noch heute mit ihm und Alexander allein bei einem Reſtaurateur, geſtern wurde ich verhindert, es zu tun, weil der König mich einlud. Er iſt unendlich liebevoll, und mit jedem Tage freue ich mich mehr, daß ſich die
2* 19
Sachen zwiſchen ihm und Adelheid fo gut und ſchnell gemacht haben. Du haſt ihm mehrere Kommiſſionen gegeben, und er läßt mir keinen Augenblick Ruhe, ehe dieſe Aufträge nicht gemacht ſind. Es verſteht ſich auch, daß ich, wenn wir allein find, immer nur von der Adel⸗ heid ſprechen darf. Aber da ich das ſüße Kind unendlich liebe, ſo laſſe ich mir das ſehr gern gefallen.
Soeben bekomme ich Deinen lieben Brief.. Mit Deinem Herkommen, ſehe ich nun ſchon deutlich, wird es dieſen Winter vor dem Frühjahr nichts werden, und muß, wie ſehr es mich ſchmerzt, ſelbſt Deiner Meinung beiſtimmen. Aber die Trennung iſt mir unendlich ſchmerzlich, und Du mußt es an dem Glück geſehen haben, das ich fand, die wenigen Tage bei Dir zu ſein. Vielleicht macht es ſich auch beſſer in einigen Monaten, als wir denken. Wenn aber Carolinens Widerwille bleibt, und wenn ihre Geſundheit nicht ſtark genug noch geworden iſt, um die Beſorgnis aufzuheben, daß dieſer Widerwille die hervorgebrach te Beſſerung wieder rückgängig macht, ſo kann ich ehrlich ſelbſt nicht anders zu Deinem Herkommen raten, als ſo, daß Du Carolinen dort ließeſt. Aber bei wem? And die Trennung würde ihr vermutlich auch ſehr ſchmerzlich und ihrer Geſundheit wieder nachteilig ſein. Ja, liebe, teure, ſüße Seele, die Dornen des Lebens ſind uns für den letzten Teil aufbehalten geweſen. Ich weiß aber nichts zu ändern. Denn obgleich ich lieber, ich weiß nicht was täte, als meine Tätigkeit hier jetzt zu verfolgen, ſo ſehe ich doch nicht ab, daß ich mit Ehre und Pflichtgefühl abgehen kann, da die Kriſe noch bei weitem nicht vorüber iſt.
Meine Lage hier iſt in wenigen Worten die: Ich halte beſtändig feſt an allen ebenſo richtigen als natürlichen Grundſätzen. Ich ſtreite für einen Frieden, der die Grenzen ſichere, ich ſtreite für eine Be— nutzung Frankreichs, die unſeren Bedürfniſſen entſpreche. Ich habe gegen mich Rußland aufs äußerſte, England faſt ebenſoſehr, und ſehr ſchwache Hülfe, höchſtens noch für den letzten Punkt, an Ofter- 20
reich. Der Kanzler iſt eines Sinnes mit mir, aber es iſt nicht mehr die gewohnte Kraft. So ſetze ich bei weitem nicht durch was ich möchte und mache mich doch gewiſſermaßen verhaßt, na- türlich auch bei den Franzoſen, wie höflich ſie auch jetzt und äußerlich ſind. Dieſe Rolle wäre nun noch immer einigermaßen zu ſpielen, wenn bei uns ſelbſt die Dinge gut ſtänden. Aber bei der Armee geht man ſehr, ſehr oft zu weit, in unſerm eigenen Innern iſt Verwirrung, Vielfachheit der Köpfe. So muß man oft verteidigen, was man, wenn man die Kraft dazu hätte, lieber hinderte. Ich bin mir be— wußt, daß ich mich mit ſoviel Vorſicht und Klugheit benommen habe, wie in dieſer ungeheuer ſchwierigen Lage möglich war. Aber ganz reicht ſie nicht hin. Nur eins habe ich erreicht, mit den zu— gleich ganz Gutgeſinnten und Gemäßigten, wie Gneiſenau, bin ich vollkommen eins. Er billigt mich, mein Betragen, hat Vertrauen. Auch mit Blücher, Grolman und Boyen bin ich gut. Sie haben Achtung, und ich kann auf ſie wirken. So, teures Weſen, ſteht es mit mir. Du ſiehſt, daß es ein ziemlich freudenloſes Leben iſt. Aber ich ſuche die Freude ſelten außerhalb, und den Genuß meiner ſelbſt und meiner Einſamkeit, die ich ſogar in der Geſellſchaft wieder⸗ zufinden weiß, habe ich auch hier, und ſo bin ich geſund und immer heiter. Paris, das bloß Materielle, gefällt mir diesmal mehr wie je, und ich kann Dir nicht ſagen, wie gern ich manchmal des Abends, wenn ich aus einer Geſellſchaft komme, auf den Brücken oder an den Kais zu Fuß verweile. Lebe wohl, meine liebe, einzig gute und teure Seele.
21
13. Caroline an Humboldt Berlin, 5. Auguſt 1815
Mein teures, liebes Herz!
Huf alle Deine lieben, innig lieben Vorſchläge wegen Paris enthalten meine vorigen Briefe eigentlich ſchon die Antwort. Ich verſichere Dir, daß ich ſehr gern nach Paris käme, daß ich Dich und einige Menſchen dort, namentlich Schlabrendorff, nach einer ſolchen Zeit, wie die verfloſſene, außerordentlich gern ſähe, allein ich weiß es in der Tat Carolinens wegen nicht zu machen und würde mich nicht tröſten, wenn die Gemütsaufreizung oder irgendeine weniger genaue Abwartung ihrer Kur ſie in einen ähn⸗ lichen Geſundheitszuſtand verſetzte, wie der iſt, aus dem ſie eben ſich fo glücklich erholt.
Der Zuſtand des Staatskanzlers ängſtigt auch mich. Möchteſt Du mir doch bald ſchreiben, daß er beſſer und munterer iſt. Empfiehl mich Gneiſenau, ich bitte Dich. Sage ihm, ich würde mich ganz beſonders bei ihm bedanken, wenn ich ihn wiederſähe, daß er meine Bitte am letzten Abend, wo ich ihn geſehen, ſo vollkommen erfüllt habe. Ich bat ihn nämlich, Bonaparte in der erſten Schlacht den Garaus zu machen, und das hat er denn treulich getan oder treulich dazu mitgewirkt. Daß Gneiſenau den Konferenzen mit beiwohnt, macht hier im Publikum einen guten Eindruck, und alle Menſchen reden davon und erzählen es mir wie eine Neuigkeit.
In welcher Art hat Lucian ſich in Paris genommen? Wird Metternich Madame Murat*) nicht entkommen laſſen? Der gemiß⸗ handelten Welt zum Troſt ſollte man doch die ganze Familie, ſoweit man ſie hat, in recht ſichere und entfernte Verwahrung bringen.
Findeſt Du denn bei einigen Franzoſen irgend Spuren einer
*) Napoleons jüngſte Schweſter Caroline, geb. 1782, + 1839, feit 1800 mit Murat verheiratet.
22
wahren, großen Anſicht der Begebenheiten? Irgend ein Gefühl über die Rolle, die fie darin ſpielen?
Nimmt der Papft*), oder vielmehr bekommt der Papſt ſeine Kunſtſachen zurück? Das iſt eine Angelegenheit, die Europa all— gemein iſt, und die ich ſehnlich wünſche, denn wer bildet ſich daran in Paris!
Adieu, mein Alles! Ach, wie gern wäre ich bei Dir!
14. Humboldt an Caroline Paris, 9. Auguſt 1815
— 2
0 ach bin heute in einer unangenehmen Anruhe, die noch Q einige Tage fortdauern wird. Der Großfürſt Konſtantin ) hat bei unſerem vorigen Aufenthalt hier das Davoutſche Haus bewohnt, und da er gegen alle Erwartung auch jetzt wieder herkommt, fo wünſcht er es wieder zu haben. Der Kaiſer ) hat es mir durch Neſſelrode f) ſehr höflich ſagen laſſen, und ich muß alſo weichen. Ob ich gleich hier weder prächtig noch weitläuftig wohnte, ziehe ich doch ungern fort. Von Oktober an werde ich vermutlich für mein oder des Hofes Geld leben; denn teils iſt dies auch hier die Zeit des Amziehens, teils kann es ſehr wohl fein, daß bis dahin alle Dinge mit Frankreich im Reinen find. Wie es zuletzt gehen wird, iſt jetzt noch ſehr ſchwer zu ſagen. Im engſten Vertrauen kann ich Dir indes mitteilen, daß doch die
*) Pius VII., Graf Chiaramonti, geb. 1740, + 1823, ſeit 1800 Papſt. **) Konſtantin Cäſarewitſch von Rußland, geb. 1779, + 1821, älteſter Bruder Kaiſer Alexanders J., verzichtete auf die Thronfolge zugunſten ſeines Bruders Nikolaus. *) Alexander I., geb. 1777, + 1825. +) Karl Nobert Graf v. Neſſelrode, geb. 1780, + 1862, ruſſiſcher Miniſter und Kanzler des ruſſiſchen Reichs. 23
Meinungen wenigſtens faſt gleich geteilt find. Anſere wahren Gegner ſind die Ruſſen. Rußland will nichts von Frankreich ab⸗ reißen. Oſterreich ſtimmt wenigſtens für einige Abtrennungen. England ſcheint noch nicht ganz entſchieden, iſt aber weit mehr gegen als für unſere Meinung. Ich habe ein mémoire gemacht, das, glaube ich, eine meiner beſten Arbeiten iſt. Daß die Sache ſchnell zum Ende komme, iſt faſt notwendig. Du kannſt nicht glauben, in welche widrigen Verhältniſſe die Verſchiedenheit der Geſinnungen, die unter den Alliierten gegen Frankreich herrſcht, führt, wie das Boje auf alles einwirkt, und wie daher Verwicklungen entftehen, deren Folgen ſich kaum abſehen laſſen. Auch nach der Beendigung können doch immer Truppen in einem Teil von Frankreich ſtehen bleiben, und vermutlich iſt dies ſogar ein Teil des Endarrangements ſelbſt. Preußen iſt in der Tat und auch in der Meinung der Fran⸗ zoſen dieſen am meiſten entgegen. Du kannſt Dir alſo ſelbſt denken, wie wenig lieblich meine Lage iſt, aber noch weit mehr ſein wird, da ich jetzt doch nicht allein mit dieſen Dingen zu tun habe, aber als Geſandter alles ſelbſt betreiben muß. Jetzt, muß ich geſtehen, laſſen mich die Leute es noch weniger fühlen, als ich manchmal ſelbſt begreifen kann. Aber jeder von uns zieht ſich auch mehr zurück und geht weniger in Geſellſchaft als fonft. . ..
15. Caroline an Humboldt Berlin, 10. Auguſt 1815
Mein teures Herz!
eſtern bin ich durch Deinen lieben Brief Nr. 11 ſehr erfreut worden. Ich eile mich, heute den wichtigſten f Punkt, nämlich unſer Zuſammenkommen, zu beantworten. Du wünſcheſt es, ich wünſche es auch, und nur der Amſtand mit 24
Carolinens Kur und Geſundheit machte es mir für diefen Augen— blick als unmöglich anſehen. Deinem Brief nun aber nach, Deinen Arrangements mit Auguſt über die Pferde nach, muß ich nun aber glauben, daß Du Auguſts Zurückkunft für nahe anſiehſt. Auguſt ſchreibt auch ſo in einem Brief an Adelheid, den ſie heut empfängt. Nun auf das alles ſtelle ich, mein Herz, mein Horoſkop fo: Wenn Auguſt zurückkommt, kann Caroline und Hermann mit dem Hof— meiſter bei ihnen bleiben, und ich reiſe mit Gabriellen zu Dir und bleibe bei Dir, bis Du wieder herkommſt. Geht Auguſt mit ſeiner Frau nach dem Rhein, und es iſt nicht zu früh im Jahre, ſo kann ja Caroline mit, ich komme von Paris, bringe ſie in das Bad, deſſen ſie bedarf, und nach vollendeter Badekur erweiſt es ſich, ob ſie mit mir zu Dir zurückgeht, oder ob Du uns vielleicht abholſt, um mit uns nach Paris zu gehen.
Schreibe mir, mein beſtes Kind, ob dieſer Plan dich anſpricht, denn alsdann leite ich hier gleich die Pläne des Quartier-Mietens für Auguſt und Adel. Ich habe noch niemand etwas geſagt. Genehmigſt Du dieſe meine Idee, und ſind die in den nächſten 14 Tagen zu erwartenden Briefe Auguſts an ſeine Frau ſo, daß er den Zeitpunkt der Zurückkunft mit einiger Wahrſcheinlichkeit be⸗ ſtimmt, fo beruhige ich Adelheid in ihrem Suchen nach einem Quar⸗ tier, indem ich ihr meinen Plan entdecke und ihr ſage, daß ich ſie für den Winter, in welchem ſich die Beſtimmung des Prinzen doch entwickeln muß, in dem meinigen laſſe. Der ökonomiſche Teil der Hedemann⸗Humboldtſchen Wirtſchaft, wenn eine ſolche für die Wintermonate zuſtande käme, ließe ſich auch regulieren. Einen Be⸗ dienten hielten wir für Carolinen, Hermann und den Hofmeiſter be- ſonders, und Caroline zahlte für drei Perſonen Koſtgeld an Adelheid, und ich machte ihr außerdem eine kleine Kaſſe zu ihrem und des Bruders Anterhalt. So habe ich es mir ausgedacht.
Von der Zeit an aber, daß Auguſt jetzt zurückkommt, wirſt Du
25
ihm doch ſagen müſſen, was Du Adelchen jährlich geben willſt, da das in die Einrichtung ihres Etabliſſements eingreift. Wenn Auguſt zurückkäme, ſo glaube ich, könnte ich den 1. November reiſen. Wie unendlich ich mich der Hoffnung freue, Dich, mein teures Leben, auf dieſe Art wiederzuſehen, vermag ich Dir nicht zu ſagen. Auch an Paris oder vielmehr an einigen Menſchen dort werde ich großes Gefallen haben. Schlabrendorff nenne ich vor allen. Er iſt für mich eine Welt.
Die Verfeinerungen, Verbefferungen in meinem Neifeplan laſſen ſich alle noch machen, heute habe ich ihn Dir nur ſo in Bauſch und Bogen hingeworfen.
Adieu, ich umarme Dich. Deine Li.
16. Humboldt an Caroline Paris, 12. Auguſt 1815
ber alle Maßen traurig iſt die fortdauernde, ja zunehmende Schwäche und Kränklichkeit des Staatskanzlers. Bei den — cſchon tauſendfachen Kolliſionen, die hier beſtändig und auf die unangenehmſte Weiſe eintreten, iff das eine Lähmung und Schwächung in allen Maßregeln, die gar nicht ohne bedenkliche Folgen ſein kann. Dies jedoch im engſten und tiefſten Vertrauen. Das Schickſal Napoleons iſt nicht durch England allein be- ſtimmt worden. Er iſt durch einen eigenen Vertrag der übrigen Höfe mit England als ein Gefangener der verbündeten Höfe an— erkannt worden, und man hat nur England unter ſeiner Verant⸗ wortlichkeit die Aufbewahrung anvertraut. Wo England ihn hinbringt, muß, wenn es verantwortlich ſein ſoll, allerdings von ſeiner Beurteilung abhängen; indes iſt das Bringen nach St. Helena doch zuſammen gebilligt worden. Die Inſel iſt auch von der Beſchaffenheit, und es ſind ſolche Inſtruktionen gegeben worden, 26
daß an ein Entkommen wohl diesmal nicht zu denken iff. Er hat ſehr widerſpenſtig getan, als man ihm angekündigt hat, wohin er gebracht würde, und ſich zu entleiben gedroht. Allein man weiß ſeit geſtern, daß er in See gegangen iſt, ohne ſich zu töten. Doch kennt man noch nicht die näheren Amſtände, und ich weiß nicht, ob er fürs erſte auf dem „Bellerophon“ in See gegangen iſt, oder ob man ihn ſchon auf den „Northumberland“ gebracht hat. Denn dies Lber- bringen von einem Schiff auf das andere konnte allein ſchwierig ſein, weil es dazu allein unangenehm iſt, ſeinen freien Willen zu entbehren.
Von der Familie, d. h. den Brüdern hat man bloß Lucian in Turin. Joſeph und Hieronymus waren, wie man behauptet, hier, allein ihr Aufenthalt iſt jetzt nicht bekannt. Man will ſie allerdings verhaften und feſtſetzen, allein ſie müſſen doch immer Leute finden, die ihnen durchhelfen. Aber Lucian habe ich hier nicht Bedeutendes erfahren, vorzüglich nichts, was über die inneren Motive ſeines letzten Betragens Aufſchluß gäbe. Alle Parteien verſichern, daß er ſich hier erbärmlich genommen babe. . . :
17. Humbolot an Caroline Paris, 14. Auguſt 1815
Doch wohne ich bei Davout, aber übermorgen ziehe ich Rue | De Puniverfité 17. Ich wohne aber nicht gern bei andern
Haus zu nehmen. Von Auguſts Sehnſucht, nach Berlin zurückzukommen, machſt Du Dir ſchlechterdings keinen Begriff. Die Armee an der Loire hat ſich großenteils aufgelöſt, und Davout iſt ſeit einigen Tagen ruhig hier im Hauſe. Da er aber nicht zu mir gekommen iſt, habe ich ihn nicht geſehen. rH
Alſo haſt Du illuminiert zu des Königs Geburtstag? Ich ſehe zwar hier den König ſehr ſelten. Nur einmal habe ich bei ihm gegeſſen, und zweimal habe ich ihn in Geſellſchaft geſehen, bei der Herzogin D. [2] und bei Wellington. Er war aber immer ſehr freundlich.
Geſtern iſt Labédonere*) zum Tode verurteilt worden. Er wird zwar appellieren, aber man weiß ſchon voraus, daß dies keine Ande⸗ rung hervorbringen kann. Er wird alſo in einigen Tagen füſiliert werden. Es iſt gewiß gut, daß dies Beiſpiel gegeben wird. Ney“) iſt auch verhaftet und wird bald hergebracht werden. Er wird ohne Zweifel das gleiche Schickſal haben. Die Frau des Labédoyere hatte die rührendſten Briefe geſchrieben, auch unter anderm an Alexander. Sie ſoll ihn wirklich ſehr lieben, iſt erſt eben ein Jahr verheiratet und vor kurzem mit einem Kinde niedergekommen, das ſie noch ſtillt. Man ſagte mir geſtern, er wäre beim Arteil von einer merkwürdigen Kälte geweſen. Allein Hedemann, der zugegen war, meint, daß er mehr durch Trotz ſeine Anruhe zu verbergen geſucht habe. Auch hat er in ſeiner Verteidigung doch zu rühren verſucht und von Frau und Kindern geſprochen. Das, ſowie die Schritte der Frau, könnte ich, wenn man je in eine ähnliche Lage kommen könnte, nie tun oder dulden. Es iſt vorzüglich eine Ent⸗ weihung des Verhältniſſes mit der Frau ſelbſt. Die Rechnung mit dem Schickſal muß in ſolchen Lagen bei beiden geſchloſſen ſein.
) Charles Angélique Huchet Graf von Labédoyere, geb. 1786, + 1815, leidenſchaftlicher Anhänger Napoleons, hatte nach der Schlacht von Waterloo in Paris in der Sitzung der Pairskammer am 22. Juni heftig gegen die Bourbons geſprochen. Er ward am 19. Auguſt kriegsrechtlich erſchoſſen.
) Michel Ney, Herzog von Elchingen, geb. 1769, + 1815, Marſchall von Frankreich, war nach Napoleons Sturz 1813 zu Ludwig XVIII. über⸗ gegangen und hatte den Befehl über die 6. Militärdiviſion, als er am 14. März bei Auxerre mit ſeinen Truppen wieder zu Napoleon überging und damit den Sturz der Bourbons entſchied. Er ward am 7. Dezember 1815 wegen Hochverrats erſchoſſen.
28
Außer Ney und Labédoyere hat man noch Lavalette*), der bei der Poſt war und vor die Zivilgerichte gehört, und Drouot ), der ſich ſelbſt geſtellt hat. Dieſer ſoll ein merkwürdiger Menſch ſein, arm, einfach, voller Talent und Kenntniſſe, ich glaube ehe⸗ mals ein Geiſtlicher, und der oft geſagt hat ſchon ſonſt, daß er wieder Mönch werden wolle. Er iſt bloß aus einem Gefühl von Treue bei Napoleon geblieben und hat auch, als er nach Elba ging, nicht erklärt, wie Bertrand! ), daß er doch Franzoſe bleiben wolle, was ſeinen Fall ſchwieriger macht.
Savary +), der vorzüglich ſeinen Lohn verdient, iſt in den Händen der Engländer. Man weiß noch nicht, was ſie mit ihm machen werden. Ausliefern tun ſie ihn ſchwerlich.
Lebe wohl, mein holdes, inniggeliebtes Kind. Amarme Adel— heid und die Mädchen. Ewig Dein H.
*) Antoine Marie Chamans Graf von Lavalette, geb. 1769, + 1830, zuerſt Adjutant Napoleons, dann Generaldirektor der Poſt. Er wurde am 19. November 1815 zum Tode verurteilt, entkam aber aus dem Gefängnis am Tage vor der Hinrichtung dadurch, daß er mit ſeiner Gattin die Kleider wechſelte, ward 1822 begnadigt. Seine Gattin ſtarb im Gefängnis.
**) Antoine Drouot, geb. 1774, + 1847, von Napoleon „le sage de la grande armée“ genannt, Sohn eines Bäckers, ging mit Napoleon nach Elba und zurück nach Frankreich. 1816 des Hochverrats angeklagt, aber freigeſprochen.
*) Henri Gratien Graf Bertrand, geb. 1773, + 1844, treuer Gefährte Napoleons, den er nach Elba und St. Helena begleitete.
+) Anne Jean Marie René Savary, Herzog von Novigo, geb. 1774, + 1833. Er hatte 1802 die Leitung der Geheimpolizei Napoleons und be— ſchleunigte die Erſchießung des Herzogs von Enghien. Von 1810—14 hatte er das Polizeiminiſterium inne und erhielt 1815 den Oberbefehl über die Gendarmerie. Die Engländer brachten ihn 1815 nach Malta, von wo er 1816 nach Smyrna floh. 1819 ſtellte er ſich in Paris freiwillig dem Gericht. Ludwig Philipp vertraute ihm 1831 den Oberbefehl in Algier an.
29
18. Humboldt an Caroline Paris, 19. Auguſt 1815
ch habe geſtern, liebe Li, Deinen Brief vom 10. bekommen 2 und kann Dir nicht genug ſagen, welche unendliche Freude er mir gemacht hat, da er mir die Hoffnung Deines früheren Herkommens gibt. Ich ſtimme ganz in Deinen Plan ein, und je eher ich Dich hier umarmen kann, deſto lieber iſt es mir. Ich ſehe die Sache durchaus wie Du an. Carolinens Kur und Heilung iſt der einzige Amſtand, der uns jetzt trennt. Glaubſt Du, daß Du Caroline ohne Dich laſſen kannſt, fo kann unſer beider- ſeitiger Wunſch erfüllt werden.
Aber Auguſts Kommen iſt es mir unmöglich, Dir etwas Gewiſſes zu ſagen. Das iſt ſicher, alle wünſchen zum Ziel zu kommen, und der Kaiſer Alexander behauptet, er bliebe nicht über die Mitte des folgenden Monats und laſſe auch ſeine Truppen nicht länger. Da er dies aber als Negoziationsmittel zugleich gebraucht, ſo weiß ich nicht zu entſcheiden, wie es mit ſeiner ernſtlichen Meinung ſteht.
Eben ſchickt der Kanzler, daß ich zu ihm kommen möchte. Ich hatte noch eine Stunde Zeit bis zum Abgang des Kuriers. Logieren würde ich Dich auf jeden Fall, ſelbſt wenn Du heute kämſt, wenngleich etwas ſehr eng. Allein wir wären zuſammen, und das eine iſt Alles, wenn man gern miteinander iſt wie wir.
Der Kanzler hatte mich bloß rufen laſſen, weil er einen Brief von der Frau Labédoyeres bekommen hatte. Dieſe Perſon, aus einer ganz royaliſtiſchen Familie, Chateleux, ſoll den Mann wirklich lieben und ſchreibt nun, ſeitdem der Mann angeklagt iſt, an alle Menſchen. Abermorgen ſoll das Konſeil in zweiter Inſtanz ſprechen, und vermutlich wird er denſelben Tag erſchoſſen. Man kann darin nichts tun. Es wäre ſehr ſchlimm, nicht das Beiſpiel der Strenge zu geben, und ich glaube nicht einmal, daß der König
Ludwig XVIII. leicht zur Begnadigung zu bringen wäre. 30
——
Ich fahre jest in meinem angefangenen Brief fort, ſüßes Kind Ja, meine einzig Teure, wenn Du kommen kannſt, ohne Carolinen zu ſchaden, ſo tue es ja. Das Leben vergeht, und glaube mir recht aus innigſtem Herzen, das wahre Glück für mich iſt nur im Zu— ſammenſein mit Dir.
Es iſt die Rede davon, ein Haus für die Geſandtſchaft zu kaufen, und ich habe heute das Negnaultſche zu dieſem Endzweck beſehen. Es iſt ein ſchönes Haus und hat unendliche Bequemlich— keiten. Aber ich wohnte noch viel beſſer wie Du, was ſich wohl mit Regnaults Manier gegen ſeine Frau, aber nicht mit der meinigen gegen Dich verträgt. Deine Wohnung iſt ſchon ſehr uſiert, und das ganze Genre des Hauſes iſt freilich nicht ſo groß und anſtändig wie die alten Häuſer des Faubourg St. Germain. Er fordert, wenn er noch einen größeren Eßſaal baut, 450 000 Franken mit allen Möbeln, an denen aber, die Spiegel ausgenommen, nicht viel iſt. Er geht nach Amerika, ſie bleibt noch hier. Es iſt eigen, daß, wie wir ſonſt Regnault kannten, er nun gerade uns ſein Haus anbieten muß.
Bei dieſer Gelegenheit muß ich Dir von Deinen Kommiſſionen der Schnupftücher und Schals ſprechen. Die Schals ſind gekauft. Für die Schnupftücher mit Hohlnaht und ſo geſtickt, wie Du ver— langſt, hat man 16—18 Franken für das Stück gefordert. Dies würde für 8 Dutzend, die du wollteſt, 1536— 1728 Franken machen, zwiſchen 400 und 500 Taler. Darüber hat ſich Auguſt entſetzt, und wir ſind übereingekommen, Dir erſt zu ſchreiben. So machten wir es heute früh ab. Seitdem habe ich dies der Delambre erzählt, und fie will eine Perſon fragen, die für eine lingere arbeitet. Wie eine Hohlnaht franzöſiſch heißt, habe ich noch nicht ergründen können. Aber die Delambre hat ſich das Wort von mir deutlich aufſchreiben laſſen und wird nun einen Deutſchen, den ſie kennt, zu Nate ziehen. Antworte mir ja gleich auf die Schnupf—
31
tücher. Auguſt quält mich ſonſt zu Tode mit Fragen. Es gibt keinen ſo verliebten Menſchen. Er kommt meiſt alle Morgen zu mir. Ich warte immer mit dem Anziehen ſo lange, um weniger Zeit zu verlieren, denn Du glaubſt gar nicht, wie wenig Augenblicke ich habe. Er ſpricht dann, wie natürlich, von nichts als Adelheid, und fragt mich ſo nach den Datums der Briefe aus, daß, da es gar nicht meine Foree iſt, die zu wiſſen, ich alles immer neu nachſehen muß. Dann geht das Quälen an, wann es hier aus ſein wird, und wann der Prinz wird nach dem Rhein gehen? Dies Kapitel wird alle Tage abgemacht. Es iſt ein innig guter und lieber Menſch. So oft ich beim Reſtaura⸗ teur eſſe, nehme ich ihn mit, und wir gehen allein in ein Zimmer. Noch jetzt eben wird es der Fall ſein.
Du erwähnſt der Summe, die wir Adelchen jährlich geben wollen. Meine Meinung iſt, daß wir 500 Taler als gewiß ausmachen, aber Hedemann ſagen, daß wir ſie, nach unſerer Möglichkeit, bis 1000 Taler, wie wir können, vermehren wollen. Jetzt könnten wir ſo viel geben, allein wenn Gabriele auch heiratet, oder wir weniger Gehalt hätten, ginge es nicht. Du, die Du viel reicher warſt als Adelheid iſt, kriegteſt nur 400 Taler. Es iſt bis 1809 ſo geweſen, wo wir wirklich manchmal in recht fatalen Amſtänden waren, und wir haben lange Zeit ganz unabhängig, die übrige mit ſchlechtem Gehalt gelebt, und ich habe Dich an die Säulen des Herkules, nach Päſtum und nach Arkona gebracht. Was kann man mehr tun? Alſo muß es mit ihnen auch gehen. Auch iſt Adelchen nicht an Aufwand gewöhnt.
Allein für meine Stelle hier und das Auskommen darin wird mir bange. Es iſt furchtbar teuer hier, und doch über 26 000 Taler Gehalt zu haben, iſt eine reine Anmöglichkeit. Das Mißver⸗ hältnis entſteht vorzüglich, weil Preußen eine viel größere Rolle ſpielt als ſonſt, und ich nie werde ſo leben können, wie es der Hof 32
wünſchen müßte und Reifende fordern werden. Auf jeden Fall muß ich ſuchen, die Miete außer meinem Gehalt zu kriegen.
Mit dem Kanzler geht es beſſer, aber langſam. Stein hat ihm geraten, beſtändig zu Hauſe und zur gleichen Stunde zu eſſen. Er hat es einen Tag getan, dann nicht mehr, vielmehr gleich drei Tage hintereinander aus. Er iſt mit einem Wort in allen Stücken wie Du, liebe, kleine Li, die Du Dich auch nie ſchonen willſt. Ich bin auch in mir überzeugt, daß ich darum ſo gut mit ihm fertig werde, und er mich ſo liebt, weil ich zu Dir und Deinem Leben paſſe. Seine Beſſerung macht mir eine unendliche Freude, ich kann Dir nicht ſagen, wie gut ich ihm bin.
Gneiſenau habe ich die Stelle Deines Briefes vorgeleſen. Er grüßt Dich herzlich. Die Claufewig*), geborene Brühl, iſt hier, ich ſah ſie aber noch nicht.
Lebe wohl, innig teures, liebes Weſen, mein einzig ſüßes Herz und meine ewige Sehnſucht. Amarme die kleine Frau und die Mädchen. Ewig Dein H.
19. Humboldt an Caroline Paris, 22. Auguſt 1815
ſchlabrendorff ſehe ich leider ſehr wenig. Ich kann es nur zwiſchen der Konferenz und dem Mittageſſen, und da ich
2 meiſtenteils nach der erſten wieder ins Faubourg St. Germain fahren muß, ſo iſt es eine zu große Entfernung, um es oft zu tun. Nur einmal habe ich ihn eigentlich ausführlich geſprochen, denn oft, wenn man hinkommt und meiſtenteils ſind fremde Menſchen da, vor denen man ſich doch nicht gern ausläßt.
Wenn Du mit ihm über die letzten Jahre und ihre Ereigniſſe ſprichſt, werden Dich ſeine Anſichten auf den erſten Anblick ſehr
*) Gattin des preußiſchen Generals Karl v. Clauſewitz. Humboldt⸗Briefe. V. 3 33
frappieren. Auch würden fie gewiß anders fein, wenn er in Deutſch⸗ land und namentlich bei uns geweſen wäre. Ein von langer Zeit her auf ſeine Meinung einflößender Umftand bleibt auch die Vor⸗ liebe, mit der er ſich doch immer die Möglichkeit einer guten und freien Verfaſſung in Frankreich gedacht, und die Meinung, die er von der Nation hat, die viel günſtiger iſt, als man ſie bei uns zu haben pflegt. Wenn Du hier ſein wirſt, was ich mir jetzt wieder viel näher denke, ſehe ich kein anderes Mittel, wie Du ihn oft ſehen willſt, als indem Du nachmittags oder abends eine Zeit mit ihm ausmachſt, in der Du allein bei ihm fein kannſt. Auf fein Aus⸗ gehen iſt ſchlechterdings nicht zu rechnen, und ſo den Morgen kommen ewig und ganz wunderbare Leute zu ihm. Der Bart iſt noch immer in der alten Länge.
Ich glaube Dir ſchon geſagt zu haben, daß ich Gneiſenau die ihn betreffende Stelle Deines Briefes vorlas. Daß die Leute ſehr auf den Anteil acht gäben, den er an den Konferenzen nimmt, frappierte ihn erſtaunlich und ſo, als ſei es eine neue Verantwort⸗ lichkeit, die er auf ſich lade. Er meinte: Es ſei etwas Eigenes mit dem diplomatiſchen Weſen, das Publikum ſtelle ſich vor, es ſei ſo leicht, was vernünftig ſei und dem gemeinen geſunden Sinn entſpreche, auch bei andern durchzuſetzen, hernach finde ſich aber die Sache ganz anders. Auch ſucht er ſich, unter uns geſagt, ſehr von der Sache loszumachen. In vielen Briefen aus Berlin ſagt man, daß er Miniſter der auswärtigen Angelegenheiten ſein werde, und Du kannſt nicht glauben, was dies ſelbſt auf Menſchen beim Departement für eine komiſche Wirkung macht. Ich für meinen Teil hätte nicht allein nichts dawider, ſondern recht ſehr viel dafür.
Soeben bekomme ich Deinen lieben Brief, teures Kind, vom 14., der mich unendlich gefreut hat, weil ich ſehe, daß es fortwährend
gut mit Carolinen geht. Es iſt unleugbar, daß der Magnetismus 34
eine Revolution in ihr hervorgebracht hat, der ihre Natur bedurfte. Grüße fie tauſendmal.
Beim Magnetismus fällt mir etwas ein, das ich neulich, als ich mit Alexander auf dem Obſervatorium war, hörte, und das ſogar bei lebloſen Dingen eine unbegreifliche Sympathie zeigt. Man hat bemerkt, daß, wenn man zwei Pendeluhren an derſelben Wand hat, von denen eine ſteht und die andere ſchwingt, die ſchwingende von ſelbſt die andere, ohne ſie irgend zu berühren, in Gang bringt, und daß ſie dann gleich miteinander fortſchwingen. Doch ſcheint immer ein gewiſſes Verhältnis der Pendellänge dazu zu gehören. Dadurch iff Sréguet*) auf den Gedanken gekommen, in einem Gehäuſe zwei Ahren nebeneinander, aber ohne alle Be— rührung und mit zwei Zifferblättern zu machen. Im Anfang gingen die Sekundenzeiger natürlich, wie immer bei zwei Ahren, verſchieden, aber in kurzer Zeit ſetzten ſie ſich in ſolche Sympathie, daß ſie unverrückt zuſammen ſchlugen. Man glaubte, daß die umgebende Luft davon die Arſache ſei, allein auch unter der Luftpumpe blieben fie immer unverrückt gleich. Da zwei ſolche Uhren von ſelbſt eine die Anregelmäßigkeiten der andern ausgleicht, fo macht Breguet jetzt mehrere dieſer Art. Da dies wirklich eine der magnetiſchen ähn⸗ liche Wirkung iſt, glaubte ich, es würde Dich intereſſieren.
Aber Dein Kommen habe ich Dir neulich geſchrieben, geliebte Seele, ſo daß Du meine Freude geſehen haben mußt, Dich nun früher erwarten zu können. Du haſt keinen Begriff von Auguſts Angeduld. Er liebt wirklich die Adel unendlich. Ich muß aber immer bewundern, wenn ich mit ihm, wie beſtändig der Fall iſt, über dies Verhältnis ſpreche, wie ganz andere Ideen die Leute jetzt haben, als zu unſerer Zeit. Gabrielen iſt er überaus gut und hält unendlich viel auf ſie. Neulich noch ſagte er mir, ſie müßte einen
) Abraham Louis Breguet, geb. 1747, + 1823, berühmter Ahrmacher
und Mechaniker. 3* 35
Mann haben, den fie für das Allervortrefflichſte hielte und recht über ſich erkennte. Solche Ideen, liebes Kind, nicht wahr, habe ich nie gehabt?
Ich weiß nicht, ob man vielleicht auch in Berlin erzählt hat, daß der König von Sachfen*) denjenigen Offizieren, die in unſere Dienſte gegangen ſind, hätte den Heinrichsorden abnehmen laſſen, Schulenburg“) hat dies hier in einem oſtenſiblen Briefe an mich förmlich dementiert. Frage einmal Körner, was zu dem Gerücht Anlaß gegeben haben kann. Denn einigen Grund hat es vermutlich.
An eine Anderung in den ſächſiſchen Verhältniſſen iſt hier nicht zu denken. Aberhaupt kommt es gewiß zu keiner Abtretung von Provinzen, ich bin froh genug, wenn man eine von feſten Plätzen erlangt. Darin, hoffe ich noch immer, geſchieht einiges. Aber die Lage iſt, wie Du ganz richtig vorausſiehſt, ſehr ſchlimm und meine gar nicht liebenswürdig. Ich bleibe auch ſehr ungern hier und tue es nur, weil es für mich doch wieder einen Reiz hat, eine ſchwierige Lage zu behaupten, wenn ich darin allein bin. Denn jetzt kann ich auch in dieſer Art an meinem Sein hier keine Freude finden. Das Abel liegt freilich ſehr ſtark in unſern Alliierten, aber es liegt auch in uns. Es fehlt eigentlich die ſtarke leitende Hand, ohne die nichts geht. Indes nimmt die Geſundheit des Kanzlers wieder zu, und inſofern hebt ſich auch meine Hoffnung.
Der König iſt in Paris beſonders freundlich gegen mich. Ich habe ſchon zweimal bei ihm gegeſſen, das letztemal, geſtern, war keiner der anderen Miniſter, nur der Staatskanzler gebeten, und er ſpaßte über die Hitze, die Prinzeſſin Bagration! ) uſw.
) Friedrich Auguſt I., König von Sachſen, geb. 1750, + 1827. **) Friedrich Albrecht Graf v. der Schulenburg⸗Kloſterrode, geb. 1772, + 1853, vertrat 1814 den König von Sachſen beim Wiener Kongreß und unterzeichnete Mai 1815 den Traktat mit Preußen, Oſterreich und Rußland. *) Fürſtin Katharina Bagration, vgl. Bd. IV, S. 372. 36
Gegen Alexander hat er (das ganz unter uns) bei Gelegenheit, daß der Staatskanzler wegen ſeiner Kränklichkeit wenig zu ihm geht, neulich geſagt: „Ihr Bruder könnte zu mir kommen und mit mir von Geſchäften reden. Er weiß ja, daß es mir immer lieb iſt.“ Natürlich tue ich es aber nicht. Es würde dem Kanzler auf keine Weiſe recht ſein, wenigſtens ihm weh tun, was ich nie tun werde, und würde auch mich noch mehr in ein zerſtückeltes Wirken bringen, da der einzige Vorwurf, den man mir vielleicht gerechter Weiſe machen kann, ſchon der iſt, daß ich leide, ſeit dem Sommer von 1813 in ſolchem zerſtückelten Wirken zu ſein.
Nun lebe wohl, mein Alles, mein inniggeliebtes, ſüßes Herz.
Ewig Dein H.
20. Humboldt an Caroline Paris, 25. Auguſt 1815
ber die Rückkehr kann ich Dir nichts ſagen. Das iſt ge- wiß. Der Kaiſer Alexander bleibt feſt dabei, daß er und ſeine Armeen nach der Revue, die er am 10. Septem⸗ 5 bei Chalons halten wird, Frankreich verlaſſen ſollen. Daß bis dahin das Arrangement geſchloſſen ſei, iſt kaum glaublich. Ver⸗ mutlich hält er es aber (unter uns) für kein übles Anterhandlungs⸗ mittel, feine Plane gegen unſern und Oſterreichs Willen durchzuſetzen, wenn ſeine Armee ſich Polen nähert und darin nach ſeinem Gefallen ſtehen bleiben kann. Oſterreich, vermutlich nicht ohne Beſorgnis dafür, ſpricht auch von Abmarſch. Was nun daraus wird, ob wir allein bleiben werden, ob nicht, wer kann das beſtimmen? Die Lage der Dinge iſt nie gleich verwirrt geweſen.
Dabei iſt es im Innern von Frankreich ſo, daß ich nicht an das Bleiben Ludwigs XVIII. glauben kann. Auch glaubt wohl niemand 37
recht im Ernſt daran. Im Mittag von Frankreich gehen alle horreurs vor, die man in der Revolution gekannt hat. Man rechnet die Zahl der dort in den verſchiedenen Städten Amgekommenen auf 5000. In Nimes hat man einen Menſchen ordentlich lebendig auf einem Roſt gebraten. Dieſe Dinge rühren nicht von Jakobinern, ſondern von durch Wngouléme*) angeſtellten und unterſtützten Royaliſten her. Wenigſtens haben die von ihm Angeſtellten gewiß dabei konniviert, und auf jeden Fall iſt die Partei, die ſolche Greuel ausübt, eine ſich königlich geſinnt nennende. Es miſcht ſich zugleich Religionshaß hinein. Man beſchuldigt die Proteſtanten, ſich über Napoleons Rückkunft gefreut zu haben, und ganz ohne Grund iſt dieſe Beſchuldigung nicht, weil die Proteſtanten Beein⸗ trächtigung ihrer Rechte von der königlichen Regierung beforgten. Nun verfolgen die Katholiken ohne Anterſchied die Proteſtanten und gehen ſo weit, ſelbſt ihre Häuſer zu ſchleifen. Seitdem der König dem Herzog von Angouléme die Vollmacht genommen hat, die er ihm während ſeines Aufenthalts in Gent gegeben hatte, geht es allerdings etwas beſſer, aber gedämpft iſt die Anruhe lange noch nicht.
Du fragſt mich über den Weg, den Du nehmen ſollſt, teures Herz. Auf alle Fälle durch die Niederlande, Köln, Lüttich, Namur oder Brüſſel. Aber bis Du kommſt, muß ich Dich erſt noch genauer davon unterrichten. Aberhaupt iſt noch eine Beſorgnis, die ich nicht ableugne, für mich bei Deinem Kommen. Ich kann es mir kaum denken, daß es hier ruhig bleibt. Geht es auch noch fo gut, fo ſteht meines Erachtens der König immer nur ſo, daß er wie ein Kartenhaus umfällt, wenn man ihn anbläſt, und es auf dieſes An⸗ blaſen ankommt. Die Wege ſind ſchon jetzt unſicher und können
) Louis Antoine de Bourbon, Herzog von Angouléme, geb. 1775, + 1844. Sohn des nachmaligen Königs Karl X. Entſagte infolge der Juli⸗ revolution mit ſeinem Vater der Krone.
38
es leicht mehr werden. Sei ficher, daß ich mich immer danach erkundigen und Dich benachrichten werde. Lebe jetzt innig wohl, mein einzig, ewig geliebtes Weſen.
Ewig Dein H.
21. Caroline an Humboldt Berlin, 28. Auguſt 1815
Lieber, teurer Mann! 75 fein Aberkommen nach Paris ſehe ich fo an, wie ich ; es Dir in meinem Brief vom 10. gefagt habe. Die Trennung wird Carolinen immer ſchmerzhaft ſein, allein auf dem Punkt von Geneſung, auf dem ſie iſt, glaube ich nicht, daß es ihrer Geſundheit reellen Schaden bringen kann.
Auguſt hat Adelheid ſagen laſſen durch den geſtern angefom- menen Kurier, ſie ſolle ein Quartier zum 1. Oktober nehmen mit ſechs Pferden Stallung. Ich werde alſo nun Adelheid meinen Plan entdecken müſſen.
Der Kaiſer von Rußland braucht natürlich das Mittel ſeiner Abreiſe und des Abzugs der Truppen, um ſich bei den Franzoſen beliebt zu machen. Was geht es ihn an, ob Deutſchland geſichert iſt! Nach Rußland werden in Jahrhunderten keine Franzoſen wieder kommen. Es iſt eigentlich ſein Intereſſe, daß Deutſchland nicht zu ſtark werde und vor allem Preußen nicht. Wenn indeſſen Oſterreich treu und groß handelte und enger mit Preußen verbun- den wäre, fo könnte es ihm nichts helfen. Aber, aber! Anſere Lage, finde ich immer, iſt ſehr kritiſch und bedarf großer Klugheit und unermüdlicher Anſtrengung, um daß wir nicht übervorteilt werden.
Doch genug davon. Wem ſag ich denn das? Du weißt ja alles ſo viel beſſer und haſt den reinſten und beſten Willen. Ach,
f 39
daß Metternich dächte wie Du! Wie würde dann das Schlechte und Kleinliche ſchweigen und ſich verkriechen müſſen!
Die unglückliche Labsdoyere! Wie gerecht und verdient die Strafe des Mannes iſt, ſo ſchaudert einem doch vor ſolchem Schick— ſal. Mir tut das Herz phyſiſch weh, wenn ich daran denke.
500 Taler ſcheint mir auch eine hübſche Summe zu ſein, die wir Adelchen geben als etwas Fixes. Was wir dann mehr tun können, wird Effekt machen. Ach! und wir tun ja gewiß das Mög⸗ liche. Schon dadurch erwächſt Auguſt ein bedeutender Vorteil, daß er umſonſt wohnt, und das, was er für Quartier bekommt, zu anderen Ausgaben verwenden kann.
Ich muß hier abbrechen. Ich umarme Dich und richte nun alles vorläufig auf meine Abreiſe im Oktober ein. Gott, wie werd ich mich freuen, Dich wiederzuſehen!
22. Humboldt an Caroline Paris, 29. Auguſt 1815
ich Dir eine Entdeckung mitteilen, die ich neulich über Auguſt gemacht habe, und die mir nicht recht lieb iſt. Indes ſind die Menſchen, wie ſie ſind, und man kann ſie nicht ändern, auch iſt die Quelle, aus der dies, was ich Dir ſagen werde, ſtammt, immer gut und liebenswürdig. Wie ich neulich mit Auguſt über Dein und ſein Quartier und über die Leichtigkeit ſprach, daß er mit Dir im nämlichen Hauſe wohnen könnte, fand ich ihn ganz entſchieden, dies nicht zu tun, ſondern eine eigene Wohnung zu nehmen. Mit den liebevollſten und gewiß durchaus wahren Ver- ſicherungen gegen Dich, mit dem herzlichſten Beteuern, daß er nirgend ſo gern ſei als bei Dir, behauptete er, daß es für eine 40
sy ür dieſen letzten Fall [des Kommens nach Paris] muß
junge Frau doch beſſer fei, fiir ſich mehr Selbſtändigkeit zu gewinnen. Dies geht in die Erziehungsideen ein, mit denen ich nicht ſympa⸗ thiſieren kann, weil wir uns unter ganz anderen Amſtänden geheiratet haben. Aber was viel hübſcher und rührender in Auguſt iſt, iſt, daß er ſich einbildet, daß der Friede nur kurzdauernd ſein wird, daß man nicht aus jedem Krieg ſo wohlbehalten zurückkehrt, und daß alſo das Wichtigſte, was er im Leben zu tun hat, iſt, ſich ganz innig und eng mit Adel zu verbinden, wo ihm jetzt die Gegenwart jedes anderen Weſens außer ihnen beiden eine Art der Störung ſcheint, wenn er auch viel zu zart iſt, es ſo auszuſprechen.
Ich ſage Dir dies ſo ausführlich, weil ich auf einmal eine Art Schreck bekommen habe, daß auch der Plan, Carolinen und gar Heyſe und Hermann bei ihm und Adel zu laſſen, ihm viel— leicht im Tiefſten der Seele nicht angenehm iſt. Dagegen geäußert hat er nie das Mindeſte und Leiſeſte, das kann ich verſichern, allein ſeitdem er die Theorie des abſoluten Alleinſeins offenbart hat, habe ich auch nie das Herz gehabt, die Sache wieder recht zur Sprache zu bringen. Dir wird das Wirken auf ihn beſſer gelingen, und Du wirſt dann bald ſehen, wie es zu machen iſt. Auf keinen Fall, denke ich, kann es ſo weit gehen, daß Du darüber ſpäter kämſt. Es wäre wirklich traurig, wenn, damit Adel und er recht unauflöslich zuſammen wären, wir getrennt ſein müßten.
Es iſt mir unendlich ſüß, mit Dir ſo offen und ohne allen Rückhalt über dieſe Eigenheit Auguſts reden zu können. Wir ver- ſtehen uns beide in jeder Beurteilung, wir fühlen beide das Glück für Adelheid, einen Mann gefunden zu haben, der wirklich keinen anderen Gedanken, keine andere Empfindung, als ſie, hat. Wir ſind beide überhaupt im Leben gewohnt, jeden Menſchen in ſeiner und nicht in unſerer Art zu nehmen. Es iſt aber ſehr wichtig, daß Du von dieſem allen genau unterrichtet biſt.
Ich gehe zu einer anderen Sache über, die mir aber auch ſehr
41
wichtig iſt, zu dem Blücherſchen Briefe). Er hat mich im höchſten Grade intereſſiert, und Du kannſt ſicher ſein, daß ich niemandem ein Wort davon ſage. Es iſt nicht recht von dem alten Manne, ſolche Dinge, wie das übereilte Fordern ſeiner Entlaſſung und andere offenbar gegen den Kanzler gehende Phraſen ſeiner Frau zu ſchreiben, ohne ihr ein ſtrenges Geheimhalten anzuempfehlen. Es kommen überdies ſogenannte Fakta im Briefe vor, die durchaus falſch ſind, und ich muß mich, ſelbſt wenn es Dich nicht intereſſiert, länger dabei aufhalten. Ich wünſche nicht, daß Du von dem, was ich ſage, eigentlich Gebrauch machen mögeſt, aber es iſt wichtig, daß Du es wiſſeſt. Ohne eigentlich etwas von dem, was ich Dir ſage, mit⸗ zuteilen, wird es Dich in Deinen Reden leiten.
Du weißt erſtlich, wieviel ich auf Blücher ſelbſt halte, wie ich immer von Teplitz aus Grolman geſchützt und ihm gezeigt habe, wie gut ich mit Gneiſenau bin, Du kennſt außerdem meine Anpar⸗ teilichkeit. Die ganze Blücherſche Darſtellung geht dahin, daß er das Rechte gewollt hat und von den Miniſtern, uns mit einge⸗ rechnet, daran gehindert worden iſt. Daß er den Frieden mit Frankreich beſſer gemacht haben würde, als er jetzt gemacht werden wird, will ich ſehr gern zugeben. Allein das hätte vor⸗ ausgeſetzt, daß er allein, ohne Alliierte gehandelt hätte. Mit den Alliierten und dieſen hätte er wohl viel weniger hervor⸗ gebracht, oder man müßte denn annehmen, daß Preußen ſich geradezu in Krieg gegen die Alliierten und Frankreich ſetzen ſolle. Wenn man aber auf das geht, was ganz in ſeinem Wirkungskreis lag, ſo kann man mit Recht behaupten, daß ein anderes Syſtem, als das von ihm befolgte, bei weitem beſſer geweſen wäre. Ich will nicht einmal von den wahren Exzeſſen und Anordnungen bei
) Frau v. Humboldt hatte ihrem Gatten am 21. Auguſt einen Brief Blüchers in Abſchrift geſchickt mit den Worten: „Du wirſt vielleicht nicht ungern ſehen, wie ſich der Alte über die Angelegenheiten herausläßt.“
42
der Armee reden, die doch nun nicht abzuleugnen find. Allein es iſt nicht zu leugnen, daß unſre Armee in ihren Hand— lungen und Reden das Syſtem befolgt hat, Frankreich ſtrafen und ſich für das erlittene Anrecht rächen zu wollen, und daß dies Syſtem vom Hauptquartier ausgegangen ift*). Das edlere Syſtem wäre unſtreitig das geweſen, in einer Proklamation den Soldaten zu ſagen, daß eine ſolche Rache ihnen unanſtändig fei, daß fie durch Ord⸗ nung, Diſziplin und Billigkeit auf die Franzoſen wirken ſollten. Die Benutzung des Landes ließ ſich alsdann weit ſyſtematiſcher und mit weit mehr Erfolg machen. So iſt überall mehr von uns ſelbſt gemachtes Geſchrei als Ernſt in der Sache geweſen. Wir ſind durchaus verhaßt, es heißt durchaus, daß wir lauter Exaktionen und Erpreſſungen machen, wir haben mehrere Präfekten arretiert und einen nach Aachen geſchickt, und weißt Du, welches die ganze Summe iſt, die mit allem dieſem Lärmen ſeit dem Einrücken in Frankreich bis zum 20. Auguſt bar und in Naturalien herausge- bracht worden iſt? Fünf Millionen Franken. Es iſt wirklich lächerlich. Mit ſtillen Maßregeln, mit gar keinen Drohungen, aber mit ernſtem Vorſtellen der Notwendigkeit bei ſonſt ſtrenger Diſziplin und ge- wöhnlicher Höflichkeit hätte man mehr als das Vierfache erhalten müſſen.
Ich weiß wohl, daß Blücher ſagen wird, daß die miniſteriellen Maßregeln ihn gehindert haben. Aber dieſe Maßregeln haben erſtlich nicht gleich angefangen, und dann hat er uns gerade die Sache erſchwert, weil wir immer Gewaltmaßregeln zu verteidigen gehabt haben, die aufs mindeſte unnütz waren. Die Nanküne iſt zu keiner Sache in der Welt gut, und mit dieſer iff immer gehan-
*) Bei den wenigen Berührungspunkten, die zwiſchen den beiden grund- verſchiedenen Naturen Humboldts und Bismarcks beſtehen, iſt es intereſſant ſich hier das Bismarckſche Wort in „Gedanken und Erinnerungen“ B. II, S. 46— 73 zu vergegenwärtigen: „Ich erwiderte, wir hätten nicht eines Rich⸗ teramts zu walten, ſondern deutſche Politik zu treiben.“
43
delt worden. Aus Klugheit wenigſtens hätte er doch Ludwig XVIII. und ſeinen Hof nicht ganz vernachläſſigen ſollen. Allein weil Ludwig XVIII. ihn nicht im vorigen Jahre eingeladen hat, iſt diesmal kein preußiſcher Offizier zu ihm gegangen.
Alle Maßregeln, die im allgemeinen gut ſein möchten, aber im einzelnen notwendig Modifikation erfahren ſollten, werden mit eiſerner Strenge und Einſeitigkeit durchgeſetzt. So z. B. die Ent⸗ waffnung des Landes in den Provinzen, wo wir jetzt ſtehen. Dieſe find ganz königlich geſinnt, es reizt fie ungeheuer, die Waffen ab- geben zu ſollen, die ſie nur mit uns gegen die Feinde des Königs gebrauchen möchten, es iſt auch unmöglich, fie ihnen ganz abzuneh⸗ men, da ſie ſie immer verſtecken und in der letzten Bedrängnis zerbrechen. Allein man will auf alle Vorſtellungen der einzelnen Generale doch nicht die geringſte Milderung eintreten laſſen. Bei den beſten Menſchen verkehren ſich die Sdeen von Recht und An⸗ ſtand. Selbſt mit Auguſt habe ich ſolche Streitigkeiten gehabt. So haben fie faft aus allen Bibliotheken die caſſiniſchen) Karten weggenommen. Es iſt natürlich, daß man gute Karten haben muß, alſo iſt nichts dagegen zu ſagen. Aber beim Abmarſch ſollte man ſie doch wiedergeben. Da ſie zu kaufen ſind, iſt es ein bloßes Mitnehmen von ſo viel Geld. Allein ſo etwas iſt ſchwer begreiflich zu machen. Ich bin gewiß kein Franzoſenfreund und brauche dieſen Vorwurf von niemand zu fürchten. Aber ich kann es nicht genug wiederholen, daß dieſe Dinge weder dem Staat, noch der Armee nützlich ſind und vielmehr den Franzoſen Waffen gegen uns in die Hände geben.
Es war natürlich, daß Neid auch bei den Alliierten gegen uns entſtand, man muß noch bewundern, wie er wirklich in den
) So genannt nach Céfar Francois Caſſini, der 1733 die große trigo- nometriſche Vermeſſung Frankreichs veranlaßte, die von ſeinem Sohn voll- endet wurde, und deren Nefultat die „carte topographique de la France“ war.
14
Oſterreichern noch nicht iſt. Dieſen Neid mußte man durch ein recht ſtilles und gemäßigtes Betragen niederſchlagen. Das iſt nicht ge⸗ ſchehen. Was ich da ſage, fage ich nicht von mir allein. Bülow“) Zieten ), Clauſewitz! ) reden ebenſo.
Auf der anderen Seite ehre und achte ich gar ſehr Blüchers Anſicht und die derer, die ihn umgeben, und teile ſie ſelbſt. Es wird allerdings jetzt oft diplomatiſch verdorben, was gut erſtritten iſt, und auch diesmal wird Frankreich viel zu gut davonkommen. Allein dieſe wahrhaft gute Sache hätte nach dem Siegen durch die Armee und den Impuls des Hauptquartiers anders gefördert werden können und müſſen als durch ein ſtörriſches Befolgen eines entgegengeſetzten und auch irrigen Syſtems.
Am auf ſeinen Brief zurückzukommen, ſo ſehe ich nicht, wie der König und der öſterreichiſche Kaiſer erkannt haben, daß er ganz recht habe. Wenigſtens iſt nichts danach geſchehen.
Was er bewirkt für die Armee nennt, möchte ich ſchon wahr wiſſen. Er hat allerdings die Sachen ausgeſchrieben und Gewalt an einigen Orten, wo ſie nicht einkamen, ausgeübt. Allein es hat bis jetzt nur, was ich Dir ſage, gefruchtet, da die Bekleidung der Armee gewiß 40 Millionen erfordert. Erſt durch den Kanzler kommt jetzt ein Arrangement darüber zuſtande. Die 100 Millionen werden, wie man ſie hier ausgeſchrieben hat, nie einkommen. Man fing es ſchon darin verkehrt an, daß man nicht einmal Wellington fragte, der doch das gleiche Recht hatte. Hätte man 25 ſtatt 100 gefordert, ſo hätte man ſie, jetzt hat man nichts.
Blücher iſt ein trefflicher Mann, gegen den ich nichts zu ſagen gemeint bin, Grolman in andrer Art auch. Allein ihre Anſicht
) Friedrich Wilhelm v. Bülow, ſeit 1814 Graf von Dennewitz, geb. 1755, + 1816. **) Hans Graf v. Zieten, geb. 1770, + 1848 als Generalfeldmarſchall. *) Karl v. Clauſewitz, geb. 1770, + 1841. General. 45
über die Mittel zu ihren Zwecken kann ich nicht teilen und habe es einzeln Grolman ſelbſt geſagt. Es iſt dabei ein Unglück bei uns, daß ſehr oft der einzelne glaubt, das Ganze gehe nicht wie es ſolle, und es könne nur beſſer werden, wenn er auf jede Weiſe um ſich her wirke. Mir iſt die ganz entgegengeſetzte Handlungs- weiſe eigen; ich weiß wohl, daß man mir Schuld gibt, nicht genug zu handeln und zu viel geſchehen zu laſſen, ich bin auch manchmal mit dem, was geſchieht, unzufrieden, ich bin aber feſt überzeugt, daß ein Eingreifen, ein Handeln außer der feſten Form, auch in der beſten Abſicht unternommen, ein ſchädliches Handeln iſt, und darum ziehe ich mich lieber in ſolchen Fällen zurück. Nur wer in ſeinen Grenzen und mit aller Verantwortlichkeit handelt, kann Gutes wirken, außerdem iſt es nie ein ganz nützliches und oft ſchädliches Stückwerk. Der Kanzler hat ſich in dieſen ganzen Alte— rationen mit Blücher, von denen ich, wenn er es nicht zuerſt täte, nie geſprochen haben würde, mit einer Mäßigung und Würde be- tragen, die ihm die größeſte Ehre macht.
Ganz ſchlecht wird übrigens das Arrangement mit Frankreich vielleicht doch nicht. Ich tue, was ich kann, allein ich gehe davon aus, nicht ſo zu handeln, daß es Geſchrei macht, daß die Leute in Berlin ſagen, ich dächte wohl ſo oder ſo, könne aber nicht durch— dringen, ſondern ſo, wie es praktiſch von Nutzen iſt, wenn auch das Reſultat nicht ſehr in die Augen fällt. Ich will noch immer lieber mich wegen eines zu kleinen tadeln laſſen, aber in mir wiſſen, daß ohne mich ein noch kleineres herausgekommen wäre, als auf eine ſtolze Weiſe tadeln und zurücktreten. Ich bin nun einmal ſo, daß ich in allen dieſen Dingen vorzüglich nur die Pflicht achte, und das gibt mir eine Sicherheit und Ruhe und eine Anabhängigkeit von der Beurteilung anderer, die mir natürlich ſind, und die ich mir darum im geringſten nicht zum Verdienſte anrechne.
Du weißt, daß man von Berlin aus häufig hierher ſchrieb, 46
Gneiſenau werde Miniſter der auswärtigen Angelegenheiten. In hieſigen Zeitungen ſtand es auch. Ich weiß nicht, ob das ihn ver— droſſen hat, er hat ſich aber ſeit mehr als drei Wochen ganz von den Konferenzen zurückgezogen. Der Kanzler geht oft auch nicht hin, und ſo bin ich ſehr häufig allein darin. Es gehört nicht zu den liebenswürdigen Geſchäften, und wie wenig die andern mich lieben, wirſt Du einſehen, wenn ich Dir ſage, daß Metternich jetzt mein größeſter Freund iſt. Aber ich habe gerade zu Konferenzen mehr Talent, als zu anderen Dingen, und ſo weigere ich mich nicht, das auf mich zu nehmen.
Lebe innigſt wohl, mein einzig teures, inniggeliebtes Weſen.
Die Balgration] iſt angekommen; als ich heute (!) in ihre Stube trat, war der Ofen im Eßſaal geheizt, und alle Kamine loderten.
23. Caroline an Humboldt Berlin, 31. Auguſt 1815
SE eX eftern habe ich denn den Kindern in Hinficht auf unfern Plan geſagt. Ich erwartete eine betroffene Stimmung Nw in Carolinen, allein es ging leidlich damit. Sie fagte und zeigte zwar, daß es ihr ſehr weh tue, einige Monate von mir entfernt zu ſein, allein der Wunſch, unausgeſetzt in Wolfarts Pflege zu bleiben, ſchien doch überwiegend. Adelheid wird mehr fühlen, daß ſie doch auch etwas mit mir verliert, wenn ich fort ſein werde, als jetzt, wo ſie in Erwartung und Sehnſucht nach dem lieben Mann eigentlich lebt und aufgeht. Gabrielle war die eigentlich am tiefſten bewegte. Sie hatte die Augen in Tränen ſchwimmend und warf ſich mir mit dem Ausdruck der innigſten Liebe in die Arme.
47
Ich fprad mit den Kindern in Wolfarts Gegenwart, den ich früher präveniert, weil er ſo etwas Mildes, Ausgleichendes in ſeinem Weſen hat, und ich mehr Aufgeregtheit in Carolinen vermutete. Allein Caroline blieb ſehr gehalten. Sie ſagte ſelbſt, daß ſie ein⸗ ſähe, daß wir nicht immer ſo getrennt ſein könnten, und wenn Du länger in Paris bliebeſt, ſo würde ſie ja hoffentlich im Sommer 1816 ſo geſund ſein, daß von ihrer Seite keine Verhinderung mehr obwalten würde, mich nach Paris zurückzubegleiten. Wünſchen aber täte ſie freilich mehr, Du kämſt hierher. Nun, mein liebſtes Weſen, ich werde alſo kommen, wenn Auguſt ange⸗ kommen iſt.
Der Kanzler hat, wie mir jemand hier für ganz gewiß ſagen wollte, in Paris ſein Teſtament gemacht. Der Gute muß ſich doch wohl ſehr ſchwach gefühlt haben. Ich habe zu dem Kanzler, den ich doch nur einmal hier ſah und ſprach, wie man wohl ſo zum erſten Male bei einer Bekanntſchaft ſpricht, ein ſolches Gefühl wie zu einem teuren Weſen, das man pflegen, dem man recht viel und mit eigener Aufopferung zuliebe tun möchte, und gerade darin einen rechten Genuß findet. Du verſtehſt mich gewiß. Er hat etwas ungemein Anziehendmenſchliches, und das air de grand- seigneur, was er in hohem Grade hat, hat jenes nicht ver- drängt. Da habe ich denn auch das vornehme Ausſehen eigent- lich recht gern.
Ich habe recht in mir lachen müſſen, daß Du findeſt, daß ich ſolche Gemütsähnlichkeiten mit dem Staatskanzler habe. Allein es ſcheint nur in ſeinen Fehlern, daß er ſich nicht ſchonen will uſw. Wer kann ſich ſchonen? Da müßte man nicht leben!
Adieu, mein Herz!
48
24. Humboldt an Caroline Paris, 1. September 1815
lie es mit den Anterhandlungen hier gehen wird, läßt fic zwar mit vollkommener Beſtimmtheit jetzt noch nicht vor- Q! ausſagen. Allein allem Anſchein nach iſt das Reſultat weit unter den billigſten Erwartungen. Ich weiß, daß Du damit niemanden im voraus unruhig und unzufrieden machen wirſt. Die einzige und wahre Arſache davon iſt Rußland, die mitwirkende England, die nicht hindernde Oſterreich. Preußen iſt unſchuldig daran, es hat getan, was unter den Amſtänden möglich war. Mehr zu tun, weiter zu gehen, würde Dinge vorausſetzen, die, wie Menſchen und Sachen ſind, zu den Anmöglichkeiten gehören. Abrigens iſt indes freilich noch nichts in letzter Inſtanz entſchieden.
Auch die vier Kabinettsminiſter, die über dieſe Angelegenheit allein ihre Konferenzen halten, ſind noch nicht zu einem Schluß gekommen. Die Sachen ſtellen ſich nur ſo, daß ich dies Ende vorausſehe. In welcher Zeit nun das Endarrangement zuſtande kommen wird, iſt ſchwer und kaum möglich vorauszuſagen. Wie die Mächte unter ſich einig ſind, muß mit Frankreich unterhandelt werden. Bei dem allen gehen die Souveräne am 9. zu einer ruſſiſchen Revue in die Champagne und etwa am 25. zu einer öſterreichiſchen nach Lyon, indem fie zwiſchen beiden Revuen zurück— kommen.
Ob bis dahin nun alles beendigt ſein wird, wie läßt ſich das beſtimmen? Ich glaube immer, daß es noch gar die ſchöne Wen— dung nehmen wird, daß man während der Anweſenheit der Sou— veräne bloß Präliminarien unterzeichnet, und das übrige den weiteren Verhandlungen überläßt. Es heißt, daß der Kaiſer Alexander mit dem Kaiſer Franz') nach Mailand gehen wird. In dieſem Fall würde ich unſerm König auch ſehr dazu raten.
) Franz II., Kaiſer von Sſterreich, geb. 1768, + 1835. Humboldt⸗Briefe. V. 4 49
Denn fo ein paar Kabinette allein zu laſſen, tut nie gut. Daß es im September wirklich zu einem endlichen und gänzlichen oder zu einem vorläufigen und nur die Hauptpunkte betreffenden Schluß kommt, iſt meine feſte Meinung. Mit dem Sold und den Beklei⸗ dungen iſt man nun wirklich fertig. Wir bekommen für beides 47 Millionen Franken, wofür das Gouvernement ſchon Sicherheiten gegeben hat, mit denen Bülow“) zufrieden iſt.
Schrieb ich Dir ſchon, daß Canova“) hier iſt, um die Kunſt⸗ werke zurückzufordern? Es geht auch damit ſehr närriſch. Eigentlich ſind alle für das Zurücknehmen. Von uns brauche ich nicht zu reden. Unter den Nuſſen intereſſiert ſich Razoumoffsky ) laut für den Papſt.
Der Staatskanzler iſt ſo gut als ganz wiederhergeſtellt und in voller Tätigkeit.
Von den Schnupftüchern wird ein Dutzend zur Probe gemacht für 17 Franken das Stück. Die Valgration], ſtell Dir vor, hat hier jetzt auch welche gekauft, aber zu 4 Karolin (96 Franken) das Stück. Das iſt doch eine offenbare und große Torheit.
25. Humboldt an Caroline Paris, 6. September 1815
f huguſt ijt heute früh mit dem Prinzen von hier abgereiſt. Sie gehen zum General Bülow, wo auf einem Schloß — Villebon, das Sully r) bewohnt haben ſoll, ein Feſt zur Feier der Schlacht von Dennewitz gegeben werden ſoll. Ver—
) Ludw. Friedr. Hans Graf v. Bülow, geb. 1774, + 1825, Neffe Harden⸗ bergs, ſeit 1813 preußiſcher Finanzminiſter. **) Antonio Canova, geb. 1757, + 1822, italieniſcher Bildhauer. *) Andrei Cyrillowitſch Graf Razoumoffsky, geb. 1752, + 1836, ruſſiſcher Staatskanzler. 1) Maximilian Béthune Herzog v. Sully, geb. 1560, + 1641, bedeutender Staatsmann unter Heinrich IV.
50
mutlich befucht dann der Prinz auch feine eignen Truppen und kommt etwa in fünf Tagen wieder zurück. Er behauptet, dies ganz unter uns, zu wiſſen, daß Gneiſenau dagegen arbeitet, daß ſein Prinz an den Rhein komme. Da dies nun auch in die Pläne mit Adel einſchlägt, ſo kannſt Du denken, daß er das gar hoch aufnimmt. Kurz alles, was man bei ihm berührt, dreht ſich um die liebe Kleine, und wir ſind wirklich mehr als gewöhnlich glücklich geweſen auch darin, dies ſo zu finden. Denn ſo rein, ſo treu, ſo tief und ſo gar nicht ſelbſtſüchtig leidenſchaftlich einer Frau ergeben zu ſein, iſt unendlich ſelten.
Auf Dein Kommen rechne ich ganz gewiß, ſüße Seele. Ich höre auch jetzt nichts von der Anſicherheit der Straße auf dieſer Seite. Ich habe ein Haus ſo gut als gemietet in der Rue de Lille Nr. 53 vom 1. Oktober an auf ſechs Monate. Es iſt ein ganzes Haus, wo nur wir darin ſind, entre cour et jardin. Die unterſte Etage iſt ganz in Seide, reich und geſchmackvoll möbliert, und die Meublen ſo gut als neu. Für dies Haus mit den Meublen gebe ich für ſechs Monate 8000 Franken. Du wirſt ſagen, daß ich noch hätte warten können und wahrſcheinlich einen oder zwei Monate für Miete wohnen werde, wo ich einquartiert zu wohnen fortfahren könnte. Aber ich habe ganz auf Dein Kommen gerech— net, und mit ſeiner Frau ganz breit einquartiert zu leben, ob es gleich all unſere Staats- und Geheimen Staatsräte und Bülow, und ich weiß nicht wer tun, geht ganz gegen meine Empfindung. Nur die Notwendigkeit des Geſchäfts, die auf die Frau nie tiber- geht, macht, beſonders bei Zivilperſonen, die Einquartierung noch erträglich. Ich wohne immer ungern ſo. Es iſt immer eine Laſt und eine höchſt empfindliche, die man verurſacht.
Ich glaube, daß ich Dir ſchon ſchrieb, daß ein ganz vorteil⸗ haftes Arrangement mit der hieſigen Regierung gemacht iſt, ver möge deſſen fie uns 10 Millionen für Sold und 37 für Belklei⸗
4* 51
dung zahlt, daß aber nun auch alle Einmiſchung in die franzöſiſche Adminiſtration aufhören ſoll. Altenſtein iſt, um das einzurichten, bei Blücher geweſen und hat den Alten, wie Grolman ſehr ver- nünftig und nachgiebig gefunden. Es kommt wirklich ſehr oft nur auf die Art an, die Dinge zu machen. Auch mit dem Betragen der Truppen ſollen die Einwohner ſehr zufrieden ſein.
26. Caroline an Humboldt Berlin, 4. September 1815
Mein teures Herz!
Hein am Freitag empfangener Brief vom 22. Auguſt hat mir ſehr viel Freude gemacht.
Was Du mir von Schlabrendorff ſagſt, hat mich nicht ſo ſehr frappiert, als Du glaubſt. Wenn man, wie er, ſich das ganze Leben hindurch mit einer Lieblingsidee und noch dazu mit einer ſo ſchönen wie die einer freien Verfaſſung für ein großes Volk beſchäftigt hat, ſo ſcheidet man nicht davon, beſonders nicht an der Neige des Lebens. Auch muß das deutſche Weſen ihm doch fremd geworden fein, denn da dem Menſchen die Allgegen⸗ wart nicht gegeben iſt, ſo kann er ſich nicht hineindenken und ſieht nur noch die Zeiten Friedrichs des Großen hier.
Es iſt doch eigentlich unbeſchreiblich, was mit dem bloßen Sein in einem deutlich wird, und alles, was auch über den Geiſt einer Zeit oder einer Nation geſchrieben wird, belebt einen nicht ſo mit einem klaren Erkennen als das Daſein, die Gegenwart, die verſchiedenartigen Berührungen, in die man kommt.
Ich muß mich wundern, wie Gneiſenau die Berliner nicht mehr kennt, um nicht zu ahnden, welchen Eindruck ſein Sitzen und Arbeiten in den Konferenzen gemacht hat und noch macht. Daß er zum Miniſter der auswärtigen Angelegenheiten beſtimmt ſei, habe ich nicht ſagen 52
hören, die allgemeine Anſicht iſt wohl mehr die, daß er den Staats- kanzler abhalten werde, unvorteilhafte Bedingungen für Preußen zu machen. Der gute Staatskanzler iſt nicht geliebt, und weil die Refultate der Diplomatik nie glänzend wie die einer Campagne ſein können, ſo wirft beinah ein jeder einen Stein auf ihn.
Auguſt hat an ſeine Mutter fo preſſant über ein Quartier geſchrieben, als wenn er den 1. Oktober hier ſein könnte. Ich mußte, um nur die Mutter zu ſteuern, ihr ſagen, wie ich über mein Hierbleiben denke. Auguſt ſcheint verſeſſen darauf zu ſein, mit Adelheid allein zu ſein. Hermann und Heyſe können aber meiner Einſicht nach recht gut mit in dem Olſenſchen Hauſe wohnen, denn ich wüßte nicht, was Auguſt und Adelheid mit dem weit⸗ läufigen Quartier machen wollten. Du führſt unſer Beiſpiel an, mein Süßes, aber andere Zeiten, andere Sitten. Ich glaube behaupten zu können, daß eigentlich nur ſehr wenig Menſchen ſo einfach wie wir von Natur find. Anſere Kinder find es ſchon bei weitem nicht. Am meiſten noch iſt es Caroline.
Ja wohl hat Auguſt mitunter ſonderbare Ideen über das eheliche Verhältnis. Gabrielle liebt er fo, daß, wenn er nicht Adel— heid geliebt hätte, er unſtreitig unendlich verliebt in Gabriellen ge— worden wäre.
Man macht hier Wetten auf Neys Leben und Begnadigung. Ich muß geſtehen, auch ich glaube nicht, daß er verurteilt wird. Labédoyere iſt der Sündenbock geweſen. Heimlich wird man ſagen, die Emotionen müßten zu vielfach ſein, man mache Ludwig XVIII. verhaßt uſw., allein eigentlich will man ſolche Leute wie Ney er— halten. Es iſt auch horrende, daß ſolche Menſchen, wes Namens fie find, fallen, und Fouché!) lebt und die höchſte Gewalt in Händen hat.
*) Joſeph Fouché, Herzog von Otranto, geb. 1759, + 1820, Polizei— miniſter unter Napoleon I. und Ludwig XVIII.
53
Ich ſchließe, Deine heut zu erwartenden Briefe find noch nicht da. Der Adel ihre Wäſche und Kleider werden jetzt zur Aus⸗ ſtattung gemacht. Im vorigen Monat habe ich allen drei ragazze wattierte Mäntel machen laſſen, die netto 75 Taler gekoſtet haben. Auch habe ich Schleiermacher“) eine Ahr geſchenkt, koſtet 98 Taler.
Adieu!
27. Caroline an Humboldt Berlin, 7. September 1815
Indem ich das Datum ſchreibe, bekomme ich Deine Nr. 21, mein teuerſtes Herz. Adelheid und Gabrielle ſind ſeit Dienstag früh in Tegel.
Es ſind auch zwei Briefe von Auguſt an Adelheid mit dem Kurier gekommen, die ich ihr foeben mit dem Milch— wagen hinausſpediert habe. In dieſen, hoffe ich, wird Auguſt ihr ſeine wahre Meinung über das Sein hier an den Tag geben, und den Rückklang werde ich bekommen, wenn ich del heid ſehe, die ich Sonntag von Tegel abholen werde. Denn ich habe Auguſt deutlich meine Abſicht geſagt, nach Paris zu gehen, wenn er zurückkäme und die Zügel des häuslichen Regiments über⸗ nähme. Daß er mir darauf noch nicht geantwortet, daß er, feit- dem er dieſen Brief haben muß, ſeiner Mutter dringend um ein Quartier zum 1. Oktober geſchrieben, iſt mir ein leiſer Wink, daß dies Arrangement ihm nicht lieb iſt. Was Du mir nun in Deinem eben heut empfangenen Brief ſagſt, war mir nicht ganz unerwartet. Doch iſt es mir, ich kann es nicht leugnen, ſchmerzlich. Das ſchönſte und vollſtändigſte Sein in einem Menſchen iſt, wenn er die Bedürfniſſe ſeines Herzens mit dem Leben in eine Harmonie
) Friedrich Ernſt Daniel Schleiermacher, geb. 1768, + 1834, Bahn⸗ brecher der neuen proteſtantiſchen Theologie.
) Brief vom 29. Auguſt. 54
rr
——
*
2 — 2
zu bringen vermag. Hier, dünkt mich, ijt viel gegeben, ein zu ängſt⸗ liches Modeln könnte leicht ſehr unwohltätig ſein. Was heißt das eigentlich, er müſſe die Zeit ſo benutzen, damit er und Adel ſich im tiefſten Herzen erkennten uſw. Die Liebe, das Erkennen, das aus ihr hervorgeht, iſt keine Wiſſenſchaft, ſondern eine Flamme, die mächtig das Innere belebt und ergreift und auf alles Äußere einen heiligen Glanz wirft.
Doch ich will nicht mehr darüber ſchreiben, wir ſprechen wohl einmal darüber, doch wann nun? wird mir zweifelhafter, denn dies, fühl ich, geht nicht, und weil ich das fühle, darf ich es nicht vor Adel zum Ausſprechen kommen laſſen.
Den 8.
Je mehr ich, mein ſüßes Leben, über Deinen vorigen Brief nachdenke, je deutlicher iſt es mir, daß Auguſt nicht die Sorgen einer Häuslichkeit übernehmen will, wie er es täte, wenn ich fort- reiſte, und Caroline in ſeinem Schutz bliebe. Ich geſtehe, daß es mir unerwartet gekommen iſt. Mit Frau v. Hedemann ſprach ich geſtern über die Notwendigkeit, ein Quartier zu nehmen, und ſie zeigte mir bei dieſer Gelegenheit Auguſts Brief, den erſten vor dem 26. geſchriebenen. Er ſagt in ſelbigem deutlich, er wünſche mit Adelheid allein zu wohnen, es ſei gut, wenn ſie ſich gewöhne ſelbſtändig zu ſtehen, auch könnte es im Hauſe, da ſie die jüngere Schweſter ſei, unangenehme Kolliſionen mit der älteren Schweſter geben, die ſtörend würden. Er fügt dann freilich noch viel Liebes und Zärtliches für mich hinzu, allein, mein beſter Wilhelm, fein Wunſch iſt ſehr klar ausgeſprochen, und ich geſtehe, daß ich, da ſich dies alles in ihm ſo ſtellt, Carolinen nicht ohne Beſorgnis bei ihm laſſen würde. Denn fühlte ſie ſich nicht gern geſehen und liebend getragen, ſo könnte das ſchlimm wirken.
Alſo, mein geliebtes Leben, ci vuol pazienza! — Entſagen iſt ein Wort, deſſen ganze gewichtige Bedeutung das Leben einen
ö 55
jeden Tag mehr lehrt. Behalte Du mich nur recht lieb, wie ich Dich, im Frühjahr komme ich dann mit Carolinen und Gabriellen. Wenn Deine Stelle dauernd wird, d. h. wenn ſich die öffentlichen Dinge beruhigen, hat Caroline ſich ſchon ganz hinein ergeben.
Man ſagt hier, der Kaiſer von Rußland und die beiden Groß— fürſten würden einige Tage hier bleiben, und die Verlobung beider Großfürſten mit Prinzeß Charlotte“) und der Nichte des Königs, Prinzeß Friederike“) Louis, würde ſtatthaben. Sara? non lo so.
Das Wegziehen der ruſſiſchen Armee unter den in Frankreich obwaltenden Amſtänden und den notwendigen Folgen, die das auch für die anderen Armeen hat, iſt immer eine nicht erfreuliche Sache und ließe auf manchen tieferen Plan Rußlands ſchließen. Ach Gott, mein Herz, wo man hinblicken mag, überall iſt doch nichts wie Verwirrung, und wer von den jetzt Lebenden wird das Ende dieſer Kämpfe ſehen, die man zu dem ſchon vorhandenen Stoff auch noch ausſäet!!
28. Humboldt an Caroline Paris, 9. September 1815
„„ % % U Bie 21) Tene
acral man, was in dem Frieden der Nation mißfallen kann, den Miniſtern zuſchreiben, ſo fällt es jetzt mehr wie je auf den armen Kanzler. Kein Menſch als er iſt bei den
Konferenzen über die Endarrangements, und kein Menſch brauchte alſo die Verantwortlichkeit zu teilen, ſelbſt dann nicht, wenn andere, wie z. B. ich, auch den Frieden mit unterſchreiben ſollten.
*) Prinzeſſin Charlotte, älteſte Tochter Friedrich Wilhelms III. und der Königin Luiſe, geb. 1798, + 1860 als Kaiſerin von Rußland.
**) Prinzeſſin Friederike, geb. 1796, + 1850, verm. 1818 mit Leopold, Herzog von Deſſau. 56
Der Staatskanzler wird überdies ſchon genug einen harten Stand haben, da man auch in der inneren Verwaltung mit vielen Dingen unzufrieden iſt, und man nicht leugnen kann, daß manche arge und böſe Fehlgriffe da gemacht worden ſind. Abrigens wundere ich mich nicht über dies Gerede.
War nicht dasſelbe neulich der Text des Blücherſchen Briefes und in wie vieler Leute Hände mag der gekommen ſein? Schreiben nicht höchſtwahrſcheinlich ſo auch eine Menge anderer Offiziere ſelbſt ohne im geringſten gerade übelgeſinnt zu ſein? Die Gründe liegen am Tage. Es iſt wirklich wahr, daß die GFriedensarrange- ments, die auf die Kriege ſeit 1813 gefolgt ſind, für Preußen weder ſo glorreich noch ſo nützlich geworden ſind, als die Kriegs— erfolge dazu berechtigt hätten. Das liegt in den natürlichen Ver- hältniſſen der Dinge. Die Armee und die Nation war und iſt in großem Feuer, ſie ſetzte alſo ihrem Mut gar keine Schranken, ſie focht überall mit der äußerſten Anſtrengung, und man ließ ſie da recht gern die erſte ſein.
Bei der Anterhandlung aber wurde das Gewicht nicht gerade durch dieſe Anſtrengungen hervorgebracht, ſondern durch die natür— lichen Kraftverhältniſſe Preußens, die natürlich ſo groß nicht ſind. Der Staatskanzler weiß außerdem, daß der König es nicht zu Extremen kommen läßt, die andern wiſſen es noch mehr. Alſo fehlt unſern Worten der von der Tat imponierende Nachdruck. Auf Krieg mit allen Alliierten können wir uns unmöglich einlaſſen, und einen Bundesgenoſſen unter den andern finden wir ſchwer. Oſterreich wäre der einzige, auf den man vielleicht zählen könnte; nun aber weißt Du, wie ſchwach Metternich iſt, wie er immer dem Haufen folgt, und wie er ſelbſt wieder eine innere Furcht vor Preußen hat.
Denn es iſt nicht zu leugnen, daß zu den Nachteilen, in denen wir find, noch die beiden hinzukommen, einmal daß unſere geogra- phiſche Lage uns faſt immer, wo wir unſern Vorteil befördern
57
wollen, zu Planen zwingt, die anderen direkt entgegen find, dabin- gegen Rußland am Herzogtum Warſchau, Oſterreich an Italien Länder fanden, in denen ſie freie Hand hatten. Endlich, und das iſt nur zu wahr und ſchadet jetzt mehr als je, haben die anderen Kabinette, und namentlich Oſterreich, eine Furcht vor den, wie ſie es nennen, revolutionären Elementen, die bei uns und in unſerer Armee herrſchen ſollen.
Wir ſtehen in allen Fragen, die jetzt verhandelt werden, auf einer Linie der Rechtsanſicht, welche niemals die ihrige fein wird, ja die mitunter ihr eigenes Verfahren geradezu mißbilligt. Dies wendet ſie von uns ab und flößt ihnen das Mißtrauen ein, zu dem ſich jetzt noch der Neid auf den Waffenruhm geſellt. Nie⸗ mals wirkten dieſe allgemeinen Gründe ſo ſtark als jetzt, denn alle anderen Alliierten ſind an ſich und durch ihre Miniſter mehr oder minder mit Frankreich verbunden, teilen mehr oder minder ſeine Geſinnungen. Alle fürchten ſich vor den Forderungen Preußens, wenn man es zu hoch emporkommen läßt.
In dieſer höchſt nachteiligen Lage muß der Staatskanzler unter⸗ handeln, und ich behaupte, das Reſultat wird noch immer beſſer werden, als ich, der ich die individuelle Lage genau kenne, mir es dachte, da ich Berlin verließ; wie ich denn überhaupt immer und ewig dabei bleiben werde, daß, [wenn] der Staatskanzler zwar ganz evident manchmal Fehler in den Anterhandlungen begeht, die in ſeinem Charakter liegen, er ſie auch immer wieder durch eben dieſen Charakter gut und oft mehr als gut macht. Wenn ſich daher auch Leute mit Wahrheit berühmten, die Fehler nicht zu begehen, ſo wären ſie darum noch weit entfernt, ihm gleich zu ſtehen.
Wenn ich ſagte, daß er Charakterähnlichkeit mit Dir hätte, ſo meinte ich gewiß ſeine beſten Seiten. Da dies gerade die am tiefſten aus der Natur hervorgehenden ſind, ſo ſind ſie freilich auch mit einigen kleinen Fehlern am nächſten verwandt, und ſo geht die 58
Ahnlichkeit auch darin über. Aber ſeine inneren und wahren Ge- finnungen, ſeine erſten Bewegungen würden Dir immer wie aus der Seele geſchnitten ſein. Auch das tief edle und ganz und gar nicht leer vornehme Weſen, aus dem die echte Würde entſteht, iſt in euch beiden. Dann ſind freilich, wie natürlich, die größeſten Verſchiedenheiten. Seine Heftigkeit bricht nach außen aus und verraucht gleich, Du biſt immer ſanft und mild, aber das Gefühl untergräbt Dich innerlich. Er iſt ſinnlich und leichtſinnig, wovon keine Spur in Dir iſt. Aber traurig iſt's allerdings zu ſehen, daß die meiſten Menſchen, die ihn umgeben, mehr ſeine leichten Seiten benutzen, als die tieferen und edleren zu ſchätzen wiſſen.
Der Kaiſer von Rußland iſt, wie ich Dir oft ſagte, das wahre und faſt einzige recht große Hindernis bei der Ausführung jedes gerechten und vernünftigen Plans. Sein eigentlicher Grund iſt, darüber waltet mir kein Zweifel ob, daß er nicht will, daß Preußen und Deutſchland durch ſich ſelbſt ſicher ſein ſollen. Im Munde aber führt er nichts als moraliſche Gründe, daß man die Heiligkeit des Anternehmens dieſes Krieges nicht durch Eigennutz entweihen, daß man auf nichts hinarbeiten muß, als die legitime Regierung in Frank⸗ reich zu befeſtigen, und davon, als von dem Ende der Revolution, die ſittliche und politiſche Verbeſſerung Europas abzuwarten. In dieſen Begriffen geht er nun auch ſogar auf myſtiſche Art weiter. Da er ſeiner einſeitigen Erziehung nach gar keinen Begriff von etwas anderem als ruſſiſcher Barbarei und franzöſiſcher Kultur hat, ſo hat alle Anſittlichkeit und Verderbtheit der Welt, die nun außer Frankreich gar nicht vorhanden iſt, nur in Frankreich und in der Revolution ihren Arſprung genommen, und durch den ungeheuren Einfluß, den in ſeinem irrigen Wahne Frankreich durch Sprache, Literatur und ich weiß nicht was auf das übrige Europa ausübt, kann auch die Heilung und Bekehrung nur von Frankreich aus— gehen. In Frankreich ſelbſt muß ſie durch den legitimen König
59
geſchehen, dem man ja kein Haar krümmen muß, und fo ſiehſt Du, wie das myſtiſche Naiſonnement zum ganz platt eigennützig Nuſſiſch⸗ politiſchen zurückführt.
Daß dies ſo im ganzen wahr iſt, leidet keinen Zweifel. Es iſt auch ſicher, daß, wie ich Dir öfter ſchrieb, der Kaiſer alle Woche einige Abende bei Frau v. Krüdener“) zubringt, die ihn in dieſen Ideen beſtärkt, und die ich mir, ob ich ſie gleich nicht ſelbſt kenne, als ein Gemiſch urſprünglich deutſcher Empfindſamkeit und franzö⸗ ſiſcher Erbärmlichkeit, wie ſich das in der elenden Valérie“) ausſpricht, denke. Ob zugleich die Details und Anekdoten wahr ſind, die man erzählt, laſſe ich dahingeſtellt fein. Die neueſte iſt, daß Labédoyere ihr im Traum erſchienen ſei, ihr ungefähr das oben auseinander⸗ geſetzte Syſtem entwickelt und ſie mit einem Kuß auf dem Halſe entlaſſen habe, von dem ihr beim Erwachen ein ſchwarzes Stipschen geblieben ſei, das nun vom Kaiſer in gleicher Heiligkeit gehalten werde. Bei ſolchen Leuten iſt alles möglich, und die Sucht, den Labédoyere, der nichts als ein ganz gemeiner liederlicher Menſch und nachher ein bloßer Verräter war, zu einer Art Heiland zu machen, deſſen Blut hat fließen müſſen, den man aber allgemein bejammern muß, iſt ja ſogar auf die franzöſiſchen Zeitungen übergegangen.
Was die Engländer ſo an dies ruſſiſche Syſtem bindet, iſt ſchlechterdings nicht zu begreifen. In England ſelbſt iſt die Stim⸗ mung dergeſtalt gegen Caſtlereagh“ ) und Wellington deswegen, daß ſie Mühe haben werden, ſich in ihren Stellen zu erhalten. Auch der Prinzregent f) war gegen fie. Da fie aber ihm haben durch
*) Barbara Juliane v. Krüdener, geb. v. Vietinghoff, geb. 1764, + 1824, die bekannte Pietiſtin.
*) Roman in Briefen der Frau v. Krüdener.
***) Geb. 1769, + 1822, ſeit 1812 engliſcher Miniſter des Auswärtigen.
+) Georg IV., König von Großbritannien und Hannover, geb. 1762, + 1830, führte für ſeinen geiſteskranken Vater von 1811 bis zu deſſen Tod 1820 die Regentſchaft.
60
Stewart“) erklären laſſen, daß fie ihren Abſchied nähmen, wenn er nicht in ihr Syſtem einginge, und der Regent dadurch noch mehr in Verlegenheit geſetzt wird, ſo hat er nachgegeben.
Perſönlicherweiſe kann man ſich die Sache dadurch erklären, daß Wellington durch die Ruſſen und namentlich Pozzo di Borgo“) hat auf ſich wirken laſſen, und daß ſein entſchiedener und herriſcher Ton Caſtlereagh unterjocht hat. Vernünftige Gründe kann man keine abſehen, als daß ſie ſich, wenn Abrüſtungen in bedeutender Größe vor Frankreich geſchähen, vor dem Streit über ihre Vertei- lung fürchteten, und daß ſie in der ſicherlich irrigen Meinung ſtehen, daß durch eine Abrüſtung eher Krieg mit Frankreich, als durch eine temporäre Beſetzung erregt wird.
Oſterreich wankt, billigt im Innern unſere Plane mehr als die entgegengeſetzten, aber fürchtet ſich eigentlich, ſich mit uns, als mit Leuten, deren Grundſätze immer weiter führen können als man will, zu verbinden, und ſträubt ſich über alles, die Träg⸗ heitskrücke dieſer vierköpfigen Allianz zu verlieren. Es iſt daher wohl auf unſerer Seite, aber immer mit tauſend wieder alles Gute wegnehmenden Einſchränkungen und Mittelwegen.
Aus allem dieſen wird nun, ſoviel man ſich erlauben kann zu weisſagen, daß gewiß Sardinien ſein Savoyen bekommen, Landau abgeriſſen und Oſterreich zur Dispoſition gegeben werden wird, wir Saarbrücken und die Feſtung Luxemburg erhalten werden, der König der Niederlande die Stücke Belgiens, die im vorigen Jahr Frankreich gelaſſen wurden; vielleicht Hüningen an die Schweiz fällt, Bitche auch zu Oſterreichs Dispoſition kommt, wir Saarlouis und die Niederlande einige Feſtungen kriegen. In beiden Fällen bleiben 150000 Mann in Frankreich ſtehen und beſetzen, vermutlich
*) Vgl. Bd. IV, S. 226. ») Ruſſiſcher Diplomat, geb. 1764, + 1842, Korſikaner, ruſſiſcher Ge⸗ ſandter in Paris.
61
fieben Jahre lang, die Hauptfeftungen von Belgien an bis zur Schweiz, teils um zur Anterſtützung der Regierung zu dienen, teils um die Kontributionszahlung zu ſichern.
Dies hat nun allerdings ſein Gutes, da die Gebietsabtretungen ſo beſchränkt ſind, allein an ſich iſt es eine abſurde Idee, einer wahrlich nicht bis auf dieſen Grad gedemütigten Nation eine euro- päiſche Zuchtarmee auf den Nacken zu ſetzen, und muß in ewige Streitigkeiten und vielleicht zuletzt neue Kriege verwickeln. Es wäre unſtreitig viel einfacher geweſen, den Elſaß mit Straßburg, einen Teil Lothringens und einen Hennegaus mit den Hauptfeſtungen abzureißen und dann bloß ein paar Orte bis nach Bezahlung der Kontribution zu beſetzen. Daß man einer Nation Provinzen nimmt, die ſie ſelbſt ehemals genommen hat, iſt weder ungerecht noch unnatürlich, allein daß man ihr vorſchreibt und die Naſe darüber hält, wie ſie ſich regieren laſſen ſoll, was wenigſtens drei von denen, die es tun, ſelbſt nicht verſtehen, iſt das eine und das andere. Wie man von dem Plan hinlänglicher Abreißungen abgeht, ſchwimmt man in einem Ozean, wo ich keine Richtung mehr anzugeben weiß, und daher leugne ich nicht, daß ich mich jetzt für keinen Plan warm intereſſieren kann.
Kontribution fordert und erhält man gewiß. Aber die Summen gehen die Meinungen entſetzlich auseinander. Hierin hält aber auch Metternich feſter. Ich glaube nicht, daß ſich der Staatskanzler beruhigen wird, wenn er nicht zwiſchen 250 und 300 Millionen Franken für Preußen allein bekommt.
Ich habe Dir mit Fleiß heute ſo beſtimmt und ausführlich über die öffentlichen Gegenſtände geſchrieben. Die Gelegenheit!) iſt durchaus ſicher, ſicherer als je; ich weiß, daß Du keiner einzelnen Sache erwähnſt, gegen wen es auch ſei. Dabei aber iſt es mir wichtig, daß, wenn die Leute ſo große Beſorgniſſe affektieren,
) Der Brief ging durch den Rittmeiſter v. Loön.
62
Du ihnen geradezu ſagen kannſt, daß aus meinen Briefen doch gar nicht hervorginge, daß die Sachen ſo ſchlimm ſtünden, und nur, daß die Grenze des Pariſer Friedens würde überhaupt oder in Rückſicht Preußens unverändert bleiben, daß es aber vor allen Dingen darauf ankomme, ſich nicht zu große Hoffnungen zu machen, die Schwierigkeiten einzuſehen, die in der franzöſiſchen Regierung, deren Beſtehen uns doch ſelbſt wichtig iff, und in den andern Ver- bündeten liegen, die nicht das gleiche Intereſſe mit uns haben, endlich, daß es ganz wunderbar ſei, jeden neuen Krieg als einen Eroberungskrieg zu betrachten, daß es auch Erhaltungskriege gebe, daß die Frucht des jetzigen die künftige Sicherung des linken Rheinufers fei, daß man um Schleſien drei Kriege geführt habe, und man wohl nicht den Hubertusburger Frieden darum getadelt habe, daß er keine neue Eroberung hinzugefügt habe. Dies ſind wirklich alles ſehr wahre und triftige Gründe, und die dieſe ins Geleg hinein ſchnatternden Menſchen nicht einſehen oder, da es auch heim— tückiſche darunter gibt, nicht einſehen wollen.
Aber die römiſchen und belgiſchen Kunſtſachen hat ſich der Kaiſer von Rußland gleichfalls ganz verneinend erklärt. Er hält auch dies für ungerecht und unmoraliſch und ſtellt nun gar den Grundſatz auf, daß, da man voriges Jahr ſie nicht genommen habe, ſie durch den Pariſer Frieden Frankreich rechtmäßig geblieben wären. Indirekt tadelt er alſo auch unſer Wegnehmen. Allein für Belgien wird es dabei nicht bleiben. Nur vermute ich, daß, weil Rußland, auch ſogar meinetwegen, dem Papſt nicht wohl will, es die Sache dahin ſpielen wird, daß der König Belgien freiwillige Reſtitutionen macht. Iſt alsdann dies einmal geſchehen, ſo hat England kein Intereſſe mehr an der Sache, und Metternich weiß noch heute nicht, was er tun will.
Es gibt jetzt hier allerlei ſchöne Kunſtſachen zu verkaufen, und der König hat Luſt. Ich befördere zwar das nicht gern, denn wir
63
bedürfen doch ſehr des Geldes, und es geht damit immer eine be- trächtliche Menge weg. Allein ich ſehe voraus, es kommt doch dazu. So hat der König Alexandern aufgetragen, ſich nach dem Preis der vier Canovaſchen Statuen in der Malmaiſon, Amor und Pſyche, Hebe, Paris und einer Tänzerin zu erkundigen. An dem Paris und der Tänzerin hätte man nun meines Erachtens nicht viel. Ich habe daher geſtern dem Kanzler durch Jordan“ vorſchlagen laſſen und werde ihm heute ſelbſt davon ſprechen, ſogleich Rauch kommen zu laſſen. Er verſteht ſich ja auch auf Gemälde und hat auch Dreiſtigkeit genug, dem König zu ſagen, was gut und nicht gut iſt. Ganz gewöhnlichen franzöſiſchen Dreck, und wo doch ein Stück 8000 Franken koſtet, will der König, wozu Alexander gewiß nicht beiträgt, kaufen. Die ſchönſten Churheſſiſchen Claude-Lorrains waren bei Beauharnais ), dem fie Napoleon, ohne alles Recht, geſchenkt hat. Um fie zu retten, hat der Kaiſer Alexander fie ge⸗ kauft, oder ſo getan!! Merkwürdig iſt es auch, daß der Kaiſer, den doch ſonſt ſeine Eitelkeit zu allen berühmten Männern treibt, Canovan noch nicht einmal hat vor ſich kommen laſſen.
Morgen iſt die berühmte Revue in der plaine des vertus. Flore Wrbna“* ), die Prinzeſſin Thereſe, Molly Zichy, die Herzogin von Kurland r) und die Gagan++) haben, wie fie ſagen, mehr Befehl als Einladung vom Kaiſer Alexander bekommen, hinzugehen und folgen alſo. Flore und Thereſe haben, da Stein fie zu Alexander ge-
) Jordan, Geheimrat der Hardenbergſchen Staatskanzlei. **) Eugene Beauharnais, geb. 1781, + 1824, Sohn erſter Ehe der Kaiſerin Joſephine. Vgl. Bd. IV, S. 423. ***) Gräfin Flore Wrbna, geborene Gräfin Kageneck. +) Dorothee, Herzogin Biron von Kurland, geborene Gräfin Medem, geb. 1761, + 1821. tt) Wilhelmine, Herzogin von Sagan, älteſte Tochter des Herzogs Peter Biron von Kurland, geb. 1781, + 1839, vermählt 1. mit Louis Prinz Rohan Guémence, 2. mit Waſſili Fürſt Trubetzkoy, 3. mit Karl Graf v. der Schulenburg. 64
führt hat, die mexikaniſchen Malereien beſehen. Stein geht morgen ab. Er war bloß hergekommen, um auf den Kaiſer Alexander zu wirken, und geht, weil er ſich von der Anmöglichkeit überzeugt hat. Er wird (dies ganz unter uns) vermutlich Bundestagsgeſandter in Frankfurt a. M. von unſerer Seite. Wegen des Namens iſt es gut, ſonſt aber auch gar nicht.
Gneiſenau hatte ein mémoire geſchrieben und auf des Königs Verlangen dem Kaiſer Alexander geſchickt. Es war recht gut, aber freilich mehr eins von denen, die berechnet ſind, gut gefunden zu werden von den Gleichgeſinnten, als praktiſche Wirkung auf die andern zu machen. Darauf hat der Kaiſer durch eins antworten laſſen, das anfängt: „Il est temps de mettre un sentiment moral dans la politique“ uſw. Danach kannſt Du Dir die übrige Predigt denken. Bei aller dieſer Moral gibt er Thorn noch nicht heraus und hält alſo die Verträge nicht. Freilich ſagt er, daß wir das Gleiche mit Oſtfriesland gegen Hannover tun, und hat recht. Nur geht das ihn nicht an, und wir ſprechen auch nicht von Moral.
Deinen lieben Brief vom 31., liebes, ſüßes Kind, habe ich geſtern bekommen. Die Szene mit den Kindern hat mich ſehr gerührt. Es iſt natürlich, und ich fühle es ſehr tief, daß die armen Mädchen die Trennung, die die Reiſe mit ſich bringt, ſchwer empfinden. Prüfe Dich wohl, ob es Dir nicht, wenn es geſchehen iſt, auch bleibend ſchmerzlich ſein wird. Von Gefahr, hier zu ſein, will ich gar nicht reden. Der Himmel, aber kein Menſch kann wiſſen, ob einige, ob keine iſt? Es würde uns ewig reuen, die arme kleine Gabrielle in irgend eine geführt zu haben. Von Dir rede ich nicht, wie es mich auch im Tiefſten bewegt. Ich kenne Deinen Mut, und Mann und Frau ſind in allen Dingen eins. Mich macht Dein Kommen unendlich glücklich, aber laß mich nicht der einzige Grund ſein. Das Herz der Kinder iſt natürlich mit Deinem und meinem ebenſo verwachſen, als das unſrige ſelbſt. Ich würde Humboldt⸗Briefe. V. 8 65
ſtill die unendliche Sehnſucht nach Dir dem Frühling entgegen- tragen. Du, die Du, wie Auguſt zurück iſt, ſehen wirſt, wie Du alles machen kannſt, Du kannſt dies allein beurteilen und bleibſt immer Herr Deiner Entſchlüſſe.
Der Kanzler, liebe Seele, hat nicht in Paris, ſondern in Berlin ſein Teſtament gemacht. Er hat es ſehr ungern getan, iſt aber gewiſſermaßen genötigt worden. Dies beweiſt alſo gar nichts.
Eben waren der Staatskanzler und Stein bei mir. Der erſte hat wieder neue, ſehr gute, und da auch Metternichs Meinung der ſeinigen gemäß geweſen iſt, vermutlich nicht unfruchtbare Schritte getan. Er verſichert Nachrichten, wie die über S., viele zu haben, und klagt in dieſer Hinſicht auch über Gneiſenau. Er meint, eine feſt in Berlin angenommene Meinung ſei, daß Gneiſenau ſchon jetzt Kabinettsminiſter geworden ſei und an ſeiner Stelle werde Staats⸗ kanzler werden. Er ſpricht ihn ſelbſt von allem Teil an dieſer Dummheit frei, ſetzt aber ſehr gut und ſehr in ſeiner Art hinzu, daß, wenn dies den Staat retten könnte, er gern zurücktreten würde.
Lebe innigſt wohl. Grüße Adel und die Mädchen.
Ewig Dein H.
29. Humboldt an Caroline Paris, 13. September 1815
Ilie Sachen werden hier noch immer mit einer Schnelligkeit betrieben, von der man glauben ſollte, daß ſie in ſehr kurzem
zum Ziele, was ich hier nur das Ende nenne, führen müßte. Die Souveräne werden vom Kaiſer Alexander gedrängt, weil es nicht anſtändig ſein würde, daß ſich hier die Kammern verſammelten (ſie kommen am 25. zuſammen), wenn die Souveräne noch hier wären. Die Kammern aber verſammeln ſich, weil Ludwig XVIII. hier iſt, und von dieſem erſten falſchen Schritt, den Wellington 66
(unter uns) mit Pozzo di Borgo gemacht hat, ſtammt das meifte Abel. Metternich benimmt ſich in dieſer letzten Zeit noch ausge- zeichnet ſchwach und doppelſinnig. Was auch herauskommen mag, ſo wird es ein halbes, ſchlecht angelegtes Werk ſein, eine Art Waffenſtillſtand, von dem man kaum wird vorausſehen können, wie lange er dauern wird. Der Kanzler hat noch getan und tut noch, was nur irgend möglich iſt. Eine uns günſtigere Richtung gibt er der Sache auch gewiß, allein die Hauptſachen ſind nicht zu ändern. Es iſt mir ſehr leid, auch aus Deinem Briefe wieder zu ſehen, daß der Staatskanzler wirklich nicht geliebt iſt. Das iſt aber bloß den Amſtänden, den übertriebenen Erwartungen der immer frondierenden Menge und der Verblendung, in der man jetzt iſt, zuzuſchreiben. Ich bin daher auch überzeugt, daß es ſich geben und beſſer werden wird, wenn er nach Berlin zurückkommt.
Aber Schlabrendorff haſt Du ſehr recht. Die Gegenwart iſt eine große Göttin, und Deutſchland in ſeinem jetzigen Zuſtand nach Erinnerungen aus den Jahren vor der Revolution und zu— fällig hier erſcheinenden Deutſchen beurteilen zu wollen, iſt eine rein unmögliche Sache. Wenn er Dich öfter ſprechen wird, wird ihm manches Licht aufgehen, davon bin ich überzeugt.
Aber die Beſchäftigung der Menſchen in Berlin mit Gneife- naus Arbeiten und Sitzen in den Konferenzen muß er ſelbſt lachen. Er iſt etwa zehnmal dabei geweſen und bei ſehr unbedeutenden. Seit ſehr langer Zeit hat er ſich ganz losgeſagt. Bei den wichtigen Konferenzen iſt der Kanzler ganz allein. Es iſt aber recht gut, die Menſchen in ihrem Wahn zu laſſen. Wenn Du mir etwas mehr von den Gerüchten über Gneiſenau ſagen kannſt, ſoll es mir lieb fein. Ich habe Arſach, perſönlich mit ihm ſehr zufrieden zu fein.
Die Luſt Hedemanns, mit Adelheid allein zu ſein, haſt Du alſo auch bemerkt? Ich bin überzeugt, daß nach den erſten acht Tagen, die er mit Adelheid zugebracht haben wird, er ſelbſt ganz anders
5* 67
— —— ee
feben wird. Hier iſt er zugleich wie ein vertiefter und heftig leiden⸗ ſchaftlicher Menſch, der ſich nicht einbilden kann, daß er es nur erleben wird, Adelheid wiederzuſehen, der ſchon im voraus die Angſt hat, daß dies Zuſammenſein doch nicht ſehr lange dauern wird, und alſo ein Leben in ein paar Wochen preſſen möchte. Sehr hübſch iſt dieſe heftige Liebe doch, und wenn er nur erſt wieder mit Adel zuſammen iſt, wird ſich alles leichter ſtellen.
Es iſt furchtbar teuer hier, und mit meinem Gehalt (8000 Franken monatlich ungefähr) unter den jetzigen Amſtänden, wo ein preußiſcher Geſandter viel mehr als ſonſt tun muß, auszukommen, iſt rein unmöglich. Stein hat neulich in ſeiner largen Manier dem Kanzler in meiner Gegenwart gefagt, man müſſe mir 50 000 Taler Gehalt geben. Wie gefällt Dir das?
Aber Niebubr*) habe ich mit dem Kanzler geſprochen. Nie⸗ buhr iſt (unter uns) ſo ſchwerfällig und ſpitzfindig, daß er durchs praktiſche Leben niemals ſo kommen wird. Jetzt hat er nun wieder einen Stein des Anſtoßes an der Inſtruktion. Sei ſo gut, und laß ihn Dir kommen, und ſage ihm in meinem Namen folgendes: Die Inſtruktion wäre wörtlich, bis auf einige durch die Zeitumſtände veranlaßte Zuſätze, dieſelbe, die ich gehabt hätte, unter Alvens⸗ leben““) von Naumer engherzig und pedantiſch gemacht. Dagegen indes, daß man dem Papſt, den man nicht mit der Katholizität verwechſeln müſſe, eine direkte Einmiſchung bei uns erlaube oder ſich von ſeiten der Biſchöfe Widerſpenſtigkeiten ausſetze, wie jetzt der König der Niederlande“ ) erfährt, müſſe ich auch gar febr fein. Der Kanzler hatte mir die Inſtruktion zur Prüfung zugeſchickt,
*) Berthold Georg Niebuhr, geb. 1776, + 1831, Staatsmann und Ge⸗ ſchichtsforſcher. Zuerſt im däniſchen Staatsdienſt, ſeit 1806 im preußiſchen, von 1816-1823 Geſandter in Rom.
%) Bei Humboldts Dienſteintritt Miniſter des Außeren.
% Wilhelm J., geb. 1772, + 1843, ſeit März 1815 König. 68
und ich hatte ihm geſchrieben, fie fet ſehr ftreng und pedantiſch, hatte es ihm an einzelnen Stellen bewieſen, ihm aber nicht geraten, was zu nichts helfen kann, jetzt hier einzeln zu ändern, da unſer Verhältnis zum Papſt ja in Abſicht der rheiniſchen Provinzen doch feſt und ſicher beſtimmt werden müſſe, oder wir allgemeinen Vorſchlägen, die man in Deutſchland machen wird, beitreten werden. Ich habe ihm aber angegeben, die Inſtruktion, wie es ſich gehört, an das Miniſterium des Kultus zur Prüfung und Abänderung zu ſchicken, wo Schmedding) und Nicolovius “) ſchon das ihrige tun werden. Niebuhren verſichere nur, daß, was ſeine Perſönlich— keit betrifft, er ſich um die Inſtruktion keine grauen Haare wachſen laſſen ſoll. Ich bin gewiß auch pedantiſch, unter niemandem iſt dieſe Inſtruktion ſtrenger als unter mir befolgt worden, niemand hat härtere Dinge beim Papſt durchgeſetzt, wir haben dabei, wie Du ihm mit Beiſpielen belegen kannſt, mit weniger Gehalt als er hat und unſrer ganzen Familie gar nicht prächtig gelebt, und Du und Rauch, und wer Nom kennt, kann ihm gewiß mit Grund ſagen, daß kein Geſandter und Botſchafter beſſer mit dem Papſt und den Kardinälen geſtanden hat als ich. Das iſt perſönlich und wird nicht durch Nachgiebigkeit erreicht.
Inſofern das ganze Syſtem ſeinen Grundſätzen nach zu ſtreng iſt, muß er nun ſelbſt urteilen, ob er nicht das Vertrauen hegen kann, daß man es mildern und daß er ſelbſt ſogar ſehr dazu bei— tragen kann. Bitte ihn aber in meinem Namen nochmal, daß, wenn ihm wirklich der Poſten, nach dem jeder ringt, und den ich heute gerade ſo, wie er ihm angetragen iſt, annehme, nicht ange⸗ nehm iſt, er ihn noch jetzt rund und ohne weiteres ausſchlägt, da
) Schmedding, geb. 1774, Staatsrat, einziger Katholik in der Kultus- ſektion.
**) Georg Heinrich Ludwig Nicolovius, geb. 1767, + 1839, Staatsrat, unter Humboldt Direktor der Kultusabteilung.
69
es viel fataler wäre, nach einigen Monaten feinen rappel zu ſuchen. Sage ihm nur, daß ich ihn ſehr glücklich fände, eine glücklichere Lage zu kennen, als die ihm in Rom angeboten iſt. Wirklich (dies unter uns) iſt mir dies ekle Annehmen und Verwerfen, was am Ende auf lauter Furchtſamkeit und darauf, daß er Berliner und engliſche Zeitungen ſpäter bekommt, beruht, zuwider]. Wenn dieſe Menſchen nur einmal gefühlt hätten, wieviel man, wie gern, jen⸗ ſeits der Alpen vergißt und nicht weiß! Aber wer keine innere Ruhe im Buſen hat, dem flößt ſie freilich kein Himmelsſtrich ein. Lebe wohl, teures, einzig ſüßes Weſen. Ewig Dein H.
30. Caroline an Humboldt Berlin, 14. September 1815
t flexandern, deſſen Geburtstag heute iſt, bitte ich in meinem Namen herzlich zu grüßen, geliebter Wilhelm, und ihm Glück zu wünſchen.
Es iſt auch zugleich der Jahrestag unſrer Abreiſe nach Rom, und wenn man, wie wir es nun doch auch ſchon können, die Ver⸗ gangenheit aus einer gewiſſen Entfernung betrachtet, ſo kann man ſie mit einem Strom vergleichen, in dem ſich die Ereigniſſe, die die Zeit gebracht hat, ſpiegeln. Ich kann oft ſtundenlang ſinnend darüber zubringen, und es löſt ſich mir das innerſte Herz in Weh— mut und einer Freude, die die Menſchen gewöhnlich Schmerz nennen, die aber keiner iſt, obgleich aus Schmerzen geboren. And iſt das nicht alles im Leben? Geht dieſer geheimnisvolle Schmerz der Geburt nicht durch, durch die ganze moraliſche und phyſiſche Welt? Wenigſtens läßt ſich beweiſen, daß nichts etwas wert iſt, als das, was aus dem Kampf entſtanden und entſproſſen iſt — ach, wo gerate ich hin! Vergib, geliebtes Herz, daß mein Brief in ſo wehmütiger Stimmung beginnt.
70
Quguft hat mir nun durch den heutigen Kurier auch geſchrieben. Er nimmt zwar in ſeinem Brief mein Anerbieten an, ihn im Hauſe wohnen zu laſſen, meint aber, das Verhältnis mit Caroline, die die ältere Schweſter und Adelheid die Frau ſei, nachdem Caroline gewohnt geweſen, ſie noch bis vor ganz kurzer Zeit als Kind zu behandeln, werde kein leichtes ſein. Mit einem Wort, mein ge- liebter Wilhelm, dies geht nicht. Mir iſt in meiner argloſen Seele, die alles, ich darf es keck ſagen, nach dem Maß meiner inneren Liebe beurteilt, die Möglichkeit einer ſolchen Anſicht nicht einge— fallen. Allein ſie iſt, iſt ausgeſprochen und dadurch da, und ich würde Carolinen unter keiner Bedingung jetzt allein bei Auguſt laſſen.
Ich habe ſehr teure Pflichten gegen Caroline und will ſie wahrhaftig nicht nachläſſiger erfüllen als gegen die anderen. Caro⸗ linens lange Kränklichkeit kann ſie vielleicht für andere weniger liebenswürdig machen, mir legt ſie eine doppelte Pflicht auf, ihr das Leben ſüß und angenehm zu machen, und es iſt auch ganz bei ihr durchgedrungen, daß ſie von mir unausſprechlich geliebt wird.
Alſo Geduld, mein liebſtes Herz, ich komme mit ihr wohl nun erſt im Frühjahr. Alles Entbehren fällt auf uns zurück, mein liebes Herz. Laß es uns ſtill tragen. Fürchte auch nicht, daß ich Auguſt Bitterkeit zeigen werde. Die erſte kleine Aufwallung der- ſelben iſt ſchon überwunden und hat dem Schmerz Raum gemacht, mit dem man ſich ſo gut im Leben vertragen lernt. Das Leben, je weiter man darin vorſchreitet, lehrt einen immer nachſichtiger gegen alle fremde Individualität zu werden. So habe ich auch das genommen.
Adieu für heute, meine teure Seele. Wie ſehr ſehne ich mich
71
31. Humboldt an Caroline Paris, 16. September 1815
Dein letzter Brief [vom 7. September], mein ſüßes Kind, 9 hat mich eigentlich geſchmerzt. Denn es iſt wirklich — cſchmerzlich, wenn das Verhältnis, das einem bloß Freude und Glück gegeben hat und verſpricht, auch nur die mindeſte Wolke, die leiſeſte Ahndung einer ſchiefen Stellung gibt. Ich habe gar nicht gewußt, daß Du Auguſten ſelbſt über Deine Abſicht geſchrieben haſt, zu mir zu kommen, wenn er indes das Regiment führte. Auch hat er mir nie davon geſprochen. Nimm aber übrigens, teure Seele, die Sache auch nicht zu hoch auf. Wie ich Dir öfter in meinen Briefen geſagt habe, wenn er erſt ſelbſt in Berlin ſein wird, ändert ſich die Anſicht vielleicht um vieles und die hier egoiſtiſch und ſchneidend erſcheinende Leidenſchaft geht in einen milderen Genuß über. Dann aber iſt freilich manches auch nicht zu ändern, und man muß ſich darin ergeben.
Was Du über Hedemanns Brief an ſeine Mutter und über die wahre und eigentliche Liebe ſagſt, iſt allerdings die tiefe und richtige Anſicht der Empfindung. Aber, ſüße, teure Li, eine ſo freie, unbefangene, ſo aus der Größe und Tiefe der Menſchheit geſchöpfte Anſicht haben die Menſchen am wenigſten jetzt. Wie gut Hedemann iſt, muß man das auch bei ihm nicht ſuchen, es liegt ſelbſt nicht in den guten Seiten der jetzigen Zeit, und tauſendmal kommt es mir jetzt, daß ich gegen ihn, gegen andere gleich Gute und noch Geiſtreichere ſtillſchweige und ſie Anathema ausſprechen, Schranken ſetzen, Feſſeln ſchmieden ſehe, von denen allen ich keinen Begriff habe. Engherzige Ideen des Mittelalters, ſogenannte alte Deutſchheit, übelverſtandene von Moral und Religion ſind aus dem freilich noch viel ärgeren Gegenteil von alle dem entſprungen und herrſchend geworden. Schreibt nicht die kleine Adelheid ſelbſt in den ſehr hübſchen Briefen aus Tegel bei Gelegenheit eines 72
Briefes an Auguſt: „und dann erft nach erfüllter Pflicht werde ich einen weiten Spaziergang machen“? Wir hätten nie ſo etwas geſagt.
Alſo, wie Du mir neulich ſchriebſt: „Andre Zeiten, andre Sitten.“ And dann, wo findet man auch ein Gemüt, in dem, wie in Dir, eine ſo ſich durch ihre eigene Tiefe und Wahrheit ſelbſt beſchränkende Freiheit herrſcht! Mir iſt ein zweites, gleiches nie erſchienen, und man kann es wohl einzig auf Erden nennen.
Alexander läßt, unter uns, Hedemann durch Steuben für Adel—
heid malen. 2
32. Humboldt an Caroline Paris, 20. September 1815 Süßes, teures Herz! Ich habe Deine beiden Briefe bekommen und ſehe mit Schmerzen, daß Du auf Deine Reiſe nun ganz Verzicht leiſteſt. Verdenken kann ich es Dir freilich nicht, denn, wie die Sache mit Auguſt ſteht, wäre es wirklich, ſelbſt wenn es ſich noch tun ließe, gewagt, die arme Caroline bei ihm und ſeiner Frau zu laſſen. Eine einzelne Perſon bei zwei ſo Verliebten iſt immer zu viel und verlaſſen. Zwar waren wir gewiß auch recht ſehr verliebt, und die Wolzogen“) war doch ſehr vergnügt mit uns. Ich ſehe gar keinem glücklichen Winter entgegen, mein liebes Kind, viele und unangenehme Geſchäfte, auch häusliche Sorgen, da ich nicht zu viel ausgeben will, und mich doch auch nicht ent- ſchließen kann, meiner Stelle unangemeſſen zu leben. Bei dem allen eine Einſamkeit mitten in der Geſellſchaft, da Du mir fehlſt. Das ausgenommen, daß wir auf dieſe Weiſe getrennt bleiben, was mir eine wahre Trauer iſt, muß Dich die Sache, als innere Stimmung in Auguſt, nicht ſchmerzen, ſüße Seele. Er liebt uns alle wirklich unendlich und iſt herzensgut. Ich hatte bis hierher heute früh geſchrieben, teures Herz, und ) Vgl. Bd. I, S. XIX.
73
wurde zum Kanzler abgerufen. Ich glaubte, nachher noch fertig werden zu können, aber ich ſehe, ich werde nur noch zu wenigen Zeilen Zeit haben. Der Kanzler ſagte mir nämlich, was mir uner⸗ wartet kam, daß heute die erſte Konferenz mit den verbündeten Bevollmächtigten und den franzöſiſchen ſein würde, und damit iſt der größte Teil des Vormittags hingegangen.
Den franzöſiſchen Bevollmächtigten, es iſt Talleyrand)), Dal⸗ berg“) und der Finanzminiſter Louis, iſt nun heute von uns das Projekt des Friedens vorgelegt worden, das zugleich temporären Beſitz einer Reihe von Feſtungen und Abtretung einiger außer der Kontribution enthält. Es hat tiefe Senſation gemacht, fie erklärten gleich, einige Bedingungen ſeien inakzeptabel. Es iſt immer möglich, daß noch militäriſche Bewegungen gemacht werden müſſen.
Wellington hat auf einmal alle Popularität in der Geſellſchaft verloren, weil er die belgiſchen Bilder hat mit Gewalt wegnehmen laſſen. Das Muſeum hat engliſche Wachen.
Lebe innigſt wohl. r Ewig Dein H.
33. Caroline an Humboldt Berlin, 18. September 1815
eftern beim Zurückkommen von Tegel, wo wir einen aus- nehmend ſchönen Tag hatten, fand ich Deinen lieben, umſtändlichen Brief vom 9., mein teures Herz, den Losen mitgebracht hat.
Dein Brief, mein teures Herz, gibt mir die Gewißheit und den Aufſchluß über viele von mir geahndete Dinge, und allerdings
) Charles Maurice Prinz v. Talleyrand, geb. 1754, + 1838, der be- rühmte Diplomat.
**) Emmerich Joſeph v. Dalberg, geb. 1773, + 1833, ſeit 1809 in fran- zöſiſchem Staatsdienſt, 1810 von Napoleon zum Herzog ernannt. Seit 1814
eins der fünf Regierungsmitglieder, welche die Neftauration der Bourbonen beförderten.
74
* D&S
kann ich hie und da einen guien Wink geben. Es iſt hier ein entſetzliches Geſchnatter und Gerede an der Tagesordnung! und beſonders glaube ich, tragen die Juden viel dazu bei. Da die öffentlichen Dinge ſich in die Angelegenheiten des Intereſſes ſehr verflechten, ſo öffnet das dieſem Zirkel von Menſchen ein ganz beſonderes Feld der ſchwatzenden Tätigkeit. Nächſtdem iſt der Zirkel des Hannövriſchen Geſandten und ſein Haus eins, wo am meiſten politiſiert wird, und Ompteda ſcheint wohl der Meinung zu ſein, daß er ſeine Hannövriſche Miniſterpflicht am gewiſſenhafteſten erfüllt, wenn er Preußens Prätenſionen exageriere. Ein Nachhall aus jenem Zirkel kommt mir zuweilen durch den Geheimen Me— dizinalrat par excellence“) zu. Dieſer nimmt nur die Sache wieder anders und ſchimpft nur blindlings auf die ſogenannten Jakobiner. Er beehrt viele mit dieſem Namen, unter anderen auch Gneiſenau. Allerdings ſpricht man auch viel von den Briefen dieſes, und man muß ſich wundern, wie er namentlich ſo vielen Damen ſchreibt. Wegen meiner Reife liegen die Dinge, wie ich fie Dir aus— einandergeſetzt habe. Ich kann mich nicht überwinden, Carolinen mit Auguſt und Adelheid zu laſſen, da Auguſt Bedenklichkeiten äußert, die meiner Natur fremd ſind, die aber etwas werden, wenn man etwas daraus macht. Ich lege Dir Auguſts Brief an mich bei. Ich könnte nicht ruhig ſein, wenn ich Carolinen nicht ebenſo liebevoll getragen wüßte, als ſie das jetzt von mir wird, ich muß alſo wohl bleiben. Mich ſchmerzt es unendlich, nicht bei Dir zu ſein, ich hatte nie eine tiefere Sehnſucht darnach. Gabriellen hätte die Veränderung nicht geſchadet, im Gegenteil, und was die etwaige Gefahr betrifft, ſo wäre es mir ſüß geweſen, ſie mit Dir zu teilen. Ich muß ſchließen. Ewig Dein.
) Kohlrauſch. Vgl. Bd. II, S. 114f. 75
34. Humboldt an Caroline Paris, 23. September 1815
L
f n° habe geſtern abend ſpät Deinen Brief vom 14. bekommen, BS liebe Li, und danke Dir unendlich, daß Du mir fo aus tiefer und ganzer Seele darin ſchreibſt. Wenn Du auch wehmütig geſtimmt biſt, unterdrücke es nicht vor mir. Das ganze innere Leben iſt eigentlich eine fortwährende Wehmut, Schmerz und Freude gehen in Grenzen, die keiner mehr zu unterſcheiden vermag, ineinander über, und das ſtille Brüten über der Empfindung, in die der ganze Strom der Begebenheiten, die das Leben hindurch geſchmerzt und gefreut haben, ſich zuſammendrängt, iſt das tiefe und eigentliche Glück.
Ich muß Dir in allem beiſtimmen, was Du über Dein Bleiben und die Sorge für Carolinen ſagſt, ſüßes, teures Herz. Du biſt die Liebe ſelbſt, und das ſtete Wirken dieſer Liebe auf Carolinen muß und wird auch auf ihren Charakter und ihr ganzes künftiges Leben einen unendlich wohltätigen Einfluß haben. Anſere fortge⸗ ſetzte Trennung ſchmerzt mich freilich dabei mehr, als ich es Dir ſagen kann. So vollendet das dritte Jahr, in dem wir den ſchönſten und reinſten Lebensgenuß entbehren, und wer weiß, was die Folge für neue Hinderniſſe uns in den Weg ſchiebt. Ich habe viel und genau überlegt, ob und wie ich von dieſer Stelle loskommen könnte, die mit dem, was fie im vorigen Jahre war, nicht mehr zu ver- gleichen iſt. Ich will nicht davon reden, daß Frankreich auch im Innern jetzt noch weniger Ruhe verſpricht als damals, dies kann vielmehr den Poſten innerlich intereſſanter machen; allein was ihn mir jetzt verleidet, iſt, daß eine beträchtliche Menge von Truppen werden in Frankreich ſelbſt ſtehen bleiben, und es daher ein fort⸗ dauerndes unangenehmes Verhältnis ſchon darum zwiſchen den Verbündeten und der Regierung geben wird. Es iſt aber keine Möglichkeit, mich davon loszumachen. Obgleich ich ſelbſt bei 76
dieſem Poſten gegen mich habe, daß ich in Paris nicht geliebt fein kann, nachdem ich in alle Anterhandlungen verwickelt geweſen bin, die ihnen hier unangenehm find, fo iſt unſere Armut an brauch⸗ baren Menſchen doch ſo groß, daß man ſchlechterdings niemand hat, den man hierherſchicken kann. Ich ſelbſt weiß niemand vor- zuſchlagen und würde es alſo wirklich für Anrecht halten, mit Feſtigkeit auszuſchlagen und ſelbſt nur auf meinem alten Wiener Poſten zu beſtehen. Ich ſehe es als den letzten Dienſt an, den ich in der Fremde erweiſen muß, und will es alſo auch mit Tätig⸗ keit und ausharrender Geduld durchſetzen. Lange kann es nicht dauern; wie die Sachen ſind, muß man Bedürfnis nach mir in Berlin in weniger Zeit fühlen, und dann werde ich natürlich zurück— gerufen.
Für Dich indes tut es mir immer weniger leid, daß Du jetzt nicht herkommſt; der Winter hat überall und hier große Unan- nehmlichkeiten; die Reiſe wäre unbequem und fatal, und Paris ver- liert jetzt einen ſeiner größten Reize für Dich, die Kunſtſachen. Die belgiſchen ſind, wie ich Dir ſchon ſchrieb, eingepackt, alles, was Ofterreich wegen Italien zu reklamieren hat, wird jetzt auch weggenommen, die Mediceiſche Venus wird eingepackt; von den Sachen des Papſtes hat man zwar noch nichts angerührt, allein ich intereſſiere mich ſelbſt dafür, und ich zweifle nicht, daß auch dies wegkommt. Es bleibt alsdann nur die alte franzöſiſche und die Borgheſiſche Sammlung, und da man dies doch wieder wird in die leeren Räume einpaſſen müſſen, fo wird das Muſeum ver⸗ mutlich auf einige Zeit und auf den ganzen Winter geſchloſſen ſein.
Du kannſt nicht zweifeln, daß ich dieſen Maßregeln der Zu⸗ rückerſtattung gewogen bin. Es iſt nicht allein gerecht, ſondern es iſt auch wahrer Gewinſt für die Kunſt und die Bildung. Eine ſchöne Statue, wäre ſie auch die einzige auf einem großen Strich Landes, verſcheucht da die Barbarei und weckt, wovon man
Th
nie einen Begriff gehabt hätte. Allein individuell fühlt man freilich ein Bedauern, in alle Weltteile gehen zu ſehen, was man hier ſo bequem vereint fand. Wir werden das einzelne nun nie mehr, wenigſtens gewiß nicht auch nur alles Schönſte ſehen. Denn wer durchwandert die einzelnen Städte in Flandern und Italien?
Im Publikum, doch nicht gerade im Volk, macht die Zerſtörung des Muſeums den größten Effekt. Es iſt wunderbar, wie die Dinge der Welt gehen. Wie zuerſt unter den Miniſtern von dieſem Wegnehmen die Rede kam, wurde die Sache ungefähr mit eben der Gleichgültigkeit aufgenommen als im vorigen Jahre. Caſtlereagh empfing auch Canova ſehr kalt. Auf einmal kam der Amſtand, daß viele belgiſche Provinzen negative Stimmen zur neuen Kon⸗ ſtitution gegeben hatten. Man ſuchte nun etwas, ſie zu beruhigen und beſchwichtigen, und glaubte es in der Zurückgabe der Kunſt⸗ ſachen zu finden. Zugleich kam ein Engländer, Hamilton, Anter⸗ ſtaatsſekretär, hierher, der entſchieden für die Wegnahme war und ſprach, endlich war die Stimmung in England ſelbſt ſo ſehr gegen das nachſichtige Benehmen der engliſchen Miniſter gegen Grant: reich, daß man ihr doch in einem Punkt nachgeben zu müſſen glaubte. So wurde Caſtlereagh auf einmal andrer Meinung und ſprach und ſchrieb auf die beſtimmteſte Weiſe für die Wiederer- ſtattung von allem, ohne Ausnahme. Rußland war dagegen und äußerte es ſchriftlich, aber der Kaiſer Alexander tat doch weiter nichts, ſondern ließ geſchehen. Die Franzoſen, an die man ſich zuerſt wandte, hatten die Angeſchicklichkeit, ſo zu antworten, daß die Antwort nur noch mehr reizte. Man ergriff nun die Partie, alles wegzunehmen, nicht diplomatiſch, ſondern militäriſch zu Werke zu gehen, und auf dieſe Weiſe geſchieht es jetzt. Da nun Wel- lington ſieht, daß er dadurch in der Geſellſchaft ſehr geſunken iſt, ſo reizt ihn das wieder, und ſo ſind durch dieſe Bilderſtürmung die Engländer überhaupt härter und ſtrenger gegen Frankreich geworden. 78
Ich ſchrieb Dir ſchon neulich, daß die Friedensunterhandlungen mit Frankreich jetzt eröffnet find. Frankreich hat auch nun geant- wortet. Es verweigert (dies alles unter uns) bis jetzt jede Ab— tretung eines Platzes des alten Frankreich, ſo wenig man ihm auch in dieſer Art zugemutet hatte, und ſperrt ſich gegen eine zu lange dauernde Beſetzung des Landes. Allein ich hoffe, die Alliierten bleiben feſt. Aberdies haben, nachdem Fouchs aus dem Miniſte⸗ rium herausgetreten war, alle Miniſter, auch Talleyrand, ihre Ent⸗ laſſung gegeben und erhalten. Vermutlich bloß, weil fie voraus- ſehen, daß die Kammern, die äußerſt und vielleicht zu royaliſtiſch geſinnt ſein werden, ſie angreifen würden. Ihre Nachfolger kennt man noch nicht, allein es iſt wahrſcheinlich, daß die Friedensunter— handlung mit ihnen leichter gehen wird.
Wegen des Friedens muß ich Dir doch eine deutſche Schrift von Butte, die ungefähr den Titel „Aber die Friedensbedingungen mit Frankreich“ führt, anempfehlen. Sie iſt dem Kanzler und mir wie aus der Seele geſchrieben. Er will eine bedeutende, vielleicht ſogar zu weitgehende Territorialabreißung und keine weitere Beſetzung, auch hat er über die Kontribution gemäßigte und ausführbare Grundſätze.
Der Kronprinz von Bayern!) war bei mir, und dann mußte ich ausfahren, ſo bin ich unterbrochen worden, liebe Seele. Dem Kronprinzen von Bayern bin ich ein einziger Troſt. Er kommt meiſt alle Woche zu mir, und ich bin ihm wahrhaft gut. Er hat die beſten Geſinnungen der Welt, ſieht ein, daß es Preußen auch gut meint, und ſcheint mir ſehr gut.
Die Abreiſe der Souveräne iſt wieder aufgeſchoben. Der Kaiſer Alexander wollte morgen gehen und geht nun erſt Dienstag, die anderen bleiben wohl länger. Hedemanns Angſt kannſt Du Dir dabei denken, doch hält ſein Prinz noch feſt und will noch über— morgen fort.
*) Ludwig I., 1825-1848 König von Bayern, geb. 1786, + 1868.
79
Auguſt ift hier gegen mich, und fo oft er von Dir ſpricht, die Liebe ſelbſt. Daß er Dir geradezu geſchrieben und ſeine Mei nung geſagt hat, iſt mir ſehr lieb. Ich kann ihm nicht beiſtimmen und ihn nicht billigen. Denn Caroline und Adel haben ſich immer ſehr gut vertragen, und es wäre natürlich und der Adel recht gut, für eine ältere und kranke Schweſter égards zu haben. Caroline dagegen hätte ſich gewiß keine Herrſchaft angemaßt. Indes iſt ein offenes Erklären immer beſſer als Schweigen. Ja, ſüßes, teures, einziggeliebtes Weſen, ich ſehe es wohl ab, alles trennt uns, indes wir im Innern ſo unendlich gern miteinander wären. Wir müſſen die ſechs Monate mit Geduld abwarten, dann wird es ja endlich einen Vereinigungspunkt geben.
Die Sachen, die ich Dir ſchicke, ſollen Dir, denke ich, gefallen. Du kriegſt nun zwölf geſtickte Schnupftücher mit „v. H.“ zu 132 Fran⸗ ken, drei Stück Battiſt zu 12 Ellen jedes, zu 8 Franken die Elle. Freilich iſt der zu den geſtickten Schnupftüchern, bei denen auch einige Aberreſte ſind, feiner, er koſtet aber auch 11 Franken 10 Centimes die Elle, zwei ungemachte geſtickte Perkalekleider, eins zu 260 Franken, das andere zu 235 Franken, die mir ſehr hübſch erſcheinen. Anter 200 Franken hat man nichts Ordentliches, es gibt aber bis zu 500 und 600 Franken. Endlich ſechs Paar ſeidene Strümpfe mit ganz durchbrochener Arbeit unten zu 14 Franken das Paar, was ich ſehr wohlfeil finde.
Sachen hierher brauche ich allerdings höchſt nötig, vorzüglich drei Artikel. 1. Bettwäſche, 2. Tiſchwäſche, 3. mein Silber, bis auf das, was Du brauchſt. Könnteſt Du durch den kleinen Poft- meiſter oder die Kuriere einiges ſchicken, ſo bitte ich um Tiſchwäſche und Silber, nur müßte es ſicher gehen. Fuhrmannsgelegenheiten, fürchte ich, find noch nicht ſicher. Ich bin jetzt noch unentſchieden, ob ich einen Koch nehme oder einen Kontrakt mit einem Reſtaurateur ſchließe. Ein Koch iſt angenehmer, allein ich muß dann Küchenzeug kaufen. 80
Dieſe häuslichen Arrangements machen mir um fo mehr zu ſchaffen, als Wernhart') und Boisdeslandes*) mich beide verlaſſen werden, und ich doch auch für einen Legationsſekretär im Hauſe ſorgen muß. Wernhart geht vermutlich mit vier Pferden zugleich mit der Equipage des Prinzen nach Berlin ab. Du bekommſt die beiden großen Notſchimmel, mit denen ich Dir zu fahren rate. Sie find bei mir nie krank geweſen; dann einen der kleinen Not- ſchimmel, der aber mehr Fuchs iſt, und die kleine Life, die gut zu⸗ ſammen gehen, aber für den Wiener Wagen zu ſchwach ſind. Will Auguſt die, ſo ſchenke ſie ihm, ſonſt verkaufe ſie. Ennuyiren Dich auch die großen, ſo verkaufe ſie auch. Hier gelten die Pferde wenig, und da das Futter nichts koſtet, und die Pferde mir noch das Reiſegeld für die Stalleute, die ich zugleich zurückſchicke, er⸗ ſparen, ſo ſchicke ich ſie Dir trotz Deiner Proteſtation. Wenn ſie ankommen, iſt Auguſt ſchon da und nimmt Dir alle Sorge dafür ab. Ich wünſchte aber ſehr, daß Du eigene Equipage hätteſt. Es iſt bequemer und anſtändiger. Von meinen ſechs Braunen ver— kaufe ich einen, der zu wild iſt, und behalte dann fünf ſehr hübſche und tüchtige Pferde, was für mich allein genug und faſt zu viel iſt. Wenn Du kommſt, kaufe ich ein ſechſtes dazu. Die ſchöne Stute iſt fo kränklich, daß ich nicht daran denken kann, fie zurück— zuſchicken. Ich laſſe ſie jetzt nur kurieren und verkaufe ſie dann auch.
Verzeih dieſe Stall- und Wirtſchaftsdetails, aber Du nimmſt ja doch Intereſſe daran.
Lebe wohl, ſüßes, teures Herz. Amarme die Mädchen, Adel und den kleinen Hermann, von dem jetzt alle Leute Gutes ſchreiben.
Ewig Dein H.
) Legationsſekretäre bei Humboldt. Humboldt⸗Briefe. V. 6 81
35. Humboldt an Caroline Paris, 27. September 1815
ee daß die Kunſtſachen [in Berlin]! ſchlecht eingepackt
angekommen ſind, ſollte man einen Bericht an den König oder Staatskanzler veranlaſſen. Es iſt ein gewiſſer Grote, ein n Künſtler, der dies beſorgt, der aber vorzüglich nur das Talent hat, unnütz grobe Briefe zu ſchreiben und mit ſeiner Deutſchheit zu prahlen. Er hat neulich in einem Aufſatz im „Rheiniſchen Merkur“ Alexandern ſehr mitgenommen wegen gewiſſer Säulen, die auf königlichen Befehl hiergeblieben ſind. Alexander weiß es bis jetzt nicht, und es iſt unnütz, es ihm zu ſagen. Ab⸗ rigens iſt der Hauptumſtand ausgelaſſen, daß die Säulen, über die der König einen Befehl erteilt hat, das Gewölbe des Muſeums tragen, und alſo eine große Schwierigkeit war, ſie wegzunehmen.
Die Wegnahme geht aber immer weiter. Die Medieeiſche Venus iſt nun auch verſchwunden. Die Sachen des Papſtes ſtehen noch, allein vermutlich auch nur noch auf Tage. Daß Paris da- durch einen ſeiner größten Reize verliert, ijt nicht zu leugnen.
Der König hat (ſage aber noch nichts davon) die Giuſtinia⸗ niſche Galerie gekauft. Wenigſtens iſt es beſchloſſen und nur der Handel zu berichtigen. Sie ſoll 600 000 Franken koſten, und es wird wenig davon abgehen. Ich war gegen allen Kauf jetzt; man hat das Geld nicht übrig und wird es nicht haben. Ich hatte geraten, wenn man ja kaufen wollte, Rauchen kommen zu laſſen, auch das hat man nicht getan. Ich war gegen das Kaufen einer ganzen Galerie beſonders, da man da immer viel Mittelmäßiges mitkauft. Es iſt jetzt hier ſo viel zu haben, daß man mit 600 000 Franken einzeln viel etwas Schöneres kaufen konnte. Der Rron- prinz von Bayern hat fo im einzelnen für 200000 Franken ſehr guten Handel gemacht. Der Kanzler wollte, daß ich den Handel 82
ſchließen follte, ich habe es aber abgelehnt, und nun wird es der Finanzminiſter tun.
Meine häusliche Einrichtung macht mir viel Schererei, und noch bin ich nicht fertig damit. Küchenzeug, behaupten mir die Leute, würde vollſtändig 3000 —4000 Franken koſten, das iſt ſchrecklich. Auch ein Porzellanſervice ſuche ich. Dazu werde ich noch am erſten kommen, weil hier doch mehr Gelegenheiten find. Aberhaupt iſt es aber ſehr teuer hier. Mein Hauswirt, der General Dijeon [2], der ſehr eingeſchränkt lebt, gewiß eine wirtſchaftliche Einrichtung, aber freilich Familie hat, braucht z. B. für 4000 Franken jährlich Holz, die Kohlen ungerechnet. Da brauchen wir gewiß 6000. Die Bülow, deren Mann hier einen franzöſiſchen Koch genommen hat, der mit nach Berlin geht, ſagt mir, daß ihr gewöhnlicher Tiſch für vier Perſonen und ein Kind 40 Franken täglich koſtet. Auch das alles vermehrt gar nicht meine Luſt hierzubleiben.
Der Kanzler hat neulich mit mir viel davon geſprochen, daß er Dich bei ſeiner Rückkunft viel zu ſehen hofft.
Lebe innigſt wohl, ſüßes, teures Kind. Ewig Dein H.
Der Kanonikus aus Granada, der mir nach Wien ſchrieb, und der den ſeligen Wilhelm ſo liebte, hat wirklich auf meine Ver⸗ wendung Erlaubnis bekommen, nach Spanien zurückzukehren und eine Penſion. Ich lege den Brief bei. Es freut mich noch um den lieben verſtorbenen Jungen ſehr.
36. Humboldt an Caroline Paris, 30. September 1815 ch ſchreibe Dir, liebe Li, ſchon heute abend, weil ich fürchten
J muß, morgen nicht die gehörige Zeit zu finden. Wir haben jetzt tägliche Konferenzen über dieſen leidigen Frieden, der aber doch immer nicht unter 14 Tagen zuſtande kommen wird.
6* 83
Der „Mheiniſche Merkur“ hat vor kurzem gefragt, wie die Miniſter, die ihn unterſchrieben, es machen würden, um nach Deutſchland zurückzukommen? Er wird alſo mich konſequent finden, daß ich hier bleibe. Er würde mit mir noch mehr zufrieden ſein, wenn er wüßte, wie ich eigentlich die Baſen dieſes Friedens mißbillige. Indes bleibe ich immer dabei, daß er noch beſſer wird, als ich dachte, wie ich Berlin verließ.
Richelieu), der jetzt allein mit uns unterhandelt, iſt faſt noch peinlicher, als Talleyrand mit ſeinen Genoſſen war. Dieſe nahmen einen hohen verneinenden Ton an, dem man leicht begegnen konnte. Dagegen iſt Richelieu durchaus bittend, wendet ſich nur immer an die Großmut und ſagt alle Augenblicke „je vous supplie a genoux“ und ſolche Phraſen mehr.
Die Bildergalerie hat ſchon viel mehr leere Stellen als volle, und doch hat der Papſt noch nichts genommen. Dies zieht Met- ternich (unter uns) wieder ſehr unangenehm hin. Die eigenen öſter⸗ reichiſchen Sachen ſind ziemlich ſchon alle fort, namentlich die Me⸗ diceiſche Venus für Toskana. Aber die venetianiſchen Pferde koſten viele Mühe. Sie ſtehen jetzt auf einem infamen Triumph⸗ bogen vor den Tuilerien. Dieſer Triumphbogen hatte auch für uns anſtößige Basreliefs, die man wenigſtens jetzt mit Platten zugedeckt hat. Die Pferde ſind ſo geſtellt, daß es ſehr ſchwer iſt, ſie ſchnell wegzunehmen. Bei Tage will man nicht daran arbeiten, weil der Auflauf zu ſtark iſt. Der Platz iſt ſeit Wochen nie ohne Menſchen, die den Bogen angaffen. Man hat alſo zwei Nächte gearbeitet. Die erſte hatte man vergeſſen, die Schloßwache zu be- nachrichtigen, daß der König die Sache nicht hindern will. Ob alſo gleich Nationalgarden die Arbeiten zu beſchützen da waren, trieb die Schloßwache alles auseinander. In der vergangenen Nacht
*) Armand Emmanuel Dupleſſis Herzog v. Richelieu, geb. 1796, + 1822, zuerſt in ruſſiſchen Dienſten, 1815 unter Ludwig XVIII. Miniſter.
84
ift einige Volksbewegung geweſen, die aber die Arbeiten nicht ge- hindert hat. Allein diefe nächſte Nacht weiß man, daß es ärger werden ſoll, und ich vermute, daß man dieſe Nacht nicht arbeiten wird, ob es gleichviel klüger wäre, es nur mit ſtärkerer Wache zu tun. Rede hiervon aber noch nicht, ehe man den Ausgang recht weiß.
Der Kaiſer Alexander iſt geſtern und der Kaiſer Franz heute weggegangen, erſterer nach Brüſſel, letzterer nach Dijon. Der König geht vermutlich am 4. ab, da er am 3. noch eine Revue des dritten Thilmanniſchen Armeekorps hat.
Meine Einrichtung beſchäftigt mich hier ſehr. Ich kaufe nur das Notwendigſte. Allein das Mieten iſt ſo teuer, daß es gar nicht Rat iſt, dieſen Ausweg zu nehmen. So z. B. hat das ſonſt ſehr gute und auch wohlfeile Haus zufällig keine Lüſters. Nun ſoll ein Lüſter, den man für 900 — 1000 Franken kauft, zu mieten auf ſechs Monate 180 Franken koſten. Da iſt er in zweieinhalb Jahren bezahlt. Ich werde vermutlich zwei kaufen. Aber ein Porzellanſervice bin ich im größten Handel. Alle Berliner ſagen mir, daß das hieſige wohlfeiler iſt. Allein auch nicht ſehr ſchön, aber mit 15 Dutzend Tellern und einem vollſtändigen Deſſert, doch ohne Schüſſeln und Terrine, wird es immer gegen 2500 Franken koſten. Außerdem braucht man einen Surtout mit Bronzen, da ſonſt nichts hier Mode iſt, was auch ungefähr dasſelbe koſtet. Am wohlfeilſten ſind Gläſer. Für 3—400 Franken hat man viel und ſchöne. Aber bei Küchen— zeug fällt man beinah in Ohnmacht. Außer dieſen Dingen brauche ich einen Wagen, ſonſt aber für jetzt auch nur Kleinigkeiten, müßte ich aber nach ſechs Monaten ein unmöbliertes Haus mieten, ſo ſehe ich nicht hin. Jedermann iſt hier in Seide mit unendlichen Bronzen, und fo, daß fünf bis ſechs Stuben gleich 30, 40 000 Franken koſten können. Ich denke aber immer, daß es beſſer iſt, etwas mehr Miete zu geben und ſich nur nach und nach einzurichten, wenn der Aufenthalt hier lange dauern ſollte, was aber freilich wohl nicht der Fall ſein wird.
85
— —
Dein Ameublement, mein geliebtes Herz, muß freilich auch koſten, allein wir mußten doch auch etwas in Tegel haben. Auch habe ich wieder eine Doſe bekommen, vom König der Niederlande, nun möchte ich gern nur mit dieſen Doſen alle Schulden tilgen. Ich habe jetzt ſechſe ſtehen, lebe von der ſiebenten von Dänemark, die in Geld gegeben wurde, noch, und erwarte, was mir Jordis“) für die achte, die ſchwediſche, bieten werden.
Caroline hat mich ſehr gerührt. Das arme Kind ſcheint doch noch viel zu leiden. Grüße ſie tauſendmal von mir.
Ich war heute in der Giuſtinianiſchen Galerie, die freilich für Berlin und auch an ſich ſchön iſt, aber mir immer teuer ſcheint. Ich habe da die ſpaniſchen Bilder geſehen, die ein gewiſſer Bonne⸗ maiſon, der Mitbeſitzer der Galerie iſt, für den König von Spanien reſtauriert. Die Perle hat ſehr wenig gelitten, die Viſitation auch nicht an den Figuren ſo viel, der Spaſimo iſt kaum zu erkennen. Die Madonna del Pex iſt in ſolchem Zuſtande, daß die ganze Farbe abgehen will, und man alſo eine Gaze darüber gezogen hat. Du glaubſt nicht, wie rührend das Bild nun ausſieht. Die Zeich⸗ nung ſieht man ganz, und der himmliſch ſchöne Kopf der Madonna hat gar nichts gelitten, aber die Farbe iſt freilich ſehr vergangen. Ich habe nicht davon wegkommen können. Es iſt für mich der ſchönſte aller Raphaels. Die Kaſten mit dieſen Bildern haben, weil man nicht wußte, was darin war, monatelang in Tours allem Wetter und Regen ausgeſetzt gelegen.
Niebuhrs Heirat mit Lund) finde ich ganz natürlich. Seine ſelige Frau hatte auch gar nichts Weibliches. Welche ſonderbare Natur, dieſer Niebuhr! In Schriften immer überkräftig und im Leben ſo mutlos und unbeholfen.
) Bankier in Paris. **) Johann Ludwig Lund, geb. 1777, + 1867, däniſcher Maler.
86
37. Caroline an Humbolot Berlin, 2. Oktober 1815
Franzöſiſche Straße Nr. 42 Ich bin umgezogen und lebe noch, geliebteſtes Herz. Die Nacht vom 30. zum 1. habe ich zuerſt hier geſchlafen ....
Ich habe Deinen lieben Brief vom 20. den 28. empfangen. Meine Geſundheit iſt leidlich, doch habe ich oft Schmerz, Unrube und Angſt an der linken Seite.
Ich mußte über Deinen Brief lachen, daß Du mir ſagſt, wir wären zwar auch ſehr verliebt geweſen, und doch hätte Caroline Wolzogen ſehr vergnügt und glücklich bei uns gelebt. Ach, wohl war es ſo, und wohl möchte ich dieſe goldne Zeit der Stille und Einſamkeit noch einmal leben. Aber das Vergangene bleibt ver— gangen, und ſtill die Zukunft erharrend, umſtrömt uns der mächtige Drang der Gegenwart. —
Adelheid erwartet nun Auguſt, ſie hat heut ein Mädchen ge— nommen, und in acht bis zehn Tagen wird ſie nicht mehr unter einem Dach mit mir ſchlafen. Alles Lostrennen iſt fürchterlich, ſchmerzlich und zerreißend. —
Es ſtürmen ſo viel Menſchen auf mich an, mein geliebtes Leben, daß ich ſchließe und Dich nur noch umarmen kann. Die Kinder grüßen. Ewig Deine Li.
38. Caroline an Humboldt Berlin, 5. Oktober 1815
Geliebtes Herz! gachdem ich am 2. meinen Brief geſchloſſen und fortgeſchickt | hatte, bekam ich Deinen teuren, lieben Brief vom 23. Ich muß in allem beiſtimmen, was Du über unſere Lage und über Carolinen insbeſondere ſagſt. Caroline iſt, wie Du Dir denken kannſt, ſehr froh, daß ich den Winter nun, wie es ſcheint, doch gewiß 87
hier bleibe. Sie ahndet indeſſen nicht, daß die eigentliche Urfache meines Entſchluſſes zu bleiben darinnen liegt, daß Auguſt ſie nicht gern als ſeine Hausgenoſſin haben will. Ich habe gefürchtet, daß dieſe Entdeckung ihr eine große Bitterkeit in die Seele hauchen möchte. . .. Es bleibt von fo etwas ein Stachel zurück, und man kann junge Gemüter nicht genug davor hüten.
Deine ganze Lage fühle ich, geliebtes Herz. Du kannſt Dich jetzt von dem Poſten von Paris nicht losmachen. Niemand fühlt das mehr wie ich. Darum eben wäre ich ſo gern zu Dir gekommen, die Gefahr der möglich ausbrechenden Unruhen hätte mich nicht zu- rückgehalten. Wo Du bleibſt, bleibe auch ich. Nun muß man ſehen, wie die Dinge ſich gegen den Sommer hin ſtellen. Ich bin ſehr begierig darauf und glaube an keine Ruhe in Frankreich.
Die Bildergeſchichte iſt ſehr intereſſant, ich kann beinah nicht zweifeln, daß Canova nun das meiſte für den Papſt zurückerhält, und für die Kunſt iſt das Zurückkommen der italieniſchen Sachen eigentlich das Wichtige und Bedeutende. Paris verliert natürlich für Menſchen von unſerm Geſchmack und Anſichten ſein größtes Intereſſe.
Was haſt Du zum „RMheiniſchen Merkur“ geſagt, wie er Alexanders, Deines Bruders, Protegieren für das Franzöſiſche zelebriert? Mir war es ſehr ärgerlich, unſeren Namen ſo genannt zu ſehen. Alexandern wird es in ſeiner Art zu ſehen und zu denken außerordentlich aufreizen und erbittern, obgleich er äußerlich einen Spaß darüber machen wird. Alexander erlebt, ſo wenig alt er auch iſt, durch ſein Ergreifen des franzöſiſchen Weſens als Deutſcher, eigentlich das Antergehen einer ganzen Zeit.
Mit Schlabrendorff iſt es ganz etwas anderes. Er knüpfte ſeine Hoffnungen, ſeine Träume wenn Du willſt, an die franzöſiſche Revolution — und was ihm verloren geht, geht ſeinem Herzen,
ſeinem Gemüt mehr noch wie ſeinem Geiſt verloren. Alexander 88
hingegen iſt ſchärfer gekränkt, weil er nur durch feine eigene Citel- keit mit den Franzoſen zuſammenhängt.
Ich danke Dir im voraus für die ſchönen Sachen, die Du für Adels Ausſtattung ſchickſt. Die kleine Adel freut ſich ungemein zu den Kleidern und den Strümpfen ganz beſonders. Ich ſitze bis über die Ohren in Bettzeug und Handtüchern für fie... .
39. Humboldt an Caroline Paris, 3. Oktober 1815
Der Kanzler läßt den Kurier, der gewöhnlich morgen erpediert D wird, heute abgehen, liebes Herz, und man hat vergeſſen 2 2} es mir heute morgen zu ſagen. Ich erfahre es jetzt erſt, nachdem ich hier gegeſſen habe, und kann Dir alſo nur dieſe zwei Worte ſagen.
Geſtern iſt unter den Bevollmächtigten ein Protokoll unter- ſchrieben worden, das alle Hauptbedingungen des Friedens enthält. Die mich wahrhaft freut, iſt, daß wir Saarbrücken (das ſo gern preußiſch werden wollte) und Saarlouis bekommen. Sage hiervon und vom Anterſchreiben noch nichts, bis man es Dir ſagt. Ver⸗ mutlich wird der wahre Friede noch vor dem 15. unterſchrieben, dann geht der Kanzler noch vor dem 20. weg. Lebe wohl, meine inniggeliebte Seele. Amarme die Kinder. Ewig Dein H.
40. Humboldt an Caroline Paris, 4. Oktober 1815 f Augufts Brief iſt, wie Du ſagſt. Allein des Mangels an
A Aufrichtigkeit zeihe ich ihn nicht ſo ſehr oder rechne i ihm dieſe nicht fo hoch an. Glaube mir, teures Herz, wenn er nicht mit mir darüber geſprochen hat, ſo war es 89
nur, weil er mich nicht betriiben und mich nicht in Bere legenheit ſetzen wollte. Auch war es wirklich ſchlimmer, als Dir zu ſchreiben.
Er mußte einſehen, daß die Schwierigkeiten, die er macht, unſere Trennung verlängerten, mir das nun ſelbſt zu ſagen, mit mir darüber zu reden, Du empfindeſt, wie das geweſen wäre. Engherzig iſt die Anſicht und die Art des Benehmens und Schreibens freilich. Allein, ſüße, teure Li, darüber dürfen wir uns keine Täuſchung machen. Auguſt hat wirklich eine unendlich große Leidenſchaft für Adelheid, eine ſolche Leidenſchaft fordert ein großes Gemüt, ein größeres, als er hat, als ich ihm auch je gu- getraut habe. Neben dieſer Leidenſchaft drängen ſich religiöſe, vaterländiſche, ſogar ritterliche Ideen“) in ihm zuſammen, da fehlt es denn natürlich an der Freiheit, an der Größe der Empfindung, die Du, aus der Erfahrung Deiner eigenen ſchönen, freien, großen Natur vorauszuſetzen gewohnt biſt. So iſt er nicht, ſo kann er nicht ſein. Seine Leidenſchaft unterjocht, zwingt, ängſtigt ſogar leicht ſeine Natur, ſtatt daß dieſe ſie in ſich aufnehmen und eins mit ihr werden ſollte. Es iſt auch nicht zu leugnen, daß darum auf der einen Seite ſeine Leidenſchaft eigenſüchtiger iſt, als es ſchön iſt, und auf der anderen gleichſam beſchränkt durch Pflichtbegriffe, die von ſelbſt aus ihr hervorgehen ſollten. Da Adel ihn ebenſo liebt und ſo jung iſt, wird alles gewiß gut gehen. Aber wenn je der Fall käme, daß Adelheid, wie es doch ſo leicht möglich iſt und ſo gar nicht getadelt werden kann, einmal die unſchuldigſte Neigung für einen anderen faßte, ſo weiß ich nicht, wie unglücklich er werden könnte. Darum muß man ja leiſe gehen und nie die mindeſte Störung eintreten laſſen. Wohl ſagſt Du mit Recht, teures Kind, daß alles auf uns zurückfällt, ich kann Dir nicht be⸗
*) Das Ritterliche in Hedemanns Weſen war fo hervortretend, daß er ſpäter im Bekanntenkreiſe nur „der Ritter“ genannt wurde.
90
ſchreiben, wie ich es empfinde, hier den Winter allein zu bleiben. Man liebt ſich immer gleich herzlich; aber man iſt manchmal mehr wie ein anderes Mal der Sehnſucht fähig, wie man nicht immer im Leben gleiches Vermögen hat, auch das Eigentümlichſte zu um— foſſen, und mir iſt, als hätte ich mich nie ſo geſehnt, Dich hier zu haben, als diesmal. Aber ich begreife alles und billige Dich ganz und gar.
Ich hatte nicht Zeit, Dir neulich die Friedensbedingungen zu ſchreiben. In kurzem ſind es (ganz unter uns) folgende: Frankreich gibt heraus, was man ihm im letzten Frieden gelaſſen hat und bleibt in den Grenzen von 1790, alſo bekommt Belgien, Deutſchland und Sardinien das damals Abgetretene zurück. Was vom alten Frankreich außerhalb lag, verliert es auch, alſo namentlich die Feſtungen Landau, Philippeville und Marienburg. Landau be- kommt Oſterreich oder Bayern, wer von beiden auf dem linken Rheinufer bleibt. Die beiden anderen erhält der König der Niederlande. Dann gibt Frankreich an uns die Feſtung Saarlouis mit gehörigem Gebiet. Hüningen wird geſchleift und innerhalb drei Lieues von Baſel darf keine Feſtung angelegt werden. Frankreich zahlt 700 Millionen Kontribution, wovon ein Viertel zu neuen Feſtungen verwandt wird. Wir und England bekommen, als die am meiſten getan haben, 50 Millionen mehr. Anſer ganzer Anteil wird gegen 140 Millionen Franken machen. Endlich bleiben 17 franzöſiſche Feſtungen von 150000 Alliierten auf franzöſiſche Koſten fünf Jahre lang beſetzt, wenn man nicht nach drei findet, daß Frankreich gehörig ruhig iſt.
Jetzt ſteht auch in franzöſiſchen Zeitungen, daß die Aachener Säulen sur les instances du Baron de Humboldt hier geblieben find. Eine Bosheit eines Deutſchen, vielleicht Varnhagens). Dieſer hat es, im Vorbeigehn geſagt, doch dahin gebracht, daß ſelbſt der ſo unendlich gutmütige Kanzler ihn giftig und boshaft nennt. Er
) Karl Auguſt Varnhagen v. Enſe, geb. 1785, + 1858, Schriftſteller. 91
kommt aber doch zu Rrujemard*) nach Wien. Alexander läßt einen Gegenartikel einrücken. Canova läßt einpacken. Die Wut der Franzoſen darüber kannſt Du Dir nicht denken. Sie werfen nun alle dem Papſt vor, daß er Bonaparte gekrönt hat. Die drei Mächte, denn Rußland iſt immer dagegen geweſen, haben be- ſchloſſen, den Papſt zu beſchützen. Es ſollte alſo von jeder wechſelweis Wache auf dem Muſeum ſein. Der König hat es aber (unter uns) ſchlechterdings nicht von ſeinen Truppen zugeben wollen. Auch kann es nun nicht geſchehen, doch geht das Wegnehmen darum immer fort. Den Kanzler ſetzte dieſer Befehl des Königs in einige Verlegenheit.
Ich habe geſtern vom König Abſchied genommen. Er war ſehr freundlich.
Flemming“) wollte ſchlechterdings nach Braſilien gehen, wo man jemand hinſchicken will, einen Handelstraktat zu machen. Allein der Kanzler und ich haben gefunden, daß es unvernünftig wäre, jemanden, der gut iſt, gleich übers Meer zu ſenden, und auch nicht vorteilhaft für ihn. Er wird alſo vermutlich bei mir fürs erſte bleiben. Wagner hat mich auch gebeten, ihm auszu⸗ machen, daß er noch einige Monate hier bei mir ſein kann, und ich habe es getan. So bleibe ich unter Bekannten. Boisdeslandes will zwar abſolut nach Berlin, weil er alles Geld, das er hat, in Meubles geſteckt hat, die nun, wie es ſcheint, ausſchließend ſein Herz beſitzen. Allein er wird auch noch einige Monate hier bleiben müſſen. Eigentlich zu ernähren brauche ich freilich nur Flemming. Allein die andern gehen doch nie ganz leer aus, und ſo vermehrt
) Friedr. Wilh. Ludwig v. Kruſemarck, geb. 1767, +1822, war 1810 Geſandter in Paris, 1813 und 1814 im Hauptquartier des Kronprinzen von Schweden. 1815 Geſandter in Wien.
) Graf Flemming, Neffe Hardenbergs, Legationsſekretär bei Hum- boldt, wurde 1816 Geſandter in Rio de Janeiro, dann in Liſſabon und 1823 in Neapel.
92
das die Koſtbarkeit der Miſſion. Vor dieſer ſcheue ich mich ent- ſetzlich, und gleich kann ich keine Zulage erhalten. Ich werde aber doch ſuchen, einen außerordentlichen Zuſchuß zu bekommen. Nur wird das immer erſt in einigen Monaten möglich ſein.
Lebe wohl, meine innigſtgeliebte Seele. Amarme die großen und kleinen Kinder. Ewig Dein H.
Wellington iſt, wie ich Dir ſchon ſchrieb, auf einmal in die größte défaveur gekommen. Außer dem Muſeum wirft man ihm vor, daß er Fouché im Miniſterio erhalten wollte, und, woran er freilich ſehr Anrecht tut, daß er mit Madame Hamelin [?], die ſchon den Franzoſen ein Anſtoß in Lucchefinis*) Salon war, und ein paar anderen, ganz bonapartiſtiſchen, und deswegen und wegen ihrer Aufführung gar nicht in der Geſellſchaft geduldeten Damen, faſt
ausſchließend umgeht.
41. Humboldt an Caroline Paris, 5. Oktober 1815
Ich habe Dir durch denſelben Kurier, der Dir dieſen Brief bringen wird, geſtern geſchrieben und ſchreibe Dir heute wieder, um Dir etwas Anvermutetes mitzuteilen, was aber, wie ich mir ſchmeichle, auch Dir angenehm ſein wird. Ich bin wieder auf einige Zeit vom Pariſer Poſten befreit, gehe, ſo— bald man hier fertig iſt, weg und habe eine zwar ungewiſſe aber doch entfernte Hoffnung, Dich zu ſehen. Wie man überſchlagen hat, was noch nach dem hieſigen Arrangement zu tun wäre, hat ſich eine wichtige, höchſt épineuse und ſchwierige Anterhandlung“) in
) Graf Girolamo Luccheſini, geb. 1751, + 1825, preußiſcher Diplomat, 1793-1797 Gefandter in Wien, 1802 1806 Geſandter in Paris.
**) Ohne jede Berechtigung erhob Bayern, für den Fall, daß der Mannes- ſtamm der regierenden badiſchen Linie ausſtürbe, Anſprüche auf die Rhein⸗
93
Frankfurt am Main, die Preußen und Ofterreich über Ländertauſche mit Bayern, Baden und Darmſtadt führen müſſen, gefunden, und wie es immer geht, der Kanzler hat nicht gewußt, wen er dazu beſtimmen ſollte. Alſo hat er mir vorgeſchlagen, dies noch abzu— machen und erſt nachher hierherzukommen, und ich habe es gern angenommen, weil es mich jetzt von hier in einer ſehr unangenehmen Periode wegbringt, weil ich die Hoffnung habe, Dich zu ſehen, da ich wohl leicht nach Beendigung des Geſchäfts einen Arlaub auf 14 Tage nach Berlin bekomme, und da, weil man nie weiß, wie lange eine Sache währt, wohin ſie führt und was in der Zwiſchenzeit ge⸗ ſchieht, ich vielleicht auf dieſe Weiſe die ganze Pariſer Stelle los werde.
Was mir aber das Liebſte iſt, iſt, daß ich durch einen Aufent⸗ halt in Frankfurt jetzt, alſo im Mittelpunkt der deutſchen Ange⸗ legenheiten, in Deutſchland beſchäftigt bin und dort Anſehen gewinne und forterhalte.
Der Kanzler glaubt, dies Geſchäft wird nur ſehr kurzdauernd ſein. Ich ſtelle mir das nicht vor, nur wäre es unnütz, ihm zu widerſprechen. Ich weiß, wie ſchwierig das durchzuſetzen iſt, was man will, und glaube nicht an weniger als 2, 3 Monate. Indes geht die Bundesverſammlung an, wer weiß, welche Schwierigkeiten da vorkommen, geht es dann hier ruhig zu, ſo daß ich hier weniger nötig ſcheine als dort, ſo läßt man mich für andere Gegenſtände, kurz es iſt etwas Neues und nicht zu Berechnendes. Du beſchul— digſt mich ſo immer, das Neue zu lieben, alſo kannſt Du begreifen, daß es mir angenehm iſt. Lachen aber muß ich in mir, daß, fo- lange der Kanzler die wirklich wunderbare Idee beibehält, daß etwas irgend Erhebliches nur durch mich gemacht werden kann, es unmöglich iſt, daß ich zu einiger Ruhe komme. Davon, daß, Du nach Frankfurt kommen könnteſt, rede ich nicht. Du weißt, wie
pfalz, den Main- und Tauberkreis. Oſterreich unterſtützte im eigenen Intereſſe Bayern, während Preußen auf Badens Seite ſtand.
94
glücklich es mich machen würde, allein die Schwierigkeiten, die Dich hinderten, nach Paris zu kommen, ſind hier, abgerechnet, daß die Abweſenheit kürzer wäre, dieſelben.
Außer Auguſten und den unendlich verſchwiegenen Kindern ſage noch niemandem etwas von dieſer Sendung, liebes Kind. Lebe innigſt wohl, ſchon der Gedanke, Dich doch vielleicht in kurzer Zeit zu ſehen, macht mich unbegreiflich glücklich. Ewig Dein H.
Unter uns: Der Prinz kommt nicht an den Rhein, er müßte denn Gouverneur in Mainz werden. Gneiſenau hat das gemacht. Sage es nicht Auguſten. Nur wenn er häusliche Plane gerade darauf macht, daß es, und noch in dieſem Winter, geſchehen würde, die ſonſt nachteilig ſein würden, ſo halte ihn zurück, und ſtell ihm vor, daß doch wohl noch der Winter darüber hingehen würde, ſage ihm auch allenfalls, ich habe das als eine faſt gewiſſe Ver- mutung geſchrieben.
42. Humboldt an Caroline Paris, 7. Oktober 1815
Ich habe Dir neulich von dem Auftrag geſchrieben, den ich i für Frankfurt habe, und Du wirſt gefehen haben, daß Y ich ihn gerne übernehme. Ich habe wirklich eine ordentliche Sehnſucht nach Deutſchland zurück, die aber im Grunde nichts iſt, als eine Sehnſucht, Dir nahe zu ſein. Es iſt mir, als hätte ich nie eine ſo tiefe, innere, geiſtige gefühlt, mit Dir zu ſein, ich bin es nicht mehr in Frankfurt, als hier, allein ich habe doch die Hoffnung, vielleicht von da nach Berlin zu kommen..
Bei Deutſchland fällt mir ein Streit ein, den der König neulich bei Tiſch mit dem Erbprinzen von Mecklenburg“ über die deutſche
) Georg, geb. 1779, + 1860, wurde 1816 Großherzog von Mecklenburg- Strelitz.
95
Kaiſerwürde gehabt hat, und der von Adelheid angefangen hat. Alexander war dabei, ich nicht. Der Erbprinz, von dem man nicht leugnen kann, daß er immer ſehr freundſchaftlich, treu und liebens⸗ würdig iſt, hat angefangen, von unſern Kindern zu ſprechen. Zuerſt von Carolinens Krankheit; der König hat geſagt, daß dies die Arſache ſei, wie er höre, daß Du nicht den Winter herkämſt. Dann hat er von Adelheids Schönheit geſprochen, wo ihm der König beigeſtimmt iſt, und von Gabrielen. Alexander hat geſagt, daß beide auch bewieſen hätten, daß man nicht in Deutſchland von klein an zu ſein brauche, um ſehr gut Deutſch zu ſprechen, denn beide ſprächen jetzt ausgezeichnet gut. Der König hat geantwortet mit Lächeln: „Das glaube ich, ein ſo deutſcher Mann wie Hedemann würde keine Frau genommen haben, die nicht gut Deutſch redet.“ Einen Augenblick darauf aber hat er ſich wieder zu Alexander gewendet und hat geſagt: „Wenn ich Hedemann einen deutſchen Mann nenne, ſo meine ich das im recht guten Sinn und nicht, wie es jetzt ſo viele gibt.“ Hier iſt nun der gute Erbprinz mit einem Stoßſeufzer: „Ach! Wenn es nur recht viele gäbe!“ einge- fallen. Darauf iſt der König in ſeine alten Sätze verfallen: Oeutſchland im ganzen fei nichts, es wären wohl Oſterreicher, Preußen, Bayern, nirgends aber Deutſche, im kleinſten Teil der öſterreichiſchen Staaten rede man Deutſch, in einem bedeutenden der preußiſchen andere Sprachen. Der Erbprinz iſt aber immer dabei geblieben: Deutſchland müſſe eins ſein, es müſſe jetzt einen Kaiſer haben, und der müſſe der König ſelbſt ſein, und in Wien ſei der Augenblick dazu dageweſen, und er habe ſich ſchon gefreut, (und dabei hat er das Glas genommen) auf die Geſundheit eines proteſtantiſchen Kaiſers trinken zu können. Vor allen Leuten war dies etwas ſtark. Der König hat geſagt, er habe es nicht gewollt und die andern hätten ihn nicht gewollt, ſo hätten ſich beide Teile begegnet. Der Erbprinz aber iſt weiter gegangen; man habe ihn 96
wohl gewollt, die Mehrzahl der Fürſten, nur die Intrigen Metter: nichs hätten es verhindert. Da iſt denn die Anterredung vom König abgebrochen worden. Ich weiß dies von Alexander. Er⸗ zähle es doch Auguſten und den Madchen, die find alle ſehr ver— ſchwiegen. Ich denke mir, daß es Dich und ſie amüſieren wird.
Der König iſt heute noch hier. Er hat ſchlechterdings, natürlich in- kognito, der Eröffnung der Kammern heute beiwohnen wollen. Morgen ganz früh geht er aber ab. Wir Miniſter ſind nicht zu der Eröffnung gegangen. Es ſchien in jeder Rückſicht anſtändiger, es nicht zu tun.
Die Statuen und Bilder des Papſtes werden mit größtem Eifer eingepackt. Der Apoll und Laokoon ſind nicht mehr im Muſeum. Du wirſt in den Zeitungen leſen, daß die Medieeiſche Venus beim Abnehmen zerbrochen iſt. Auf dem Muſeum behauptet man es. Aber die Oſterreicher leugnen es. Aberzeugen kann man ſich nicht mehr, weil ſie ſchon eingepackt iſt.
Wie die Franzoſen gegen den Papſt wüten, davon hat man keinen Begriff. Beſtändig fort wird ihm nun die Krönung Napoleons vor⸗ geworfen. Die Pallas von Velletri ſoll gekauft ſein und bleibt alſo hier. Ebenſo die ganze Borgheſiſche Sammlung. Daß die Engländer Sta- tuen und Gemälde des Papſtes gekauft hätten, iſt ganz unrichtig. Was geſchehen iſt, aber als ein großes Geheimnis behandelt wird, iſt, daß ſie dem Papſt das Geld vorſchießen, welches das Einpacken koſtet.
Ich habe geſtern ein Diner gehabt. Der Staatskanzler, der Perfide*), Gneiſenau, Boyen, Bülow, Altenſtein, der alte Jacobi“), Jordan und Alexander. Hätte ich einige Tage früher gewußt, daß ich nach Frankfurt ginge, hätte ich es nicht getan. Aber ſo wollte ich einen Koch probieren. Er hat bei Davout gedient und
) Graf Ernſt von Hardenberg.
) Vermutlich der Diplomat Jacobi-Klöſt, geb. 1744, der im Herbſt 1815 von Wien nach London ging. Humboldt⸗Briefe. V. ii 97
ſcheint ein ſehr ordentlicher Menſch. Auch iſt er der wohlfeilſte, der ſich präſentiert hat. Denn er fordert nur 100 Franken mo- natlich. Hardenberg, der bei Eſſen und Trinken ein vortrefflicher Richter iſt, hatte erſt mit mir den Küchenzettel verbeſſert, dann, mit dem Küchenzettel in der Hand, hat er gegeſſen, Du glaubſt nicht, mit welchem Eifer, aber auch mit welcher Treue. Denn er hat gar nicht geſprochen, ſondern immer wie ein Höllenrichter da⸗ geſeſſen und hernach ſeinen Ausſpruch getan. Das Refultat iſt geweſen, daß der Koch vortrefflich iſt, viel beſſer als der, den Bülow genommen hat, und dem er wenigſtens 20 —30 Franken monatlich mehr gibt. Nun muß meiner freilich noch durch die Feuerprobe der Rechnungen gehn. Beſteht er die auch, und iſt er nicht zu teuer, ſo werde ich ihn mir wenigſtens zu ſichern ſuchen, um ihn, wenn ich wieder herkomme, haben zu können.
Sonſt iſt es noch recht glücklich geweſen, daß ich gerade jetzt erfahren habe, daß ich nach Frankfurt gehen ſoll. Gerade zwiſchen hier und dem 15. hätte ich Leute angenommen, Sachen gekauft und allerlei Ausgaben gemacht. Jetzt ziehe ich vermutlich gar nicht in mein eigenes Haus vor meiner Abreiſe ein.
Lebe wohl, innigſt geliebtes Herz. Ewig Dein H. HS 43. Caroline an Humboldt Berlin, 12. Oktober 1815
Ich habe, mein teures Leben, Deine lieben Zeilen vom 3. d. M. ſchon vorgeſtern abend bekommen und danke Dir ſehr für Deine Liebe.
Auguſt iſt geſtern um 4 Ahr angekommen. Am Morgen 8 Ahr kam ein Brief von ihm mit einem vorausgeſchickten Kurier, der Adelheid fagte, er werde zwiſchen 3 und 4 Ahr ankommen. Daß ſie ihn in ſeinem Quartier erwarten ſollte, war längſt eine von ihm 98
beftimmte Sache. Am Morgen ließen wir das Bett hintragen, alles übrige war vorbereitet. Adelchen frühſtückte à la fourchette zu Hauſe und begab ſich um 2 Ahr allein in ihre Wohnung. Auguſt hat erſt hierher kommen müſſen, um ſich zu orientieren, er hatte die Zimmer nicht finden können, in denen Adelheid ihn er⸗ wartete. Er kam aber nicht herein, ſondern erſt ſpäter mit Adelheid zurück, wo er dann hier aß, und die Mutter, Tante und Schweſter den Abend hier zubrachten. Auguſt iſt ganz unverändert im Ausſehen. Er fand Adel ſehr ſchön und blühend. Sie iſt es auch wirklich mehr noch, als da er ging. Am Abend, wie er nach Hauſe ging, kann ich Dir nicht leugnen, war es mir ſehr weh, ſie von mir zu laſſen.
Ich ſchicke Dir heut, liebes Herz, eine Kiſte mit dem hierbei bezeichneten Silber. Die Leute machen mir alle bang und ſagen, ſowie die Truppen den Rücken gewendet haben würden, ſo werde der König gewiß auch gehen müſſen, und folglich auch Du. Ach, wie möchte ich bei Dir ſein, mein liebes Herz, um alles mit Dir zu teilen, was Dir irgend begegnen möchte!
Ich bin außerordentlich begierig, wie das mit den venetianiſchen Pferden ablaufen wird, und fände es ein arges Dementi, wenn ſie nun ſtehen blieben. Allein die Art des Wegnehmens will mir nicht recht gefallen. Bei uns und in Italien nahmen die Franzoſen nicht die Nacht. Warum denn die, die ihr Eigentum wieder nehmen? Ich vermiſſe unendlich oft das wahre Gefühl von Würde und Recht in den Dingen, die geſchehen.
Verzeih mein unterbrochenes Schreiben heut, ich will auch lieber aufhören. Ich habe einen kranken Bedienten. Nun kommen heut tauſend Sachen zuſammen und ein ewiges Ein-und⸗aus⸗laufen wegen Adels noch nicht eingerichteter kleiner Wirtſchaft.
Adieu, geliebtes Herz. Ewig Dein.
S
44, Humboldt an Caroline Paris, 14. Oktober 1815
—
Ab ich vom Pariſer Geſandtenpoſten loskomme, mag ich D freilich noch nicht zu ſagen wagen. Allein Frankfurt iſt
e ein erſter Schritt. Wie ich den Kanzler kenne, geht die Sache fo: Benimmt ſich Goltz“) zu ſeiner Zufriedenheit, d. h. vorzüg⸗ lich begünſtigen ihn die Amſtände dazu hinlänglich, fo wird der Kanzler mir ein Geſchäft nach dem andern in Frankfurt zu meinem jetzigen auftragen, und mein Aufenthalt wird ſich dadurch unfebl- bar verlängern. Ferner wird der Gang der Geſchäfte im Bundes⸗ tag einen großen Einfluß auf meine Sache haben. Geht dort etwas vor, was von Wichtigkeit iſt, ſo kann ich ſehr leicht hinzutreten müſſen. Unter uns gefagt, iſt Stein mit Küſter“) dazu beſtimmt. Das geht, man mag einen allein oder gar beide zuſammen, die inkompa⸗ tibelſten Naturen, nehmen, nicht einige Monate lang. Habe ich aber einmal mit Bundesgeſchäften zu tun, ſo kann das ſehr weit führen.
Für uns, unſere Familienlage und ſelbſt unſer Vergnügen wäre vielleicht Frankfurt und der Bundesgeſandtenpoſten keine üble Sache. Wien gefällt uns allen nicht. An Petersburg wird keiner von uns je denken. London iſt zu teuer. Paris hat mit den Kunſtwerken ſeinen höchſten Reiz verloren und hat ſonſt viel Anangenehmes. Frankfurt iſt gewiß an ſich nicht angenehm, aber wir bilden uns leicht einen eigenen Kreis. And rund herum iſt die Gegend hübſch, und Reiſen für Dich überallhin im Sommer leicht. Du wirſt ſagen, daß das alles nur meine Manier iſt, den Ort für den beſten zu halten, an den ich gehen muß, und das mag auch ſein. Allein wirklich iſt doch vieles, was ich hier ſage, unpar⸗
) Karl Heinr. Friedr. Graf v. d. Goltz, geb. 1772, + 1822. Gefandter in Paris von 1814 bis 1822.
*) Johann Emanuel v. Küſter, geb. 1764, + 1833, ſpäter preußiſcher Geſandter in München.
100
teiiſch genommen, wahr. Auf jeden Fall bleibe ich gern den Winter hindurch in Frankfurt, warte Dich dort im Frühjahr ab, und wir gingen ſo nach Paris. Daß Paris jetzt bis aufs Letzte alle fremden Kunſtſchätze verliert, weißt Du nun ſchon gewiß. Die Franzoſen haben ſich ſcheinbar darin ergeben, allein es iſt ein Stachel zurück⸗ geblieben. Das gedenkt ihre Eitelkeit ewig. Caſtlereagh )), der ſonſt ſelten etwas ſo Richtiges ſagt, behauptet aber immer mit Necht, daß die Demütigung ihrer Eitelkeit gerade das Wichtigſte dabei war. Müffling“) hat auch der Heidelberger Bibliothek 39 Manuſkripte mit Canovas Einwilligung wiedergeſchafft, die man im Dreißigjäh⸗ rigen Krieg geraubt und dem Papſt gegeben hatte, wie Du weißt. Alles mit der Kraft der Baguette. Es iſt die einzige Sache, in der das Rechte geſchehen iſt.
45. Humboldt an Caroline Paris, 16. Oktober 1815
fan hat (unter uns geſagt), geſtern die letzten detaillierten ö Arrangements über die Kontributionszahlung und die Verpflegung der in Frankreich bleibenden Truppen unter⸗ ſchrieben, und es ſind jetzt nur noch Artikel über die Reklamationen der Privatleute zu machen übrig. In acht Tagen, glaube ich, kann alles unterzeichnet ſein. In den Vorbereitungen zur Unter- handlung, die ich in Frankfurt übernehmen ſoll, zwiſchen Oſterreich und Preußen, haben fic) zwar noch Anſtände gefunden, die ge- hoben fein müſſen, ehe ich mit den deutſchen Höfen etwas an⸗ fangen kann; allein ich denke, es wird geſchehen, und es wird bei meiner Reife nach Frankfurt bleiben. Ich wünſche es von Herzen. ) Vgl. S. 60.
*) Friedrich Ferdinand Karl Frhr. v. Müffling, geb. 1775, + 1851, zuletzt Generalfeldmarſchall.
101
Alexander prangt wieder, wie er mir ſelbſt ſagt (denn ſeit jenem berühmten Blatt ſcheint er nach dem Grundſatz, daß man den Feind im Angeſicht behalten muß, regelmäßig den „Nheiniſchen Merkur“ zu leſen), jedoch nur mit Anfangsbuchſtaben wegen der Säulen in einem der neueſten Stücke. Allerdings iſt auch mir das, wegen des Namens, nicht angenehm. Allein ich glaube doch nicht, daß ſelbſt der „Merkur“ mich im Verdacht der Beſchützung der Franzoſen hat. Wenigſtens hätte er vollkommen Anrecht. Denn ich empfange hier manchmal die unzweideutigſten Beweiſe, daß die Franzoſen vielleicht niemanden ihrem Intereſſe ſo entgegen⸗ geſetzt halten, als mich.
Einen wirklich luſtigen Fall muß ich Dir doch darüber unter uns mitteilen. Blücher hat hier mehrere ihm verdächtig ſcheinende Briefe aufgefangen. In einem unter dieſen iſt bloß von mir und Wellington die Rede. Die Hauptſtelle lautet folgendermaßen: „Alexandre ne se dément pas de la belle conduite qu'il a tenue en 1814; mais il a à combattre des puissances d'une avidité bien perfide. C'est surtout la Prusse et son Ministre Mr. de Humboldt que nous avons pour plus grand ennemi. II y a encore quelques jours que ce perfide Ministre engageait les puissances“ uſw. Nun kommt, daß ich eine Art Teilung Frankreichs vorgeſchlagen hätte, in der England Bretagne bekäme, und ſolche hirnloſe Dinge mehr. Hernach wird von Wellington erzählt, wie ihm nach ſeiner Expedition im Muſeum bei der Herzogin Duras [?] und der Seville jedermann den Rücken zugekehrt habe, und ſehr gut (weil es wirklich wahr und ſchwach von Wellington war) hinzugeſetzt: il s’en alla piqué, et peut-étre trop sensible à ce froid accueil.
Mit dem Einpacken des Muſeums geht es ſehr gut..
102
46. Caroline an Humboldt Berlin, 16. Oktober 1815
„Die Nachricht, daß Du nach Frankfurt gehen wirſt, hat mich
. unendlich überraſcht und erfreut. Wenn auch wir uns nun nicht ſehen ſollten, fo ſchneidet es die Zeit. Ich könnte doch auch vielleicht auf einige Wochen hinkommen und irgend— ein Arrangement für Caroline machen. Wirſt Du den 10. No- vember wohl dort ſein? Auguſt habe ich es geſagt und den drei Mädchen, fie waren alle ſehr erfreut..
Woher aber mag dieſe Anſicht Gneiſenaus kommen? Er wird dort Gouverneur, das war wenigſtens vor dem diesjährigen Krieg ſeine Beſtimmung, und er nahm darüber Komplimente an, allein ſollte dieſe wichtige Provinz, die man ein zweites Preußen nennen könnte, nicht ein Vizekönig haben? And eignet ſich der Prinz, vorzüglich wegen der Prinzeſſin, nicht ganz beſonders dazu? Die Prinzeſſin rechnet noch darauf. Sie fragte mich, warum Auguſt nicht zu mir ins Haus gezogen wäre, ſo könnte ich ja Deinen Wunſch erfüllen und zu Dir nach Paris gehen. Ich antwortete, weil er in der Meinung ſtände, daß er den Prinzen wohl an den Rhein begleiten würde, wenn dies des Prinzen Beſtimmung ſei, und in ſolchem Falle wäre dann Caroline ohne Stütze hier. Die Prinzeſſin ſchien dies, Auguſts Attachement an den Prinzen und die Ausſicht des Prinzen, an den Rhein zu kommen, ſehr gern zu hören. Die Prinzeſſin würde gewiß eine viel lebendigere Perſon ſein, wenn ihr ein bewegterer Kreis vorgezeichnet würde. Man ſagt auch hier allgemein, daß die große Zurückgezogenheit, in der ſie lebt, mehr der Geſchmack des Prinzen als der ihrige ſei!
103
47. Caroline an Humboldt Berlin, 19. Oktober 1815
Ach habe letztens gar nicht auf die ſehr hübſche Anekdote in Deinem Brief, auf das Geſpräch des Erbprinzen von Mecklenburg mit dem König, geantwortet. Ich finde es außerordentlich hübſch, und es hat mich, Auguſt und die Kinder ſehr amüſiert. Es iſt immer gut, daß dem König dergleichen ge⸗ ſagt wird, wennſchon ich zugeben will, daß der Erbprinz etwas weit in einem Geſpräche ging, das bei Tiſche gehalten wurde. Das iſt eine troſtloſe Idee, daß es kein Deutſchland gäbe. Freilich geſtehe ich, daß es in gewiſſem Sinne noch immer ein unſichtbares Reich iſt, aber wer hat nicht in dieſer Zeit an das Anſichtbare glauben gelernt, das über dem Sichtbaren waltet, und wer möchte leugnen, daß dieſe Kriege, und vor allem die glänzenden Schlachten des Jahres 1813, mehr durch die heilige Glut, die in den Herzen der Kämpfenden lebte, als durch die materielle Kraft ihres Armes aus⸗ gefochten ſind?
Ich muß mich ärgern, zu ſehen, daß die Jahrestage der Schlacht von Leipzig ohne alle öffentliche Erinnerung, ohne alles Feſt⸗ und Dankgebet vorübergehen. Das iſt nicht recht. Den Sinn des Volkes ſollte man fortdauernd auf ſo große Begebenheiten richten, denn die Zeit träger Ruhe, die in un ſerer Kindheit war, die iſt gewiß noch auf lange Zeit vorbei. And wohl uns, daß ſie vorbei iſt, und im Amſchwung der Dinge kann die wohl ſo leicht nicht wiederkommen. Das Volk, des man bedarf, ohne das man in letzter Inſtanz eigentlich nie das Große ausführt, in deſſen Sinn ſollte man auch das geſchehene Große recht im Anden ken erhalten und es daran für die Zukunft erziehen.
104
48. Humboldt an Caroline Paris, 21. Oktober 1815
ich ſoll recht wundern, was Du zu Frankfurt fagen wirſt. ö Wenn nur mein Aufenthalt dort, nämlich ſeine Dauer, nicht ſo gar ungewiß wäre; allein es iſt unglaublich, wie fich auch darüber nichts ſagen läßt.
Der Poſten hier wäre, wenn man die Sache in ſich, nicht wie ſie ausgeführt werden wird, anſieht, von unendlicher Wichtigkeit Die Armee, die in Frankreich bleibt, ſoll eigentlich den König hier halten, der ſonſt vielleicht nur ſehr kurze Zeit ſich ſelbſt behaupten könnte. Es bleiben (unter uns) ſelbſt in Paris fürs erſte, und bis der König eine eigene Garde hat, Truppen. Alles dies fom- mandiert Wellington, und mehr oder weniger hat er es in Händen, ob er will marſchieren laſſen oder nicht, wenn hier Unruhen entſtehen.
Mit dem nächtlichen Wegnehmen der Venetianiſchen Pferde haſt Du vollkommen recht. Nur der Bijou“) kann fo etwas er- finden. Auch hat er es bei Tage vollenden müſſen. Von den übrigen hat niemand ſo etwas getan. Ich lege Dir eine Zeitung bei, welche einen Brief von Wellington über ſein Wegnehmen der Kunſtſachen enthielt, der trefflich iſt. Hätte er nur immer und über alles ſo geſprochen! Allein ſo iſt er, immer abhängig vom Augenblick, immer perſönlich und egoiſtiſch, ein ſcharfer Verſtand und ein eiſenfeſter Wille, allein kein großer Kopf und noch weniger ein großer Charakter.
Mit dem armen Staatskanzler geht es noch immer nicht ganz gut. Er hat faſt immer Kopfweh und iſt wenig aufgelegt. Wenn ich dies und die äußere und innere Lage der Dinge bedenke, ſo ſehe ich ſehr trübe und weiß nicht, was daraus werden ſoll. Der gute Staatskanzler hat durch ſeine ganz perſönliche Regierung alle Formen ſo auseinander gehen laſſen, daß es kaum Fäden
*) Metternich.
105
gibt, wo man Kraft und Einheit, die nicht wieder fo perſönlich ſind, anknüpfen kann. Dabei begnügen ſich wenige, in ihrem Wir⸗ kungskreis zu bleiben. Alles will darüber hinaus.
49. Humboldt an Caroline Paris, 28. Oktober 1815
Ich habe Deinen lieben Brief vom 19. bekommen, geliebtes 0 i Herz. Der Erbprinz, deffen Wuferungen über Deutſch⸗ 1 land Du ſehr recht haſt, hübſch zu finden, wird vielleicht mit dieſem Briefe ſchon ſelbſt bei Dir fein. Seine Geſinnung iſt immer tadellos, aber die Jugend gab ihm ehemals eine liebens— würdige Lebendigkeit, die jetzt faſt auf die Geſtikulation eingeſchränkt iſt.
Allerdings iſt es eine troſtloſe Idee, daß es kein Deutſchland geben ſollte. Du haſt aber ſehr recht, zu ſagen, daß es ein un⸗ ſichtbares gibt, und ich glaube wie Du, daß es in kurzem ans Licht treten wird, aber ſchwerlich auf dem Wege, den man ihm vorbereitet. Was Du vom Volk ſagſt, hat mich unendlich durch ſeine Wahrheit ergriffen. Allerdings kann man nichts ohne das Volk ausführen und bedarf ſeiner beſtändig. Aber man bedarf
noch viel mehr, um recht zu handeln und verkehrtem Handeln zu⸗
vorzukommen, ſeines Sinns und Gemütes, und die ganze, aber darum auch für den Augenblick unheilbare Krankheit der Zeit iſt dieſer furchtbare Zwieſpalt zwiſchen denen, die das Rechte wollen, und denen, die für das Rechte auch nicht einmal Sinn haben, ſondern in Schlaffheit und Blindheit alles halb und verkehrt machen. Ehe das nicht aufhört, und ſolange die Menſchen die Geſchäfte machen und regieren, die weder Grundſätze, noch Gemüt, noch Emp- findung haben, und die anderen, die wenigſtens fühlen, daß man dies alles nicht entbehren kann, ſich zwar das Regieren gefallen laſſen müſſen, aber ſich bewegen, tadeln, ſchreien, ſolange muß es 106
ſchlecht gehen. Ja, was das Schlimmſte iſt, fo macht dieſer laut werdende Widerſtreit die ſchlechte Partei nicht beſſer und verführt ſogar noch die gute, auch wieder aus ihrem Gleis herauszutreten. Die ganze Frage iſt nun bloß die: wird dieſer Streit zum recht wahren Ausbruch kommen, aus dem dann mehr oder weniger eine Inſurrektion wird, oder wird es fic hinſchleppen, bis die Gene ration, die einmal unverbeſſerlich frivol iſt, dahingeht, und eine beſſere folgt? Denn in allen Ländern hat die Jugend, die ſchon darum dem Volk näher iſt, weil das Volk eine ewig jugendliche Maſſe bleibt, beſſere Geſinnung. Der Verderb liegt in Deutſchland und in allen Deutſch redenden Ländern in der undeutſchen Art der höchſten Klaſſen, in dem furchtbaren und elenden Weſen, das man Geſellſchaft nennt, in der ſchlaffen, nicht einmal ſich wahrhaft auf Genuß verſtehen⸗ den Appigkeit der Lebensart, in der gräßlichen Leere des Kopfes und des Herzens. In Preußen hat das Anglück mehr Volksmäßigkeit und Einfachheit hervorgebracht, und ein beſonders glückliches Schick⸗ ſal gemacht, daß der König und ſeine Familie denſelben Sinn hat. Dazu kommt der Staatskanzler, der darin wie in allen Eigenſchaften, die das Weſen des Charakters treffen, untadelhaft iſt. Allein darum iſt auch Preußen, wie das gute und böſe Prinzip, in be ſtändigem Streit mit den übrigen Höfen, und kommt wieder (ndm- lich als Regierung) in Streit mit ſeinem eigenen Volk, weil es in jenem Streit gar nicht anders kann als oft oder wenigſtens manch— mal nachzugeben.
In Frankreich find alle Klaſſen ohne Anterſchied in der beſchrie— benen Verderbnis. In keiner gibt es Grundſätze, in keiner Gemüt, bloß bis auf einen gewiſſen Punkt und in gewiſſen Fällen eine Art mit- leidiger Weichheit und leichtſinniger Gefälligkeit, an deren Stelle denn in anderen empörende Härte und Grauſamkeit tritt.
In England iſt der Zuſtand für alle inländiſchen Angelegenheiten auch bei der höchſten Geſellſchaft viel beſſer als in Deutſchland, aber
107
nur ausſchließend für dieſe. Bei den auswärtigen hat man den gleichen Kampf mit Halbheit und Kälte, nur iſt doch immer Sinn für Grundſätze da, und ſelbſt das Anrecht geſchieht nur, indem man einen Grundſatz dafür ſich erdichtet.
Von den Nuſſen ſehen wir eigentlich nie die Nationalität in ihrer guten Eigentümlichkeit. In dieſer kommt ſie nicht über die Grenze. Was wir kennen, iſt faſt ganz ausländiſch gebildet und geartet.
So denke ich mir, teure Seele, die innerliche Lage Europas, aus der allein immer eigentlich die äußere hervorgeht, die beſondere Preußens, die noch beſtimmtere der preußiſchen Regierung, an der ich leider noch vielleicht lange teilnehmen muß. Ich tue es ungern, nicht, daß ich nicht manches hätte, was mich wohl fähig macht, die Sache zum Beſſeren zu lenken, und noch weniger, daß es mir am ſchlichten Willen fehlte, meine ganze Exiſtenz daranzuſetzen. Das, weiß ich, würde keiner mit ſo wenig Aufwand und Aufheben tun als ich; denn ich lebe fo ſehr in meiner innerlichſten Ein⸗ ſamkeit, daß es mir gar nicht in den Sinn kommt, daß ich bei irgend etwas, das nicht dieſe, die auch der Tod nicht entreißt, an⸗ geht, ein Opfer mache. Allein ich bin feſt in mir überzeugt, daß bei uns ein ſolcher Widerſtreit auch der guten Elemente iſt, daß ſo viele wollen, und ſo wenige recht wiſſen was, daß es jetzt ſo allgemeine Stimmung iſt, nur vorzüglich recht zu zeigen, daß man etwas will, daß kein einzelner verhindern kann, vom Strom fort⸗ gezogen zu werden, und endlich vielleicht das Beſte iſt, ſich fort⸗ ziehen zu laſſen, was aber meiner Natur entgegen iſt, da ich nie anders als mit Beſonnenheit handeln kann und mag, und dann leicht und immer gleich das Extreme, wenigſtens für mich, Halten oder Brechen, wähle.
Dann iſt es ſichere Erfahrung bei mir, daß, obgleich es ge⸗ wiß wenige Menſchen von meiner Treue in jedem Verhältnis gibt, 108
id) doch, was bei großer Wirkſamkeit unumgänglich nötig iſt, nie bei vielen Vertrauen haben werde. Das liegt in meiner beſonderen Individualität, die ich nun einmal für keine Sache aufgeben werde, dann auch wirklich in gewiſſen Mängeln. Das Volksvertrauen iſt ein Glück, dem aber in dem, der es hat, auch immer eine beneidens— würdige Anlage, eine Art Genie des Charakters entſpricht. Endlich kann ich ſelbſt nicht leugnen, daß alle Erfolge in privaten und öffentlichen Dingen mir immer gleichgültiger ſind als die Konſequenz des Handelns, ſie hervorzubringen. Ich weiß recht gut darum, daß ich deswegen nicht weniger eifrig und nicht weniger einfach auf den Erfolg hinwirke. Allein anderen bringt man dieſe Lber- zeugung nie bei, und die Art, was in der Beurteilung bei anderen ſchaden kann, zu vermeiden, oder, was ich beſitze, bei anderen geltend zu machen, iſt nicht die meinige und wird es nie ſein. Es iſt vielmehr eine wahre Anart, die ich oft bekämpfen muß, daß ich faſt das Gegenteil tue.
Aus allen dieſen Gründen ſehe ich meine Geſchäftswirkſamkeit nur ſicher an, ſolange ich unter dem Kanzler ſtehe. Nachher wird die Kriſe kommen, die mich vermutlich bald dem Privatleben wiedergibt, für das ich vielmehr geboren bin.
Verzeih die lange Stelle über mich. Dein Brief brachte mich darauf, und es gibt wenig Menſchen, die es ſo ſehr der Mühe wert halten, ſich Rechenſchaft von ſich ſelbſt abzufordern, als ich. And wem gäbe ich ſie lieber als Dir? die Du alles, die einzelnen und allgemeinen Verhältniſſe, immer von innen aus durchſchauſt, immer richtig beurteilſt, und, wenn du ſprichſt oder ſchreibſt, ſo behandelſt, daß das tiefſte Gemüt ſich darin ausſpricht. So war auch die Stelle in Deinem letzten Brief wundertreffend und wundergut geſagt. Daß der 18. Oktober nicht in Berlin ge- feiert worden iſt, iſt unbegreiflich und unverzeihlich. Ich habe dem Kanzler geſagt, daß er es notwendig rügen muß. Er meint zwar,
109
es würde wohl am folgenden Sonntag ein eigener Gottesdienſt des⸗ halb geweſen ſein. Allein immer hätte die Feier den Tag ſelbſt ſein ſollen.
Warum Gneiſenau nicht den Prinzen am Rhein haben will? Ja, liebes Kind, niemand will mehr, ſei es auch nur dem Namen nach, unter jemand ſtehen. Ich habe mehrere Male mit ihm davon geſprochen. Aber wie es im Homer heißt: „Einer ſei Herrſcher!“ war ungefähr immer die Antwort. Dann aber meinte er auch, und darin kann er recht haben, daß dieſer Provinz, in der wenig Adel mehr iſt, und wo doch Gewohnheiten franzöſiſcher Konſtitution ſich eingeniſtet haben, mit einem Prinzen wenig gedient ſei. Nach meiner Anſicht wäre allerdings dies eher ein Grund für die Sache geweſen. Ein Prinz und eine Prinzeſſin, wie dieſe ſind, hätten gerade die Leute von manchem bloß durch ihre Gegenwart zuriic: bringen und neue Gewohnheiten begründen helfen können. Es war indes mit Gneiſenau nichts zu machen, und er ſelbſt hätte, glaube ich, nie bei dem alten Plan die Stelle angenommen. Mußte denn einer zurückſtehen, ſo mag freilich Gneiſenau noch nötiger ſein. Die Prinzeſſin tut mir dabei faſt allein leid.
Ich lege wieder eine Zeitung bei. Lies den Brief des hin⸗ gerichteten Perlin an ſeine Frau darin. Er iſt für mich unendlich rührend, aber auch recht echt ſpaniſch, daß er von Gehorſam
der Frau darin ſpricht.
50. Humboldt an Caroline Paris, 1. November 1815
erp tis, geliebtes Herz, kann es noch immer bis zum 15. 9 DS währen, ehe wir von hier fortkommen. Für den armen — Konzler iſt es mir ſehr leid. Er iſt hier keinen Tag wohl. Jetzt leidet er an unaufhörlichem Kopfſchmerz, der vermutlich rheu— 110
matifd iff. Er hat noch überdies die Gewohnheit, nicht nur ſehr viel, ſondern auch meiſt ſehr harte Sachen zu eſſen. Ich bin ſehr wohl und habe die alte Sitte wieder angefangen, nur mittags eine Taſſe Bouillon mit einem Ei zu nehmen. Ich tue es immer des Morgens beim Kanzler, und er iſt fo ſorgſam, daß, wenn er manch— mal ausfährt, ehe ich komme, er mich fragt, ob ich auch meine Bouillon ordentlich gekriegt habe.
Pauline Wiefel*), ſtell Dir vor, war hier und iſt von hier nach Frankfurt gegangen, wo ſie einige Zeit bleiben will. Ich ging nicht zu ihr, da ich ſie wenig kannte. Aber die Mendelsſohn ſagte mir, ſie wäre bei mir geweſen. Alſo ging ich zwei Tage vor ihrer Abreiſe auch hin. Ich fand ſie nicht, aber ſie ſchrieb mir, daß ſie den Abend zu mir kommen wolle. Das ſchien mir etwas bedenklich, ich zog alſo vor, zu ihr zu gehen. Sie iſt im Geſicht ſehr alt und häßlich geworden. Aber der Körper mag noch recht hübſch ſein. Im Weſen iſt ſie wie ſonſt. Sie ſpricht noch ganz berliniſch, wirklich zur Verwunderung. Man hätte den ſchönſten Dialekt nicht ſorgfältiger in ſeiner Reinheit erhalten können. Mir ſagte ſie ſehr naiv, ſie hätte mich ſchlechterdings ſprechen müſſen, um mir zu danken, weil ſie wüßte, daß Du und ich immer bei ihrer Familie und ſonſt gut von ihr geredet hätten „Das“, ſagt ſie, „gibt mir einen Druck in der Geſellſchaft“. Sie hat wirklich bei allem, freilich noch viel höher geſtiegenen Philinen⸗ artigen Weſen, eine große Offenherzigkeit und Gutmütigkeit. Ihr Hauptumgang hier war Gentz“ ). Sie iſt mit Varnhagen nach Frankfurt gereiſt.
Varnhagen iſt Geſchäftsträger in Karlsruhe geworden. Eigent—
) Geliebte des Prinzen Louis Ferdinand von Preußen, Freundin der Rahel Varnhagen.
) Friedrich von Gens, Publiziſt und Staatsmann, geb. 1764, + 1832, ſiehe Bd. III, S. 337.
111
ANY
Ss WSS Sr oS
lich freilich nur Legationsſekretär bei Olgner*). Da diefer aber zu⸗ gleich in Stuttgart und Karlsruhe akkreditiert iſt, ſo iſt er eigent⸗ lich ſo gut als immer allein. Ich ſagte ja lange, daß die kleine Levy“) Exzellenz werden würde. Wieviel fehlt nun daran? Die Lohnbedienten nennen ſie gewiß ſchon in Karlsruhe ſo. Der gute Kanzler hat dieſe Wahl gemacht, ohne mir und Jordan ein Wort zu ſagen. Ich habe ihm, wie ich's leider zu ſpät erfuhr, Vor⸗ ſtellungen dagegen gemacht. Ich hätte noch nichts gegen den ſo— genannten Jakobinismus von Varnhagen, wenn wahrer Ernſt dabei wäre. Aber es iſt mehr Eitelkeit, und ein taquines Weſen, die Leute zu ärgern und zu äffen. Dabei die Dame, der Stamm Levy, die Bundeslade! Wie ſoll das auf den Großherzog“) wirken, und was iſt gerade für ein Gewinn dabei, daß er dort angeſtellt iſt, ſolche Nachteile zu überwiegen?
. . . Bei unſeren Finanzen fallen mir die des Staates ein. Auch das geht nicht übel. In dieſem erſten Jahr, nämlich vom Einrücken unſrer Truppen in Frankreich bis 1. Januar 1817 be- kommt Preußen, wenn man das ſchon Erhaltene und noch zu Be⸗ zahlende zuſammenrechnet, doch ungefähr 90 Millionen Franken, immer eine anſehnliche Summe und mehr, als irgendein anderer der Alliierten. Dies unter uns.
Lebe wohl, teure, ſüße Seele, umarme die Kinder.
Ewig Dein H.
) Konrad Engelbert Olsner, geb. 1764, geſt. 1828, preußiſcher Le- gationsrat. Siehe Galerie von Bildniſſen aus Nahels Amgang 2, 113ff. **) Rahel Levin, geb. 1771, + 1833, ſeit 1814 vermählt mit Varnhagen. ) Karl Ludwig Friedrich, Großherzog von Baden, geb. 1786, + 1818. Seit 1806 vermählt mit Stephanie Beauharnais, Nichte der Kaiſerin Joſephine, Adoptivtochter Napoleons. 12
51. Caroline an Humboldt Berlin, 2. November 1815
ie ganze Stadt iff nicht etwa mit dem Kaiſer und den D hohen Perſonen beſchäftigt, die um und neben ihm ſind, 8 ſondern einzig und allein mit der Schmalziſchen Gefchicdte*). Du kannſt Dir gar nicht denken, welch ein Aufſehen das Verleihen des Ordens unſeres Königs an einen Menſchen wie Schmalz nach einer ſo miſerablen Schrift wie die ſeinige und nach dem Empfang des Württembergſchen Ordens macht. Wer das dem Könige geraten hat, kann es nicht aus reinen Abſichten getan haben, und ich ver— mute eine doppelt ſträfliche Abſicht dabei und vermute es beſonders um des Zuſammentreffens willen des Ordens und der Schrift von Niebuhr. Denn wäre die Schrift oder der Orden um 48 Stunden einer dem andern zuvorgekommen, ſo wäre eins unterblieben, die Schrift oder der Orden. Schuckmann “), will man für gewiß wiſſen, hat Schmalz für die Schrift bei ſeinem Zurückkommen aus dem Bade umarmt. Zichy“ ) hat, wie ich unwiderruflich weiß, in ſeiner Dummheit geſagt, da er das Geben des Ordens erfahren: „Nun erſt kann ich meinem Kaiſer für die Geſinnungen des Königs einſtehen.“ Mit einem Wort, Du wirſt es kaum glauben, welchen Effekt dieſe elende Schrift macht, Triumph bei den Bornierten und geradezu Schlechtgeſinnten, Indignation bei den Beſſeren und reines Bedauern, daß man Mittel gefunden, den König einzunehmen. Daß man aber den König ver: mocht, dieſem Schmalz den Orden zu geben, ſcheint geſchehen zu
*) Schmalz, geb. 1760, + 1831, Profeſſor der Rechts- und Staatswifjen- ſchaften, veröffentlichte eine Schmähſchrift gegen das neue Deutſchtum und geheime Verbindungen. Vgl. „Schmalz und ſein Roter Adlerorden“ in Treitſchkes „Deutſcher Geſchichte“, Bd. III, Beilage 6.
**) Friedrich v. Schuckmann, ſeit 1834 Freiherr, geb. 1755, + 1834, ſeit 1814 Miniſter des Innern.
) Graf Zichy, öſterreichiſcher Geſandter in Berlin. Humboldt⸗Briefe. V. 8 113
fein, um den König unpopulär und weniger geliebt zu machen. Auch der Kronprinz