'^^■','^7 "-r.-.-. ,> ■>,-i'*s*.^-i<üri'^ '■'''-- ■l:''#: ">%^> "> SJ#^ \ ^"ir * ^'^ ZEITSCHRIFT FÜR DEUTSCHE PHILOLOGIE HERAUSGEGEBEN VON Dr. ernst hopfner und Dr. JULIUS ZACHER PROVINZIALSCHULRAT IN KOBLENZ PROF. A. D. UNIVERSITÄT ZU HALLE 3>555 ZWÖLFTER BAND HALLE, VEELAG DER BUCHHANDLUNG DES WAISENHAUSES. 188 1. Pf Z3S Sc/. /^ INHALT. Seite Altdeutsches cpistel- und evangelienbuch. Von Stejskal 1. 323 Gahmiuets wappen. Von Hortzschansky 73 Die laienboichte bei Wolfram. Von Josef Seeber 77 Fetisch. Hulft. Judenspiess. Liespfund. Von A. Lübben 81 Halberstädter bruchstiicke. 1. Aus einer predigtsanilung. 2. Katechismusstücke und segen. 3 Gevatter tod. 4. Medicinisches. 5. Aus einem alphabetisch geordneten kräuterbuche [Macer Ploridus]. Von G. Schmidt 129 Zu den Halberstädter predigtbruchstücken. Von J. Zacher 183 Macer Floridus und die deutsche botanik. Von J. Zacher 189 Dativ und accusativ. (Zu ztschr. 11, 73). Von 0. Behaghel 216 Briefe an Job. Joach. Eschenburg. Von R. Thiele 217 Der wadel. Von K. Kinzel 226 Die erd- und Völkerkunde in der Weltchronik des Eudolf von Hohen -Ems. Von 0. Doberentz 257. 387 Beiträge aus dem Niederdeutschen. Von Fr. Woeste 302. 479 Der Verfasser der Frohen Frau. Von M. Rieger 304 Aus dem Summarium Heinrici. Von A. Hortzschansky 305 Die älteste alba. Von Joh. Schmidt 333 Fünf sagen vom Hoch schwab. Von F. Branky 342 Zum Sprachgebrauch Goethes. Von R. Sprenger 348 Zu Macer Floridus. Von J. Zacher 349 Fetisch. Von W. Crecelius 352 Zum Parzival 463, 15. Von K. Lucae 383 Ackermann und Agricola. Von H.Holstein 455 Bruchstück einer mitteldeutschen Margaretenlegende. Von R. Hasenjäger.... 468 Miscellen, Zu Klopstocks Messias ^ 256 Ein brief Jakob Grimms an Jon Ärnason, mitgeteilt von William Carj! enter 353 Die jahresversamlung des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung in Hildes- heim. Von W. Seelmann 353 Bericht über die Verhandlungen der deutsch -romanischen abteilung der XXXV. versamlung deutscher philologen und schulmänner zu Stettin vom 27. — 30. September 1880. Von E. Henrici 361 Brants Narrenschiff, neuhochdeutsch von Simrock 500 Jablonowskische preisaufgaben 500 Litteratur. Die prosaische Edda im auszuge nebst Völsungasaga und Nornageststhättr, herausg. von E. Wilken; tli.. 1. — Untersuchungen zur Snorra Edda, von E. Wilken; angez. von B. Sijmons 83. 368 rV INHALT Seite M. Schcrer, geschichtc der deutschen litteratur; angez. von F. Seiler 113 Beowulf, herausg. von Moritz Heyne; angez. von H. Gering 122 G. Boetticlier, die Wolframliteratur seit Lachmann; angez. von K. Kinzel 126 Seb. Zehetmayr, analogisch vergleichendes Wörterbuch über das gesanit- gebiet der indogennanischen sprachen; angez. von 0. Behaghel 127 Lessings Hamburgische dramaturgie, erläutert von dr. Fr. Schröter und dr. Eich. Thiele; angez. ven E. Neidhardt 229 Hadamars von Laber Jagd, herausg. von dr. K. Stejskal; angez. von K. To- ra an etz 243 Die poetischen erzählungen des Herraud von Wildonie, herausg. von K. F. Kummer; angez. von K. Kinzel 250 G. Michaelis, beitrage zur geschichte der deutschen rechtschreibung ; angez. von K. Kinzel 253 H. Althof, graramatik altsächsischer eigennamen in westfälischen Urkunden; angez. von 0. Behaghel 255 Ad. Ebert, allgemeine geschichte der literatur des mittelalters im abend- lando. 2. bd.; angez. von E. Peters 364 Th. Mob ins, Verzeichnis der auf dem gebiete der altnordischen spräche und litteratur von 1855 bis 1879 erschienenen Schriften; angez. von H. Gering 369 K. Bünting, vom gebrauche der casus im Heliand. — Fr. Naber, gotische praepositionen. 1; angez. von E. Bernhardt 370 Die Pariser Tagezeiten , herausg. von St. Waetzoldt; angez. von K. Kinzel 372 E. Martin, zur Gralsage; angez. von G. Boetticher 377 Eich. Hamel, Klopstock -studien. IL III; angez. von 0. Erdmann 380 M. Eieger, Klinger in der Sturm- und Drangperiode; angez. von 0. Erd- mann 382 W. Braune, gotische graramatik; angez. von H. Collitz 480 K. Weinhold, kleine mittelhochdeutsche gramraatik. — H. Paul, mittel- hochdeutsche grararaatik; angez. von K. v. Bahder 483 G. Milchsack, die oster- und passionsspiele ; angez. von E. Lehfeld 487 Lamprecht von Eegensburg, herausg. von K.Weinhold; angez. von K. Kinzel 491 Der Junker und der treue Heinrich, herausg. von K. Kinzel; angez. von H. Busch 494 0. Erdmann, über die Wiener und Heidelberger handschrift des Otfrid; angez. von J. Zacher 496 Eegister von E. Matthias 501 ALTDEUTSCHES EPISTEL- UND EVANGELIENBUGH. Die lezteii vier decennieu haben für die erkentnis altdeutscher prosa bereits ein reiches und wertvolles material geliefert. Werke geistlichen Inhaltes waren es in erster linie , die volständig oder bruch- stückweise aufgefunden, zur veröifentlichung gelangten. Und doch blieb trotz der nicht geringen zahl bisher erschienener predigten, homi- lien , Übersetzungen von teilen des alten und neuen testanientes, beicbt- spiegeln u. ä. eine art von prosawerken geistlichen Inhaltes völlig unver- treten — die altdeutschen epistel- und evangelienbücher (pericopen- samlungen). Diese lücke auszufüllen ist das im folgenden zur mittei- lung gelangende denkmal des 13. Jahrhunderts bestirnt. Es dürfte einer freundlichen aufnähme gewiss sein, da es nicht allein seines litterar- historischen , sondern aucb seines spracblichen wertes wegen verdient, der Vergessenheit entrissen zu werden.^ I. Die bandschrift, nach welcher der nachstehende abdruck erfolgt, befindet sich in der k. k. studieubibliothek zu Olmütz (sign. II h 36), perg., 13. Jh., 8« (142""" hoch, 113 """ breit), 121 biätter. Das evan- gelienbuch begint auf bl. 1^' und schliesst auf 120*", angehängt ist ein seqencen vom heiligen geisf (120'' — 121"). Es ist von zwei in ihrer Schrift sehr deutlich unterschiedenen Schreibern geschrieben; der erste schrieb von l** — 95% der zweite von 95"— 121^; die zabl der zeilen auf einer seite variiert beim ersten zwischen 15 und 16, beim zweiten zwischen 22 und 23 zeilen. Die Überschriften der episteln und evan- gelien sind rot , ebenso die initialen ; nach Interpunktion häufig die folgenden (schwarzen) buchstaben mit roter auszeichnung. Die schrift ist durchaus schön, deutlich und rein; der dialect des denkmals der baierisch- österreichische. Die bandschrift besteht aus 15 lagen zu je 8 blättern; nur die erste läge hat 9 biätter, das erste blatt ist aber jezt an die innere seite des vorderen deckeis (holzband mit liellbraunem lederüberzug) geklebt. Blatt 121 bildet mit dem an die innere seite 1) Aufgabe eines zweiten artikels wird es sein , das werk naeli diesen beiden ricbtungen bin einer eingebenden untersucbung zu unterzieben. ZEITSCHR. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XII. 1 des hinteren Deckels geklebten blatte ein doppelblatt (vor dem einbin- den besass also die hs. 1 -f- 121 + l blatt). Die einzelnen lagen sind je auf ihrem ersten blatte mit römischen Ziffern bezeichnet gewesen, einige (I, XII, XIII) fielen später dem einbinden zum opfer. Die Vor- derseite des buches trägt auf zwei papierstreifen eine alte Signatur: EpVe et ewü"' d' tpe in vvlgari S 21. Die handschrift war bisher wenig oder vielleicht richtiger gesagt gar nicht bekaut. Wattenbach führt sie in seinem „Verzeichnis der handschriften der k. k. Universitätsbibliothek in Olmütz" (Pertz, Archiv der geselschaft für ältere deutsche geschichtkunde 10,671 — 681) nicht auf und Jul. Feifalik scheint sich auch nur mit einem sehr oberfläch- lichen blicke in das buch begnügt zu haben, denn sonst würde er kaum den inhalt desselben mit dem irreleitenden worte „Predigten" bezeichnet haben; s. „Beiträge zur deutschen Handschriftenkunde aus mähr. Bibliotheken und Archiven" im Notizenblatt der bist. -stat. Section der k. k. mähr. -schles. Gesellschaft zur Beförderung des Acker- baues, der Natur- und Landeskunde. Beilage der „Mittheilungen" 1857 (nr. 7) s. 55\ Der nun folgende text schliesst sich möglichst getreu der hand- schriftlichen Überlieferung an. Dass ich einen abdruck und nicht einen kritisch gereinigten text bringe, wird wol keine misbilligung finden Prosaische werke wie das vorliegende sind ja vor allem dazu bestirnt, neues und verwendbares material dem grammatiker und lexicographen zu bieten und da schien eine urkundliche widergabe des textes besser am platze zu sein, zumal die Schreibweise des ersten und zweiten Schreibers nicht die gleiche ist und manches bemerkenswerte moment bietet. Nichtsdestoweniger bin ich zu zwecken grösserer brauchbarkeit des buches von der handschrift in einzelnen punkten abgewichen, die ich hier kurz anführe. Der citate wegen sind die zusammengehörigen episteln und evangelien unter je einer römischen Ziffer vereinigt, die Zeilenzahl am rande bemerkt; die einzelnen stücke sind gegen die hs. von einander durch einen kleinen Zwischenraum gefreut; alle abkür- zungen erscheinen aufgelöst, alle eigennamen und ersten Wörter der absätze mit grossen anfangsbuchstaben geschrieben; endlich ist die Interpunktion consequenter und sinngemässer durchgeführt. Wo ich sonst von der hs. abzuweichen für nötig fand, habe ich die hand- schriftliche lesart in die anmerkungen gestelt (nur offenbare Schreib- fehler wurden stillschweigend gebessert); ergänzungen meinerseits sind durch cursiven druck kentlich gemacht. ALTDEUTSCHE PERIKOPEN [bl. i"J Das sind epistel vnd ewangelij' an den sun tagen. Di letzen am ersten suniag ze aävent scJireiht Paulus'^. Priieder! wissund seit, wann zeit ist iezund von dem slaff auf zesten ; wann nu ist nsehner vnser liail , denn do wir gelaiibten. di nacht ist uergangen, siinder der tag hat genahent; darum werf wir ab di uerch der vinster vnd werd wir an gelegt di waflfen des 5 Hechtes, also das wir an dem tag erwerleich gen: nicht in frashait vnd truncheuhait, nicht in slaf petten vnd vnschaemichaiten , nicht in chrieg vnd neidung, sunder wert an ge [2"] legt den herren lesum Christum. Bas ewaiig^elij am ersten suiitag- ze advent — Slatheus". lo Do si nahenten zu lerusaleni vnd chomen zu Bethfage zu dem perg Oliueti, do sant lesus zuen seinr iuuger vnd sprach: „get in das castell, das gegen ew ist; do vindet ir zehant ein ezlinn gepuu- ten pei irem chinde; di loest vnd fuert mir di her zu mir. vnd Sprech ew iernent zue, so sprecht also: do bedarf sein der herr, so 15 laet er ewchs zehant." das ist geschehen, das erfüllet wurd das geschriben ist durch des weissagen mund, der do spricht: nu sagt der [2*^] tachter von Syon: siech, dein chünig- chümt dir senfter sitzund auf ainer eslinn vnd vnder ires chindes loch, di iunger gingen vnd teten als in lesus gepoten het vnd füerten im di esliu 20 mit irem chinde vnd legten dar auf ir gev/ant vnd hiessen in dar auf sizen. raanige schar strewten ir gewant an den wege , di andern prahen este von den paumeii vnd strewtens an den wege. aber di schar, di do var gie vnd her nach uolget. di schrieren sprechund: „wol gesprochen sey dem sun Da [3''] uides , der do chumt in dem 25 namen des herren." IL Am andern snntag- di lezen — sand Panl*. Prüeder ! welch geschriben sind , zu vnserr 1er sind si geschri- ben, das wir mit-'' gedult vnd mit troestung der schrift geding" haben, aber got der gedult vnd des trastes geb ew das selbe ze 1) Die ahbreviaturen dafür ew, owg, ewgelij ; ansfjcschriehen ist das icort nur hl. 113a. 2) Brief an die Römer 18, 11 — 14. 3) Emn(j.21, 1—9. 4) Brief an die Römer 15, 4 — 13. 5) Über mit von jüngerer hand p (patientia). 6) Darüber von jüngerer hand spoz. 5 iiersten geu ein ander nach lesu Christo, das ir ainmütig mit aym mnnd eret got vnd den vater lesu Christi vnsers herren. vm das euphacht an einander, als auch Christus ew enphie in di er gotes; ich sprich zwar , Christum ^ gewesen sein eiun diener der he [3^\ sneiduug durch di warhait gotes zu bestaeten di gehaisse der vseter. 10 awer di diet über di parmung eren got als geschriben ist: dar vm gich ich dir in den dieten vad deini nani sing ich. vnd awer spricht er: „vrewt ew diet mit seinem volkh." vnd awer: „lobt den herren alle diet vnd Sprech in gras alls volkh." vnd aAver sprach Ysayas : „ is ^ wirt di wurtz vnd der auf stet zu arden di 15 diet, an in di diet gedingent. awer got des gediugeu erfüll ew mit allen vrewden vnd vrid im glauben, das ir genüegt in hoffnung vnd [4^] tugent des heiligen geistes," Das ewang-elij an dem auderu suutag — Lticas^. lesus sagt: „is werdent zaichen an der sunne vnd au dem 20 mann vnd an den sternen vnd auf der erde, nat an den lewten von den dussen des meres vnd wassers; vnd darrent di lewt var varchten vnd von der Wartung, das do chunt wirt der weit; is werdent auch erweget di tugent der himel. so sehent si denn des menschen sun choemen in den gewolchen mit grassem gewalt vnd 25 magenchraft. so das anhebet, so secht auf vnd hebt auf ewre haubt; wann is na [4^"] hent ewr lasung.'' vnd sagt in ein gleich- nüsse : „ secht di veig paum vnd all paum. so si vrucht aus werf- fent, so wisst ir, wo das der sumer nahent. also wenn ir secht, das diz geschiecht, so wisst, das nahent ist das reich gotes. ich 30 sag ew werleich, das diz gesiecht nicht uerfert vuz is alles geschiecht. himel vnd erde uergent, awer meine wart uergent nicht." III. Di lezen am dritten suntag' — sand Paul*. Prüeder! also uerwsen vns der mensch als di diener Christi vnd ausgewer der hairaleichhait gotes. hie iezund wirt gefra [5*] get vnder den aus gewern, ob etwer getrewer funden werd. awer 5 mir vür das mynist ist, ob ich von ew geurtailet werde oder von dem menschleichen tag; sunder noch ich mich selb urtail. wann nichsnicht ich mir wissund pin, sunder nicht in dew gerechtigt ich pin. wer awer urtailt mich, der herr ist. darum ir sult nicht 1) Daneben oben von jüngerer hancl iSz. 2) Josse Vnlg. 3) Evang. 21, 25—33. 4) 1. Brief an die Corinther 4, 1 — 5. ALTDEUTSCHE I'ERIKOPEN O var der zait urtailii, vntz das cböin der lierr, der auch erlewclitet di uerparj>'en vinster viid offeiit di riet der liertzen vnd denu wirt 10 lob eini igleichem von got. Das ewang'elij -— loluiiines'. lobannes bart in der fancbnüss Christi werch , do [5''] saut er zwen iimger zu im sprechund: „pistus der cbünftig ist oder pait wir eins andern." des antwurt lesus vnd sprach zu in: „get bin 15 wider vnd sagt lobauui, das ir habt gebort vnd gesehen: di plin- ten di gescheut, di chrumpen di gent, die aussezigen di werdent gerainigt, di tareu geho3rent, di taden erstent, den arm wirt gepre- digt vnd der ist sselig, der an mir nicht wirt geergert." do di iun- ger wider haim gingen, do begund lesus zesprechen zu der menig 20 von lobanni: „Avas Avantt ir zesehen in derwüeste, einen rar be [6*] weget von dem wiute? was want ir zesehen, einn menschen lind gechlaidetV nemt war, di lind gechlaidet sein, di sind an der cbü- nig hofe. was maint ir zesehen, einn weissagen? auch ich sag ew halt merer denn ein weissag, er ist, von dem geschriben ist: ich 25 sent meinn engel var deinem antliiz , der macht deinen weg var dein." IV. Am vierden siuitag- di lezeu — sand Paul 2. Prueder! vrewt ew im herreu all zeit, awer sprich ich, vrewt ew! ewr sitleicbait sei chund allen lewten: der herre ist nahen, nichsnicht fleissig- seit, sun [6^] der in allem gepet vnd Verlegung mit genad tueung ewr gepet bechant werde pei got. vnd der vrid 5 gotes , der über wint allen sin , der behuet ewer hertz vnd ewr uer- stentichait in Christo lesu vnserm herren. Das ewaug-elij am vierden suutag — luhanncs^. Di luden santen von Jerusalem di ewarten vnd di leuiten zu lobanni, das si vragten: „wer pistu." vnd er uergach sein vnd 10 laugent sein nicht vnd uergach sein vnd sprach : „ ich pin nicht Christ." vnd si vragten in: ,,wer pistu denn, pistus Helyas?" er sprach*: „nicht." ,, pistus ein weissag?" er sprach: „nicht pin." si [7*] sprahen: „wer pistus, das wir is chünnen gesagen den, di vns gesaut haben? was sprichstu von dir selbe?" er sprach: ,,ich 15 pin ein stymm des ^ rueffuuden in der wüeste : rieht den wege des herren, als Ysayas der weissag sprach." vnd di poten warn der 1) Evang. Mattlnei 11, 2 — 10. 2) Brief an die Philipper 4, 4 — 7. 3) Evang. 1, 19—25. 4) spracht hs. 4) d' lis. pliarisey di vragten in vud spralien zu im: „was taufstii denn, so du nicht pist Christ, noch Helyas, noch ein weissag?" des ant- 20 wurt in Johannes: „ich tauflf in dem wasser; er stet enmitten vnder ew, des ir nicht wisst. der ist, der chamen sol nach mir, der var mein geschepht ist, des ich nicht wirdig pin zeloe [7^] sen di riem seins geschuechs." das geschach in Bethani euhalb des Jor- dans, do lohanues was vnd tauft. All dem Aveiclmacht tag- zu chriss messe di letzen saiid Paul zu Tyto^ Aller liebster! erschinn ist di genade gotes vnsers hails allen lerund vus, das wir uerlaugnund di vngüetichait vnd weltleich begir, nüechtleich vnd gerechtichleich vnd guetleich leben in dierr uelt, 5 bewartund der sseligen hofnuug vnd der zuechunft der glori des grasseu gotes vnd vnsers hailer lesu Christi, der gegeben hat sich selb vm vns , das er vns erledigaet von aller pas [8''] hait vnd rai- nigaet vns im ein gensem volch, ein nachfolger der gueten werch. dew red vnd man in lesu Christo vnserm herren. 10 Das ewaug-elij — sand Lucas". Ein pot gie aus von chaiser Augusto, das beschriben wurde alle di weit, di beschreibung ist zu dem ersten geschehen von Cyrino, lantvogt in Syria. vnd si gingen all in, das si uergsehen, igleicher in sein stat. Yoseph der fuer auch von Galylea von der 15 stat Nazareth in ludeam Dauides stat, di genant ist Bethlehem, do von das er auch von Dauides haus was vnd von seim [8''J geskecht, das er auch uergsch mit Mariam seinr euphessenten chann, di swanger was. is geschach also, do si warn, das erfüllet warn di tag, das sie gepser. vnd gepar ir erst geporn sun vnd waut 20 in in tuecher vnd legt in in ein chripp, wann si het nicht stat vnder der schuphen. dew hierten di do warn in dem selben lant hüettund vnd wachuud di nacht wache pei ir vich, vnd uemt war, der engel des herren stuend pei in vnd di chlarhait gotes vmschain sew vnd farchtenn mit grasser farcht. do sprach der engel zu in: 25 [9"-] „furcht ew nicht; ich chünd ew ein grassew vrewd, di aller weit geschieht: wann vns ist geparn der hailant Christus, der do ist Christus der herr in der stat Dauides. vud habt das zu aim zaichen: ir vint ein chind in tuecher gepuuten vud in di chrippe gelegt." do war zehant mit dem engel ein michlew schar des him- 1) Brief an Titus 2, 11 — 14. 2) Evamj. 2, 1-14. ALTDEUTSCHE PERIKÜPEN i lischen heres lobuud got viid sprachen: „er vnd lob sei im dem 30 haheii got viul vrid sei auf erde den , die guetes willen sein." VI. Di Iczeu zu tag- messe - saiul Vaul zu Tyto^ Aller liebster ! erschiun ist di guetichait vnd nienscliait [9''J des hailer gotes nicht aus den gerechten werchen, di wir haben getan , sunder nach seinr parmung hat er vns hail gemacht durch sein vlewung vnd widerpringung der uernewung des heiligen gei- 5 stes, den er aus gegossen hat in vns genüegieich durch Jesum Christum vnsern hailer, daz wir gerechtigt mit seinn genaden erben sein nach dem gedingen des ewigen lebens in Christo Jesu vnserm herren. Das ewaiigeüj zu tag- messe — Lucam^. 10 Dew hierten sprachen zu einander: „ge wir hintz Bethlehem vnd besehen das wart, das geschehen ist, das [10''] vns der herr gezaigt hat." do chomen si eylund dar vnd funden Mariam vnd Yosephen vnd das chindel was gelegt in ein chrippe. do si das gesahen, do erchantens von dem wart, das in gesagt was von dem 15 chinde. do wundert sein alle, di is uernamen vnd das in di hierten sagten. Maria behielt alle die wart in irem hertzen. di hierten fuern wider vnd lobten vnd gloriticierteu got in allen den, das si gehört vnd gesehen ^ beten. VII. Zu vTou ampt di lezeu — sand Paul*. Prüeder! vil redund vnd in vil Aveis etweun got reduud den va:!tern inn propheten, am iungsten [lO''] an den tagen hat er zu vns geredt in dem sun, den er gesazt hat ze erben aller, durch den er auch di weit gemacht hat. der wonet mit vns, er ist ein 5 schein der glori vnd ein figur seinr Substanz vnd tragund alle, die mit dem wart seinr chraft ein rainiguug der sunden maclmnd. er sitzt zu der zesem der maiestat in der hoech: als vil pesser den engein warden , wie vil er vnderschaidener var in den namen hat geerbet, wan Avelhem ie der engel sprach er: ,,niein sun pistu, 10 ich gepar dich heut?" vnd aber: „ich wierd im ein vater vnd er wirt mir ein sun?" vnd wenn er [ll''] aber in füert den erst geparu in der weit rinch, sprach er: „vnd in aupetten all gotes engel." 1) Brief an Titus 3, 4 — 7. 2) Evang.2, 15 — 20; zu Luc am «pfZ. Evan- gelium secundum Lucam. 3) geh'u hs. 4) Brief an die Hebräer 1, 1 — 12. STEJSKAL viid 7Ai den eiigelii sprach er: „der do macht sein engel geist vnd 15 sein diener flammen des fewer;" awer zn dem sun: „dein thron, got , in weit weit ; di gertt der gerechtichait ein gertt deins reiclis ; du hast lieb gehabt di gerechtichait vnd hast gehasset di pashait, darum hat dich gesalbet, got, dein got mit dem oel der vrewden var deinu genasseu." vnd: „du im anfang, herr, das erdreich 20 gegruntfest hast vnd di werch deinr hant sind di himel; si uer- derbent awer du beleibest vnd sam das ge [11^] want eraltent vnd als di wat wandelstu sew vnd si werdeut uerwandelt: awer du der selb pist vnd deinew iar nicht zergent." Das evaiigelij zum ampt — saiid lohaimesi. 25 Im anfang was das wart vnd das wart Avas pei got vnd got was das wart, das was im anfang pei got vnd durch is wurden dinch beschaffen vnd an in ist nichtes beschaffen vnd das beschaf- fen warden ist. in im was das leben vnd das leben was ein liecht der menschen, vnd lewcht das liecht in der vinster vnd di vinster 30 begraif sein nicht, ein mensch was gesant von got, des nam was Johannes, der chom ze [12'''] einem urchunde, das er urchimdet von dem liecht , das si all gelanbteu durch in. der was nicht das liecht, suuder er solt urchunde pringen von dem liecht. is was ein wares liecht, das do erlewcht einn igleichen menschen chcemunden in 35 disew weit, is was in der weit vnd di weit durch is gemacht ist vnd di weit bechant sein nicht, in sein aigue chom er vnd di seinn namen in nicht, wie vil awer ir in namen , den gab er allen den gewalt, das si wurden gotes chind, di do gelaubten in seinn namen, di nicht von sippe noch von dem willen des [12''] mannes, 40 sunder di von got geparen sind, vnd das wart ward zu fleisch vnd wonet in vns vnd wir haben gesehen sein glori, als di ere eins ain- geparn vom vater uolles genaden vnd warhait. Vlll. Am saiul Stephans tag" di lezen an der zwelf poten puech^. Stephanus vol genaden vnd der sterkh tet wunder vnd zaihen vil im volkh. awer is stuenden etleich auf aus der sammung, di genant warn Libertinorura vnd Cyrenensium vnd Alexandrinorum 5 vnd der, di do warn von Cylicia vnd Asya, vnd disputierten mit Stephano. vnd si machten nicht wider sten der weis [13*] halt vnd dem geist , der do redt , sunder do si harten die , si wurden zer- 1) Evang. 1,1 — 14. 2) Apontclgesch. 6, 8 — 10 und 7, 51 — 59. ALTDEUTSCHE PERIKOPEN v hakht ierr lieizeii vud grisgvamteu mit deu zendeii gegen im. avver do Stepliauus was vol des heiligen geistes, er gedacht inu himel vud sach di glori gotes vud lesum steundeu zu der zeseni gotes. 10 awer si schreyund mit grasser stymm uei'habten ire aren vud sews- sen teteus ayumüetichleich gegen im vnd aus wuerfeu in vur di stat vud ucrstaiuteu in. vud di zewg ab legten ir gewaut pei deu füessen des iüugeliugs, der genant was Saulus, vnd stainteu Ste- phanuni got au rüeftundeu |13''] sprechund: „herr lesu enphach 15 meinen geist." awer mit geprauchten chuieu scliray er mit grasser stymme vud sprach: „herr, nicht sez den ir sunte". vnd do er das gesprach, entslief er im lierren. Das ewaiig-elij au saiid Stephans tag- saud Slatheus '. lesus sagt deu luden scharen vnd den fürsteu der priester: 20 „ich sent zu ew di weissagen vnd die weisen vud di Schreiber, di erslacht ir siimleich vud chrowtzigt etleich vnd gayselt sew in ewerr syuagog vud tehts von aiuer stat hiutz der andern, das do von über ew chceui alles das pluet der gerechten, das do uergossen ist auf di erden von des rechten Abels pluet [14"] vntz au Zacharias pluet, 25 Barachye sun , deu ir erto3tt zwischen dem ^ tempel vnd dem all- ter. werleich sag ich ew: das chumt alls über ditz geslaecht. Isra- hel ^, di du siechst di weissagen vnd erstainst di zu dir gesaut sind, wie offt wolt ich sammen deine chind als di henne, di do sammet ire hüeudel vuder ir uetich vnd du wolltest uicht! uu Avirt uer- 30 lassen ewr haus wüestes. ich sag awer ew : ir secht mich nicht mer, vntz ir Avert sprechen: der sey gesegent, der do chümt in dem uamen des herreu.'' IX. Di letzen an saud lohauues tag' am puecli der weisliait*. Der furchtt den herren, der würcht [14''] das guet, vud wer behaltuud ist di gerechtichait, er begreifft sei; vnd begegent im als ein mueter geeret. si speist in mit dem prat des lebens vnd der uersteutichait vnd mit dem wasser hailuuder weishait trenkht 5 si in vnd wirt geuestent in im vnd nicht gepraucht vnd behaltet in vnd uicht wiert er gescheudet vnd hoehet in pey seinn nächsten, in mitte der saramuug tuet si auf seinu muud vnd erfüllet in mit dem geist der weishait vud der uersteutichait vnd die chlayd der 1) Evang.23, 34 — 39. 2) des hs. 3) Jerusalem Vulg. 4) Eccle- siasticus, Buch Jesus Sirach 15, 1 — 6. 10 STEJSKAL 10 glori legt si im au, vroleicli vnd vralokhen hcert si auf in vnci mit dem [15*J ewigen nam erbet in der herr vnser got. Das ewaugrelij des selben tagres schreibet loliannes». lesus sprach zu Petro: „volge mir nach," Petrus chert sich vm vnd sach den iunger, den lesus lieb het nach volgund, der 15 auch auf seinner pruste lag zdem abent essen vnd zu im sprach: „herr, wer ist, der dich uerchauft?" do Petrus den iunger sach, do sprach er zu Jesu: ,,herre, was sol awer dierr?" des antwurt im lesus : „ ob ich in also wil lassen beleiben , vntz ich chüm , was willdu? des volge mir nach." disew rede was vnder den lungern, 20 das Johannes der iunger nicht solt sterwen. vnd Jesus [lö**] sprach nicht zu im, das er nicht sterwen solt, sunder: ob ich in also wil beleiben , vntz ich chiim , was wildu des ? der iunger Johannes urchviudet das vnd hat is geschriben vnd wir wissen das wol, das sein urchünd war ist. X. An dem suntag dar nach di letzen — sand Paul 2. Prüeder! wie lang zeit der erb chlain ist, chain vnderschaid ist er dem chnechte, wann er doch sei der herr aller; suuder vnder den schermern vnd weisern ist er vntz an di gemessen zeit von 5 dem vater. also auch wir, do wir warn chlain vnder den demen- ten dierr weit, waren wir dienund. sunder do chom [16*] di uoll- hait der zeit, sant got seinen sun geparn vom weih warden vnder der e, das er Icesat di vnder der e warn, das wir di wünschung der sün enphingen. awer wenn ir seit sun gotes, gesant hat got 10 den geist seins suns in ewr hertz schreyund: abba, pater! zwar yezund ist er nicht ebnecht, suuder sun; vnd ob er ist der sun, so ist er erb durch got. Das ewangelij — sand Lucam''. Joseph vnd Mariam, di mueter Jesu, di wundert iiber das, 15 di geredt wurden von im. vnd Symeon segent in vnd sprach zu Mariam, seiner mueter: „is ist gesetzt zu falle vnd zu urstend manigen in [16''] Jsrahel vnd im zaichen, dem wider sprechen wirt. dein selbs sei di durch vert das swert, also das maniger herzen gedanch werdent geoffent." vnd was Anna ein weissaginne , di waz 20 Fanueles tachter von dem gesltecht Äser, di was ein alt weib, di het gelebt mit ir manne siben iar von ir magtum vnd was witib 1) Evamf.äl, 19 — 24. 2) Brief an die Galater 4, 1 -7. 3) Evang. 2, 33—40. ALTDEUTSCHE PERIKOPEN 11 nutz au vier vnd achzik iar. di cbom von dem teinpel nicht vud pat got nacht vnd tag mit iiasten vnd mit irem gepet. di chom zu der selben weil auch got lobund vnd sagt von im allen den, di do piten der lasung Israhel. vnd als si uolprach [17"] ten alles 25 das, sam is geschviben was an der e von got, do fuereu si Avider in Galyleam in di stat ze Nazareth. das chind wuecbs vnd ward chref- tig voller weishait vnd di genade gotes was in im. XL Am eweii weich tag di lezeu^ — saiid Paul 2. Prueder! e denn chom der gelaub, wurd wir behüett beslos- seu iu deu gelauben, der ze offen ward, zwar die ee vnserr züch- tigern was iu Christo, das wir aus dem gelauben gerechtigt werden, sunder do chom der glaub, yezund sei wir nicht vnder dem zucht 5 maister. wanu all sei wir sün gotes durch deu gelauben, der ist [17''] in Christo lesu. wand welch ir in Christo getauft seit, Chri- stum habt ir an gelegt, nicht ist der lud noch der Chriech, nicht ist der diener noch der vrey, nicht ist der man noch das weih; wand ir all ain dinch seit in Christo lesu. seit ir aber Christi, 10 darum seit ir Abrahams sam vnd nach der gehaisse erben, ich sprach aber: „wie lang zeit der erb chlain ist, chain vnderschaid ist er dem chnechte, vnd er doch ist der herr aller; suuder under den schermiern vnd weisem ist er vntz an die gemesenn zeit vom vater." 15 Das ewangelij — saud Lucam^. Do di aht tag ende heten, das man [IS""] das chind besneiden solt, do ward im gegeben der nam lesus; alsam ward er auch gehaissen von dem engel, e das er enphangen wurde in der mue- ter leibe. 20 Xll. An dem preheu tag Esaye letzen*. Stand auf, wierd erlewcht lerusalem! wann chomm ist dein liecht vnd di glori des herren ist über dich auf gegangen, wand nim war, di vinster bedekhent di erden vnd die swertz di folk; über dich awer wiert auf geund der herr vnd sein glori wirt an 5 dir gesehen, vnd werdeut geund di diet in deim liecht vnd di chü- nig in dem schein deius ausgangs, heb [18^] auf in dem vmswaif dein äugen vnd siech, alle die sind gesammet vnd sind chomen 1) Hs. lez. 2) Brief an die Galater 3 , 23 — 39; 4, 1 — 2. 3) Evang. 2, 21. 4) Isaias 60, 1 — 6. 12 STEJSKAL dir; dein sün von uerren choement vnd dein tcecliter von der seifc- 10 ten auf steut. denue wierstii sehund vnd zue liiessund vnd wirt wundrund vnd wiert gepraitt dein hertz, wann becliert wirt zu dir di menig des nieres vnd wenn di sterk der diet dir zue cliumt. di menig der cha3mlein wirt bedekhund dich, dromedarij Madian vnd Epha, all von Saba choments gold vnd weyroch tragund vnd lob 15 dem herren cliündund. An dem pielieu ta§' das ewangelij - sand Matheus^ [19"] Do lesus was geparn ze Bethlehem Inda in den tagen ^ chunig^ Herodes, do chomen die chünig von asterlant* ze ^ leru- salem vnd sprahen: „wo ist^ der luden' chunich '^, der geparn ist? 20 wir sahen seinn stern in dem asterlant^ und choemen, das wir in an petten." do das der chünich Herodes hart, do ward er traurig vnd alle lerosolima^*^. vnd samit^^ di priester fursten ^^ all vnd di Schreiber des folkhs vnd vragt sew ^^, avo Christ solde geparn werden, do sagten si im all: „ze Bethlehem Inda; wand also ist 25 is geschriben durch den weissagen^'*: Bethlehem iudischs *^ laut, du pist [19*] nicht di minnist^^ vnder den fursten Inda; wann von^' dir chumt^^ ein laitter^^, der richten sol mein tblk Israhel," do lued^*^ Herodes di chuuig haimleich vnd lernt ^^ von in di zeit des Sterns, der in erschain ^^ vnd sant sew ^^ hintz ^^ Bethlehem vnd 30 sprach zu in: ,,get hin vnd vragt vleischleich von ^^ dem chinde; vnd so ir is vindet, so enpiett mir herwider, das ich auch dar choem vnd is an pett." do si uernomen das von dem chünich, do fuern ^^ si^' danue vnd der stern, den si ze ^*^ Orient heten gesehen, der gie ^^ var in, vntz^*^ si dar chamen, do das chind was; dar 35 ob ^^ stuend [20*J er. do si awer den stern sahen, do vrewten si 1) Evang.2, 1 — 12. 2) Die folgenden handschriftlichen hemerlcungen zu diesem stücTce (anm. 2 — 31, 1 — 6) rühren sämtlich von einer jüngeren hand her und sind zum teil das resultat eines Vergleiches unserer hs. mit der Versio anti- qua. — Hinter tagen ein j, am rande des/. 3) Über u ein e, oberhalb g ein s. 4) Darüber orieut. 5) Darüber Gen. 6) Hinter ist 41^. 7) Zwischen Juden wid chünich oben ein. 8) vor der 4t- (Ubi est qui natus est rex JiuteoruuiV) 9) Am rande orient. 10) Darüber mit ym (cum eo). 11) Hs. sannit, fehler corrigiert. 12) "priester "forsten" (principcs sacerdotum). 13) w durch- gestrichen. 14) Durchgestrichen , daneben am rande propheten Micheam. 15) Über u ein e. 16) Darüber kleinste. 18) Darüber wirt ausgen (exiet). 17) Darüber aus (ex). 19) Am rande fürst (dux). 20) Darüber rufte (vocavit). 21) Darüber forste (exquisivit). 22) Hsl. erschain corrigiert in erschine, darüber wä,&. 23) w durchgestrichen. 24) Darüber Gen (in). 25) Darüber noch. 26) Darüber zogen. 27) Vor danne oben von. 28) Darüber in (in). 29) Corrigiert in gie^'. 30) Darüber baß. 31) Corrigiert in ob*'". ALTDEUTSCHE PERIKOPEN 13 sich mit grasser vrewcl viid giengen iu das haus vud fanden das chind mit Mariam seiner mueter vnd viellen vür is vnd paten ^ is an vnd teten auf ir sehst/ vnd prachten ^ im ir gab, gold weyroch vnd myerren , vnd naraen ^ antwurt in dem gesiebte *, das si nicht widercbaemen zu Herode^ ein andern weg cbertens ^ wider in ir 40 laut. XIII. Di letzen am suutag: do nach — sand Paul''. Prüeder! ich man ew durch di parmung gotes, das ir erpiett ewr leichnam ein lemtig- opher heilig got gefallund, das beschai- [20''] den sei ewr dienst, vud nicht sült ir geleichent werden dierr weit, suuder wert uernewet in der newuug ewers sinnes, das ir 5 bewsert, welher sei der will gotes gueter vnd wol geuallunder vnd uolchcemner. wann ich sprich durch di genade, di mir geben ist, allen , di do sind vuder ew, nicht mer uersten denn man mues uer- sten, sunder uersten zu der nuehtichait vnd eim igleichem, als got getailt hat di masse des gelaubens. wand als wir in aim leichnam 10 mer glid haben, aber alle glid nicht das selb werch haben, also wir vil ain leichnam [21*] sein iu Christo, awer wir sunder aynr des andern glid in Christe Jesu vnserm herreu. Das ewaug-elij des selben tags sand Lucam^ Do lesus ward zwelf iar alt vnd si auf fuern zu lerusalem 15 nach der gewonhait der heiligen tag, do di ende genomen vnd si wider haim gegiugeu , do belaib daz chind lesus ze lerusalem vnd wessten seine vrewnt des nicht, vnd do si wouten, das er haim mit in chsem, vnd do si ein tag waide gegingen, do suechten si in vuder seinn chunden vud vnder seinn neuen, vnd do si sein nicht 20 funden, do gingen si wider gen lerusalem vnd suechten in. [21"] vnd nach drein tagen do funden si in sitzund vnder den lersern, das er sew hart vnd auch vragt. all, di in harten vnd sahen, di farchten über sein weishait vnd sein antwurt vnd sahen vnd wun- dert sew. vnd sein mueter sprach zu im: ,,sun, wi hastu vns getan? 25 dein vater vnd ich suechten dich chlagund." do sprach er zu in: „was ist, das ir mich suchet? wisst ir nicht, das ich mues sein an den geschseften, das meins vater ist ? " vnd si uerstuenden nicht das wart, das er zu in redt, vnd er fuer mit in wider haim vnd chom 1) Über a ein e. 2) Darüber opferten. 3) Hsl. iiam corrigiert in name. 4) Daneben " , am rande ym slof (in somnis). 5) Daneben ' , am rande zunder. 6) Daneben oben (•). 7) Brief an die jRömer 12, 1—5. 8) Evang. 2, 42-52. 14 STEJSKAL 30 zu Nazareht vud was in [22"] vndertau. vnd sein mueter behielt alle diesew wart vnd betracht sew in ir hertzen. vnd lesus nam zue an der weishait vnd an dem allter vnd an der genad pey got vnd pei den lewten. XIV. Di letzen am ersten suntag- — sand Paul^ Prüeder! seit habund di gäbe nach den genaden, di ew gege- ben ist vnderschaidenleich. aintweder das weissagen nach der beschaidenhait des glaubens oder den dienst, im dienen oder der 5 do lert, in der lernung; der do mant, in der manung; der do geit, in der ainfaltichait; der do var ist, in der entzichait; der do erparmt, [22''] in der vroeleichait. di lieb an gleichsenhait. hassund das übel vnd an hangund dem gueten. mit prüederleicher lieb an einander lieb habund, mit den eren an einander vürchomund. in der entzi- 10 chait nicht trreg, in dem geist hitzig, dem herren dienund. in der hoffnung vrewund, in truebsal gedultig, dem gepet an steund. den natdürften der heiligen gemainsamund , der gast ladung nach vol- gund. wol sprecht ewern a?htern vnd nicht sult ir übel sprechen, vrewt ew mit den vrewunden vnd waint mit den wainunden. das 15 selb an einander enphindund; nicht [23*] hahew uersteund, sunder den dienmuetigen gehelund. Das ewang-elij — sand Johannes '-. Hachtzeit sind warden in Ghana Galylee vnd di mueter lesu was do. Jesus ward auch dar geladen vnd sein iunger zu der 20 hachtzeit. vnd do geprast des weins, do sprach di mueter lesu zu im: „si habent nicht weins." des antwurt ir Jesus: „was^ mir vnd dier, weih? is ist nicht choemen noch mein zeit." do sprach sein mueter zu den dieiia^rn : „ was er ew sage , das tuet." do warn auch gesatzt sex steineine vas nach der rainigung der luden vnd 25 in igleich vas gieng zwen metzen oder trey. do |23''] sprach Jesus zu in: „füllet di uas mit wasser." do fülten sis vntz ze obrist. do sprach awer Jesus: „schepht nu vnd gebt dem fursten der hacht- zeit." das teten di diener. do er do getranch des wassers, das do warden was ze wein, vnd er wesst nicht, von wanne is chomen 30 was (di diener wessten is awer wol), do rüeft architriclinus dem prewtkan vnd sprach zu im: „ein igleich mensch geit von erste den gueten wein vnd so si trunckhen werdent, so geit er denn den 1) Brief an die Römer ]2, 6 — 16. 2) Ermif/. 2, 1-^Jl. 3) ZwiscJien was und mir von jüngerer hand ist. ALTDEUTSCHE PERIKOPEN 15 argen, du liast awer den gueten behalten vntz her." das zaichen tet Tesus des ersten var seinn hmgern in Cha [24*] na Galylee vnd offent sein glori vnd sein iunger gelaubten an in. 35 XV. Di letzen am andern suntag* — sand Pauli. Prfieder! nicht sult ir witzig sein pey ew selben, niemt fibel vra übel Avider gebund ; besichtigund di gueten nicht alain var got, Sünder auch var allen menschen, ob is geschehen mag das von ew ist, mit allen lewten vrid habund. nicht ew selb werund ir aller 5 liebsten, sunder gebt stat dem zarn. wann geschriben ist: mir di räch vnd ich g'ilts, spricht der herr. sunder ob hungert deinen feint, speis in; ob in dürsst, trenkh in; wann das tueund, di choln des fewers sammestu [24''] auf sein haubt. nicht soltu nber wunten werden von dem übel. 10 Das ewangrelij — Matlieus^. Do lesus gie ab dem perge , do uolget im nach ein michlew menig. vnd ein aussetziger chom vnd pat in an sprechund: „herr, ob du wild, so machtu mich gerainigen." lesus rekht aus di haut vnd rüert in an vnd sprach: ,,ich wil, wierd gerainigt." vnd sotze- 15 haut ward er gerainigt von der aussetzichait. lesus sprach zu im: ,. siech , das du is iemeut sagest , sunder ge vnd zaig dich den prie- stern vnd pring das opher, das Moyses gepat zu einem urchunde." do er gie in die stat ze Capharnaum, do [25"] gie zu im der cen- turius vnd pat in sprechund: „herr, mein chind leit in meim haus 20 pett ris vnd wiert übel gechestigt." do sprach lesus: „ich chum vnd mach in gesunt." do antbuert im der zenturius: „herr, ich piu des nicht wierdig, das du gest vnder mein dach, sunder du sprich ain wart, so wirt mein chind gesunt. ich pin auch ein mensch vnder gewalte vnd ritter vnder mir han vnd sprich ich zu 25 dem: gingk! vnd er get, zu eim andern: chum! vnd er chumt, vnd zu meim^ chnecht: tue das! vnd er tuets." do lesus das gehart, do wundert in des vnd sprach zu den , di im nach [25''] uolgten : „werleich sag ich ew, ich vand so grass glaubens nicht in Israhel. ich sag auch ew das genueg choement von osten vnd wessten vnd 30 sitzent mit Abraham vnd Ysaac vnd lacob in dem himelreich; di chind ditz reiches werdent gewarflfen in di ausserist vinster , do wirt wainn vnd grisgramen der zende." vnd lesus sprach zu dem cen- 1) Brief an die Römer 12, 16 — 21. 2) J£vmr(f. 8, 1 — 13. 3) Hs. mein. 16 STEJSKAL tiirio: „ge liin, als du gelaubst also geschecli dir" viid an der 35 selben weil ward gesunt sein chind. XVI. Di letzen * am dritten suntag — sand Paul ^. Prueder! niement sult ichsicht mier, das ir an einander lieb habt; wann wer seiun nächsten lieb hat, [26''] der erfüllet di e. wann: nicht ee prich, nicht tcett, nicht betrewg, niht sag falsch 5 zewgnusse, nicht beger das guet deins nächsten, vnd ob icht ist ein ander gepot, in dem wart wiert is bestift: hab lieb dein näch- sten als dich selb, di lieb des nächsten wiircht nicht Übels; darum dew uollhait der e ist di lieb. Das ewangelij — Marcus 3. 10 Jesus gie in ein schef vnd uolgten im nach sein iunger. vnd ward ein grasse wegung auf dem mere, also das das schef bedekht ward mit dem wasser; lesus der slief. do wekten in sein iunger vnd sprachen: „herr! hail vus, wir uerderben." do antwurt [26''] in lesus vnd sprach: .,wes furcht ier ew , ir chlaius glauben?" do 15 stuend er auf vnd gepat dem wint vnd dem mer vnd ward ein michlevv stille, vnd di lewt, do sis gesahen, wundert des zehant vnd sprahen: „wie tan ist der, wand im geharsam sind di wind vnd das raer?" XVII. Di letzen am vierden suntag- — sand Paul*. Prueder! legt ew an als di erweiten gotes vnd di lieben di gedserm der parmung, di gfletichait, dienmüetichait, msessichait, gedult. über tragund an einander vnd gebund ewch selb, ob ainr 5 wider den andern icht chlag liab; recht als der herr ew geben hat, [27''] also tuet auch ir. vber das alles seit di lieb habuud, di ist ein pant der uolchomenhait. vnd der vrid Christi vrew sich in ewern hertzen , in dem ier auch geladen seit in aym leichnam ; vnd danchufem west! das wart Christi das wen in cav genüchtlcich 10 in aller weishait. lerund vnd gemeinsam und ew selb in psalm vnd loben vnd geistleichen sa^ngeu, in gonaden siiigund in ewerm hertzen dem harren, alles, das ir tuet in warten oder in werchen, alls tuets in dem namen des herren Jesu, der genaden danchund got vnd dem vater durch lesum Christum vnsern herren. 1) Hs. letz. 2) Brief an die Römer 13, 8-10. 3) Evanf). MaithfP.i 8, 33—27. 4) Brief an die Colosser 3, 12—17. ALTDEUTSCHE PERIKOPEN 17 Am suntag- das ewangelij — saiid Matlieus'. 15 [27*'] lesiis sach zu seinen lungern vnd sprach: „ich uergich dir , vater hiniels vnd der erden ! wann du uerpargen hast dein tau- gen var den weisen vnd den chluegen vnd hasts geoft'ent den chin- den, vater! also geuiel is dier. is ist mir alles gegeben von mei- . neni vater vnd erchennet auch niement den sun denn der vater, 20 noch den vater nieni denn der sun vnd dem is der sun chunt tuet, chcemt zu mier all, di arbaitten vnd di beswert sein, vnd ich hilff ew. nemt mein loch auf ew vnd lernt von mir, wann ich pin senft vnd dienmütigs hertzen, vnd ir vint rue ewern seien; [28*] mein loch ist suess, mein purd ring. 25 XVIII. Di letzen, so man das alleluja^ nidei* leit — sand Paul\ Prueder! wisst ir nicht, das all die zewett lauflfent zwar all lauflfents, awer ainr uimt den Ion? also laufft, das ir begreift! wann ein igleicher, der am streit chriegt, var allen er sich enthaltt, vnd di selben darum , das si ein zergsenchleich chron enphahen ; 5 awer wir ein vutzergseuchleichew. darum lauff ich also nicht sam auf ein vngewiss, also streit ich nicht sam den wint slahuud; sun- der ich chestig meinu leichnam vnd zu dienst ich in pring, das icht, wenn ich den andern predig, ich vnfrum [28''] werde, ich wil nicht ew nicht wissen, prueder! wand ewr vseter all vnder dem 10 gwolchen gewesen sind vnd all das mer durch gangen, vnd all in Moysi getauft sind in dem gwolken vnd im mer, vnd all das selb geistleich essen geessen habent, vnd all das selb geistleich tranch getrunken haben — si trunkhen awer aus dem geistleichen stain in begreiffund; aber der stain was Christus. 15 Das ewangelij — Matheus*. lesus sprach zu seinn lungern: „das hlmelrelch ist geleich oim hauswlert, der des^ margens aus get mieten werchlewt in seinn Weingarten, do er gedingt het mit den [29°^] werchlewten zu aym tag vm aym phenlng, do sant er sew in seinn Weingarten, vnd zu 20 der dritten weil gie er awer aus vnd sach an dem markt ander sten muessig vnd sprach zu den: „get auch ir in den Weingarten, vnd was recht ist, das gib ich ew." di gingen auch hin. do gie er aber aus vm sext vnd non zeit vnd tet allsam. zder aindleften 1) Evang. 11, 25 — 30. 2) Hs. all'a. .1) 1. Brief an die Corinther 9, 24 — 10,5. i) Evang. 20, 1-^-16. ZElTSnUR. F. DEUTSCHE PHII.OT-OGIK. BD. XII. 2 18 STEJSKAL 25 weil gie er awer aus vnd vand ander sten vnd sprach zu den: „wes stet ir hie all deu tag raüessig?" si sprahen: „vns dingat niemen." er sprach zu in: „get auch ir in den Weingarten." do is do spet ward, do sprach der herr zu dem schaf [29*"] fer: „rueff den werchlewten vnd gib in ir Ion vnd heb au datz dem iungsten 30 vntz hintz dem ersten," vnd do is chom an die, di vm den abent waren chomen in den Weingarten, do enphie ir igleicher ainn phe- ning. do is do an di ersten chom , wolten sie wsennen , das si mer solten haben ; do enphie auch igleicher aynn phening. vnd do si enphingen, do murmelten si wider den hauswiert sprechuud: „di 35 lessten habent ein weil gewarcht vnd du hast sew vns geleichet an dem Ion, di do haben getragen di puerd des tages vnd der hitze." des antwurt er ir ainem: „vrewnt! [30*] ich tuen dir nicht vnrecht; du dingtest mit mir nicht mer denn vm aym phening. nim , das dein sei, vnd ge; ich wil den lösten geben als vil sam dir. oder 40 zimt mir nicht zetuen, das ich wil? oder dein aug ist ein schalk, wann ich pin guet? also werdent di lesten di ersten vnd di ersten di lessten; vil sind geladen, awer ir sein wenich erweit." XIX. Di letzen am suiitag do nach — Paulus i. Prueder! gern leit ir di vnwitzigen vnd ir doch selb witzig seit, wand ir dultt, wer ew in dienst pringt, wer ew isst, wer ew nimt, wer sich erhebt, wer ew ans antlutz siecht. [SC*] nach 5 der vnedel rede ich, als wier chrank sein gewesen au dem tayl; in weu lernen getar — in vnweishait red ich — in dew getar auch ich. Hebrei sinds, vnd ich; Israheliteu sinds, vnd ich auch; der sam Abrahe sinds , vnd auch ich ; diener Christi sinds , vnd ich auch — als minne weis red ich — ich noch mer ; in mer arwaiten, 10 entzichleich in charchern, in siegen über di mass, in tceden ent- zichleich. von den luden fünstund viertzich ains minner hau ich gellten. 2 dreistund mit gerten pin ich geslagen, ains pin ich gestaint, dreistund schefbrüch hau ich gellten, nacht vnd tag in [31*] der tieff des mores pin ich gebeseu, aufwogen dikh, in schse- 15 den der wasser, in noeten der Schacher, in nceten aus der gemain, in noeten von den dieten, in noeten in der stat, in nceten in der aingsecht, in noeten auf dem mer, in noeten von falschen pruederu, in arbait vnd schceden, in vil wachens, in hunger vnd dursste, in 1) 2. Brief an die Corinther 11, 19—12, 9. 2) Am linken runde der Seite von jüngerer hand genern. ALTDEUTSCHE PERIKOPEN 19 vil uasten, in chelten vnd naktum, awer an di äussern dinch mein taegieicher anstant ist, di fleissicbait aller chircheu. wer ist siech, 20 vnd ich nicht siech pin? wer wiert geschent, vnd ich nicht wird geprant? ob ich mues gewden, di von meiner chrankhait sind gewd ich. got der vater vnsers herren [Sl**] lesu Christi, dem wol ist gesprochen iu weit, der wais, das ich nicht lewg, in Damasco der probst des folkhs chnnigs Arethe der huettat der stat Damascenorum, 25 das er mich begriffe; vnd durch ein uenster iu eim charb über di maur ward ich aus gelassen vnd also entran ich seinn hanten. ob ich gewden mues — zwar is zimt nicht — ich chüni awer zu den gesiebten vnd offnung des herren. ich wais ein menschen in Christo var viertzehen iaren — oder im leichnam oder aus dem leichnam 30 wais ich niclit , got waiss — getzukten den selben vntz in den drit- ten himel; vnd ich wais den selben [32*] menschen — oder im leichnam oder ausem leichnam wais ich nicht, got waiss — wand er getzukt ist ins paradys vnd hart di gehaimen wart, di nicht ziment dem menschen zereden. durch des willen gewd ich; durch 35 mein willen aber nicht nuer in meinn chrankaiten. wann ob ich Avil gewden , ich wird nicht vnweis , wann di warhait sag ich ; awer ich uertrag, das iement w?en über das, das er an mir siecht oder hoert icht von mir. vnd das icht di groes der offnung mich erheb, ist mir geben ein stechaer meins fleischs, der engel Sathane, das 40 er mich halsslach. vni das hau ich dreistuud den herren gepeten, das er entwich [32'' | von mir. vnd er sprach zu mir: „genüe dich nieinr genad, wann tugent in chrankait wirt uolpracht." dar um gewd ich gern in meinn siechtümen, das in mir won di tugent Christi. Das ewangelij des selben tags — Lucas ^ 45 Do ein michel menig chom zu lesu vnd von den steten eyl- ten zu im, do sprach er ein pispel: „der akherman gie aus säen seinn sam; vnd do er gesset, do viel ain sam pei dem wege vnd ward uertreten vnd assen in auch di vogel. vnd ein ander sam viel auf di stain ; vnd do is bechom , do darret is , wann is het der 50 fewcht nicht, vnd ein ander sam viel in di darn vnd giengen di [33*] darn do mit auf vnd erstekten den samen. vnd ein ander sam viel auf ein guet erdreich vnd pracht hundertfaltig vrucht." do er das gesprach, do rief er: „der aren hab zehörn, der hoer." sein iunger vragten in, was das pispel wser, do sprach er zu in: 55 „ew ist gegeben zu wissen di betzaichnung des gotes reich; den 1) Evang. 8, 4 — 15. 20 STEJSKAL andern au pispeln, das si sehund nicht sehen vnd horunde nicht uernemen. also ist das pispel: der sam ist das gotswart. der do uellet zu dem wege, das sind di das gotes wart hcerent; do nach 60 chümt der tiefel vnd uimt is von ir hertzeu , das si gelaubund nicht sselig werden, das [SS**] awer do uelt auf den stain, das sind di^ di das wart hcerent vnd is mit frewden enphahent; vnd di habent der wurtzen nicht , wann si gelaubent zu churtzer zeit vnd werdent uerchert von der becharung. das awer wellet in di darn, das sind 65 di is hoirent vnd von den sargen vnd von dem reichtum vnd von der Wollüste des leibes sterwent si vnd pringent nicht vrucht. das awer uellt in di gueten erd, das sind die mit gueten vnd aller pesten hertzen vnd mit rainem rauet horent das gotswart vnd is auch behaltent, di pringent mit gedult di vrucht. XX. Di letzen 1 des sunutags^ [34*] ze uasnaeht — sand Paul^. Prüeder ! ob ich mit zungen der menschen vnd der engel redset, sunder hab ich nicht di lieb, ich pin wardeu als ein doenund glok- speis oder ein chlingunde cymbal. vnd ob ich hau den weissagtum 5 vnd bechenn alle gehaim vnd all chunst; vnd ob ich hab allen glauben, also das ich di perg Übertrag, sunder hau ich nicht di lieb , nichtes pin ich. vnd ob ich tail in essen der arm all mein hab, vnd ob ich gib meinn leichnam, also das ich prinne , suuder hab ich di lieb, nicht nitsnicht frumts mir. di lieb ist gedultig, 10 güetig iss; di lieb nicht nei [34"] det , si würcht nicht Übels, nicht plset si sich, si ist nicht begierig, nicht suecht si das ir ist, si wiert nicht geraitzt, si gedenkht nicht Übels, nicht vrewt si sicli über di pashait, awer si mit vrewt der warhait; alle diuch über traits , alle gelaubts , allew gedingts , alle leits. di lieb ueltt nim- 15 mer aus, ob di weissagtum werdent gelsert oder di zungen horent oder di chunst zenicht wiert. wann aus aim tail erchenn wir vnd aus aim teil weissa wir, awer wenn nu chumt das uolchomen ist, so wiert gelaert das aus dem tail ist. do ich was chlain, do redt ich als ein chlainrr, [35*] ich uerstuend als ein chlainr, ich gedacht 20 als ein chlainr; awer do ich pin warden ein man, hau ich aus gelsert was des chlainn was. wier sehen nu durch ainen spiegel; awer dann von angesicht zu angesichte. nu erchenn ich aus dem tail , aber denn wierd ich erchenuen , als ich erchant pin. nu beleibt der gelaub, der geding vnd di lieb, di drew; awer das merer der 25 ist di lieb. 1) Hs. letz. 2) Hs. suuu. 3) 1. Brief an die Corinther 13, 1 — 13. ALTDEUTSCHK PERIKOPEN 2X Das ewangelij — Matheus'. lesus nam zu im di zwelf sein iunger vnd spi;icli: „wir choe- men auf zu lerusalem vnd wirt geendet alles, das geschriben ist von den weissagen von des menschen sun. er wiert ge [30''] geben den dieten vnd wiert uerspott vnd gegayselt vnd uerspürtzt; vnd so si in gegayselnt, so toettent si in vnd er erstet des dritten tages." das wart was uerpargen var in vnd si uerstuenden des nichsnicht, das gesprochen ward, is geschach , do er naheut zu Yericho , do sas ein plinter pey dem wege vnd pat das allmuesen. vnd do er hart di schar vür gen, do vragt er, was do wsev. si sagten im, is wser 35 lesus von Nazareth. do er viir gie, do rnefft er im: „lesus Dauids sun , erparm dich über mich ! " vnd di var gingen , di strafften in, das er swig. er rM't awer michels [36*] mer: „Dauids sun, erparm dich über mich!" lesus stuend vnd hies in weisen zu im vnd do er im nahent, do vragt er in: „was wild, das ich dir tue?" der 40 plint sprach: „herre, das ich gesech." lesus sprach awer zu iem: „siech auf, dein gelaub hat dich gesunt gemacht." vnd so zehant gesach er vnd uolgt im nach vnd lobt got. alles folkh, das is gesach , das gab got glori. XXL Di letzen des ersten suntag^es in der uassten — sand Paul 2. Prüder! wir manu ew, das ir icht eytel di genad gotes en- phacht. wann er sprach : in der gensemen zeit er [36''] hart ich dich vnd an dem tag des hailes half ich dir. nemt war di gensem zeit, nu ist der tag des hailes! niemen gebt chain laidigung, das nicht 5 gescholten werd vnser dienst; sunder in allen dingen erpiet wir vns selbe als di gotes dieuer in vil gedult, in truebsaln, in augsten, in siegen, in charchern, in herferten, in arbaiten, in wachen, in uass- ten, in chewsch, in chunst, in langmüetichait , in süessichait, im heiligen geist, in vngetichter lieb, im wart der warhait, in der 10 tugent gotes, durch di waften der rechtichait zu der zesem vnd zu der letzen , durch di glori vnd vu [37*] edelhait , durch den vnleunt vnd gueten leunt; recht als betrieger, vnd warhaft; recht als di vnerchanten, vnd doch erchaut; als die taden, vnd secht, wir leben; als di gechestigten , vnd doch nicht getoett; als di traurigen, awer 15 all zeit vroeleich ; als dew dürftigen , awer vil reichund ; als nichs- nicht habund, vnd alle besitzund. 1) Evang. Luccb 18, 31 — 43. 2) 2. Brief an die Corinther 6, 1 — 10. 22 STEJSKAIi Das ewangelij — Matlieus*. lesus ward gefiirt in di wuesst von dem heiligen geist , das er 20 wurde becbart von dem tiefel. vnd do er gefasst viertzk tag vnd viertzk nacht, do nach hungert in. vnd der uersuecher chom zu im vnd sprach: „ob dus pist der gotes sun, so ge [37''] peut, das di stain werden prat.." des antwurt im lesus: „is ist geschriben, das der mensch nicht lebe alaine des prates, sunder eins igleichen war- 25 tes, das do chomund ist von dem munde gotes." do nam in der tiefel mit im in di heilig stat vnd setzt in auf di hoech des tem- pels vnd sprach zu im : „ pistus der gotes sun , so la dich hin nider ; is stet geschriben: er hab dich seinn eugelen enpholhen, vnd di tragen dich auf iren beuten, das du deinn fues icht laidigest am 30 stain." do sprach lesus awer zu im; „is ist geschriben: du uer- suech nicht deinn herreu vnd deinn [38*] got." der tiefel nam in awer vnd fuert in mit im auf einn haben perkh vnd zaigt im alle reich dierr weit vnd ir ere vnd sprach zu im: ,,das alles gib ich dir, ob du nider uellest vnd pettest mich an." do sprach lesus 35 zu im: „ge hin, Sathanas, is ist geschriben: deinnen herren vnd deinn got an pette vnd im ayn dien." do lies in der tiefel vnd gingen zu im di engel vnd dienten im. XXII. Di letzen am andern snnntag — sand PauP. Prueder! wir pitten ew im herren lesu vnd vlegen , als ir enphangen habt von vns, wie ir muesst wandern vnd gefallen got, als auch ir wandert, [38"] das ir mer genueget. ir wisst, welhew 5 gepot ich ew geben hab durch den herren lesum. wann das ist der wille gotes, ewr heiligung; das ir ew enthalt var vnchewsch, das chünn ewr igleicher sein vas besitzen in heiligung vnd eren, nicht in leiden der begier als di diet, di nicht bechennent got; vnd das niement überge oder betrieg in geschäft seinn prueder; wann ein 10 recher ist got von den allen, als wir ew var gesaget haben vnd betzewgt haben, waun ew nicht got geladen hat in vnrainchait, sunder in heiligung in Christo lesu vnsern» herren. Das [39»] eAvaug-elij ~ Matheus''. lesus gie in das laut Tyri vnd Sydonis. vnd ein weib von 15 dem geslsecht Chanaan aus dem selben laut di rueft in an: „herr, 1) Evang. 4, 1 — 11. 2) 1. Brief an die Thessalonicher 4, 1 — 7. 3) Evang. 15, 21 — 28. ALTDEUTSCHE PEKIKOPEN 23 üauidüs sun , erpariii dich über mich ! mciu tachier wiert übel gemüct von dem tiefel." des antwurt er ir nicht, des gingen sein iunger zue vnd paten in sprechund: „la sei, wann si schreit vns nach." des antwnrt in lesus: „ich pin nicht gesant wenn zu den schaffen, di uerdarben sind von dem haus Israel." do chom das weib und 20 pat in sprechund zu im: »herr, hilf mir!" er antwurt ir: „is ist nicht guet zenemeu der chinde prat vnd geben [39"] den hunden." do sprach das Aveib: „ja, herr, wann di hüntel essent dew prasera, di do uallent von ir herren tisch." des antwurt ir awer lesus vnd sprach: „weib, gras ist dein gelaub; dir geschech was du wellest." 25 vnd an der selben weil ward ir tachter gesunt. XXIII. Di letzen am dritten suutag — sand Paul*. Prueder! seit di nachuolger gotes als di liebsten süu, vnd wandert in lieb , als Christus vns lieb hat gehabt vnd gab sich selb vm vns ein opher vnd ein prant opher got in den gesmachen der süessichait. awer vnchewsch vnd alle vnrainchait oder geitichait 5 sol [40"] in ew nicht genant werden, als gezimt di heiligen; oder pasheit oder toerleichew rede oder vmlauffung, di zu den dingen nicht gehorent, sunder mer di genad tueung. wann das wisst uer- steund, das ein igleich vnchewscher oder vnrainr oder geitiger, das ein dienst ist der apgoetter, nicht erbes hat in dem reich Christi 10 vnd gotes. niemt ew betrieg mit eyteln warten; wann durch das chom der zarn gotes in di sün des vngediugens. darum sult ir nicht werden ir gemainer ; wann ir wart etwenn ein vinster , awer nu ein lieht im herren. als di sun des liechtes [40^] wandert ; wann di vrucht des lichtes ist in aller güet vnd gerech tichait vnd warhait. 15 Das ewaugelij — saiid Liicam-. lesus treib eimi tiefel aus, der was ein stumme, vnd do er den tiefel aus gewarf, do redt der stumme; das wundert di schar, is sprachen auch ir sümleich : „ er uertreibt den tiefel mit Beltze- bup, der ein fürsst ist der tiefel." sümleich uersuechten in vnd wol- 20 ten von im zaichen sehen von himel. do lesus sach ir gedänkh do sprach er zu in: „ein igleich reich, das wider sich selb ist, das zerget vnd uellt ain haus auf das ander, vnd ob [41*] der tie- fel wider sich selb ist, wie gestet sein reich, wann ir sprecht, das ich mit dem fürssteu der tiefel die poesen geist uertreib? vnd ob 25 1) Brief an die Ephesier 5,1 — 9. 2) Evang. 11, 14 — 28. 24 STEJSKAL ich mit Beltzebup uerfcreib , mit wem uertreibent sew denn ewr sün ? do von werdent si richter über ewch. ob ich mit dem lieiligen geist den tiefe! uertreib, so chitmt in ew das gotes reich, so der starkh gewaften seinnes hauss huett, so ist alles das mit vrid, das 30 er hat besessen, chimt awer ein sterkherr denn er vnd über win- det in , er nimt im alls sein waften , zu dem er het zueuersicht. vnd seinn raub den tailt er. der [41''J mit mir nicht ist, der ist wider mich; vnd der nicht sanmiet mit mir, der strewt. so der pces geist aus dem menschen fert, so fert er vm die wsesserigen 35 stet vnd suecht rue ; vnd so er ir nicht vint , so spricht er : ich chum wider in mein haus, dar aus ich pin gefarn. vnd so er aber chümt, so vindt er is mit pesem geraiuigt vnd getziret. so nimt er dennoch zu im siben ander geist, wirserr denn er, vnd varent dar in vnd wouent do; vnd sind des menschen lesste tag wirser 40 denn sein erste." is geschach do lesus also redt, das ein weib ir stimm auf hueb von [42"] den scharn vnd sprach zu im : „derpaucli sei sailig, der dich trueg, vnd di pruste, di du saugtest." vnd er sprach: „das ist also; auch sind sselig, di do horent das gotes wart vnd das behutent." XXIV. Di letzen ze mitter uassteu — sand Paul K Prueder! is ist geschriben, das Abraham het zwen sün: aynn von der diern vnd ain von der vreyn. sunder der von der diern ist geparn von dem fleisch, aber der von der vreyn ist geparen 5 dur di gehaisse. dew sind gesprochen durch gleichnüsse ; wann das sind die zwai geschajft: das ayn an dem perg Syna, das in dienst [42**] gepiert, dew ist Agar; wann Syna ist ein perkh in Arabia, der zue gefüegt ist ir, di nu ist lerusalem vnd dienuet mit ireu sünn. awer die di oben ist lerusalem ist vrey, di ist vnser mue- 10 ter. wann is ist geschriben : vrew dich , vnfruchtparew ! di du nicht gepierst ; prich aus vnd schrey , di du nicht gepierst ; wann vil sein der sün der uerwüssten mer denn ir , di do man hat. awer wir, prueder ! nach Ysaac gehaiss sei wir sün ; vnd als do der nach dem vleisch geparn was aechtat den, der nach dem geist: also auch nu. 15 awer was spricht di schritt? wierf aus di diern vnd iren sun; [43'1 wann nicht wiert erb der diern sun mit der vreyen sun. zwar, prueder! wir sein nicht der diern sün, sunder der vreyn, mit der vreyhait vns Christus gelobst hat. 1) Brief an die Galuter 4, 22 — 31. ALTDEUTSCHE I'ERIKOPflN 25 Des suntag-s ze mitter uasteii das ewaiigelij lohamtcs '. Jesus tiier ze Galylee über luer , das genant ist Tyboriadis. 20 vud uolget im nach ein niiclilew schar , wann si sahen di zaichen, di er begie ob den, di do siech warn, er gie auf ainn perkli vnd sas do. is was nahen di astern zdeni hachtzeitleichen tag der luden, vnd do lesus di äugen auf liueb vnd sach , das die maist menig zu im chom, do sprach er zu seinem iunger Philippo : „von wem chauff 25 \i'6^] wir das prat, das dise geessen?'" das sprach er darum, das er in uersuecht, wann er wesst wol, was er tuen solt. des ant- wurt im Pliilippus: „zway hundert pheniug wert prates gemieget in nicht, das igleichem ein weuich wurde.'' do sprach ainr seiner iunger zu im, der was genant Andreas , Symonis Petri prueder: „hie 30 ist ein chind, das hat fünf giersteinew prat vnd zwen visch; wie hach hebt awer das vnder so manigen?" do sprach lesus: „haisst di lewt sitzen." do lag vil hews an der stat. do sassen di man, der warn an der zal wol fünf tausent. lesus nam di prat vnd |44*] segent sew vnd tailts den, di do sassen, vnd der visch, als vil si 35 weiten, do si Avurden gesatt, do sprach lesus zu seinu iungern: „legt zesamme di prasem, di do über sein warden, das si nicht verderben." si lasen sew zesamm vnd fülten zwelf chorb mit den prasem von den fünf giersteiuu praten , di do über sind warden den, di do assen. do di lewt sahen das zaichen, das er begangen het, 40 do sprachen si : „ er ist werleich der prophet , der do chomen ist in disevv weit." XXV. Di letzen am tympel suntag- — saud Paul-, Prueder ! Christus , der peysteund pisch [44*'] olf der chünftigen güet, das witer vnd das uolchomner getzelt, nicht mit der hant gemacht, das ist als vil gesprochen, nicht dierr schephung, noch mit dem pluet der poekh vnd der chelper, sunder mit seim aygenn 5 pluet gie er ains in di heilichait vnd ward funden di ewig erlasung. wann ob das pluet der pcekh vnd der stier vnd der aschen des chalbs di gemailigten heiligt zu rainigung des vleischs, michels mer das pluet Christi , der durch den heiligen geist sich selb geophert hat, vngemailigt got hat gerainigt vnser gewissen von den taden 10 werch [45''J en ze dienen dem lemtigen got! vnd darum ist er ein mitter der newen e, das si mit dem tade ein erlasung der übergeng, di do warn vnder dem erern geschseft , vnd ein gehaisse enphahen, di do geladen sind dem ewigen erbtail in Christo Jesu vnserm herren. 1) Evang. 6 , 1 — 15. 2) Brief an die Hebräer 9, 11 — 15. 26 STEJSKAL 15 Das ewaiigrelij — saiid lohaimes'. lesus sprach zu den scharn vud zu den pischolfen: „welher ewr strafft mich von der sünden ? ob ich ew di warhait sag , warum gehiubt ir mir nicht? der von got ist, der hört auch gotes wart; darum beeret ir des nicht, wann ir seit von got nicht." di luden 20 antwurten sprechuud: „du pist recht ein Sama [45''] ritanus vnd pist behaft mit dem tiefel." in antwurt lesus: „ich han nicht den tie- fel, sunder ich er meinen vater vnd ir habt mich geunert. ich suech nicht mein glori; er ist ders suecht vnd rieht, werleich, werleich sag ich ew, wer meine wart behallt, der siecht ewichleich 25 nicht den tad!" do sprachen di luden: „nu wisse wir wol, das du behaft pist. Abraham ist tad vnd weissagen, vnd sprichstu: wer meine wart behalt, der gesiecht ewichleich nicht den tad! oder pistu merr denn vnser vater Abraham, der tad ist? vnd weissagen sind auch tad. wen machs [46*] tu aus dir selben?" des antwuert 30 in lesus: ,,ob ich mich selben ere, so ist mein er enwicht; mein vater ist is, der mich eret, den ir do sprecht, er ist vnser got. vnd ir bechent sein nicht; ich erchenn in awer wol; vnd spreechich, das ich sein nicht erchant , so wurd ich ein lugner , als ir. ich erchenn in vnd behalt seine wart. Abraham , ewr vater , vrewt sich , das 35 er gessech mein tag; den sach er vnd ward gevrewt." do sprachen di luden: „du hast noch nicht funftzik iar vnd hast Abraham gesehen?" lesus sprach awer zu in: „werleich, werleich sag ich ew , e das Abraham waer ^, [46''] do pin ich ! " do hueben si stain auf, das si in wuerften; lesus parg sich vnd gie aus dem tempel. XXVI. Di letzeu am pluemastertag zum ampt — sand Paul 3. Prüeder! des enphint in ew, das do ist in Christo lesu. do er in der gestalt gotes was, nicht in raub uerwant er sich geleich wesen got; sunder sich selb uerwandelt er di gestalt des chnechtes 5 an sich nemuud, in gleich uüss des menschen warden vnd mit der handlung funden als ein mensch, er dienmuetigt sich selb vnd ward geharsam vutz inn tad, halt in den tad das chrewtz. darum hcech [47*] at in got vnd gab im einen nam, der ist über all nam, das in dem nam lesu alls chnie gepogen werde der himlischen 10 vnd der ierdischen vnd der helle vnd das alle zuuge uergech, wann der herr lesus Christus ist der glori got des vater. Dem ewangelij gelelch vindestu ain ersten suntag des aduentes. 1) Evany. 8, 46 — 59. 2) Hs. w'. 3) Brief an die Philipper 2, 5^ 11. ALTDEUTSCHE PERIKOPEN 27 XXVII. DI letzen am autlas tag- — sand Paul '. Piücder! wenn ir zesamnie choemt, so ist yotzund iiiclit zeit das herleich abeiitmal zu essen, ein i gleicher getar wol sein abent- mal essen; awer ainr der ist hungerig, und der ander der ist truu- khen. habt ir nicht hewser zu essen vnd zu trink [47''] en? oder 5 smaicht ir di chirchon gots vnd schendet se, di ir nicht habeutV was sag ich ew ? ich lob ewch ? an dew lob ich ew nicht, wand ich han genomeu vom herren, das ich ew gegeben han. wann der herre lesus an der nacht, vnd er uerraten ward, nam er das prat vnd prachs vnd sprach: das ist mein leichnam, der vor ew gegeben 10 wiert; das tuet in meinr gedajchtniisse ! alsam den chelch, do er geas , vnd sprach : der ehelich ist ein news geschaäft in meini pluet ; das tuet , als offt ir das trinkt in meinr gedsechtnüsse ! wann [48"] als dikh ir das prat esst vnd den chelch trinkt , den tad des herren chundet ir vntz das er cbümt. zwar welher ist das prat oder trinkht 15 den ehelich des herren vnwierdichleich , der wiert schuldig des leich- nam vnd des pluets des herreu. bewahr aber sich selb der mensch ; vnd also esse des prates vnd trinchk des chelchs. wann wer isst oder trinkt vnwierdikleich, das gericht isst vnd trinkt er im, nicht richtund den leichnam des herren. darum vnder ew sind chranker 20 vnd chlainmüetiger vnd slaffent ier vil. vnd ob wir vns selb rich- tseten, zwar wir wurden nicht gericht. [48**] awer wenn wir gericht werden, von dem herren werd wir gestrafft, das wir icht mit dierr weit uerdamt werden. Das ewang-elij — lohaiines^. 25 Var dem heiligen tag der astern wesst lesus wol , das chomen was sein zeit, das er fiier von diser weite zu dem vater, do er lieb het di seinn di in der weit waren, do het ers lieb vntz ins ende, vnd do si geassen, do het der tiefel gesant in ludam Symonem Scariothium hertz, das er in uerchauft; vnd wesst wol, das is im 30 sein vater gab alles in sein heut vnd das er chom von im vnd get zu got: do stuend [49''] er auf von dem tisch vnd legt von im sein gewant vnd nam ein twehel vnd giierrt sich do mit. dar nach gas er wasser in ein pekhe vnd begunde der iunger füesse twahen vnd trukhenu mit der twehel, mit der er sich geguerrt het. vnd do 35 er chom zu Symon Petro, do sprach zu im Symon Petrus: „herr, du twechst mir mein fuesse ? " des antwurt im lesus vnd sprach zu 1) 1. Brief an die Corinther 11, 20 — 32. 2) Evcmg. 13, 1 — 15. 28 STEJSKAL im: „das ich do tuen, des waistu nicht uu ; awer hernach so wur- destu is wissund." do sprach awer Petrus: „du twechst mein füess 40 nimmer ewichleich ! " des antwurt im lesus: „vnd ob ich dich [49"] nicht wasch, so hastu nicht tail mit mir," do sprach awer zu im Symon Petrus: „herr, nicht alain di fiiesse, sunder di hent vnd das haubt." do sprach zu im lesus : „ der gewaschen ist, der endarf nicht, wenn das man im di fuesse twach, vnd ist denn gar rain. vnd ir 45 seit rain, nicht alle." er wesst wol, wer der was, der in wolt uer- raten. darum sprach er: „ir seit nicht all rain." do er gewuesch ir fuess vnd er genam sein gewant vnd das er gesas, do sprach er zu in: „wisst ir, was ich ew getan habe? ir haist mich maister vnd herr vnd sprecht dar [50"] an wol; wann ich pius. ob ich maister 50 vnd herr twach ewr fuesse, alsam sült auch ir an ein ander waschen di fuess. ich han ew gegeben ein pilde; als ich ev^^ getan hab, also tuet auch ir!" XXVIII. Di letzen am aster tag — Paul^. Prueder! rainigt das alt urhab, das ir seit ein new gespren- gung, als ir seit derb; zwar vnser asterlamp Christus ist geophert. zwar esse wir nicht in altem urhab , noch in urhab der pashait vnd 5 der schalchait, sunder in den derben der ainfaltichait vnd der warhait. Das ewangelij — Marcus 2. IVIaria Magdalena vnd Maria lacobi vnd Salo [bO^] mee di chauften weiroch, vm das si chömen vnd salbten lesum. vnd vil vrue eins suntages chomen si zu dem grab, do di sunn was auf 10 gegangen, vnd sprachen zu einander: „wer walget vns den stain abe dem grab?" vnd sahen wider vnd sahen den stain ab dem grabe gewalcen; er was gar gras, vnd si gingen in das grab, do sahen si einen iüngiinch sitzen zu der rechten hant bedekt mit weis- sem gewant vnd erchomen. der sprach zu in: „furcht ew nicht, 15 ir suecht lesum von Nazareth den gechrewtzteu , er ist erstanden; er ist hie nicht, secht [bV] di stat, do si in hin heten gelegt, get vnd sagt is seinn lungern vnd Petro , das er var in get in Galy- leam; da secht ir in, als er ew sagt." XXIX. Di letzen am montag an zweit" poten puech''. In den tagen Petrus stuend in mitt des uolkhs vnd sprach: „man, prueder! ir wisst, das das wart ist warden durch allludeam; 1) 1. Brief an die Corinther 5, 7 — 8. 2) Evang. 16 , 1 — 7. 3) Ax)o- stelgesch. 10, 37 — 43. ALTDEUTSCHE PERIKOPEN 29 vncl liebt an zu Galylee nach der taufte, di loliannes gepredigt hat; lesum von Nazareth wie in got gesalhet hat mit dem heiligen geist 5 vnd mit tugent; der durch gangen hat woltueund vnd hailund all gedrukten von dem tiefel, wann got was mit [51''| im. vnd wir sein oretzewff aller, di er getan hat in dem lante der luden vnd lerusalem, den si getoett habent hahund an das holtz. den erchükt got am dritten tag vnd gab in chund werden, nicht allem uolkh 10 sunder den vargeardenten zewgen von got, vns, di geessen haben vnd getrunkhen mit im, do nach vnd er erstuend vom tad. vnd er gepat vns predigen dem uolkh betzewgen, wand er iss, der gesatzt ist von got richter lemtiger vud tader. dem geben all pro- pheten zewgnüss antlas der sunten enphahen durch seimi namen, di 15 do au in gelaubent." [52*] Das ewangelij — Lucam^ Zwen iunger lesu gingen in ein castell, das was von leru- salem in der ferr als sechtzig gwanten ; das hies Emaus. vnd red- ten mit einander von allen den, di do warn geschehen, vnd geschach 20 also, do si redten vnd vragten vnder in, do nahent lesus vnd gie mit in. ir äugen warn bedakht , das si sein nicht erchanten. vnd er sprach zu in: „was red ist, di ir sprecht zu einander geund vnd seit traurig?" vnd ainr derantwurt, der hies Cleophas , vnd sprach zu im : „ du pist ein ainig pillgreim in lerusalem vnd hast nicht 25 erchant was da ist gesche [52''] hen in den tagen?" do sprach er zu in: „welhew?" des antwurten si: „von Jesu Nazareno, der do was ein man prophet gewaltig an red vud an werchen vnd an war- ten var got vnd var alleu lewten; vnd wie in di pischolf vnd vnser fursten uerrieten in di uerdamnnsse des tades vnd chrewtzteu in. 30 wir uersahen vns, des er solt erloesen Israel, liber das alles ist heut der dritt tag, das is geschach. vnd siimleich weih der vnsern di erschrekten vns, di warn var Hechts do zu dem grab vnd do si des leichnam nicht funden , do chomen si vnd sprachen , si bieten di engel gesehen , di bieten in gesagt, [53*] das er lebte, vud gin- 35 gen sümleich der vnsern hin zu dem grab vnd funden is also, als di weih heteu gesagt, sein selbs funden si nicht." do sprach er zu in: „owe tumb vnd trseges hertzen zu gelauben in alle dew, das di weissagen haben gesprochen! is muest sein, das Christ das lid vnd also chomen in sein glori." vnd hneb an von JVToysen vnd 40 von alleu weissagen vnd bedewt in di schrift in all den , di von im waren, vnd nahenten dem castell, do si do gegen gingen; vnd er 1) Evang. 24, 13—35. 30 STEJSKAL erpat sich ferrer zegen. vnd si noetten in sprechund: „beleih pey vns, wann is ist abeut vnd ist der löS*"] tag genaiget." vnd er gie 45 hin mit in vnd geschach , do mit in gesas , do nam er das prat vnd segent is vnd prachs vnd gab is in vnd ir äugen wurden offen vnd erchanten in; vnd er uerswaut var ir äugen, vnd si sprachen zu einander: „pran vnser hertz nicht in vns von lesu, do er mit vns redt an dem wege vnd vns offent di schrift?" vnd stuenden auf 50 an der selben weil vnd cherten wider gen lerusalem vnd funden pei einander di aindlef iunger vnd di mit in warn vnd sprahen, das gut w£er ^ erstanden werleich vnd erschain Symoni. vnd [54*] di sagten, das er an dem weg was gegangen vnd wie si in heten erchant an dem pruch des prates. XXX. Di letzen am eritag an der zwelf poten puecli^. In den tagen Paulus stuend auf vnd mit der liant gepat er ein stille vnd sprach: „man, prüeder, sün des geslaechts Abrahe vnd di in ew fürchtent got, ew ist gesant das wart des hailes ! 5 wann di do wonten ze lerusalem vnd ir fuersten bechanteu nicht Tesura noch di stymme der propheten, di all veirtag gelesen wer- dent , richtund uolprachten si. vnd chayn sache des tades funden si an ym, si paten von Pylato, das si in [54'' | toettaeteu. vnd do sis alle uolprachten , di von im geschriben sind , si namen in ab 10 dem holtz vnd legten in in das grab, awer got chiikt in vom tade; der ist gesehen vil tag von den, di auch mit ym auf warn gegan- gen gen lerusalem von Galyle, di vntz nu sein zewg sind zum folkh. vnd wir chüuden ew di gehaiss, di zu vnsern vaetern ge- schehen sind; wann di hat got erfüllet vnsern chinden erchüekund 15 lesum Christum vnsern herren. Das ewangelij — sand Lucam ^ . lesus stuend enmitten vnder seinn lungern vnd sprach zu in : „frid sei mit ew; ich pins, furcht [55*] ew nicht!" di iunger warn traurig vnd erschrakten vnd wonten, si bieten einn geist gesehen. 20 vnd er sprach zu in: „warum seit ir traurig vnd habt soelch gedanch? secht mein hent vnd mein fiiess, wann icb pin is selb; secht vnd greift! wann dew geist haben weder vleisch noch pain, als ir mich secht haben." vnd do er das gesprach, do zaigt er in hent vnd füesse. do si dennoch nicht gelaubten vnd sew des wunder nam 1) Hs. w^ 2) Apostelgeseh. t3 , 16. 26 — 33. 3) Emng.24, 36—47. ALTDEUTSCHE PERIKOPEN 31 var vrewdeu, do sprach er: „habt ir hie das man esse?" do prach- 25 teil si im eins vischs ain tail vnd honigsaim vnd do er geas var in, do nam |55''l er das ander tail vnd gab ins vnd sprach: „das sint di wart, di ich sprach zu ew, do ich dennoch pei ew was, wann sein was duerft zu erfüllen alles, das geschriben was an der e moysi vnd den weissagen vnd psalm von mir." do offent er in 30 den sin vnd si uernamen di schritt vnd sprach zu in: „is vs^as also geschriben vnd muest Christ also leiden vnd ersten vom tad am dritten tag vnd predigen in seim nam di rew vnd den antlas aller diet. " XXXI. Di letzen am ahten tag- nacli asterii — loliannes'. Aller liebsten! alles, das geparn ist von got, über wintt di weit; vnd das [56*] ist der sig, der di weit überwintt, vnser glaub, wer ist awer er, der di weit überwintt? nuer der gelaubt, wand lesus ist gotes suu. der ist, der chomen ist durch wasser vnd 5 pluet, lesus Christus, nicht in wasser alain sunder in wasser vnd in pluet; vnd der geist ist is, der betzewgt, wann Christus ist di warhait. wann drey sind ir, di zewgniiss geben auf erde: der geist, das wasser vnd das pluet. vnd drey sind ir dew zewgnüss gebeut im himel: der vater, das wart vnd der geist vnd di drei 10 sind ains. ob wir di zeugnüss des menschen nemen, den [56''] zewg- nüss gotes ist grcesser; wann das ist di zewgnüss gotes, di grosser ist, wann er getzeugt hat von seym sun. wer do gelaubet an den gotes sun, der hat di zewgnüsse gotes an ym. Das ewaiig:elij — sand lohaunes^. 15 Au aym suntag, do ist spat ward vnd di tür warn uersperret, do di iunger warn gesammet durch der luden farcht, do chom le- sus vnd stuend enmitten vnd sprach zu in: „vrid sei mit ewch!" vnd do er das gesprach , do zaigt er in hent vnd seytten. do wur- den di iunger vra, do si den herreu sahen, do sprach er zu in: 20 „der vrid sey [57*] mit ew! als mich saut mein vater, also sent ich ew." do er das gesprach, do plies er vnd sprach zu in: „uemt den heiligen geist! wem ir uergebt ir sunt, dem werdent si uerge- ben vnd wem irs behabt, dem werdent si behabt." Thomas der genant ist Dydimus, der zweiten ainr, der was nicht mit in, do 25 lesus chom. do sagten im di andern iunger: „wir sahen den herren." er sprach zu in : „ ich sech denn di hent mit den loechern 1) 1. Brief 5, 4-10. 2) Evmig. 20, 19—31. 32 STEJSKAL der negel vnd ich leg mein vinger an der nagel stat vnd ich leg mein hant in sein seitten , ich gelaub sein nicht." vnd nach acht 30 tagen warn [57"] awer di iunger do inn vnd Thomas mit in. do chora lesus bei uersparter tür vnd stuend vnder iu vnd sprach : „der vrid sey mit ew!" do nach sprach er: „Thoma, la her dein vinger vnd siech mein hent vnd stas dein hant in mein seitten vnd wis nicht vngelaubig, sunder getraw!" do antwurt Thomas spre- 35 chund: „mein herr vnd mein got!" do sprach zn im lesus: „Thoma, wann du mich gesehen hast, gelaubstu; die sind salig-, die nicht habent gesehen vnd is doch gelaubent." lesus begie aucli andrer zaihen vil zu gesiebte seinr iunger, di nicht geschriben sein an disem puech ; [58"] dis sind awer geschriben, das ir gelaubt, 40 das lesus ist gotes sun vnd das si gelaubund das leben haben in seim namen. XXXII. Di letzen am audern suiitag' — sand Peter i. Aller liebsten! Christus hat gellten vm vns vnd hat ew las- sen das pilde, das ir nach uolget seinn fuesparn; der di sunt nicht hat getan noch trugenhait funden ist iu seim munde; vnd so er 5 gescholten ward, er sprach nicht wider übel; wann er led, so draot er nicht, awer er gab sich dem richtunden vnrechtleich ; wann er vnser sunt getragen hat in seim leichnam auf dem holtz, das wir den sünten [ 58*^1 tad der gerechtichait lebten, des pressten wir ge- hallt sein, wann ir seit genesen sam di ierren schaf vnd nu seit 10 ir bechert zu dem herttaer vnd pischolf evverr sei. Das ewaiigelij am andern sun tag- — lohannes^, „Ich pin ein guet hertter, der geit seinn leib vm seinew schaf. der mietman, der nicht hertter ist vnd des aygen di schaf nicht sein, so er siecht den wolf choemen , so la^t er di schaf vnd fleucht; 15 vnd zukt der wolf di schaf vnd zestrewet di schaf. der mietman der fleucht, wann er ist ein mietman vnd gehorent zu im nicht di schaf. ich pin ein guet hertter vnd erchenne di meinn vnd [59"] erchennent mich di meinn ; als mich mein vater erchennet, also erchenn ich den vater; vnd gib meinen leib vm meine schaf vnd 20 han auch andrew schaf, di nicht sind aus disem schaf haus; di mues ich her fueren vnd horent si mein stymme vnd wiert ain schaf haus vnd ayn hertter." 1) 1. Brief 2, 21 — 25. 2) Evang. 10, 11-16. AI,TDEDTSCHE PERIKOPEN 33 XXXIII. Di letzen am dritten ' suntag — sand Feter ^. Aller liebsten! ich pitt ew, als her chömeu vnd pillgreiui, ew iiiii zehabeii var vleischleicheü begiren, di do ritternt wider devv sei; ewerii wandel vnder den lewteu gueten habt, das an dew, das si übel von ew sprechent als von den übel tiet [öy""] t«3rn, aus gue- 5 ten werchen ew merk vnd glorificieru den herren an dem tag der besuechung. west vndertau aller nienschleicher creatnr durch got oder dem chüuig als vürgeunden oder dem hertzogen, als di von im gesant sind zu einer räch der po3seu vnd eim lob der gueten; wann also ist der will gotes, das ir wol tueuud gestummet des vnwitzi- 10 gen menschen unerchantnüsse ; als di vreyen nicht als bedechung habund der poesen vreyhait, sunder als di diener gotes. all ert, pruederschaft habt lieb, got furchtt, ert den chünig. ir diener! seit vndertan [G0*| in aller faricht den herreu, nicht alain den gueten vnd den ma3ssigen, sunder auch den vngeardenten ; wann das ist di 15 genade in Christo lesu vnserm herren. Das ewangelij — sand Ioliannes\ lesus sprach zu seinn lungern: „is ist ein wenich zeit, das ir mich nu nicht secht ; vnd ist awer ein churtzew zeit , das ir micli secht: wann ich var zu meini vater/' do sprachen sein iunger zu 20 einander: „was ist, das er spricht: is ist nicht lanch, das ir mich nicht secht, vnd awer churtz, das ir mich secht; wann ich var zu meinn vater ? was ist, das er spricht ein wenich ? wir enwissen , was er [60''] maint.'' do wesst Jesus wol, das si in wolteu vragen vnd sprach zu in: „ir vragt vnder ew von dem, das ich sprach: is ist 25 nicht lanch, das ir mein nicht secht vnd aber nicht lanch, das ir mich secht. werleich, werleich sag ich ew, das ir traurt vnd waint vnd das sich di weit vrewet vnd ewr trauren wirt gecheret in vrewd. so das weib gepiert, so ist si traurig, wann ir zeit ist chomen; so si aAver das chind gepiert, so gedenchet si nicht der no3t von der 30 vrewd das ein mensch ist geparu in dise weit, vnd ir habt nu vnfrewde, ich gesiech ew awer vnd vrewt sich denn [6rj ewr hertze vnd nimt niemen di vrewde von ev^." XXXIV. Di letzen am vierdeu* suntag- — sand lacob". Aller liebsten ! alle peste gab vnd aller uolchomniste gab ist chömund von oben her ab vom vater des Hechtes, pei dem nicht 1) Hs.u]. 2) 1. Brief 2, Jl -19. 3) Erany. 16, IG — 22. 4) m. iiij. 5) Katholischer Brief 1, 17 — 21. ZEITSCHR. F. DEUTSCHE PHELOLOGIE. BD. XII. 3 34 STEJSKAL ist uerwandlung noch der stund vinstermlsse. willichleich hat er 5 vns geparn mit dem wart der Avarhait, das wir sein ein anfanch seinr creatur. ir wisst, mein liebsten prueder! sunder is sol seyn ein igleich mensch snell zu hören vnd tra^g zu reden vnd auch trseg zum zarn. wann der zarn des mannes würcht nicht di gerech- tichait [61''] gotes. darum werift ab allew vurainchait vnd alle 10 genueg der pashait; in senftmüetichait enphacht daz ingeseet wart, das gehailn mag. Das ewaugelij - sand loliauues '. lesus sprach zu seinn lungern: „ich gen wider zu dem, der mich hat gesant; vnd vragt mich ewr chainr: wo wildu hin? nu 15 hau ich ew gesagt, das ewer hertz traurent. werleich, werleich sag ich ew: is ist ew guet, das ich var; ob ich nicht hin var, so chumt der heilig geist nicht zu ew; chüni awer ich dar, so sent ich ew in. so der denn chümt, so strafft er die weit vm di sunde [62'j vnd vm das recht vnd vm das gerichte : vm di sünde, das si 20 nicht an mich gelaubent; vm das recht, das ich var zu meinem vater vnd mein uu nicht secht; vm das gericht, wann der füersst dierr weit ist gerichtet, ich han ew noch vil zesagen, ir mügt sein awer nu nicht getragen, so awer chümt der geist der warhait, so lernt er ew alle warhait. er redt nicht von im selben , sunder 25 was er hört, das redet er, vnd swas chunftig ist, das chündet er ew. er eret mich, wann er nimt von dem meinem vnd chundet is ewch." XXXV. Dew [62'*] letzen am fünften suntag — lacobus^. Aller liebsten! weset wiircher vnd nicht alain horaer betrie- gund ew selbe, wann wer ein hoerer ist des wartes vnd nicht ein würcher, der wirt geleichent eym manne, der do merkt das antlütz 5 seinr puerd in einem spiegel; er merkt sich vnd gie vnd zehant uergas er, wietan er was. wer awer siecht in der ee der uolcho- menn vreyhait vnd beleibt nicht ein horaer, der uergessen ist war- den, sunder ein würcher des werchs, der wiert saelig an seinem werch. awer wer sich warnet geistleich sein vnd zamet nicht sein 10 [63*1 zunge, der geistleichait ist eytel. ein raine geistleichait vnd vngemailigtew pei got dem vater ist dew: besuechen die waisen vnd witibeu in irem truebsal vnd vngemailigt sich behüetten var dierr weit. 1) Evang. 16, 5 — 14. 2) Katholisclier Brief 1, 22 — 27. ALTDEUTSCHR PRRIKOPEN 35 Das ewiiiig-ellj — loliainies >. lesus sprach zu seinii iungern: „werleicli, werleicli ich sag 15 ew : ob ir icht pitt den vater m meiiu namen, das geit er ew. vntz her habt ir nicht gepeten in meini namen. pitt vud euphaclit, das ewr vrewd werd erfüllet, das hau ich mit ew geredt in gleiehnüs- sen; nu ist di zeit chomen, das ich mit ew nu Jiiclit rede in gleich- [63"! missen , sunder offenleich chünd icli ew von meinem vater. des 20 selben tages pitt ir in in meinem namen vnd sag ich ew nicht, das ich pitt vür ew meinn vater; der vater hat ew lieb, wenn ir mich lieb habt vnd gelaubt, das ich von got pin. ich fuer von dem vater vnd chom in dise weit; nu lasse ich aber di weit und var wider zu meim vater." do sprachen zu im sein iunger : „ nu redestu offen- 25 leich vnd sprichst chain gleichniisse. nu wisse wir is wol, das du is alles waist vud ist nicht düerft, das dich iement vrag. do an gelaub wir, das du von [64*J got chomen pist." XXXVI. Di letzen am moutag- in der petwoclien — Iaeobns2. Aller liebsten! uergecht an einander ewer sünten vnd pitt vnr einander, das ir gehallt Avert; wann vil frumet entzigs gepet des gerechten. Helyas was ein leidleich mensch vns geleich vnd pat des gepetes, daz is icht regna^t auf erde; vnd is regent nicht drew 5 iar vnd sechs maneid ; vnd awer pat er vnd der liimel gab den regen vnd di erde gab ir frucht. awer welher vnder ew ierr get von der warhait vnd das in iement bechert, der sol wissen, wann wer bechern macht den sünter [64''] von dem ierrsal seins weges , er hallet sein sei vom tade vnd bedekt di menig der sünden. 10 Das ewaug-elij — sand Liicas^. lesus sprach zu seinn iungern: ,, welher ewr hat einn vrewnt vnd chumt zu dem vm mitte nacht vnd spricht zu im: vrewnt, leich mir drew prat, wann mein vreunt ist müeder chomen zu mir vnd hau nicht, das ich vür in leg; vnd der inderthalb antwurt im: 15 müe mich nicht, is ist mein gadem uersperret vnd sint meine chind pey mir in dem gadem , ich mag nicht auf gesten , das ich dir gebe ; vnd dar über stet er chlophen vnd ob er auf [65"] stet vud im darum nicht geit, das er sein vreunt ist, vnd stet doch auf vnd geit im durch sein vngestüemchait vnd geit im swie vil er bedarf. 20 ich sag ew: pitt, so wirt ew gegeben; suecht, vnd ir vindt; chlopht vnd so tuet man ew auf. swer pitt, der nimt; vnd swer suecht, 1) Evang. IG, 23—30. 2) Katholischer Brief 5, IG— 20. 3) Evamj. 11, 5—13. 3* 36 STEJSKAL der vint; vnd dem chlophunden wirt auf getan, welher ewr pitt den vater des prates vnd geit im einen stain? oder des vischs vnd 25 geit er im viir den visch ein slangen? oder ob er pitt des ayes vnd peutt im den scorpeu? ob ir poesen chünt di gueten geben ewern chinden , michels [66^] mer ewr vater von himel geit den gue- ten geist den, di in do pittent!" XXXVII. Di letzen am auffart tag an der zw elf poten puech'. Di erst red han ich getan von den , Theophile , do lesus gefie zetuen vnd lern, vntz an den tag, do er gepat den zwelfpoten durch den heiligen geist di er erweit het, vnd auf genomen ward; den 5 er auch erpat sich selb lebund nach seim leiden in vil bewernüsse, viertzk tag erschain er in vnd redt von dem reich gotes. vnd do er mit in geas , do gepat er in , das si uicht naher cha3men von lerusalem, sunder das si warttseten der [66*| gehaisse des vater „di ir gehört habt," sprach er, „ durch meinen muud. wand lohan- 10 nes hat getaufet in dem wasser, awer ir wert getauft in dem hei- ligen geist nicht nach vil tagen." vnd di zesamm warn chomen, do vragten in vnd sprachen: „lierr, geistu in der zeit wider das reich Israel ? " vnd er sprach zu in : „ is ist nicht ewr chennen di zeit vnd di stunt, di der vater hat gelegt in seinn gewalt; sunder 15 ier wert nemen di tugent des heiligen geists, der in ew chnmt vnd wert mir zewg daz lerusalem vnd in aller ludea vnd Samaria vnd vntz an das [66''] ende der erden." vnd do er das gesprach in zu gesiebte , ward er auf gehebt vnd das gewolchen enphie in var iren äugen, vnd do si auf sahen gen himel in gen, nemt war, zuen 20 man stuenden pei in in weissem gewaut vnd sprahen: „ir man von Galylee, wes stet ir sehund gen himel? der lesus, der von ew genomen ist inn himel, also chümt er, sam ir in habt gesehen geunden inn himel." Das ewangelij — lohaunes^. 25 Di aindlef iunger sassen pey einander ze lerusalem , do erschain in lesus vnd strafft sew vm ir vngelauben vnd vm di liertte ires hertzen; wann di |67''| in beten sehen ersten, di gelaubten sein nicht, vnd sprach zu in: „get in alle weit predigen das ewangelij aller creatur! der gelaubt vnd getauftt wirt, der wiert behalten; 30 der nicht gelaubt, der wirt uerdamt. disew zaichen uolgent den, l) Apostelgesch. 1, 1 — 11. 2) Evang. Marci 16, 14 — 20. ALTDEUTSCHE PERIKOPEK 37 die do gelanbent : si wei'ttent di tiefel aus in ineim namen , si ledent mit iieweii zuiigeii, si hebeiit di slangen auf mit der haut vnd ob si etwas toedleichs trinkent, das schadet in nicht, auf die siechen legent si dew hent vnd si werdent gesunt.'' vnd vnser herr lesus do nach vnd er geredt mit in, do ward er geno [ß7''l man inn 35 himel vnd sitzt zu der zeseui gotes. si wurden predigen allenthal- ben mit der hilft" vnsers harren, der ir red bestictt mit zaicheu, di do nach uolgteu. XXXVIII. Di letzen siiii suiita!? »ach der auffart sand Peter'. Aller liebsten! seit witzig vnd wacht an den gepeten. awer var allen dingen habt in ew selb entzigew gemaiue lieb, wann di lieb bedekt di meuig der sunteu. seit wiertleich an einander an murmeln, ein igleich als er enphangen hat die genade, mit ein 5 ander tailt sei, als di gueten aus gewahr der manichgestalteu gena- den gotes. wer redt als di red go [68"] tes; welher dient als aus der tugent, di got uerleicht, das in allen dingen got geert werde durch lesum Christum vnsern lierren. Das ewangelij des selben tag — Johannes^. 10 lesus sprach zu seinn lungern: ,,wenn der troestleich geist chumt, den ich ew sende vom vater, den geist der warhait, der do chumt von dem vater, der do sagt von mir urchünde. vnd ier sagt^ urchunde von mir, wann ir von anigeng seit mit mir gebesen. das han ich mit ew geredt, das ier icht wert geergert. si sundernt 15 ewch von der menig; nu ist awer chomen di zeit, swer ew toett, das er w*uet, das er got gedient habe, vnd tuent [68'' | ew das, wann si ercheuuen weder den vater noch mich, darum han ich ew disew wart gesaget, so ewer zeit choem, das ir gedencht, was ich ew gesaget habe." XXXIX. Di letzen am pliingstabent au der zwelf poten puech*. In den tagen do Apollo was Coriuthi vnd Paulus übergangen het di obrem tail vnd chom Ephesum vnd vand do etleich iuuger, zu den sprach er: „habt ir enphangen den heiligen geist gelaubund?" si sprachen zu im: ,,ob der heilig geist sey, haben wir nie gehört." 5 vnd er sprach in: „wew seit ir denn getauift?" si spraheu: „in lohannes tauft'." vnd is sprach Pau [69*] lus: „lohannes hat getauff't 1) 1 Brief 4,7 — 11. 2) Evang. 15, 26 — 16, 4. 3) Hs. sargt. 4) Apo- stelgesch. 19, 1 — 8. 38 STEJSKAL mit der tauflf der puesse das uolkh vnd sprach, das si an den gelaubten der chünftich waer S das ist an lesum." do si das gehar- 10 ten , do Avurden si getaufet in dem namen des herreu lesu. vnd do in auf gelegt Paulus dew hent, do chom der heilig geist über sew vnd si redten mit zungen vnd weissagten, vnd is aller mann nahen zweit', is gie Paulus in di sammung, mit gediuge redt er durch drew maneid vnd chrieget vnd ret von dem reich gotes. 15 Das ewaugelij — lohannes^. lesus sprach zu seinn lungern: „ob ir mich lieb habt, so behaltt mein [69''] gepot. vnd ich pitt den vater vnd er geit ew einn andern troester, das er mit ew beleihe ewichleich , den geist der warhait, den di weit nicht mag enphahen; wann si sein nicht 20 siecht noch enwais sein nicht, ier erchent in, wann er beleibt mit ew vnd wiert in ew wanund. ich lasse ew nicht waisen, ich chum zu ew. noch ein lutzzel vnd siecht mein di weit nicht, awer ir secht mich, wann ich lebe vnd ir lebet, an dem tag erchennet, das ich in meiuem vater pin vnd ich in ew vnd ir in mir. wer 25 meinew pot hat vnd dew behaltt, der ist der [70"] mich do lieb hat. der mich lieb hat, der wiert lieb gehabt von meinem vater vnd ich han in lieb vnd icb offen im mich selben. xxxx. Di letzen am phingsttag an der zwelf poten pueeh='. In den tagen do uolendet wurden di phingstag, do warn all iunger pey einander an der selben stat. vnd werbering geschach von himel ein don als des zuechcemunden gsehen geists vnd erfüllet 5 das gantz haus , da do waren di sitzunden. vnd erschinn die getau- ten zuug als das fewr vnd sas auf ir igieichen vnd si sind alle erfüllt des heiligen geistes vnd gevingen zereden , sam der heilige [70''] geist in gab geredig zesein. vnd is warn ze lerusalem luden geist- leich man aus aller gepuerd, di vnderm himel ist. vnd do geschach 10 die stimme, do chomen zu einander alle menig vnd ward des mue- tes geschendet; wann is hart ein igleicher in seinr zung sew reden, si erschrakten all vnd wunderten sich vnd sprachen: „nerat war, sind die nicht all von Galilee, di do redent? vnd wie hoert vuser igleicher vnser zung, in der wir geparn sein? Parthi vnd Medi 15 vnd Elamiteu vnd di do wonent ze Mesopotami, ze ludea vnd Capa- 1) Hs. y\'. 2) Evamj. 14, 15 — 21. 3) Apostelgesch. 2 , 1 — 11, ALTDEUTSCHE PERIKOPEN 39 docia, ze Ponto vnd [71'j Asia, ze Frigia vnd Pampliilia, zu Egypto vnd die tail Lybie, di do ist pei Cyrenen, vnd di herchomen Eoe- mer, di luden vnd di Proseliteu, di Chrielien vnd Arabes; wir haben sew gehört reden di wunder gotes!" Das ewangelij — loliannes'. 20 lesus sprach zu seinn iungern: „wer mich lieb hat, der behalltt mein wart vnd in hat lieb mein vater; vnd chomen zu im vnd haben wonung mit im, der mich nicht lieb hat, der behaltt nicht mein 1er; vnd di rede, di ir uernomen habt von mir, di ist nicht mein, suudfir des, der mich gesant hat, des vater. das hau ich ewch 25 ge [71''] sagt pei ew wonund. der heilige geist der troester, den ew der vater sent in meim namen, der lernt is ew alles vnd chün- det ew alles, das ich ew sag. meinen vrid lass ich ewch, meinn vrid sent ich ew; nicht als di weit vrid geit, ich gib ew. ewer hertz trauren nicht, noch fftrchtenn. nicht habt ir uernomen, das 30 ich ew sagt: ich var vnd chura zu ew; ob ir mich lieb habt, so vrewt ew, werleich var ich zu dem vater; wann der uater ist merr wenn ich. vnd han is ew uu gesagt, e is geschech, so is geschiecht, das ir gelaubt. ich red nu nicht vil mit ew; is ist choemen [72*] der füersst diser weit vnd hat nicht an mir, suuder das di weit 35 erchenn, das ich minne den vater; vnd als mir der vater gepat, alsam tuen ich." XXXXI. Di letzen am raontag am puech der zwelf poteii^. Petrus tet auf seinen mund vnd sprach: „man, prüeder vnd vseter ! vns hat gepoten der herr predigen dem uolkh vnd zewgen, wan er iss , der gesatzt ist von got richter lemtiger vnd tader. dem geben all propheten zewgnüsse, den antlas der snnden enphahen 5 durch seinn namen all, di an in gelaubent." do dennoch Petrus redt di wart, do viel der heilig geist über alle, di das wart [72**] harten, vnd is erschrakhten di gelaubigen aus der besneidung, dew do chomen mitPetro, wand auch in die gepuerd di genade des hei- ligen geists ist gegossen; wand si harten sew redund mit zungen 10 vnd got lobimd. do antwurt Petrus: ,, secht das wasser, wer mags gewern , das di nicht getauflft werden , di enphangen haben den hei- ligen geist als auch wir?" vnd er hiess getauft Averden in dem nam lesu Christi. 1) Evang. 14, 23—31. 2) Apostelgesch. 10, 34. 42 — 48. 40 STEJSKAL 15 Das ewangelij — loliaimes^. lesus sprach zu seinn iungern; „also minnet got di weit, das er gab seinen aingeparn sun , das alle di an in gelaubten nicht uerdurben, sunder [73"] das si haben das ewig leben, got sant seinn sun nicht in di weit, das er rieht über di weit, sunder das 20 dew weit gehailiget durch in. der an in gelaubt, den urtailt man nicht; der nicht gelaubt, der ist nu geurtailet, wann er nicht gelaubt in dem namen des aingeparn sun gotes. das ist das gericht , wann das liecht chom in dise weit vnd di lewt heten lieber di vinster wenn das liecht; irew werch warn pces. swer übel tuet, der hasst 25 das liecht vnd chümt niht zum liecht, das man nicht straffe sei- new werch. der awer tuet di warhait, der chümt zum liecht, das seine [73''] werch geoffent werden, wann si in got sind getan." XXXXIL Di letzen am eritag- an der zwelf poten puecli^. In den tagen do di zwelf poten harten, di do warn ze Jeru- salem, das Samaria enphangen heten das wart gotes, si santen zu in Petrum vnd lohannem. vnd do si chomen, do patens vür sew, 5 das si enphingen den heiligen geist; wann nicht dennoch in ir chainn er chomen was, sunder alain warn si getaufft in dem namen des herren lesu. do legt er dew hent über sew vnd si enphingen den heiligen geist. Das eAvangelij — sand lohannem 3. 10 lesus sprach zu seinn iungern: „werleich, werleich ich sag ew, der nicht in get [74*] durch di tüer in das schaf haus , sunder der als- wo über steigt, der ist ein deup vnd ein Schacher, der awer in get in das schafhaus durch die tüer, der ist hertter der schaff, dem tuet der tarwertel auf vnd hoernt di schaf sein stymme vnd rüefft 15 seinn aigenn schaffen mit namen vnd füert sew aus. so er denn di schaf aus gefüert, so get er var in vnd wolgent im di schaf vnd erchennent sein stymme. eim vroemden uolgent si nicht vnd vlie- hent von im, wann si erchennent nicht sein stymme." das pispel sagt * in lesus ; si uerstuenden awer nicht , was er maint. do sprach 20 [74^] er awer zu in: „werleich, werleich ich sag ew, ich pins di tüer der schaffe, alle di chcement an mich, das sind diep vnd rau- ber vnd erchennent nicht di schar, ich pin di tür. swer durch mich in get, der wiert heilig vnd get in vnd aus vnd viudet di 1) Evang. 3, 16 — 21 2) Äpostelgesch. 8, 14-17. 3) Evang. 10, 1 — 10. 4) Hs. sag. ALTDEUTSCHE PERIKOPEN 41 waid. der deup chumt durcli anders nicht, denn das er stele vnd slach vnd uerliese. ich chom , das si das leben haben vnd uol- 25 chommleicher haben." XXXXIII. Di letzen am iichteii tag- des pliiug'st tage« an dem puecli der taug-en lohannes i. In den tagen ich sach ein ottue tüer im himel; vnd di erst stymm, di ich hart als eins schelle harns, das mit mir redt vnd sprach: [75"! chum do herauf vnd zaig, was geschehen mues. do 5 nach zehant was ich ym geist ; vnd nemt war , ein stuel was gesatzt in dem himel vnd auf dem stuel ein sitzunder. vnd der do sas, der was geleich dem angesicht des staines yaspidis vnd sardinis; vnd ein regenpogen was in dem vmswaif des stuels. geleich dem gesiebte des stuels warn vier vnd zwaintzk gestuel vnd auf den troenn vier 10 vnd zwaintzk elter sitzund vmgeben mit weissem gewant vnd auf . ir haubten guidein chrou. vnd aus dem thron gingen plekkitz vnd stymme [75"] vnd donrr; vnd siben prinnund lampen var dem thron, das sind di siben geist gotes. vnd in dem angesichte sam das gie- sein mer geleich dem christalle vnd in mitte des stueles vnd im 15 vmswaif vier tier uole äugen hinten vnd uar. vnd das erst tier was geleich dem leben , vnd das ander tier geleich dem chalb , vnd das tritt tier het ein antliitz als eins menschen, vnd das vierde tier geleich eini vliegunden adelar. vnd der vier tier heten ir igleichs sex uetich vnd im vmswaif vnd innen sinds vol äugen vnd rue hetens 20 nicht nacht vnd tag Sprech [76''] und: heilig, heilig, heilig herr got, allmsechtiger , der do was vnd der ist vnd der chunftig ist. vnd do di tier gaben glori vnd er vnd segen dem sitzunden aufm thron, dem lebuuden von weit ze weit, so viellen di vier vnd zwaintzk eitern vur den sitzunden ym thron vnd petten an den lemtigen in 25 weit weit. amen. Das ewaugelij — sand Johannes 2. Is was ein mensch, der hies Nicodemus vnd was fursste der luden, der chom des nachtes zu lesu vnd sprach zu im : „ maister, wir wissen wol, das du von got chomen pist; is moecht di zaihen 30 niem getuen, di du tuest, is waer [76''J denn got mit im.'' lesus antwurt vnd sprach zu im: „werleich, werleich ich sag dir, niemen, denn der anderstund wirt geparn, mag gesehen das gotes reich." do sprach zu im Nichodemus: „wie mag der mensch wider geparn 1) Apocalyiise 4, 1 — 10. 2) Evang. 3, 1 — 15. 42 STEJSKAL 35 werdea, so er alt ist? oder mag er awer in sein mueter chcemeu vud anderstund werden geparn?" des autwurt im lesus: „wer- leich ich sag dir, nuer der getaufft wirt aus dem wasser vnd dem geist, das niemen mag cliomen in das gotes reich, das von dem vleisch gepara ist, das ist auch vleisch; vnd das geparn ist vom 40 geist, das ist ain geist. lass [77'] dich nicht wundern, das ich dir gesagt han, das ir anderstund muesst geparn werden, swo der geist wil, do spricht er vnd hörest sein stymme vnd waist nicht von wanne oder wo hin dew var; also ist alle dem, das von dem geist geparn ist." des antwurt Nychodemus: „wie mag das werden?" 45 des antwurt lesus sprechund: „du pist ein maister in lerusalem vnd waist des nicht? werleich, werleich sag ich dir, das wir wis- sen, das rede wir, vnd das wir sehen, das urchunde wier; vnd ir enphacht nicht vnser urchunde. ob ich ew di ierdischen dinch han gesaget, vnd ir des nicht gelau [77''] bet, vnd sagt ich ew denn 50 himlische, wie gelaubet ir mir dew? vnd niement chumt hintz himel, denn der von himel chomen ist her nider, des menschen sun , der ze himel ist. vnd als Moyses di slangen hoeht in der wüeste, also mues gehoecht vy^erden des menschen sun, das alle die, di an in gelauben , nicht ersterben , sunder haben das ewig leben." XXXXIV. Di letzen am ersten suutag- — sand Johannes i. Aller liebsten! got ist di lieb, in dew ist erschinn di lieb gotes in vns, wann seinen aingeparn sun hat got gesaut in di weit, das wir leben durch in. in dew ist di lieb: nicht als wir got [78*] 5 haben lieb gehabt, sunder wann er von erst vns hat lieb gehabt vnd hat gesant seinn sun ein genjedigung vm vnser sunt, aller liebsten! ob also vns got hat lieb gehabt, vnd wir sollen an ein- ander lieb hau. got hat niement ie gesehen, ob wir lieb an ein- ander haben, so beleibt got in vns. in dew uerste wir, wenn wir 10 in im beleiben, vnd er in vns, wann er seius geistes vns hat gege- ben, vnd wir haben is gesehen vnd zewgen is, wann der uater hat gesant seinn sun den hailant der weit, welher uergicht, [78*"] wann lesus ist gotes sun, got beleibt in im vud er in got. vnd wir habens erchant vnd gelauben der lieb, di got hat in vns. got 15 ist di lieb vnd der beleibt iu der lieb, in got beleibt er vnd got in im. in dew ist di lieb uolchomen pei vns , das wir gedingen haben an dem tag des gerichts, wann als er ist, also sein auch 1) 1. Brief 4, 8—21, ALTDEUTSCHE PERIKOPEN 43 wir in der weit, di farcht ist nicht in der lieb , suuder di uolcho- inen lieb sentt aus di farcht; wann di farcht hat pein. wer awer furcht, der ist nicht uolchomen in der lieb, darum hab wir lieb, 20 wann oot hat vns e lieb gehabt, wer do spricht: „ich han got lieb" vnd hasst seinn prneder , der [79*] ist ein lugner. wann wer nicht lieb hat sein prueder, den er sieht, got, den er nicht siecht, wie mag er den lieb gehaben? vnd das pot haben wier von got: wer got lieb hat, daz auch er seinn prueder lieb hat. 25 Das ewang-elij — Lucas". lesus sprach zu seinn iungern: „is was ein reicher mensch, der was gechlaidet mit phelle vnd mit wisse vnd sas all tag mit wiertschaft. vnd was ein armer petlser, der hies Lazarus, der lag zu seinr tnr uol seres vnd begert sich ze satten von den prasem, 30 di do viellen von des reichen tische; vnd di gab im niement, sun- der di bunt chomen vnd lekhten seine geswer. is geschach also, [79"] das der arm starb vnd ward getragen von den engelen in Abra- hams schass. do starb auch der reich vnd ward begraben in der helle, do tet er auf seinew äugen, do er was in den weitzen, do 35 sach er Abrahamen ferr vnd Lazarumm in seinr schasse vnd ruefft sprechund: „vater Abraham, erparm dich über mich vnd la Laza- rum, das er stasse den aussristen tail seins vingers in ein wasser, das er chüel mein zunge, Avann ich priun in disem fewr." do sprach zu im Abraham : „ sun , gedench , das dus guetes hiett in deim leben 40 vnd Lazarus als Übels; nu wiert er getrcesst, awer du geweitzigt. vnd von den allen, so ist [80"] zwischen vns vnd ew gefesstent ein grassew ferr, das di von vns hin zu ew nicht chomen mügen, noch von dann her wider.'' do sprach awer der reich: „ich pitt dich vater, das du in sendest in meins vater haus; ich han noch fümf 45 prueder, das er den sag, das si icht choemen an disew stat dierr weitz." vnd is sprach zu im Abraham: „si habent Moysen vnd ander weissagen ; di hörn." do sprach er awer: „swer also von den taden chümt hin zu in, so enphahen si puess." do antwurt im Abraham : „ ob si Moysen vnd di weissagen nicht horent , swer denn 50 also von den taden erstet, dem gelaubent si." xxxxv. Di letzen ^ am anderii [80''] sautag- — loliaiines ^. Aller liebsten ! ir sult ew nicht wundern , ob ew die weit has- set. Avir Avissen, das wir gefuert sein vom tad zum leben, Avand 1) Hs. loh'ues, von jüngerer hand durchgestrichen tmd am rand Lucas geschrieben. — Evang.16, 19 — 31. 2) Hs. letz. 3) 1. Brief 3, 13 — IS. 44 STEJSKAL wir haben lieb di pmeder. der nicht lieb hat, der beleibt im tad. 5 ein igleiher, der do hasst seiun prueder, der ist ein mausleg vnd ir wisst, das ein igleich mansleg nicht hat das ewig leben in im beleibund. in dew erchenn wir di lieb gotes, wann er vür vus hat gelegt sein sei vnd wir süllen di sei vur di prueder legen, wer do biet das gelt der weit vnd siecht seinn prueder die nadtuerft leiden 10 vnd besleüst sein gewaid var im, wi beleibt di [81"] lieb gotes in im? meine chindel! nicht hab wir lieb mit dem wart vnd mit der zung, sunder mit dem werch vnd der warhait. Das ewang-elij am suntag — Lucam^ lesus sagt seinn lungern: „ein mensch macht grassew wiert- 15 Schaft vnd lued manig vnd saut seinn chnecht, do man essen solt, das er den sagt di geladen warn, das si chssmen, is wser ^ alles berait. do begunden si sich all entsagen, der erst sprach zu im: „ich hau ein darf chaufft vnd mues drat hin aus gen vnd das bese- hen; ich pitt dich, das du mich beredest." der ander sprach: „ich 20 hau fünf loch achsen chauft vnd mues gen di [81*'] uersuehen; ich pitt dich, das du mich entschuldigst." der dritt sprach: ,,ich hau ein weib haim gelaitt vnd darum mag ich nicht chcemeu." vnd do der chnecht wider chom , do sagt er das seim herren. do ward der wiert zarnig vnd gepat seinn chnechten: „get drat an di Strasse vnd 25 an di gassen vnd fuert her in di armen vnd di hufhaltzen, di plin- ten vnd di chrumpen." do sprach zu im der chnecht: „herr, is ist geschehen, sani du geputt; vnd ist noch ain stat." do sprach der herr zu dem chnecht: „ge aus vmb di wege vnd vm di zewn vnd ncett sew her in ze gen, das mein haus [82"] erfüllet werd. ich 30 sag ew , das der mann chainr , di do geladen sind , enpeisseu moins essens nicht." XXXXVI. Di letzen 3 au dem dritten* suntag* — sand Peter '^. Aller liebsten ! wert gediemmuetigt vnder di gewaltig haut gotes, das er ew hoech an der zeit ewerr haimsuechung. allen ewern vleis werfft an in, wann iem ist sarg vm ew. west uiiecht 5 vnd wacht ; wand ewr widerwech , der teufel , als ein leb winnunder get er um vnd suecht, wen er vresse; dem widerstet stark au dem gelauben vnd wisst, das selb leiden geschehen ewerr pruederschaft, di in der weit ist. awer got aller genadeu , der vns geladen [82''] hat in sein ewige glori in lesu Christo , wenich gellten er uolpriugs 10 staes vnd festens. im sei glori vnd gewalt in weit zewelt. amen. 1) Evang. 14, 16—24. 2) Hs. w'. 3) Hs. letz. 4)ifs. iij. 5) 1. Brief 5, 6—11. ALTDEUTSCHE PERIKOPEN 45 Das ewangelij am dritten ^ suutag — Lxicas 2. Is nahenteu di otteu süuter vnd di sünter zu lesii, das si in harten, vnd der luden pischolf vnd Schreiber murmelten sprechund: „ er enphiecht di offen sünter vnd isst mit in." do sagt in Jesus ein gleiclinusse ; .,\velher ewr liat hundert schaf vnd vleust er ains von 15 den , er Iset di newn vnd newntzich in der wüeste vnd get dem nach, das do uerlarn ist. vntz ers vindt, so nimt ers vrceleich auf sein acliseln vnd chümt haim vnd ladet seine [83*] vrewnt vnd sein nach- paurn vnd spricht: vrewt ew mit mir, wann ich han mein schaf fluiden, das uerlaren was. ich sag ew, das auch also ein vrewde 20 zehimel wiert von ainem sünter, der sich Iset rewen sein sünde, mer denn vm newn vnd newntzichk gerechter , di nicht puesse bedürffen. oder welch weib hat zehen dragma vnd uerleust si aine, si zünt ir latern vnd chert das haus vnd suecht vleissichleich , vntz si is vin- det. vnd so si is vindt, so ladet si ir vrewnt vnd ir nachpauriun 25 vnd spricht: vreut ew mit mir, wann ich han funden mein dragma, di ich uerlarn [83''] bet. also sag ich ew: vrewd wiert von gotes engein von ayni sünter, der sich bechert." XXXXVII. Di letzen am vierden^ suntag: — sand Paul*. Prüeder ! ich wsen , das nicht gegenwürtigew leiden sein dierr zeit zu der chünftigen glori, di in vns geoffent wirt; wann di wart- tung der creatur dei- offnung der gotes chind gepeitt. der eytel- chait ist di creatur vndertan, an willen, sunder durch in, der sei 5 vnder gewarffen hat in gedinge; vnd auch die creatur zerlest wiert von dem dienst der zerleidung in di vreyhait der glori gotes chin- der. wir wissen, das alle creatur sewfft vnd gepiert vntz nu. [84"] vnd nicht alain di sünter, auch wir selb, di do haben di anfeug der wünschung gotes chinder vnd der erlasung vnseres leicbnams in 10 Christo lesu vnserm herren. Das ewang^elij an dem selben suntag- - Lucas ■•. lesus sprach zu seinn lungern: „seit parmhertzig als ewr him- lischer vater parmhertzig ist ; urtailt niement , das ir icht uerurtailt wert; uergebt, das auch man evv^ uergeb; gebt, das ew werd gege- 15 ben. di guet mass vnd ein geschütte masse vnd uolle mass vnd über trieffunde di wirt gegeben in ewern puesem; mit der mass, do mit ir messt, do wiert ew mit gemessen." er sagt in auch ein 1) Hs. iij. 2) Evang. 15, 1—10. 3) Hs. lU]. 4) Brief an die Römer 8, 18 — 23. 5) Evang. 6, 36—42. 46 STßJSKAL gieicli [84''] nüsse: „wenn ain plinter den andern plinteu laittet, so 20 uallent si paid in di grueb. der iunger ist nicht über den maister ; is ist ein igleicher uolchomen , ob er ist sani sein maister. du siechst di agen in deins prueder äugen vnd merkst nicht den tram in deim äugen, wie machtu gesprechen zu deim prueder: prueder, la das ich aus werffe di agen aus deinem äugen , vnd siechst nicht 25 den tram, der in deim äugen ist? gleichsner! von erst wirf den tram aus deim äugen vnd denn siech, das du aus nemst di agen aus den äugen deines prueder." XXXXVIII. Di letzen am fünften suntag- — sand Peters. [85*] Aller liebsten! seit all ainmüetig in dem gepet, mitlei- dig, liebhaber der pruederschaft , parmbertzig, maissig, dienmuetig; nicht gebt wider pois vm guet, noch fluech vm fluech, sunder her 5 wider gesegent , wand ir in dew geladen seit , das ir den sogen im erbtail besitzt, wann wer das leben wil lieb haben vnd guet tag sehen, der straff sein zung von dem übel vnd sein lefss , das si icht trugenheit. eher ab von dem übel vnd tue guet, suech den vrid vnd ge im nach ; wann di äugen des herren liber di gerechten vnd seine 10 arn an ir gepet; awer der anplik des herren über die, di übel tuent. wer [85''] ist er, der ew schat, ob ir guet liebhaber seit? ob ir icht leit vm die gerechtichait , so seit ir salig. ir farcht furcht nicht vnd wert nicht betruebt, awer den herren Christum heiligt in ewern hertzen. 15 Das ewaug'elij — sand Lucas^. Do di menig drangen zu lesu, das si harten sein wart, do stuend er pei dem se Genazareth vnd zwai schef stuendeu pei dem mer; di vischer warn dar ab gegangen vnd wueschen ir netz, do gie er in ein schef, das Symonis was , vnd hies ins ein wenich 20 füeren von dem gestat. vnd sas vnd leret di menig ab dem scheffe. de er sich des gelaubt, do sprach er zu Symoni: [86*] „fuer is au di tieft' vnd werlft ewre netz vnd faclit." do autwurt Symon vnd sprach zu im: „pieter, wir haben alle di nacht gearbait vnd vin- den nicht; von deinem wart wierflfe ich mein netze." do er das 25 getet, do vingen si ein grasse menig der visch, das ir netz erprast, vnd winkhten den gesellen in dem andern schefte, daz si chaemen vnd in hulffeu. vnd cliomen vnd fülten pedew schef, das si sun- 1) 1. Brief 3, S—W. 2) Evcmg. 5, 1 — 11. ALTDEUTSCHK PERIKOPEN 47 chen. do das Symou Petrus ersach, do viel er im zetuossen vnd sprach: „herr, ge hiu aus von mir, wann ich pins ein sünter." in het di farcht vmgangen vnd all, di mit im do warn, do [86''J di 3U visch wurden gefangen ; vnd al sam geschach lacobum vnd lohan- nem, di sün Zebedei , di gesellen waren Symunis. do S})racli lesus zu Symonem: „furcht dir nicht; hetlauch wierstu nahen di lewt." vnd fürten di schef zu der erden vnd Hessen is alls vnd uolgten ym. IL. Di letzen > am sexteu suiitag: — saiid Paul '^. Prueder! welich wir getauft't sein in Christo lesu, in seim tad sei wir getauft, wann wir sein mit begraben mit im durch di tauft" inn tad; recht als Christus ist erstanden durch di glori des uater, alsam ge auch wir in der newung des [87*J lebens. wann 5 ob wir gephlantzet sein in der gleichnüss des tades, also werd auch wir der urstend. vnd wisst das, das vnser allter mensch auch gechrewtzt ist, das zeprochen werde der leichnam der sünteu, das wir vürbas der sunt icht dienn. wann welher tad ist, der ist gerechtigt von den sünten. vnd ob wir tad sein mit Christo, auch 10 gelaub wir, das wir leben mit Christo, vnd wisst, das Christus, der erstanden ist von dem tad, der stirbt nu nicht; der tad herscht im vnrbas nicht, wan das er tad ist den sünten , das ist er ains tad ; awer das er lebt, das lebt er got. also uerwajnt auch uns tad sein [87''] den sünten vnd got leben in Christo lesu vnserm herren. 15 Das ewaiigelij — saud Matheum^. lesus sprach zu seinn lungern : „werleich sag ich , nuer is sey denn ewer gerechtichait grcesser denn der schreiber vnd der luden pischolf, ir choemt nicht in das reich gotes. habt ir uernoraen, das den alten uerpoten ist: ir toett niement; der awer toett, der 20 wiert schuldig des gerichts? ich sag awer ewch: swer ertzürnt seinn prueder, der wirt des gerichtes schuldig; sv^er aber spricht: racha! zu seim prueder, der wirt der sammnng schuldig, awer swer spricht: tar! der wiert schuldig der helle fewer. vnd pringstu dein gab dem allter [88*] vnd gedenkst, das du wider deinen prueder 25 icht habst getan, so la dein gab var dem allter vnd gincli e vnd uersüen dich mit deinem prueder vnd chüm denn vnd pring dein opher. 1) Hs. letz. 2) Brief an die Bömer 6, 3 — 11. 3) Evang. 5, 20—24. 48 StEJSKAt, Di letzen' am sibenteii suntag — Paulus 2. Prueder! menschleich so sprich ich durch di chrankhait ewrs vleischs. wann als ir erpoten habt ewre glid zu dienn der vnrain- chait vnd der pashait zu der vurechtichait, alsara erpiett nu ewere 5 gelid der gerechtichait in di heiligung. wann do ir wart chnecht der simten, do wart ir vrey der gerechtichait. was frucht hett ir do an dew, des ir ew nu schämt? der endt ist der tad. awer nu ir [88**] seit gelcest von der sunt vnd seit warden diener gotes, so habt ir ewr frucht vnd di heiligung vnd das ent das ist das ewig 10 leben, wann der sünten solt ist der tad ; awer di gnad gotes ist das ewig leben in Christo lesu vnserm herren. Das ewang-elij — sand Matheum '-^. Do ein grassew schar was mit lesu vnd nicht heten, das si sessen, do lued er zesamme sein iunger vnd sprach: „ich erparm 15 mich über das uolkh, wann si duldent mich endritten tag vnd haben nicht, das si essen, vnd lasse ich sew fasstund haim, so erligent si auf dem wege: ir sein sumleich ferr her chomen." do antwur- [89"] ten im di iunger: „wer moech so vil prat gewinnen in der wüesste , do mit er di all gesatte ? " vnd er fragt sew : „wie manich 20 prat habt ir?" si sprahen: „sibenew." vnd er gepat der menig zesizen auf di erden vnd nam di siben prat vnd gesegent dew vnd prachs vnd gabs seinn iungern, das sis den lewten viir trüegen; vnd legtens der menig vuer. vnd beten ein wenich visch , di gese- o-ent er auch vnd hiess vür sew setzen vnd assen all vnd wurden 25 gesatt; vnd hueben auf das do über ward der prasem siben choerb. di do assen , der warn vier tausent vnd do lie er sew. LI. Di letzeu am aelitedeii suutag — Paulus^. [89''] Prueder! wir sein schuldiger nicht demvleiscli, das wir nach dem vleisch leben, wann ob ir nacli dem vleisch lebt, so sterbt ir; ob ir awer mit dem geist di werch des leichnam tojtt, 5 so lebt ir. welch mit dem geist gotes gewarcht werdent, di sind gotes sün. ir habt nicht genomen den geist des diensts awer in di farcht, sunder ir habt genomen den geist der erwünschung der chind, in dem wir schreyen: abba [vater]. wand er der geist geit 1) Hs. letz. 2) Brief an die Römer 6 , 19 — ^3. 3) Evang. Marci 8, 1 — 9. 4) Brief an die Bömer 8, 12—17. AX,TDEUTSCHE PKRI KÜPEN 49 zewgiiösse vns(n-in geist, das wir sein gotes sün. vnd sei wir snii, so sei auch erweu, zwar gotes erweii viul mit erweri Cliristi. 10 Das ewangelij am ahteu sun [90"] tag — Matheus^. Tesns sprach zu seiim iuugern: „huett ew var den falschen jiropheteu, di zu ew choement in scheffein gowant, innen sinds zu- kund wolff. pey irn wercheu erclient sew. man list nicht vonn darn di weinper vnd ab dem liagen di veigen. also pringt ein guet 15 paum di gueten vrucht, der poes pauni di poesen vrucht. der guet panm der mag nicht pws vrucht pringeu , noch der poes paum guete. welch paum nicht guet vrucht pringet, den siecht mau ab vnd legt in an das fewr. pei ier vrucht erchent ir sew. nicht alle, di do sprechent: lierr, herr! choement in das reich gotes; sun [90'] der 20 di tuent meins vater willen, der ze himel ist, der chumt iu das reich gotes." LH. Di letzeu- am ueuiiteu suutag- — Paulus''. Prueder! nicht sei wir gierig des pausen , als di begert haben, wert auch nicht aupitter der apgoetter als etleich aus in , als geschri- ben ist: is sas das uolkh essen vnd trinken vnd stuenden auf zespi- len. noch vnchewsch wir, als etleich aus in gevnchewscht haben, 5 vnd is viellen ains tages drew vnd zwaiutzk tausent. noch uersuech wir Christum, als ir etleich in uersuechten vnd uerdurben von den nateru. noch murmelt, als ir etleich murmelten vnd uerdurben von uertrei [91"] her. awer das alls geschach in in einem pilde; vnd is ist geschriben vus zu besti'affung in dew di ende der weit chomen 10 sind, zwar wer sich wsent sten, der sech, das er icht ualle. chain auweig begreiff ewch nicht, nuer di menschleich. awer got ist getrew; der is nicht leyt, das ir uersuecht w^ert liber das ir mugt; sunder er macht mit der auweig ein vursicht, das iers geleiden mugt. 15 Das ewaiigelij — saud Lucas*. lesus sprach zu sein lungern ein gleiclmusse : „ es was ein rei- cher mensch, der het aynn rnaja*; vnd ward der besagt hiutz in, das er uerwüesst biet sein guet. vnd er besant in vnd sprach zu iem: [Bl**] „was ist das ich bor von dir? antwurt mir von meiim 20 guet, wann du mäht nicht mer mein amtman gesein." do sprach der mair wider sich selb : ,,was tuen ich , wann mein herr mir nimt 1) Evang. 7, 15—21. 2) Hs. letz. 3) 1. Brief an die Corinther 10, 6^13. 4) Ecatu/. 16, 1—9. ZEITSCHß. F. DKÜTSCHE PHILOLOGIE. BD. XII. 4 50 STEJSKAL den mairhof ? ich mag nicht rewten , des allmuesens schäm ich mich, ich wais wol was ich tuen, wenn ich von dem ampt chura, 25 das si mich enphahen in irew hewser." vnd lued igleiehen gelter seins herren vnd sprach zu dem ersten: „wie vil soltu meim herren?" er sprach: ,,hundert mass oels." do sprach er zu im : „nuschreib drat funftzk." do sprach er zu dem andern: „wie vil soltu?" er sprach: „hundert mass [92*] waitz." „nim den prief vnd schreib achtzik," vnd 30 lobt der herr den mair, das er weisleich biet getan, wann die chind dierr weit weiser sind in ierr gepuerd , wenn di sün des Hech- tes, vnd ich sag ew : „ macht ew vreunt vom gnet der pashait, wenn ew enpresst, das si ew enphahen in dew ewigen hewser." LIII. Di letzen am zehenteu suutag — sand Paul ^ Prueder! ir wisst, do ir diet wart, das ir gingt zu den stum- men appgcettern, als ir gefuert wurtt. darum tuen ich ew chuut, das niement, der do in gotes geist redt, spriclit den pan lesu; vnd 5 niement mag gesprechen: der herr Jesus nuer [92'*] im heiligen geist. tailung sind der genaden , awer der selb ist der geist. is sein auch tailung der dienst vnd ist doch der ain herr. vnd tai- lung sind auch der werch, awer der selb got ist, der do allew dinch würcht in allen, eim igleiehen wiert gegeben di oft'uuug des 10 geists zu nutz, ainem wirt geben durch den geist di rede der weis- hait, dem andern di rede der chunst nach dem selben geist, dem andern der glaub in dem selben, ainem di genad des gesunts in aim geist, aim di Avurchuug der tugent, aym der weissagtum, aym di erchennung der geist, aym di mannichfaltichait der zung, aym 15 di bedewttung [93"] der rede, awer di alle würcht der ain vnd der selb geist vnd tailt igleichem als er wil. Das ewangelij am siiutag- — Lticas''. Do lesus nahent zu lerusalem vnd do er di stat sach, do waint er vnd sprach: „hietestu erchant was dir zevrid vnd zu gena- 20 den solt! nu sint si uerpargeu var deinn äugen, is werdent di tag, das dich dein veint vmgebent mit eim graben vnd besitzent vnd besengstigent dich allenthalben vnd zestörent dich vnd deine chind, di in dir sein, vnd lassent in dir ayun staiu nicht auf dem andern, darum das du nicht erchant hast di zeit deins hailes." vnd gie in 25 den [93''] tempel vnd traib dar aus di uerchauflFer vnd chaufter vnd 1) 1. Brief an die Corinther 12, 2—11. 2) Evang. 19, 41 — 47. ALTDEUTSCHE PERIKOPEN 51 sprach: „is ist geschribeii, das mein liaiis ist ein petbaus; ir habt is awer gemacht zu eiur hoel der diep." vnd was lerund tsegleich in dem tempel. LIV. Di letzen am aindlefteii suntag* — Paulus'. Prueder! ich tuen ew chuut das ewangelij, das icli ew gepre- digt hau, das auch ir uamt vnd au dem ir auch stet, durch das auch ir gehailet wert, vm welich sach ich ews gepredigt hab, ob ir is behaltt, nur ir liabt denn eytel geglaubt, ich gab ew von 5 erst, das ich auch euphaugen het: das Christus tad ist vm vnser [94*] sunt nach der schrift vnd das er begraben ist vnd das er erstueud au dem dritten tag nach der schrift vnd das er erschain Cephe vnd do uach den aindlefeu. dar nach erschain er mer denn funfhuudert prüedern , der noch vil sind , awer etleich sein tad. do 10 nach erschain er lacobum, do nach allen poteu, awer zum aller iungsten erschain auch er mir als eim wüerfling; ich pin der minst der zwelf poten vnd ich pin nicht wierdig genaut sein ein zwelf pot, wann ich hau gesecht di chirchen gotes, aber von den geua- den gotes pin ich das ich piu. 15 Das ewangelij des selben suntags [94''] — Liicas'^. lesus sprach zu seinu lungern vnd zu sumleichen, di in selb getrauten als di grechten, ditz pispel: „zwen menschen gingen auf petteu inn tempel: ain phariseus vnd ein offner sünter. der phari- seus stuend vnd pett also mit im selbe: herr got, ich sag dir 20 genade, wann ich pin nicht als ander lewt, rauber , vugerecht, huerer, als auch der publicanus. ich vasst zwier in der wocheu, ich gib meinu zeheut von allen dem , das ich han besessen, vnd der publicanus stuend ferr vnd getarst sein äugen nicht auf geheben hiutz himel vnd der slueg in sein prust vnd sprach: [95*] herr got, 25 wis gensedig mir sünter! ich sag ew, das er gie in sein haus gepes- sertter von im; wann alle di sich hoehent werdent genidert vnd di dienmüetigen werden geh5cht. ^ LV. Di letzen am zwelften suntag — Paulus*. Prüeder! einn soelchen gedreng hab wir durch Christum zu got; nicht daz wir geuueg von vus selb etwaz gedenchen von got 1) 1. Brief an die Corinther 15, 1 — 10. 2) Evang. 18, 9-14. 3) Bis hieher schrieb der erste Schreiber, das fernere rührt von der hand des zweiten Schreibers her. 4) 2. Brief an die Corinther 3, 4 — 9. 4* 52 STfiJSKAL als von vns selben, sunder vnser genueg ist von got, der vus auch 5 ffiegleich diener gemacht hat dem newen geschseft vnd nicht nach der Schrift sunder nach dem geist; di sclirift toett, aber der geist der chükht. vnd ob der dienst dez tades geformt mit puechstaben in di stain vyaz in der glori also , daz di chiud Israhel nicht mach- ten gesehen daz antlutze Moysi durch di glori seins antlütz, daz 10 gelsert wirt, wie dann nicht mer der [Oö*"] dienst dez geists wiert in glori? vnd ob der dienst dez geists in glori ist, michels mer genüegt der dienst der gerechtichait in glori! Daz ewaugelij dez selbeu suutags-- Marcus \ lesus gie von Tyro vnd chom durch Sydouem zu dem mer 15 Galylee in dem laut Decapoleos. vnd prachten iem einn tauben vnd stummen vnd pateii lesum, daz er in berüert. vnd er graif in an vnd füert in aus der meuig vnd graif im an sein aren vnd spürtzt aus vnd bestraich sein zuugen vnd sach auf hintz himel vnd sewflft vnd sprach zu im: „eflfata," daz spricht: wierd geoffent. vnd zehant 20 wurden auf gepant vnd redt recht vnd gepat in , daz sis iemen sag- ten, so er ins ie mer uerpat, so sis ie mer sagten; vnd wundert sew sein ie mer vnd sprachen: „alle diuch hat er wol getan, er hat di taren gemacht hoerund vnd di stummen redund." LVI. [96"] Di letzen am dreitcelieuteu suiitagr — Paulus ^. Prueder ! Abrahe sind gesprochen gehaizz vnd seim sam ; er spricht nicht: „seim samen," als in der gemain oder menig, sun- der als in aynem: „vnd deim sam," der do ist Christus, awer ich 5 sprich: daz geschseft, daz besta-tt ist von got, daz zespricht nicht di e, die nach vier hundert vnd dreizzik iaren gemacht ist, daz si leer daz gelub; wand ob der erbtail ist von der e, so ist er zehant nicht von dem gelüb ; aber Abrahe gab is got durch di gehaizze. waz ist di e? vm di ubergeung ist sy gesatzt, vntz daz chaem der 10 sam, den er uerliaizzen het; geardent mit den engein in di haut dez mitter; awer ain mitter ist nicht, awer aiu got ist. ist di e wider di gehaizz gotes? nicht, ob gegeben wer di e, di do macht lemtig gemachen, werleich so wer von der e di gerechtichait; aber di Schrift hat alle dinch beslozzen vuder der sunt, daz di gehaizze 15 aus dem [96*"] gelauben lesu Christi wurde gegeben den gelau- bigen. 1) Evang. 7, 31 — 37. 2) Brief an die Gulater 3, 16—22. ALTDEUTSCHE PERIKOPEN 53 Das eivang:elij am suntag — Lucas ». lesus sprach zu seiun iiuigeni: „di äugen sind saelig, di do sehent, daz ir secht! ich sag ew , daz vil weissagen vnd chüuig wolten sehen, daz ir secht vnd sahen sein nicht; vnd hoeren, daz 20 ir hoert vnd harten sein nicht." vnd stuend auf ein weiser man von der e vnd sprach in uersuechund : „niaister, waz sol ich tuen, daz ich daz ewig lehen hesitz?" er sprach zu im: „waz ist geschri- ben in der e? wie lisstu?" der antwurt im vnd sprach: „hab lieb deinn got von alle deim muet vnd von alle deim hertzen vnd von 25 aller deiner sei vnd von alle deinn chreften vnd hab lieb deinn näch- sten als dich selb." do sprach er zu im: „du hast recht ertailt; daz tue vnd du lebst." er wolt sich selb entschuldigen vnd sprach zu lesu: „wer ist mein nächster?" do sach lesus auf vnd sprach: „ein mensch gie ab von lerusalem [97*] hintz Yericho vnd viel in 30 der Schacher haut vnd di beraubten in vnd sluegen in, daz er halb tad waz vnd fuerten in hin. do fuer ein ewart den selben weg vnd do er in sach , do fuer er für. alsam tet auch ein leuit ; do er chom zu der stat vnd in sach , do fuer er für. ein Samaritanus fuer auch den weg vnd chom zu im ; do er in ersach , do erparmt er sich über 35 in vnd nahent zu im vnd pant im sein wunten vnd gas dar in oel vnd wein vnd setzt in auf sein viech vnd fuert in in seinen stadel vnd beruecht in. dez andern tagßz zach er aus zwen phening vnd gab sew dem stalmaister vnd sprach: phlig sein wol vnd waz du mit im vertzerest daz gilt ich dir, so ich herwider chüm. welher 40 der dreyr dunkhet dich dez nächster gewesen sein , der do viel in der Schacher haut?" do antwurt er im: „der di parmung an im begie." [97''] do sprach zu im lesus: „ge vnd tue alsam." LVII. Di letzen am viertzehenten suntag — Paulus 2. Prueder ! nach dem geist get , so volpringt ir nicht di gier dez fleisches. wann daz vleisch begert wider den geist vnd der geist wider daz vleisch ; wann die sind in selb an einander wider, daz ir nicht tuet waz ir weit, ob ir gefuert wert von dem geist, so seit 5 ir nicht vnder der e. is sind di werch dez vleischs often, daz ist vnchewsch, vnrainchait, vnchewsch, der appgoetter dienst , zawbrey, feintschaft, chrieg, neyd, zarn, streit, misshelunge, chetzrey, vnard- nung, hjezze, mansleg, trunckhenhait vnd frashait vnd der geleich; daz sag ich ew var, als ich ews var gesagt hau, wann welch soel- 10 1) Evang. 10, 23 — 37. 2) Brief an die Galater 5, 16 — 24. 54 STEJSKAL chew tuen, di begieiffent nicht daz reich gotez. awer di frucht dez geists ist dew lieb, vrewd, vrid, gedult, lanchmuetichait, giiet, senftmiietichait , zamhait, der glaub, di msessichait, di ent [98°'] haltung, di chewsch; wider dew ist nicht dew e. 15 Das ewangelij des selben siuintag-es — sand Lucas ^. Do lesus gie hintz lerusalem , do gie er enmitten durch Sama- ria vnd Galyleam. vnd do er gie gegen eym casstell, do chomen im zehen aussetzig mau ; di stuenden ferr vnd ruefften sprechund : „ lesu gepieter , erparm dich über vns ! " do er sew sach , do sprach 20 er : „ get vnd zaigt ewch den priestern." vnd do si gingen , do wurden si gerainigt. vnd ir ainr der di gerainigt waren, der gie wider mit lauter stymme vnd lobt got vnd viel vür sein fuezz vnd sagt im genad; vnd der waz ein Samaritanus. lesus antwurt vnd sprach zu im: „nu sind doch zehen gerainigt vnd wo sein di newn? 25 is sind niclit chomen ir chainr mer, di got lob sagen, wenn der ain." vnd lesus gepat im : „ stand auf, ge hin, dein gelaub hat dich gesunt gemacht." LVIII. Di letzen am fünf [98''] tzehenten suntag — Paulus 2. Prueder! ob wir dez geists leben, so ge wir auch nach dem geist. nicht werd wir der eyteln glori begirig , daz wir an einander raitzen oder aneinander neyden. prueder! ob bechummert wirt der 5 mensch in chainr lay misstat, ir di do geistleich sind leret di sel- ben ym geist der senftichait vnd merkh dich selb, dast icht uer- suecht werdest, ainr dez andern puerd trag , also uolpringt ir di e Christi, wann wer sich uerwaent etwaz sein vnd ist nichts, er betrewgt sich selben, ein igleicher beswser sein werch vnd also hat 10 er glori .an im vnd nicht an eim andern; wand ein igleicher wirt sein selbs puerd tragund. is sol der gemainsamen daz wart der do gelernet wirt dem, der in do lernt, in allen gueten. nicht seit ierr; got wiert nicht uerspott. wann waz der mensch sset, daz sneit er auch, wann wer sset im fleisch, der sneit auch von dem 15 fleisch [99*] di zerleidung; wer aber sset in dem geist, der sneit aus dem geist daz ewig leben, nicht geprech wir guettueund ; wann zu seinr zeit sneid wirs vnd geprechen nicht, darum di weil wir zeit haben, so würch wir daz guet zu allen, awer aller maisi zu den hausgenassen dez gelauben. 1) Evcmg. 17, 11—19. 2) Brief an die Galater 5, 25 — 6, 10. W ALTDEUTSCHE TERIKOPEN 55 Daz ewaugrelij am siiiitag: — sand Malheus '. 20 lesus sprach zu seiiin iimgeni : „ is enmag iiieint zwain herren gedienn ; er diiltt ainn viul sma'clit den andoiii. ir miigt nicht got gedieiin vnd dem rciclitum. darum sag icli ew , daz ir icht sarget ewerr sei, waz ir esst, oder ewerm leih, waz ir an legt, di sei ist groezzer denn daz essen vnd der leib grarzzer denn daz gewant. 25 secht di uogel in den liiffteu ! die Si^nt nocli sneident noch saniment in ir sta3dcl vnd ewr vater zehimel fiicret sew. ier seit tewerr denn sew. welher ewr mag gedenchen , daz er setz zu seiner gewa^chst ainr hant lauch? [99''J vnd warum sargt ir vm daz gewant? schawet di lyligen auf dem akher. wie si wachssen! si usent noch spinnent 30 nicht; ich sag ew, daz Salomon in aller seiner glori nicht waz als aine vnder den allen, ob aber daz chraut, daz heut ist vnd mar- gen wirt uerpreuuet, got also michels paz bechlaidet er ew, ir chlains gelauben! ier sfüt nicht sargen vnd sprechen: waz süllen wir essen oder trinkhen oder waz leg wir an? vm daz alles sargent 35 di haiden. ewr vater wais wol, daz ir dez alls bediirfft. suecht von erst daz reich gotez vnd sein rechtichait, so werdent ew dise allew gegeben." LIX. Di letzen am sextzehenten - suutagr — sand PauP. Prueder! ich pitt ew, daz ir nicht geprecht in meim truebsaln vm ew , daz ist ewr glori durch dez dinges geuade. prauch ich meine chnie zu dem vater vnsers herren lesu Christi, von dem allew vaeterleichait chumt, wie di genant ist in himel vnd auf erden, daz 5 [100"] er vns geh nach dem reichtum seinr glori di tugent chreftig sein durch sein geist vnd geh Christum wonen mit dem glauben in dem inueru menschen in ewern hertzen. in der lieb seit gewurtzt vnd gegruntfestent , daz ir mügt begreiften mit allen heiligen, waz sei die prait, di leng, di hoech, di tieft"; daz ir vv^isst di vurgeund 10 lieb der chuust Christi; daz ir erfüllet wert in alle uollhait gotez. awer im, der gewaltig ist zetuen uberfluzzichleicher denn wir pitten oder uersten nach der chraft, di in vns wurcht, ym sey glori in der chirchen vnd in Christo lesu in allew geslaecht von weit ze weit. amen. 15 Das ewang-elij dez selben suntags — lohannes*. lesus gie in di stat Naym vnd sein iunger gingen mit im vnd ein michlew menig. do er nahent zu dem purgtar, do trueg man 1) Evcmg. 6, 24 — 33. 2) Hs. xvj. 3) Brief an dieEph€ser3, 13 — 21. 4) Evang. Lucce 7, 11 — 16. 56 STEJSKAL einn taden her aus; der waz ein ainiger sim seiner mueter vnd di 20 waz ein witib; vnd gie ein grazzew menig mit ir. do si vnser herre er [100''] sach , do erparmt er sich über sey vnd sprach zu ir: „nicht wayu." vnd gie hin zue vnd ruert in^ di in truegen, di stuendeu stille, vnd er sprach: „iunglinch, ich gepeut dir, stand auf/' vnd sas der do tad waz vnd begunde reden, vnd er gab in 25 seinr mueter wider, si begunden in all fürchten vnd lobten got sprechund : ein weissag ist vnder vns auf gestanden vnd schawet ^ got sein volkh. LX. Di letzen am sibentzehenten suntag: — Paulus s. Prueder! ich man ew ich gefangner ym herren, daz ir wir- dichleich get in der ladung-, do ir inne geladen seit, mit aller dien- müetichait vnd seuftmuetichait ; mit gedult übertragt an einander; 5 in lieb seit fleizzig zu behalten di ainung des geists in dem pant dez vridez. ain leichnam vnd ain geist , als ir geladen seit in ainr hofFnung ewr ladung. ain herr vnd ain glaub vnd ain tauff, ain got aller vater, der über all vnd durich [101*] all vnd in vns allen, der gesegent ist von weit ze weit. amen. 10 Daz ewangelij — sand Lucas^. lesus gie eins samtztages in eins fürsten haus der phariseo- rum ezzen daz prat vnd si behielten in. vnd waz do ein mensch var im, daz het di wazzersucht. vnd lesus sprach zu den weisen an der ee vnd zu iren pischolfen: ,,sol man am samtztag di lewt gesunt 15 machen ? " si swigen. lesus begraif den wazzer süechtigen vnd macht in gesunt vnd lies in. do sprach er zu in : „welchs oechssel oder essell uellet in den prunne vnd zeuht in nicht sotzehant her wider aus dez samtztages?" vnd si machten nicht da wider gere- den. er sprach auch zu den , di geladen warn , ein gleichnüzze , wie 20 si den obristen sitz erweiten : „ so du geladen werdest zu der wiert- schaft, so sitz nicht an di obrist stat, daz leicht ein tewrerr dir icht ^ sey geladen von ym vnd daz der icht choem, der dich vnd in [101"] geladen hat vnd Sprech zu dir: gib dem di stat, vnd du denn mit schäm müezzt haben di nidrest stat. wenn du werdest 25 geladen, so ginch vnd sitz an di nidrest stat. so denn chümt der dich geladen hat vnd spricht zu dier : vrewnt ginch her auf paz , so hast du sein er var den, di do sitzent. wann wer sich überhoecht, der wiert genidert; vnd wer sich nidert, der wirt gehoecht." 1) Darüber von jüngerer hand di par. 2) Darüber von jüngerer hand besuchet. 3) Brief an die Epheser 4,1-6. ■!) Evang. 14, 1 — 11. 5) Hs. ich. ALTDEUTSCHE PERTKOPEN 57 LXI. Di letzen am achtzelienteu snutagr — saud Paul '. Priieder! ich daiich vuserm gott all zeit viii ew in der genade gotes , di ew geben ist in Christo lesu ; wann an allen dingen seit ir reich wardeu in im, in allem wart, in aller chraft; als di zewg- DÜsse Christi bestaett ist in ew, also daz ew nichts geprist in ohainn 5 genaden vnd wartt der offuung vnsers herren lesu Christi , der auch ew bestffit vutz an daz ende an misstat an dem tag der zuechunft vnsers herren lesu Christi. Daz ewangelij sand Matheus^. [102*] Is gingen saducey zu lesu vnd vragten in einr vrag in 10 veisuechund: „maister, welchs ist das maist pot an der e?" dem sprach lesus zue: „hab lieb got deinn herren von alle deim rauet, von alle deim hertzen vnd von aller deinr sei; daz ist daz maist vnd daz erst gepot. daz ander ist dem geleich : hab lieb deinn nächsten als dich selbe, an den zwain gepoten hangt gar di e vnd 15 di weissagen." vnd do sich gesamten di pharisey, do vragt sew lesus sprechund : „waz uerstet ir von Christ ? wes sun ist er ? " si sprachen: „Dauids." er antburt: „in wie haizzt in dann Dauid: herr sitz zu meiner zesem haut, vntz ich geleg dein veint zu deim fuezzschamel? ob in Dauid haizzt herr, w^ie ist er denn sein sun?" 20 vnd mach iem uiement geantwurten ains warts vnd getarsst auch an dem tag in niement nicht getragen. LXII. Di letzen =5 am newiitzehenten suntag- — sand Paul*. Prueder! wert uernewet mit dem geist ewers gemüetes vnd 1102"] legt an einn newen menschen, der nach got geschaffen ist in gerechtichait vnd in heilichait der warhait. darum legt ab di lug vnd redt di warhait ein igleicher mit seim nächsten; wand wir 5 sein gelid an einander, zuernt vnd siint nicht; di sunn sol nicht vnder gen über ewern zarn. nicht gebt stat dem tiefel. der e ge- stoleu hat, der stel nu nicht; aber mer sol er arbaitten mit seinn hauten vnd würchen daz guet ist, daz er hab von dew er gebe dem nadturft leidunden. 10 1) 1. Brief an die Gorinther 1, 4 — 8. 2) Evang. 22, 35 — 46. 3) Hs. letz. 4) Brief an die Epheser 4, 23 — 28. 58 STEJSKAL Daz ewangelij — saiid JSIatheusK lesiis gie in ein sclief vnd fuer über vnd chom in sein stat. vnd prachten vur in einn pettiiseu ligund an aym pett. do lesus sach iren gelauben , do sprach er zu dem sieben : „ chind , gelaub 15 mir, dir werdent dein simt Hergeben." vnd siimleicb scbreiber sprachen wider sich selben: der abitzt. vnd do lesus verstuend ir gedaench, do sprach er: „warum gedenkht ir libel? welchz [103"] ist pezzer ze sprechen: dir werden dein sunt uergeben oder stand auf vnd ginch? daz ir awer wizzt, daz dez menschen sun hat auf erden 20 den gewalt zu lazzen di sunt, sprach er zu dem pettrisen: stand auf vnd ge in dein haus." vnd er stuend auf vnd gie in sein haus, do daz di menig sahen, do farchten si in vnd lobten got, der samtann gewalt geit den menschen. LXIII. Di letzen am zwaintzkisteu suiitag — Paulus 2. Prueder! secht wi ir sicher get, nicht als di vnwitzigen, sun- der als di weisen ; loest zeit , wann di tag sind pcez. darum wert nicht vnwitzig, sunder verstet, welchs sey der will gotes. vnd 5 nicht wert trunken von wein, in dem di vnchewsch ist, sunder wert vol dez heiligen geists. vnd redt mit ew selb in psalm vnd loben vnd geistleichen ssengen vnd singt vnd psaliert got in ewern hertzen vnd dankht got all zeit vm all in dem nam vnserr herren lesu Christi got vnd dem vater vnd seit [103''] an einander in der 10 farcht Christi. Daz ewangelij — Matheus^. lesus redt mit seinn lungern disew gleichnuzze: „daz himel- reich ist geleich einem chünich, der ein hachtzeit macht seim sun. vnd saut sein chuecht zu den, di geladen warn zu der hachtzeit; 15 vnd enwolten nicht chcBmen, do sant er awer ander chnecht aus sprechund : ,,sagt den di geladen sein, ich hab mein mal gemacht; mein stier vnd geflvigel sind getoett vnd ist allss berait; choemt zu der wiertschaft." si versaumtens, vnd gie ainr in sein darf, der ander zu seim markht, di andern vingen sein chnecht vnd toetten 20 sew. do daz der chunich uernam, do ward er zarnig vnd sant aus di ritterschaft vnd verlas dew mansleg vnd uerprant ir stat. do gepat er seinn chnechten vnd sprach: „di prautlaft ist berait vnd di do warn geladen, di warn sein nicht wierdig; get zu den wegen 1) Evang.9, 1 — 8. 2) Brief an die Ephesero, 15 — 21. 3) Evang. 22, 1-^14. ALTDEUTSCHE PERIKOPEN 59 vnd swen ir vint, den Inert lier in." di chnecht gingen aus vnd sam- ten [104*] alle di si funden, poe/ vnd guet; vnd wurden erfüllet di 25 gesidel. do gie der chunich in, daz er gesa-ch di sitzunden, vnd sach do ainn menschen , der was nicht gechlaidet mit hachtzeitlei- chem gewant. vnd er sprach zu im: ,,vrewnt, wie pistu lier in chce- men vnd liast nicht hochtzeitleich gewant." vnd er erstumpt. do sprach der chünig zu den dienajrn: „mit gepunden tuezzen vnd hen- 30 ten werfft in in di aussrest vinster, do wirt wainn vnd grisgramen der zend. vil sind geladen, awer wenich sein der erweiten." LXIV. Di letzen am ains vud zwaintzkisteii suntag- — saiid Paul'. Prneder! wert chreftigt im herren vnd in dem gewalt seinr tugent. legt ew an di waffen gotez, daz ir mügt gesten wider di nachsetzung dez tiefeis ; wann is ist nicht zeringen wider daz vleisch vnd daz pluet, sunder wider di fürsten vnd di geweitiger, wider di 5 ardner der weit vnd dierr vinster, [104''] wider di geistleichen schalk- hait in den himeln. darum nemt di waflfen gotes, daz ir mugt widersten an dem poeseu tag vnd in allen dingen uolchomen sten. stet geguertt an ewern leichnaraen in warhait, angelegt di platten der rechtichait vnd geschuecht an ewern füezzen in di beraittung 10 dez ewangelij dez vrydes ; nemt in allen den schilt dez gelauben , in dem ir mügt alle fewreiue geschoz dez schalkhsestigisten erleschen; vnd den heim dez bailes nemt vnd daz swert dez geists, daz ist daz gotswart. Daz ewangelij — sand lohatmes^. 15 Is was ein chünigel ze Capharnaum, dez sun waz siech, do der hart, daz lesus chom von ludea her zu Galylee, do gie er zu im vnd pat in, daz er dar chaim vnd seinn sun gesunt machte; wann der wolt alebenst sterben. lesus sprach zu iem; ,,nuer ir secht denn zaichen vnd wunder, ir gelaubt anders nicht." dez ant- 20 wurt im [105"] der chunich: „herr, chüm e mein sun sterwe." do sprach lesus: ,,gincb, dein sun der lebt." er gelaubts, als im lesus gesagt het, vnd gie haim. do er nahent, da leuffen im engegen sein diener vnd sagten im: „dein sun ist genesen." er vragt sew: ,,zu welher zeit hat er sich gepezzert?" si antwurteu im: „gestern au 25 der sibenten weil, do lie in daz vieber." do erchant der vater, daz is di zeit waz, do zu im lesus sprach: „dein sun ist genesen." vud gelaubt er vnd all sein haus. 1) Brief an die Epheser 6 , 10 — 17. 2) Evang. 4 , 46 — 53. 60 LXV. Di letzen am zwai vnd zwaintzkisten ' suntag — sand Paul 2. Priieder! wir gedingen im herren lesu, der in ew angefangen hat daz guet werch, das er is volpring vntz an den tag Christi lesu; als mir daz gerecht ist enphinden vm ewch all darum, daz 5 ich ew hau in dem hertzen vnd in meinn panten vnd in dem scberm vnd hestaettung dez ewangelij, vnd gesellen meinr frewden wil [105"] ich ew all sein, got der ist mir zewg, wie ich ewr beger in der innerchait Christi lesu. vnd dez pitt ich, daz ewr lieb mer vnd mer genueg in chunst vnd in allem sinne, daz ir bewaert di pez- 10 zern, daz ir seit slechtmüetig vnd an laidigung an dem tag Christi vol der frucht der gerechtichait durch lesum Christum in glori vnd lob gotez. Daz ewangrelij — sand Matheus^. lesus sprach zu seinn lungern disew gleichnüzz: „daz himel- 15 reich ist geleich eim chünich , der wolt raittung haben mit seinn chnechten. do er begunde raitten, do pracht man yra a^ynn, der solt zehen tausent phunt. do er nicht het, daz er uergult, do hiez in sein herre uerchauften vnd sein haussfrauu vnd sein sün vnd alles daz er het vnd hies in^ gesten. do viel der chnecht viir in 20 vnd pat in vnd sprach : „wis mir gensedig , ich gilt dir is alles." der herr erparmt sich über den chnecht vnd lie in vnd uergab im auch daz gelt, vnd do er heraus [106"] chom von dem herren, do vand er ainn seinr mitchnecht, der solt im hundert phening. den vie er vnd drosselt in vnd sprach : „ gilt daz du mir solt." er viel für 25 in vnd pat in vnd sprach : „wis mir genaedig , ich gilt dir is alles." do enwolt er sein nicht tuen vnd warf in in den charicher , vntz er im vergulte. do daz di andern sahen , do wurden si traurig vnd gingen zu dem herren vnd sagten ims allez, wie is ergangen wa^r.^ do lued in der herr vnd sprach: „schalkhafter chnecht, ich lie dir 30 allez das gelt, daz du mir soldest, wann du mich sein psett. warum erparmstu dich nicht über deinn mitchnecht, als ich mich erparmt über dich?" vnd sein herr ward zarnig vnd gab in den weitzigern, vntz er wider gsebe daz gelt alles, alsam tuet auch ewr himlischer vater, ob ewer igleicher nicht uergeit seim prueder von alle seim 35 hertzen." 1) Hs. zweliften. 2) Brief an die Philixiper 1,6 — 11. 3) Evang. 18, 23 - 35. 4) Hs. ein. 5) Hs. w'. ALTDEUTSCHE VERIKOPEN 61 LXVI. Di letzeu am drei vnd zwaintzkiMten ' suiitag- — Paulus'^. Prüeder! mein uaclifolger seit vud behalt sew [106''J di nicht also geilt, als ir habt vnser pilde. wann ir vilgent, di ich evv dikh gesagt hau vnd nu sag ich ews wainuud, di feint der chrewtz Chri- sti; der ende ist di verderbnüzze, der got auch der pauch ist; der 5 glori ist in diser schendung, dew ierdischew uerstent. awer vnser wandel ist in dem hinieln, von dew wartt wir auch vnsers hailants dez herren Jesu Christi, der wider pracht hat den leichuam vnserr dieniüetichait, geleich gestalt dem leichnam seinr chlarhait nach dem werch , do er in auch alle dinch mag vndertau gemachen Jesus 10 Christus vnser herre. Daz ewaugelij — saud MatheusK Der luden pischolf gingen zerat mit einander, daz si lesum viengen an der rede, vnd sauten im sein iunger mit Herodez poten sprechund: „maister, wir wizzen wol, daz du warhaft pist vnd 15 lerest den weg gotes in der warhait vud fürchtest niement; wann du siechst nicht an di person der menschen. [107*] sag vns, waz dunkht dich recht: sol mau zius geben dem chaiser oder nicht?" do lesus erchant ir poez gedanch , do sprach er : „wez uersuecht ir mich, gleichsner? zaigt mir daz pra^kh dez zins." vnd si prachten 20 im einn phening. do sprach lesus zu in : „wez ist daz pild vnd di Überschrift?" si sprahen: „dez chaisers." do antwurt er in: „gebt dem chaiser, daz dez chaisers sei, vud got, daz gotes sey," LXVII. Di letzeu am vier vnd zwaiutzkisteii suutag — sand P'dulK Prüeder ! wir hcern nicht zepitten vnd zefaderu vm ew , daz ir erfüllet wert der erchantnüzze dez willen gots in aller weishait vnd geistleicher verstentichait ; daz ir wirdichleich get vnd got in allen dingen gefallt; daz ir frucht pringt in allen gueten werchen vnd 5 daz ir wachst in gcetleicher chunst vnd in allen tugenten bestsett wert nach der chraft seinr chlarhait in aller gedult vud lanchmüe- tichait mit frewden; daz ir dankht [107''] got dem vater, der vns wirdig hat gemacht au dem tail dez gelükhs in dem Hecht der hei- ligen, der vns hat geloest von dem gewalt der vinster vnd hat vns lu 1) Hs. xnj , vorn ein x ausradiert. 2) Brief an die PhilipparS, 17 — 4, 3. 3) Evany. 22, 15 — 21. 4) Brief an die Colosserl, 9 — 14. 62 steJskal gefuert in daz reich des suns seiner lieb, in dem wir haben erla- sung vnd antlaz der sunten. Daz ewang'elij dez selbeii suntags — Matheus^. Do lesus redt mit der menig , do gie ein fürsst vnd pat in an 15 sprechnnd: „herr, mein tachter ist mi tad; chum dar vnd leg dein hant auf sey, so wirt si lemtig." lesus der gie nach im vnd sein iunger. vnd ein weih, di daz pluet gehabt het zwelf iar, di gie hinderwertez zu im vnd berüert den säum seins gewantes vnd sprach wider sich selb: ob ich nner rfter sein gewant, ich wird gesunt. 20 do chert sich lesus vm vnd do er sey ersach, do sprach er zu ir: „tachter, wis gewis, dein gelaub hat dich gesunt gemacht." Das sein di letzen - vnd ewangelij von den heiligen. LXVIII. Di letzen zu der liechtmezz — Malachie^'. [108"] Dew spricht der herre: nim war, ich sent meiuu engel vnd er beraitt den weg var meim autlütz. vnd zehaut chumt zu seim tempel der herscher der herr, den ir suecht vnd der engel 5 dez gesch^efts, den ir weit, vnd er ist choemen, spricht der herre dez volkhs. vnd wer mag gedenchen des tages seinr zuechunft vnd wer stet in zesehen? wann er ist als ein zesamm plasund fewr vnd als ein chraut der verbser vnd er wiert setzund zesamm plasund vnd raiuigund daz silber, vnd chert di sim Leui vnd seicht &ew als daz gold vnd daz silber; vnd si werdent ophern dem herren in 10 gerechtichait. vnd is wiert dem herreu gefallen daz opher luda vnd Jerusalem als di tag der weit vnd als di ewigen iar, spricht der allmsechtig herre. Daz ewang'elij — Lucas''. Do erfült wurden di tag Marie, daz si gerainigt werden sold 15 nach der e Moysi, do prach [108"] ten si in ze Jerusalem, daz si in do stalten var got, als do geschribeu ist an der e: wand ein igleicher, der von der mueter dez ersten sey geparn, sol heilig gehaissen von got; vnd daz auch si prsechten, als geschribeu wasr^ an der e, zwo gurteltauben oder zway hüendel der tauben, ia 20 waz auch ein mensch ze Jerusalem , der hies Symeon , vnd der waz gerecht vnd farcht got vnd wartt dez trastes Israel vnd waz mit im der heilig geist. vnd eiiphie di antwurt vom heiligen geist, daz er nicht sturb , er ssech e Christ, vnd chom in dem geist in den 1) Evany. 9, 18—26. 2) Hs. letz. 'S) 3, 1—4. 4) Evang. 2, 22—32. 5) Hs. w\ ALTDEUTSCHE PERIKOPEN 63 tempel; vnd daz si do in fuerten daz chind lesum seine frewnt, daz si vm in teten nach der gewonhait der e, do nam in Symeon au 25 seinn arm vnd lobt got vnd sprach: „ nu la, herr, deinn chnecht nacli deinem wart in vryd; wann mein äugen habeut gesehen dein hail , daz du gemacht (109*|hast zu angesicht aller weit, ein offen Hecht der haiden vnd ein glori deins volkhs Israel." Lxrx. Di letzen /u der chiiuduug^ Ezechielis'. In den tagen is ist geschehen über mich di haut dez herren vnd laitt mich aus in gesiebten in dew erd Israel vnd lie mich auf einu über haben perkh, auf dem waz sani ein paw einr stat, di sich gechert biet gegen dem asterlaut; vnd füert mich do selb hin 5 iu vnd ich chert mich zu dem tar, daz do sach gen Orient, vnd is waz beslozzen. vnd der herr sprach zu mir: daz tar wiert besloz- zen ; is wiert nicht auf getau vnd chain man get durch is, wann der herr got Israel ist in gegangen durch is; vnd wirt beslozzen den fürssten. der fürst selb sitzt iu im, daz er esse daz prat var 10 dem herreu; durch den weg dez vartars dez tares get er in vnd durch sein weg get er aus. Daz ewaiigelij zder chüuduug — Lucam ^. [109^] Is ist gesaut von got ein eugel Gabriel in di stat Galy- lee, di genant ist Nazareth , zu einr magt, di wer gemahelt eim 15 manne, dez nam waz Yoseph von Dauids haus; vnd di magt hiez Maria, vnd do der engel waz in gegangen zu ir, do sprach er: „gegrüezzt seistu volle geuaden , der herr ist mit dir; gesegent pistu vnder allen weihen." do daz di magt erhart, do ward si betruebt von seinr rede vnd gedacht , wietau der gruez weer ^ do sprach 20 der eugel zu ir: „fiircbt dir nicht, Maria, wann du hast funden geuade peym herren. nu siech, du enphechst vnd gepierst einn sun vnd du haizzt seinn uam lesu. er wirt graz vnd wirt genant dez hoechsten sun; vnd geit dem got den stuel Dauids seines vater; vnd reichseut in dem haus lacob ewichleich vnd seins reiches wiert 25 nicht ende." do sprach Maria zu dem engel: „wie mag daz gesein, wann ich bechenn chainn man?" do antburt der engel vnd sprach: „ der heilig geist chumt iu dich vnd dez aller hoechsten tugent wirt dich vm schatten; vnd daz in dir geparn wirt, daz wirt genant lesus. vnd siech Elysabeth dein muem , di hat enphangen einn suu 30 1) 44, 1 — 3. 2) Evang. 1, 16 — 38. 3) Hs. w*. 64 STEJSKAL in irem alter vnd der moneid ist der sext der , di genaut ist vnper- haft; wann is wirt nicht vnmngleich pey got ein igleich wart." LXX. Di letzeu au sand Philipp und saud lacobs tag au der weisbeit puech K Is werdent sten di gerechten in grazzer staetichait wider die, di sew gesengstigt habent vnd di in ab geprochen habeiit ir arbait. wenn sy is sehent, so werdent si betruebt mit scliewtzleicher farcht 5 vnd werdent sich wnudrund der snellchait dez vngedingten hailes vnd werdent sprechund [110''] in in selb rewig vnd chlagund var angsten des geists: daz sind die, di wier etwenn in spot haben ge- habt vnd in gleichnnzz dez itwizz. wir vnsinnigen achtseten ir leben toerhaft vnd ir ende an ere. nemt war, wie si sind getzalt 10 vnder den sünn gotez vnd vnder den heiligen ist ir tail! LXXI. Au saud loliauues tag zesuiubeuteu di letzen — Esayas'^. Dew spricht der herre: beert ir inssel vnd merkht ir ferrew nolkh! der herr hat mir gerüefft von der wamp, von dem pauch meinr mneter vnd han gedacht meins namens, vnd hat mich gesatzt 5 als ein scharffes swert; in dem schadt seinr hant hat er mich be- schirmet vnd hat mich gesatzt als ein erweit geschos, in seim cho- cher hat er mich nerpargen. vnd sprach zn mier: mein chnecbt pistu, Israel; wand in dir wierd ich gewierdigt. vnd nu spricht [111"] der herr, dew formnnd mich von dem panch im zu eim die- 10 ner: ich han dich in ein liecht der diet, daz dn seist mein hail vntz an daz ende der erden, di chnnich werdent is sehent vnd di fursten werdent auf sten vnd werdent an petten den herren deinn got vnd den heiligen Israel, der dich erweit hat. m Daz ewangelij dez selbeu tag-ez — sand Lueam''. 15 Do di zeit Elisabet, daz si gepern sol, de waz erfüllet vnd si gepar einn snn. do daz ir nachpaurn vnd ir vrennt ueruamen, daz vnser herr sein parmnng biet begangen, dez sagten si im genade. vnd am achten tag do chomen si zu besneiden daz chind vnd hies- sen in nach seim vater Zachariam. vnd sein mueter antwurt spre- 20 chund : „vnr uams nicht, er sol haizzen lohaunes." vnd si spra- chen zu ir: „nu ist niement in deim gesiecht, der also haizz." vnd [111*"] winkht seim vater, wie er in sold nennen, vnd hiez im 1) 5, 1 — 5. 2) 49, 1—3. 5 — 1. 3) Evang. i, 57 — GS. AI.TDRL'TSCHK PKKIKOPEN 65 geben einn peinsel viul scliraib: lohannes ist sein naino. vnd wun- dert sew dez all. sotzeliant ward auf getan sein niund vnd sein zung vnd lobt got. daz erayscliton sein nachpaiiien vnd erschullen 25 alle disew Avart in der iudischait vnd alle, dew daz uernanien, di betracbteii in ir hertzen spreclmnd: „wen wjent ir, daz ditz cbind werdV werleicli di genade dez heiligen geists di ist mit im." vnd Zac.barias sein vater ward erfüllet wit dem heiligen geist vnd weis- sagt spreclinnd : „gesegent sey got Israel, wand er bat gebaim- 30 suecht vnd bat geniacbt erledigung seins uolkhs." LXXII. Di letzen an saud Peters tag an der zwelf poten puech *. In den tagen is sant der cbnnicb Herodez diener, daz er puez- zjpt etleicb aus der cbircben. vnd er tcett lacobum , Johannes prue- der, mit dem svvert. do er sach , daz is den luden gefiel, do [112*] legt ir zue auch Petrum zefaheu. is warn di tag derbes prates. do 5 er in gehe, do sant er in inn charcher vnd gab in vierstuud vier rittern zehüeten ; vnd wolt in nach astern vür fueren dem folkh. vnd Petrus ward behalten in dem charcher ; vnd gepet geschach an vnderlas von der chircheu zu got vm in. vnd do Herodes in nu gedacht vür zefüeren, in der nacht waz Petrus slaffund vnder zwain 10 rittern gefangner mit zwain cheten vnd di hüetter var der tür hüet- taten dez charcher. vnd nemt war, der engel des herren stueud im pey vnd ein Hecht erschain in der wonung dez charicher; vnd slueg di seytten Petri vnd wekht in sprechund : stand auf snell ! vnd is viellen di cheten von seinen heuten vnd is sprach der engel 15 zu: „wird gegiiertt vnd schüech dich mit deinn hosen." vnd er tets also vnd er sprach zu im: „vm gib dich mit deim [112''] gewant vnd volg mir nach." er gie aus vnd volgt im nach vnd wezzt nicht, wand is war waz, daz do geschach durch den engel; er want sich ein gesiebte sehen, do si durch gingen di erst vnd di ander huet, 20 do chomens zu dem eysnein tar, daz do leit zu der stat. daz ward in auch offen, vnd do si aus geund vürgingen ain gazzen, zehant do entwaich der engel von im. vnd Petrus zu im selb wider chom, do sprach er: „ nu waiz ich werleich, wann der herr gesaut hat seinn engel vnd hat mich geloest von der haut Herodes vnd aus 25 aller warttung des iüdischen volkhs." 1) Apostelgesch. 12 , 1 — 11. ZEITSCHR. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XII. O 66 STEJSKAL Daz ewaug^elij au saud Peters tag- — Matheus^. lesus chom in daz laut Cesarie Philippi vnd vragt sein iun- ger sprechund : „ wen haizzen di lewt dez menschen sun ? " si ant- 30 wurtten im vnd sprachen: „siimleich lohannem den tauffer, etleich Helyanij di andern leremiam , oder einn weis [113"] sagen." do sprach er zu in: „wen haizzt aber ir mich?" do antwurfc im 8j- mon Petrus : „ du pist Christ , dez lemtigen gotez sun.'' dem ant- wurt lesus vnd sprach zu im : „ du pist salig Symon Bariona ; waun 35 is dir weder fleisch noch pluet geoffent hat, sunder mein vater, der ze himel ist. vnd ich sag auch dir, daz du pist Petrus vnd auf disen stain paw ich mein christenhait vnd di helle parten gesigent . dir nicht an; vnd gib dir di slüzzel dez himels; vnd swaz du pin- test auf der erden, daz wiert auch gepunten zehimel vnd swaz du 40 loesest auf erden, daz wirt auch gelcest zehimel." LXXIII. An saud Pauls tag- di letzeu schreibt saud Paul"^. Prueder! ich mach ew chund daz ewangelij, daz geewangeli- siert ist von mir, wann is ist nicht nach dem menschen; noch ich hau is genomen von den menschen [113''] noch gelernt, sunder durch 5 di Öffnung lesu Christi, ir habt uernomen meinn wandel etwann in der iüdischait, wie ich über di mazz lechtat di chirchen gotez vnd erstrait sey ; vnd lert in der iüdischait über vil meinr genazzeu in meim geshecht vnd waz genuegleicher ein nachuolger meinr vaeterleichen aufssetz. awer do is im gefiel, der mich geschaiden 10 hat aus dem pauch meinr mueter vnd mich lued durch sein genad, daz er ofnset seinn sun in mir, daz ich den prediga^t in den dieteu, zehant do uolgat ich weder dem vleisch noch dem pluet; noch ich chom gen lerusaleni zu meinn vargea3renden poten, sundei^ ich gie in Arabiam vnd cham awer wider in Damasco. do nach nach 15 drein iaren cham ich gen Jerusalem Petrum zesehen vnd belaib pey im fünftzelien tag. aber chainn andern poten sach ich nicht nur lacobum, dez herren prueder. awer waz [114*] ich ew schreib, nemt war, var got ich lewg nicht. Das ewangelij — sancl Matheus^. 20 Symon Petrus sprach zu lesum: „wir haben allew alle vns- rew güeter lassen vnd haben dir nach gefolget; waz geist du vns 1) Evang.16, 13 — 19. 2) Brief an die Galater 1, 11—20. 3) Evang. 19, 27 — 29. ALTDEUTSCHli: PERIKOPEN 67 darum?" Jesus sprach zu iu: „werleicli ich sagew, daz ir mir habt gelbiget, au dem iuugisteu tag, so dez meuscheu suu sitzt auf dem stuel seiur mageuclirefte , so sitzt aucli ir auf den zwelif stüelen urtailn di zweit" gesla?cht von Israel, vud swer la^t haus oder vater 25 oder mueter oder weib oder chiud oder a'kher dunli meiuu willeu, der uymt is hundertfaltigs wider vud besitzt daz ewig leben." LXXIV. Di letzen au saiul Maria Mag-daleu tag- an der weisluiit imecli '. In lueim petlein duich di nacht lum ich gesuehet, den mein sei lieb hat; ich hau in gesuecht vud hau sein nicht funden. ich steu auf vud vnigen di stat suechund, den lieb hat mein sei. mich funden [117''] di wachter, di der stat hüetten. habt ir icht geseheu, 5 den do lieb hat meiu sei? vnd is geschach, do ich sew durch gan- gen het, do fand ich, den do lieb hat mein sei. ich hielt in vnd lazz sein nicht, vntz daz ich in in laitt in daz haus meiner mueter vud in di slaf chamer meiner gepera^rinn. Das eivcmgeUj — smid Lucas '^. JO Is pat lesum ein phariseus, daz er mit im a?sse; vnd er gie iu sein haus, vnd ein weib, di waz in der stat ein süuterinn, als si erhart, daz Jesus gesazzen waz in dem haus dez pharysei, do pracht si ein edlew salben vnd stuend hinder in pei seinu füezzen vnd begunde twahen sein fuezz mit ireu zsehern vud tn'ikent sew 15 mit irm har vnd salbet sew mit der salben, do daz der phariseus sach, der in het geladen, do sprach er wider sich selben: ob der wser^ ein weissag, so wesst er wol, wer oder wie ditz weib w;er^, di in do an rüert, daz is ein süuterinn [115"] ist. dez antwurt im lesus vud sprach : „Synion, ich hau dir etwaz zesagen." do sprach 20 er: „maister, sag dar," „zwen gelter warn schuldig eini wuecher; ainr solt im fümf hundert phunt, der ander fünftzkew. do si nicht beten, do mit si im vergulten, do uergab ers ir ietwedrem. wer het in lieber?" do antwurt Symon vnd sprach : „ich w»n der, dem mer uergeben ist." er sprach: „du hast recht ertailt." vnd chert 25 sich zu dem weib sprechuud zuSymonem: „siechstu daz weib? ich gie iu dein haus; du dwuegt nicht mein fuezz, aber si twueg sew mit irn zaBhern vud trükhent sew mit irem har; du ga^bd mir nie daz psetz, awer si liez nicht, si chusst mein fuezz; mein haubt salp- testu nicht mit oel, di salbet awer is mit edler salben; wann si hat 30 1) Hohelied 3,1 — 4. 2) Evang. 7, 30—50. 3) Hs. w*. r, * 68 STEJSKAL vil lieb gehabt, flaruni sag icli dir, ir wirt uergebeu vil siiiiden." do sprachen di mitessiier in in selben : wer ist der auch sunt uer- geit? [115''] do sprach er zu dem weih: „dein gelaub hat dich hail gemacht ; ge mit vryd ! " LXXV. Daz CAvaug-elij an riiser vraMii tag: zu der schiduug- — Lucam*. lesus gie in ein casstell vnd ein weib enphie in in ir haus ; di hies Martha, di het ein swester, di genant waz Maria, di saz auch pey dez herren füezzen vnd hart sein wart. Martha di vlais 5 sich vm den eutzigen dienst, di stuend vnd sprach: „lierr, du euruechst, daz mich mein swester Iset alain dienn ; gepeut ir, daz si mir helff." dez antwurt ir lesus vnd sprach: „Martha, Martha, du sargest vnd betruebest dich von manich dinch. ains ist doch dürf- tig. Maria hat erweit den pesten tail , daz auch ir nicht benomen 10 wirt." LXXVI. Daz ewangelij an saiid Michels tag- — saiid Matlieus^. Dew iunger gingen zu lesum vnd sprachen: „wer ist der merer in dem himelreich?" do rief lesus einen chind zu im vnd stelt is enmitten [116*] vnder sew vnd sprach: „werleich ich sag ew, 5 ir uerchert ew denn vnd wert als daz chind, ir chojmt nicht in daz reich gotez. wer sich dienmüetigt als das chind, der ist der merer in dem himelreich, vnd wer enphrecht einn samleichen in meim namen , der enphrecht mich, wer awer ergert aynn der weni- gen, di an mich gelaubent, daz ist pilleich, daz man dem hach 10 einn mülstain an sainn hals vnd sench in in di tieff des meres. we der weit var ergernüzz! is muez sein, daz chcem ergernuzz; we awer dem menschen, von dem ergrunde chümt! ob awer dein haut oder dein fuez dich ergert, sneid in ab vnd wierf in von dir; dir ist pezzer an haut oder au fuez zechomen in daz ewig leben denn 15 mit zwain heuten oder mit zwain füezzen chomen in daz ewig fewer. vnd ob dein aug dich ergert, stich is aus vnd wierf is von dir; dir ist pezzer, daz du^ aug habst [116''] choemuud in daz reich gotes denn mit zwain äugen in daz hellisch fewer. secht, daz ir icht uersmsecht ainn dierr wenigen; ich sag ew, daz ir engel zehimel 20 sehent zu aller zeit an daz antlütz meins vater, der zehimel ist." 1) Evang. 10, 38 — 42. 2) Ecang. 18, 1 — 10. 3) 1. ein aug. ALTDEUTSCHE PERIKOPEN 69 LXXVII. Daz ewaiigelij au aller heiligen abeiit — Lucas^. leöus gie ab dem perge viid stueiid au der stat des ueldes vnd sein iunger vnd ein micblew meuig der lewt von aller iudenscliaft, von Teriisaleni vnd von Maritiiuam vnd Tyro vnd Sydouem , di dar chomen Avarn, daz si in harten vnd gehailet wurden von im irem 5 Siechtum ; vnd di gemüeten von dem po3sen geist, dew wurden gele- digt. vnd alle menig begert in zerüereu , wand genad von im gie, daz alle di gesunt wurden, die in beriierteu. vnd er hueb auf sein äugen hin zu seinn lungern vnd sprach: „ir armen, ir seit sa^lig, wann daz reich gotes daz ist ewr. di seligen, di nu hungert, di 10 werdent gesatt; dew sa^ligen, di nu wainnt, di werdent lachen. [117"] ir seit s^elig, wenn ew di lewt hazzent vnd scheltent vnd ew besun- dern vnd eweru nam uerwerfifent als daz übel durch dez menschen suu willen ; ir vrewt ew an der selben weil , wann ewr lan ist graz zehimel." LXXVIII. Daz ewaugelij au aller lieilig-eu tag- — 3Iutheus'^. Do lesus sach di menig choemen zu im, do gie er auf den perkh vnd tet auf seinn mund vnd lert sew vnd sprach: „sa?lich sind di dienmuetigen , wann daz reich gotez daz ist ir. saelich sind di milten, wann si besitzent di erde. Scelich sind di wainunden, 5 wann si werdent getroesst. sgelich sind, di do hungert vnd tuersst nach der rechtichait, di werdent gesatt, sa^lig sind di parmhertzi- gen, wann di parmung chumt über sew. sselich sind, di rains hertzen sind , wann si sehent got. sseiich sind di vrydsamen , wannd si wer- dent gotez chind genant, di sind sa3lich, di ?ehtung dultent durch 10 daz [117*'] recht, der ist daz himelreich. ir seit seelich, so si ewr sechtent vnd ewr fluechent vnd ew übel sprecheut durch mich, so vrewt ew , wand ewr lan gras ist zehimel." LXXIX. An sand Laureuci tag daz ewaug-elij — saud lohanues^. lesus sprach zu seinn lungern: „werleich, wer ich sag ew, is ensterb denn daz charn des sams, daz do uellt in di erden, is beleibt ayn; stirbt is awer, so pringt is vil vrucht. wer sein sei lieb hab, der hazze sey in diser weit; vnd der sey hie hasst, der 5 1) Evang. 6, 17 — 22. 2) Evauy. 5, 1 — 12. 3) Evang. 12, 24 — 26. 70 STEJSKAL belialtt sey in daz ewig leben, swev mir dient, der nolget mir; vnd swo ich pin, do ist auch mein diener. swer mir dient, der eret meinn vater, der datz himel ist." LXXX. An Saud Matlieus tag daz ewaiigelij — Matlieus \ Tesus sach einn menschen sitzen an dem zol, der hies Matheus, vnd sprach zu im: ,,volg mir nach." vnd er stuend auf vnd uolget im. vnd do lesus gesas in dem haus, do chomen manig offen 5 sünter vnd sazzen zu im vnd zu scinn iungern. do [118'''] daz der luden pischolf sahen, do sprachen si zu seinn iungern: „warum isst vnd trinkht ewr maister mit den suntern?'" daz hart lesus vnd sprach: „di gesunten bedürffen nicht artztes , sunder di siechen, get vnd vragt waz daz ist: ich wil parmung vnd nicht opher. ich 10 pin nicht choemen zehiden di rechten, sunder di siinter." LXXXI. An Saud Andres tag daz ewangelij - sand lohanues^. Jesus gie pey dem mer Galylee vnd sach zwen prüeder, Symo- nem der genant ist Petrus vnd Andream seinn prueder, werffen di netzz in daz mer ; si waren vischer. vnd lesus sprach zu in : „ chojmt 5 nach mir, ich mach ew vischer der lewt." sotzehant liezzen si dew netz vnd neigten im nach, vnd gie vürbaz vnd vand zwen ander prueder, lacobum Zebedey sun vnd lohannem sein prueder mit Zebedey irem vater in dem scheffe puezzund ir netz, vnd er rüefft in ; si Hessen netz vnd den vater vnd gingen nach im. LXXXIL [118"] Daz ewangelij von der cliirclnveich — Lucani-^. lesus chom in ludeam vnd durch gie Yericho. vnd ein man genant Zacheus ein fürst der offen sunter vnd V7az reich, vnd der begert zesehen lesum, wer er wser; do macht er nicht von der 5 menig, wann er des leibes chlain waz. vnd lief vür vnd staig auf einen paum , daz er in gessech , wand er do vur solde gen. vnd do er chom zu der stat , do sach lesus auf vnd sprach zu im : „ Zache, eyl vnd ginch her ab drat, wann ich muez heut sein in deim haus." vnd er gie eylund her nider vnd enphie in frceleich. do daz di leut 1) Evang.9, 9—13. 2) Evatuf. Mattheei 4, 18—22. 3) Evang. 19, 1-10. ALTDEUTSCHE PKRIKOPEN 71 sahen, do iiiüimelteu si spiecliimd, daz er zu eim süiiter wter^ gechert. 10 do stiiend Zacheus vnd sprach zu lesum : ,, herr , mein giiet halbs gib ich den armen vnd ob ich ienient han uervntrewt, daz gilt ich viertaltichleich." do sprach zu im Jesus: „dem haus ist heut hail begegent, do von, daz du pist Abrahams chind. dez [119''| men- schen sun ist choemen zu suecheii vnd zu behalten, daz do ver- 15 larn waz." LXXXIII. Daz ewaug-elij von iuuehfraweii — suud fliatheum ■^. lesus sprach zu seinn iungern ditz pispel: „daz himelreich ist gleich zehen magten, di ir lampen uenient vnd gent dem preut- kan vnd der jjratit engegen. der warn fünf tunib vnd fünf weise, di fümf tumb di namen ir lampen mit in. di weisen namen ire 5 vas vnd daz 61 mit den lampen. vnd do der preutkan entwacht, do slieffen si all. zder mitter nacht chom ein ruef: secht der preut- kan chumt, get im engegen. do stuenden di magt all auf vnd zier- ten ir lampen. di tumben sprahen zu den weisen: ,,gebt vns ewers ffils, wann vuser lampen sind erloschen." dez antwurten di weisen 10 sprechund: „daz vns vnd ew nicht enprezzt, get zu den chauflewten vnd chauft is ew.'' do si gingen chauffen , do chom der prewtkan; vnd di berait warn, di gingen mit [119''1 im in zder prautloft vnd ward di tur uersperrt. zdem lessten chomen auch di andern magt vnd sprachen: „herr, tue vns auf." er antwurt sprechund : ,,werleich 15 sag ich ew, ich wais ewr nicht; wacht also, wann ir enwizzt nicht den tag." LXXXIV. Awer ahis vou den iimchfraueu — Matheus^. lesus sprach zu seinn iungern: „daz himelreich das ist geleich dem uerpargen schatzz in dem akher; welch mensch den vindet, der uerpirget in vnd var frewden get er vnd uerchauft alles, daz er hat, vnd chauft den akher. daz himelreich ist geleich eim chaufmann, 5 der suecht guetew gymme ; vnd so er vindet ein edle gymme , so get er vnd uerchauft, waz er hat, vnd chanfft sey. awer ist daz himelreich geleich eim netz, daz gewarfteu wirt in daz mer, daz do vsecht allerlay visch; vnd so is wol wiert, so ziehent sis aus vnd sitzent an daz gestat vnd lesent di gueten visch in ir vas, di poe- 10 sen werffent si aus. also wiert [120*] is an dem ende der weit, so gent aus di engel vnd sundernt di pcesen enmitten aus den gueten vnd sundernt sew in daz helle fewr; do wirt wainn vnd grysgramm 1) Hs. w'. 2) Evang.25, 1 — 13. 3) Evang. 13 , 44 — 52. 72 STEJSKAL, ALTDEUTSCHE PEEIKOPEN der zende. habt ir daz alles uernomen?" si sprachen: „ia, herr." 15 do sprach er zu in: „darum ein igleicher gelerter schreibper ist geleieh dem menschen, der ein hauswiert ist, der do vur pringt von seinem schätz newe vnd altew." LXXXV. Daz ewangelij tou eim igleiclien gotez iung-er — lohanms^. lesus sprach zu seinn lungern : „ daz gepot gib ich ew , daz ir an einander lieb habt, ob ew di weit hazzet, so wizzt, daz si mich e gehazzt hat. ob ir von der weit waert gewesen , so biet di 5 weit lieb, daz ir wser^; auch ir seit nicht der weit, wann ich han ew erweit von der weit, gedenkht meinr wart, di ich ew gesagt han : der chnecht ist nicht merr denn der herre. ob si mein geeecht habent, so sechtents auch ewr; obs meine wart behaltent, [120*'] so behaltens auch di ewern. daz tuent si ew als durch meinn willen; 10 wann si erchanten in nicht, der mich do sant. vnd wser ich nicht choemen vnd biet ins nicht gesagt, so hietens nicht di sunt; nu mugen si sich nicht entschuldigen von iren sunten. der mich hazzt, der hazzt ouch meinn vater. ob ich di werch nicht biet begangen, di niemt ander macht getuen, so bieten si der sünden nicht; nu 15 habent sis gesehen vnd hazzent mich vnd meinn vater, sunder daz di wart erfüllet werden, di an ierr e geschriben sind: si hazzent mich." Ein seqencen vom heilig'en g-eist. Chüm , heiliger geist , geus aus di himlischen stral deins Hech- tes, chum ein vater der armen, chüm ein gewer der gab, chum ein liecht der hertzen. aller pesster troester, ein suezzer gast der sei, 5 ein suezzes taw ! in der arbait pistu ein rue , in der hitz pistu ein chüel, in dem wainen pistu ein vrewd. o aller sseligistez [121*] lieht, nu erfülle di inuerchait der deinen gelaubigen hertz; wann an dein hilff in den menschen nichsnicht ist vnd nichtez sauber noch rain an yn ist. wasch daz vnflstig ist, begews daz dürr ist, 10 mach gesunt daz uerwunt ist, prauch daz ungeslacht ist, erhitz daz do ehalt ist, rieht daz uerierrt ist; gib vns der tugent Ion, gib vns ein sffilige hinfart, gib vns di ewig vrewd. amen. 1) Evang.15, 12. 18 — 25. 2) Hs. w'. ZNAIM, FEBRUAR 1880. KARL STEJSKAL. 73 GAHMUEETS WAPPEN. Haupt bat iu seiner Zeitschrift f. deutsch, alterth. 11, 46 fgg. bei gelegenbeit des nachweises, dass die in Wolframs Parzival 490, 15 und 498, 20 begegnenden Ortsnamen steirisclien örtlichkeiten entspre- chen, auch die Vermutung ausgesproclien, der pantlier, der Parz. 101, 6 als Gahmurets von seinem vater ererbtes wappen angegeben werde, möge mit dem wappen von Steiermark, einem weissen panther in grü- nem felde, in irgend welchem zusanimenliange stehen, hat aber zugleich vorsichtig hinzugefügt, dass er diese beziehungen zu Steiermark nicht zu erklären wisse; denn die Ortsnamen wie das wappen seien nicht etwa wilkürlicher zusatz Wolframs, sondern müssen bereits dem fran- zösischen gedichte Guiots angehört haben. Nun stamte aber Guiot, nach einer noch ungedruckten Unter- suchung des herrn prof. Zacher, aus einer der drei nebeneinander lie- genden grafschaften , Anjou, Maine, Touraine, höchst wahrscheinlich aus Anjou selbst, und hat sein gedieht verfasst für seinen damaligen landesherren , für den aus dem grafenhause von Anjou entsprossenen könig Heinrich IL Plantagenet von England (1154 — 1189). Und fer- ner hat Guiot, ein sehr gelehrter, viel belesener und denkender mann, den vater Parzivals, Gahmuret, sowie seinen bruder Feirefiz und sei- nen söhn Loherangrin zu der altüberlieferten, von ihm aber höchst geschickt neu aufgestuzten geschichte mit wol bewuster und überlegter absieht deshalb hinzugefügt, um durch die genealogische Verknüpfung mit ihnen das fürsteuhaus von Anjou zu verherlichen; und diesem zwecke gemäss ist auch in einer für seine Zeitgenossen eben so anziehenden als wirksamen weise dasjenige gestaltet, was er von ihnen erzählt. Demnach liegt die Vermutung nahe, dass er auch durch die ausstat- tung Gahmurets mit dem augeblich bereits väterlich ererbten wappen des panthers eine höfische Schmeichelei beabsichtigt habe, die zwar unhistorisch war, weil Anjou die französischen lilien im wappen führte,^ für welche er aber nichts destoweniger algemeines Verständnis und bei- fällige aufnähme erwarten durfte. Zur begründung dieser Vermutung ist erforderlich , dass geschichtlich nachgewiesen werde , dass der pan- ther, mit welchem Guiot den Gahmuret und folglich auch dessen söhn Parzival , den hehren , iu mystischer Verklärung gefeierten urahn des hauses Anjou ausgestattet hatte, wie er gegenwärtig das englische 1) Ob vielleicht das haus Gatinais, welches nach dem aussterben des alten grafengeschlechtes (1060) die grafschaft Anjou erlaugte, in seinem familienwappen den panther geführt habe, vermag ich freilich nicht zu sagen. 74 HOETZSCHANSKY Wappen schmückt, so auch schon zu Heinrichs II zeit demselben angehört habe. Und dieser beweis lässt sich mit voller Sicherheit erbringen. Sir Burke, grossbritannischer king of arms für Ulster, in sei- nem „The general Armory of England, Scottland, Ireland and Wales. London 1878" gibt unter der Überschrift: „The Arms of the different monarchs since the conquest " s. 6 folgende nachrichten : „William I (the conqueror) Gules, two lious passants guar- dants or. Much controversy has arisen regarding leopards or lions, but the latter would appear the more correct. William II (Rufus) the same arms. Henry I Arms similar to those of his predecessor. Henry II Gules two lions passants guardants or, previously to the kings mariage with Eleanor, when he adopted a third lion for Aquitaine. On the Great Seal no Arms appear, the concave side of the shieldiug only exhibited." Zu Wilhelm I und Heinrich II gibt er die abbildung des Wap- pens. Auch ohne dieselbe würde man aus der erklärung, die er in der vorrede für das wort guardant gibt, ersehen, dass lion guar- dant eben nichts anderes ist, als was die heraldik von jeher leopard oder panther genant hat; diese erklärung lautet: „When a lion or other beast of prey Stands upright with only one ear and one eye seen, with the head in prolile, he is termed rampant, when Walking for- ward, with one eye and ear seen, passant. If in any of these posi- tions the animal look füll face, so that both eyes and ears may be seen, the word guardant is annexed to passaut, rampant." Die abbil- dungen bei Burke zeigen in beiden fällen die thiere als passants, schreitend, und lassen beide äugen und obren sehen, entsprechen demnach genau den an das heraldische bild des leopard en von der heraldik gestelten anforderungen , wie sie dargelegt werden von Ph. J. Speuer, historia insignium illustrium, Frankfurt 1717, pars specialis, Seite 11: „Differentia leonura et leopardorum in re heraldica illa notata quodhorum ad versa pinguntur ora utroque extante oculo, illorum non nisi unus oculus conspicitur;" und Berndt, allgemeine Wappenwissenschaft. Bonn 1849. Theil II s. 192: „Ein thier heisst schreitend, passant, wenn es ein Vorderbein aufhebt; da der leo- pard fast stets schreitend, den köpf nach vorn gewendet dargestelt wird, so wird das bei ihm nicht angesagt; dagegen der löwe in sol- cher Stellung gepardelt, leoparde genant wird. Von der Stellung, in welcher man ein thier zum streite geschickt nent, ist die sehr ver- schieden, in der man es nent kletternd, rampant usw. üa dies die GAHMUBETS WAPPEN 75 gewöhnlichste Stellung des löweu ist, wird sie bei diesem nicht auge- sagt, dagegen der leopaid in dieser Stellung gelöwet, lionne genant wird, wozu noch gebeert, dass er den köpf nach vorn wendet, so diiös man seine beiden äugen siebt." üass man aber in England zur zeit der ersten Plantagenets auch sehr wol wüste, dass das wappen leoparden, nicht löwen aufweise, bezeugt Mathaeus Paris, wenn er bei gelegenbeit der heirat Kaiser Fridricbs II und der Schwester Heinricbs III eines kaiserlichen gescheu- kes von drei lebenden leoparden mit folgenden Avorten erwähnt (Histo- ria maior ed. Wats. Londini 1640 s. 416.): „ Nuptiis igitur diebus qua- tuor continuis magnitice celebratis, episcopus Exouieusis et caeteri qui cum imperatrice adveuerant, ab imperatore licentia impetrata ad An- gliam cum gaudio suut reversi. Misit ergo Imperator regi Auglorum tres leopardos in signum regalis clypei in quo tres leopardi figurautur transeuntes, cum aliis donariis preciosis quibus regiones non abuudant occidentis." Aus diesem hier nacligewieseneu Sachverhalte gewinnen auch die Schlusszeilen in Uhlands ballade „die Jagd von Winchester " über deren sinn die erklärer nur ungewisse Vermutungen aufgestelt haben, ibre ebens*!) einfache als sichere erklärung. Uhland hat diese ballade gedich- tet im november 1810, während er in Paris dem eifrigen und eindrin- genden Studium altfranzösischer epen oblag. Den stoff dazu hat er geschöpft aus Kobert Waces Komau de Eon, hat ihn aber nach eige- nem freiem dichterischem ermessen der art gekürzt und umgestaltet, dass er ihm gerecht Avurde für eine dem Charakter des Volksliedes sich annähernde ballade. Wace (dessen betreffende stelle volständig abgedruckt ist in: Paul Eichholtz, Quellenstudien zu Uhlands Balladen. Berlin 1879, s. 32 — 34) erzählt: König Wilhelm [II. der Kothe, 1087 — 1100] gieng auf die birschjagd in dem neuen forste von Winchester, und ver- teilte dazu pfeile unter die jagdgenossen. Im walde zerstreuten sich die Jäger bald, und dem ritter Tirel widerfuhr das misgeschick, dass er mit dem pfeile, den der könig ihm gegeben hatte, einen hirsch fehlte, dagegen den könig selbst tötlich traf. Des königs bruder Hein- rich [I. Beauclerc 1100 — 1137] hatte noch ausserhalb des waldes zu- rückbleiben müssen, um die gebrochene sehne seines bogens in einem hofe durch eine neue ersetzen zu lassen; und während dies geschah hatte eine alte frau dem ihn begleitenden knappen geweissagt, dass Heinrich binnen kurzem könig sein werde. Als Heinrich darauf eben- fals nach dem walde kam, eilten ihm die jagdgenossen entgegen mit der kimde von des königs tode. König Wilhelm ward in Winchester 76 HORTZSCHANSKY , GAHMURETS WAPPEN begraben ; ritter Tirel aber entwich nach Frankreich , wo er in Chau- mont noch lange lebte. Uhland hat , um die poetische wirkling zu verstärken und zu ver- tiefen , und um die ballade dem Charakter des Volksliedes möglichst anzunähern , den prosaischen und für den verlauf der handlung gleich- giltigen zug, dass dem prinzen Heinrich die bogensehne gerissen ist, ganz getilgt , und statt dessen die echt poetische motivierung erfunden, prinz Heinrich habe mit dem vom köuige ihm zugeteilten pfeile nicht gemeines wild der niederen, sondern nur königliches der hohen jagd erlegen wollen. Deshalb hat er den lezten drei strophen seiner ballade ganz abweichend von dem berichte seiner quelle folgende fassung gegeben : Prinz Heinrich ritt im Wald umher, Viel Eeh' und Hasen er fand: „Wohl traf ich gern ein edler Wild Mit dem Pfeil von Königs Hand." Da reiten schon in ernstem Zug ' Die hohen Lords heran; Sie melden ihm des Königs Tod, Sie tragen die Krön' ihm an. „Auf dieser trauervollen Jagd Euch reiche Beute ward : Ihr habt erjagt, gewaltger Herr, Den edeln Leopard." Den lezten beiden Zeilen gibt Eichholtz (s. 35) die deutung: „Die vergleichung Wilhelms mit einem leoparden erklärt sich wol am ein- fachsten aus seinem beinamen „derEothe" (li Reis Eos, Wace 14490)." Eichtig zwar bemerkt Heinrich Düntzer hiergegen (Uhlands bailaden und romanzen. Leipzig 1879 s. 191): „Der leopard deutet nicht, wie Eichholtz meinte, auf könig Wilhelm, sondern auf die königswürde " ; er verabsäumt jedoch, nachzuweisen, dass der hauptfehler in Eich- holtzens erklärung ein logischer ist, weil ja doch nicht prinz Hein- rich, sondern ritter Tirel, oder wie Uhland ihn nent Titan, den könig getötet hat. Und wenn dann Düntzer weiter als eigene erklärung noch hinzufügt: „dass als edelstes tier hier nicht der löwe, sondern der leo- pard , das schönste aller raubtiere , genant wird , hat wol besonders der reim veranlasst; doch ist die wähl des leoparden als eines seltener genanten tieres auch des vollem tones wegen sehr glücklich"; so ver- fehlt er das wirklich richtige doch kaum weniger als der von ihm getadelte Eichholtz, weil aus seiner erklärung ja gar nicht abgenom- SRKHER , I.AIRNBRICHTE BET WOLFRAM 77 inon wpvdpn kann, wio so (l(Min loopard oder lüwe sinl)il(l der königs- würde sein müssp. Vielmehr will Uliland ganz oinfaeb im stilo dor volksmässigen ballade, in schliclitoster ausdrueksweise und mit den woni«^steii wovten sagen : prinz Heinrich hat es versclimäht mit dem königlichen pfeile niederes wild zu schiessen, hat vielmehr den königlichen pfeil auch für königliches wild der hohen jagd aufgespart. Ein solches hat er /war niclit selbst mit diesem pfeile geschossen, dennoch aber ist es ilini durch fügung des Schicksals zu teil geworden als Jagdbeute, und zwar grade das höchste königliche wild, der leopard, das Wappentier des englischen königswappens, und mit diesem natürlich auch die königs- würde selbst. Da nun des leoparden weder gedacht ist in der erzähluug bei Wace, noch bei Ordericus Vitalis, noch auch bei Matthaeus Paris, so muss Uhland selbst diesen zug aus eigener erfindung seiner ballade eingefügt haben; es muss ihm demnach aus Matthaeus Paris oder aus irgend einer anderen quelle bekant gewesen sein , dass bereits damals der leopard das Wappentier des englischen königswappens war. HALLE. HORTZSCHANSKY. DIE LAIENBEICHTE BEI WOLFRAM. Als rutes tver (457, 3) des jungen Parzival forscht Trevrizent, ivaz (Parzival) kumhers unde sünden hat (467, 21); und nachdem er dies erfahren und Parzival zur reue und busse bewogen hat, löst er ihn, obwol selbt ein laie (462, 11) von seinen sünden: 501, 15 fg.: Parzival die sivcere truoc durch süeziu mcere, wand in der tvirf von sünden schief. und 502, 25 fg.: . . gi^) mir din sünde her: vor gote ich hin din wandeis tver. und leist als ich. dir hän gesagt. Ebenso beichtet im Willehalm Vivianz einem laien, nämlich seinem oheim, dem markgrafeu Willehalm (65, 24 fg. und 69, 11). Indem wir im nachfolgenden die frage erörtern , welche bewant- nis es zur zeit Wolframs mit der laienbeichte hatte , richten wir unsere bemerkungen gegen San-Marte, der in der Germania (YHI s. 421 fg.) unter der Überschrift: ,,Vergleichung von Wolframs Parzival mit Albrechts Titurel in theologischer beziehung " auch über „ beichte und Sündenver- gebung" spricht, wobei ihm mehrere Unrichtigkeiten unterfliessen. 78 SEEBER San-Marte scbreibt an der citierten stelle (s. 441): Petrus Lom- bardus „äussert sieb: vor allem müsse man gott seine Sünden beken- nen und dann dem priester, wenn gelegenbeit dazu da sei, aber der priester habe uicbt die gewalt, selbst zu lösen und zu bin- den, sondern zu erklären, dass gewisse menschen gelöst oder gebunden seien." Dieses citat hat San-Marte nicht mit angäbe der stelle gebracht, und natürlich ; denn im ganzen Lombardus findet es sich nicht , son- dern sein gegeuteil, und zwar erklärt der Lombarde (sent. 1. IV dist. 17. D) zuerst: „qnod non sufficit soli Deo confiteri, si tempus adsit, si tamen possit"; dann bemerkt er (ibid. dist. 17, a. 3. E) wörtlich fol- gendes: „Sane hoc potest dici, qnod sacerdotis exameu requirendum est studiose: quia sacerdotibns concessit Dens potestatem ligandi atque solvendi. Et ideo, quibus ipsi dimittunt, et Dens dimit- tit." cet. San-Marte fährt fort: ,,Da hiernach (!) die teilnähme des prie- sters nicht notwendig war, so nahm man keinen anstand, auch laien zu beichten. Auf diesem dogmatischen Standpunkt steht Wolfram, den er mit Walther von der Vogelweide {?), Freidank (?) und Guiot von Provius (?) teilt, dass die eigentliche vergel)ung der sündenschuld nur allein von gott, nicht von papst oder priester ausgehen könne, wie er dies beim zerbrechen des Schwertes Parzivals im kämpfe mit Feirefiz ausdrücklich ausspricht." — Wir sind nicht in der läge, diesen „ ausdiücklichen ausspruch" Wolframs finden zu können. Die angezogene stelle 744, 14 fg. würde nur beweisen, dass San-Marte sündenschuld und strafe verwechsle. San-Marte sagt weiter: „Thomas von Aquin und ferner Duns Scotus und Bonaventura . . . verwarfen die laienbeichte als völ- lig unwirksam." — Ich bin in der läge, wider das gegeuteil zu beweisen , natürlich mit Stellenangabe : Thomas von Aquin lehrt (Summa theol. supp. 9. 8. a 2. o): „in necessitate etiam laicus vicem sacerdotis supplet, ut ei confessio fieri possit." und (ibid. ad 1) : „ confessio ex defectu sacerdotis laico facta sacramentale est quodammodo, quamvis non sacramentum per- fectum, quia deest ei id quod est ex parte sacerdotis"; und extra casum necessitatis talibus datum est, peccatum veniale remitti, sicut per tun- sionem pectoris et aquam benedictam. Petrus Lombardus lehrt dasselbe an der schon citierten stelle (sext. 1. IV dist. 17. a 3. E.). Ebenso Bonaventura (in 4. dist. 17. 9. 3. dub. 1. in a. 1. 9. 1.). „ Duns Scotus (in 4. dist. 17. a. 3.). LATENREICHTE BEI WOLFRAM 79 Ebenso Laufranc (de celebr. corf.). Albertus Magnus (in 4. dist. 17. a. 58.). „ Alexander Hallensis (suuini. )). IV. 9. 19. niembr. 1. a. 1.) usw. Eine menge beispiele von solcben laieubeicliten bat Martene (de antiqu. eccl. ritib. tom. 1. 1. 1. c. G. a. 6) zusammeugestelt. Übrigeus baben sich im vollce manche scherzhafte anekdoten über dieselbe erhal- ten: z. b. im Pusterthale in Tyrol. So wenn eine bäuerin in eingebil- deter gefahr ihrem maune gewisse delikate dinge beichtet („ich habe den Jörgl nicht ungern gesehen!"), worauf dann der Zuspruch des ehe- inanns lautet: „Säss' ich jezt nicht an gottes statt hier, würd' ich dich liberschlagen !" u. ähnl. Fragen wir nun , was nach den oben angeführten theologen , also nach der katholischen tlieologie des mittelalters , von der laienbeichte galt, so können wir folgende punkte hervorheben: a) Mehrere, und unter diesen Bonaventura (sermo 8 in dieb. Rogai), behaupteten : dass in casu necessitatis — ■ bei abwesenheit eines priesters, aber bei gegenwart eines laieu , sogar die pf licht bestehe, diesem laien zu beichten; b) diese beichte sei jedoch kein Sakrament, imd der laie könne nicht eigentlich absolviren ; c) vielmehr erteile in diesem falle Christus, der unsichtbare hohe- priester, — „si tamen dignus venia ex sacerdotis desiderio, qni crimen confitetur socio" (Petr. Lomb.) — , die lossprechung; d) jedoch so, dass der der gefahr entronnene gehalten ist, diesel- ben Sünden später auch noch dem priester zu beichten; e) in bezug auf lässliche Sünden wirke die laienbeichte, wie ein andres sakramentale. Für die jeztzeit behaupten die theologen, dass es nun nicht mehr erlaubt sei, einem laien zu beichten, weil eben die gründe fort- gefallen, die eine laienbeichte für die damalige zeit zulässig erscheiuen Hessen, (cfr. Hurter, Tlieol. dogm. comp. t. III. s. 404. Oeniponte 1878.) Wenden wir nun diese punkte auf die stellen im Parzival und Willehalm an: so gibt San-Marte, was den leztern betritt, selbst zu, dass es sich hier um eine notbeichte handelte; überdies hatte Vivianz, wie der dichter betont (Willeh. 67^ 5) nur ganz geringe fehler an sich. Aber wie steht es mit Parzival und Trevrizent? Heisst es hier 499, 20 nicht ausdrücklich : „du freist swuo groze Sünde"? Gewiss! — Wir würden freilich glauben," dass diese zwei Sünden (Ithers uud seiner mutter tod) Parzival persönlich nicht allzu- sehr zu imputiren wären — aus vielen gründen — ; aber Trevrizent 80 SEEBER, LAIENBEICHTE BEI WOLFRAM nent sie einmal „grosse sünden" iu irgend einem sinn: und so wollen wir dabei stehen bleiben. In diesem falle muss (nach der Lehre der theologen) ein casus necessitatis vorhanden sein. Ist dem so? Dieser liegt wirklich vor. Denn nach der ganzen Ökonomie des gedieh tes miiste Parzival von Trevrizent bekehrt und gereinigt scheiden: Priester war keiner da : darum beichtete er Trevrizent , dem einsiedler. Aber erhält er nicht von diesem eine wirkliche lossprechung? San-Marte sieht selbst ein, dass von einer solchen im gedieht nicht die rede sei. Was bedeuten dann aber die verse: 502, 25 fg.: . . gij^ wir dm sünde her, vor gotß ich hin dm wandds wer. ? Wer die Unterredung Trevrizents mit Parzival verfolgt, wird erken- nen , dass sich alle ermahnungen des einsiedlers darum drehen , Parzi- val zur reue und zur busse (insofern diese genugtuung ist) zu bewegen: 499, 27: nim huoz für missewende. Parzival tut nun wirklich busse (501, 15 fg.), er fastet 15 tage lang bei kräutern und wurzeln ; und da es nun zum scheiden komt, spricht Trevrizent obige worte (502, 25 fg.). Erinnern wir uns, dass Trevrizent für seine (458, 12) und des Anfor- tas (480, 10 fg.) Sünden busse tut, so werden wir jene verse (502, 25) ganz ähnlich fassen, und somit annehmen, dass Trevrizent von nun an auch für die Sünden Parzivals vor gott sein wandeis wer durch die busse sein wolle; freilich müsse dieser selbst auch noch genugtuung leisten : und leist, als ich dir hän gesagt. Daraus ist ersichtlich, dass Wolfram auch hierin mehr, als ein oberflächlicher blick vermuten dürfte, auf dem Standpunkte der mittel- alterlichen theologie steht, und dass die behanptungen San- Martes, mit denen er den dichter zum „evangelischen ritter" schlagen will, zwar sehr zuversichtlich, und ja auch begreiflich sind, aber jedes grundes entbehren.^ INNSBRUCK, 10. MÄRZ 1880. JOSEF SEEBER. 1) So schätzbar diese belehruiig auch ist, lässt sich docli beweisen, dass der gute Wolfram an dem, was er hier gesagt hat, völlig unschuldig ist, sondern dass er hier wie überall nur seinem gewährsmanne Guiot getreulich gefolgt hat; und andrerseits, dass der sehr gelehrte und in theologicis m-oI bewanderte Guiot nicht nach den aufstellungen späterer scholastischer dogmatiker beurteilt wer- den darf. J- Z. LÜBBEN, FETISCH. HULFT 8l F E T I S C H. Nach Weigaiiil ist dieses wort (aus franz. f^tich) durch die 17G0 erschieuene schrift vuii des Brosses: „du culte des dieux fetiches" in Umlauf gekommen. Das wort komt indes schon 1(503 in der schrift von Leviuus Mul- sins (Sehiftiihrt in das gokireiclie königreich Guineam. Frkf. a/M. 1603) vor, wo es s. 23 heisst: Wann die kinder ein monat oder zwey alt werden , so hencken sie ihnen ein netz vmb den leib, welches gemacht ist, wie ein kinds- hembdleiu , von basten oder rinden der bäume; dasselbe netz beheucken sie allenthalben mit ihren fetissos, wie mit güldenen crucifixlein usw. Die corallen aber oder fetissos, so sie dem kindt anhencken, achten sie sehr köstlich vnd gut seyn, eins, sagen sie, sey gut für das bre- chen, das ander für das fallen usw. Vnd dergleichen fetissos haben sie gar viel, deren ein jegliches seinen eygenen nameu vnd besondere tugend oder krafft hat. S. 31. An ihren füssen haben sie viel Strohwische von röhren, die sie nennen fetissos, von ihrer abgötterey. S. 41. (Ceremonien beym weintrinken.) Im ersten zug darff er den cabas nicht gar ausstrincken , sondern muss noch etwas drin lassen, das schüttet er auss auff die erden , vnd saget : iou , als wollte er es ihrem fetissos zu trincken geben , vnd so sie etwann etliche fetissos an ihren armen oder füssen haben , dieselbigen bespreutzen sie mit dem ersten trunck, den sie tun usw. S. 69: Wann sie anfangen zu essen, so geben sie ihrem fetisso, nemlich den strohwischlein, so sie an ihre beyne gebunden haben, den ersten bissen usw. S. 70: er (der könig) gehet zu einem bäume, den er für seinen fetisso hält vnd thut daselbst ein opfter, bringende dem fetisso daselbst zu essen vnd zu trincken , darnach schickt er den fetissero , seinen Zau- berer, hin usw. [Das wort stamt aus dem portugiesischen feitiyäo , Zauberei , wel- ches sich aus lat. factitius ableitet. J. Z.] H ü L F T. In einer Urkunde von 1104 juui 5, ausgestelt von kaiser Hein- rich IV ZU Mainz , betreffend den rheinzoll zu Koblenz (Hans. urk. von Höhlbaum I, nr. 5), heisst es unter anderem: . . de regno Baldewini venientes debent dare pellem arietis ad opertorium sellae, quod theuto- nice dicitur hulft. ZEITSCHR. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XII. 82 LÜBBEN, JUDENSPIESS. LIESPPÜND [Goth. hulistr, /.dlv/^ipa ; abd. hulß, hulf, hülst glossiert durch supraseUa, Jiulcia, ulcia , hulcitum; mhd. hülst, hulft, hülle, decke; im NibeluDgeuliede 1640, 1 von der decke des Schildes, den die mark- gräfin dem Hagen schenkte : Ein hulft von liehtem pfelle oh siner varwe lac. Belege für das vorkommen des Wortes im alt- und mittelbochd. sind gesammelt beiGraff 4, 880. Müller 1, 680\ Lexer 1, 1382. J. Z.J JUDENSPIESS. M. Heyne sagt unter diesem artikel im Deutschen wörterbuche (4^, 2357), dass das bild „mit dem judenspiess laufen, d.h. unerlaub- ten oder unmilssigen geldwucher treiben" niemals von eigentlichen Juden gebraucht werde , sondern nur von Christen mit jüdisch - wuche- rischer gesinnung. Mit dem ausdruck judenspiess wird indes, wenig- stens in späterer zeit, algemein der geldwucher bezeichnet, besonders wie er von den Juden selbst betrieben wird. Es gibt ein büchlein, das den titel führt: Der verdammliche Judenspiess , Oder Kechtniässiges und Historisches Bedenken von der Juden verdammlichen Geldwucher usw. durch Christlieb Wucherfeind, 1688, 240 s. 8. In diesem heisst es unter anderen , vorr. s. XI : Weil der meiste haufife (der Juden) mit der Christen schweiss und blut sich bereichert . . so ist es zu diesen zelten wol nötig, dass man das verdammliche Judenspiess aus dem gründe an das tages Hecht bringe. (Bemerkenswert ist an dieser stelle, dass das wort nach niederdeutscher weise als neutrum gebraucht wird.) ■ S. 113: Dieser Ursachen halber sind die Juden aucli am allermeisten bey den Christen verhasset, weil sie mit ihrem verdammlichen Juden- spiess den Christen gleichsam das mark aus den knochen brechen. S. 115: sehr viele gottlose Christen, welche mit dem verbottenen Juden- spiess lauffen. Woher die redensart eigentlich stamt, lässt sich leider aus dem buche nicht entnehmen. LIESPFUND. Darüber sagt Weigand 1, 951: „ein gewicht von 14 — 16 pfund, Kichtiger lispfund. 1721 lisspfund. Aus niederl. (im käsehandel) das lijspond , dän. und schwedisch (mit i = i) lispund, dessen Its dunke- les Ursprungs ist." Es wäre zu wünschen, dass jedes wort so klares Ursprunges wäre wie dieses. Z*s ist nichts anderes als eine contraction von lives (oder auch livcsch, wie rigcs und rigesch) , liefländisch. In hansischen, lief- ländischen und anderen Urkunden, besonders ostseeischen, geschieht dieser gewichtsart häufig erwähnung , lat. talentum livonicum , und wird nicht bloss heim käsehandel , sondern auch beim handel mit anderen waaren gebraucht, die in grösseren quantitäten verkauft werden. Es ist ein gutes niederdeutsches wort, und die Schreibung lispfund, wenn i kurz sein soll , ist nicht der Schreibung liespfund vorzuziehen , sondern umgekehrt. OLDENBURG, A. LÜBBEN. 83 LITTERATTTR. 1) Die prosa isclic Edda hu auszu<;-e nebst Vö 1 su uga- saga uud Nor- nagests- tliiitt r. Mit aus führ liclic ni glossar herausgegeben von Ernst Wilkeii. Thcil I: Text. Paderborn, Schöningh, 1877. 8. CVIII und 264 SS. M. G. — A. u. d. T.: Eibliothek der ältesten deut.selieu lit- t e r a t n r - d 0 n k m ä 1 e r. XI. band. 2) Untersuchungen zur Snorra Edda. Als Einleitung „zur prosai- schen Edda im auszuge" von Ernst Wilkeii. Paderborn, Schöningli, 1878. 8. 296 s. M. 6. Später, als es mein wnnseh und meine absieht war, gelange ich zu einer bespreclumg von Wilkens an der spitze dieses aufsatzes verzeichneten büchern. Die Verzögerung findet ihren grund uud hoffentlich auch ihre entschuldigung in der durch eine ausgedehnte neue tätigkeit gebotenen beschränkung. Ich hebe dies her- vor, weil mir im algemeinen die kritische besprechung eines Werkes zu lange nach seinem erscheinen nicht wünschenswert vorkomt. Sie verfehlt dadurch teilweise wenigstens ihren zweck. Wenn ich trotzdem in dem vorliegenden falle deiu eben ausgesprochenen satze zuwiderhandle, so veranlasst mich dazu ein zwiefacher grund, ein sachlicher und ein persönlicher. Einmal ist der gegenständ , mit dem sich Wil- kens bücher beschäftigen, von so hervorragender bedcutnng, dass eine eingehende Prüfung und beleuchtung der vielen in ihnen enthaltenen neuen ansichten zur gebie- terischen ptiicht wird. Man darf erwarten , dass die ausgäbe wenigstens , zu der als wilkommene ergänzung ein ausführliches glossar in aussieht steht, vielfach von anfängern wird benuzt werden, und es ist nur natürlich, dass unter diesen manche die behauptungen der einleitung auf treu und glauben hinnehmen werden. Nach meiner innigen Überzeugung aber und gewis auch nach der -der grossen mehrzalil der fachgenossen ist gerade diese einleitung so durchaus und in allen wesentlichen punkten verfehlt, dass es gilt, der Verwirrung, Avelche durch sie gestiftet werden k(3nte, vorzubeugen, oder, wofern dies bereits zu spät sein solte, durch energischen einspruch zu ihrer beseitigung beizutragen. Bis jezt hat nur Edzardi (Germ. 24, 352 fgg. : vgl. auch Litt. Centralbl. 1878, sp. 1448 fgg.) damit ernst gemacht. Denn eine selbstanzeige (vgl. Gott, gelehrt, anzz. 1878, 8. 86 fgg. , 1217 fgg.) ist natür- lich nicht die geeignete gelegeuheit für eine vorurteilsfreie kritik , die auch nach den ausführungen Edzardi s noch keineswegs überflüssig scheint. Dies der sachliche grund. Der persönliche wird für jeden leser der einleitung zur ausgäbe kaum einer erörterung bedürfen. Der grössere teil dieser einleitung, der sich mit der V(jlsuuga saga beschäftigt (s. VI — LXXXV) , gestaltet sich zu einer polemik gegen meine Beitr. III , 199 fgg. veröffentlichten Untersuchungen über diese saga. Ich glaube nun allerdings keineswegs, dass alle einzelheiten der genanten abhandlung aufrecht zu erhalten sind, vielmehr hat mich fortgesezte beschäftigung mit den einschlägigen fragen in manchem punkte zu einer von der früheren abweichenden ansieht geführt. Um gleich hier eines zu erwähnen, so ist das Verhältnis der VqIs. saga zur pidreks saga, wie ich schon anderwärts augedeutet habe (Jenaer Litztg. 1878, s. 540 anm.), falsch von mir beurteilt worden; ich stimme in dieser hinsieht jezt den einweuduugen Storms Nye Studier over Thidreks saga s, 17 fgg. und Edzar- dis Germ. 23, 75 anm. bei. Wol aber muss ich auch jezt noch die hauptresultate meiner Untersuchung für richtig halten und glaube ich namentlich erwiesen zu haben, was zu erweisen mein erster zweck war, dass gerade die samlung nor- 6* 84 SYMONS , rteiier heldenlieder aus dem Völsungensagenkreise mit eingestreuter prosa, die eineu teil der sogenanten Siemnndar-Edda bildet, von dem Verfasser der Vol- sunga saga als quelle benuzt worden ist. Wilken freilich ist anderer ansieht und richtet gegen diesen teil meiner Untersuchungen in erster linie seine kritischen pfeile. Obgleich ich nun des glaubcns bin , dass Wilkens neue theorie , der zu liebe er die von mir vertretene verwirft, auf geringen beifall der fachgenossen wird rech- nen dürfen, halte ich es doch für angezeigt, in kürze die gründe darzulegen, die mich bestimmen, an meiner ansieht festzuhalten und die seinige zu verwerfen, zugleich aber auch die punkte nicht zu verschweigen, in denen ich selber zu ande- rer Überzeugung gelangt bin. Bedauern muss ich, dass Wilkens kritik zuweilen eiuen gereizten und schulmeisternden ton anschlägt, zu dem ich meines wissens keine veranlassung gegeben habe. Von den beiden büchern Wilkens bildet das an zweiter stelle aufgeführte die ergänzung des ersten. Dieses bietet die für den deutschen leser wichtigsten teile der Snorra Edda: Gylfaginning, Bragartedur und die mythologischen und sagen- geschichtlichen teile der Skäldskaparmäl , sowie V^lsunga saga und Nornagests pättr. Die einleitung handelt nach einigen orientierenden werten über die hss. und aus- gaben der SE ausführlich über die Vols. s. und den Np: den schluss derselben bildet ein ,, Literarhistorischer überblick" (s. CHI — CVIII). Die einleitung zur SE liegt in selbständiger fassung in den ,, Untersuchungen" vor. Diese Untersuchun- gen beschäftigen sich allerdings nicht blos mit den in die ausgäbe aufgenommenen teilen der SE , sondern mit dem ganzen werke, holen überhaujjt sehr Aveit aus und ziehen teils in weit abschweifenden excursen , teils in sehr gehäuften und gedehn- ten anmerkuugen, eine menge von fragen in die erörterung hinein, die nur in sehr entfernter Verbindung mit dem gegenstände stehen. Dadurch wird das buch sehr formlos, die benutzung ausserordentlich erschwert — glücklicherweise hilft in dieser hinsieht das sorgfältig gearbeitete register (s. 290 fgg.) etwas — und die lectüre wenig angenehm. Zu lezterem umstände trägt der stil des Verfassers das seinige bei: er lässt an klarheit und einfachheit recht viel zu wünschen übrig, die sätze schwellen öfter zu wahren rattenkönigen an, welche sich dann wol in ihren eigenen schwänzen verwickeln. So finden wir I, s. XXVI, z. 20 — XXVII, z. 3 eine reihe von Vordersätzen , zu denen der nachsatz in der feder geblieben ist. Ich betrachte zunächst Vols. s. und Norn. ]>. Eine neue handliche ausgäbe beider sagas war sehr erwünscht, da Bugges Norröne skrifter af saguhistorisk ind- hold leider schwer zu beschaffen sind, der text in Fas. I aber nicht mehr genügt. Da erklärende anmerkungen , deren namentlich die keineswegs leichte Vgls. saga wol bedarf, nach dem plane der saralung ausgeschlossen waren, konte es sich nur um einen guten text mit den nötigen Varianten handeln. Es empfahl sich deswegen ein einfacher abdruck des Buggeschen textes. Für die Vs. hat der herausgeber sich denn auch damit begnügt. Sein text dieser saga weicht von dem Bugges fast nur ab in einigen kleinigkeiten der Orthographie und längebezeichnung, denen ich meist beistimme; auch Bugges conjecturen, die dieser unter dem texte, in den anmm. hinter dem texte, sowie auf dem Umschlag in den ,,tillaig og rettelser" gege- ben hat, haben in den häutigsten fällen aufnähme gefunden. Die Varianten bieten die lesart des Codex, wo im text von dieser abgewichen ist, etwaige nicht auf- genommene, aber beachtenswerte conjecturen Björners, Rafns und Bugges, endlich vereinzelt lesarten der papierhss. , denen man ja , wie Wilken s. VIII fg. ganz rich- tig ausführt, den wert plausibler conjecturen nicht in allen fällen bestreiten kann. Ich knüpfe hieran zunächst einige bemerkungen zu Wilkens text der Vs., wobei ich ÜBKE PROS. EDDA ED. WILKEN 85 mir gleichzeitig zur bequcmlichkeit des bemitzers , die s. 263 fg. nicht erwähnten druckt'ehler (aber nur, soweit sie den tcxt der saga berühren) zu bessern gestatte. 150, 1 shofint)!] 1. sköfiinii. 5 leitinnni] 1. leitinui. 32 frccndam] 1. fnen- diim. 152, 15 bariiMokk] Wilken hat diese lesart im texte beibehalten, die nach Bugges erläuterung in den AnruEerkniuger auch keiner änderung bedarf. In der einleitung aber (s. XI , anm. 9) wird versucht , aus dem hötstokk der Vols. rim. 142 ein blöfstükk zu gewinnen. Diese conjectur ist verwerflich. Denn abgesehen davon, dass Wilken hier und öfter den riniur eine bedeutung beilegt, die ilinen nicht zukömt, wäre ein ,,oijferbaum" * hier wirkungslos. Der barnsfokkr dagegen, der befruchtende bäum als symbol der fortpHanzung des heldengeschlechts , steht im schönsten Zusammenhang mit der ganzen sage. Vgl. ausser Bugges anin. zu unse- rer stelle auch MüllenhofP Zs. für deutsch, alt. 23, 119. — In c. 111 sind 153, 2 — 5 falsch geordnet, wie Bugge erkante. Man lese: sä maär var berfoMr ok hufäi kn'jtt Unhröknm at beini ok hqtt sidan ä hqfäi, hann var harr" ritjqk ok cUilüjr ok einüi/nn; sä maär hafäi sverd i hetidi, ok gengr at barnstokkinnin ; kamt bregctr sveräimt usw. — 153, 32 hätte das von Bugge vorgeschlagene fjeri statt gerir in den text gesezt werden sollen. — 154, 18 nä heür Vqlsungr kunungr ferdinni ok koma ä nefndum degi] die conjectur ok vill koma ist unnötig : solche ungenauig- keiten der construction kennen alle älteren sprachen. — 159, 18 ist Bugges hüb- sche besserung ofrlidi für das überlieferte öfridi meiner ansieht nach trotz der bemerkungeu Wilkens s. X fg. unbedingt aufzunehmen. Sigmund und Sintjötli trennen sich von einander unter der Verabredung, dass jeder von ihnen es mit sieben oder weniger leuten aufnehmen solle, ohne den andern zu hülfe zu rufen; sobald er aber auf mehr als sieben leute auf einmal stosse , solle er rufen [en sä läti x'dfsrqdd, er fyrir ofrlidi tjrdi). ofrlid bedeutet hier also eine Übermacht in relativem sinne, eine zahl von mehr als sieben feinden. Sigmund trifft sehr bald leute und ruft den söhn, der sie alle tötet. Wie viele leute Sigmund trifft, müs- sen wir erraten , da das Zahlzeichen in der Hs. verwisclit ist. Bugge meint acht, und dies wäre ja der Verabredung gemäss. Mit recht macht aber Wilken auf den späteren vorwarf Sinfjötlis aufmerksam (160, 1), dem zufolge Sigmund gegen die Verabredung nur auf sieben leute gestossen sei und doch um hülfe gerufen habe. Müllenhoff Zs. für deutsch, alt. 23, 131 glaubt sogar, es seien noch weniger als sieben gewesen. Gewiss ist, dass es Sigmund nur auf eine Versuchung Sinfjötlis ankomt, und dadurch erledigt sich der einwand Wilkens gegen Bugges conjectur, der es befremdend findet , dass Sigmund dem Sinfjötli zumuten solte , es allein mit sieben aufzunehmen, während er selbst in einem solchen falle schon hülfe verlange. — 163, 16 riduvi] 1. ridu. — 164, 1 fegrum] 1. fqgrum. — 164, 14 wird Gnipa- lundi mit kurzer erster silbe herzustellen sein. Nach den von Sievers für den kvi- duhättr gefundenen gesetzen muss jedesfalls Helg. Hund. I, 31^. 85 ^ 41*'. 51® Hild. so gelesen werden (vgl. Beitr. 6, 314). — 164, 25 fgg. ist natürlich statt des feh- lerhaften Granmarr der Hs. , das Wilken beibehält, überall Gadmundr zu lesen, wie die quelle des capitels, das erste lied von Helgi dem Hundingstöter, bietet. — 167, 26 fgg. kann [EijUmi] pgkkiz sjä, at peir [Sigmimidr ok Lgugci] mnnio eigi 1) Überdies ist wol blöttrc belegt, auch dies nur ein einziges mal (Vigf. 71*), hlötatokkr aber gar nicht. 2) So (grauhaarig) und nicht hdr (hoeh) , wie Fas. , Bugge und Wilken haben, lese ich wegen des folgenden elUligr. Ebenso möchte ich, unserer stelle entsprechend, in cap. 42 (2)0, 13 W.) nicht mit Bugge hdr, sondern hdrr ergänzen. hafa eitt erendi] In der anm. wird vermutet munu eiga eitt erendi. Durch diese äiiderung würde aber der sinn zerstört. Es soll nicht heissen : „König Eylimi glaubte einzusehen, dass sie beide dasselbe im sinne hätten." Das weiss er ja längst. Vielmehr heisst es ironisch: ,,E. glaubte einzusehen, dass Sigmund und Lyngvi nicht beide den von ihnen verfolgten zweck erreichen könten, m. a. w. dass sie nicht beide zugleich die Hjördis würden heiraten können." erendi ist hier nicht die „botschaft," sondern „der zweck der botschaft," wie in der eddischen formal hafa erindi sein erfidi prymskv. 9. 10, vgl. Helg. Higrv. 5, und dem prosaischen ausdruck fara eyrendlaust ,,to go in vain" (Vigfüsson 136*). — 168, 7 keim] 1. heim. — Ob 169, 13—15 mit recht eine Ijoflahättr-halbstrophe hergestelt ist, ist doch sehr die frage. Das ganze gespräch zwischen Hjönlis und dem sterben- den Sigmund ist unverkenbar die paraphrase eines liedes (Beitr. III, 299 f. Müllen- hoff a. a. 0. 137) , aber dass der sagaschreiber aus einer und derselben rede Sig- munds die eine halbstrophe wörtlich citiert, die andere aber in prosa umschrieben haben soll, ist wenig glaublich. — 171, 27 f. muss für das erste varäveittu not- wendig der Gonj. vardveitti gelesen werden. — 171,33 hcstaveinyi] \. hestasveinn. — 172, 22 f Beginn »varar: sä heitir Fäfnir, er her liggr skamt heäan ä hrott , pat heitir GnitaJieiär] Bugge fragt: ,,er her rigtigt?" Eher glaube ich, dass pat unrichtig und in par er zu bessern ist. — ■ 175, 9 ok ek mega vinna'] 1. mega med V. — 176, 10 astscBlli] 1. ästscelli. — 177, 3 röärtC] 1. roärii. — 179, 10 sitt] 1. sit. — 27 af hverju undri ertu alinn] 1. ertu pä alinn, vgl. aber auch Fäfu. 3=. — 182, 7 und 183, 18 sind mit Bugge nach E zu bessern: zu ersterer stelle hat W. in den anmm. darauf hingewiesen, zu lezterer nicht. Dort hat der codex der Vs. at par svaf madr ok lä med qllum herväpvium , während R richtiger bietet la maär ok svaf. — 191, 4 färr] 1. fär. — 31 mansins'] 1. mannsins. — Auf s. 194 sind die zahlen, die nach den anmm. verweisen, in Verwirrung geraten. Zu z. 30 velmentr 5) füge in der anm. hinzu 5) vel mentr B. — 197, 9 ok hafdi ofr fjär] W. ver- mutet of. Vgl. aber Vigfüsson 464", wo unsere stelle übersehen ist. — In den beiden Strophen 199, 1 fgg. sind folgende änderungen metrischer art erforderlich: 2 streich en; 4 himni] 1. himin, verschleift auf der Senkung ; 12. 14 fyrir] 1. fyr (vgl. Sievers, Beitr. 5, 479 fgg. 6, 317 fg.). — In der 202, 4 fgg. angeführten Strophe wird in der ersten zeile Sigurdr im Zusammenhang des liedes nicht gestan- den haben; in der zweiten ist wol en zu tilgen. — 205, 21 Brynkildr svarar: eigi sä ek svä Gunnar, at minn hugr hlceja vid hänum usw.] Bugges änderung se statt sä ist notwendig, nicht blos, wie Wilken meint, wegen des folgenden conj. praes. , sondern mehr noch des sinnes wegen, wie er aus Sig. sk. 10 erhellt, se ist futurum. — 205, 24 sem äst se] 1. sem hans äst se. — In der strophe auf s. 206, die übrigens den regeln genügt, nmss in z. 5 für svä at die ältere form svät ein- gesezt werden. Vgl. Beitr. 5, 477 fgg. 6, 317. — 210, 27 fgg. hätte Bugges inter- punction beibehalten werden sollen. Auf derselben seite ist in anm. 5 statt ridi B zu lesen ridir B. — 212, 23 set] 1. sat. — 213, 15 skjqldu] 1. skjqldu — 214, 1 vildii] 1. vildu. — Schwierig ist die stelle 214, 4 fg. sä drykkr var blandinn med jardar magni ok stc ok dreyra sönar. Der Codex liest dreyra sonar hennar. Die stelle umschreibt Gudr. II, 22^ — « (= Hyndl. 38), und Bugge erklärte den text der saga als misverständnis von dem ok sönar (sonö R) dreyra der vorläge. Dieser auffassung hat sich Wilken , wie auch ich (Beitr. 3, 239) , angeschlossen. Der ver- langte sinn scheint jeden zweifei darüber auszuschliesson. Nun hat jedoch neuer- dings Sievers Beitr. 6 , 315 darauf hingewiesen , dass an beiden stellen der lieder- samlung der vcrs ein verschlcifbares wort verlangt^ und meint deswegen, dass die ÜBER PHOS. EDDA ED. WILKEN 87 angäbe der Vs. ,, keineswegs , wie man gewöhnlich anninit, zu verwerfen ist." Mei- ner ansieht nach darf uns die metrische Schwierigkeit in den beiden stellen der liedersaniluug nicht dazu verführen, die lesart der A^s. zu adoptieren, die unsinn ist und bleibt. Eher wäre Gudr. II, 22 s und Hyndl. 38* ok zu tilgen, oder man muss annehmen , dass die otlcnbar alte forme! den anforderungcn der jüngeren motrik erfolgreichen widerstand geboten hat. Allerdings soll nicht geleugnet wer- den, dass auch sönnrclreyra nur dann befriedigen köntc, wenn man es erklären dürfte als ,,sonnenstrom " (vgl. Grundtvig, Edda^ 214*'). denn die gewöhnliche erklärung „sanguis piacularis" (Egilsson lex. poet. 762"), „blood of atonement" (Vigfüsson dict. 580") kann in der Verbindung mit erde und meer nicht richtig sein.* Änderungen in sunnu, solar usw. liegen sehr nahe, sind aber überaus bedenklich. Der text der Edda kann richtig sein, darf jedesfalls nicht vorschnell verurteilt werden. — 217, 25 meämi] 1. meäan und 28 hröäur] 1. broäur. — 219, 24 Sncevttr] 1. Sncevarr. — 221, 31 henta] 1. liaräa. — 222, anm. 9 elnnC] 1. emiQ. — 225, 3 svärar'] 1. svarar. — 225, 11 min vili] 1. ininn vili und stelle in den anmer- kungen anm. 12 und 13 um. — 227, 7 u. ö. wird Hamdir geschrieben. Weshalb die Orthographie des namens mit ä verlassen ist, die durch die etymologie gefor- dert wird (vgl. auch Bugge in dieser Zs. 7, 394. 99), ist nicht gesagt. Wünschens- wert wäre es auch gewesen, überall Bandver zu schreiben als namen von jQrmun- reks unglücklichem söhne. Der Cod. der Vs. hat die folgenden formen: nom. RanducR (W. 227, 10), Randverr (227, 19), gen. Bandvers (227, 28), acc. Bundve (228, 7). R bietet Bandver, acc. Bandve (Bugge 311, 12. 15). Von den perga- menthss. der SE gibt 1 eß (SE AM II, 575) zweimal den nom. Bandver, sowie je einmal den acc. und dat. Bandve; r scheint einmal den nom. Bandverr und ein- mal Bandver, den acc. Bandve zu haben, doch ist absolutes zutrauen zu den bis- herigen ausgaben der SE nicht möglich. Im grossen und ganzen empfiehlt die Überlieferung jedesfalls die Schreibung Bandver: keinesfalls aber dürfen, wie es bei Wilken der fall ist, ein nom. Bandverr und ein acc. Bandve gleichmässig in einen normalisierten text eingang finden. — Einige stärkere abweichungen von Bugges text hat Wilken sich in den citier- ten eddischen stropheu gestattet, namentlich der Sigrdrifumäl. Ich übergehe sie hier , da sie der saga nicht eigentümlich sind. Sigrdr. 19 ' heilum] 1. heülum. — Von den nur in der saga überlieferten Strophen ist bereits die rede gewesen. Auch für den Nornagestsliättr wäre ein einfacher abdruck von Bugges text sehr empfehlenswert gewesen. Bugge hat seiner ausgäbe den Cod. AM 62 (S) zu gründe gelegt , dessen texte er mit recht den Vorzug einräumt vor dem der Flatey- jarbök (P)."^ Ich wüste nicht, dass die ansieht von Bugge Widerspruch erfahren hätte, obgleich sie mehr behauptet als bewiesen ist (s. Norr. Fornkv. XLI). Die Sache liegt aber in der tat so einfach, dass Bugge mit recht einen beweis für überflüssig halten konte. Wilken ist jedoch anderer ansieht. Er gesteht zu, dass S und F auf „dieselbe vorläge zurückweisen," und dass S „gewöhnlich im rechte zu sein scheint." (s. LXXXVI), Der einzig mögliche methodische schluss , solte man meinen, wäre demnach, dass S der gemeinsamen vorläge näher steht als F 1) Dasselbe bedenken habe ich auch gegen die deutung von Edzardi Germ. 23, 339 , der an Sdn, eins der gefässe des dichtermethes denkt. 2) A, die der ausgäbe des pättr in den Fas. I, 313 fgg. zu gründe liegende hs., ist abschrift Ton F : ihre lesarten haben also höchstens den wert von conjecturen (Wilken LXXXV). und deragemäss einer ausgäbe zu gründe gelegt werden mu.ss. Nicht so Wilken. Er hat es trotzdem vorgezogen, ,,in F (A u. w.) die altberechtigte vulgata der Überlieferung anzuerkeanen, S dagegen nur in einzelnen, wenn auch nicht ganz seltenen fällen zur correctur heranzuziehen." (S. LXXXVIII). Hören wir seine gründe. Es sind ihrer zwei. Der erste stüzt sich auf die Überlieferung der lieder- citate, die ja gewiss die sicherste grundlage für eine handschriftenuntersuchung bilden. In ihnen stimt in einer anzahl von fällen S zu E, während F abweicht. Jeder wird zunächst diesen umstand zu gunsten von S in die wagschale fallen las- sen : Wilken aber sieht hierin keine bewahrung des ursprünglichen , sondern ,, ein nachträgliches ausgleichungsverfahren," da die abweichungen des Np sich durch den einfluss mündlicher tradition erklären. Ich halte es für angezeigt, die ganze frage über die Überlieferung der liederstrophen in Np etwas genauer ins äuge zu fassen. Bekantlich citiert der Verfasser ausschliesslich strophen der Eeginsmal (str. 13 — 26 Hild.) und die ganze Helreid Brynhildar mit ausnähme der halbstrophe 6. In einer sehr grossen anzahl von fällen weicht der gemeinsame text in SF von dem des Eegius ab. Während Bugge fast überall den lezteren für den echte- ren und ursprünglicheren hält (Norr. Fornkv. XLIII) , kann Wilken s. LXXXIX fg. sich dieser auffassung nur hinsichtlich der Eegm. anschliessen , glaubt aber, dass in Helr. Brynh. der text von Np in mehreren fällen den vorzug verdiene. Es tra- gen indes die abweichungen in Eegm. und Helr. durchaus den gleichen Charakter: der text des Np ist durchweg planer, verständlicher, einfacher, weniger gekünstelt, er vermeidet die kenningar, ebnet die skaldische auseinanderreissung der werte. Aber ist er darum auch älter? Bugge hat mit recht darauf hingewiesen, dass der Verfasser der saga seine Überlieferung der eddischen strophen teilweise wenigstens aus der volkstradition geschöpft hat, und Wilken teilt diesen Standpunkt.' Der text des Nfi repräsentiert für uns also, wenigstens teilweise, die gestalt, die die lieder im munde des volks angenommen hatten. Gerade wer, wie Wilken es, frei- lich in übertriebener weise, tut (vgl. Gott. gel. anz. Mai 1877, st. 21. Untersuchun- gen cap. VII), eine feste grenze zwischen eddischer und skaldischer dichtung leug- net, wird es begreiflich finden, dass der volksmund sich bestrebte, das skaldische und ihm unverständliche aus den sog. Eddaliedern nach kräften zu entfernen. Oder wird es jemand bezweifeln wollen, dass auf Island der skaldenkunst ebensogut eine volkstümliche poesie zur seite ging, wie der mhd. höfischen lyrik eine volkslyrik 1) Allerdings hat der Verfasser des NJ) auch unsere liedersanilimg in schriftlicher aufzeichnung benuzt, oder doch wenigstens den teil derselben, der als Siguröar saga (vgl. NJ) Bugge 65 , 5) wol früher selbständig bestand. Auf diesen von Wilken gänz- lich verkanten umstand komme ich weiter unten zu sprechen. Einzelne fehler in der Überlieferung der liedercitate beruhen denn auch auf lese - oder Schreibfehlern. Ausser dem von Bugge ausgeführten hafri {Jiäfar E) unnar Regm. 16 ^ ist namentlich bewei- send Helr. Br. 8^ «' GodpjoSn R, das die vorläge von SF verlas zu d goß pordu. So hat S, während F ganz wilkürlich yygjar brdSttr hergestelt hat. Wüken scheint aber wirklich die lesart von F für richtig zu halten, die von S dagegen „für eine verfehlte anlehnung an R." (s. LXXXVII). Weswegen hat dann der Schreiber von S nicht gleich die richtige lesart von R aufgenommen.* und was berechtigt uns anzunehmen, Hjälm- gunnar sei der brudcr einer riesln gewesen? — Als überlieferungsfehler betrachte ich auch Regm. 20 ^ af hrotta mcida hrapi SF] at hrottameibi hrafns R; Regm. 25 ^ kennaz SF] kmnna'R; 25^ af minneF , af minnum S] atmorniR; Helr. 12 ^ hvarki S , Auor/ci F] hvdrtki R; 12» enn at SF] okkart R. Vielleicht auch Helr. 1«. 5=^. ÜBER PROS. EDDA ED. WILKEN 89 oder der lueistersingerei das Volkslied? Wie die einfachere kuiist des volks die gekünstelte skaldendichtung nicht ohne glüek zu ebnen gesucht hat, werden einige beispicie veranschaulichen : R SF 1. 14 •'• « ' prymr um qll Iqnd frcegr um Iqnd qll erlqg - simu af (med F) loß i iinu 16 5. C ' seglvigg eru eru segl ydr sveita stokkin sjövi stokkin 16' vägmarar väpnaäir 17 -^ ä satream ä sjä komnir 25* ösyiit övist 2 5 fgg. pil he fr, vär gulls! ef [pik] vita lystir pii liefr vqrgum mild af liq}idum meini blandat manns blöd pvegit (mqrgnm til matar F) Helr. manns hlöd gefvt. Helr. str. 6 ist in ihrem ersten teile ganz geändert: in dieser volksmässigen Umge- staltung darf man aber keineswegs mit Wilken s. LXXXIX anra. 10 das echte suchen. Ebenso verhält es sich mit andern stellen , in denen Wilken das ursprüng- lichere auf Seiten des Np sieht. Str. 1 ^ hat allerdings Hildebrand värra ranna SF {vers annarrar R) aufgenommen , aber gewis mit unrecht. Der Vorwurf, dass Bryn- hild noch auf dem weg zur Hei dem gatten einer andern nachläuft, darf nicht fehlen. Wäre die lesart von SF die alte, so würde 2, 1 fgg. sie nur müssig wider- holen. — 2^ halte ich das vd alundi (oder vä ä landi?) in N{) für einen über- lieferungsfehler. R hat af Vallandi, allerdings eine ,,crux interpretum ," die man aber, kritischer als Np, nicht einer wilkürliclien besserung oder einem blossen Schreibfehler zu liebe aufgeben solte. Vgl. übrigens MüllenhofF Zs. für deutsch, alt. 23 , 166. — Und ebenso erledigen sich die übrigen einwände Wilkens s. XC aus der angegebnen betrachtungsweise. * Durchweg weichen SP gemeinsam von R ab. In einigen fällen stimmen SR gegen F: im ganzen 27 mal, 13 mal in Regm. und 14 mal in Helr. Es verlohnt sich der mühe, diese fälle genauer zu betrachten. Wo der fehler in F auf der band liegt, erspare ich mir jede weitere bemerkung. '^ Regm. 132 konr Sigmimdar SR] sonr F. Str. 14 ^ haben SRP Yngoa konr. Gewiss ist dieses poetische wort, das bald veraltete (vgl. Vigfüsson dict. 350^), auch hier das ursprüngliche. 13 ö en madr gamall SR] en ek madr gamall F. ek zerstört den vers und ist mehr denn überflüssig. 13 '• •* (ok) er vier fangs vän at frekiim ülfi SR] af fr. ü. F. 15^ en hefiid fqäur SR] hefna F. Der vers verlangt ein einsilbiges wort. 1) Die bemerkungen Edzardis Germ. 23, 413 fgg. zu Helr. Brynh. habe ich hier, wo es sich nur um die Überlieferung des NJ) handelt, unberücksichtigt gelassen. Mit der erklärung von nf T'allandi s. 417 kann ich mich nicht befreunden. 2) Sievers gesetze für den kviöuhättr, die er in seinen „Beiträgen zur Skal- denmetrik" (Beitr. 5, 449 fgg. 6, 265 fgg.) entwickelt hat, haben sich mir hei sorg- fältiger nachprüfuug für die jüngeren lieder der Edda in allem wesentlichen als unbe- streitbar ergeben. Ich glaube deswegen das recht zu haben, sie als kritisches hilfs- mittel zu benutzen. Auch führe ich überall stillschweigend die metrisch erforderlichen kürzeren formen ein. 90 SYMONS .16* liaf SR] liafi F, unmöglich. 18^ Unikar hetu mik SR und Cod. der VqIs. s.] hetö (i. e. hetum) mik F. Das ursprüngliche war hetumk. 21^^ täi SR] ä rä i F. 23 3 skinundi SR] sitjandi F. 23 ö er SR] sem F, die jüngere ausdrucksweise. 25^ /war at aptni {apni R) /cewr SR] hoat er a. k. F. 26'^ bitrum hjqrvi SR] breidum hjqrvi F, was Wilken aufnimt. Gewis sind beide epitheta möglich , aber ebenso gewiss ist das erstere origineller und deswegen ursprünglicher. Auch mhd. heisst der kämpf, der streich, das schwert bitter (Lexer 1 , 287) ; so braucht das wort auch die ältere epische spräche der germanischen Völker: Beow. 2704 fg. u. ö. Für das an. vgl. noch Egilsson lex. poet. 55^ 26 ß säs fold rydi SR] ridur F. Helr. Brynh. 2^ ef [pik] vita hjstir SR] ef Jnn vitja F. Vgl. 5*. 7 6. Die lesart von F erklärt sich durch Verwirrung mit 1 ''. 2^. 3'- ^ hvars menn edli okkart kimna R, pars edli menn okkat kunnu S] peims edli mitt um kunna F. Von allem andern abgesehen wird durch die lesart von F die lezte zeile um eine silbe zu kurz. 4^ pii hefr Gjtika SR] Gjüka fehlt F. 1 ^ ef [pik] vita lystir SR] ef pess vita lystir F. pik ist freilich ebenso wenig ursprünglich yvie pess, aber dennoch relativ das echtere. Vgl. 5* (auch in F), 2«. Helg. Hu. II, 8*. 413. Atlm. 57 i und Sievers Beitr. 6, 332. 8 ' vard SR] var F, falsch. 10 ■'• ^ panns mer fcerdi gull | paz und Fäfni lä SR] panns foerdi vier | Fäf- nis dynu F. Wilken s. LXXXVII hält die lesart von F für ursprünglich, und gewiss könte man hier noch am ehesten geneigt sein, ihm beizustimmen. Dennoch wird man diesen fall nur im Zusammenhang mit den übrigen textabweichungen beurtei- len müssen. Übrigens lag die kenning Fäfnis dyna == gxül nahe genug: vgl. Egils- son IM**. 1 12 5 knätti SR] mätti F. 13 3- * at ek Sigurdi \ sveefak ä armi SR] at ek Signrdi \ svcefa ä armi F. Das ursprüngliche ist: at Sigurdi \ svcefak ä armi. 13^- *^ hat F drei geringfügige abweichungen von SR, die sämtlich Verschlech- terungen sind. 14 2 alls til lengi SR] aus of lengi F. 14 3- •* konur ok karlar \ kvikvir {kvikir um SF) fcedask SR. Hier liest F fordask , das den gegensatz der beiden halbstrophen zerstört. Vgl. Edzardi Germ. 23, 416, der die nicht leichte strophe zuerst richtig gedeutet hat. An einer stelle Regm. 20* bietet F die von den neueren herausgebern auf- genommene form dyggva {dyggja SR). Die abweichung ist blos orthographisch: überdies sind beide formen richtig und aus *clyggvja entstanden (Bugge Norr. Fornkv. 217). Nur an einer einzigen stelle — wenn mau, wie billig, von der blos ortho- graphischen abweichung Regm. 26 « hugirm S {hugin FR) absieht — stimmen FR zusammen gegen S : Regm. 17 ^ brqndum FR = hqmrum S. 1) Das ursprüngliche dürfte sein: panns fcerSumk gull paz tmd FäJ'iii lä. ÜBER PHOS. EDDA ED. WILKEN 91 Endlich gibt es einige fülle, in welchen alle drei hss. auseinandergehen. In diesen hat überall S das relativ ursprünglichere. Folgende sind die wichtigsten : Holr. 23 hvarfüst R] ^ hvarßynt S, hverfliint P. Bugge hat in seinen teit von Np die lesart von F aufgenommen. Allerdings scheint nur hverflyndr belegt (Cl-Vigf. 300"), aber gegen die hildnwg hvarflyndr ist nichts einzuwenden. Gewiss steht S auch hier der gemeinsamen vorläge näher als F. 2'' Die halbstrophe ist, wie bereits oben bemerkt wurde, in NJ) nach münd- licher tradition ganz geändert. In F ist die entstellung jedoch weiter gegangen; die lesart von z. 7 nu^ryum til matar F {ineini hlandat S , viild af hqndtim R) ist schon metrisch verwerflich , da die zweite und dritte silbe nicht verschleifbar sind. 3'' hvars inemt edli R] pars eäli menn S, peims edli mitt. Die foitschrei- tende Verschlechterung ist nicht zu verkennen. 8^ Odu {wpo) R] auda S, audur F. Wilken hat die form von F in den text aufgenommen, die gar keine gewähr hat. R bietet Sgrdr. B. 229, 8 hwpo, der codex der VqIs. s. cap. 20 (B. 125, 17) fehlerhaft Agnarr eda Audabrödir. An lezterer stelle nimt Wilken (184, 1) gleichfalls die genitivforin Audar auf. - 10 "* pai' had [liami] einn pegii R. S stelt um peyn einn, woraus F peg (= pegar) einn gemacht hat, das metrisch anstössig und dem sinne nach kaum möglich ist. 14** S0klcst(uj , gygjarkyn R] nü rqg gygr S, rm gygr F. Die lesart von F mag immerhin dem liede einen ,, einfachen und gefälligen" abschluss geben (Wil- ken s. XC): dennoch ist sie unmöglich, denn nach zahlreichen analogien (vgl. Sie- vers beitr. 6, 327) ist das in .s0/i;/i;s^;* steckende J>it zu streichen, und dadurch würde der vers dreisilbig. Unsere Untersuchung der Überlieferung der eddischen atrophen in Nf hat somit den unbedingten Vorzug von S ergeben.^ Der zweite grund, der Wilken dazu bewogen hat, seiner ausgäbe F zu gründe zu legen , entspringt glcichfals einer irrigen auffassung. S soll in cap. 1 ziemlich stark gekürzt haben. Allein viel glaublicher ist, dass F erweitert hat. Die Fla- teyjarbök erweitert überhaupt mit verliebe: so in der Hallfredarsaga (vgl. Forn- sögur edd. Vigfüsson und Möbius X) und sonst. Dass sie es auch im vorliegenden falle tat, lässt sich leicht nachweisen. Während nach S der noch ungetaufte Nor- nengast sich ohne wissen des erzchristlichen königs einschleicht, und dieser erst durch die nächtliche erscheinung des elben veranlasst wird , sich am folgenden morgen nach dem namen, der herkunft und dem glauben des fremden zu erkun- digen, zerlegt F diesen sehr naturgemässen Vorgang in drei teile: ankunft des Nor- nengastes am späten abend und vorläufige freundliche aufnähme von selten des 1) Mir ist nicht recht deutlich, warum alle herausgeber der Edda hvarfüst schreiben: offenbar ist doch hvarf-fust das richtige. In NJ) ist daraus hvarf-lynt geworden, wie Regm. 21^ aus hroörfusa E, hroörfulla SF., 2) Über 8^ «' GoÖpjoöu E] d gob porSii S, gygjar brobur F vgl. oben s. 88 anm. Diese stelle ist namentlich beweisend. 3) Bekantlich ist Hyndluljöö ausschliesslich in F überliefert. Nur str. 33 findet sich auch angeführt in SE I, 44 in UWr. Diese eine strophe genügt, um auch für dieses lied die Vermutung zu rechtfertigen, dass der text von F stellenweise willkürlich geändert ist. 33 ^ bietet F skilberen'Sr, SE seibberendr {cn sci'bb W, in TJ fehlen z. 5. 6): leztere lesart ist natürlich richtig. 92 SYMONS königs, erscheinung des geistes in der Dacht, und infolge dessen weitere erkun- digimgen des königs am nächsten morgen nach der herkunft und confession des gastes. Der nachtgeist spielt hier dieselbe rolle , die sonst in isl. erzählungen dem ti'aume zuerteilt wird : er weist auf eine drohende gefahr , überhaupt ein kom- mendes ereignis hin. Weit kunstvoller und Aveit mehr im geiste des altertums ist es, wenn die künde vom bevorstehenden unheil ohne Vorbereitung an den schläfer herantritt. Wilken bemerkt, dass der leser sich ,,in der erzählung des nachtelben," wie S sie bietet, ,,wol nicht gleich zurechtfinden wird." Möglich, aber eben des- wegen hat der redactor von P diesem Übelstande abzuhelfen gesucht. Für eine kürzung wäre kein triftiges motiv denkbar. Überdies spricht auch ein äusserlicher grund für erweiterung in F. Der nachtelbe tritt vor jedes bett und ,,at lyktum kom hann til scengr eins manns, er par Id ütarlifja" {olc um siäir kern,)' hunn at einum manni, er Id ütarliga S). Diese darstellung ist sehr verständlich, sobald von dem neuen ankömling noch nicht die rede gewesen ist, wie in S, aber schwer- lich, wenn dieser mit grossem wortreichtum bereits eingeführt ist, wie in F. * — Im übrigen sind die abweichungen beider handschriften zwar ziemlich bedeutend, ebne jedoch den kern der sache wesentlich zu berühren. Im grossen und ganzen ist F wortreicher, zeigt ein gewisses streben nach oft überflüssiger deutlichkeit , ändert vielfach die Wortstellung, bevorzugt das plusqpf. vor dem imp, von S und die indirecte rede statt des lebendigeren dialogs. Dass der text von S durchweg der bessere ist , rauss Wilken selber anerkennen , sodass ich mich des beweises dafür überhoben rechnen darf. Schliesslich, was für Wilkens Standpunkt freilich ohne bedeutuug ist, für mich aber von um so grösserer, auch die prosa von R erscheint au einzelnen stellen in S treuer widergegeben als in F. Dies mögen wenige beispiele erhärten: Bugge 55, 8 en. Hiqrdis giptiz pd Alfi K] pegar Alfi S, Hdlfi F; 55, 19 frä forellri sinu ES] frd forelldrum sinum F; 57, 9 ok tök i sunclr lagäinn sem vatnit RS] sem vatnit fehlt F; 6d, 1 ok svd segir i Gii- ärünarkviäu inni foriiu R] en i Gudrünarraäu segir svd S, en igäurnar sqgäu svd F (natürlich ein lesefehler). - Im vorstehenden hoffe ich den beweis hinlänglich erbracht zu haben , dass einer ausgäbe des Nornagestspättr unbedingt S zu gründe gelegt werden muss. Wilkens ausgäbe muss ich aus diesem gründe für verfehlt halten: ein einfacher abdruck von Bugges text hätte weitaus den Vorzug verdient. Tadeln muss ich auch, dass Wilken nicht überall zu den liedercitaten die lesart von R vollständig anführt, sondern sich oft mit einem ,, anders L. E.," ,,die abweichungen der L. E. vgl. 'bei Hild." oder auch ganz ohne andeutung begnügt. Ich wende mich jezt zu der einleitung, soweit sie VqIs. s. und Norn. p. betrift. Dass ich diese im ganzen wie in den meisten einzelheiten für mislungen halten muss, habe ich bereits angedeutet und werde im folgenden die gründe die- ses Urteils darlegen. Ij Wie ich iiauhträglicli sehe, hat auf diesen Widerspruch schon Edzardi Germ. 24, 354 aufmerksam gemacht. 2) Regm. 18* lesen alle vier codd. (li S V und der codex der VqIs. s.) hafSi. Alle ausgaben, mit ausnähme von Hiklebrauds, ändern Itaföak. Ist diese änderung rich- tig, so wäre dadurch die im Iczten gründe gemeinsame vorläge für alle vier stränge der Überlieferung nachgewiesen. Ich glaube aber, dass die handschriftliche lesart mit Hil- debrand behalten werden muss, wie andernorts gezeigt werden soll. ÜBER fROS. EDDA ED. WILKEN 93 Der keriiimnkt von Wilkens einleitung ist natürlich das Verhältnis der an. quellen für die Völsungeiisage unter einiinder. Ausser Vs. und Nji kounnen also in betracht in erster linie die Eddalieder, die prosa der saniluug und der kurze auszug in SE 1 , 352 fgg. , in zweiter linie auch die pidrekssaga, namentlich in den mit Vs. übereinstimmenden stücken. Die Eddalieder scheidet Wilken genau von der prosa der samlung. Au und für sich ist dies richtig und notwendig. Ebenso notwendig ist aber eine kritische sonderung der Eddaprosa, die, wie sich bei einer unter.suchung herausstellen wird, sehr verschiedenen wert besizt: bald sind es Zusätze oder deutungcn des samlers, bald auseinandergefallene halbvorgcssene stro- pheu , und jene Zusätze sind bald das werk des samlers, bald von ihm anderswoher entlehnt. ' Übrigens wird ein grosser teil der j)rosa der samlung vom Verfasser dt-r Sigurdarsaga , Avorüber unten mehr, herrühren, aber natürlich erhebt sich für ihn alsbald dieselbe frage, wie für den samler der sogenanten Eddalieder. Die Untersuchungen über das gegenseitige Verhältnis der genanten quellen hat Wilken am Schlüsse der einleitung (s CHI fgg.) zusammengefasst. Seine resul- tate sind etwa die folgenden: An der .schwelle der norrtenen litterarischen entwick- lung der Völsungensage steht eine rein prosaische Sigurdarsaga, deren (zunächst allerdings nur in mündlicher Überlieferung nachweisbare) existeuz vom anfang des ] 1. Jahrhunderts an gesichert erscheint. Auf ihr beruhen ,,als m»dir oder minder freie Variationen " die Eddalieder. Diese prosaische ursaga ist uns nicht in zusam- menhängender aufzeichnung ei-halten, doch liegt sie den übereinstimmenden par- tien der jüngeren prosaquellen zu gründe, der Vs , der Skäldskpm. , des N{), der Eddaprosa, ja teilweise sogar der ps. ; am treuesten soll die skizze der Skäldskpm. diese urform der saga bewahrt haben. Volständig aber besitzen wir die Sigurdar- saga in einer jüngeren recension, und dies ist eben die Volsuugasaga, die ihrer- seits wider die Eddalieder benuzt hat, allerdings nicht nach unserer sandung, son- dern nach mündlicher tradition (s. LXX fgg.). Zwischen den verschiedenen quellen walten aber noch folgende Verhältnisse. Die Gylfaginuing , die Wilken in ihrer ursprünglichen gestalt ins 12. Jahrhundert sezt (Unterss. s. 1G2 fgg.), hat in ihrem prolog eine recension der Vs. benuzt, sodass deren älteste litterarische fixierung damals bereits geschehen sein muste. Im anfange des 13. Jahrhunderts erfolgte dann eine ,, ziemlich durchgTeifende Umgestaltung" der Vs. , inj ganzen der uns erhaltenen recension entsprechend (s. CVl). Diese wird Snorri, wenn er der Ver- fasser der Skälda war, für seinen sagenauszug benuzt haben. '^ Dagegen verrät weder er noch der Verfasser von Np irgend eine keutnis der ps. So komt Wilken dazu, Np mit R. Keyser um oder bald nach 1250 auzusetzen, die samlung der Eddalieder aber noch etwas weiter in die zweite hälfte des 13. Jahrhunderts hinab- zurücken , da diese in Gudr. III uud der einleitung zu Gudr. II eiufluss der ps. 1) Eine solche Untersuchung, wie Edzardi sie wünscht (Germ. 23, 103 aum. 2), habe ich widerholt angestelt, gestehe aber, dass die ergebuisse mir zu unsiclier waren, um sie drucken zu lassen. Indes denke ich bald eine solche Untersuchung in anderem zusammenhange vorlegen zu können. 2) Merkwürdigerweise soll aber auch die Vs. „spurweise" die Skdlda benuzt haben (s. XXVIIl fg. CVI anm. 5). Und, während hier Snorri eine recension der Vs. benuzt haben soll, die der erhaltenen oflenbar so ähnlieh gesehen haben muss, wie der eine tropfen wassers dem andern, wird s. XXIX mit gröster bestimtheit behauptet, dass nur eine altere recension der Vs. , nicht unsere, in der Sk. verwaut sein kann. Eine solche consequenz verstehe ich nicht. 94 SYMONS zeigen soll. Demnacli müssen die Übereinstimmungen zwischen der prosa des sam- lers und Nf>, soweit sie nicht auf gemeinsamer benutzung jener alten Sigurdarsaga beruhen , so erklärt werden , dass der samler NJj kante. Dagegen hat Np noch keine spur einer liedersamlung. Zu dieser wurde erst geschritten . als die ,, pro- saische wie poetische Produktion auf grundlage der alten Sig. saga dem erlöschen bereits sehr nahe war" (s. CVII). So korat bei Wilken die liedersamlung am Schlüsse der ganzen Überlieferung zu stehen, wie die mündlit-he Sigurdarsaga an ihrem anfang. Das Verhältnis der eddischen Völsungenlioder zur Sigurdarsaga soll ein analogou finden in der von Storra vertretenen Stellung der Kampeviser zur pidrekssaga , während das Verhältnis des Nornagestspättr zur V^lsungasaga sich widerspiegeln soll in dem der Blömstrvallasaga zur pidrekssaga (s. CVIII). Dass diese resultate fast in allen punkton von den bisherigen annahmen abweichen , leuchtet ohne weiteres ein. Sie stellen das bisher von allen forschern festgehaltene Verhältnis der prosaquellen zu den Eddaliedern geradezu auf den köpf. Wie im einzelnen auch die ansichten auseinandergiengeu, folgendes, darf man wo 1 sagen, galt als unbestrittener aiisgangspunkt für alle Untersuchungen: 1. Die Verfasser von Vs. und NJ) benuzten für ihre erzählangen entweder dieselbe samlung von alten heldenliedern mit eingestreuten prosastücken, die uns in R vorliegt, oder doch eine derselben sehr nahe verwante. Die liedersamlung ist also älter als beide erzählungen. 2. Die Eddalieder, zum teil vielfach umgearbeitet, wurzeln in mündlicher tradition , sind aber keine poetischen Variationen einer prosaischen erzählung. Andere punkte waren allerdings controvers: so der umfang der benutzung der liedersamlung in der Vs. uud Np. , das Verhältnis der liedersamlung zur SE, der Vs. zur ps. , wol auch des Np zur Vs. Wilken hat die festen grundlagen der bisherigen forsehnng ohne genügende, hie und da ohne alle motivierung zu zer- stören gesucht. Eine neue basis gewint er erst durch eine menge von unüberlegten einfallen, Widersprüchen und falschen praemissen: er hat seinen oberbau aufgeführt, bevor er eine neue und bessere grundlage gelegt hatte. Da ist es nicht Avunder- bar, dass das ganze künstliche gebäude von funkelnagelneuen Vermutungen in der luft schwebt, und dass eine ernste betrachtung des tatsächlichen es zusanmienstür- zen macht. Zunächst das Verhältnis der Vs. zu den Eddaliedern und zur liedersamlung; natürlich ist beides nicht identisch. Dass die mehrzahl der heldenlieder der Edda in der Vs. benuzt ist, unterliegt keincnr zweifei und wird selbstverständlich auch von Wilken nicht bestritten (s. XXIII). Dem sagaschreiber standen ferner die frü- her in R befindlichen, jezt durch die lückc verlorenen lieder zu geböte. Diese bil- den die grundlage für cap. 23 — 29 der saga, wie Beitr. III, 253 fgg. nachgewiesen ist. Ich muss hier auf die besprechung von eiuzelheiten verzichten, halte es auch für weniger erheblich, ob der sagaschreiber ausser den algemein anerkanten noch andere in unserer samlung enthaltene lieder gekant hat, wie ich Beitr. III, 217 fgg. es für Helg. Hund. II, Gudr. I, Helr. Brynh. , Oddr. zu zeigen versucht habe. Dazu vgl. Wilken s. XXIV. Wenn in der tat die Vs. unsere samlung nachweislich benuzt hat, was ich sogleich eingehender begründen werde, komt auf den umfang der benutzung weniger an. Wenn ferner die tatsache feststeht und nicht geleug- net wird , auch von Wilken nicht , dass die saga die einst in R enthalteneu lieder noch gekant und ihrer darstellung iu c. 23 — 29 zu gründe gelegt hat, wird es weniger von gewicht sein, genau zu bestimmen, den Verlust wie vieler lieder wir zu beklagen haben. Ich habe freilich gemeint, aus der prosawidergabe der saga ÜBER PROS. EDDA ED. WTtLKEN 95 noch fünf bis sechs toils ältere teils jiiiif^-ere lieder erkennen zu können, die Sigurds Iiesuch hei Heimir und verlobun«- mit Bryuhild, Gudruns träume und deren deu- tung durch Brynhild, Sigurds ankunft an Gjukis hof und Vermählung mit Gudrun, Sigurds ritt durch die waberlohe, den zank der königinnen und lirynliilds harui besangen. Allein ich habe dies resultat meiner Untersuchung keineswegs als sicher und unbestreitbar hingestelt. Es ist überaus leicht, wie es Wilken s. XLII fgg. tut, das resultat als ganzes nicht anzugreifen, aber es in der weise zu modificieren, dass statt jener fünf bis sechs lieder nur vier „deutlich genug angezeigt" sein sollen, ,,um sie als wahrscheinlich gelten zu lassen." Allein man soke dies nur mit sehr bestirnten gründen tun. Diese führt Wilken nicht au. Im anschluss an S. Bugge Norr. Fornkv. XXXIX habe ich gegen W. Grimm, !'. E. Müller, E. Keyser u. a. auch cap. 23 und 24 , die Sigurds aufenthalt bei Heimir und Verlobung mit Brynhild erzählen , als para]ihrase eines liedes zu erweisen gesucht. Die gründe für diese annähme sind einmal der umstand, dass auch ({ripisspä ein früher in unserer samlung unmittelbar auf die Sigrdrifumal folgendes lied gekant haben muss, das Sigurds besuch bei Heimir besang, und zweitens die unter dem prosagewande noch hervorschauende poetische quelle. Lezterer grund hat mich auch bestirnt, für den grösseren teil von c. 25 (B. 139, 11 fgg.) ein lied als vor- läge zu vermuten. Den ersteren fertigt Wilken mit der bemerkung ab, dass er für seine auffassung nicht ins gewicht fält (s. XLH anm. 100) , den zweiten mit der sehr ähnlichen, dass er darauf nicht viel gewicht legen kann (s. XLVI). Auf die gründe, die Wilken seinerseits gegen mich anführt, wird er wol kaum selber ., gewicht legen" wollen. Die vermeintlichen anklänge an eddischen ausdruck, meint Wilken, kehrten auch in andern liedern wider. Natürlich; wäre dies nicht der fall, so hätten sie sich schwerlich als eddisch nachweisen lassen. Was in cap. 24 (B. 137, 3 fgg.) von den habichten und dem pferde Grani erzählt wird, dass sie mismutig das haupt hangen lassen , wird allerdings bei weitem passender in Gudr. II, 5 allein von Sigurds ross berichtet, das ohne die gewohnte bürde heim- kehrt. Der schluss Wilkens jedoch , dass dieser zug vom sagaschreiber an unge- schicktem orte vorweggenommen sein soll, ist um so weniger berechtigt, als dieser ihn sich, wie ja Wilken selbst anführt, in der paraphrase des zweiten Gudrunlie- des (B. 162, 23) nicht hat entgehen lassen. Dass aber der dichter eines jüngeren liedes , und offenbar hat das für c. 23 fg. vorauszusetzende lied zu den allerjüng- sten gehört, aus einem älteren entlehnte, ist in der Überlieferung der Eddalieder gewiss nichts unerhörtes. Das ganze erste Gudrunlied ist gewissermassen ein pla- giat. 1 Ganz ebenso ist es zu beurteilen, wenn in c. 24 (B. 13G, 17) von Brynhild erzählt wird, was Gudr. II, 14 fg. gleichfals passender von Gudrun aussagt, dass sie die taten des Sigurd in Stickereien darstelt. Auch diesen zug bringt die saga an geeigneter stelle (cap. 32; B. 163, 6 fgg.). Berichtet sie hier das gleiche von Brynhild, so folgt sie einem jüngeren liede, das die walkyrie ähnlich vermensch- licht hat wie Oddr. 16. Durch diese einfache, naturgemässe annähme wird die aus- führung Wilkens s. XLIII fg. gegenstandslos. 2 Was sodann cap. 25 betrift, so hält 1) Vgl. Jessen, Eddaliednr s. 52 fg. Edzardi Germ. 23, 182 fgg., aber auch Beitr. III, 261 fg. 2) Wilken vermutet dort, dass die gesfalt der Brynhild von jeher in der sage nicht ganz fest aufgefasst worden sei : sie sei zwar als die veranlassung des ganzen Zwistes angesehen, aber einerseits erst durch Steigerung zur walkyrie entwickelt, ande- rerseits „durch annäherung an das weibliche ideal (Gudrun) gemildert, schliesslich auch 96 sYmons Wilken s. XIjII zwar ein älteres lied von Gudruns träumen für wahrscheinlich , ist aber s. XLV „weit entfernt, hier die einfache auflösung eines Edda-liedes zu ei-blicken." Was nun des Verfassers wirkliche ansieht ist, lässt sich natürlich schwer erkennen. Der träum, den Gudrun der Bryuhild mitteilt, deutet unverken- bar auf Sigurds ermordung auf der jagd, wie die nordische sage sie sonst nicht kent. Wilken hält diese darstelluug für die ursprüngliche (vgl. auch s. LVII fgg.). Gerade von diesem Standpunkte aus ist gar kein grund , an einer liedesvorlage zu zweifeln. Dass von dieser ältesten fassung eines der merkwürdigsten ereignisse der sage kein einziges lied eine spur bewahrt, denn die deutung von Brot 5 s. LVII fgg. ist sehr gezwungen, prosaische volksüberlieferuug sie aber rein gehütet haben soll, ist kaum denkbar. Freilich kann ich mich nun auch in der auffassung der ver- schiedeneu Überlieferungen von Sigurds ermordung Wilken nicht anschliessen. Indem ich die ganze frage einer späteren besprechung vorbehalte, kann ich hier nur andeuteud bemerken, dass ich nach wie vor (Beitr. III, 284) und in Übereinstim- mung mit Rassmann I, 207 und Edzardi Germ. 23, 335 die ermordung im bette für das ältere halten muss. Die älteren lioder kennen ausschliesslich diese darstel- lung , ebenso die SE : die ermordung im freien kennen nur das lange Sigurdslied und Gudr. II. Eine Vermischung der älteren und jüngeren darstellung kent die ps. cap. 348. Auch ist das zeugnis des prosastückes frä dauda Sigurdar (Hild. 214), wie unverständig seine fassung auch ist, doch nicht gering zu achten. Wilkens Vermutung, dass „die ermordung im walde in einer pause der jagd, während Sigurd im halbschlafe ausruhte," wie Hans Sachs sie merkwürdigerweise darstelt (HS 2 314 fg.), das ursprünglichste sei, ist allerdings beachtenswert und anspre- chend. Es trat dann eine Spaltung ein, indem man in der dichterischen gestal- tnng bald auf den schlaf, bald auf die jagd den poetischen nachdruck legte. Aber die frage, welche von diesen beiden auffassuugen im norden die ursprünglichere ist, wird dadurch nicht entschieden. Dass es die der ermordung im bette ist, dafür spricht die Übereinstimmung aller älteren quellen. > Die lieder aber, die die ermordung im freien kennen , zeigen zum teil auch sonst erneuten einfluss der deutschen sage; das lied von Gudruns träumen, dem der sagaschreiber in cap. 25 folgt, zeigt diesen auch im zweiten zu Nib. 13 fgg. so merkwürdig stimmenden träume. Weshalb man diese spätere einwirkung der deutscheu sage auf die nor- (als ufben Gudrun entbehrlich) ganz aufgegeben ," wie im Volksbuch vom gehörnten Sigfrid. Mit grösserem rechte behaupte ich das gegeuteil. Wenn irgend eine gestalt in der ältesten fassung der sage, so tritt gewiss Brynhild in ganz festen, markigen umrissen vor uns auf. Sie ist eine im edelsten sinne tragische figur, ganz so, wie in der älteren Völsungensage Signy. Um jedoch ihre ursprügliche auffassung in der sage richtig zu würdigen, niuss man sie sorgfältig von ihrer doppelgängerin Sigrdrifa son- dern, der, wie wol demnächst einmal gezeigt werden Avird, von der alten sage eine ganz bestimte rolle zugedacht war. Eine ursprüngliche Identität von Brynhild - Sigr- drifa kann ich nur insoweit vertreten, als leztere eine Spaltung ersterer ist. Dass in der deutschen sageugestalt Brynhild verblasst und endlich vergessen ist , ist eine so natürliche folge der veränderten Ökonomie der sage, dass dieser umstand für die recon- struierung der ursprünglichen sagenauffussuiig gänzlich ohne bcdeutung ist. 1) Die lezten worte des sterbenden Sigurd in cap. 30 der VqIs. s. (B. 158, 17 fgg.) setzen eine ermordung auf der jagd voraus, wie richtig von Wilken bemerkt ist (s. XLV anm. lOG). allein diese Worte sind, wie ich jezt ebenfals annehme, der piörekssaga entnommen. ÜKER PROS. EDDA ED. WILKEN 97 rcene lieldendichtiing , die auch W. Grimm glaublich fand HS ^ 4 fgg. , neuerdings so entschieden in abrede gcstelt hat (vgl. R. von Muth, Einl. in das Nib. s. 51), begreife ich niclit. Sie ist an sich natürlich und wäre vorauszusetzen, auch wenn nicht lieder wie Atlm., Atlkv. , Gudr. III, wol auch Gudr. II sie ausdrücklich bestä- tigten. Man könte sich sogar zu der frage gereizt fühlen, ob diesen liedern nicht teilweise geradezu ud. quellen vorgelegen haben. ^ Nachdem Wilken die benutzung der Eddalieder in unserer saga ihrem umfange nach besprochen hat , behandelt er auf s. LXX fgg. die frage nach der art und weise der benutzung. Er beantwortet die frage, ob der sagaschreiber schriftliche liedervurlagen gehabt hat, und zwar in wesentlich negativem sinne. Allein auch hier tritt jenes schein öfter berührte unsichere schwanken hervor. ,,Ohne daher die lienutzung schriftlicher aufzcichnungen ganz zu bestreiten," heisst es s. LXX fg., ,, scheint doch das gegenteil bez. der meisten lieder für wahrscheinlicher." (sie!) Wilken bemerkt ganz richtig, dass die ganze frage für denjenigen, der eine kent- uis der ganzen samlung als selbstverständlich ansieht, nicht existiert. Für selbst- verständlich halte ich eine solche kentnis nun allerdings nicht ; wol aber glaube ich nachgewiesen zu haben, einmal, dass die saga die meisten lieder, noch vorhandene wie durch die lücke verlorene, ferner die meisten prosastücke unserer samlung gekant hat, und zweitens dass sie kein lied gekant haben kann, das nicht in E steht oder einst gestanden haben wird, und zwar dass sie die benuzten lieder und prosastücke in derselben reihenfolge gekant hat: ich glaube es dadurch in hohem grade wahrscheinlich gemacht zu haben, dass die samlung, die dem sagaschreiber vorlag, keine andere gewesen ist als unsere sogenante Saemundar-Edda.^ Allein, selbst wenn dieser nachweis nicht gelungen wäre, ,,dass die saga eine samlung benuzt hat , in der manche der gedichte und erzählungen über die Völsunge und die mit ihnen verknüpften heldengeschlechter, die sich in R finden oder früher fan- den, in einer form aufgezeichnet waren, die auf dieselbe schriftliche quelle wie R hinweist" (Bugge NF s. XLI) , dies galt bisher für eine nicht bestrittene tatsache. Wilken glaubt nun allerdings im vorhergehenden abschnitte seiner einleitung nach- gewiesen zu haben , dass die Vs. die prosa der samlung nicht benuzt hat. Zunächst wird es demnach nötig sein, zu zeigen, dass dieser nachweis verfehlt ist. ^ Leider liat W. den punkt nicht im zusammenhange untersucht und durch die hiueinziehuug der SE die Übersicht erschwert. Ich entziehe mich aus diesem gründe der Ord- nung des buches und glaube mich überhaupt gerade hier kurz fassen zu können, da die Sachlage sehr klar ist, und ich zum teil einfach auf die früheren unter- 1) Ohne hier auf diese frage näher einzugehen, die ich für die von mir vorbe- reitete ausgäbe der Edda verspare, verweise ich vorläufig auf EdzarJi Germ. 23, 86. — Wenn auch Bugge in dieser Zs. 7, 389 die ermordung SigurJs im bette „die gewiss spätere sagenform" nent, wird er gewiss dafür seine guten gründe gehabt haben: er führt sie aber nicht an. 2) Nicht aber die erhaltene hs. E. 3) W. billigt s. XXXIII fg. meine Vermutung, dass der Hundingssohn Hjorvarör, den Sigurd e. 17 tötet, aus der prosa von Helg. Hund. II vor str. 13 (Hild. 165, 13 fg.) gewonnen ist, oder, richtiger ausgedrückt, dass die verschiedenen Überlieferungen der namen der Hundingssöhne in H.H. I, 14 und der prosa von H. H. II vom saga- schreiber verschmolzen sind. (Beitr. 111, 218). Wie mir scheint, begeht Wilken damit eine fatale inconsequenz, denn er räumt dadurch kentnis der Eddaprosa ein, die er sonst so lebhaft bestreitet. ZEITSCUR. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XII. • 98 SYMONS suchungen von Bugge N. F. s. XXXIV — XLI und von mir Beitr. III, s. 215 — 253 zu verweisen brauche. Dass beide relationen , die der Vs. und der Eddaprosa, nicht unabhängig von einander entstanden sein können, d.h. also nicht aus gemeinsamer quelle geschöpft haben, bedarf kaum noch einer abermaligen begründuug. Die saga hat die in der samlung erhaltenen lieder von den Völsungen und Niflungen in derselben reihenfolge^ gekant, sie hat alle irgendwie benutzbaren benuzt, sie hat ferner kein einziges verwant , das nicht in R steht oder früher gestanden hat -. da ist es doch gewiss die nächstliegende annähme , dass die vielen wörtliclien Übereinstimmungen mit der prosa der samlung ebenfals auf benutzung der prosa in der saga beruhen. Inwieweit diese Übereinstimmung schlagend ist, kann jeder mit hilfe der Beitr. III, 220 fgg. gegebenen tabelle leicht prüfen. Es lassen sich aber auch ganz bestirnte gründe dafür vorbringen , dass die Vs. aus der prosa der samlung geschöpft hat. Die am besten beweisende stelle ist die erzählung von der Vorgeschichte des hortes cap. 14 (B. 112, 11 — 114, 21), welche in der samlung der einleitenden prosa zu Reginsmäl usw. (Hild. 186, 1 — 189, 5) entspricht. Der samler (oder der Verfasser der Sigurdarsaga) hat hier in gröster kürze und ziemlich unbeholfen die hauptzüge zusammengefasst : Regln erzählt dem Sigurd, wie die äsen den Otr töten, Hreldmar sohnesbusse verlangt, und nun Loki, zum zwecke ihrer beschaflfung ausgesant, den zwerg Andvari in hechtgestalt fängt. Str. 1. 2 bringen das gespräch zwischen Andvari und Loki ; str. 3. 4 sind fälschlich in das lied hinein- geraten, vielleicht aus demselben liede, das ursprünglich auch die strophen Päfn. 12 — 15 enthielt. Ob sie dem sagaschreiber .schon in ihrem jetzigen zusammen- hange vorlagen , ist unsicher: jedesfals hat er sie nicht benuzt. Wol aber das vor- hergehende. Auch in der saga erzählt Regln dem Sigurd: der sagaschreiber ver- gisst es aber zuweilen und ruft sich dann gewissermassen durch ein segir Reginn (B. 113, 1. 114, 20) selber zur Ordnung. Er hat von Hreidmar und dessen söhnen schon im vorhergehenden capitel gesprochen; dennoch lässt er Regln seine erzäh- lung noch einmal beginnen mit einer darlegung seiner familien Verhältnisse. Regln erzählt von Otr, wie er den tag über in ottergestalt im wasser lebt, fische fängt und spät am abend dem vater heimbringt. Dann auch von Pafnir. Damit ist die exposition gegeben. Nun geht Regln zur erzählung von den ereignissen über, die die einleitende prosa zu den Reginsmäl berichtet, und richtet sich jezt genau nach seiner vorläge. Dabei werden ausdrücke widerholt, die schon vorweggenommen waren; "2 diese widerholung erkläi't sich ausschliesslich aus der benutzung der genan- ten quelle, deren unvolkommene darstellung gemildert und durcli erAveiterung ver- ständlich gemacht werden muste. Auch die art und weise , wie 113 , 10 fg. von 1) Wilken meint s. LH, der verfas.ser der Vs. habe sich die ihm bekanten lie- der in ,, einer ähnlichen quasi - chronologischen folge" als quellenmaterial vorgelegt, wie wir sie in der samlung geordnet finden. Erklären lässt sich ja schliesslich alles. 2) Vgl. B. 113, 4 fgg. mit 112, 17 fg.; B. 113, 7 fg. mit 112, 20 fg. Vgl. auch Beitr. III, 226 fg., zum teil gegen Bugge NF. s. XXXVII. — Gruudtvig (Edda'^ 227") hat sehr richtig bemerkt, dass die prosa des sanilers den Audvarafors viel zu früh nent : nicht Otr lebt in ihm , sondern der zwerg , und die worte / ßeirn forsi .... mntar gehören erst nach z. 17 Audvarafors. Es liegt hier aber keine textverdcrbnis vor, sondern ein irtum des samlers. Der Verfasser der Vs. begeht im anschluss an seine quelle ganz denselben fehler. Dagegen ist die darstellung der SE I, 352 richtig und verständig. Das Verhältnis der quellen würde schon durch diese eine stelle deut- lich sein. ÜBER PROS. EDDA ED. WILKEN 99 Hrcidmar gesprochen wird, als wäre nicht der söhn, sondern eine ganz unbeteiligte person der redende, findet ihre erklärung in der unbeholfenen darstellung der ein- loitenden prosa zu Roginsmäl z. 13 fg. Ich stelle die beiden erzählungeu einander gegenüber, weil nur so das gegenseitige Verhältnis ganz klar worden kann, und zeichne das übereinstimmende durcli cursiven druck aus. VqIs. s. c. 14. (B. 112, 11 fgg. W. 173. 4 fgg.) ])at er up])haf sggu pessar, at Hreid- marr hct fadir minn, mikill ok audigr: son haus het Fafnir, en annarr het Otr, ok var ok lünn [iridi, ok var ek niinstr fyrir mer um atgervi ok yfirh'it; kunna ek af järni gera ok af sill'ri ok gulli, ok (af) hverjum lilut gorda ok nokkvat n3'tt. Otr brödir minn hafdi adra idn ok nattüru; bann var veidimadr mikill ok umfranim adra menn ok var i otrs liki um daga ok var jafnan i anni ok bar upp fiska med munni ser; veidifgng- in foerdi hann fedr sinum , ok var honnm pat mikill st)'rkr; mJQk hefir hann otrs liki ä ser, kom sid heim oik dt hluncl- ancli ok einn saman, pvlat hann mätti eigi sjä, at pyrri. Fafnir var miklu mostr ok grimmastr ok vildi sitt eitt kalla lata allt pat er var. Einn dvergr het Anävari — segir Beginn — ; hann rar jafnan i forsinum, er Anävurafors heitir, i geddu liki ok feklc ser par vuä- ar, ßviat ßar var fjqldi fiska i ßeim forsi. Otr broäir minn för jafnan i penna fors ok bar upp fiska i munni sör ok lagdi einn senn ä land. Octinn, Loki, Hamir foru leiäar sinnar ok kömu til Andvarafors. Otr hafdi ßä tekit einn lax ok dt hhindandi at drbakk- anum. Loki tök einn steinn ok laust otrinn til hana. Aesir pottust mjqk hepnir af veidi sinni ok flögio hdg af otrinum. pat kveld kömu peir til Hreidmars ok sijndu homim veidina ; pä tüku ver pd hqndum ok Iqgdum d pd gjald ok fjqr- lausn, at peir fyldi helginn af gulli ok hyldi hann ütan med randu gtilli. pd sendu peir Loka at afla gtdlsins; hann kom til Rdnar ok fekk net hcnnar, för pä til Andvarafors oh kastaäi netinu Einl. prosa zu Reginsmäl (Hild. s. 186). [Sigurdr gekk til stöds Hjalpreks ok kaus ser af best einn, er Grani var kal- ladr sidan. Vgl. Vols. s. cap. XIII. (B. 111, 1 fgg.). pä var kominn Beginn til Hjalpreks, sonr Hreidmars, hann var hverjum manni hagari ok dvergr of voxt. Hann var vitr, grimmr ok fjolkunnigr. R.eginn veitti Sigurdi fostr ok kenslu ok elskadi hann mJQk: hann sagdi Sigurdi frä forellri sinu ok peira atburdum , at (vgl. Vols. s. c. XHI. B. 110. 23 fgg.)]. Odinn ok Hccnir ok Loki hqfdti komit til Andvarafors ; i peim forsi var fjqldi fiska. Einn dvergr het Andvari, hann var Iqngum i forsinum i geddu liki ok fekk ser par matar. Otr het brödir värr, kvaä Beginn, er opt för i for- sinn i otrs liki; hann hafdi tekit einn lax ok sat u drhakkanum ok dt blundandi. Loki laust hann med steini til bann; pöttusk Aesir mjqk hepnir ve- rit hafa ok fiögn belg af otrinum. pat sama kveld söttii peir gisting til Hreidmars ok syndu veidi sina; pd töku ver pd hqtidum ok Iqgäum peim fjqrlansn, at fylla otrbelginn med gulli ok hylja ütan ok med ruudii gulli. pä sendu peir Loka at afla gidlsins; hann kom til Bänar ok fekk net hcnnar ok för pd til Andvarafors ok kastadi netinu 7* 100 fijrir yedduna, en hon hljop i tietit; pä mailti Loki: hvat er put fiskn usw. Ich muss die vergleichuiig noch etwas weiter fortsetzen. Nach citieruug von str. 1. 2 heisst es B. 114, 4fgg. : Loki ser gull pat er Andvari ütti; en er hann hafcti framm reitt iiidlit, pä liafäi hann [eptir] einn hrhu/ , ok tök Loki hann af honuni. L>vcrgriiin gekk i steininn ok meelti fyr gedduna , en hön hljop i nctit; ßü mcelti Loki: hvat er pat fiska usw. prosa vor Eeginsm. str. 5 (Hild. 187) : Loki sä aUt gull pat er Andvari ätii ; en er hann hafdi fraiureitt gullit, pä hafäi hann eptir einn hring , ok tök Loki pann af hänum. Drergrinn gekk inn i steininn ok mcelti In E spricht der zwerg eine sehr dunkle strophe (Regui. 5) von zwei brü- dern, denen „das gold, welches Gustr bcsass" zum tode, und acht edelingen, denen es zum zanke gereichen werde. Die strophe gehört jedesfals nicht hierher, oder sie ist eine ganz junge Interpolation: sie ist im kviduhättr, drei zeilen (1. 3. 4.), und, wenn man nicht Vs. 7 fear liest, sogar vier sind metrisch dreisilbig, ^ der inhalt ist kaum verständlich, wenn man nicht mit Grundtvig (Edda'^ 227*^) in ätta z. 6 eine tiefgehende Verderbnis annehmen will. Doch wird die strophe in ihrem jetzigen Zusammenhang dem sagaschreiber bereits vorgelegen haben. Bei ihm sagt der zwerg (B. 114, 6 fgg.) ut hverjnm skijldi at hana veräa , er pann gullhring cetti ok svä alt giillit. Sieht dies nicht ganz aus wie eine summarische widergabe eben jener str. 5, die der sagaschreiber gewiss so wenig verstand wie wir, deren hauptgedanken er aber nicht entbehren konte? Wilken bestreitet s. XXVIl anm. 52, vgl. s. XXX, die von mir Beitr. III, 227 beiläufig geäusserte Vermutung, dass der Verfasser der Vs. mit den worten er pann gullhring cetti ok svä alt gnllit absicht- lich die Zweideutigkeit von Eegm. 5, 1 pat skal gull habe beseitigen wollen. Er fühlte, dass der fluch sich ursprünglich an den ring knüpfte (die Wünschelrute von Nib. 1064. HS 2 393), und das gidl des liedes erlaubte ihm, an beides, den hört und den ring, zu denken. Die wichtige eigenschaft des rings, das gold zu ver- mehren, die SEI, 354 noch so gut kent,^ hat die unklare prosa des samlers vergessen , und die nachlässigkeit seiner quelle hat der sagaschreiber nur notdürf- tig gebessert. Die nun folgende erzählung von der erstattung der sohnesbusse stimt in beiden cpiellen wider nahezu wörtlich überein : in einzelnen ausdrücken hat R das ältere. VqIs. s. (ß. 114, 8 fgg.): Aesirnir reiddu Hreictmari feit ok trääu upp otrhelginn ok settu ä fcetr; pä, skyldu Aesiriiir hlaäa tipp hjä gul- lina ok hylja ütan; en er pat var gert, J)ä gekk Hreidmarr framm ok sä eiti granahär ok bad hylja. pä drö Oäinn hringinn af ser Andvuranaut ok huldi härit. pä kvad Loki Guirs Jjer nü reitt (Eegm. G) Prosa vor Eegm. 6 (Hild. 188): Aesir reiddu Hreiämari feit, ok trädu upp otrhelginn ok reistu ä ftetr; pä skyldu Aesirnir hlada upp gullinu ok hylja; en er pat var gert, gekk Hreid- marr fravi ok sä. eitt granahär ok bad hylja. pä drö Odinn fram hringinn Andvaranaut ok huldi härit. GulFs per nü [reitt] (kvaS Loki) usw. usw. 1) In z. 4 niüste bana versclileift werden. 2) Eben deswegen sind die werte der SE in Loküs fluoli at ml haitgr ok pat gull skyldi vcrda pess bani er dtti bei der besseren kentnis Snorris (oder seines Vorgängers) ÜBER PROS. EliDA ED. WILKEN 101 Die samlung sczt. da.s g^esiiriich zwisclRii Loki und Hreuliiuirr in den stro- l)lion 8. 9 fort, berichtet dann iu einem prosastücke die vergebliche bitte von Faf- nir und Ifegin um bruderbusse und die crmordung Hreidmars, bringt in zwei wei- teren Strophen das dringend verdächtige gespräch des sterbenden Hreidmarr mit den töclitcrn (vgl. Bugge s. 413) und fährt fort (prosa vor 12): ])ä dö Hreidmarr, en Fdf'nir tök fjidlit (dlt. pä beiddisk Beginn at liaf'a fqdurnrf sinn, en Fäfnir galt pnr nci vid. pä leitadi Beginn räda ind LyngJieidi sijstiir sina , hvernig hann sJqihli heimta fodnrarf sinn. Die Schwester gibt in str. 12 einen rat, der keinen weitern erfolg hat, und der samler schliesst: pessa hluti sagäi Beginn Sigurdi. — Man sieht, der samler liat ganz vergessen, dass Regln der redende ist: erst ganz am Schlüsse hat er es bemerkt und doshalb die lezten Avorte hinzugefügt. Der sagaschreiber hat statt dessen allein (B. 114, 20 fg.): siäan drap Fäfnir fqdiir sinn ■ — segir Beginn — olc myrdi hann, olc nääa ek engii nf fenii. Dies ist gewiss sehr summarisch, aber doch genügend, um die samlung als quelle zu erweisen. Die saga hat sich einen augenblick durch die dritte person , in die der samler ver- fallen war, irreführen lassen, und schreibt: siäan drap Fäfnir fqäur sinn, merkt aber dann ihre inconseqnenz, ruft sicJi durch ein segir Beginn zur Ordnung und fährt fort ok nääa ek ongu af fenu.^ Was den sagaschreiber zur kürzung bewogen hat, ist schwer zu sagen. Dass aber seine darstellung gekürzt ist, gibt auch Wil- ken s. XXVII zu. Jedesfals hatte er nicht die verptlichtuug, alles was er in seiner quelle vorfand, auch zu verarbeiten, und, wenn er auch nicht sehr kritisch war, so mag ihm doch das auftreten der beiden töchter, die Grundtvig vergeblich zu verteidigen bemüht ist, ebenso widersinnig vorgekommen sein, wie ich wenigstens gestehen muss, dass es mir vorkömt. Dass auch SE jene töchter nicht kent, ist bezeichnend: die frage, ob Vs. den älteren teil der erzählung der SE gekant hat, wird noch zu berühren sein. Ich habe an einem längeren stücke den nachweis zu führen gesucht , dass die Vs. die Eddaprosa als quelle benuzt hat, und glaube, mich mit diesem begnügen zu dürfen. Will man ein weiteres deutliches beispiel , so vergleiche man die prosa zwischen Fäfn. und Sigrdrifm. mit der darstellung der saga cap. 19 u. 20 (B. 124, 12 — 125, 6). Hat der sagaschreiber nun die lieder und prosastücke, welche unsere samlung enthält, gekant, sie benuzt, soweit sie benutzbar waren, hat er ferner keine lieder benuzt, die unsere samlung nicht enthält oder früher enthielt, ist endlich die reihenfolge der benutzung die gleiche (Beitr. III, 220 fgg ), so ist es doch wol mehr als walirsoheinlich , dass er eben unsere samlung benuzt hat. Damit ist nun freilich der einfluss der lebendigen Volksüberlieferung nicht ausgeschlossen , und, was diesen punkt betrift, muss ich jezt allerdings gestehen, dass ich in meiner fi'üheren Untersuchung manches dem sagaschreiber als wilkürliche erweiterung und erfindung aufgebürdet habe, was ich jezt nicht mehr als uusagenmässig betrachte.^ durchaus nicht auf gleiche iiiiie zu stelhn mit dca ähnlich lautenden des sagaschrei- bers, wie es Wilken tut s. XXX. 1) Ich war auf diese ja sehr naheliegende bemerkuufj unabhängig von Edzardi Germ. 24, 357 fg. gekommen, freue mich aber der Übereinstimmung. 2) G. Storm Nye Studier s. 18 (Aarb. f. nord. oldk. 1877, s. ."514) erhebt die.sen Vorwurf mit recht gegen mich. Ich muss es mir versagen, im rahmen dieser anzeige näher auf diesen punkt einzugehen, werde dies aber in eiuem eigenen aufsatze tun. Hier aber muss mir die bemerkung wenigstens vom herzen, dass der teil meiner Unter- suchungen, der sich mit dm ersten zwölf capiteln der saga beschäftigt (Beitr. III, 102 SYMONS Weitere schriftliche quellen als unsere saiuluug, die pictrekssaga und vielleicht der ursprüngliche teil der erzählung der SE lassen sich aber nicht nachweisen, und es nötigt uns auch nichts zu dieser annähme. Mit dem nachweise, dass dem sagaschreiber die Eddaprosa vorlag, steht und fält natürlich Wilkens behauptung, dass er die Eddalieder nicht oder doch nicht vorzugsweise in schriftlicher aufzeichnung beuuzt hat. Was jener weiter zur stütze seiner ansieht vorbringt, ist nicht gerade von bedeutung. Der Wechsel von para- phrase und citat^ ist nicht im mindesten auffallend, die stellenweise citierten Stro- phen (es sind, abgesehen von Sigrdr. 5 — 13. 15 — 21 in cap. 20, nur 11 ganze und 3 halbstrophen) erklären sich zur genüge aus den lausavisur des isl. sagastils. Sie dienen meistens lediglich zur ausschmückung, hie und da auch als belege {svä er kredit 144, 29; svä sem JcvecUt er 148, 27; svä segir i Siguräarlcviäti 154, 14; sem skäldit kvad 156, 18; sem kvedit er 164, 4. 186, 18; sem her segir 164, 15). Überdies wird ja häufig die strophe erst in prosa umschrieben und dann citiert (so bei Bugge nr. 22. 23 vgl. 144, 24 fgg. 24 vgl. 148, 25 fgg. 26 vgl. 156, 17 fg. 28 vgl. 164, 13 fgg.). In der Gylfaginning ist es nicht anders: allerdings wird hier dem Verfasser der älteren redaction noch keine sckriftliche quelle vorgelegen haben, sondern erst dem bearbeiter von rW (vgl. jezt E. Mogk Beitr. 6, 517. 520 u. ö.). -- Wilken führt eine anzalil fälle an (s. LXX anm. 164), in denen die feh- ler oder abweichungen der saga von den Eddaliedern sich am einfachsten durch benutzung aus dem gedächtnis erklären sollen. Sehen wir etwas genauer zu. In der paraphrase des ersten liedes von Helgi dem Hundingstöter cap. 9 finden sich eine reihe von abweichungen. Das fortwährende Gramnarr für Gudmundr (102, 21. 103 , 5. 12. 17. 22) erklärt sich doch am einfachsten aus der falschen ergänzung eines G. der vorläge. Die irrigen lokalangabeu ör Nnrvasundum 101, 22 {i Orva- sund H. H. I, 25''), ä Lägatiesi J03, 4 {ä nesi Sägu 40, 2), viä ey pä er Sok lieitir 103 , 24 und 'par sem heitir fyrir Grindum 103 , 23 (i Sogn 51 =*, t grindum 51^) lassen sich auf beide weisen erklären, aber 105, 7 « prasnesi (psnesi Cd.) für das richtigere d pörsnesi H. H. I, 41» deutet wider auf eine falsche auflösung einer abkürzung der vorläge. Die von mir Beitr. III, 238 fg. angeführten abwei- chungen in der widergabe von Gudr. II sind teilweise wol absichtlich (so d Fjöni. 163, 10; Valdamarr 163, 23 usw.), teilweise deutliche textverlesungen, wie z. b. sönar dreyra Gudr. 11, 22" als sonar dreyra verstanden wurde (vgl. oben s. 86 fg). Was ferner die widergabe von Gudr. hv. 16 — 18 in cap. 41 (B. 185, 9 fgg.) an geht, so hat der sagaschreiber hier ohne zweifei einen nicht ganz gelungenen ver- such gemacht , die albernheit des liedes zu tilgen. Deshalb nent er erst den tod des Sigurd inn mesti liarmr 185, 11, dann den der Svanhild särast minna liarma 16, fügt aber hinzu eptir Sigurd. Er sah die Unmöglichkeit der vier absoluten Superlative ein, milderte sie, aber die treue gegen seine quelle verbot eine durch- greifende besserung. Dass übrigens gerade dieses lied ihm schriftlich vorgelegen hat, bewiese schon der offenbare lesefehler sonr 185, 21 statt snqr Gudr. hv. 19 »^ (vgl. auch 185, 4 fg. und Bugges anm. s. 199). Damit ist die reihe der wahrschein- lichen lesefehler nicht erschöpft: ich verweise auf Bugges anm. zu 173, 4 und 287 fgg.), vieles enthält, wa.s ich heute nicht mehr für richtig halte. Die bemerkuiigen Wilkens über diesen teil der saga s. XV — XXII sind allerdings recht dürftig. Ein- gehend und geistvoll, wenn auch wenig rücksichtsvoll gegen andere arbeiten, hat neuer- dings MüllenhofF ihn behandelt Zs. für deutsch, alt. 23, 113 fgg. 1) Sieh Wilken s. LXX. LXXXIII. XCV fgg. ÜBER PROS. EDDA ED. WILKEN 103 Beitr. III , 242. 245. 251 fg. — Ich muss auch ganz entschieden die behauptung Wilkens bestreiten, dass es die nächstliegende annähme sei, eine meniorialbenntzung vorauszusetzen. ,,Dass es die grenzen der niöglichkoit überstiegen habe, zehn lie- der" — es sind nach massigster berechnung, die verlorenen natürlich eingerech- net, fünfzehn — „von dem umfange der eddischen im ganzen und grossen annä- hernd getreu dem gedächtnisse eingeprägt zu haben, wird wol niemand behaupten können" (s. LXXII). Die möglichkcit wird kein verständiger in abrede stellen, aber die walirscheinlichkeit allerdings. Man versuche nur einmal ein FJddalied aus- wendig zu lernen, und man wird an sieh selber die beobachtung machen, wie schwer es ist. Man wird nicht einwenden wollen , dass wir keine Isländer ' sind, wie der sagaschreiber. Wir sind auch keine Griechen oder Eömer, und doch, wie leicht haften Homer und Horaz im gedächtnis. Der wenig fest gefügte und daher dem gedächtnis keinen anhält bietende Zusammenhang, vor allem aber der mangel jedes musikalischen elements in den Eddaliedern sind wol die gründe dieser tat- sache. Unsere saga wäre 'ohne benutzung schriftlicher quellen geradezu undenk- bar. Man nehme beispielsweise die cap. 33 — 38, die auf einer verquickung der beiden Atlilieder beruhen: eine solche contaminierende arbeitsweise blos nach dem gedächtnis kann nicht im ernste behauptet werden. Oder man beachte wie in cap. 31 zuerst (159, 16 — 160, 4) Brot 15 — 19 paraphrasiert wird, dann (160, 5 — 162, 2) Sig. III, 34 — 71, wobei der sagaschreiber die durch 159, 16-160, 4 unterbrochene widergabe dieses liedes fortsezt (caj). 30. vgl. Beitr. III, 234 fgg.): auch diese art des arbeitens ist nur zu erklären unter der Voraussetzung einer geschriebenen vorläge. Von welcher seite wir demnach an die Vs. hinantreten , als sicheres resultat stelt sich heraus die ausarbeitnng der saga nach vorzugsweise schriftlichen quellen von wesentlich derselben art wie die uns erhaltenen Vülsun- genlieder und dazu gehörigen prosastücke. Und überaus grosse Wahrscheinlichkeit hat der schluss , dass diese samlung, die dem sagaschreiber vorgelegen hat, keine andere war als die uns erhaltene. Über das Verhältnis der saga zur SE kann ich kurz sein. Beitr. III, 210 fg. habe ich anzudeuten gesucht, dass in der gedrängten skizze der Völsungensage in der Snorra Edda (ed. AM I, 352 — 370) zwei teile wol zu unterscheiden sind: erstens der in Ux^ überlieferte erste teil (cap. 39. 40*), zweitens die folgende erzählung, die sich blos in x findet (cap. 40'' — 42). Jener, welcher sich bis zum tode Hreid- mars erstreckt, ist frei und unabhängig; dieser hat die prosa der liedersamlung und wol auch Vs. benuzt. Da nun dem zwecke der Skalda nach, die die kenningar für gold erläutern Avill, nicht die gesamte sage von den Völsungen und Niflungen, 1) Gegen Beitr. III, 5il4 und Wilken s. LXXIII glaube ich jezt, dass die saga auf Island geschrieben ist, nicht in Norwegen. Vgl. G. Storni, Aarb. 1877, s. 314 und anm. 1. 2) Mit X bezeichne ich der kürze halber die durch rW repräsentierte hanilschrif- tengruppe , mit U nicht blos den allerdings kürzenden Upsalaer codex , sondern den noch nicht überarbeiteten text , wie wir ihn für die Skälda ebenso voraussetzen müssen, wie er für die Gylfaginning von Mülleuhoff Zs. filr deutsch, alt. 16, 148 fgg. behaup- tet und jezt in der sorgfältigen Untersuchung von E. Mogk Beitr. 6, 477 fgg. meiner ansieht nach nachgewiesen worden ist. — Auf die kritik der SE komme ich im zwei- ten teil dieser besprechung zurück. — Der hier in betraclit kommende abschnitt findet sich nicht in W, auch nicht der erste in U enthaltene teil. 104 SYMONS sondern nur die sage vom horte im plane des Verfassers liegen konte/ glaubte ich blos in der erzählung, soweit U sie bietet (ich bezeichne sie mit I), das ursprüng- liche, in dem weiteren nur in x befindlichen abschnitte (II) dagegen eine Interpo- lation des Überarbeiters zu erkennen. Ich halte auch jezt noch diese ansieht für wolbegründet, obgleich Wilken sie s. XV und Unters, s. 141 fgg. zurückweist. Es hat sich Wilken hier durch die allerdings herkömliche Unterschätzung der redac- tion U beeinflussen lassen. Indem ich die handschriftenfrage weiter unten bespre- chen werde, soll hier nur die berechtigung und nötigung nachgewiesen werden, II für eine jüngere, unter einfluss der samlung und vielleicht der Vs. stehende Interpolation zu erklären. Der teil I (cap. 39 und 40'') ist eine selbständige erzäh- lung von der otterbusse, bei weitem die beste, die wir besitzen. Sie hat noch zwei wichtige züge, die in der jüngeren prosaquelle verwischt oder ganz verloren sind: die trennung des wassers, in dem sich Otr aufhält, vom Andvarafors und die Wünschelkraft des rings. Für den ersten absatz von cap. 40 in x (SEI, 356 ''~i^) bietet U nur das folgende: nü tok Hreiämarr gullit at sonargiqldum , en Fäfnir oh Begimn beiddusk af nqkkurs i hröärgiqld. peir dräpu fqdur sinn. Fäfnir lagdisk d feit ok vard at ormi, en Reginn für ä brott (SE II, 360). Ohne läug- nen zu wollen, dass die uns erhaltene hs. hier gekürzt hat, 2 glaube ich doch, dass im wesentlichen auch die ursprüngliche redaction der Skälda nicht viel aus- führlicher war, und dass der erste absatz von cap. 40 in x überarbeitet ist. Der anfang der Überarbeitung ist noch deutlich genug erkenbar durch die frage hvat er fleira at segja frä gullinu? 356^ Hreiämarr im,ni peim enskis pennings af gullinu scheint der älteren stelle 354 ' Luki kvaä kann eigi skyldu liafa einn penning eptir nachgebildet. Ursprünglich scheint auch der zug, dass Fäfnir und Eegin beide den vater töten {peir dräpti fqdur sinn U = pat vard üräd peira hrcedra , at peir dräpu fqdur sinn til gullsins x). Wenn es dann aber nachher in x heisst (356*"): Fäfnir svarar svd, at litil vän var, at kann mundi midla gullit vid brödur sinn, er kann drap fqdur sinn til gullsins, wonach also Fäfnir allein den vatermord begangen hat, so ist dieser Widerspruch, wie Edzardi Germ. 24, 360 bereits tref- fend bemerkt hat , daraus zu erklären , dass der Überarbeiter hier bereits die Edda- prosa benuzt hat, die natürlich den mord auf Fäfnir allein schieben muste, da Regln der erzähler ist. Bemerkenswert ist noch , dass in U Odin den fluch spricht, in X wie in der Eddaprosa und Vs. Loki. Die strophe Eegm. 6 deutet den Sprecher nicht an, denn das q. l. in K ist keinesfals ursprünglich. Odin gibt den ring, bedeckt das barthaar: solte nicht auch ihm ursprünglich der fluch zukommen? Die erzählung von der otterbusse in SE war gewiss die nächste quelle des sam- lers: hierin stimme ich Wilken s. XXIX fg. bei. Nach dem vorher erörterten war sie also jedesfals mittelbar die quelle der Vs.; es wäre indes möglich, dass die Vs. für ihr cap. 14 auch direkt aus der SE geschöpft hat. Einzelne Übereinstimmun- gen des textes^ sind für diese annähme weniger von bedeutung als die bemerkung 1) Die kenning otrgJQld (nauögJQld Asanna, rögniälmr) soll erklärt werden, wei- ter nichts. Vgl. SE 1, 356. II, 360. 2) Beachtenswert ist aber , dass U in cap. 39 hie und da ausführlicher ist als x: ok haföi kann ßegar bana SE II, 359^ (auch H) ; kann var svd margkunnigr at Kann var stundwm ßskr i vatni 359-3 = hann var ßskr i vatni x; at hann skal til ganga ok sjd 360" = at hann skal sjd x An andern stellen hat aber U allerdings auch gekürzt. 3) Wie z. b. Vs. 114, 6 fgg. at hverjum skyldi at bana verÖa, er ßann gullhring fctti ok svd alt gullit vgl. mit SE I, 3f)4, 9 fg. at sd baugr skyldi vera hvcrjuin hqfudsbani ÜBER PROP. EDDA ED. WILKEN 105 der Vs. 114, 26 fg. [liillit er sidan Icallat otrsfjjqld, olc her äccmi af teMn. Bugge liält sie für einen jüngeren znsatz, sie kann aber auch vom sagasclireiber herrüh- ren im anschluss au SE I, 356 1. IT, 360". So auch Wilken s. XXX anm. 61. Ganz anders steht es mit II. Dieser teil, der in U fehlt, hat zunächst niclit blos die Eddalieder , sondern die samlung entschieden' benuzt. Für die lassung von cap. 40" in x ist dies bereits gezeigt. Die erzählung von der tötung F;ifnirs gibt sich deutlich kund als ein auszug der einleitenden prosa zu Fäfnir. Ich setze die stelle her. Einl. zu F:ii"n. (Hild. s. 193): SE I, 358. Sifiurär ok Reginn förn upp ä Gnita- Eptir pat förii peir Sicjurär olc Beg- heiäi ok hittu [)ar slöd Fäfnis, fa er inn ä Gnitalieiäi; pd gröf Sigardr grqf bann skreid til outns. par goräi Sig- ä veg Fäfnis ok settisk par i. Fm er tirdr grqf inikla ä veginum ok gckk Fäfnir skreid til vatns , ok kann kom Sigurdr par i. En er Fäfnir skreid yfir grqfna, pä lagdi Sigurdr sverdinu af guUiuu, blos bann citri, ok braut i gqgnum liann, [ok var pat bans bani.J pat fyr ofan b^fud SigurSi. En er Fäf- nir skreid yfr grqfna , pa lagdi Sigurdr hami med scerdi til hjarta. Der Überarbeiter der Skälda hat deutlich die beiden mit en er Fäfnir skreM beginnenden sätze z. 6. 9 zu einem zusammengezogen * und hat überdies aus dem pä er hann skreid til vatns z. 3 das til vatns entlehnt. Es wird dies beispiel genügen. Bugge N. F. s. XXX findet es mit recht auffallend , dass die erwachende walkyre sich SEI, 360 Hilde nent, nicht, wie in R, Sigrdrifa. Die identificierung von Brynhild und Sigrdrifa ist möglicherweise im anschluss an die "Vs. vorgenom- men. Wenn es aber in der SE heisst : pä vaknadi hon ok nefndisk Hildr (vgl. Helr. Brynh.63); hon er kqllud Brynhildr ok var valkyrja , so sehe ich hierin eine bisher nicht beachtete, aber wahrscheinliche bestätigung von Svend Grundt- vigs geistvoller Vermutung, dass Helr. Brynh. 7^10 fälschlich aus Sgrdr. in dies lied hineingeraten seien (Edda'-' 230''; Bugge N. F. s. 416). '^ Nur füge ich hinzu, dass auch str. 6 in volständigerer und besserer gestalt einmal zu Sgrdr. gehört hat; so wird der Überarbeiter von x das lied in der von ihm benuzten recension der samlung gekaut und daher den namen Hildr in seinem auszug hinzugefügt haben. Dadurch gewänne auch die identificierung von Brynhild und Sigrdrifa in Vs. und SE einen anhält. Die Vermehrung von Gjukis familie durch eine sonst unbekante tochter Gudny SE I, 360 vermag ich allerdings aus der benutzung der samlung nicht zu erklären. Dass eins der verlorenen lieder den namen bot, ist unwahr- scheinlich, da weder Vs. noch Gripisspä ihn kennen. Ist sie eine Variante der Gulh-Qud Gudr. I, 12 fgg.? vgl. HS'^ 359. Für die erzählung von Gudruns Selbst- mordversuch, den Schicksalen der Svanhild und der söhne Jonakrs (SE I, 366 fgg.) ist ausser den liedern , die diesen teil der sage behandeln, die prosa- einleitung zu Gudr. hvQt benuzt, wie ich gegen die von Bugge N. F. s XXXI ausgesprochene er dtti (== at sä baugr skyldl veröa at bana hverjum er cetti U). Die version der Vs. solieint eine Verschmelzung des satzes dtr SE mit Regm. 5 zu bezwecken (s. oben s. 100). 1) Durch abirren, also unabsichtlich, meint Edzardi Germ. 24, 358 anm. 1. Sehr richtig bemerkt dieser an derselben stelle, dass auch das aufwachsen Sigurds an Hjalp- reks hof in SE auf benutzung der Eddaprosa deutet, da dieses nur einen sinn habe im Zusammenhang mit der vaterrache , von der SE nichts erwähnt. 2) Wilken s. LXXXIX anm, 10 leugnet sie. 106 STMONS ansieht annehmen rauss. Aber schon die besondere ausführlichkeit beweist , dass hier dem Überarbeiter noch andere quellen vorlagen; der lezte kämpf der brüder mit den mannen jQrmuureks ist nach der Eagnarsdräpa behandelt (vgl. auch Bugge in dieser ztschr. 7, 384). Weniger zuversichtlich als benutzung der samlung behaupte ich für den teil II der SE auch kentnis der Vs. Diese habe ich Beitr. III, 211 zu erweisen gesucht durch vergleichung der erzählung von Gunnars ende in beiden quellen (SE 1 , 364, wozu ich aber die noch genauer stimmende fassung von le./J SEII, 574 hätte halten sollen, ^ und Vs cap. 37, B. 178, 5 fgg.) Indes Hesse sich die darstellung der SE zur not auch ausschliesslich aus benutzung von Atlm. 63 erklären, wenngleich wesentliche züge sich auch in Akv. 32. Oddr. 29. Drap Nifl. (Hild. 239, 15 fg.) finden. Aus diesen vier berichten hat die Vs. ihre erzählung zusamraengesezt. ^ Wahrscheinlich , aber nicht unbedingt nötig ist es , dass SE wider aus ihr geschöpft hat. — Auf einzelne Übereinstimmungen in kleinigkeiten, wo SE näher zu Vs. steht, als zu R möchte ich weniger gewicht legen. Auch will ich über den teil der erzählung der SE, der mit der grossen lücke in R zusammentritt, hinweg- gehen , da ich den sorgfältigen und erschöpfenden Zusammenstellungen von Edzardi Germ. 24, 359 nichts hinzuzufügen hätte. Da R hier nicht zu vergleichen ist, las- sen sich die dort angeführten Übereinstimmungen von Vs. und SE (sowie Grip. und Sig. III, 1 — 4) zunächst nur auf gemeinsame benutzung des verlorenen teils der samlung zurückführen. Dagegen — auch darauf hat bereits Edzardi hingewiesen — scheint SE I, 366 die erzählung der Vs. von Atlis tod, die aus einer Vermischung von Akv. und Atlm. entstanden ist, gekant zu haben. Wie in der Vs., lässt auch der Überarbeiter den Atli töten von Gudrun und dem söhn Högnis nach Atlm. , dann aber die halle ver- brennen , nach Akv. Die Versöhnung und bestattung hat er aber verständiger weise fortgelassen. Beweisend ist auch dies zusammentrelFen nicht. Auch die identifi- cierung von Brynhild und Sigrdrifa kann ganz wol , wie im Np , ein selbständiger griff des bearbeiters sein, obgleich man natürlich auch hier geneigt ist, an den Vorgang der Vs. zu denken (vgl. Beitr. III, 255 — 62). Dagegen ist von grosser bedeutung die eiufülirung der Äslaug (SE I, 370 eptir Sigurd svein lifdi döttir er Aslaiig het, er fcedd rar cd Ileimii^ i Hlymdqlum , ok eru padan eettir komnar störar). Wie schon Beitr. III, 211 behauptet worden ist, deutet diese stelle unverkenbar auf kentnis der Vs. in Verbindung mit der Ragnarssaga in der form , wie unser codex sie bietet. Wilken scheint dies s. XV zu bestreiten: ich sage ,, scheint," denn der satz, in dem er sich über unsere frage auslässt, ist wider so gewunden und unklar, dass ich ihn nicht ganz verstehe. Unters. 142 findet Wilken die nachträgliche erwähnung der Aslaug in r zwar unpassend, meint aber, dass diese unzuträglich- keit verschwinde durch die vergleichung von le/^, wo es schon am Schlüsse von c. 41 heisst: ej)tir Sigurd svein lifdi eptir döttir er Aslaug het; hon var uppfcedd 1) Vgl. namentlich das in r fehlende en svä lek kann hqrpuna in l&ß mit Vs. 178, 11. 2) Vgl. Beitr. III, 244. Auf die nicht sachlichen einwendungen Wilkens s. LXV fg. gegen die dort gegebene darstellung einzugehen, sehe ich mich nicht veranlasst. Das- selbe unsichere schwanken zwischen allerhand möglichkeiten ohne irgend einen leiten- den gedanken, das Wilkens eiuleituug allerwärts kenzeichnet, vertritt auch hier die stelle einer geordneten Widerlegung. Ein gereizter und herrischer ton kann diesem mangel natürlich nicht abhelfen. ÜBER PROS. EDDA KD. WILKEN 107 at Heimis i Hlymdqliim oli erii pacfan Jwnmar attir slörar (SE II, 573). Ich bestreite nicht, dass leß der gemeinsamen vorläge näher steht als r (Edzardi Germ. 21, 446. Wilken , Unters, s. 48 fgg.) , auch hier das richtige haben mag, obgleich die unmittelbar folgende erwähnung der Vqlsnnga drekJca in 1 eß nicht weniger unpassend eingefügt ist als an der späteren stelle in r, und jene Hs. die unzu- träglichkoit verschlimmert hat durch weglassung der halbstro])he Bragis. Auf die Stellung des satzes komt es aber überhaupt weniger an. Im ersten teil meiner Unterss. über die Vs. habe ich nachzuweisen gesucht (Beitr. III, 200 — 15), dass Vs. und Ragnarss. ein ursprüngliches ganze bilden , und dass die anknüpfung von Eagnars geschlecht vermittelst der Aslaug an die Völsunge eine erfindung des Ver- fassers dieser Y^lsunga-Ragnarssaga ist. ,,In der künstlichen hofgenealogie, die den nachkommen des Harald härfagri ihre nicht übergrosse legitimität versüssen solte, bildet diese erdichtung gowissermassen die zweite stufe." (a. a. o. s. 213). Die Zusammengehörigkeit der Vs.-Ragn. s. , die auch Storni, Ragnar Lodbrok s. 109 und Edzardi Germ. 24, 356* behaupten, hat Wilken s. XII fgg. besprochen. Er hält eine sonderexistenz der Vs. s. ohne Ragn. s. für wahrscheinlich, da auf eine solche als Sigurdarsaga angespielt werde im Nj) c. 5 ex. (B. 65 , 5) und wol auch im Hättatal c. 111 (SE I, 646). Während die erwähnung der Sigurdars. an lezterer stelle zu nichts verwendbar ist,"^ wird für erstere noch gezeigt werden, dass nicht Vs. gemeint ist, sondern der ursprünglich selbständige teil der liedersamlung, der die Schicksale Sigurds erzählt. Dass aber die litterarische fiction der Aslaug als tochter des Sigurd und der Brynhild von unserem sagaschreiber herrührt , ist Aveder von Wilken^ noch meines wissens bisher von sonst jemand geleugnet.'' Ich sehe in der Aslaugsage eine alte (auch in Deutschland bekante? vgl. Grimms KHM no. 94 und Ili, 170 fgg.) in Norwegen localisierte sage, die der sagaschreiber für seinen genealogischen zweck mit Sigurd in Verbindung gebracht hat. Den näch- sten anlass dazu bot ihm die ältere Aslaug, die gattin Ragnars, und die Verbrei- tung des namens Sigurd in der norwegischen königsfamilie. So lauge diese ansieht nicht entkräftet ist — und es kann nicht in meiner absieht liegen , die gründe, die mich zu ihr geführt haben, hier zu widerholen — wird es wol die nächstliegende annähme bleiben , dass der Überarbeiter der Skälda seine kentnis von Aslaug und ihren nachkommen {ok eru paäan cettir komnar störar) der VQlsunga-Ragnarssaga verdankt. Und damit zusammengehalten gewinnen auch die ferneren oben bespro- cheneu Übereinstimmungen zwischen Vs. und Skälda cap. 40'' — 42, obgleich au sich nicht gerade schlagend, eine erhöhte bedeutung und machen es wahrscheinlich, dass der Überarbeiter der SE ausser der liedersamlung für seine darstellung der Völsungensage auch die Vs. benuzt hat. S. LXXVII— LXXX handelt Wilken über das Verhältnis der Vs. zur pidreks- saga. Ich habe bereits bemerkt (oben s. 83 fg.), dass ich meine beurteilung dieses Verhältnisses Beitr. III, 263 fgg. als unrichtig erkant habe und zurücknehme, und dass ich jezt mit Storm Nye Studier s. 18 fg. (Aarb. 1877, s. 314 fg.) und Edzardi Germ. 23, 75 anm. die schon früher von Bugge ausgesprochene ansieht vertrete, 1) Lezterer führt eine anzahl von berührungen in stil und Sprachgebrauch zwi- schen beiden sagas an, auf die ich verweise. 2) Ebensowenig die stelle Fms. V, 210. Vgl. noch Wilken s. LXXXl fg. 3) Vgl. Unters, s. 142 anm. 11. 4) Ich darf mich der hofnung hingeben, dass auch Gustav Storm diese ansieht jezt teilt (entgegen der Eagnar Lodbrok s. 100 ausgesprochenen). 1 08 SYMONS wonach die beiden sagas gemeinsamen stücke ursprünglich der ps. angehören und aus dieser in Vs. entlehnt sind. Wilken trent cap. 22 (= ps. c. 185) in seiner beurteil iing von den anderen gemeinsamen stellen. Jenes betrachtet er mit P. E. Müller SB II, 66 als eine jüngere Interpolation , während er diese für unwilkürliche Übereinstimmungen zu halten scheint, die in der Vs. nach „nordischer volksorinne- rung" kürzer, in der ps. nach ,, deutschen gewährsmännern weitläuftiger und genauer" widergegeben sind. Im grossen und ganzen erscheint ihm aber die Vs. als die ältere saga. und Wilken sucht durch eine sehr gezwungene deutung der Worte en sumt med hveäslcap die bekanten angaben des prologs zur ps. auf unsere Vs. zu beziehen. Es liegt wol auf der band, dass die übereinstimmenden partien in Vs. und ps. gleich zu beurteilen sind. Gehört c. 22 der Vs. ursprünglich der ps. an, was ich nicht mehr bezweifle, so müssen wir für die anderen stellen (B. 158, 17 fgg. 162, 11 fgg. 169, 9 fgg-) dasselbe annehmen. Da aber diese stellen niclit aus dem Zusammenhang entfernt wei den können , wii-d auch c. 22 nicht von einem interpolator, sondern vom sagaschreiber eingefügt sein. Mit ande- ren werten , wir müssen an dem von Bugge N. F. s. XXXV über das Verhältnis beider sagas bemerkten festhalten. — Wie bereits oben s. 93 gezeigt wurde, sind überhaupt Wilkens ansichten über die ps. sehr eigentümlich. Sie soll in der lie- dersamlung benuzt sein (vgl. auch Gott. gel. anzz. 1878, s. 86), ja sogar in einem der lieder selber, Gudrünarkvida III.' Dabei wird die möglichkeit, die notwen- digkeit darf man wol sagen, einer jüngeren eiuwanderung deutscher sage in den norden ganz übersehen, wie sie nicht nur Gudr. UI, sondern namentlich auch die Atlilieder voraussetzen (oben s. 96 fg.). Kürzer als die über die Vs. ist Wilkens Untersuchung über den Np (s. LXXXV - CHI). Leider kann ich mich mit ihren resultaten ebensowenig einverstanden erklären wie mit den soeben besprochenen über die Vs. Dieselbe falsche grund- anschauung beherscht auch diese Untersuchung. Während ich über die benutzung der Eddalieder in Nf) mich bereits oben ausgesprochen habe (s. 88 fgg.), soll hier das Verhältnis zur samlung und zur Vs., die Wilken in §§ 15—17 bespricht, noch kurz ins äuge gefasst werden. Wilken behauptet auch hier, dass nicht, wie bisher wol jeder annahm, Np die samlung, sondern umgekehrt die samlung den Np benuzt hat (vgl. s. CVII) , insofern nämlich die Übereinstimmungen in beiden quellen nicht aus gemeinsamer benutzung der vermuteten Sigurdarsaga zu erklären sind (vgl. s. CIV). Ferner soll aber der Np die uns erhaltene redactiou der Vs. (wahrschein- lich schon verbunden mit der Kagn. s.) gekant haben , auf welche der Verfasser c. 5 ex. hinweise mit den worten sein segir i sqyu Siguräar (B. 65, 5). Erwägt man nun , dass nach Wilkens ansieht die Vs. nur eine jüngere recension der alten Sigurdarsaga ist, so hätte der Verfasser des Np die ältere und jüngere recension 1) Ich will dabei ganz übersehen, dass s. CVII in niclit sehr methodischer weise lieder und samlung der lieder zusammengeworfen werden. Gewiss ist Guör. III der jüngsten lieder eines (vgl. Jessen, Eddalieder s. 59, Edzardi Germ. 23, 340 fg. Anders, aber gewiss unrichtig, MüUenhotf Zs. für deutsch, alt. 10, 172 fg. und Martin DHB II, xiv), aber es wird keinem menschen einfallen, es bis in die zweite hälfte des 13. jhs. hinabzurücken. Schon die nameusform pjoörekr (vgl. E. Koch, die Nibelungensage ^ s. 51 l'g. Edzardi Germ. 23, 86) und ebenso die form Rerkja, den piörekr und Erka der ps. gegenüber, würden es verbieten, an einen einfluss der piörekssaga zu denken. Üb Konrad Maurer in dieser Zs. 2, 444 die Guör. III mit recht ins 11. jh. sezt, wage ich noch nicht zu entscheiden. ÜBER PROS. EDDA ED. WILKEN 109 derselben saga iiebeneiiuuiJer benuzt. Allerdinj^s wird es nirgendwo reibt klar, ob Wilken sich diese allen Schwierigkeiten abhelfende Sigurctarsaga als nur in niündlicbor Überlieferung lebend ^ oder in schriftlicher aufzeichnung neben der Vs. bestehend vorstelt. Ferner: nach Wilkens darstellung hat die samlung neben der Vs. den Njj benuzt (s. CVIl. anm. 10), andererseits aber soll N[) die Vs. benuzt haben (s. XIV. XCVIII) , und alle drei quellen haben wider gemeinsam die alte Sigurdarsaga benuzt (s. VIY). Das wäre ja an und für sich alles möglich: welche unnatürlichen coniplicationeu werden aber hier dem leser zugemutet! Dass zunächst die alte ansieht, dass die samlung dem N[) vorgelegen hat, die einzig richtige und mögliche ist, wird nach dem für das ähnliche Verhältnis zwischen samlung und Vs. bemerkten kaum noch einer umständlichen erörterung bedürfen. Auch hier wäre schon die erzähliing Gcsts von Eegin und Sigurd bewei- send. Diese, die hier dem Nornengast in den mund gelegt wird, ist natürlich demgemäss eingerichtet, und übergeht den bex-icht von der otterbussc begreiflicher- weise gänzlich. Ich will den inhalt von cap. 3 — 5 und 8 , denn nur diese vier kommen in betracht, in gedrängter kürze auf die Übereinstimmungen mit der sam- lung hin prüfen. Der anfang von c. III (B. 55, 1 15) entspricht im algemeinen der prosa frä dauda Sinfiqtla nach einer algemein gehaltenen, durch die einklei- dung bedingten einleitung. Dass der Verfasser dies prosastück ganz gekaut hat, und nicht blos den getreu nachgeschriebenen schluss, wird wahrscheinlich durch 55, 10—12, die E 175, 1 fgg. (Hild.) entsprechen. Daran schliesst sich unmittel- bar (55, 15 — 56, 1) eine im ganzen getreue widergabe der verwendbaren werte aus der prosaischen einleitung zu Eegm. (Hild. 186, 2 — 6). Dort heisst es dann hann [Reginn] sagäi Sigurdi, frä .... ßeim atbiiräum, at Oäinn olc Hcenir usw., und es folgt die erzählung von der otterbusse. Diese zu berichten lag nicht im plane desNp, der also lakonisch schliesst ok svä atbnräiom undarligum. 56, 1 — 4 sind auf Gest bezüglicher zusatz. Cap. IV gibt in den ersten Zeilen (B. 56, 5 fg.) R 189, 1 fgg. (prosa vor Eegm. 13) wider, citiert Eegm. 13. 14 und erzählt 57, 5—12 das schmieden des schwerts, fast wörtlich nach der prosa vor str. 15,'^ die citiert wird. Die Vorbereitungen zur vaterrache werden 57, 21 — 59, 12 weit ausführlicher berichtet als in der samlung. Doch sind vielleicht einzelne früJiere andeutungen verwertet (frä daud. Sinf. Helg. Hund. I, 14 und II prosa vor 13). Über die namen der von Sigurd erschlagenen Huudingssöhne in N{i vgl. Wilken XC fg. anm.'' .\i\ benutzung anderer quellen als der samlung ist nicht zu denken: die erfindung des Nf> ist sehr übel. Eegm. 16-25 werden citiert; die dazwischeustchende prosa 60, 19 61, 4 ist etwas wortreicher als die der samlung zwischen str. 18 und 19. Die Schlachtbeschreibung 63, 7 65, 1 (dazwischen Eegm. 26) ist recht ausführ- lich, aber nach den andeutungen von E 192, 1 — 5 frei und keineswegs geschickt ausgeführt. Mit der darstellung der Vs. cap. 17 zeigt sie gar keine Übereinstim- mung: weshalb N|), hätte er die Vs. gekaut, es vermieden haben solte, ,,die schon etwas stereotyp gehaltene Schilderung der Vs. noch einmal zu copieren" (Wilken 1) Überhaupt lässt sich von einer mündlichen saga nicht reden: das eigentüm- liche der saga, im gegen.satz zur sage (sQgn) ist ja gerade die schriftliche aufzeichnung. 2) Der satz über den üegishelm ist allerdings nicht verwertet (Hild. 190, 4 fgg.). Wilken s. XCII, anm. 18. 3) Die ganze Verbindung Sigurds mit den Hundingssöhnen scheint mir eine jün- gere verAvirrung unter einfluss der Helgisage, wie ich Beitr. IV', 188 fg. zu zeigen ver- sucht habe. Vgl. auch MüUenhotf, Zs. für deutsch, alt. 23, 138 fg. 110 STMONS XCIII) ist niclit abzusehen. Dann wird 05. 1 — 5 in aller Iciirze hingewiesen auf die tötung des drachen und des zwergs , die erwerhung des hortes und den bosucli bei Brynliild , die also auch hier mit Sigrdrifa zusammengeworfen wird. Für die weitere sage verweist der Verfasser auf die darstellung der gleich näher zu erörternden Siguräarsaga. — Cap. VI und VII behandeln abenteuer , die hier nicht zu untersuchen sind.i — In cap. VIII wird dann Sigurds tod erzählt: die Version der tütung im bette gilt für die algeraeiu angenommene, auf die abweichenden relationen wird 68, 19-69, 4 hingewiesen in nahezu wörtlicher anlehnung an die prosa frä dauda Sigurdar nach Brot af Sig. Für die wei- tere darstellung des todes der Bryuhild sind sicher benuzt die prosaische uach- schrift zu Gudr. I (69, 5 — 7) und die pros. einleitung zu Helr. Brj^nh. 68, 8 — 10. 16). Die erzählung des Nj) ist aber ausführlicher (69, 15 — 70, 8), vgl. Wilken XCIV. Nun folgt die Helreid ganz (70, 9 — 74, 21), worauf nach einer abschliessenden bemerkung Olafs der Verfasser in cap. VIII, B. 75, 1 zur erzählung von der beab- sichtigten Romfahrt der Eagnarssöhne übergeht. — Sieher hat der sagaschreiber demnach folgende stücke der samlung gekant: die prosa frä dauda Sinfjötla (den schluss von Hild. 176, 24 an), die einleitende prosa zu Regm. und die prosaischen stücke vor str. 13, str. 15, str. 16, str. 19 und str. 26 dieses gedichts, sowie Regm. selbst von str. 13 an in derselben Ordnung wie R; ferner die prosaische uachschrift zu Brot (Hild. 214, 6 fgg.) , die prosaische nachschrift zu Gudr. I (Hild. 220, 6 fgg.), die prosaische einleitung zu Helr. Brynh. (Hild. 236, 1 fgg.) und dieses gedieht ganz. Dass er auch den aufang des Sinfjotlalok gekant hat, ist mir wahrschein- lich (vgl. NJ)55, 10 fgg. = R 175, 1 fg., und 58, 4 — 6), aber nicht gewiss. Er kennt die Helgisage (55, 11. 58, 8 — 13): ob aber die erhaltenen Helgilieder, ist wider ungewiss. Er ist ferner wol unterrichtet über den teil der sage, der zwi- schen Sigurds vaterrache und seiner ermordung mitten inne liegt. Er erwähnt die tötung Fafnirs und Regins, die erwerhung des hortes, die erweckung der Sigrdrifa - Brynliild auf Hindarfjall , die Vermählung mit Gudrun (65, 1 — 7), lehnt aber die erzählung dieser begebenheiten ab , offenbar weil Nornagest an ihnen sich nicht wol beteiligt haben konte, und verweist für ihre darstellung auf die sagn Sujnräar. Was meint der sagaschreiber nun mit jener Sigurdarsaga? Diese frage ist zunächst zu beantworten. Bugge hatte in den anmerkungen zu Nf) die Volsunga- saga darunter verstanden, wenn auch nicht gerade in der erhaltenen redaction: dagegen bezieht er sie N. F. s. XLIII auf die samlung, welche wir Ssemundar- Edda zu nennen pflegen. ^ Wilken s. XCVIII (vgl. s. XIV) hält an Bugges erster deutung fest (s. auch P. E. Müller SB 2. 113, der sich jedoch viel weniger bestirnt über eine benutzung der Vs. auslässt , als Wilken behauptet) : er erweitert sie sogar, indem er auch nicht einmal an eine andere recension der Vs. als die uns erhaltene glaubt denken zu müssen, also auch bereits verbunden mit der Ragnars- saga. Neuerdings hat auch Müllenhoff Zs. f. deutsch, alt. 23, 113 sich in dersel- ben weise ausgesjirochen : seiner ansieht nach gibt N{) nur eine nachlese zur Vs. Müllenhoff stelt diese auffassung als selbstverständlich hin : mir aber scheint sie nichts weniger als selbstverständlich, nicht einmal wahrscheinlich oder auch nur 1) Für Sigurds kämpf gegen die Gandall'ssöhne verweise ich auf Beitr. HI, 276 anm. 1 und die dort augtführte ILtteriitur. Vgl. auch Wilken XCIII. 2) Bugges Worte lauten: ,,IIervcd har han rimelig en nedskreven frenistilling af Sigurds liv for öie; man da der ellers intet spor er til , at hau har kjendt Volsunga- saga, synes det rimeligere , at herved mene.s de meddelelser i banden og ubunden form om Sigurd, som indeholdes i den samliug , vi kalde Süeniundar-Edda." ÜBER PROS. EDDA ED. WII.KEN 111 naheliegend zu sein. Per sagascliveüjev hat für die teile der sage, von denen er uns berichtet, unleugbar die Vs nicht benuzt, sondern die Eddaprosa. Schon dadurch wird es glaublich, dass er auf deren weitere darstellung mit der Sigurflar- saga verweist. Wilken meint freilich s. XIV, anm. 15, dass die eddischen lieder mit verbindender pros;i nicht als eiue saga Sigiirdar gelten können. So gefasst, allerdings kaum. Viel weniger aber kann es die Volsungasaga, wie sie uns vor- liegt, die von 43 capiteln nur cap. 13 — 30 (resp. 31), also nicht einmal die hälfte, dem öigurd widmet. Wilken muss denn auch annehmen , dass unsere Volsunga- saga in älterer gestalt, ausser dass sie nicht mit der Ragnarssaga verbunden war, auch ohne die acht ersten capitel existiert hat;' in der jüngeren redaction, die dem Nf» vorgelegen haben soll , soll dann die saga neben dem neuen auch noch den alten namen Sigurdarsaga weitergeführt haben. Man müste aber viel weiter gehen und auch annehmen, dass diese ältere saga auch ohne cap. 9. 10 und nament- lich ohne die ganze schlusspartie c. 32 — 43 existiert hätte. Nur auf eine solche würde der narae Sigurdarsaga anwendbar ge-wesen sein, nicht aber auf unsere Vs., auch nicht in der von Wilken vermuteten älteren gestalt. Um die berufung des NJ) auf eine Sigurdarsaga zu erklären, muss ich mich einer ansieht Edzardis anschliessen, die dieser bereits widerliolt und, wie mir scheint, mit gutem gründe geäussert hat (Germ. 23, 18G ig. 24, 350. 3(!2 fg.). Edzardi glaubt, dass die Sigurdslieder in R einen abschnitt für sich bilden, der Hild. 176, 24 anhebt und ursprünglich bis zur prosa von Helr. Brynh. reichte. Eine fortsetzung dieses abschnitts bildet die weitere prosa bis vor Gudr. III. Die- ser abschnitt, die Sigurdarsaga, bestand wahrscheinlich schon vor unserer samlung und ward dieser als ganzes eingefügt, jedoch so, dass der Vorrat an liedstrophen vom samler beträchtlich erweitert worden ist. Aber es können bereits vor der ein- fügung in die samlung die Strophen die prosa weit überwogen haben, wie die Hälfssaga und Hervararsaga zeigen. Andererseits macht es Edzardi glaublich, dass der Verfasser der Sigurd. s. mit den Worten svä sein secfir i Sigurdarkvidu inni sTcqmmw (Hild. 220, 9 fg.) ursprünglich nur auf Sig. sk. 42 fgg. hingewiesen und nur diese citiert haben wird. Erst der samler ergänzte den anfang des liedes, wie ähnlich die SE ursprünglich nur den anfang des Grottasöngr, die Hkr. nur den anfang der Häkonarmäl hat eitleren wollen (vgl. Möbius Edda s. IX) , die dann ein späterer abschreiber vervolständigt hat. Diese ansieht Edzardis ist allerdings vor- läufig nur eine hypothese, aber eine wolbegründete und ansprechende hypothese. Ein diplomatisch getreuer abdruck des betreffenden abschnitts von R, dem wir wol bald entgegensehen dürfen, wird notwendig sein, bevor in dieser frage das lezte wort gesprochen Averden kann.''^ Unleugbar aber gewint Edzardis Vermutung eine 1) Über die ursprüngliche Verbindung von Vs. und Rs. vgl. oben s. 107. Über die von mir bestrittene, von Wilken im anschhiss an Möbius wider vermutete ältere vecension , die den rimur vorgelegen haben soll, habe ich dem Eeitr. IIl, 202 fgg. bemerkten nichts hinzuzufügen, da Wilken keine wesentlich neuen gründe vorbringt. 2) Doch beachte man vorläufig folgendes. Die prosa in R Hild. 176, 24 — 236, 9 bietet eine zusammenhängende, fortschreitende erzählung , von Signrtls geburt bis Brynhilds tod. Dass der samler, namentlich in der prosa der Regm., interpoliert hat, ist glaublich. Die einleitende prosa zu Fdfn. ist in R ebensowenig von der schluss- prosa der Regm. getrent, wie Sgrdr. und Fäfn. Während Sgrdr. überhaupt keine Über- schrift hat, hat R einen titel fra daupa f unmittelbar vor VMn. str. 1. Ebenso folgt die prosa zu Guör. I ohne trennungszeiehen auf die schlussprosa von Drot, und erst 112 SYMONS, ÜBER PROS. EDDA ED. WILKEN kräftige stütze und zugleich eine erliöhte bedeutuiig durch das citat des N[». Die sicher benuzten stücke der samlung gehören alle zu jenem wahrscheinlich früher für sich bestehenden teile, der die Sigurdssage behandelt. Ebenso diejenigen par- tien , deren erzählung der Verfasser mit einem hinweis auf die Sigurdarsaga über- geht. So werden wir zunächst mit Bugge die citierte saga Sigurdar auf den teil der samlung , der Sigurds Schicksale in gebundener und ungebundener form erzählt, beziehen müssen, den namen aber dadurch erklären, dass dieser teil ursprünglich als Sigurdarsaga für sich bestand. In der Hs. der samlung, die der Verfasser bennzte, war vielleicht dieser abschnitt noch als besonderer teil gekenzeichnet durch den namen Sigurdarsaga. Denn , dass er diese noch in ihrer selbständigen gestalt benuzt hat, ist unwahrscheinlich: einmal scheint doch auch der anfang des Sinf- j(jtlalok ihm bekant gewesen zu sein , und ferner wird die Sigurdarsaga kaum alle Strophen der Eegm. 13 fgg. bereits in der reiheufolge des samlers enthalten haben. Ob der Verfasser nun auch die Vs. gekant hat , ist ziemlich gleichgültig , da sie keinesfals von ihm benuzt ist. Dass Nf) c. 4 (B. 58, 19), wie die prosa frä daud. Sinf., SE I, 26: 522, Frakkland als Sigmunds reich nent, die Vs. dagegen liüna- Itmcl (vgl. Beitr. III, 292 fg. und vor allem jezt Müllenholf a. a. o. 23, 165 fg.) spricht nicht gerade dagegen, und das gleiche wäre über die von P. E. Müller, Wilken und Edzardi angeführten differenzen zu sagen. Dass Np wie Vs. Sigrdrifa - Brj'nhild zusammenwirft, spricht nicht dafür : deren identität war wol die algemeine jüngere auffassung. Ebensowenig kann die erzählung in cap. 8 eine kentnis der Eagnarssaga beweisen oder nur glaublich machen: die dort erzählte unterbrochene Eomfahrt der Lodbroksöhne stinit im grossen und ganzen den tatsacheu nach überein mit Eagnarss. cap. 13 (Fas. I, 276 fg.), die form aber ist durchaus abweichend. Auf die eiukleidung des Np (Wilken s. XCIX — CHI) will ich hier nicht ein- gehen. Im vorstehenden hoffe ich angedeutet zu haben , wie im gegensatz zu Wil- kens Umsturztheorien das gegenseitige Verhältnis der Eddalieder, der samlung, der Skälda I und II, der Vs. , des Np und der ps. zu beurteilen ist. Jene von Wil- ken als Urquelle für die ganze uorrcene Überlieferung der Volsungensage vermutete Sigurdarsaga ist uns dabei unter den bänden in nichts zerflossen. Zwar eine Sigur- darsaga nehme auch ich an, aber eine wirkliche saga von Sigurd, die, ursprünglich für sich bestehend, als besonderer abschnitt in unsere samlung übergegangen ist. Im übrigen galt es in den meisten fällen , wolbegründete ältere ansichten zu stützen und gegen vorschnelle Verwerfung zu sichern, sowie andererseits früher geäusserte ansichten, von deren Unrichtigkeit ich mich überzeugt habe, zu verbessern und richtigere an ihre stelle zu setzen. Es wird jezt kaum noch der ausdrücklichen bemerkung bedürfen, dass ich auch Wilkens auffassung der Eddalieder als ,,mehr oder minder freie Variationen einer prosaischen Sigurdarsaga" (s. CHI. vgl. Unters, s. 274 fgg.) entschieden ver- werfe. Die bcsprechung von Wilkens Untersuchungen zur Snorra Edda wird mir gelegenheit bieten, auch dieser frage näher zu treten. Da ich aber auch über die- ses buch Wilkens manches zu sagen habe und doch die vielleicht schon zu ausführ- lich geratene recension nicht noch mehr anschwellen möchte, breche ich zunächst vor Guör. 1 , 1 hat E, guSrunar qvipa. Am Schlüsse dieses licdes heisst es svd sein segir i SiyurdarkviÖu inni skqmmu, und danu folgt in R die Überschrift qviSa SigurÖar. — Ltider ist gerade liier die liicke in R ausserordentlich störend. SEILER, ÜBER SCHERER, DEUTSCHE LITT. -GESCH. 113 hier ab. Aus demselben gründe nniss ich es mir auch versagen, auf einzelhei- ten in den Vorbemerkungen oinzugelien , wozu sich fast auf jeder seite veranlas- sung böte. Lieb wäre es mir, wenn ich den lierausgeber, dessen fleiss und mühe ich alle anerkennung zolle, von der Unrichtigkeit seiner neuen ansichten über die VqI- sungasaga und den Nornagestspättr überzeugt hätte. Eine eingehende besprechung eines werkes, auf welches viel arbeit verwant worden ist, mit dem geständnis schliessen zu müssen, dass es die forschung nicht gefördert, sondern auf abwege gebraclit hat, ist unerquicklich. Ich freue mich deswegen, schon hier die Unter- suchungen nutzbringender und begründeter finden zu können , wenn freilich auch in diesem buche vieles zu entschiedenem Widerspruche herausfordert. Über sie gedenke ich, in einem zweiten artikel in dieser Zeitschrift mich auszusprechen. GRONINGEN, IM NOVEMBER 1879. B. SYMONS. Geschichte der deutschen literatur von d r. Willielm Scherer , profes- sor der deutschen literaturgeschichte an der Universität Berlin. Er.stes heft. Berlin, Weidmann. 1880. — Berechnet auf ca. 40 bogen, in etwa 8 lieferungen ä 1 mark. Wider eine neue litteratiirgeschichte , als hätteu wir deren noch nicht genug und übergenug! — Das ist wol der erste gedanke, der jeden bei lesung des obigen titeis befält. Und nur alzu berechtigt ist dieser gedanke. Vergleichen wir das kürzlich erschienene erste heft des ,, Jahresberichtes über die erscheinungen auf dem gebiete der germanischen philologie, herausgegeben von der geselschaft für deut- sche Philologie in Berlin" 1879, so finden wir unter der Überschrift „literatur- geschichte" als im vergangenen jähre teils ganz neu, teils in neuer aufläge her- ausgekommen verzeichnet nicht weniger als 13 volständige litteraturgeschichten, darunter eine englische und eine italiäuische und zwei sogar mit Illustrationen, und 11 abrisse, grundrisse, umrisse, einführungen , überblicke, leitfäden u. dgl. Wahrlich, wenn irgendwo, so scheint hier ein ohe, jam satis est! am platze. Allein ein grosser teil dieser Schriften ist nur compilation aus den grösseren grundlegenden werken. Gervinus, Koberstein, Kurz werden in immer neuer gestalt immer wider aufgetischt; daher komt es denn, dass sich durch alle solche bücher gewisse Unrichtigkeiten und fehler wie eine ewige krankheit fortschleppen (vgl. den Jahresbericht unter nr. IIG). Ferner haben diejenigen unter den Verfassern solcher bücher, welche wirkliche eigene studien gemacht haben, diese doch fast regelmäs- sig auf eine der beiden grossen hälften unserer litteraturgeschichte beschränkt, entweder auf das mittelalter oder auf die neuzeit, gewöhnlich auch da nur auf klei- nere Unterabschnitte. In den teilen, wo sie nicht zu hause sind, entbehren ihre bücher dann der Selbständigkeit und bewegen sich in den alten ausgefahrenen gleisen. In der neuen litteraturgeschichte, deren erstes heft uns vorliegt, sind diese beiden letalen mängel von vornherein ausgeschlossen. Scherer vereinigt die popu- läre ader des ästhetisierenden litteraturfreundes und -forschers mit der gründlichen sachkentnis und der strengen methode des germanistischen fachmanues Lachraann- scher schule. Während er als solcher im engeren kreise der ,, deutschen'- philo- logen hochgeschäzt dasteht, ist er auch einem grösseren publikura bekant durch seine aufsätze in der tages - und monatlitteratur. Dass er somit überall aus den ZEITSCHR. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XII. 8 114 SEILER primären quellen direct schöpft und sich nicht etwa mit secundären abgeleiteten begnügt, ist selbstverständlich. Ferner ist er, während er wol von hause aus und in den meisten seiner schritten die altdeutsche litteratur und spräche zum gegen- stände seiner forschung gemacht hat , doch auch in der neuern seit der reformation nicht blos wo! bewandert, sondern auch selbständig forschend, wie unter andern seine zerstreuten aufsätzo zur Goethelitteratur und sein buch über die anfange des prosaromans in Deutschland (QF. XXI) erweisen. Auf eine in allen teilen selb- ständige, auf der höhe der heutigen Wissenschaft stehende, duvchuus eigenartige darstellung, auf etwas wirklich neues darf man also von vornherein rechnen, wenn man das buch zur band nimt. Es repräsentiert aber aucli in einer andern beziehung einen weiteren schritt auf einer noch nicht alzulange betretenen segensreichen bahn. — Das buch ist keine gelehrte litteraturgeschichte , wie die Wackernagelsche oder Kobersteinsche. Eine „ankündigung" auf dem hinteren umschlage bezeichnet ,, künstlerisch freie anordnung" und „ beschränkung auf das wesentliche" als die grundsäulen seiner darstellung. Dem entspricht die elegante äussere ausstattung, die deutschen let- tern, und vor allem die volständige abwesenheit jeglicher gelehrter zutat; es schreitet nicht einher in der schweren hoplitenrüstung texterstickender anmerkun- gen; nicht einen einzigen litterarischen hinweis, nicht einmal eine zahl (ausser einigen geschichtlichen daten) findet man in dem ganzen hefte; das heisst, das buch wendet sich nicht an gelehrte, nur an gebildete, es ist populär. Die Popu- larisierung der Wissenschaft — ein zug, der wesentlich zur Signatur unserer zeit gehört — ist von vielen Seiten beklagt worden und hat allerdings weniger für das Volk als für die Wissenschaft und ihre jünger eine rückschlagende, wol auch gefähr- dende Wirkung — von dem populären schreiben ist nur ein schritt zum populären, d. h. oberflächlichen denken — ; die grossen begründer der germanischen philologie enthielten sich ihrer völlig. „Lachmanns schritten tragen grossenteils einen Cha- rakter, den man wol am richtigsten einen esoterischen nennen kann. Selbst wer schon recht leidliche vorkentnisse zu ihrem Studium mitbringt, wird ohne die beihülfe mündlicher Unterweisung nur durch angestrengte und beharrliche arbeit zu ihrem vollen Verständnisse gelangen." (Zacher in den neuen Jahrbüchern für phil. und paed. 78, s. 171.) ,, Lachmann liebt es, von seinen entdeckungen oft nur die segelspitze zu zeigen , und zumal , wer am ufer steht , muss genau acht geben und scharf sehen." (Wilhelm Grimm , Gott. gel. anz. 1827, stück 204.) Auch die unmit- telbaren schüler Lachmanns hatten mehr oder weniger diese art, und die deutsche Philologie bekam durch diese völlige Ignorierung des publicums etwas disciplinier- tes und straffes , was wesentlich mit zu ihrer raschen und grossartigen entwicklung beitrug. Andrerseits hatte aber diese esoterische haltung der schule die natürliche folge, dass sowol die resultate als auch die methode der forschung auf verhältnis- mässig kleine kreise beschränkt blieben. Da begann die einwirkung auf ein grösse- res publicum von andrer seite , von mäunern , welche mit anerkennenswertem eifer aber mit weniger ausgebildeter technik und infolgedessen grösserer zugänglichkeit für äusseren schein und spielende hypothesen zu werke gingen und die resultate ihrer bemühungen in popularisierenden handausgaben mit erklärenden anmerkun- gen elementarer art dem publicum handlich und fasslich zu machen suchten. Da ihnen bei diesem streben die von Franz Pfeiifer begründete Germania, welche durch recensionen und eine jährliche bibliographie die menge derer anzog, welche sich nur oberflächlich mit den jeweiligen neuen resultaten der Wissenschaft bekant machen wollen, hilfreiche band leistete, so kam es bald dahin, dass die Lach- ÜBER SCHKRER, DEUTSCHE LITT. -GESCH. 115 maniisclie schule in den äugen des publicums an ansehu mehr und mehr eiubüsste, dass ihre Vertreter als Sonderlinge zu erscheinen anfiengen, die in einseitiger Ver- bissenheit auf die worte des meisters schwören , dass insonderheit in der Nibelun- genfrage — wenn man eine frage, die im wesentlichen gelöst ist, noch als solche bezeichnen darf — Lachmanns wolbegründete resultate als beseitigt ausgegeben und ungesehen wurden und eitles phantasiespiel sich an ihre stelle zu setzen drohte. Das organ der Lachmannschen schule, Haupts Zeitschrift für deutsches altertum, beschränkte sich auf fachwissenschaftliche aufsätze und Untersuchungen allerdings wertvollster art, entbehrte aber der kritik und besprechuiig neu erscheinender bücher, das heisst: es arbeitete nur mit dem pflüge, nicht mit dem Schwerte, ver- mochte also die gegner nicht abzuwehren. In folge dieser Sachlage sah sich denn auch die Lachmannsche schule veranlasst, ihre aristokratische Zurückhaltung auf- zugeben und eine mehr exoterische Wirksamkeit zu beginnen. Zunächst begründete J. Zacher „die germanistische handbibliothek " und die ,, Zeitschrift für deutsche Philologie," beide an die weiteren kreise insonderheit der deutschen lehrerschaft sicli wendend, womit die alleinherschaft der Germania und der „Classiker des deutschen mittelalters " gebrochen war. Dasselbe ziel, heranziehung der gebildeten kreise an die interessen und arbeiten der germanistischen Wissenschaft, hat nun auch W. Scherer schon seit einer reihe von jähren in vortragen und in artikeln, welche besonders in den preussischen Jahrbüchern erschienen , verfolgt. Seine „deutsche litteraturgeschichte " tut auf dieser bahn einen gewaltigen schritt vor- wärts. Wir können dies nur wilkommen heissen; denn so schädlich bei dem auf- bau unserer Wissenschaft das streben nach gemeinfasslichkeit, das appellieren an die teilnähme des publikuras gewesen wäre, weil dadurch die erste und notwendigste aufgäbe, die möglichst sichere, schnelle und gründliche erforschung der tatsachen, nur hätte verdunkelt werden können , so notwendig erscheint dieses streben jezt, wo eine recht statliche fülle festbegründeter resultate gewonnen, wo — um mich bildlich auszudrücken — der hört aus dem berge getragen ist. Jezt gilt es auch, diesen bort in klingende gangbare münze auszuprägen. „Aus dem schuft der Jahr- hunderte in den staub der bibliotheken , das ist ein schritt aus einer Vergessenheit in die andre. Dem ziele führt er nicht merklich näher. Dieses ziel ist das herz der nation.'' (Simrock.) Das Scherersche buch ist recht dazu angetan, die bezeichnete aufgäbe zu fördern ; es wird sich weite kreise erobern und insonderheit eine empfindliche lücke unserer schulbibliotheken ausfüllen — denn welche litteraturgeschichte solte man eigentlich bisher dem belehrung und anregung suchenden primaner in die band geben? — ; es wird auch in den familienbibliotheken dem daselbst annoch her- schenden Vilmar bedenkliche concurrenz machen; denn es ist eine interessante lectüre. Koberstein begint: „Die litteratur der Deutschen überhaupt umfasst die gesamtheit usw.," Vilmar: „Die geschichte der deutschen litteratur, welche auf diesen blättern dargestelt werden soll usw.," Scherer: „Um die zeit, in welcher Alexander der grosse Indien für die griechische Wissenschaft aufschloss, segelte ein griechischer gelehrter, Pytheas von Marseille, aus seiner Vaterstadt usw." Wel- cher von den drei anfangen ladet nun am meisten zum weiterlesen ein ? Und ex ungue leonem! derselbe frische hauch durchzieht das ganze heft. So lässt sich Scherer z. b. auch nicht den vielgelesenen ronian ,,Eckehard" von Scheffel ent- gehu; und welchen leser möchte es wol nicht interessieren, zu vernehmen, dass der Waltharius nicht — wie Scheffel dichtet — in der romantischen einsamkeit des hohen Säntis unter lawinengedonner und bärengebrumm entstanden ist, sondern 8* 116 SEILER ganz nüchtern und prosaisch auf der Schulbank als ein vom lehrer corrigiertes exercitium? Die fünf vorliegenden bogen des ersten heftes enthalten drei capitel volstän- dig, von dem vierten den anfang. Capitel I ,,Die alten Germanen" erzählt zunächst kurz von Pytheas , Caesars , Tacitus forschungen , berichtet dann von dem arischen urvolke , dem stände seiner cultur, seiner „Weltanschauung." Denn — das sei hier gleich bemerkt — Scherer beschränkt sich nicht auf eine blosse geschichte der litteratur, er will ein bild der gesamten geistigen entwickelung der uation geben. Hier zeigt sich widerum seine art der psychologischen betrachtung, sei es nun eines einzelnen menschen, oder einer zeit, oder eines ganzen volkes, wie ich sie in dieser ztschr. VIII, 356 fg. charakterisiert habe. Es folgt ein kurzer abschnitt über die germanische religion, dann die rcste der ält(?sten dichtung : chor - und hymnenpoesie , rätsei, Sprüche. Das II. capitel: ,, Goten und Franken" schildert die zeit des germanischen heldengesanges. Der Verfasser nimt nämlich abweichend von der algemein üblichen einteilung unserer litteraturgeschichte drei blüteperio- den deutscher poesie an , die erste ist die periode des altgermanischen heldengesan- ges, der von den Goten begonnen, von den merovingischen Franken zur höchsten entwicklung geführt wurde. Allerdings ist aus dieser periode nur ein einziges bruchstück eines einzigen liedes (des Hildebrandsliedes) erhalten , ,, aber — sagt Scherer — verlorene gedichte sind ebenso wichtig wie erhaltene, wenn man ihre existenz beweisen und ihre nachwirkungeu feststeilen kann," eine anschauung, über die sich streiten lässt; indess komt auf die bezeichnung „blüteperiode" an sich wenig genug an. Die hauptsache ist , dass Scherer nachdrücklich darauf hinweist, wie das sogenante volksepos des 12. und 13. Jahrhunderts (Nibelungen, Kudrün, Hug- und Wolfdietrich usw.) dem gehalte nach aus jenen epischen liedern , die um 600 gesungen wurden , hervorgegangen ist. In demselben capitel wird noch Ulfilas behandelt und die geistigen zustände im Merowiugerreiche charakterisiert. — Capitel III „ das erneute kaisertum " enthält Karl den grossen und seine zeit, Heliand und Otfrid , dann einen abschnitt über ,, die mittelalterliche renaissance" sowol unter Karl als unter denOttonen, welcher die versuche die alte Eömerherr- lichkeit wider herzustellen auf politischem , künstlerischem und litterarischem gebiete durchgeht und dabei insonderheit die bestrebungen der Set. Galler und die werke der Eosvitha würdigt ; den beschluss des capitels macht die spielmannspoesie der damaligen zeit mit einer hübschen Charakteristik dieses ganzen genres , zu welcher auch diejenigen züge und anekdoten aus den historikern herangezogen werden, welche aller Wahrscheinlichkeit nach den spielleuten ihren Ursprung verdanken. — Capitel IV ,,das rittertum und die kirche" skizziert das wesen des sich entwickeln- den rittertumes und führt es auf die eigenart der romanisch- germanischen Nor- mannen zurück, bespricht alsdann die lateinische litteratur des 11. und 12. Jahr- hunderts und geht auf ,,frau weit" über; hier bricht das heft ab; im folgenden wird dann wahrscheinlich der parallelismus zwischen weltfreudiger und weltfeind- licher richtung weitergeführt und gezeigt werden, wie beide miteinander ringen und sich gegenseitig ergänzen. Aus dieser kurzen Inhaltsangabe ersieht man die volle Selbständigkeit und eigenart des Verfassers. Er weicht durchaus von den gangbaren littcraturgeschich- ten ab in zweierlei beziehung: erstens in dem was er verschweigt, zweitens in dem was er mit besonderer ausführlichkeit behandelt. — In der ,,ankündigung" spricht er seinen grundsatz aus , „ das mass der darstellung nach dem werte der gegen- stände" einrichten und nicht möglichst viele schriftstellernamen häufen zu wollen; ÜBER SCHERER, DEUTSCHE LITT. -GESCH. 117 dem entsprechend fehlt eine menge dessen, was man sonst zu finden gewohnt ist. So haben wir mit genugtuung bemerkt, dass das seit J. Grimm in den litteratur- geschichten spuliende, anscheinend nicht zu bannende ]ihantom einer urgermanischen „tiersage," welche der götter- und heldensagc parallel laufen soll, hier endgiltig ignoriert ist. Ferner verschont der Verfasser mit recht das publicum mit dem ganzen schwall der geistlichen litteratur des XI. und XII. Jahrhunderts; von den stücken D. XXX — XLVI ist nicht eines erwähnt, auch nicht Ezzos gesang von den wundern Christi, der es noch am meisten verdient hätte und den der Verfasser selbst verhältnismässig sehr hoch schäzt (Geschichte der deutschen dichtung im elften und zwölften Jahrhundert QF. XII, s. 29 fg.); auch genesis, exodus usw. feh- len! Auch abgesehen von der rücksicht auf das interesse des publicums gebot die Ökonomie des buches dem Verfasser, solchen schweren ballast über bord zu werfen; wer auf 640 seiten eine deutsche litteraturgeschichte geben will, und dabei mehr in die tiefe als in die breite strebt, darf sich damit nicht befassen. Statt dessen findet man nun vieles ausführlicher besprochen, was in den gangbaren litteraturgeschichten , selbst Wackernagel und Koberstein nicht ausge- nommen , sehr zu derer schaden kaum mit flüchtigen erwähnungen abgefunden ist. Im ersten capitel treten uns in dieser hinsieht die friesischen rechtsbücher und die prachtvollen hochpoetischen stellen aus denselben entgegen, die sicherlich kein empfängliches gemüt unentzündet lassen. Besonders aber wendet der Verfas- ser sein augeumerk auf die lateinische litteratur, welche bisher sehr zu unrecht das Stiefkind der litterarhistoriker gespielt hat. Erwähnt doch Wacker- nagel die Eosvitha von Gandersheim nur in einer anmerkung (2. aufl. s. 95, 19), wo er sagt, .sie sei ,,mehr nur eine notiz als eine tatsache " selbst für die latei- nische schauspieldichtung. Freilich hat sie auf die litteratur weiter keinen grossen einfluss ausgeübt, aber sie ist eine höchst charakteristische erscheinung, ein wah- res zeichen ihrer zeit und kann daher, wenn man das geistige leben des X. und XI. Jahrhunderts schildern will, nicht umgangen werden. Das will aber Scherer; so findet denn auch die Gandersheimer nonue, ,,der erste dramatiker der nach- römischen weit," die ihr gebührende Würdigung. — Ebenso das weitaus interes- santeste litteraturproduct des XI. Jahrhunderts, der Ruodlieb, der übrigens — wie ich zu beweisen hoffe — nicht von Froumund ist, welchen namen Sche- rer mit recht gar nicht genant hat. Bei Wackernagel und Koberstein findet er sich als ,, bruchstück " sehr kurz abgetan. Scherer hat erkant, was der ,, kost- bare torso" (Voigt) wert ist und betrachtet ihn deshalb eingehend, rühmt die künst- lerische composition , die realistische darstellung , die fülle von lebensbildern , welche das gedieht vor dem leser ausbreitet , zugleich die grössere milde und einen gewis- sen sitlich -humanen zug in dem gedichte. Zwei bemerkungen seien mir bei die- ser gclegenheit gestattet. Erstens ist mir der von Grimm (Lateinische gedichte des X. und XI. Jahrhunderts s. 220) für möglich gehaltene , von Scherer weiter ent- wickelte Zusammenhang zwischen dem beiden des lateinischen gedichts einerseits und dem im Eckenliedo erwähnten könig Euotliep, den Scherer gradezu für aus dem lateinischen gedichte durch spielleute dahin übertragen ansieht, mindestens sehr zweifelhaft. Wenn zweitens Scherer den begriff des ,, stolzen" auftretens im Euodlieb aus dem öfter vorkommenden stultus ableitet — wie es den anschein hat, weil er stolz durch anführungsstriche als citat bezeichnet — so ist zu entgeg- nen, dass stultus an den betreffenden stellen des Ruodlieb IV, 121, 123. V, 50 nur töricht, übermütig, nicht statlich bedeutet. — Drittens endlich finden meines wisseus in dieser litteraturgeschichte zuerst die lateinisch singenden vagie- 118 SEILER renden cleriker diejenige berücksichtigung , welche ihnen znkomt, weil nicht nur ihre lyrik an gewandheit nnd Schönheit des ausdrucks die minuigliche, ritter- liche erreicht, an kraft der diction, Wahrheit und natürlichkeit der empfindung sie weit überragt, sondern auch ihre epik und dramatik aller achtung wert ist (vgl. s. 76 fgg.). Überhaupt bespricht Scherer das, was wirklich wichtig ist, genau und geht auch auf einzelnes ein und überall ist ihm die Charakteristik, die psychologische motivierung hauptsache; so behandelt er das Hildebrandslied, den Verfasser des Heliand, dessen rühm er auf das richtige mass hefabsezt, indem er bemerkt, dass die anwendung dessen, was uns am Heliand entzückt, des altepischen costüms, nicht das verdienst des dichters ist, ferner Otfrid, Eabanus Maurus , endlich Bonifacius, dessen Charakterisierung als eines mannes von beschränktem geist und geringer bil- dung, als eines zuchtmeisters im namen päpstlicher Orthodoxie wir allen denjenigen empfehlen, die diesen Zerstörer der deutschen kirchenfreiheit in den himmel erhe- ben, oder gar als den beglücker Deutschlands einem Arminius an die Seite stellen, wie dies herr Joseph Venn tut in seinen ,,250 dispositiouen zu deutschen auf- sätzen," einem buche, das nur seiner grossen Oberflächlichkeit und eselsbrücken- haftigkeit seine weite Verbreitung, besonders unter der Schuljugend, verdankt. — Die politischen bestrebungen Karls und der Ottonen werden mit den litterarischen aus einer gemeinsamen wurzel abgeleitet : Sehnsucht nach der grosse und Schön- heit der antiken weit. Auch die Volksseele und ihre äusserungen werden in die- ser weise aufgefasst. Wie fein ist die bemerkung s. 12, dass das germanische accentgesetz , wonach einzig und allein die Stammsilbe betont wird — ein gesetz, welches die forraelemente des wortes der sicheren Zerstörung preisgegeben hat und damit verhängnisvoll für den leib der spräche geworden ist - zusammenhängt mit ,, einem frühzeitigen dränge germanischer art," das charakteristische mehr als das schöne , den gehalt mehr als die form zu schätzen ; denn die cousonanten seien das knochengerüste der spräche ; die vokale geben blute und färbe , für diese sei der altgermanische sinn nicht offen. Davon ist nun freilich das, was der Verfasser auf s. 40 über die spräche Otfrids sagt, das grade gegenteil. Hier heisst es: ,,die spräche war sehr vokal- reich und melodisch, an Weichheit und sanftem klänge dem italienischen vergleich- bar," dann folgen die ausdrücke ,, schwelgen in vokalen," ,,freude an der färbe" (man vergleiche den eben citierten ausspruch von s. 12. 13: ,,für blute und färbe ist der altgermanische sinn nicht offen"), ,, unbedingtes streben nach wollaut." Der Widerspruch liegt auf der band. Der altgermanische sinn müste sich demnach bei Otfrid und seinen Zeitgenossen in sein grades gegenteil verwandelt haben, was schwer glaublich. Wir lassen die erste bemerkung gern gelten; die zweite halten wir für zu subjectiv gefärbt; nicht freude an der färbe, nicht streben nach wollaut war es, welches die klangreiche spräche Otfrids schuf; der blosse blasse Zufall oder vielmehr die notwendigkeit der sprachentwickelung brachte sie zu wege. Die vokale waren eben noch volltönend, weil das accentgesetz seine zerstörende einwirkung auf die flexionssilben erst begonnen hatte, und dass die otfridischen assimilationen wie ivolkono für ivolkano eine Steigerung des wolklangos bewirkt hätten, möchte schwerlich zu behaupten sein. Noch weniger kann ich es verste- hen, wenn Scherer gar aus diesem angenommenen streben nach vokalischem wol- laut die gesamte consonantischc lautverschiebung zu erklären vermeint. Man habe — das ist seine argumentation — so sehr auf die vokale und ihren melo- dischen vollklang geachtet , dass man darüber die cousonanten vergessen und ver- ÜBER SCHEREB, DEUTSCHE LITT. -GESCH. 119 nachlässigt habe; die lautverschiebung sei eine ,,aufiösung" des consonautismus. Ich muss gestehen, dass mir diese coinhination von allen, welche ich in dem hefte augetroffen habe, am wenigsten zugesagt hat. Man braucht nur einige wenige Sätze niederdeutsch neben eine probe hochdeutschen , am besten alemannischen dialectes zu halten ; da wird einem jeden sofort ins ohr fallen , wie der nieder- deutsche consonantismus weit weicher ist, als der hochdeutsche mit dem Über- gewicht seiner tenues und Spiranten; ,,dat water" klingt doch weicher als das scharf zischende „da:; wa??er" und nun erst die rauhen alemannischen ch! Und in Aleraannien hatte doch, wie Scherer selbst s. 39 unten angibt, die lautverschie- bung ihren Ursprung, hier bildete sie sich am reinsten durch; in ihrer dortigen gestalt ist sie also zu erklären. Es ist nicht denkbar, dass eine solche algemeine Verschärfung und fortschiebung des consonantismus aus blosser Vernachlässigung hervorgegangen sei; eher wäre zu glauben, dass physische gründe, die gebirgsluft, das klima den keim zu dieser Umwandlung gelegt haben , oder dass das unruhigere streben und drängen der hochdeutschen stamme gegenüber der grösseren ruhe und Stabilität der sächsischen und überhaupt niederdeutschen bevölkerung auch auf die spräche in dieser weise rückgewirkt habe. Doch das sind hypothesen! Ich bediente mich eben des ausdrucks: subjectiv. Ich muss ihn hier veralge- meinernd widerholen: Scherer ist überhaupt ein durchaus subjectiv er schrift- steiler; das gilt sowol vom Inhalte als von der form. Die tatsachen, welche er anführt, sind alle objectiv richtig und überall den neusten forschungen gemäss; die kleine ungenauigkeit s. 41: ,,zu Strassburg am 14. februar 842 legten Karl der Kahle und sein beer einen eid in französischer spräche ab, Ludwig der Deutsche und die seinigen in deutscher spräche" ist kaum des rügens wert: nur die beere legten quique propria lingua den eid ab, die führer schwuren jeder in der spräche des andern heeres , LodJmtvieus romana , Karolus vero teuclisca lingua ; aber die art wie er die tatsachen gruppiert, combiniert und motiviert, ist sub- jectiv; die person des Schriftstellers mit ihren ideen tritt hier überall hervor. Ich meine so. Eine gemäldegallerie kann auf zwiefache weise der betrachtung des publicums geboten werden. Entweder , die geniälde werden nach einem bestimten prinzipe aufgehängt — etwa nach der Chronologie, oder nach malern und maler- schulen, oder nach den gegenständen der darstellung — , dies wird dem beschauer mitgeteilt und nun wird er hineingelassen und ohne weitere führung seinem eige- nen urteile und geschmacke anheimgegeben. Oder, ein kundiger führer wird dem eintretenden mitgegeben und dieser zeigt ihm nun die hervoi'ragenden bilder, weist ihn auf ihre technik, ihre Schönheiten, ihre mängel hin, zieht ihn von einem zum andern , führt ihn oft plötzlich quer durch die ganze gallerie an die entgegengesezte wand, um auf gewisse ähnlichkeiten , die sich in einer ganz andern cpoche bei einer ganz andern schule finden, aufmerksam zu macheu, kurzum er leitet die betrachtung des beschauers und bestimt sein urteil durch fortwährende conversation. Alle vergleiche hinken, aber in etwas wird dieser Scherers art verdeutlichen. Gewisse richtungen dieser subjectiven, combinierenden und comparativen betrachtungsweise , welche schon aus den früheren schritten des Verfassers bekant waren, treten uns in dieser widerum entgegen. — So besonders die hochschätzung des fraueneinflusses auf die gesittung und damit auf die litteratur. Diese ist an sich ja auch volkommen berechtigt und der weibliche einfluss auf die mittelalter- liche litteratur ist bisher entschieden zu wenig gewürdigt worden , weil man eines solchen von der altclassischen litteratur her, an welcher die litteraturgeschichte gross gezogen ist, ungewohnt war. Mehr in das gebiet des subjectivisnms gehört 120 SEILER es, wenn der Verfasser bestirnte männische und frauenhafte epochen uuter- sclieidet, welche in der geschichte unserer litteratur alternirend auf einander fol- gen sollen, ein gedanke, den er hier nur auf s. 11 andeutet und bei besprechung des Euodlieb wider aufnimt, den er aber finiher einmal (QP. XII, 1 fgg.) eingehend ausgeführt hat. Ganz subjectiv aber und wol auch nicht grade wahrscheinlich ist es, wenn er diesen Wechsel selbst auf die urgraue vorzeit des germanischen Volkes überträgt, auf die zeit, in welcher die germanischen eigennamen entstanden. Die beiden gruppen der frauennamen nämlich, diejenige, welche das „liebliche und anmutige, das woltätige und erfreuende zu bezeichnen sucht" und diejenige, welche ,,die frau des kampfes froh, waffen führend, fackelschwingend, zum siege stür- mend" zeigt, sollen zwei verschiedene frauenideale anzeigen, welche ,, nicht wol in derselben zeit und auf demselben boden gewachsen sein" können, und zwar soll die erste gruppe auf eine uralte epoche von ,, reiner Weiblichkeit" schliessen las- sen (s. 22). Demnach wären also die kriegerischen frauennamen zu einer ganz andern zeit entstanden als die sanften , milden. Indess sind doch in der natur der frau beide selten unauflöslich miteinander vereinigt; sie ist auch heutzutage noch sowol freodovebbe als Brünhilt, wenn auch in civilisierten formen; die natur des menschen ändert sich nicht; es wird in der vorzeit ebenso gewesen sein; warum sollen nicht beide selten nebeneinander in den nameu ausgeprägt worden sein? Dieselbe uralte Wandlung sittlicher ansichten sucht Scherer aus dem mythus zu erweisen. 1) Arische Sonnengott = männer-, 2) ,, liebe sonne" = frauen-, 3) Sindguud-Brünhild = männerepoche. Denn Sindgund — meint Scherer — ist die sonne selbst. Schwerlich! Denn dann wäre auch Frija mit Volla, der schmuckmagd, identisch und wir hätten, dächt ich, der mythologischen identifica- tionen seit Müller - Muth genug. Eher scheint Sindgund das die sonne begleitende Wandelgestirn, den morgen- und abendstern, zu bezeichnen. Auch die übrigen mythologischen hypothesen, namentlich die hypothese von Wodan s. 8 , der ursprünglich ein rheinfränkischer gott und symbol der höheren cultur, welche die rheinischen stamme von den keltischen nachbarn empfingen, von dort aus ganz Germanien im sturmessiegeszuge sich unterworfen und damit sich selbst immer mehr vergeistigt habe, sind hypothetisch im Superlativ. Über- haupt lässt sich über deutsche mythologie grade jezt, wo ihre grundlagen durch die neusten norwegischen forschungen bedenklich erschüttert worden sind, schlecht reden; ist die ganze götterdämmerung und die darauf folgende erneuerung wirk- lich altheimisch und altheidnisch? ist Baldrs tod nicht eine nachbildung von Christi tod? Mit dem Wechsel der frauen- und männerepochen hängt die neigung Sche- rers, verschiedene oft sehr entlegene culturepochen zu einander in beziehung und parallele zu setzen , zusammen , auch etwas , was er bereits früher vielfach durch- geführt hatte. Er denkt — wie er selbst QP. XII, 9 gesteht — sehr gross von der wissenschaftlichen bedeutung der analogie. Diessmal sind es die jähre 600 1200 1800, welche er s. 19 in parallele sezt und dem entsprechend das 10. und 16. Jahrhundert als Jahrhunderte des tiefsten Verfalls der dichterischen bildung. Den gang der deutschen litteraturgeschichte bringt Scherer somit auf folgendes ,, merkwürdig einfaches Schema: drei grosse wellen, berg und tal in regelmässiger abfolge." Dieselbe neigung zu vergleichenden parallelen zeigt sich auch im kleinen. So z. b. sind die sätze am Schlüsse des dritten capitels, welche das 10. und 11. Jahr- hundert parallclisieren , oder der satz: ,,wie Shakespeare novcUen, so bearbeitet ÜBER SCHERER, DEUTSCHE LITT. - GESCH. 121 Rosvitha legenden" für die Scherersclie art zu denken und zu schreiben bezeich- nend. Ja, diese neigung führt ihn dazu, dass er öfters — ein zweiter Momrasen — die allermodernsten begriffe auf das mittehilter überträgt. So charaliterisiert er die stücke der Rosvitha folgeudermassen : Gallicanus ist eine historische tragö- die, Dulcitius streift an die posse , Abraham scheint das bürgerliche rührstück vorzubereiten, Callimachus gibt ein beispiel einer liebestragödie mit den sonder- barsten anklängen an Shakesjieares Romeo und Julia. Die fahrenden spielleute sind ihm ,, die waudernden Journalisten" des mittelalters , ihre tätigkeit gleicht — einem illustrierten witzblatte, indem ihre eigene person die Illustration zu dem texte liefert. Das Ludwigslied ist ein — „ leitartikel , ein wolgefüUtes weih- rauchsfass." Wir sind hiermit an die stelle gekommen, wo sich Inhalt und form berüh- ren; auch das, was man den stil zu nennen pflegt, ist von der subjectivität des autors durchtränkt. Das zeigt sich schon in dem verhältnismässig sehr häufigen gebrauch des personalpronomeus der ersten person , ferner in wendungeu , welche bestirnt sind, das kategorische zum hypothetischen herab zustinnnen wie: ,,über die richtigkeit des einen oder andern zuges kann gestritten werden" (9) — ,,das ist freilich nur ein versuch zu deuten" (11) — ,,wie ich glaube" (25) — ,,wir glauben zu erkennen " (28) — ,,wenn ich einer Vermutung ausdruck geben darf" (38) und ähnlichen. Sodann hat die ganze satzbildung und ausdrucksweise etwas eigentüm- lich stimulirendes. Rednerische figuren, namentlich anaphora und antithese, tra- gen dazu bei, aber dennoch ist die diction im algemeinen frei von dem eigent- licben pathos des redners; poetische vergleiche wie der prachtvolle s. 23 der Ger- manen vor der völkerAvanderung mit einer brausenden see und auf erweckung der begeisterung berechnete toaste , wie etwa der schlusspassus des ersten capitels sind selten; lange schwungvolle perioden liegen auch nicht in Scherers art. Vielmehr sind die sätze durchgängig kurz und lose aneinandergereiht , die Übergänge stets geschickt, die gedanken oft wie spielend aneinandergereiht. So gleicht der stil — und damit glaube ich sein wesen am besten bezeichnen zu können — demjenigen tone, welcher in geistvoller conversation üblich ist; wer den reiz einer solchen zu würdigen weiss, der wird es verstehen, wie gern man den Schererschen aus- führungcn folgt, grade weil sie sich nicht in docirendem tone aufdrängen. Zum schluss noch eine äusscrlichkeit. Der göttliche dulder hat doch wahr- lich zu lande und wasser genug auszustehen gehabt, so dass man ihn nach einigen Jahrtausenden wenigstens verschonen dürfte. Nun muss er es sich aber dennoch selbst in diesem buche noch gefallen lassen, in jener schauderhaften entstelluug seines tref liehen namens , welche weder griechisch noch lateinisch ist, auf s. 28 (auf s. 76 können wir sie als Schreibung des archipoeta eher passieren lassen) citiert zu werden. Hier hoffen wir, dass bei einer zweiten aufläge, welche ohne zweifei über kurz oder lang nötig wird , — um parlamentarisch zu reden — wandel geschafft werde. Fassen wir unser urteil zusammen. Das buch entspricht in der tat einem vorhandenen bedürfnis. Denn es ist erstens von einem gründlichen und selbstän- digen kenner der sache und zweitens in anziehender und anregender weise geschrie- ben — zwei Vorzüge, die sich nicht grade häufig zu vereinigen pflegen. Wenn dem leser auch einige unerwiesene und unerweisbare combinationen vorgetragen werden, so ist das kein unglück; denn wesentlich falsch wird dadurch das bild, welches er von den geschilderten zuständen bekomt , nicht; sie erscheinen ihm doch so, wie sie nach dem neusten stände der forschung gewesen sein müssen. Wir 122 GEBING glauben somit dem buche eine ziemlich weite Verbreitung und erfolgreiche concur- renz prognostizieren zu können und wünschen dieselbe im Interesse unserer deut- schen nation ; denn das endziel des Verfassers ist, „die Überzeugung zu wecken, dass das heil der deutschen cultur nur dort zu finden ist, wo es unsere grossen classiker zu finden glaubten." TBARBACH A. T>. MOSEL, APRIL 1880. F. SEILER. Beöwulf. Mit ausführlichem glossar herausgegeben von Moritz Heyne. Vierte aufläge. Paderborn 1879. VUI,287ss. 8. (A. u. d. t.: Bibliothek der ältesten deutschen litteraturdenkmäler. III. band.) 5 m. Es unterliegt keinem zweifei , dass von allen bisher erschienenen Beowulf- ausgaben die von Heyne die beste und brauchbarste ist, und somit wird es gewiss von allen selten freudig begrüsst worden sein, dass er sich trotz mannigfacher bedenken dazu entschlossen hat, eine neue aufläge zu veranstalten. Diese muss unbedingt als eine wesentlich verbesserte bezeichnet werden, wenn auch eine kleine zahl von fehlem und unvolkoramenheiten sich nachweisen lassen , die bei grösserer Sorgfalt hätten vermieden werden können. Sie fanden sich ungesucht, als ich im verflossenen Winterhalbjahr in meiner societät die ersten zwölf abschnitte des gedich- tes interpretierte , und sollen hier mitgeteilt Averden , nicht aus lust am tadeln, sondern um den verdienten herausgeber darauf aufmerksam zu machen, wo etwa bei der fünften aufläge noch die bessernde band anzulegen wäre. Wenn ich zunächst daran gehe, anzugeben, wodurch sich die vierte ausgäbe von den früheren unterscheidet, so will ich den umstand, dass im texte das zei- chen V durch ZV ersezt ist , nicht besonders hervorheben : es ist das eine äusserlich- keit, der ich wenig bedeutung beilege. Von weit grösserer Wichtigkeit ist es, dass die neueren Beowulfforschungen in ausgiebiger weise verwertet worden sind. So ist z. b. überall auf die neue collation der liandschrift durcli Kölbing rücksicht genommen , die freilich für die berichtigung des textes ziemlich ergebnislos gewe- sen ist. Sodann haben die in verschiedenen Zeitschriften veröffentlichten textkriti- schen aufsätze verdiente berücksichtigung gefunden; und zwar sind es namentlich die glänzenden emendationen von Sophus Bugge, die in der tidskrift for philo- logi og pasdagogik (VIII, 40-72. 287—305) und in dieser ztscbr. (IV, 192 — 224) publiciert wui-den, welche auf die textgestaltung den wesentlichsten einfluss aus- geübt haben. Während Heyne noch in der dritten aufläge die vorschlage von Bugge meist vornehm ignorierte, ist er ihnen in der vierten fast immer gefolgt: so schreibt er jezt mit Bugge v. 19 eafera statt eaferan und schliesst v. 18 '^ in klammern ein, während er in der dritten aufläge noch gegen Grundtvig und Grein polemisiert, die dasselbe vorgeschlagen hatten; v. 84, wo Bugges Scharfblick zuerst das richtige erkante, ist Heyne ebcnfals dem genialen Norweger gefolgt; v. 369 fasst er jezt mit Bugge ge-ähtlmi,^ als gen. sg. eines sw. m. oder f. in der bedeu- tung „hochschätzung"; v. 770 steht jezt nach Bugges Vorschlag ealii-scerwen (nom. sg. eines st. f.); vgl. ferner v. 835 — 36, wo die interpunction nach Bugge geändert ist; v. 977, wo jezt mit Bugge ni/d-gripe gelesen wird; v. 1366, avo nach Bugges Vorgang das handschriftlich nicht überlieferte man wider gestrichen ist; v. 2447, wo Heyne sich ebenfals durch Bugges ausführungen bestimmen Hess, die 1) Über die quantität der Wurzelsilbe s. u. ÜBER BEOWULF ED. HEYNE 123 lesart des codex {lorece) widerherzustcUen ; v. 3105 {neän mit Bugge statt ne on) usw. — Auch iu der ansetzung der Wortbedeutungen im glossar ist Heyne mehr- fach Bugge gefolgt, was in der ausgäbe vielleicht ausdrücklich hätte erwähnt wer- den können: so wird (cfen-grom jezt mit recht als „nachtfeind" erklärt (früher cefen-gröm, custos vespertinus) ; o'r-gdd als „von lange her gut" (früher „gut an ehren"); dced-hata als „der durch seine taten verfolgende" (früher d(vd-hdta, tatengebieter); ealand wird nicht mehr durch „insel" übersczt, sondern durch „wasserreiches land"; statt ealet „weilen auf dem wasser" finden wir jezt eolet „meer"; feorhlagu gibt Heyne jezt durch „das vom Schicksal bestirnte leben" (früher „niederlage des lebens, tod"); helrüna durch „zauberer" (früher „vertrau- ter ratgeber der höUe"); 0)i-h6hsnian durch „hemmen" (früher ,. vertreiben ") u. a. ra. Ich hätte nun freilich gewünscht, dass Heyne noch öfter den neueren for- schem gefolgt wäre. So halte ich v. 31 Eiegers änderung des handschriftlich überlieferten leöf in Uf (iu dieser ztschr. III, 881) für unumgänglich notwendig; aus dem verbum weöld ein subst. geiveald zu ergänzen, wie Heyne vorschlägt, ist denn doch eine etwas starke Zumutung. Dass die „dichterischen und seltneren aus- drücke für fürst ohne eine nähere bestimmuug (durch adjectiv, possessiv oder gene- tiv) im ags. kaum vorkommen," wie Heyne behauptet, ist unrichtig: vgl. z. b. Andr. 1662 ßät iväs ßam loeorode iveor tö geßoligenne, pät hie se leödfruma leng ne tvolde ivihte gewunian; Elene 191 ät ßam se leödfruma fuhvihte onfeng ; Metra I, 2ß ßeäJi iväs magorinca möd mid Crecum, gif hi leödfruman Icestan dorsten; Beöw. 2131 ßät iväs Hrödgäre hreöiva tornost ßära ße leödfruman lange hegeäte usw. — Dass isig (v. 33) noch immer durch ,,erzgläuzend" erklärt wird, lässt sich in keiner weise rechtfertigen : das erz heisst ags. är, eer und das davon abgleitete adjectiv ceren ; dass gotischem ai jemals im ags. i entspräche, ist mei- nes Wissens bisher nicht nachgewiesen, und wie wolte man die erhaltung des ursprünglichen s in isig (got. *aizeigs) erklären? Leo selbst hat später nicht mehr an seine von Heyne adoptierte deutung geglaubt: im ags. glossar s. 260 ist isig mit recht zu is gestelt. — seomian (v. 161) übersezt Heyne durch ,, in fesseln legen, fangen"; diese bedeutung findet jedoch durch keine parallelstelle eine stütze (auch nicht durch Exod. 209, wo Leo, ags. glossar 138, das verbum fälschlich in demselben sinne fasst); es ist vielmehr mit Grein seomian auch hier in seiner gewöhnlichen bedeutung „weilen, harren" zu nehmen. Dann muss man natürlich nach geogoäe stark interpungieren und nach syrede nur ein komma setzen ; die Übersetzung Greins : „er lag unheilbrütend" ist dem sinne nach durchaus richtig. — V. 303 — 305 sind von Bugge (in dieser ztschr. IV, 195 fg.) im wesentlichen richtig erklärt und Heyne hätte an dem ,,ferkel," welches bereits Grundtvig beanstandete, nicht festhalten sollen, hleorberan liess Bugge unberührt, weil er das wort nicht sicher zu deuten wüste. Heynes Übersetzung „wangenträger" ist nicht zu brauchen, es wäre das eine wunderliche bezeichnung für den ,,teil des helmes, der die wange schüzt"; auch solte es schwer fallen, ein analogen zu finden. Das richtige lässt sich, wie ich meine, durch eine einfache änderung herstellen: man lese hleör-ber- gan — es ist oifenbar derselbe teil des helmes gemeint, der Exod. 175 cinberg genant wird. Die namen der schutzwatten sind häufig mit dem werte beorh, beorge gebildet, vgl. heulsbeorh, liealsbeorge (mhd. /tttZsöerc, halsberge), Haupts ztschr. IX, 423.521; breöstbeorliLeo, ags. glossar 232; bänbeorh ehda; heafodbeorh Beövf. 1031. e für eo findet sich auch sonst im Beöwulf: Heregär 467, etonisc 2617, ferh 2707, gehäo 3096 , medu 2634 u. ö. , metod (nur 1078 meotod) , iverod 652 u. ö. — V. 414 124 GERING schreibt Heyne hädor, das eiu st. in. sein und „lieiterkeit" bedeuten soll. Dies wort ist aber meines wissens sonst nirgends belegt; es gibt auch keinen guten sinn: wer wird denn sagen, dass sich die abendliche sonne hinter der heiterkeit des himniels verbirgt? Greins Schreibung haäor (für heaäor) scheint mir daher durchaus den vorzug zu verdienen. — Die Heynische deutung der verse 445 — 451 halte ich für unrichtig; ich bekenne mich vielmehr zu der auffassung von Eieger (in dieser ztschr. III, 386). V. 445 — 46 nä pii minne ßearft hafalan hydan sagt offenbar dasselbe aus wie v. 450 — 51 nö pa ymb mines ne ßearft lices feorme leng surgian; beide stellen deuten auf die piiicht Hrudgärs, den gefallenen zu bestat- ten. — Dass was (v. 643) prädicatsverbum zu drei Sätzen sein soll, scheint mir Grundtvig mit recht beanstandet zu haben. Der gedanke, in ßeöd ein verbura zu suchen, war glücklich, aber /eöf, was Grundtvig vorschlug , ist eine unform; daher möchte iah. ßeät schreiben und das komma nach sfclum tilgen; ,, fröhlich erscholl des heldenvolkes lärm." — Auch v. 707 hat Grundtvig wol das richtige getroffen, indem er hiene als ein wort fasste und dahinter ne ergänzte; da nämlich im vor- hergehenden und im nachfolgenden von Beöwulf die rede ist, scheint es am natür- lichsten , auch den Zwischensatz auf ihn zu beziehen. — heardran hole (v. 720) ist, wie das nachfolgende healßegnas beweist, unzweifelhaft acc. pl. , wie auch Grein annimt, und es ist mir durchaus unerfindlich, warum Heyne es als acc. sg. ansezt. Ich erlaube mir, bei dieser gelegenhelt auf zwei weitere stellen aufmerksam zu machen, die, wie ich glaube, von Heyne falsch erklärt sind. Secg und lagu- cräftig man (v. 208/9) auf einen lotsen zu beziehen, geht nicht an, da die tätig- keit des lotsen doch nicht eher beginnen konte als das schiff bestiegen ist, und dies geschieht erst v. 211. Vielmehr ist Beowulf gemeint: der hold führte sie, der seekundige mann, zu den landesgrenzen , d; h. zum ufer des meeres, wo das schiif bereit lag. Noch besser ist es vielleicht, mit Gi'undtvig die werte secg loisade, lagacräftig man in klammern zu schliesseu und landgemyrcu von söhte abhängig zu denken. — sigon ätsomne (v. 307) übersezt Heyne: „sie giengen zusammen tal- wärts." Vom strande des meeres steigt man aber aufwärts (noch kurz vorher sind steile ufer erwähnt, beorgas steäpe , v. 222): die Übersetzung beruht auf der falschen annähme , dass sigan nur die Bewegung von oben nach unten bezeichnen könne, was ein blick in Greins Sprachschatz richtig stellen konte. Auch mhd. sigen bedeutet häufig nur „sich vorwärts bewegen,'' ebenso altn. siga: beide wer- den oft von dem vorrücken geschlossener truppenabteilungen gebraucht. Die „metrischen bemerkungen" hat Heyne in der neuen ausgäbe fortgelassen, jedoch, wie er in der vorrede ausdrücklich hervorhebt, „nicht, weil er ihre rich- tigkeit bezweifelt." Er hält also an der vierhebungstheorie fest und man darf bil- liger weise darauf gcspant sein , wie er dieselbe in der angekündigten monographie verteidigen wird. Seine abneigung gegen die neue ketzerische lehre ist denn auch wol der grund gewesen, dass er die änderungen, welche Bugge und ßieger aus metrischen gründen vornahmen, fast sämtlich nicht acceptiert hat.* So hat er sich nicht davon überzeugen lassen, dass zwei gleiche reimstäbe in der zweiten halb- zeile unzulässig sind: er schreibt also v. 395 nach wie vor güä - geataivum , wo doch Riegers änderung in güd - getaiviim (in dieser ztschr. III , 386) den fehler in der einfachsten weise beseitigt; v. 1152 behält er hroden bei, das Bugge (tidskr. 1) Soviel ich sehe, sind nur v. 1542 und 2095 nach dem vorschlage von Rieger (in dieser ztschr. VII, 31) geändert. DBER BEOWüLF ed. HEYNE 125 YIII, 64. 295) mit recht in roden gebessert hatte; ebenso v. 2917 (jehnfegdou, wo Grein (in der bibl.) und Bugge (tidskr. VIII, 64) genmjdon vorschlugen; v. 574 stveoräe , wo Rieger (in dieser ztschr. VII, 9) das synonym mece einsetzen wolte. Vgl. ferner v. 2616, wo nach den von Rieger gefundenen gesctzen hyrnan hrmyäe zu schreiben war (ztschr. VII, 21); v. 759 wo (löda durch ein mit m anlautendes adjectiv (mödeija) ersezt werden muste (ztschr. VIT, 24); v. 1538. wo Rieger (a. a. o.) gewiss richtig statt eaxle feaxe conjiciert; v. 1175, wo nach Rieger (a. a. o. s. 29) die ergänzuug friäu nach den metrischen gesetzen unzulässig ist. usw. — Gegen die neugefundenen regeln der Verstellung ist ebenfals mehrfach gesündigt: vgl. 947. 1396. 1480. 2158. 2482. 2862. 2870 (Rieger a. a. o. s. 34 fg.). Ein Verzeichnis der wahrgenommenen druckfeliler und sonstigen kleinen versehen möge den schluss bilden. Unter den ersteren befinden sich mehrere die schon die dritte aufläge entstelten: v. 27 steht in beiden ausgaben tväre statt wccre, V. 723 hine statt hire , v. 726 flor statt flör, v. 791 pikje statt däge , s. 134'', z. 10 v. u. nora. statt nom. acc. , s. 143'' z. 2 v. u. onfundc statt onfunde hüan, s. 256 '' fehlt bei symhel, synil auch in der neuen ausgäbe die angäbe des genus; s. 265* z. 13 V. 0. steht instr. statt praet., s. 27ü'' z. 17. v. o. acc. statt nom. acc. Von neu hinzugekommenen druckfehlern habe ich die folgenden bemerkt: v. 429 steht iviyendra statt wtgendra, s. 84, z. 11 v. o. ist vor folcstede zu ergänzen 76; s. 86, z. 23 V. u. steht est statt es; s. 87, z. 2 v. o. imbred statt timhred ; s. 87, z. 18 V. u. 419 statt 420; s. 88, z, 3 v. u. ine statt ine; s. 144^ z. 2 v. o. hnan statt hüan; s. 186'', z. 22 v. n. ylayyivus statt glagyvuR. Nicht unter die kategorie der druckfehler gehört es, wenn s. v. ehtan noch auf ge-(shtla vorwiesen wird, obwol dieses wort nicht mehr, wie in der dritten aufläge, dui'ch ,, Verfolger," son- dern durch ,, lobende besprechung, hochschätzung" übersezt wird. Statt gefehtla ist übrigens geähtla zu schreiben und ebenso statt gecrhtan geähtan (das richtige hat bereits Bugge in dieser ztschr. IV, 219, während Leo im glossar s. 222 die bei- den Wortsippen , die sich durch die Quantität des wurzelvocals unterscheiden , mit unrecht zusammenwirft). — scop ist in der neuen ausgäbe richtig mit kurzem vocal angesezt, dagegen falsch breme: dass die Wurzelsilbe lang ist, beweist das denominativ hrhnan, welches im anderen falle bremian oder hremman lauten müste. Bugge schreibt richtig brei7ie (tidskr. VIII, 41), ebenso Leo, ags. glossar s. 367; die von lezterem aufgestelte etymologie ist freilich niclit zu brauchen. — Den auf- satz von Sievers über die altags. declination (Paul -Braune I, 486 — 504) hat Heyne nicht berücksichtigt; sonst hätte er wol im glossar nicht präg, sondern ßräg geschrieben, auch nicht trod, ßrijä, sondern irodii, pryäu. — lierian setzen Sweet und Zupitza richtig mit kurzem e an. Grein und Heyne falsch mit langem; das wort ist identisch mit got. hazjan — wäre der wurzelvocal lang, so müste der inf. heran lauten. — ealdorcearu ist in der dritten und vierten ausgäbe als sw. fem. aufgeführt, während doch cearu selbst richtig als st. fem. bezeichnet wird; reced wird im ags. als masc. und neutr. gebraucht, Heyne sezt es nur als neutr. an, obwol V. 412 der attributive Superlativ selesta die masculinische Verwendung bezeugt ; dasselbe schwanken herscht bei dem werte segn , welches bei Heyne nur als st. neutr. figuriert, während v. 47 der acc. gyldenne es als masc. kenzeichnet. — wuldor ist unrichtig als st. masc. angesezt, bei Grein und Zupitza richtig als neutrum. HALLE, APRIL 1880. HUGO GERING. 126 KINZEL Die Wolfram-Literatur seit Lachiiiann mit kritischen Anmerkungen. Eine Einfülirung in das studium Wolframs von Dr. Cr. Boetticher. Berlin, Weber. 1880. VI und 62 s. 8. Fast gleichzeitig sind zwei kleine Schriften erschienen , welche eine Übersicht über die litteratur unserer beiden grösten mittelalterlichen dichter, Walthers und Wolframs, gewähren. Schon an sich ist dies ein dankenswertes unternehmen, für denjenigen, welcher auf dem felde des mittelhochdeutschen zu arbeiten anfängt und bemüht ist sich über die bisherigen leistungen zu orientieren, aber auch für den selbständigen forsclier, welcher sich oft schnell in den zahlreichen Schriften zurechtfinden möchte , um den überblick über die gefundenen resultate nicht zu verlieren. Dass dazu blosse büchertitel nicht genügen können, liegt auf der hand: sie zusammenzuschreiben wäre bei uusern bibliographischen hilfsmitteln keine Schwierigkeit. Man erwartet vielmehr nicht nur eine systematische Ordnung , son- dern auch eine klare objective darstellung dessen, was die erwähnte schritt für die erforschung geleistet hat, welche Stellung sie zu den hauptfragen einnimt und wie- weit sie einen fortschritt für die erkentnis bezeichnet. Erst hiernach mag der Ver- fasser den massstab seiner kritik anlegen und seine abweichende ansieht sachlich darlegen; keineswegs aber ist es erträglich, wenn sich derselbe wie Willibald Leo in seinem schriftchen über Walther ^ gemüssigt sieht, meist ohne auf den inhalt einzugehen, in abgeschmackter weise oft mit hochtrabenden, nichtssagenden phra- sen sein urteil über jede schrift, ja sogar über die Verfasser abzugeben. Im gegensatze dazu steht in jeder weise die saubere arbeit Boettichers, welche den ausgesprochenen anforderungen entspricht. Er hat den lobenswerten ausweg aus den Schwierigkeiten, objectivität und kritik zu vereinigen, darin gefunden, dass er seine eigenen ansichten in oft recht umfangreichen anmerkungen darlegt. Dadurch wird uns die Übersicht bedeutend erleichtert und auch denen der genuss nicht getrübt, welche dem Verfasser nicht zustimmen. Andrerseits aber erhebt sich die arbeit durch die meist wolgelungenen anmerkungen über das niveau einer bloss orientierenden einführung in das studium Wolframs zu einer durchaus selbständigen wissenschaftlichen leistung. Alles zeigt, dass der Verfasser sich mit liebe und urteil in den stoff vertieft hat und die massvolle kritik, welche er überall übt, zeugt von guter sachkentnis. Eine besondere aufmerksamkeit widmet er der aesthe- tischen betrachtungsweise des dichters, wie er ja auch schon früher darin gearbei- tet hat (vgl. Germ. 21, 257 — 331). Seine Übersicht über das auf diesem gebiete bisher geleistete ist nicht nur klar und anschaulich, sondern sie eröffnet auch lichter auf neue gesichtspunkte und legt die stellen bloss, welche noch weiterer aufklärung bedürfen. Es steht zu erwarten, dass der Verfasser, wie er auch andeu- tet, weitere Studien diesen fragen zuwenden wii'd. Die anläge der arbeit ist folgende. Der erste teil behandelt die grundlegen- den forschungen Lachmanns und Haupts in bezug auf text , Interpretation , Chrono- logie und quellenfrage, der zweite s. 6 — GO nach denselben vier gesichtspunkten die späteren arbeiten. Die kritik richtet sich hier besonders gegen die ausgäbe von Bartsch, welche, obwol in zweiter aufläge erschienen, bisher unseres wissens nie einen recenscnten gefunden, aber in lezter zeit manchen angriff erfahren hat. Boetticher verhält sich ablehnend gegen die metrik und Orthographie derselben, verwirft mit beachtenswerthen gründen die echtheit der beiden neu entdeckten 1) Die gesamte Literatur Walthers von der Vogelweide. Eine kritisch - verglei- chende Studie zur Geschichte der Walther - Forschung. Wien 1880. X und 99 s. ÜBER BOETTICHER, WOLFRAM - LITT. 127 Titurelbnichstücke (s. 9) und gibt s. 15 fg. eine blüteniese aus den erklärnngen des herausgebers, die hoffentlich dazu dienen wird, anfänger des Studiums vor der ausgäbe zu warnen. Die frage nach der abfassungszeit der Titurellioder hält der Verfasser nach Herforths Untersuchung in soweit für gelöst, als der Titurcl sicher nicht vor dem Parzival entstanden sein kann. Mehr, glaul)t er mit dem referen- ten , sei auch durch die Parcival -Studien von Domanig nicht bewiesen. Tu der klaren darlegung des Standes der quellenfrage dagegen wird den Untersuchungen von Bartsch grosse anerkennung gezollt. Verfasser konit freilich zu dem schluss, ,.dass an greifbaren resultaten nicht viel mehr gewonnen ist, als das was Lachmann aufgestelt hat, nur dass die frage von mehreren selten her mit hilfsmitteln, die Lachmann noch nicht hatte, einer gründlichen erörterung unter- worfen ist. Von Bartsch ist Lachmanns ansieht mit einigen erheblichen Stützpunk- ten versehen worden, von Birch- Hirschfeld ist ein schwerer einwand dagegen gemacht worden , der aber nicht so schwer wiegt , als die neuen Schwierigkeiten, die er im gefolge hat." Auch hier wird gezeigt, worauf die weiteren forschungen ihr augenraerk zu richten haben. Dass das büchlein auch manche unvolkommenheit hat, wollen wir nicht zu erwähnen vergessen. Die bibliographischen angaben sind nicht überall gleich aus- führlich , die correctur nicht ohne tadel. Bei registrierung der handschiiftenfrag- mente hätten überall fundort und die algemeiuen kenzeichen der handschriften angegeben werden können, um bei neuen entdeckungen den vergleich zu erleich- tern. Es wäre zu empfehlen gewesen, bei der besprechung des Lachmannschen textes einige werte über sein verfahren in den anmerkungen zu sagen. Dem anfän- ger besonders macht die ausserordentlich knappe behandlung, die nicht bloss durch des herausgebers art, sondern auch durch den umfang des Werkes geboten war, und das Verständnis der zeichen Schwierigkeit. S. 9 hat sich ein fehler eingeschlichen. Neben plan msc. komt auch diu plane im Parc. vor, wie 59, 25 diu plane : nach tväne und 117, 10 die plane : soltäne zeigt. Die beschränkung der darlegung auf die forschungen seit Lachmann hat au sich berechtigte gründe, abgesehen davon, dass die schritt aus einem vortrage erwachsen ist. Vielleicht aber empfiehlt es sich doch für eine neue aufläge, welche dem praktischen handbuche nicht fehlen wird, ein capitel voraus zu schicken, wel- ches uns über die Schicksale unseres dichters vor Lachmann orientiert. Hier wer- werden dann auch einige kleinere schritten wie das Reimregister von Schulz u. a. nachzutragen sein , welche dem verf. nicht zugänglich waren oder von ihm über- sehen worden sind. BERLIN, FEBR. 1880. KARL KINZEL. Seb. Zehetmayr, an alogisch - vergleichendes Wörterbuch über das Gesammtgebiet der indogermanischen Sprachen. Auf Grund stren- ger Etymologie, mit besonderer Berücksichtigung des Latei- nischen, Griechischen, Deutscheu, Slavischen und Sanskrit. In Commission bei F. A. Brockhaus, Leipzig. 1879. VIII, 536, XLL Lex. -8. M. 12. Der Verfasser gibt das zu behandelnde material im anschluss an den alpha- betisch geordneten sprachstoff des Lateinischen. Dabei nimt er vor allem rücksicht auf die analogie, unter der er freilich gar mancherlei versteht. Wenn z. b. ein wort den gleichen lautwandel zeigt wie ein anderes , so steht es in analogie zu demselben; vgl. s. v. a: ,,meco aus ecneco nach analogie von lümen aus lucmen." 128 BEHAGHEL , ÜBER ZEHETMAYR, VEBGL. WÖRTERB. Suffixe stehen in aualogie zu einander: s. v. ahs: ,,in cliesem -s stecht möglicher weise ein analogen des genitivsuffixes -as , gr. o?." Drittens zeigt sich analogie in der bedeutungsentwickelung. Das ist das moment. auf welches Zehet- mayr den meisten nachdruck legt, darin besteht das neue, darin liegt der wert seines buches: in sj'stematischer weise bietet Zehetmayr bei den einzelnen ablei- tungen belege analoger bedeutungsentwickelung aus derselben si^rache oder aus andern indogermanischen sprachen, die mit grossem fleiss zusammengetragen sind. Also z. b. : unter accipüer zu caplo wird Jiahuh zu haben angeführt , mit plangere trauern das gr. xönTta&cn und germ. hrimvan [= xqoiko (?)] , mit saecahmi got. manaseds verglichen. Nur von einer ai't der analogie spricht Zehetmayr nicht, nämlich von der. die man heute gewöhnlich im äuge hat, wenn man das wort gebraucht, von der formenübertragung, der einwirkung eines wortes auf das andere. Und doch, kaum ist es glaublich, beruft er sich am beginn seiner einleitung auf ein wort von Curtius: ,,die macht der analogie in der spräche an deutlich erkenbaren fällen nachzuweisen ist eine wichtige aufgäbe der forschung." Stud. 6, 262. Der schon hierin sich bekundende mangel an klarheit des denkens wird auch sonst sehr fühlbar; gar oft bedarf es tiefen Studiums, um der eigentlichen meinung des Verfassers auf die spur zu kommen. Wenn die mühe nur wenigstens immer belohnt würde! Das ist leider nicht der fall. Der Verfasser besizt nicht im entferntesten die keutnis des historischen sprachgutes und der lautgesctze, die notwendig wären, damit er wirklich ,,auf grund strenger etymologie ,'' wie es in der Überschrift heisst, seine erklärungen und bedeutungsentwickelungen aufbauen köute. Nieraals ist man sicher, ob ein von ihm angeführtes wort belegt, oder nur erschlossen ist, noch viel weniger, ob es in der gestalt vorkomt, wie Zehetmayr es verzeichnet. Höchst ergötzlich ist es, die Fickschen themen hier als gotische oder althochdeutsche Wör- ter auftreten zu sehen; bisweilen stehen wir vor dem baren unsinn. Für diese sätze einige beispiele aus dem Germanischen: verrucJit soll zu i'rerriechen gehören. S. v. accipüer: got. ulita statt hiulits. S. v. acerhus: „herb, von ahd. haru, got. hai- rus d. i. acies, hären acuere." ! 8. v. actus: ,,der trieb, zug, vom feldbau gesagt, wenn der landmann nach 10 fuss wider mit der äyMira antrieb. Analog: got. tig- jus = ahd. -Z7ifj , -zig. Da die Goten normalfurchen von nur 60 fuss hatten, so hört -tigjus (= züge, zu tiuhan agere) mit 70 auf." S. v. candidus: got. airlcna: nur tmairhns belegt. S. v. capülus steht das got. wort einmal als skuffs, einmal als skufta. S. v, capto: gagrefti statt gagrefts. S. v. capsa erscheint got. fodr die scheide als fodr die einfassung des kleides (,,von fatan = fassen, capere , praet. fuot"). S. V. cardo: ahd. hrutan statt ags. S. v. casa: zu chez aus casa analog ,,bei, in casa, eig. im bau, in bur." S. v. genius: gußs statt guß. S. v. cun- nus: ,,mhd. brüne cunnus (altn. hrynja zerschneiden); daher Briinhilde." Sub v. deus: ,,Wuotan für Wuotant i. e. penetrans." S. v. descisco: altn. skiarr fugax ,,der sich gleich schert." S. v. furfur: ,,ahd. zemisa die zemsen , die klcie zu ja[.it7v." Summa: nur derjenige, der im stände ist und lust hat, jede, auch die kleinste angäbe genau nachzuprüfen, nur der kann Zehetmayrs buch überhaupt gebrauchen. HEIDELBERG , 29. JULI 1879. OTTO BEHAGHEL. HaUe, Bucbt<'^vg, argä- (fcc^ig, {(TQ(x(fa^vs] latine atriplex.) Infrigidare gradu primo, humectare secundo ZEITSCHR. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XII. 1 1 162 G. SCHMIDT gesoten oder ro gestozen iinde iif den bösen nagel geleit bringet in abe. also selbes iz he gut vor daz heylige vur. melde gestozen mit lütterem ^ salze ^ unde mit honige uude mit ezzige vortribet die hitze podagram, die suche an den vuzen, ob man als eyu plaster daruf leit. der same mit wine dicke genutzet ist gut den da kichen.^ Atriplicem dicunt. Eius mollit cibus alvum, Duricias solvit varias clavisque medetur, 950 Emplastrum crudae vel coctae si superaddas; Hocque superpositum scabros cito detrahit ungues. Ignibus et sacris dicunt sie posse mederi. Atriplicem tritam cum nitro, melle et aceto, Dicunt appositam calidam sedare podagram. 955 Ictericum dicit Galienus tollere morbum Illius semen cum vino saepius haustum. [viiij.l 1) hs. luttereu 2) lütersalz ist alte beuennung des Salpeters, nitrum. Belege aus alt- uud mittelhochdeutschen glossen geben GrafF 6, 219. Müller -Zarncke, mhd. wb. 2, 2, 4o. Lexer 1, 1997. 3) kichenj kichen, schwer atmen, wird von schwindsüchtigen und asthmatischen zuständen gebraucht. Belege geben Müller -Zarncke, mhd. wb. 1, 804^ Lexer 1, 1567. Grimra, wb. 5, 434. — Aus dem Garde der suntheit f. 101. (Lübeck 1520) führt Lübben im mnd. wörterb. 2, 460'' an: adderwort ghepulvert vnde gethen mit eyeren ys guet asmaticis, dat ys den kychenden. Und aus dem arzneibuche der Breslauer ßhedigerschen hs. bringt Hoifmann , im glossar zu Fundgruben 1 , 378 '' bei : daz asthma daz ist di chiche. — Wenn nun Lübben a. a. o. aus einer Wolfenbütler hs. (60. s. 96.) die angäbe entnimt: Dat melden säet myt wyne dicke gemenghet ys guet den de dar kychen , so scheint der Wolfenbütler schreiber aus einem deutschen Macer geschöpft, der deutsche bearbeiter des Macer aber ictericum mit asthmaticum oder (h)ecticum verwechselt zu haben. Für die richtigkeit von ictericum, was hier im lateinischen texte steht, verweist Choulant auf Galen, de simplic. tomperam. et facult. 1.6. c. 73 ed. Kühn, tom. 11. p. 843. Auch Bock, Kreüter-Büch, Strass- burg 1556. bl. 272*" bietet hier: „Muten samen zerstossen, vnd mit honig wasser gedruncken , zertheilt vn vertreiben die galsucht." Desgleichen Tabernaemontanus (ed. Bauhinus. Fkf. 1613) 2, 142. ,,Galenus gibt den Samen ein wieder die Gelbe- sucht." Den gleichen Übersetzungsfehler hat der deutsche bearbeiter in cap. 14 batonica, gemacht, wo er v. 479 ictericos curat übersezt hat durcli: ,,hilfet den die da kichen,'' und nochmals in cap. 21. camomilla, wo er ,,ictericis" in v. 572 des lateinischen textes verdeutscht hat durch ,,swer kichet." [x.] Aue tum, tille, der ist heyz unde trocken in dem anderen grade, tille gesoten unde getrunken gibet den wiben milch, daz selbe [x.] Macer nr. 10. s. 44. Anethum. v. 395 — 428. Nach Choulant: Anethum graveolens, Dill. (Vgl. Silvat c. 638. fol. 164 *' s. v. Uebet arabice , latino vero anetum). 395 A medicis calidum siccumque refertur Anethum, HALBERSTÄDTER BRÜCKST. V. MACER 163 vortribet des magen ungemaoh. swer vil vorletzet,* de neme eyii teil wazzeres gesoteii mit tille unde trinke daz dicke, iz vorgeit. daz selbe getrunken liilfet die mit arbeyde pisset, tille gestozen unde mit warmem wazzere gesoten unde getrunken liilfet wider des buches unge- macli unde ist gut dem . de dar nicht wol dowet. swem der buch drintet^ von suche, der pulvere den same[u] unde trinke iz mit warmem wazzere. iz hilfet in. tille stetiliche genutzet krenket daz gesiebte, die worzele zo aschen gebraut ist bezzere dau von dem krude. wen Et dicuut, quod sit gradus huic in utroque secundus. Lac dat abundauter eius decoctio sumpta Nutrici , stomachique solet depellere morbos, Tres cyathos eius tepide si sumpserit aeger; 400 Indicio ructus est qui demonsfcrat apertum Os stomachi ventumque per hoc exisse nocivum, Atque gravis tali sedatur nausea potu. Provocat urinas, obstantia quaeque repellens, Matricemque iuvat, bene si foveatur eadem. 405 Cum tepida tritum patiens si potet Anethum. Intestinorum curat ventrisque dolorem, Hoc etiam potu digestio tarda iuvatur, Unde minor fieri vis egestiva videtur. Assidue bibitum visum nocet, et genitale 410 Claudit iter, siccaus humorem semiuis intus, Uvaque si nimio turgens humore gravetur,' Suspeudit pulvis combusti seminis eius, Appositus digitis, aut intus clystere fusus. Acrior esse ciuis radicum dicitur eius, 415 Rodit cresceutes ciuis hie in vulnere carnes, Ulcera quae serpunt, et sordida vulnera curat [x.] 1) Vorlezet] Eine raudbemerkung '".er liandsclirift erklärt riclitig: ad vomitnm. Der deutsche boarbeiter hat die gravis nausea in v. 402 des lateinischen textes richtig widergegeben durch: swer vil vorlezet, wie er auch in cap. 14. beto- nica das in v. 470 des lateinischen textes vorgefundene voniitus richtig durch vor- lazunge übersezt hat. Diese bedeutung von verlazen und verlazunge, erbrechen, nciguug zum erbrechen, aufstossen, fehlt in den mittelhochdeutschen Wörterbüchern von Müller -Zarncke und Lexer. — Konrad von Megenberg im Buch der natur (ed. Pfeiffer. Stuttg. 1861) brauclit für dasselbe s. 381 einen anderen gleielil>edea- tenden ausdruck, wenn er sagt: Anetum ist guot wider daz wüllen. 2) drinden, 11* 164 G. SCHMIDT schwellen, anschwellen, wird von Müller - Zarncke und Lexer belegt. — Aus einem lat. - niederd. wörterbuche in einer Berner pergamenthdschr. des 13. jh. (nr. 641) bietet Graff (Diutisca, Stuttg. 1827. 2, 231"): tumere, swellen vel drenten ; tunii- dus, drentende. Und grade auch auf dill bezüglich verzeichnet Lübben (mnd. wör- terb. 1, 576'') aus einem niederdeutschen Herbarius von 1483. fol. 25 die angäbe: „Werne syn bück swyllet edder drinthet, de drinke dylsad ghepuluert myd warmen watere." [x.] 1) So gibt Choulant den vers nach den ältesten und besten handschrif- ten, zugleich verweisend auf Plin. H. N. 20, 18, 74. „ Cinis ejus uvam in faucibus levat; oculos et geuituram hebetat." V. 413 ist freilich unklar ausgedrückt; es soll damit doch wol gemeint sein : die asche des dülsamens werde mit dem finger an das geschwollene Zäpfchen gestrichen, oder mit einer spritze eingesprizt. Die stelle scheint bald veranlassung zu misverständnissen und änderungen gegeben zu haben. Statt uvam bieten 2 hss. schon des 13. jh. vulvam , und die von Choulant benuzten alten drucke s. 1. et a. bieten: Si nimio (nimis) venter turgens humore gravetur. Auch der deutsche Übersetzer scheint diese lesart vorgefunden zu haben , wenn er schreibt: wem der buch drindet von suche, der pulvere den same usw. [xiv. Betonica, batonia] [bl. 2*] batonia eyn gewichte unde wazzeres dritte half teil also vil imde daz zusamene getemperet unde warme geiiutzet vortribet allir- haude ungemach des buches. batonie mit honige genutzet vortribet den husten unde wechet den buch, eyn gewichte wegebreiten unde zwi teil batonien gestozen mit warmem wazzere hilfet vor den telichen riten/ ob man iz warm nutzet, e dan den menschen der rite anege. batonia unde warm wazzer zusamene ^ gestozen geliche vil unde ste- liche ^ getrunken hilfet den wazzersuchtigen. die worzele gepulveret [xiv.] Macer nr. 11. s. 46. Betonica. v. 429 — 491. Nach Choulant: Betonica officinalis, Betonie. (Vgl. Silvat. c. 83. fol. 30"= Bastare arabice, latine betonica). 460 Uncia cum cyathis calidae potata duobus Dicitur immodicum ventris sedare dolorem. Haec tussim cum melle fugat, ventrem quoque mollit. Unaquaque die febre si vexabitur aeger üncia iungatur plantaginis una duabus 465 Betonicae, sie cum tepida contrita bibantur, Antea quam febris praenuncia frigora fiant. Uncia Betonicae calidae cyatho resoluta Prodest hydropicis, si sit potata frequenter. Radicum pulvis cum mulsa tritus et haustus 470 Humores (velut elloborum) vomitu cito purgat; Bis binas dragmas praecepit Plinius harum HAXBEBSTABTER BRÜCKST. V. MACER 165 Uüde mit miilsa getriben* machet eym semptte voiiazuiige , di den sicheu menschen ebene subrit. die bletere gepulveret uude getrunken mit mulsa helfen den gebrochenen nidene, daz sin die, den daz geweyde in daz gemachte gat. daz selbe iz gut vor daz vallende genutzet, daz pulver mit wine genutzet ist gut vor de vorgift. noch bezzer ist der same. batonia mit heyzem ^ wine genutzet hilfet den die da kichen.*^ ba [bl. 2''] tonia pulver eyn bonen gewichte mit honige gezzen des abendes nach ezzege ^ hilfet den magen unde dowet die spise. swer eynen rink von batonia machet umme nateren oder slan- gen , se irbize sicli selbe under eynander , e si ober den rinch gen. Mamonarius eyn meister ^ si zu allen arzedien tun , want si kumit dem magen eben. Plinius spriket, swer sie bi em habe, deme ne muge kein zobernisse geschaden. her sait mer, swer bleyche varwen habe, trinke her sie dicke mit wine, sie vorgeit unde gewinnet guten varwe. Kadicum dare cum passo mulsove bibendas, ^ Praecipue phlegma vomitu purgabitur isto. Cum mulsa bibitus prodest pulvis foliorum 475 Kuptis atque steras potus levat iste cadentes.^ Cum vino sumptis obstat potata venenis, Praecipue semen, quod si desit datur herba. Uncia Betonicae cum vino sumpta tepenti Ictericos curat; cum mulsa menstrua solvit; 480 Pondere vero fabae pulvis cum melle voratus Post coenam stomachum iuvat, ut bene digerat escam. Si de Betonica viridi sit facta Corona Circa serpentes , ut Plinius asserit auctor, Audebuut nunquam positam transire coronam, 485 Sed morsu proprio pereunt et verbere caudae.^ Omnibus antidotis Menemachus * eam sociari Praecipit, ut stomacho magis herbis omnibus aptam. Plinius hanc, inquit, qui secum gesserit herbam, A nullo poterit nocuo medicamine laedi,^ 490 Et dicunt , quod ea cum vino saepius hausta Plumbeus abscedat color et melior revocetur. [xiv.] 1) 1. tegelichen d. i. das tägliche fieber. 2) hs. zuzamene 3) 1. stetiliche 4) triben, zetriben ist ein mediciiiisclier terminus technicus für reiben, verreiben, vgl. Bech zu Hartmanns büchl. 1, 1314. Diut. 2, 271. Jung. Tit. ed. Hahn 1653 , 2. 5) hs. heyzen 6) ictericos curat, vgl. oben anm. 3. zu viij atriplex. 7) 1. ezzene 8) fehlt heyzet [xiv.] 1) „Facilis praestat vomitiones radix Vettonicae hellebori modo iy drachmis in passo aut mulso." Plin. HN. 26, 7, 25. 2) „Stera i. q. uterus 166 G. SCHMIDT apud niedicos medii aevi, vox iareQa mutilata," Choulant zu Macer v. 13. vgl. Silvat. fül. 30'': aus ,,Dia." d. i. Dioscorides, ,,folia eius dantur ad conquassationes, et de alto cadentibus inedentiu-, et offocationcs stericas soluunt." — Der Über- setzer hat ruptus , nach einer damals üblichen ausdrucksweise , gefasst als == her- niosus. Das wort stera hat er unbeachtet gelassen und übergangen; vielleicht mag CS ihm unverständlich gewesen sein. In folge dessen hat er, wie es scheint, caden- tes aufgefasst als = morbo caduco laborantes. Übrigens emjj fehlen auch die kräu- terbücher des 16. jh. die betonica als ein wirksames mittel gegen epilepsie, und im Ortus sanitatis (s. 1. 1517) heisst es in cap. 64 unter Betonica: „Epylenticis cum aqua bibita maximum presidiuin est." 3) ,,Morsibus imponitur Vettonica praecipue , cui vis tauta perhibetur, ut iuclusae circulo eius serpentes ipsae sese iuterimant tlagellando." Pliu. HN. 25, 8, 55. 4) Der hier und v. 1166 vor- kommende name erscheint in den handschriften und ausgaben mannigfach entstelt. Menemacus, Menemathus, Meneachus, Meneniacus, Meniacus, Moniacus, Medea- cus. — Häser, gesch. d. medicin 3. a. Jena 1875. 1, 273 nent diesen Menemachus, dessen Schriften verloren sind, unter den griechischen methodikeru nach Thessalus. 5) ,,Tantumque gloriae habet, ut domus in qua sit, tuta existimetur a piaculis Omni- bus." Plin. HN. 25, 8, 46. [xv.] [BJuglosa heyzet ossenziinge. die ^ iz gut genutzet den lungen sieben, der saf mit warmem wazzere geuutzet vortribet stia- sini, daz ist die svul an den dien.^ die wisen sagen, swer den Avin trinke, da daz inne gewecbet si, iz gebe eine gut gebucnisse. swer daz ^ crut uimet unde sudet iz mit wazere unde besprenget damite in der wls wutbscacht,'' iz machet die geste alle vro. [xv.] Macer nr. 34. s. 74. Buglossa. v. 1127 —1138. Nach Choulant: Anchusa italica, Ochsenzunge. (Vgl. Silvat. c. 506. fol. 125" s. v. Lingua bovis vel buglossa). 1127 Lingua bovis graeco sermoue Buglossa vocatur. 1132 Humores nocuos pulmonis detrahit hausta. Mixtus aquae tepidae si succus sumitur eius Uli , qui patitur sciasim , mire medicatur. 1135 Vim memorem cerebri dicunt servare periti Vinum potatum, quo sit macerata Buglossa. Laetos convivas decoctio dicitur eius Reddere, si fuerit inter convivia sparsa. [xv.J 1) hs. die die 2) „Sciasis {ia/jüg) , lendensucht; die geswulst am diche vel an dem dein; seuche an dem dihen vel din." Diefenb. gloss. lat. germ. 518'' vgl. unten in ur. xx (centauria) und nr. xxxij. (caratum). B) hs. dat 4) „ossentunge, f. buglossa . . . We den dranck drincket, dar ossentunge ynne leghen hefft, de wert vrolickos modes. Dar warschopp ys, dar strauwe dat sulue krut vnder de voyte edder sut dat sulue krud in watere, dar sprenge mede in der war seh op, dat macket dar de lüde vrolick." Eyn schone Arstedygeboeck usw. f. 61. Schiller - Lübben mnd. wb. 3, 244\ HALBERSTÄDTER BRUCHST. V. MACER 167 xvj. Beta^ heyzet beizgresse. die gesotcii uiide mit seile ^ gezzeri iz gut den die milze we tut. mit ahme gestozeu vortribet si daz Jieylige vür unde heylet daz brande, beta ro gestozen ist eyii war helfe den |2''| sigenden sweren ^ an dem houbeto, ob man sie damite dicke bestriket. daz selbe hilfet daz scorveclite houvet baz denne wob.^ daz wazzer, da beta ist inne gesoten, vortribet de scivern-^ an dem houbete damite getwan.*^ Fehlt bei Macer, findet sich aber in den Paiidectae medicinae des Matth. Silvaticus cap. 98. fol. 35"'' „Beta vel bleta latine, graece stel- len (1. rerrAo)')" .... „Dia. (d. i. Dioscorides) c. de beta: lecore labo- rantibus et spleneticis cum sinapi utilissime esui datur. ignes sacros et que adusta sunt cum albumine ^ illiuita restriugit. ulccribus in capite manantibus facit; item allopitiis^ cruda trita optime illinitur. aqua in qua est cocta furfures capitis eliminat." etc. [xvj-j 1) Beta oder blitus haizt piezen kraut oder mangolt. Konrad v. Megcn- berg, buch der natur, ed. Pfeiffer. Stuttg. 1861. s. 387. — Gemeint ist Beta vul- garis, Mangold. 2) 1. senfe. 3) d. i. fliesseuden, nässenden geschwiiren. 4) 1. wol 5) schivern ^ schuppen. 6) = getwagen, gewaschen. [xvj.] albumeu oder alunion hat im mittellatein ganz gewönlich die bedcu- tung: eiweiss. Der bearbeiter des deutschen Macer scheint in seinem lateinischen Dioscoridestexte alumen gefunden zu haben , und hat dies als alaun verstanden und übersezt. 2) allopitia, allopitium = defluvium capillorum, akiojif/.ta. Bei Pli- nius widerholt pluralisch gebraucht alopeciae: HN. 12, 22, 43; 23, 6, 54; 24, 19, 108; 25, 2, 6; 29, 6, 34. [xvij.| [Cjycuta heyzet woterscherling ^ unde ist^ von kalder nature unde ist also engeslich genutzet also vorgift. man machet och darabe vorgift. unde weme mite vorgebin wirth , der weirt vleckeht,^ daz sint sine zeichen, swer in genutzet, der werme starken win unde [xvij.] Macer nr. 65. s. 112. Cicuta. v. 2029 — 2055. Nach Choulant: Conium maculatum, Schierling. (Vgl. Silvat. c. 657. fol. 158 '^ s. v. succarum arabice , graece conisa vel tenela vel conium (i. e. xiörtior) , latine vero cicuta). Frigida letiferae vis est natura Cicutae, 2030 Unde necat gelidi potantes more veneni. Qui perit hac herba, cutis eins fit maculosa, Unde genus mortis valet haec per signa probari. 2037 Hac sumpta si quis morti sit proximus herba Forte merum tepidum bibat evadetque periclum. 168 G. SCHMIDT trinke den: lege her amme tote, her genese, swe her ein vorgift si gezzen , her ist ^ doch zu nianige[n] dingen gut. swar die ougen irhitzet sin , stoz des woterscherlinges bletere unde lege sie uf den dunnig : •'' iz hilfet. oder nini den saf unde bestrich de ougen damide. man vor- tribet och also daz heylige vür. swelchem wibe die milch werret, de stampe si unde lege si uf die zitzen mit dem *^ saffe , si werden nicht grozer, iz vortribet raenslichen lust, swer sie mit dem saffe umme die burst bestriket. wider de podagram an den vozen so nim cycutam unde smer unde selberscum unde lege [2 ^] daz als eyn plaster ufm voz , iz hilfet. cycuta gestozen ist vor allerhande unrechte heytze gut, ob man si daruf leget odir bindet. Sed quamvis potu solet haec assumpta nocere, 2040 Magnifice tanien appositu solet illa iuvare. Aestivas mire iuvat epiphoras oculorum, Si frons contritis foliis sit operta virentis, Vel si sint eius circumlita lumina succo. Hac quoque pellentur sacer ignis et herpeta cura. 2045 Tradit Anaxilaus,^ si succo saepius eius Virgo linat mammas, sibi cum turgescere primum Incipient, modicas semper stantesque mauere. Lac contrita virens mammis superaddita siccat. Exstinguit vener em , iiuxum quoque seminis omnem 2050 Si pecten ^ trita cataplasmes saepius illa. Argenti spumae commiscens hanc adipique Apponas calidae cataplasma salubre podagrae. Et per se tali multum prodesse probavi, Singula cur memorem, nocuum quemcunque calorem 2055 Apposita trita poteris curare cicuta. [xvij.] 1) hs. weischerling 2) ist fehlt. 3) hs. vleckeit 4) ist feil lt. 5) Schläfe, gekürzt aus tiinewenge. Vgl. Lexer 2, 1569. Diefenb. 584". — Aus einem ms. des 15. jh. notierte ich mir: las im (dem pferde) zweii ädern, an itlicliem dunynge eine. bech. 6) hs. den. [xvij.J 1) Die hss. geben den uanien meist sehr verderbt: Anislaus, Anisi- lagus, Anisilas, Anasifilas, Anafilus, Anasilas, Anasillas. Macer hat aus Plinius HN. 25, 13, 95 geschöpft, und demgeraäss haben auch die herausgeber die rich- tige namensform hergestelt: ,,Anaxilaus auctor est mammas a virgiuitate inlitas semper staturas; quod certum est, lac puerperarum mammis inposita exstinguit veneremquo testibus circa pubertatem inlita." 2) pecten i. e. regio pubis, in Übereinstimmung mit der eben angeführten stelle des Plinius. Statt dessen bieten die ausgaben des Atrociauus (1527) und des Pictorius (1559) poctus, und dieselbe falsche lesart scheint auch der deutsche bearbeiter schon vorgefunden zu haben. HALBERSTÄUTEE BRÜCIIST. V. MACEK 169 [xviij.] [C]eriofilum lieyzet kcrbcle unde ist trockener imde bey- zer nature. kerbelc mit boiiige gestozeii unde uf den canenim gele[i]t hilfet. Cancer ist eyu böse geswere unde bat vil lokere unde sigen steliclicn.* kerbelo mit wine getrunken bilfet der wetunden siten. mit olei gcsoten unde angestriken vortribet daz kalde. kerbelc stozen mit starkem ezzige unde getrunken vortribet de spulworme. mit wine genutzet vürdirt die wip an ir sucbe. kerbele mit ungenutten ^ wachse unde mit aldem sniere gestozeu vortribet de bösen sweren bi den oren. daz selbe vortribet allirliande suche des buches, swer si izzet in star- kem ^ ezzige , si vortribet daz spien unde vortribet och de rure also genutzet, kerbele gestozen unde uf den buch geleit hilfet den de mit not pisset, went si rumet im den vorstopfeten wech. [xviij.] Macer nr. 27. s. 66. Cerefolium. v. 928 — 946. Nach Choulant: Sc and ix cerefolium, Kerbel. Est Cerefolio vis acris et ignea valde. Appositum cancris tritum cum melle medetur. 930 Cum vino bibitum lateris sedare dolorem Saepe solet, tritam si nectis desuper herbam. Cum mulsa bibitum pituitae noxia solvit, Ex oleo coctum frigus depellit inunctum, Si tritum mixto violento solvis aceto 935 Lumbricos tali potu tineasque repellis. Cum vino ciet urinas et menstrua purgat. Virgiue cum cera vetus huic axungia mixta Nou modo parotidas verum quoscunque tumores Curat vel reprimit, si saepius hoc superaddas. 940 Intinctum valido si mauducetur aceto Saepe solet vomitum veutremque teuere solutum ; Si trito tegitur pecten succusque bibatur ürinae clausos reserat quoscunque meatus; Illius elixatura vertigo fugatur, 945 Si Caput hac tepida patientis saepe lavetur Herbaque temporibus et fronti cocta ligetur. [xviij.] 1) wol: siget stetilichen , nässt beständig. 2) mhd. uugenoetet, ungenot; Diefenb. gloss. lat. -germ. 113'': cera non liquefacta ungenodiget vel ungenuettet was. bech. 3) hs. starken [xix.] [C]oriander ist kalt unde eyu teil trockener nature. dorch [xix.] Macer nr. 29. s. 68. Coriandrum. v. 957 — 987. Nach Choulant: Coriandrum sativum, Koriander. (Vgl. Silvat. c. 250. fol. 66*^ s. v. Daybora arabiee . . . lat. vcro coriandrum). Frigida vis herbae Coriandri dicitur esse, 170 G. SCHMIDT daz sait Galienus, daz iiicheiu ^ crut, mit wiiie gestozeu, unde getrim- keii baz vortribet di spulworme, oder [bl. 3*] die in nutze mit ezzige. der koriander mit getrockenen ^ wiubern uude mit honige gestozen vor- tribet swaz zutrunden^ ist unde nemeliche an dem gemechte, ab daz* zutrunden ist. korianders same mit wazzere dicke getrunken vortribet de rure. von korianders same silberscum blywiz ezzech rosenolei, di vunf zusameue ^ getan , da mache von eyue salbe , damite vortribet man daz heilige vür unde allirhaude svul, de sich von hitzen irhebet. dunket aber sogetane temperunge dich zu swar, koriander same mit ezzige getemperet hilfet. och ist gut eyn brosme brodes gewichet in korianders saflfe, daz vortribet böse hitze, swar iz ufgeleit wirt. der saft mit mele von bone[n] zusamen ^ getemperet vortribet die swartzen bletere, wirt iz daruf geleit. iz ist och gut uf de druse geleit, de da scrofelen ^ heyzen , want iz se swendet. iz sagen och sumeliche mei- stere, swer die terciane habe, izzet her dru korianders samen kornere, e iz ene anegeit, iz hilfet. iz hilfet och vor de [bl. 3**] selbe suche, swer den koriander leset des morge[n]s, e die sunne ufgeit, unde leg ez Austeraeque simul quiddam virtutis habere Hanc Galienus ait, per quam depellere ventre 960 Lumbricos tineasque solet, si trita bibatur Cum vino vel si mixto sumatur aceto. üva cum passa Coriandrum melque iugatum Sedabunt varios superaddita trita tumores, Praecipue festes tumidos iuvat hoc medicameu. 965 Illius semen veutrem stipare solutum Fertur, aquae iunctum fuerit si saepius haustum. Argenti spumam cerussae contere mixtam His tritis succum Coviandri iunge et acetum, Quattuor his roseum miscendo iugabis olivum, 970 Ista tereudo simul pretiosum conficis unguen. Quo sacros ignes pellas calidosque tumores; Si tibi difficilis confectio tanta videtur, Succus cum solo prodest commixtus aceto; Aut si frumenti panis mundissima mica 975 lungitur huic succo, sedat quemcunque calorem. Huic succo si iuncta fabae sit sola fariua Et superaddatur, scrophis medicabitur illis Et cedet fervens emplastro pustula tali. A multis scriptum legitur: febris ante tremorem 980 Si tria grana voret Coriandri seminis aeger. IIALBRRST.VDTER BRüCHST. V. MACER 171 linder des sechcii houbet, als iz eue auegan wcl. Xeiiocrates ^ eyn meister der sait: swo inaniiicli korianders sameukorn ein wip ezze, also mau[n]ich ^ voimide sie ir suche, koriaiider steteliche gezzen brenget den tot oder groze suche. Evadet febrem ciii dat lux tertia nomen; Praestat idem lectuni Coiiandruni niaiie piiusquam Sol surgat cervicali si subditur aegi'i. Xenocrates ^ scripsit totidem cessaie diebus 985 Menstrua quot uiulier Coriandri grana vorabit. Assiduum quidam condemnant illius usum, Nempe putaiit mortem quemvisve parare dolorem. [xix.J 1) hs. iiirheim 2) h.s. getrockener 3) -= zutninnen, geschwol- leu. Müller- Zar ncke, lulid. wb. 1, 393". s.v. zedrinden. Diefenb. gloss. lat. germ. 601 ^ s. V. tumidus. 4) hs. ab sie daz 5) bs.: zuzamene 6) bs. zuzamen 7) hs. scurselen 8) hs. Xenonates ji) fehlt tage. [xix.] 1) Die erwähiiung dos Xenocrates scheint Macer aus der damals gang- baren lateinischen Dioskoridesübcrsetzuug entnommen zu haben. Auch bei Silvati- cus heisst es am ende des mit .,üia" (d. i. Dioseorides) bezeichneten abschuittes: ,,Mirum est ij^uod Xenocrates tradit, si unum semiuis granum feniina biberit, uno die ei menstrua contineri, si duo, et totidem iam diebus, quot grana sumpserit." — Über Xenocrates von Aphrodisias , den Verfasser eines pharmacologischen Werkes, um 50 — 70 u C s. Häser, gesch. d. medicin. 3. a. Jena 1875. 1, 300, [xx.] [C]entauria beyzet zauterne,^ ist trokener uature, darum heylet sie wol vrische w[u]nde. ceutauria gesoten unde binden mit eyme kleistire ingetriben vortribet stiasim, die suche an den dien als eyn s[vjul,- daz selbe hilfet den wetimden seuadereu, ob si damite bebet werden, der centaurien^ saft genutzet brenget den vrowen ir suche, daz selbe genutzet bringet daz tode kint uz dem übe.'* daz [xx.] Macer nr. 53. s. 99. Centaurea v. 1709 — 1727. Nach Choulaut: Erythraea centaurium, Tausendguldenkraut. (Vgl. Silvat. c. 150. fol. 52'' s. v. Centaurea). Sunt Centaureae species maiorque minorque, 1710 üt suprascriptis dixi de pluribus herbis; Sed quia perpaucis species est cognita maior, Hanc praetermittens vires narrabo minoris, Quam notam cunctis credo vulgaribus ipsis. Desiccativae virtutis dicitur esse, 1715 Non modicum piagas congiutinat inde recentes, Inque cicatricem veteres supperaddita ducit. Uli, qui sciasim patitur, decoctio mire 172 G. SCHMIDT selbe crut geuutzet mit wiiie tribet durcli den menschen in eyner mre, swaz her vorgift genutzet hat. centauria mit honige getempeiet vor- tribet den scemen. der centauream saft sal man in dem herbeste gewinnen unde trocken an der sunnen, der ist gut zu allen dessen dingen, als ir habet hirvor ^ voruomen. [bl. 3"] Prodest, illius si sit subiecta per anum; Sanguine detracto sedat mox illa dolorem, 1720 Fomento nervis eadem medicabitur aegris. Illius succus deducit menstrua sumptus, Pellit abortivum; medicamina cuncta maligna Cum vino sumptum dicunt purgare per alvum. Melle sibi iuncto caligine lumina purgat. 1725 Illius exprimitur autumni tempore succus, Quem desiccatum ferventi sole repouunt Ad rerum curam, quas diximus ante, salubrem. [xx.] 1) santorij , santorie ist die uiederländische benennung des tausend- guldenkrautes ; engl, the lesscr centorij. Nemnich, polygl. lex. d. nat. gesch. s. v. Gentiana ceutauriiiui. 2) hs. plaster ful. — ,,Sciasis, seuclie an dem dihen vel din; ez ist an dem ding (1. dien) also ein geswulst." (Aus einer Frankf. hs. des 14. jh.) Diefenb. gloss. lat. - germ. 518 ''. 3) hs. scentaurien 4) hs. Üben 5) hs. irvor [xxj.] [C]amonilla, wizseblumen ist eyu wolrechende crut unde ist drierhande: ir izlich irkenuet man bi der blümen. in allen ist die blume mittene goltvar unde ummesatzet mit bleteren maniger var, die eine mit witzeu , die ander ' mit swarzen , die dritte pfellervar : unde sint alle heiz unde trocken in dem ^ ersten grade, swellich iz si , dicke getrunken mit wine hilfet dem, der mit arbei(t) harnet, unde vortribet [xxj.] Macer nr. 14. s. 51. Chamomilla. v. 549 — 591. Nach Choulant: Matricaria chamomilla, Chamillen. (Vgl. Silvat. c. 87. fol. 32 ^ s. v. Bebonig . . . lat. camomilla). Anthemim magnis commendat laudibus auctor 550 Asclepius,* quam Chamaemelum nos vel Chamomillam Dicimus; haec multum redolens est et brevis herba, Herbae tam similis , quam iusto nomine vulgus Dicit Amariscam,'^ qiiod foeteat et sit amara, Ut collata sibi vix discernatur odore. 555 Auetores dicunt species tres illius esse, Quas solo florum distingui posse colore HALBERSTÄDTER BRÜCKST. V. MACER 173 den stein in der blasen, de wizseblome gesoten mit wazzere vurdirt de wip au ir suche, ab sie zu lange sumen unde ab man si mit dem braden underroucliet unde den buch mite bebet oder ob sie sie dicke ^ trinke mit wine, daz selbe stillet des buches curren.^ daz selbe hilfet getrunken den zusw[o]llen mageu. camomilla gestozen mit honige oder alleyne unde under de engen gestrichen ist gut der scelenden ^ hut. camonilla gesoten ist gut genutzet, swer kichet. se hilf(t) sere dicke genutzet der sieben.*^ swelch wip mit eyme toden kinde arbeydet, die trinke se mit wine unde wirt ledich. swer daz kalde hat, der side wizse mit olei unde als in wil daz anegan, man bestrike in damite, daz kalde vorgeyt und ettesswelie der suche [bl. 3"^] gar. die selbe salwe hilfet sweme undir den rippen we tut. swem de natere gestichet, der neme dru pennig wichte der pellelvarn wizseblomen unde nutze se mit wine , iz vorgeyt. swer hat egiloppas ' — egilope ist eyn suche, in des ougen winkel wesset eyn vleisch, daz tränet — , der kowe sie Tradunt: est cunctis medius flos aureus illis, Sed variis foliis flos circumcingitur ille, Albi vel nigri sunt purpureive coloris. 560 Dicitur Anthemis proprio , cuius foliorura Purpureus color est, maiorque et fortior haecest; At Leucanthemum foliis deprehenditur albis, Melinis Chrysanthemum; vis omnibus illis Sicca calensque gradu primo conceditur esse. 565 Provocat urinam cum vino quaelibet hausta, Vesicae frangit lapides et meustrua purgat, Si foveatur aqua matrix qua cocta sit herba. Aut si cum vino potetnr saepius illa; Tormina sie sedat, stomachique inflatio potu 570 Pelletur tali. Squamas de vultibus anfert, Si tritam apponas solam mellive iugatam. Ictericis prodest eins decoctio sumpta Et mire prodest iecoris potata querelis, Pellere cum vino potata refertur abortum. 575 Hac oleo cocto foveas si febricitantem Frigus depelles, febrem quoque saepe fugabis; ünguine purgantur hypochondria turgida tali. Pestiferos morsus serpentum pondere dragmae Cum vino prohibet Anthemis sumpta nocere. 584 Aegilopas curat, si quis commasticet illam 174 G. SCHMIDT unde lege sie iif die ougen , iz vorgeit. daz selbe subrit die eitberen sweren und beylet sie. 585 Et sie appoiiat; sie iilcera sordida purgat. [xxj.] 1) hs. anden 2) bs. den 3) hs. dricke 4) d. i. knurren 5) = sich abschälend. 6) fehlt leberen? 7) = aegilopa, die tränenfistel. [xxj.] 1) Anthemis magnis laudibus celebratur ab Asclepiade . . . genera eius tria flore tantum distant, palmum non excedentia, parvis floribus rutae, candidis, aut malin is (var. melinis), aut pnrpureis. Plin. HN. 22, 21, 26. — Auch anderwärts findet sich durchweg die Unterscheidung derselben drei färben der rand- blümchen: weiss, gelb, roth. So bei Silvaticus fol. 82'', nach ,,Dia" (d. i. Dio- scorides): ... „ huius herbe tria sunt genera habentia in flore distantiam .... supe- rius capitellum rubicundum, cum quadam rotunditate, habens de intus aureum florem, qui exterius foliorum obiectione tegitur alborum , aut mellini, aut pur- purei coloris," und nach „Aui." (d. i. Avicenna): „... camomilla. ex ea alia est, cuius flos est citrinus, et alia est, cuius flos est purpureus, et alia est alba, cuius est albus, et hec est nota." Ebenso bei Megenberg, Buch der natur, ed. Pfeiffer s. 388: ,, Camomilla haizt gamillen, und daz kraut ist dreierlai. daz ain hat weiz pluomen, daz ander gel, daz dritt purpcrvar." — Auch . Macer selbst sagt mit ganz derselben Unterscheidung v. 560 fgg. : die Antlicmis mit purpurfar- benen randblümchen sei die eigentliche Anthemis , die mit weissen heisse Leucan- themum , und die ndt quitteugelben (melinis, mellinis) heisse Chrysanthemum. Um so auffälliger ist, dass er in dem unmittelbar vorhergehenden verse weisse, schwarze und purpurfarbige randblümchen unterscheidet. Nigri scheinen alle handschriften und alten ausgaben zu bieten: nach der angäbe von Choulant in sei- nem Apparatus criticus wäre es erst in den Basler ausgaben von Pictorius (1559. 1581) in lutei verbessert. Auch der deutsche Übersetzer muss in seiner lateinischen vorläge das widersinnige nigri vorgefunden haben. Vielleicht mag dieses wunder- liche nigri entstanden sein aus irriger auffassung der angäbe von Plinius (a. a. o.): ,,nonnulli nielanthion vocant." (var.: melanthemon ; gr. tuskävDfjuov, bei Diosc. 3, 154). 2) ,.Amarica s. Amarista herba est Anthemis Cotula" (stinkende Ka- mille, Hundskamille). Choulant. [xxij.] [CJolubrina heyzet uaterwort uude daz von reclite. wen swer de worzelen stozet unde sieb damite bestriebet, se vortribet aller- bande natere vorgift. Swer sie bi eme treget, der ist sieber vor der [xxij.] Macer nr. 54. s. 99. Colubrina. v. 1728 — 1765. Nacb Cboulant: Arum, Natterwurz.^ (Vgl. Silvat. c. 637. fol. 154° s. v. öerpentaria, vel viperina, vel colum dracmiis latine , luf . . . arabice , grece dragontiura). Herba, Dragouteam Graecorum quam vocat usus, Haec eadem vulgi liugua Colubrina vocatur, 1730 Quod colubro similis maculoso cortice surgit, Ex quibus antiquis expertum credimus esse, HALBERSTÄDTER BRUCIIST. V. MACER 175 nateren. colubviiia mit wiiie £fenulzet vortribot swaz die natere gest- ehet, der samtMi satt' mit olei getemperet uiule in daz ore gegozen vortribet die serdo.' in dem selben saffe w[u|llen genutzet ^ iinde in de nase gestozen ist gut vor eyne suche, di heyzet polipns , daz ist das stinkende vleisch,^ daz in der nasen wesset. daz selbe ist gut vor den cancrum. Cancer ist eyn swere, da vil löchere inget unde siget unde heylet ungerue. der worzelen saft an di ougen gestrichen vortribet den scimen unde manicher bände suche , die den * ougen wer- ren. noch heyzer ist iz mit honige getemperet, unde och ist die wor- zele gut gegezzen zu den ougen. dritzich samencorn genutzet mit pusca vortribet allirhande schimen unde machet die ougen dar. pusca iz zwei^ Quod queat a simili colubrina venena fugare. Quisquis se trita radice perunxerit eius, Tutus ab incursu serpentum dicitur esse; 1735 Morsibus illarnm cum vino sumpta medetur. Si iungas oleum cum succo seminis eius Auribus infundeus poteris sedare dolorem; Hoc succo lanam madidam si uaribus addas, Compesces morbum , qui polypus est vocitatus ; 1740 Sic etiam cancris magnum solet esse iuvamen. Succo radicis eius caligo fugatur Et varii morbi, quos lumina perpetiuntur, Ex ipso puro si sint lita melleve mixto; Et prodest oculis radix si manditur assa; 1745 Cum pusca granis ter denis seminis haustis Lumina munda ferunt pulsa caligine reddi. [xxij.] 1) serde = schmerz. 2) 1. genetzet 3) lis. vleischs 4) hs. dan 5) „puscha, daz ist czway tail wasser vnd ein teil wein." Diefenb. gloss. lat. - germ. 474* aus einem Münchener zu anfange des 15. jahrh. geschriebenen Voca- bularius rerum. [xxij.] 1) Was hier von den Wirkungen der Colubrina ausgesagt wird, berich- tet Silvaticus unter beziehung auf Dioscorides von seiner Serpentaria, und Taber- njBmontanus (Kreuterbuch , herausg, von Bauhinus. Fkf. 1613) 2, 443 fgg. von sei- nem „Dracontium, Drachenwurtz." Beide unterscheiden, jener seine Serpentaria, dieser sein Dracontium, von Arum , welches leztere jener in cap. 1. fol. 1* s. v. Aaron (vel Serpentaria minor, aliter Pes vituli), dieser 2, 444 fgg. unter Arum, Aren besonders abhandelt. — Jene colubrina (serpentaria, dracontium) mag wol unserem Arum dracunculus, das Aaron oder Arum des Silvaticus und Tabcrntemon- tauus dagegen unserem Arum maculatum entsprechen. 176 G. SCHMIDT [xxvij. zedoar, beyzet zitwar] ^ [bl. 4*] den sterbit die spulwonne. gezzen vortribet ber den knobelokes rüch uz dem munde. [xxvij.] Macer nr. 71. s. 117. Zedoar. v. 2131 — 2140. Nach Cboulant: Curcnma Zedoaria, Zitwer. (Vgl. Silvat. c. 711. fol. 168 '^ s. v. Zedoaria). Lurabricos ventris depellere dicitur haustum; Allia quem faciunt foetorem pellit ab ore 2140 Et nimium bibiti vini depellit odorem. [xxvij.] 1) Hier fehlt ein blatt mit dem schliiss von xxij (colnbrina). xxiij. xxiv. XXV. xxvj und dem grössten teil von xxvij. [xxviij.] [Cjynama beyzet cynamin, de ist drier bände, der cleineste ist de[r] beste unde baz zengret ^ unde bizent au de zungen. der sterket den magen unde trockent sine böse vucbticheit unde maket in wol dowen geuntzet unde heylet die leberen. genutzet subrit be de wip au ir suche unde vortribet den vuchten husten unde och der sun- den.2 einer hande wazzersucht, heyzet timpaua, die vortribet her unde trockent. cynama geuutzet unde lendeusichen.^ iz vortribet och vor- giftige bizze, daruf geleit oder genutzet, unde trockent die vuchten humores. gestozen mit starkem wine unde under die ougen gestrichen [xxviij.] Macer ur. 73. s. 118. Cinnama. v. 2147 — 2164. Nach Choulaut: Laurus cinnamomum, Zimmt. (Vgl. Silvat. c. 202. fol. 66* s. v. Darsen arabice, grece et latine Cinomomum). Cinnama tres species dicuutur habere, sed harum Est pretiosa magis, quae plus subtilis habetur Et quae phis mordet mixta dulcedine linguam. 2150 Humores stomachi siccat, corroborat ipsum, Et facit acceptas ut digerat ocius escas. Sumptum curat hepar lotiumque et menstrua purgat, Humida tussis eo sedabitur atque catarrhus. Hydropisis speciem, cui praebent tympana nomen, 2155 Sumptum non modicuni reprimit renumque dolorem; Reptilium morsus curat; si iungitur illis, Quae curant oculos humores siccat aquosos. Si bene contritum forti miscetur aceto Liberat apposituni tetra lentigine vultum, 2160 Sicque iuvat morbum qui ducit ab impete nomen. HALBRRSTÄDTER BRÜCKST. V. MACER 177 vortribet her daz gesehiverte/ die grozer cinama die stillen daz emor- riadas , ob man sie stozet unde mit warmem wazzere nüchteren trin- ket, zu dem tränke sulon dru phennig gewiclite sin unde nicht nie. Grossa magis species fluxus haemorrhoidarum Stringit, aqua gelida bene si contrita bibatur, Tempore quo nondum patiens ieiunia solvit. De specie geminas haec quaerit potio dragmas. [xxviij.] 1) 1. zengvent d. i. scharf riechend und schmeckend. Vgl. Müller- Zarncke mhd. wb. 3, 849. Schnicllcr hair. wb. ed. Frommann 2, 1135. 2) 1. den snuder. — Cinamomum . . . tussim sedat, catarrü miligat. Matth. Silvat. pandeet. med. Lugd. 1534. f. 6G ''. — Kanneel benimpt catarrum , dat is den snoven. Herbar. v.J. 1483. Schiller -Lübben mnd. wb. 4, 281". 3) 1. die vortribet unde trockent cynama genutzet unde lendcnsuche. — hydropicis medetur, nefreticis utiliter datnr. Silvat. fol. 66^. 4) Aus dem lateinischen texte geht hervor, dass geschiverte Übersetzung von lentigo sein soll und mithin die bedeutung „Sommersprossen" haben muss. Doch vermag ich das wort anderweit nicht nachzuweisen. Auch Sil- vaticus sagt am entsprechenden orte (66'^'), auf Dioscorides sieh berufend: „cum melle tritum maculas vel lentigines de facie purgat " und , aus gleicher oder ver- wanter quelle schöpfend, lehrt Tabernajmontanus (ed. Bauliinus. Fcf. 1G13) 2, 658*: ,,Zimmet mit essig temperiert und angestrichen säubert die haut, vertreibet die flechten und zittermäler: mit honig angestrichen vertreibt die masen des antlitz." — In einem späteren abschnitte (xxxiij. Eruca, witsempf) übersezt der deutsche bear- beiter des Macer lentigo durcli rise. [xxix.] [C]ostum iz zwierhande, eyn ist iz ^ swere unde rot unde sere bitter unde heytzet indicum, daz ander lichte unde nicht bitter, daz ist ambicum.- daz erste iz ^ bezzer, daz subrit die pissen [bl. 4''] unde swaz si erret. sie hilfet den "^ milzen, der leberen, der"' niereu [xxix.] Macer nr. 74. s. 118. Costus. v. 2165 — 2181. Nach Choulant: Costus arabicus, Kosten würz. (Vgl. Silvat. c. 362. fol. 105"^ s. v. Costa, Costus). 2165 Costi sunt geminae species: gravis mia rubensque Est et amara uimis, haec iudica dicitur esse; Altera vero levis, nee amara, colore subalba, Hanc Arabes mittunt; prior utilior medicinae. Urinas purgant et eis obstantia pelluut, 2170 Spien curant et hepar, laterisque fugare dolorem Dicunt, cum vino tepido si sumpserit aeger. ZEITRCHR. F. DKÜTSCHE PHILOLOGIE. BD. XII. 12 178 G. SCHMIDT mit warmem wine genutzet, sie subrit die wip an ir suche, ab sie sich mite underrouchen. daz selbe genutzet vortribet die spulworme. costum mit olei gesoten vortribet dem rithescin ^ daz kalde , ab her sich mite bestrichet, e en daz kalde auegan.'^ costum gepulveret unde uf die w[u]nden gestrowet heylet sie. Meustrua purgabunt, si se subfumiget illis Pemiua, sie etiam vulvae sedare dolorem Dicunt, aut ex bis sibi si pessaria subdat. 2175 Lumbricos pellunt, purgant lentigine vultum, Si tritis cum melle linas, veueremque movere Dicuutur, si sint cum mulsa sumpta tepenti. Ex oleo Costum ([uo coxeris illine quemvis Ante febris typum, reddes a frigore tutum; 2180 Subvenit hoc sciasi membrisque tumentibus unguen, Antiquum vulnus cito curat pulvis eorum. [xxix.] 1) 1. ist zwierhande , einiz ist 2) 1. arabicum 3) 1. ist 4) 1. der 5) 1. den 6) d. i. febricitanti 7)1. anegat [xxx.] [C]ucumer ist cuntir, iz ist kalder nature unde loset den buch, durch daz ist he dem magen gesunt. die bletere mit wine gestozen heylet daz der hunt gebizet. der same mit surem wine genutzet hilfet der* blasen unde die unsempfte harren.^ der same mith wibes milch vumfzen p[f]ennig gewichte genutzet hilfet sere w^ider die rure. Fehlt im lateinischen texte des Macer. — Ähnliches und im wesentlichen übereinstimmendes findet sich im „ Liber Serapionis Aggre- gatus in medicinis simplicibus" (Ausg. o. 0. 1525) cap. 243 „Öe melone, cncumere, citrullo," fol. 157° aus „Dia." d. i. Dioscorides: „Cucumer domesticus mollit ventrem, et est bonus ventri et stomacho, et infri- gidat sine nocumento, et confert vesice, et reviviscere facit sincopi- zantes (ohnmächtige) quando odorant eum , et provocat urinam fortiter, et quando bibitur cum lacte et rob * confert ulceribus vesice , quando autem fit emplastrum cum foliis eius et vino curant morsum canis, et quando fit emplastrum cum melle curat syre." ^ — Demnach scheint der deutsche bearbeiter dieses stück aus einem lateinischen Dioscorides geschöpft zu haben, und unter Cucumer domesticus ist unsere gurke, cucumis sativus zu verstehen, die bereits in Karls des Grossen Capitu- IIALBERST.'\DTER BRÜCKST. V. MACER 179 lare de villis im vorzeichnis derjenigen g-ewilohse anfgefülirt wird, welche in den gärten der kaisorliclien domänen angebaut werden sol- len. Vgl. E. Mej-er, Gesell, d. Botanik 3, 404. — Übereinstimmende angaben über die beilanwendmig bietet Leonh. Fuchs in seinem „New Kreüterbüch." Basel 1543. cap. 267 von den Cucumern oder „Gur- chen," „von ettlichen Anguria genant." — Für die im texte liinzu- gefügte deutsche benennung „cuntir" habe ich nirgend einen anhält finden können. [xxx.J 1) hs.: dir 2) == harnen [xxx.J 1) „Rob. i. succus usque ad spissitudinem decoctus vel tertiam par- tem." Synonyma Serapionis (s. 1. 1525) fol. lOG". 2) syre ist aöoiy^, hohles ge.schwiir, fistel. [xxxj.] [CJerviboletum hcyzet der hirtzesswam.^ swo die spinne gestichet unde iz da geswillet, hertzesswam gekowen unde damite bestrichen iz vorgeit. daz selbe hilfet uf izleich geswel geleit, daz sich von vorgift irhebet.^ swelch wip arbeit mit der gehurt, die neme des hirtswammes als eyn erwiz unde kowet uude ezzet halp unde mit dem halben teil umbestriche ^ sie den nabele , sie gewinnet daz kint san unde an arbeit, man sal och daz wizzen, daz sie daz wider* scal ezzen noch den nabel bestrichen wen zu der rechten zith der gehurt: andirs [bl. 4''] iz schadet, swer in nochtereu izzet, iz hilfet wider die trunkenheyt. swo die äderen ^ gesvullen sint von der lazzeue , hir- swam gezzen unde gekouwen , mite bistrichen vortribet den svul. daz selbe gekouwet unde geleit uf daz gesvullen fleisch , iz hilfet. swer da vlit, izzet her daz crut, her wirt risch. '^ [xxxj.] 1) Fehlt im lateinischen texte des Macer. 2) hs. : hirhebet 3) hs. : umbostrichen 4) 1. weder 5) hs. arderen 6) richs [xxxij.] [Cjaratum heyzet stopf den buch^ unde ist och unde[r] allen ernten gut der mit arbeyde pisset, ob her in nutzet, her [xxxij.] Macer nr. 44. s. 89. Enula. v. 1489—1502. Nach Choulant: Inula Helenium, Alant. (Vgl. Silvat. c. 239. fol. 76'' s. v. Ellenium grece .... latine vero Enula campana). Enula, quam Graecus Elnam vocat Eleniumque, 1490 Dicitur a medicis, est forma cognita cunctis. Humida vis eius et fervida dicitur esse, 12* 180 G. SCHMIDT ist och gut den wiben , die tode kint tragen , ab sie in nutzet, die worzele gestozen unde[i-] die deich ^ geleit oder gebunden vortribet stia- sim ,^ daz ist eyn svul ame die. die bletere gesoten mit wiue unde heyz die lenden mite beleit hilfen den lendensichen. die worzele gedur- ret unde gepulveret unde mit honige gemenget unde gezzen vortribet den husten, daz selbe hilfet emopteicis/ die da blut reschen. bute saf ^ mit alandes saffe getrunken hilfet den , die da gebrochen sin unde daz gemechte uzgeit. alant gesoten mit botteren unde mit olei hilfet die matricem, daz ist die stat, da die wip inne kint tragen, ab man iz in darin brenget warm, iz hilfet och den man , ab her gesvullen ist an siner hemeliheyt,^ ab her sich mite bestrichet. Humor habere gradum primum, fervorque secundum Dicitur. Illius decoctio menstrua pnrgat Si bibitur , movet urinam , depellit abortum ; 1495 Dicitur haec eadem stipatum solvere ventrem. Radix trita fugat sciasim superaddita coxae. Ex eins foliis cum vini nectare coctis Mire nefreticis renes involvere prodest. p]ius radicum pulvis cum melle voratus 1500 Tussim compescit, haemoptoicisque ^ medetur. Cum succo rutae succus si sumitur eins, Affirmant ruptis quod prosit potio talis. *Cum butiro modicoque oleo decocta tumorem ^ *Matricis subiecta tepens fugat illa colique, *Et cunctis intus morbis sie subdita prodest, *Hac etiam testes poteris curare tumentes, *Cum foliis lauri beue tritam si superaddas. [xxxij.] 1) hs. stopf den stopf. — Die hier gebrauchten beiiennuiigen, die lateinische wie die deutsche, weiss ich beide anderwärts nicht nachzuweisen. 2) 1. diech 3) 1. sciasim 4) d. i. (dixonrv'ixolg, den blutspeieuden. 5) 1. ruten saf 6) == schäm [xxxij. I 1) V. 150Ü bietet (Jhoulant in seiner ausgäbe orthopnoicisque ; (ö^.9d- nvoin ist eine engbrüstigkcit, bei der man nur grade stehend oder sitzend athmen kann), verzeichnet aber aus zwei Wolfenbütler papierhandscliriften des 15. und 16. jh. und aus Eanzows au.sgabe die lesart emoptoicisque, haemoptoicisque, welche dem Verfasser dieser deutschen Übersetzung vorgelegen haben muss. 2) Die lez- ten fünf, hier mit Sternchen bezeichneten hexameter hat Choulant in den text sei- ner ausgäbe nicht mit aufgenommen. In den anmerkungen führt er sie auf als enthalten in einer pergamenthandsrlirift des 14. jh. der Leipziger Universitätsbiblio- thek (Bibl. Paulin ms. n. 1219). HALBEBSTÄDTER BRÜCKST. V. MACER 181 [xxxiij.] [Ejruca, witsempf, iz lieyz iu dem iUKU'reii grade, vuchte in dem ersten, cruca gezzen in der spise dowet [bl. 4"'j avoI uude hilfet gezzen den, die mit arbeyde pisset, genutzet vortribet ber den liusten. mit bonige gestozeu vortribet ber de vlecken von der but undo de riseue,^ ob mau sie mite bestriebet, der same gestozeu uude mit wiue genutzet ist weder der uadereu stich gut oder swaz tbire vorgift treit. der sameu mit ochsen galleu gestozeu vortribet die swar- zen vlecken, da man sie austriebet, zu swelkem ezzeu mau daz crut oder den samen tut, daz gibet guten smakeu. diz crut ist gut in latche gezzeu. [xxxiij.] Macer nr. 31. s. 70. Eruca v. 1016 — 1036. Nach Choulant: Brassica eruca, Weisser Senf. (Vgl. Silvat. cap. 372. fol. 109'' s. v. lergit arabice, grece euzonium {tvC(o/j,ov), lat. eruca). Erucam calidam dicunt mediocriter esse, Siccam uon adeo. Cibus eins digerit escas Et valet urinas haec mansa vel hausta movere. Manditur utiliter pueris , tussimque repellit, 1020 Emundare cutem maculis cum melle iugatam Traduut et muudos lentigine r edder e vultus. Elixata prius radix valideque subacta Ossibus et fractis superaddita detrahit illa. Cum vino tritum si semen sumitur eins, 1025 Quosvis pestiferos ictus curare refertur. Haec uigras maculas purgat cum feile bovino Illita. Mira loquar, cum vino largius haustam Indurare ferunt baue contra verbera sensum. Si condituris coquus baue admisceat herbaui 1030 Aut semen, gratum dicunt praestare saporem, Euzomonque soleut bac causa dicere Graeci Erucam, succus quod gustu sit bouus eins. Non modice mausam venerem stimulare vel haustam Coufirmant pariter medici pluresque poetae. 1035 Est cum lactucis haec herba comesta salubris, Namque calor dat temperiem cum frigore mixtus. [xxiij.] 1) Die vergleichuug mit dem lateiiiischeu texte lehrt, dass risene zur Übersetzung von lentigo dient, mithin die bedeutung ,, Sommersprossen" haben muss. Demnach entspricht es dem althochd. rosmun, welches Graft" 2, 548 mit der bedeutung lentigo aus dem Summarium Heinrici belegt. Schmeller (bair. wörterb. ed. Frommann) 2 , 151 führt iu gleicher bedeutung auf mhd. und bair. : rosem, 182 G. SCHMIDT, HALBERSTÄDTEE BEUCHST. V. MACEE rosra, mit den nebenformeu : resciii, ryseni, roßmeu, roßmuck, riesel, rüseleu. Und Diefenbach, Glossarium latino-germanicum (Fcf. 1857) 8.324" s. v. lentigo fügt noch hinzu die formen: rosmyu , ryßeln, ryselu, rosine, rusel. [xxxiv.j [E]lleborum beizet wizworz/ die ist zwier liaude, die eyne wiz uude subirth den inenscbeu ufwart, die andere swarz unde subrit den menschen nidenvirt. sie sint beyde heyz unde trocken, die witze ist sterker den die swarze, dur daz sage ich ir kraft alrest. swen man de wizze wortz brenget an de hemelichen stat, so vortribet sie daz tode kint. elborum gepulveret unde in de nasen getan machet daz man niset. daz nisen vortribet die houbitsveren. elborum gepul- veret unde mit gruzzen^ gemenget sterbit die muse unde daz mit milch gemenget sterbit die vlegen.^ mit elleb[o]ro machet eine sube- runge, ob ene die vorlazunge vortribet [xxxiv.] Macer nr. 56. s. 101. EUeborus albus, v. 1774 — 1832. Nach Choulant: Veratrum album, Weisse Nieswurz. (Vgl. Silvat. c. 238. fol. 75 ^ s. v. Elloborus). Elleborum geminas species testantur habere, 1775 Album, quod sursum purgat, nigrumque deorsum; Vim siccam calidamque tenent et tertius illis Est in utroque gradus; nigro violeutius album Dicitur, unde prius dicam de viribus eins. Suppositum quocunque modo depellit abortum, 178U Naribus attractus sternutanlenta movebit lUius pulvis capitis pellentia morbos. Miscetur confecturis , quae lumina purgant Et multum prodesse ferunt vitiis oculorum. Pultibus admixtus mures pulvis necat eius, 1785 Et cum lacte datus est muscis perniciosus. Dicunt per vomitum varios educere sumptum Humores, veteresque ferunt sie pellere morbos. [xxxiv.] 1) 1. nieswurz 2) = mhd. grütze 3) Wenn man die fliegen ver- treiben will, soll man niesswurtz in milch sieden und ihnen fürstellen, so viel dann darvon essen, die müssen sterben; desgleichen mit meel vermischt, und den mausen dargestellet, müssen sie auch sterben. Taberna^montanus Kräuterbuch. Fcf. 1613. 2, 419 ^ J, ZACHER, ZU DEN lULMERSTÄDTER PREDIGTEN 183 ZU DEN HALBEKSTÄDTEK PKEDIGTBKUCHSTÜCKEN. Die oben s. 129 fgg. mitgeteilten Halbevstädtei' prcdigtbruchstücke waren kaum gedruckt, als mir der neue von professor Strobl in Czer- nowitz herausgegebene zweite band von Bruder Bertholds Predig- ten (Wien, Braumüller, 1880) zugieng. Zweckmässig erschien es des- halb, hier sogleich anzuschliesseu, was sich mir aus diesem bände für die Halberstädter texte alsbald ergab. Die predigt ur. 39 dieses zweiten bandes (s. 24 — 32) hat der herausgeber aus 5 handschriften geschöpft und überschrieben „wie man wider reiten sol." Vergleicht man sie mit der predigt nr. 2 des ersten bandes (s. 11—28), welche nur in der einen Heidelberger handschrift nr. 24 erhalten, und von dem herausgeber, Fz. Pfeiffer, überschrieben worden ist „von den fünf pfunden," so stelt sich das überraschende ergebnis heraus: beide predigten haben denselben text Matth.25, 14 — 30, und beide verwerten ihn ganz in derselben weise, sofern die 5 pfunde^ welche der getreue knecht auf 10 vermehrt hatte und dafür von seinem harren belohnt worden war, gedeutet werden auf 5 dinge, die gott jedem menschen anvertraut und anbefohlen hat, nämlich auf eigene person, amt (beruf), vermögen, zeit, Verhältnis zum nächsten, und von denen jeder erwachsene mensch, um zur ewigen Seligkeit zu gelangen, doppelte rechenschaft geben muss. Auch sind beide predigten vor laien gehalten, und beide an demselben tage, am gedächtnistage des heiligen Alexius, und in beiden sagt der prediger, gott habe uns zwei grosse bücher gegeben, das alte und das neue testament, den laien aber, welche die bibel nicht lesen können, gleichfals zwei grosse bücher, himmel und erde , demgemäss er gestern von dem himmel geredet habe und heute von der erde handeln wolle; ein jeder möge nun durch sei- nen eigenen leib, durch die eigenen je fünf finger, fünf zehen usw. sich beständig an die fünf pfunde und die damit verknüpften pflichten mahnen lassen. Weiter stimmen dann auch in der ausführung des einzelnen beide predigten vielfach überein, nicht nur in den gedanken, sondern auch in werten und Wendungen; doch zeigen sie hierin auch mancherlei abweichungen von bald geringerer , bald erheblicherer bedeu- tung und ausdehnung, derart, dass die zweite predigt des ersten ban- des 18 druckseiten befasst, mithin grade doppelt so lang ist als die nur 9 Seiten füllende 39. des zweiten bandes. Aus diesen Wahrnehmungen ergibt sich die Schlussfolgerung, dass uns in den beiden predigten nr. 2 und nr. 39 nach aller Wahrschein- lichkeit nur zwei verschiedene aufzeichnungen einer und derselben pre- 184 J ZACHEK digt vorliegen, wie sie eben von zwei verschiedenen zuhörern aus der eriunerung niedergeschrieben worden waren. ^ Oben hatte ich das Halberstädter erste briichtück neben die zweite predigt des ersten baudes gehalten; nun aber stelt es sich heraus, dass es nicht zu jener längeren aufzeichnung gehört, sondern fast wörtlich übereinstimt mit der in der 39. predigt des zweiten bandes vorliegenden kürzereu gestalt, und zwar am nächsten mit dem Wortlaute der Donaueschinger handschrift ur. 292 (D), w^elche nach Strobls angäbe (s, XII) für ein Franziskanerkloster bestimt gewesen ist. Die erste zeile des ersten Halberstädter bruchstückes entspricht der zeile 29, 18 der Stroblschen ausgäbe, so dass mithin vor dem beginne des Halberstädter bruchstückes 5 druckseiten dieser predigt verloren sind. Ich lasse jezt einfach diejenigen stellen des Stroblschen textes folgen, in welchen der Halberstädter text (H) durch den Stroblschen (S) berichtigt, aufgeklärt, oder auch irgendwelchem bedenken gegenüber bestätigt wird. H. 130, 12 =: S. 29, 37. weder giimpelvolke noch spilmannen 1) Strobl sucht (2, 563. 568 fg.) darzutun, dass die 39. predigt im jähre 1261 am 17. juli, dem gedächtnistage des heiligen Alexius, gehalten worden sei. Für die in ihr erwähnte predigt vom vergangenen tage, welche vom himmel gehandelt habe, könten unter den gedruckten predigten dieser beiden bände zunächst zwei in betracht kommen, die eine von den sieben planeten, die andere von den sieben Sternen des wagens, oder des grossen baren. Die erste von diesen beiden, die- jenige von den sieben planeten, ist widerum in doppelter aufzeichnung vorhanden, in einer ausführlicheren 17 druckseiten befassenden als nr. 4 des ersten bandes (s. 48 — 64), und in einer kürzeren, nur 4V2 selten füllenden als nr. 61 des zwei- ten bandes (s. 233 — 237). Die ausführlichere aufzeichnung lässt (s. 58) den pre- diger sagen: Wan der sitzet maniger vor minen ougen, der iezuo hundert pfunt- solte hän von sinen arbeiten , der hat so vil niht , daz er sich des frostes müge ernern. Und ist maniger da her geloufen in disem kalten rifen barfuoz in vil dünner waete. Nach dieser äusserung könte die predigt von den sieben planeten, bei welcher dürftig bekleidete zuhörer vom reife bedrängt froren, nicht am 16. juli, in der zeit der Sommerhitze, gehalten worden sein. — Die andere dieser beiden predigten, no. 11 des ersten bandes (s. 157 — 169), ist nur erhalten in der Hei- delberger handschrift nr. 24, und dort überschrieben ,,Von dem wagen. Justum deduxit dominus." Unter diesem texte mag wol geraeint sein Sapientiae 10, 10: ,,Haec (sapientia) profugum irae fratris justum deduxit per vias rectas, et ostendit illi regnura dei." etc. In dieser predigt heisst es (s. 164): ,,Unde wser ez daz ein dinc mügelich wsere, daz unser frouwe, min frouwe sante Maria gotes muoter, daz diu iezuo da üf der schoenen wisen wsere und alle die heiligen und alle die engele die ie wurden, ob daz mügelich waere daz sie da die witen haeten" usw. Darnach scheint diese predigt zu sommerlicher zeit gehalten worden zu sein , auf oder neben einer schönen wiese, und mithin könte sie möglicherweise diejenige sein, welche der predigt von den fünf pfunden am 16. juli vorangegangen ist. zu DEN IIALBERSTADTER PBEDIGTEN 185 H. 131, 7 = S. 30, 18. und wil den iiiauen ganz machen H. 131, 10 = S. 30, 22. Pfi roiiber, waz lihoi ir disen (armen D) gotes kinderu , diu hie sitzend vor minen ougcn ! (diu — ougen fehlt D). H. 131, 13 = 30, 25. und daz reht diu stauge nider bresten möhte. H. 131, 18 :== S. 30, 31. „So geturreu wir vor unseru wirten uiht anders geben wan unser gewant." Vil wunderlichen balde hin (hin fehlt D), gebeut cz uml)0 pfenuinc; wan des ir ze rehter not bedürfet, so gebent daz ander hin umbe pfenninc, und lihent armen liuten durch got (so gebeut — durch got fehlt D). Ja helfent einen etew^enne sehs pfeuninc also wol, der sie im lihet, als der sie im umbe sust gsahe. H. 131, 24 = S. 30, 38. werbent also umbe gotes hulde H. 131, 25 = S. 31, 1. Daz fünfte pfunt, da wir gote von wider reiten müezeu an dem jungesten tage, daz ist von unserm eben- kristen. H. 132, 16 = S. 31, 21. Nu seht, daz ist also: diu ebenkristen der dir niht entuot, dem soltü weder nit noch haz tragen durch got, und dem der dir leit hat getan , daz du den in got liep habest , also daz du in niemer also liep habest daz du iemer me toetliche sünde tuest durch sinen willen. H. 132, 23 = S. 31, 29. wan daz ist (allez D) unrehtiu liebe. H. 133, 1 = S. 31, 38. und seht alle tage an hende und an füeze H. 133, 10 ^ S. 32, y. du enwoltest danne gelten und wider geben. H. 133, 14 = S. 32, 14. zem ersten male an iuwerm libe und an iuwerm amte und au iuwerem guote und an iuwer zit (und a. i. zit fehlt D) und an iuwerem ebenkristen H. 133, 24 ^= S. 32, 25. als da ein vogel (ein engel D) fliuget in den lüften Das dritte Halberstädter stück, die predigt von den vier vasen der himelvürsten (oben S. 134 fgg.) findet sich gleichlals in dem Strobl- schen bände, jedoch nicht unter den predigten Bertholds, sondern als nr. II des anhanges C (s. 692 — 694). Die beiden stücke dieses anhan- ges hat Strobl (nach seiner augabe auf s. XIV) aus der Müncheuer handschrift cod. Emm. ur. 5 (E) entnommen , welche auch die sechs predigten nr. 66 — 71 dieses bandes enthält, die Strobl als klosterpre- digten bezeichnet uud au den schluss der Bertholdschen predigten gestelt hat. Die vergleichung beider texte zeigt, dass der Halberstädter text zwar im algemeinen älter und correcter ist als der Münchener, dass 186 J. ZACHEK aber andrerseits seine verderbten, zweifelhaften oder bedenklichen stel- len doch auch widerum durch den Münchener heilung oder aufklärung erhalten. Ich lasse deshalb die erheblicheren derartigen stellen nach dem Wortlaute des Münchener textes, wie er bei Strobl gedruckt ist (S), hier folgen. H. 134, 23 = S. 692, 28. so ie hoher lute H. 130, 30 = S. 692, 34. wan si sint reht fursten über si, unde ist in doch allen gar wol. Unde war elliu werltlichiu froude, die alle chunige unde alle cheiser unde alle menschen ie gewunnen, bei einan- der, daz war niht als ein punht wider die freude, die ein geistleich mensch hat in dirre werlt, der rehteu geistlichen trost hat. H. 135, 3 = S. 693, 5. Unde die freude alle, die alle gut lut unde die nider engel habent, daz ist als ein tropfe wider die freude, die die hohsten hiligen habent H. 135, 9 = S. 693, 11. Unser herre het vierlay volch in der alten e. H, 135, 15 = S. 693, 16. se hutent sich halt vor tseglichen Sunden. H. 135, 25 = S. 693, 25. dester e H. 136, 2 = S. 693, 30. so werdent die ünden oben hin in slahen. H. 136, 17 = S. 693, 43. unde ergebent sich im doch niht gar. Sie habent etlich heimlich mit got. H. 136, 20 = S. 693, 46. Anni nostri etc. (Demnach scheint gemeint zu sein Ps. 89, 9. Quoniam omnes dies nostri defecerunt, et in ira tua defecinms, anni nostri sie ut aranea meditabuntur.) H. 136, 23 = S. 694, 1. So sis daune gevahet, so izzet si weder houpt, noch fuoz, noch niht, des an dir (1. ir) ist, niwan ein feizt hat si under herzen, daz souget si ir uz so ist si tot. Also tuot der tie- vel. Alle die striche, die er vns gelegen mach, daz ist niwan darumb, daz er uns dri fron veizt von dem hertzen nem. H. 136, 29 ;= S. 694, 7. wi er wol uns hab angesiget unde lat uns denne wol uzzer arbeit tuen, des aht er niht vil, swenne wir ez von gantzer minue niht tuon. Wan swaz wir denne anders tuon daz ist chranch. H. 136, 33 = S. 694, 10. unde gar vil gebetent H. 136, 34 = S. 694, 11. gnaden git H. 137, 1 = S. 694, 12. untz si gevahent den grünt H. 137, 2 ^= S. 694, 13. daz si sich aller menschen böst habent, wan got sprach H. 137, 3 = S. 694, 14. so sitz zu DEN HALBKRSTÄDTER PREDIGTEN 187 H. 137, 6 :=: S. 694, 17. der liet sich an der iimgesten stat. Do ez sineiu briuler einem H. 137, 9 := S. G94, 19. daz ich ez nie meusclien H. 137, 10 ^= S. 694, 20. Dar nach traget er in sant Francis- sen , für wen er sich het. H. 137, 15 = S. 694, 24. genad getan Dem vierten Halberstädter stücke (oben s. 137) endlich ent- spricht die GS. Bertlioldische predigt (s. 265 fg.), oder die dritte derjenigen sechs predigten, welche Strobl als Idosterpredigten bezeich- net und an das ende der samlung gestelt hat. Aus dem Inhalte dieser predigten und aus einzelnen in ibnen vorkommenden äusserungen schliesst Strobl (s. XIII) , dass sie in der klosterkirche eines frauenklo- sters der Franziskaner gehalten worden seien. Die dritte predigt hat Strobl entnommen aus einer Wiener handschrift nr. 2829 (W.) , und aus zwei Münchener handschriften, aus Cod. Emm. m. 5 (E) und aus Cgm. 210 (e). Ich lasse widerum diejenigen stellen des Stroblschen textes fol- gen, welche für den Halberstädter (der am nächsten zu E stimt) eine bedeutsamkeit haben. H. 137, 28 = S. 265, 3. grozer arbeit H. 137, 29 = S. 265, 4. der sich nider \xt in sinem hüse H. 137, 30 = S. 265, 5. daz er künic werde, und dar nach so zert er ouch. H. 137, 31 = S. 265, 6. der selben einen H. 137, 33 = S. 265, 8. er ist aber als kreftic noch nicht, noch als menlich, daz si diu werc volbringen mügent. Von den so sprichet der wissage H. 138, 2 = S. 265, 11. daz si si H. 128, 4 = S. 265, 13. Si gedenkent in dicke, wie lange wilt du ein leckerinne sin, nim dich an (ein lacherinne sein und ein chla- ferinne E). H. 138, 7 ^= S. 265, 16. gedenkent si in ofte — und schiebent ez doch üf H. 138, 11 = S. 265, 21. daz ist hiute, diu zil daz ist morgen, daz ist aber so guot niht. H. 138, 14 ^= S. 265, 22. daz sint die, die diu guoten werc volbringent, si tuont si aber niur durch üppige ere. Als diu meister- schaft hinz derselben einem spreche „tuo daz" „ich mac iuz niht (sin niht E) getuon," „nü sich, nü kumt nieman rehter dar zuo, danuQ 188 J. ZACHER, ZU DEN HALBERSTÄDTER PREDIGTEN du" (so spricht div maisterschaft ez chuint uieman als recht darzuo danne tu. E). H. 138, 19 = S. 266, 2. Die geistlicheu liute, die da hoch vor gote sint, daz sint die, die diu dri dinc behaltent H. 138, 21 ::= S. 266, 5. daz der mensche versmaehe H. 138, 22 = S. 266, 5. daz er läze daz guotelach, daz geluste- lach. (daz er hazze daz got hazze daz glustlichen (glustleich sei W) EW). H. 138, 29 = S. 266, 13. M seht H. 138, 31 = S. 266, 15. du solt gedultic sin gen gote, swenne er über dich verhenget siechtuomes betrüebesal (du solt — gote fehlt; swenne got üb. d, v. sichtum unde trubsal. E). H. 138, 32 = S. 266, 17. swenne er dich bekort H. 139, 5 = S. 266, 22. ich wil dir ein jär H. 139, 8 = S. 266, 26. Daz dritte (ist fehlt). H. 139, 9 = S. 266, 27. Din sele muoz immer etewaz minnen (din — minnen fehlt E), wan si nach der oberisten minne geschaf- fen ist. H. 139, 12 = S. 266, 31. so verziunet (verrunt E) man alle die wege S. 139, 17 = S. 266, 35. La3st du dine minne sich niendernt neigen üf irdischiu dinc S. 139, 19 = S. 266, 37. einer also ist (also fehlt Ee) S. 139, 21 = S. 266, 39. die got liep habent. (die doch got alle liep sint. E). Aus dieser jezt erst möglich gewordenen vergleichung der Hal- berstädter bruchstücke mit dem zweiten bände von Bertholds predig- ten ergibt sich die folgerung, dass jene bruchstücke aus einem hand- schriftenbande stammen mögen, der wahrscheinlich für ein norddeut- sches Franziskaner frauenkloster geschrieben worden war, und eine samlung von predigten Bruder Bertholds enthielt in der kürzeren fassung, wie alle handschriften ausser der Heidelberger nr. 24 sie dar- zubieten scheinen. Und ferner hat sich dadurch auch herausgestelt, dass der text der Halberstädter bruchstücke , wenngleich mit zahlreichen und zum teil auch üblen Schreibfehlern behaftet, dennoch im gan- zen wertvoll ist und der ursprünglichen aufzeicbnung noch ziemlich nahe steht. HALLE, JUNI 1880. J. ZACHER. 189 MACER FLOEIDUS UND DTE ENTSTEHUNG DER DEUTSCHEN BOTANIK. Maeer Floridiis ist die je/,i übliche beneimiing eiiios 2269 reim- lose hexameter befassenden lateinischen werkes, welches in 77 kapiteln die heilkräftc von ebenso vielen pflanzen behandelt. Nach seinem ersten verse zn schliessen , welcher lantet Herbarum quasdam dicturus carmine vires scheint des werkes eigentlicher und ursprünglicher titel gelautet zu haben: De viribus herbarum, oder auch, nach einer damals üblichen ausdrucksweise . De uaturis herbai'um. Wo und wann der nebentitel Macer Floridus zuerst vorkomme, ob er schon vom Verfasser selbst ausgegangen, oder aber von einem anderen hinzugefügt sei, ist nicht festgestelt. Ernst Meyer vermutet, ^ er solle „etwa so viel bedeuten wie Aemilius Macer redivivus, ein neuer, neu aufblühender Macer," also gleichsam eine nachahmung oder ergänzung der medicinischen gedichte des im jähre 15 v. C. verstorbenen Aemilius Macer, eines freundes von Tibull, Virgil und Ovid.^ Nach den bis jezt vorliegen- den unvolkommenen und ungenauen angaben zu urteilen scheint die bezeichnung Macer am frühesten, schon um den beginn des 12. Jahr- hunderts, aufzutauchen, und meistens allein vorzukommen, und die benennung Floridus scheint erst etwas später, und almählich immer häufiger daneben zu treten. Da nun die bezeichnung Floridus im 12. Jahrhunderte als büchertitel begegnet für eine excerptensamlung, mithin ungefähr in der bedeutung blumengarten oder blumeniese, =^ dürfte wol auch eine andere deutuug der beiden benennungen zulässig erscheinen. Unter der bezeichnung Macer könte gemeint sein, dass das gedieht seinem inhalte und zwecke nach sich den medicinischen gedichten des Augusteischen Aemilius Macer anreihe oder vergleiche, und durch die benennung Floridus könte angedeutet sein, dass es sei- 1) Geschichte der Botanik. Königsberg 1856. 3, 429. 2) Von seinen hexametrischen lehrgedichten nach Nikander, Ornithogonia, Theriaca, und wahrscheinlich auch einem botanischen, de herbis, sind zwar nur ver.streute kleine bruchstücke erhalten, aber des dichters namen und den gegen- ständ seiner gedichte konte man im mittelalter wol kennen aus der angäbe bei Ovid, Trist. 4, 10, 43: Saepe suas volucres legit mihi grandior aevo Quaeque necet serpen.s, quae luvet herba, Macer. Vgl. Teutfel , gesch. d. röm. lit. 3. a. Lpzg. 1875. § 223. s. 454 fg. 3) Ein bekantes älteres beispiel ähnlichen titeis sind die Florida Apuleji , eine excerptensamlung aus den Schriften oder vortragen des Apulejus Madaurensis. Vgl. Teuffei, gesch. d. röm. lit. 3a. §367, 2 s. 857. 190 J. ZACHER nem Charakter nach eine samlung oder ein auszug des besten ans den vorzüglichsten und angesehensten werken der berühmtesten meister der arzneimittellehre sei. Und es ist ja in der tat auch ein blosses Sam- melwerk, geschöpft zumeist aus Schriften, die damals höchste und algemeinste geltuug genossen, aus lateinischen bearbeitungeu des Dios- korides , Galen , Oribasius , aus Plinius und aus einigen anderen gewährs- männern von damals unbestrittener glaubwürdigkeit. Wann, wo und von wem dieser Macer Floridus verfasst worden ist, hat sich noch nicht mit voller gewisheit ermitteln und feststellen lassen. Es wird darin genant der im jähre 849 gestorbene Walafrid Strabus, das buch selbst aber wird mit dem verfassernamen Macer erwähnt von dem im jähre 1112 gestorbenen Sigebertus Gemblacensis in seinem büchlein von den kirchlichen Schriftstellern.^ Zwischen diese beiden endpuukte muss mithin seine abfassung fallen. Der Verfasser prunkt mit anführung von gewährsmännern ; er nent als solche über zwanzig griechische und lateinische Schriftsteller, aber keinen arabi- schen, auch nicht Constautinus Africanus, und keinen Salernitaner. Auf diese und andere merkmale gestüzt hat E. Meyer ^ vermutet , dass das werk von einem laien in Unteritalien gegen ende des 9. Jahrhun- derts , kurz vor den anfangen der Salernitanischen schule verfasst wor- den sei. Valentin Rose dagegen^ sezt seine entstehung ins 11. Jahr- hundert, und lässt als seinen Verfasser einen Odo Magdunensis (von Meun-sur- Loire) gelten, einen französischen laien,* der in einigen alten handschriften als solcher genant werde. Nach dem eindrucke, den das gedieht selbst auf ihn gemacht hat, wäre er sogar geneigt, es lieber mit de Renzi ^ erst ins 12. Jahrhundert zu setzen. Häser ^ stimt der ausführung Roses bei, und sezt die abfassung in den anfang des 12. Jahrhunderts. Der Macer Floridus hat alsbald sehr grossen und bis über das mittelalter hinaus andauernden beifall und weite Verbreitung gefunden. 1) De scriptoribus ecclesiasticis c. 13: „Macer scripsit metrico stilo librum de viribus herbarum." Nach E. Meyer, gescb. d. botan. 3, 432. 2) Gesch. d. botan. 3 , 431, 3) Im Hermes, herausg. von E. Hübner. Berlin 1874. 8, 63. 4) Ein laie braucht es freilich nicht gewesen zu sein ; denn der von Meyer angegebene grand für den italienischen laien fält für den Franzosen weg, und der Lapidarius des Marbod (ein gedieht verwantcn Charakters, über die heilkräfte der edelsteine) ist so wenig geistlich, dass die Benedictiuer sich veranlasst gesehen haben in der Histoire litterairo de la France den geistlichen herren wegen abfas- sung eines so ungeistlichen gedichtes zu entschuldigen. 5) Collectio Salernitana. Napoli 1852. 1, 213. 6) Lehrbuch der geschichte der medicin, 3. bearb. Jena 1875. 1, 638. MACER UND DIE DEUTSCHE BOTANIK 191 Über hundert seiner hoxameter sind bereits aufgenommen worden in das berühmte und alverbreitete Kegimen sanitatis Salernitanum , wel- ches zu anfange des 12. Jahrhunderts entstanden zu sein scheint, und noch Theophrastus Paracelsus (f 1541) hat einen commeiitar zu seinen ersten 37 capiteln verfasst. ^ Handschriften des lateinischen Werkes sind vom 12. Jahrhunderte ab zahlreich vorhanden; gedruckt ward es zuerst zu Neapel 1477, und seitdem ward es noch über zwanzigmal herausgegeben, zulezt und am besten durch Ludw. Choulant,^ mit rei- chem kritischem apparate und wertvollen beigaben. Eine dänische bearbeitung verfasste der im jähre 1244 verstor- bene canonicus des stiftes Koeskilde, Henrik Harpestreng.^ Auch ins deutsche ist Macer bereits im 13. Jahrhundert übersezt worden, und darnach, wie es scheint, nochmals im 14. Jahrhunderte. Auf diese deutschen bearbeitungen und ihren wert nachdrücklich und kundig aufmerksam gemacht zu haben ist das verdienst von Josef Haupt. ^ Zunächst auf Wiener handschriften gestüzt unterscheidet Haupt zwei textgestaltuugen , beide in mitteldeutscher spräche, die er für zwei verschiedene Übersetzungen hält, die eine aus dem dreizehn- ten, die andere aus dem vierzehnten Jahrhunderte. Verbunden mit einer aufzählung und besprechung der Wiener handschriften teilt er auch kurze proben aus beiden gestaltungen mit zur veranschaulichung und vergleichuug. Weil der deutsche Macer noch ungedruckt und noch so gar wenig bekant und beachtet ist, wird es nicht überflüssig sein, im anschlusse an Haupts abhandlung die handschriften aufzuzählen , so weit ich bis jezt von ihnen kentnis erlangt habe. 1) Wien. Nr. 2524. Octav. Pergament. 13. jahrh. Enthält bl. SB"" — 41'' die ältere gestalt. Voran geht eine vorrede, deren anfang lautet: „Tucipit liber de naturis herbarum. — Swer der wrce nätüre unde ir craft irkenne wil Der muz wizen waz die arcetbuch sprechen von uirhande nätüren. Di erste ist warm Di andere kalt Di dirte fücht Di virde trocken. Di arcetbuch segen uns von uir greten der 1) Paracelsus, Bücher und Schriften, herausg. von J. Huser. Basel 1589 fgg. 4«. 1, 1070 — 88. Vgl. Macer ed. Choiilant s. 4. Häser 1, 639. 2) Macer Floridus de viribus herbarum . . recens. Lud. Choulant. Lips. 1832. 3) Henrik Harijestrengs danske Laegebog fra det trettende Aarhundrede, udg. ef Christ. Molbech. Kiobh. 1826. 8«, in 220 exemplaren gedruckt. — Vgl. Chou- lant, histor. litterar. Jahrbuch f. d. deutsche raedicin. 2. jahrg. 1839. s. 125 fgg. — Me)'er, gesch. d. bot. 3, 537 fgg. 4) Über das mitteldeutsche arzneibuch des meisters Bartholomaeus. Wien 1872. (Aus: Sitzungsber. d. phil. hist. cl. der kais. akad. d. wiss. 1872. bd. 71. s. 451 - 566.) 192 J. ZACHER nätüre. Der erste grät der ist so man sprichet warm Der andere wer- mer Der dirte aller wermest. Der virde grät ist so mau sprichet wer- Dier den aller wermest. usw. ~ Von einer entsprechendeu vorrede des lateiuischen texles findet sich in Choulauts ausgäbe keine spur. Sie scheint demnach von dem deutschen bearbeiter hinzugefügt zu sein, als vorausgesante erkläruug der bei den einzelnen pflanzen stets widerkeh- renden derartigen angaben. • — Dahinter folgt dann der eigenthche text, anhebend mit 1. von dem biboze (artemisia), aber schou abl)re- chend mit 20. von der salbeien (salvia). 2) Wien. Nr. 5305. Papier. XV. jahrh. Enthält bl. 317"— 334* den volständigeu text der älteren gestalt, wovon jedoch das erste blatt verloren ist, welches die vorrede und den anfang von biboz enthielt, und dann noch ein l)latt zwischen 326 und 327.^ Die zahl der kräu- ter beträgt 90, und schliesst mit 90 cerui boletus hirz swam. 3) Rom. Vaticana. Nr. 4847. Quart. Papier. 15. jahrh., beschrie- ben im Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit. Neue folge. 2. jahrg. 1854. Juli. nr. 7. sp. 184 — 186, aber hier nicht als Macer erkaut, und auch nicht von Haupt genant. Diese handschrift ist uuverkenbar ein gegenstück zu der Wiener nr. 5305. Sie enthält (bl. 244'), mit unerheblichen, meist erweiternden abweichungeu , dieselbe vorrede wie die Wiener handschr. uo. 2524: „Wer der wurtz nature vn ir kraft erkennen wil der muz wizzen dz die artz pücher sprecheut von vier haut natur die erst ist warm die ander kalt, usw.," begint dann mit: „1. Arthimesia haizt biboz" und schliesst (bl. 225 '') mit: „90. Cerui- boletus hirzsv^amm." Die vorede , der anfang des ersten , und das lezte kapitel sind im „Anzeiger" (a. a. o.) abgediiickt. 4) Wien. Nr. 2977. Papier. XIV. jahrh. Enthält bl. 147*^ — 171'^ die ältere textgestalt, aber unvolständig und in gestörter Ordnung, nur die vorrede und 32 pflanzen. 5) Wien. Nr. 14545. Papier. XV. jähr. Enthält bl. 13" — 20^ nur einen auszug aus der älteren textgestalt, in derselben kapitelfolge wie nr. 2 (= Wien. 5305). 6) Wien. Nr. 2962. Papier; wahrscheinlich XV. jahrh. Enthält, nach Haupts angäbe (s. 86) auf bl. 60''- 85"', „die zweite deutsche 1) In dieser handschrift finden sich, nach Haupts angäbe (s. 47) folgende beachtenswerte eiuzeiehimngen. Auf bl. 317, von einer band des 15. jahrh.: ,, Macer de virtutibus herbarura theutonice . . . erifordie a Nycolao venditore libroruni circa gradus beato niarie virginis 1460." und : ,,In hac eciam liberaria parua contiuetur et habetur eciam Macer metricc Raymundus uietrice et alia in vno paruo volumine et pergaraenio." und bl. 381 : ,, Iste über pcrtinet Gerhardo In Curia de Elderka Reni coloniefi. dyocesis et dominii quem Emit Erffordie Anno 1479." MACER UND DIE DEUTSCHE BOTANIK 193 bearbeitiing ," aber unvolständig, in gestörter Ordnung untermengt mit anderen lateinischen stücken , und nachlässig geschrieben , beschränkt auf 37 pfianzen, 7) München. Cgm. 376. 4«. XV. jahrh. bl. 114 — 170: „Macer de viribus herbarum, deutsch." 8) München. Cgm. 133. 4». XV. jh. bl. 1 — 102: „Macerde viribus herbarum, deutsch." 9) München. Cgm. 722. 4». XV. jh. bl. 79 — 131 : „Macerde viribus herbarum , deutsch." ^ 10) Frankfurt am Main. „Macer de herbis, germanice. 12". ... in plagula 279 legitur: anno 1394 die 12. mensis Nouembris." Erwähnt, ohne angäbe des aufbewahrungsortes und der Signatur, und ohne genauere beschreibung, von L. Diefenbach in seinem Glossarium latino-germanicum. Francof. a. M. 1857. s. XIII. unter nr. 4. — Der auf s. 115'' daraus entnommene pflanzenname „ Ceruiboletus , hyrsis- swam" stimt zu nr. 31 unserer bruchstücke = nr. 90 sowol der Wiener haiidschr. nr. 5305 wie auch der Vaticanischen. Darnach lässt sich ver- muten , dass diese Frankfurter handschrift die ältere textgestalt enthält. 11) Breslau. Eliedigersche Bibliothek (jezt mit der Stadtbibliothek vereinigt) „XXXII. germ. lib. IX." ^ Pergament. XIV. jahrh., 152 zwei- spaltig geschriebene bl. in folio. — Auf diese sehr reichhaltige und wichtige handschrift hat zuerst Hoffmann von Fallersleben aufmerksam gemacht in seinen Fundgruben für geschichte deutscher spräche und litteratur. Breslau 1830. 1, 317 — 327, ihren Inhalt ganz kurz ange- geben und einige proben daraus mitgeteilt Dann hat Jos. Haupt in seiner vorerwähnten abhandlung ihren hauptsächlichsten und wichtig- sten Inhalt kundiger und genauer bestimt und seine bedeutung klarer dargetan. — Sie enthält bl. 1 — 93 nach Haupt: „ein grosses metho- disches werk" (in deutscher spräche), „welches in seinen vier büchern den kreis der medicinischen Wissenschaften , wie er im mittelalter umschrieben war, volständig erschöpft." Dies methodische werk war zusammengestelt „nicht nur aus den griecliischen und lateinischen 1) Die angaben über 7 — 9 sind entnommen aus dem cataloge ,,Die deut- schen Handschriften der K. Hof- und Staatsbild. zu München nach J. A. Schniel- lers kurzem Verzeichnis. München 1866. 2) Diese von Hoffmann nicht angegebene Signatur entnehme ich aus: Heu- schel, Synopsis chronologica scriptorum medii aevi medicorum ac ph^ysicorum quae codicibus bibliothecarum Vratislavieusium continentur. Vratisl. 1847. A". (Jubel- programm für Remer.) s. ll''. — Fruchtlos ha1)e ich mich bemüht einen anderen catalog Henschels zu erlangen : Catalogus codicuni medii aevi medicorum ac physi- corum qui manuscripti in bibliothecis Vratislaviensibus asservantur. Particula I. Vratislaviae 1847. ap. Ed. Trewendt, in commissi» . ZKITSCHR. F. DEUTSCHF. PHILOLOGIE. I!D. XII. 13 194 J. ZACHER autoren des altertums, sondern auch, und zwar überwiegend, aus den arabischen Schriftstellern , wie Averroes , Mesue u. dgl. , neben denen dann vorzüglich Platearius und Nicolaus Praepositus die hauptquellen sind. Aus dem lezteren ist besonders das vierte buch genommen." ^ — Weiter folgt bl. 93 — 114, wie es scheint, ein methodischer auszug aus der Practica des Bartholomaeus.^ — Dass der folgende abschnitt, bl. 122" — 146'' „heilkräfte verschiedener kräuter" mit „Aemilius Macer übereinstimme" hatte schon Hoflfmann bemerkt, ohne jedoch näher darauf einzugehen. Es ist eine Übersetzung des Macer Flo- ridus, und eine sehr charakteristische stelle daraus, welche Hoflfmann aufgenommen hat in das dem ersten bände der Fundgruben angehängte glossar, s. 358 s. v. alp: „der rouch von der holwurtz vertribit den alp oder ungehüren." stimt genau zu der entsprechenden stelle in cap. VI. (Aristolochia) der hier gedruckten bruchstücke. — Endlich folgen in dieser Rhedigerscheu handschrift von bl. 146 — 152 noch einige auf apothekerwesen und verschiedene heilmittel bezügliche abschnitte. Zu diesen 11 handschriften würde eine durchstöberung von cata- logen und bibliotheken wol noch einen reichlichen Zuwachs ergeben, zumal wenn auch auf solche geachtet würde, in denen das werk ohne titel oder verfassernamen erscheint, und deshalb leicht übersehen wer- den kann. Aber schon aus den wenigen und spärlichen nachrichten, 1) Auch die übrigen ihm bekant gewordenen handschriften dieses noch uuge- druckten werkes hat J. Haupt aufgeführt und eingehender besprochen. Die wich- tigsten darunter sind eine Wiener (ur. 13647. Perg. XV. jh.), und eine des Chor- herren - stiftes zu Kloster -Neuburg (Pgm. XII. jh. 137 bll.). Von dieser lezteren hatte Diemer abschrift genommen, und diese abschrift ist als ,,Diemers arz- neibuch" im mhd. wörterbuche von Müller und Zarncke (2, 1, III) und im mhd. handwörterbuche von Lexer (1, XV) unter den benuzten quellen aufgeführt. 2) Bartholomaeus gehört zu den „bemerkenswertesten Salernitanern der zweiten hälfte des 11. Jahrhunderts." Sein hauptwerk ist betitelt: Introductiones et experimenta in practicam Hippocratis, Galieni, Constantini, graecorum medicorum, und ist als „Bartholomaei Salernitani Practica" nach einer handschrift der Marcus- bibliothek in Venedig gedruckt in de Eenzis Collectio Salernitana 4, 321 — 408. Diese Practica ward schon im 13. jahrh. in das Hochdeutsche, Niederdeutsche und Dänische übertragen. Häser kent bereits elf hochdeutsche handschriften. Gewöhn- lich aber bildet für die mittelalterlichen deutschen arzneibücher die Practica des Bartholomaeus ,,nur den grundstock, neben welchem noch andere quellen benuzt sind." — Häser, gesch. der med. 1, 663 fgg. Jos. Haupt, über das mitteldeutsche arzneibuch des meisters Bartholomaeus. Wien 1872, worin s. 69 fgg. 16 handschriften und bruchstücke aufgezählt werden, und ferner erwiesen wird, wie wenig die aus- gäbe von Pz. Pfeiffer genügen kann, welche den titel führt: Zwei deutsche arznei- bücher aus dem 12. und 13. jahrlmndert. Wien 1863 (= Sitzungsberichte usw. bd. 42.). MACER UND DIE DEUTSCHE BOTANIK 195 welche über die 11 hier aufgezählten handschriften vorlagen, hat sich mit hoher Wahrscheinlichkeit der scliluss gewinnen lassen, dass die hier abgedruckten bruchstücke zur ältesten deutschen Übersetzung des Macer gehören.^ — In der reihenfolge der capitel zeigen, nach Choulants angäbe , schon die lateinischen handschriften mancherlei Ver- schiedenheiten; die deutschen scheinen hierin noch stärker untereinan- der abzuweichen. In unseren bruchstüchen ist die capitelfolge in eine ungefähre alphabetische Ordnung umgesezt. Mac er Floridus ist nicht eine in der litteratur vereinzelt und vereinsamt dastehende erscheinung, sondern andere werke verwanten Charakters und Zweckes sind ihm vorausgegangen und nachgefolgt. Deshalb scheint es zweckdienlich, wenigstens auf einige der wichtig- sten und wirksamsten unter diesen einen raschen blick zu werfen. Unter den dem Macer vorangegangenen sind zwei werke von unbekanten Verfassern hervorzuheben, deren eines unter dem nameu des Plinius, das andere unter dem des Apulejus umlief. Das ältere dieser beiden werke, welches jezt als Ps endo -Pli- nius, oder Medicina Plinii, oder Breviarium Plinii bezeichnet wird , ist wahrscheinlich in der ersten hälfte des vierten Jahrhunderts entstanden, und ist im wesentlichen ein auf die heilwirkuugeu von arz- neipfianzen sich beschränkender auszug aus der Historia Naturalis des Plinius mit wenigen anderswoher entnommeneu Zusätzen , verfasst zu dem in der vorrede ausgesprochenen zwecke, reisenden als band- und hilfsbuch zu dienen , um diese von teuren unbekanten ärzten unabhängig zu macheu. Deshalb sind alle ausländischen, entlegenen und teuren arzneistoffe weggelassen und auch die frauen- und kinderkrankheiten übergangen. Geordnet ist das material nach den krankheiten , und zwar so , dass das erste und zweite buch die mittel gegen die krankheiten der einzelnen glieder, vom köpfe herab bis zu den füssen enthält, das dritte darauf die mittel gegen solche krankheiten , die nicht auf einzelne glie- der beschränkt sind, als wunden, fieber, hautkrankheiten, Vergiftungen usw. In den folgenden Jahrhunderten , besonders im seclisten und sie- benten, ist dieses werk durch starke Umarbeitungen sehr verändert und erweitert, und auch noch durch hiuzufügung eines vierten und fünften buches vermehrt worden. Gedruckt sind bis jezt nur solche spätere Umarbeitungen, in denen der Verfasser Plinius junior, Plinius Secundus, oder Plinius Valerianus genant wird. Den wirklichen richtigen Sachverhalt hat Val. Rose aufgedeckt und nachgewiesen in 1) Dieser scliluss folgt aus dem unter ur. 2. 3. 10. 11 über hirzswani und alp = ungehiure angemerkten. 13* 196 J. ZACHEB seiner abliandluug „Über die Medicina Plinii," imd an deren Schlüsse auch eine kritische ausgäbe in aussieht gestelt.^ Das andere werk, früher unter dem verfassernamen A pul ejus Barbarus oder Apulejus Platonicus gehend, jezt gewöhnlich Pseudo-Apulejus genant, ist wahrscheinlich im fünften Jahrhunderte entstanden. In nachahmung der vorrede des Breviarium Plinii sagt der unbekante Verfasser, dass er ZAim frommen seiner mitbürger, um sie von habsüchtigen und unwissenden ärzten unabhängig zu machen, ein kurzes handbuch der geeignetsten arzneimittel , enthaltend „herba- rum vires et curationes corporis," zu liefern beabsichtigt habe. Dies werk ist im wesentlichen ein auszug aus Dioskorides, und handelt in 128 (bis 131) kapiteln von eben so vielen pflanzlichen mittein, in der weise, dass stets auf eine aufzählung der verschiedenen benennungen in mehreren sprachen eine kurze beschreibung der betreffenden pflanze, und darnach eine angäbe ihres verschiedenartigen heilgebrauches folgt. Für die grosse und andauernde beliebtheit des Werkes zeugen zahlreiche erhaltene handschriften , die aber sehr stark untereinander abweichen. Meist sind in ihnen die pflanzennameu übel verderbt, die beschreibun- gen weggelassen, und die angaben des heilgebrauches bald gekürzt, bald erweitert und mannigfach geändert. Die älteste noch ungedruckte textgestalt enthält namentlich auch eine beträchtliche anzahl von besprechungsformeln und precationen heidnischen Charakters zum ge- brauche beim einsammeln und bei der heilanwendung der verschiedeneu kräuter, welche, wie sie einerseits an die griechischen qi'C.ordi.ioL sich lehnen mögen, so andererseits vielleicht in Umbildungen noch bis auf die gegenwart fortwirken können, auf die noch jezt üblichen kräuter- segen und kräuterweihen.^ 1) Val. Rose, in: Hermes, lisg. v. Hübner. Berlin 1874. 8, 18 — G6. Vgl. Meyer 2, 398 fgg. Häser 1, G23 fgg. Teuffei § 411 s. 962 fg. 2) Ausgaben: Parabilium medicamentorum scriptores antiqui, Sexti Placiti Papyriensis de medicameutis ex animalibus liber, Lucii Apuleji de medicamiuibus berbarum liber, ex rec. et cum notis Jo. Cbr. Gl. Ackermann. Norimb. et Altorfii 1788. Daneben ist, worauf Meyer aufmerksam macht, namentlich wegen des com- mentares noch zu benutzen : In hoc opere contenta. Ant. Musae de herba Vetonica liber 1. L. Apulei de raedicaminibus berbarum liber I. Per Gabr. Humelbergium, Eavenspurgensem. s. 1. e. a (1537. 4"). — Vgl. Val. Rose, in Hermes 8, 35 fgg. Meyer 2, 316. Häsor s. 627. Teuffei §367, 1^ s. 860. — Über eine alte text- gestalt und namentlich über die darin enthaltenen besprechungsformeln (in einer Breslauer hs. des IX. jahrh. , univ. -bibl. IIT. F. 19.) hat in anziehender und gehalt- voller abhandlung (betitelt: „Der älteste modinische Codex der Breslauer Univer- sitätsbibliothek") belehrt Henschel in seiner Zeitschrift Janus (Zeitschr. f. gesch. u. litt. d. mediein). Breslau 1846. 1, 639 — 684. - Eine altenglische bearbeitung des Pseudo-Apulejus ist gedruckt in: Leechdoms, Wortcunuing , and Starcraft of MACER UND DIE DEUTSCHE BOTANIK 197 Bald nach Macer Floridus beginnen die heilmittellehren der ara- bischen und der salernitanischen ärzte. Von diesen hebe ich drei der wichtigsten und einflussreichsten über einfache arzneimittel heraus: die des Platearius, des jüngeren Serapion und des Mat- thaeus Sylvaticus. Verfasst von ärzten für ärzte sind sie natürlich viel reichhaltiger als Macer ; weil sie aber grossenteils aus denselben hauptquellon geschöpft haben, treffen sie in ihren angaben sachlich doch liäufig mit ihm überein , zumal dann , wenn beide gleicherweise auf Dioskorides zurückgehen. Deshalb kann ihre vergleichung der kri- tik und dem richtigen Verständnisse sowol des lateinischen wie des deutschen tcxtes Macers zu statten kommen. — Die nachfolgenden angaben gründen sich , wie natürlich , auf die forschungen und urteile der besten und verlässigsten gewährsmänner, Meyer und Häser. Matthaeus Platearius war ein glied der an berühmten ärzten reichen familie der Platearier zu Salerno. Er schrieb im elften , oder zu anfange des zwölften Jahrhunderts. Sein werk De simplici medicina begint mit den worten: ..Circa instans negotium de simplicibus medi- cinis nostrum versatur propositum," und wird deshalb gewöhnlich „Circa instans" genant. Es ist eine auf griechischen und lateinischen quellen beruhende , nach den namen der mittel alphabetisch geordnete heilmittellehre, die vom 12. bis in das 16. Jahrhundert im höchsten ansehen stand, und sehr viel benuzt und ausgeschrieben wurde. Sie ist widerholt gedruckt worden , aber niemals einzeln , sondern stets nur als anhang zu anderen werken, zu der Practica des Johannes Platea- rius, zu der Practica des älteren Serapion und zum Dispensarium oder Antidotarium magnum magistri Nicolai Praepositi ad aromatarios, und wird deshalb leicht übersehen. Ich benutze die ausgäbe: Practica Jo. Serapionis s. 1. 1525 in klein folio. Darin steht des Platearius buch Circa instans auf bl. 22.3* — 252^. — Dieses werk des Platearius beschränkt sich also auf die Simplicia, auf die einfachen arzneimittel. Was man aber damals, und durch das ganze mittelalter, unter der benennung Simplicia verstand, das erklärt Platearius gleich zu anfange seines werkes kurz und bündig : ,, Simplex autem medicina est , que talis est, qualis a natura producitur, ut gariofilus (gewürznelke), nux muscata, et similia, vel, quae, licet aliquo sit mutata artiticio, non est alii medicine commixta, vt tamarindi, qui abiectis corticibus artifi- cio conquassantur , et aloen , quod ex herbe succo artificiose excocto Early England. Collected and edited by 0. Cockayne. London 1864. 1, 1 fgg. (= Rerum Britann icarum medii aevi scriptores. 35). B. ten Brink in seiner Ge- schichte der englischen Litteratnr (Berlin 1877. 1, 125) sezt die entstehung dieser bearheitung in die erste hälfte des elften Jahrhunderts. 198 J. ZACHER efficitur." — Solche einfache arzueimittel , Simplicia , waren die haupt- niittel der mittelalterlichen medicin, und unter ihnen behaupteten widerum die pflanzlichen mittel, bis auf und noch nach Paracelsus, so sehr den vorrang, dass die animalischen und mineralischen weit hinter ihnen zurückstanden und nur in beschränktem masse zur anwendung kamen. Daher verfassten zum behufe der medicinischen praxis die arabischen und die salernitauischen ärzte widerholt Sammelwerke über diese Simplicia, in denen die altüberlieferten und die neuerlich iiinzu- gekommenen einfachen arzueimittel und ihre mannigfachen anwendun- gen mehr oder minder volstäudig aufgezählt wurden , mit natürlichem grossem übergewichte der pflanzlichen mittel. Solche Sammelwerke erhielten denn wol auch den ihren compilatorischen Charakter bezeich- nenden titel Aggregator oder Pandectae. Des jüngeren Serapion werk über die einfachen arzueimittel ist nach Käsers urteil eine sehr volständige Zusammenstellung dessen, was griechische und arabische ärzte bis dahin über einfache arzueimit- tel geschrieben hatten. Nachrichten über den Verfasser und seine lebensverhältnisse gebrechen gänzlich. Nach Steinschneiders meinung soll er sein werk in Spanien oder Mauretanien verfasst haben, noch vor Platearius. Aber dem christlichen abendlande ist das ursprünglich arabisch abgefasste werk erst zugänglich und bekant geworden durch eine nicht eben gewante lateinische Übersetzung, welche Simon von Genua (Januensis) , arzt des pabstes Nicolaus IV. , mit hilfe eines Juden, Abraham Tortuosiensis , zu ende des 13. Jahrhunderts verfasst hatte, und auch nur in dieser gestalt ist es bis jezt gedruckt. Ich benutze die eben schon bei Platearius genante ausgäbe (s. 1. 1535), in welcher der Practica des älteren Serapion (eines griechischen , christlichen arztes des neunten oder zehnten Jahrhunderts) auf bl. 113" — 201"= diese arz- neimittellehre des jüngeren Serapion angefügt ist unter dem titel: „Incipit liber Serapionis aggregaf in medicinis simplicibus secundum translationem Symonis Januensis, interprete Abraam iudeo Tortuoensi de arabico in latinum." Die dem könige Robert von Sicilien (1310 — 1343) gewidmeten Pandectae medicinae des Matthaeus Sylvaticus sind die vol- ständigste heilmittellehre jener zeit. Grösstenteils sind sie geschöpft aus berühmten und damals in höchstem ansehen stehenden Schriftstel- lern, namentlich aus Dioskorides , Galenus, Plinius, Mesue, Avicenna, Serapion u. a. , und den einzelnen excerpten ist, wie bei Viucentius Bellovacensis , die abgekürzte bezeichnung der quelle vorangestelt, aber auch eigene bemerkungen laufen mit unter. Die reihenfolge der meist mit arabischer, griechischer und lateinischer benennung angegebenen MACER UND DIE DEUTSCHE BOTANIK 199 heilmittel ist eine eigeutümlich moditicierte alphabetisch e. Auch die- ses werk stand über das raittehilter hinaus in hohem ansehen und ist oft gedruckt worden. Mir steht nur die ausgäbe zur Verfügung: Opus Pandectarum medicine Matthei Siluatici etc. Lugduni 1534. fol, in welcher der ursprüngliche echte text des Sylvaticus bereits vermehrt ist durch eiuschaltung der Clavis sauationis des Simon Januensis und durch andere zusätze. Mit dem ablaufe des mittelalters und nach erfindung der buch- druckerkunst erfahren auch die kräuterbücher eine volstäudige Umwand- lung, die in Deutschland in einigen hauptwerken klar zu tage tritt, so dass es zweckmässig erscheint, auch diese werke noch kurz in betracht zu ziehen. Die gedruckten kräuterbücher in Deutschland beginnen im lez- ten viertel des 15. Jahrhunderts, und zwar zunächst in zwei reihen, die eine unter dem titel Herbarius (oder auch Herbolarium), die andere unter dem titel (li)Ortus sanitatis. Die älteste datierte ausgäbe des Herbarius erschien zu Mainz 1484, nachdem ihr vielleicht schon eine undatierte vorausgegangen war. Pritzel, in seinem Thesaurus litteraturae botanicae, Lips. 1851. 4*^, s. 349, zählt unter nr. 11867 — 11875 neun ausgaben des Herbarius auf, und zwar sechs in lateinischer, zwei in italienischer und eine in niederländischer spräche. Keine dieser ausgaben habe ich gesehen , und vermag deshalb auch nicht aus eigener anschauung darüber zu berich- ten. Nach Meyers mitteilung ^ heisst es in der vorrede des Herbarius : „Ob id presens opusculum suam sumpsit denominationem Aggregator practicus de simplicibus'"; und Meyers eigenes urteil lautet (s. 184): „ des buches ausgesprochener zweck ist , den armen des kostbaren bei- standes der ärzte und apotheker zu überheben. Doch geht es über seine grenzen hinaus, indem es, zumal in den sechs lezteu kürzeren Partikeln , die ich als anhang zum ursprünglichen werk betrachte , viele kostbare ausländische mittel anführt; und es verfehlt seinen zweck durch die Oberflächlichkeit oder gänzliche auslassung der pflanzen- beschreibungen." — Demnach war auch dieser Herbarius noch eine arzneimittellehre , in einer seit mehreren Jahrhunderten üblich gewor- denen gestalt, zusammengestelt aus damals gangbaren und geschäzten, vom Verfasser oft namentlich angeführten büchern, unter denen auch Macer genant wird. Neu aber ist, und überaus wichtig, die anwen- dung des holzsclmittes. Denn wenn auch, nach Meyers urteile, die 1) Gesch. d. Bot. 4, 179. 200 J. ZACHEK pflanzenabbildiingen noch so mangelhaft ausgefallen sind, dass „sich nur wenige derselben mit mühe erkennen lassen," so liegt doch grade hierin der erste keim eines wirklichen fortschrittes und einer ganz neuen Wissenschaft, wie sich bei betrachtung der nächstfolgenden werke als- bald deutlich herausstellen wird. Der (h)Ortus sanitatis erschien zuerst in kürzerer deutscher gestalt, als „Gart der Gesuntheit" zu Mainz 1485, und darauf in umfänglicherer lateinischer, widerum zu Mainz 1491. Pritzel, in sei- nem Thes. lit. bot. führt unter nr. 11876 — 11906 31 ausgaben dessel- ben auf, und zwar 5 in lateinischer, 21 in deutscher, 2 in nieder- deutscher, 1 in holländischer, und 2 in französischer spräche; ein redendes zeugnis für die grosse beliebtheit und Verbreitung des Wer- kes. — Mir liegen nur zwei späte ausgaben vor, eine lateinische s. 1. 1517 fol., und eine deutsche, Strassburg 1536 fol. , in welcher lezteren aber grade die herbae fehlen. Verfasser und entstehungszeit des Ortus sanitatis sind unbekant; ja es ist noch nicht einmal sicher ermittelt, ob die kürzere deutsche oder die längere lateinische gestalt desselben die ältere und ursprüng- lichere sei. Der umfang des Inhaltes ist in dem titel der lateinischen fassung übersichtlich angezeigt: „Ortus Sanitatis. De Herbis et Plan- tis. De Animalibus et Eeptilibus. De Auibus et Volatilibus. De Pis- cibus et Natatilibus. De Lapidibus et in terre venis nascentibus. De Vriuis et earum speciebus. " Es beschränkt sich demnach das werk niclit anf die pflanzen, sondern erstreckt sich über alle drei naturreiche; nur dass die lierbae mindestens eben so viel räum einnehmen als alles übrige zusammen. Auch dieses werk ist noch eine blosse compilation, zusammengestelt aus den gangbarsten arzneimittellehreu , bis herab auf Matthaeus Sylvaticus, und aus den encyclopädien des 13. Jahrhunderts, aus den encyclopädischen werken des Bartholomaeus Anglicus, Arnol- dus de Saxonia,^ Thomas Cantimpratensis , Viucentius Bellovacensis und 1) Nicht Arnaldus de Villanova, wie Meyer 4, 194 meint. Das richtige konte Meyer damals freilich noch nicht ermitteln, weilArnoldus de Saxonia damals noch völlig verschollen war. Ich kante ihn zwar längst aus den reichlichen anfiih- rungen und auszügen bei Vincentius Bellovacensis, aber alle meine bemühungen seiner habhaft zu werden blieben ergebnislos , weil kein litterarhistoriker , kein bibliograph, kein handschriftenkatalog , kein bibliothckar ihn kante, bis es Val. Rose glückte, ihn in der Amplonianischcn bibliothek zu Erfurt zu entdecken, worü- ber er dann auskauft gegeben hat in Haupts zeitschr. für deutsches altertum. Ber- lin 1875. 18, 321 fgg. — Ob übrigens der vorf. des Ortus sanitatis das werk des Albertus de Saxonia in originali benuzt, oder ob er sich begnügt habe die citatc aus Vincentius Bellovacensis abzuschreiben, das habe ich nicht untersucht, weil ich dessen für meinen gegenwärtigen zweck nicht bedurfte. MACER UND DIK DEUTSCHE BOTANIK 201 Albertus Magnus. Der zweck des Werkes ist in der lateinischen vorrede bestirnt und deutlich ausgesprochen: „Id ipsum autem perficiendum nie prinio principalissinieque charitas vrgebat, quae eorurn inopie me tecit couipati, quibus temporalis non subministrat facultas pro necessi- tate couducendi medicos et apotecarios, pecunia eis deficiente. Nara lii huius doctrina libri adiuti , sumptibus admodum exiguis concurrenti- bus, ipsis (1. ipsi) sibi conferre valebimt praeseruatiua remedia perfecta- que medicainina." Nach der hier ausgesprochenen absieht also solte das buch eine arzneimittellehre sein für solche , die des arztes entraten wol- len oder müssen; in der ausführung jedoch hat der Verfasser diesen zweck stark aus dem äuge verloren , und sich begnügt kritiklos zusam- menzustöppeln was seine vorlagen ihm darboten, auch wenn es für heilzwecke unverwendbar war, ja sogar wenn es überhaupt gar nicht existiert, wie die fabelhaften tiere und steine, an denen die mittel- alterlichen bücher reich sind. — Die holzschnitte , mit denen auch dieses werk ausgestattet ist , sind noch in der lateinischen ausgäbe roh und ungeschickt; in der deutschen von 1536 zeigen sie zwar einen merklichen technischen fortschritt, können sich aber an charakteristi- schen stellen doch noch nicht losreissen und frei machen von den in der älteren ausgäbe vorliegenden typen. Und es kann auch überhaupt von vorn herein ein ehrliches und ernstes streben nach naturtreue doch schwerlich massgebende absieht des Verfassers oder herausgebers gewe- sen sein, weil ja auch die steine und die fabeltiere, wie z. b. Cerastes, Draco, Formice majores (die goldgrabenden ameisen), Leuiathan, Pilo- sus, Pegasus, Salamandra, Basiliscus, und viele andere, mit blossen phantasiebildern ausgestattet worden sind. Darnach scheint es fast, als hätten die bilder hauptsächlich dazu dienen sollen die käufer anzulocken. In dem quellenverzeichnisse zu dem Mittelniederdeutschen wör- terbuche von Schiller und Lübben (Bremen 1875) wird s. IX aufgeführt: „Eyn schone Arstedygeboeck van allerleye ghebreck vnnde kranckhey- den der mynschen." Am ende: „Finitus est iste libellus herbarius. Ao. 1483." Klein folio. Und im Wörterbuche selbst sind stellen aus diesem drucke ausgehoben, die so nahe zu den hier gedruckten bruch- stücken des deutschen Macer stimmen, dass sie sehr wol aus einem niederdeutschen Macer stammen können; ja es wird darin sogar Macer ausdrücklich genant, wie z. b. 1, 297, unter Betekalk: „also secht Macer"; (vgl, in den hier gedruckten bruchstücken , unter VI. Aristo- lochia). — In welchem Verhältnisse aber dieser alte Lübecker druck zu Macer, oder auch zu dem vorhin erwähnten Mainzer Herbarius ste- hen möge, vermag ich nicht anzugeben; denn ich habe weder diesen Lübecker druck selbst erreichen können, noch auch das programm, in 202 J. ZACHER welchem über ihn gehandelt sein soll: ,,C. Deecke, Einige nachrichten von den im XV. jh. zu Lübeck gedruckten niedersächs. büchern. Lübeck 1834. 4"." Bei Pritzel, Meyer und Häser habe ich diesen Lübecker druck nicht erwähnt gefunden. Mit dem Mainzer Herbarius und dem Ortus Sanitatis war die behandlungsweise der mittelalterlichen arzneimittellehren und kräuter- bücher erschöpft und ausgelebt. Denn der neu eröffnete Zugang zu den römischen und zumal zu den griechischen originalwerken , die nun auch durch den druck für jedermann bequem zu erreichen waren, schuf auch hier neues leben, führte zur revision der seit Jahrhunderten herköm- lichen, vielfach verdunkelten und verderbten Überlieferung, und regte widerum zu eigenem denken und forschen an. Und der neuerwachte trieb erwies sich auf diesem gebiete so mächtig und fruchtbar, dass in der ersten hälfte des 16. Jahrhunderts hart hintereinander, und grossen- teils noch nebeneinander „die deutschen väter der Pflanzenkunde," wie Sprengel sie treffend genant hat, auftraten und den ersten siche- ren grund legten zu einer wirklich wissenschaftlichen behandlung der botanik: Otto ßrunfels, Hieronymus Bock und Leonhard Fuchs. Otto Brunfels, vermutlich kurz vor 1500 zu Mainz geboren, gieng als junger magister ins kloster, verliess es aber bald wider und wante sich zum protestantismus. Nachdem er darauf durch mehrere jähre in Strassburg als lehrer erfolgreich gewirkt und daneben auch medicinische Studien betrieben hatte, erwarb er im jähre 1530 zu Basel die medicinische doctorwürde, und gewann bald solchen ruf, dass er mit ansehnlichem gehalte als stadtarzt nach Bern berufen wurde, wo er aber bereits 1534 starb. Er hat verschiedene theologische und meh- rere medicinische werke verfasst; sein hauptverdienst aber ist sein bahnbrechendes botanisches werk, welches zuerst lateinisch erschien unter dem titel : Herbarum vivae eicones , ad naturae imitationem sum- ma cum diligentia et artificio effigiatae una cum effectibus earundem, in gratiam ueteris illius, et iamiam renascentis herbariae medicinae. Argentorati 1530 — 36. 3 bde. in folio, und in lateinischer fassung widerholt gedruckt wurde (bd. 1. 1532; bd. 2. 1536; bd. 1 — 3. 1537 und 1539), dann aber auch deutsch, unter dem titel: Contrafayt Kreu- terbuch usw. Strassburg 1532—37. 2 bde in fol. Ich benutze, aus der bibliothek der Leopoldiuisch - Carolinischen akademie , ein unvol- ständiges exemplar der zweiten ausgäbe des ersten lateinischen teiles, Argentorati 1532. fol.^ 1) Seitdem habe ich selbst ein volständiges exemplar des ersten teiles der ersten lateinischen ausgäbe, Ai-geut. 1530. fol., duixh kauf erworben. MACER UND DIE DEUTSCHE BOTANIK 203 Der text gliedert sich iu der regel in folgende abschnitte : 1) nomeuclatura , aufzäliliuig der griechischen, lateinischen und deut- schen benenuungen der betreft'enden pHanze; 2) autorum placita, angäbe dessen was die namentlich aufgeführten Schriftsteller über diese pflanze gesagt haben; 3) Temperanientum , bezeichnung des grades der wärme, kälte usw.; 4) Vires et juvamenta, Übersicht der heil- und nutzanwen- dungen derselben pflanze, widerum unter namentlicher anfuhrung der dafür einstehenden schriftsteiler. Unter diesen erscheint auch Macer, dessen lateinische hexameter dann im betreffenden falle meist auch volständig aufgenommen sind. Der über der seite stehende columnen- titel lautet durchweg: Simplicium pharmacorum tomus primus. Dar- nach hält sich der text äusserlich scheinbar noch in dem alten her- gebrachten geleise und rahmen der mittelalterlichen kräuterbücher , die nichts weiter waren und sein weiten als Sammelwerke der simplicia, der einfachen arzneimittel aus dem pflanzenreiche ; innerlich jedoch, in art und geist der auffassung und behandlung ist er von allem früherem grundverschieden. Denn nicht nur werden die früheren bedeutenderen Schriftsteller in erschöpfender reihe aufgeführt, vom ältesten griechi- schen altertume, von Hesiodus an, bis auf die unmittelbare gegenwart, bis herab auf des Verfassers eigene Zeitgenossen , unter denen nament- lich auch „Nobilis herbarius Hieronymus," d.h. der sogleich näher zu erwähnende Hieronymus Bock, erscheint, sondern Brunfels fügt auch in der regel , und zuweilen mit der ausdrücklichen Überschrift „ Nostrum Judicium ," sein eigenes urteil hinzu ; oder mit anderen werten : er bestrebt sich überall kritik zu üben; und das ist seine erste neuerung und sein erstes grosses verdienst. — Er übt aber diese kritik — und das ist sein zweiter wichtiger und entscheidender fortschritt — auf grund der eigenen anschauu'ng und beobachtung an den ihm selbst vorliegenden pflanzen. Diese sucht er in den benennungen und angaben seiner Vorgänger wider zu erkennen , und damit licht und Ord- nung in die unklare und verworrene Überlieferung zu bringen. — Und dieses bemühen führt ihn mit innerer notweudigkeit zu dem dritten fortschritte : es begint jezt die be Schreibung der pflanzen in den Vor- dergrund zu treten, und sich von der bis dahin fast allein herschenden nutzanwendung abzulösen, so dass Brunfels vereinzelt auch schon den „ locus ," den Standort der betreffenden pflanze aufführt. — Damit aber wird die pflanze an sich selbst gegenständ der beobachtung und forschung — und das ist der vierte grosse fortschritt. Daher sind auch bereits in diesen ersten teil wirklich einige pflanzen aufgenommen, von denen Brunfels sagt, dass er sie bei seinen Vorgängern vergeblich gesucht und nicht gefunden habe , und dass er über ihre heilwirkungen 204 J. ZACHER nur nach hörensagen berichten könne — („ab empiricis id compertum habemus"; „sunt qui velint"). So s. 217. „Kuchenschell" (Anemone pulsatilla), s. 218. „Gauchblüm" (Cardamine pratensis). — Und end- lich — und das ist der fünfte und nicht der geringste fortschritt — sind zur Unterstützung der beschreibuugen abbildungen der pflanzen in holzschnitt hinzugefügt, welche, wie überhaupt das ganze buch, vol- koramen das leisten, was der titel verheisst; denn sie sind in der tat „ ad naturae imitationem summa cum diligentia et artificio effigiatae." Sie geben jedesmal die volständige pflanze, mit wurzel und blute, und nehmen bald die halbe, bald die ganze höhe der folioseite ein. Sie lassen durchweg den kundigen botaniker gewahren, der die pflanzen dem Zeichner in der zweckmässigsten anordnung vorgerichtet hat, und den geübten maier, der sie mit äuge und band künstlerisch aufzufas- sen und meisterhaft widerzugebeu vermochte. Damit aber waren die betreff"enden pflanzen so genau und sicher bestimt, dass sie gar nicht verkauf und verwechselt werden konten , sondern für alle zeit fixiert bleiben. Diese vortreflichen holzschnitte sind das verdienst des maiers und formschneiders meisters Hans Weiditz von Strassburg. Legt man diese holzschnitte des Brunfelsischen werkes vom jähre 1530 neben jene des Ortus sanitatis, und sogar neben die schon sehr verbesserten in dessen deutscher ausgäbe vom jähre 1536 , so tritt die gewaltige kluft, welche diese beiden werke von einander scheidet, mit unmittelbar überzeugender und überwältigender anschaulichkeit vor äugen; hier, bei Brunfels, entschiedenste naturtreue der abbildungen, ernstlichst erstrebt vom Verfasser, und auch wirklich erreicht durch die kunstfertige band des maiers und formenschneiders ; dort, im Ortus sanitatis, fast durchweg blosse phantasiegebilde , die erst in der lezten ausgäbe durch die handwerksmässig geschulte technik des holzschnei- ders endlich ein gefälligeres aussehen, und hie und da auch eine etwas grössere annäherung an die natur erhalten haben, als sie in der über- aus ungeschickten und rohen behandlung in den früheren ausgaben gezeigt hatten.i 1) Brunfels selbst hat es als seine bestirnte und bewuste absieht ausgespro- chen, dass er etwas wesentlich neues liefern wolle, und als mittel dazu bezeichnet: naturgetreue abbildungen und genaue zuverlässige beschreibungen unter kritischer benutzung der wichtigeren älteren schriftsteiler. Er sagt darüber in der dem ersten lateinischen bände vorangedruckten widmung au den Slrassburger rat: ,,Caeterum de Herbarii nostri ratione hoc velut in compendio habetote. Primum nihil aliud DOS spectasse in toto hoc opere, quam ut publico omnium bono Herbariae jam jam coUapsae porrigercmus subsidiarias manus, earnque prope extiuctam in lucem revo- caremus. Quod quia non alia ratione fieri posse auimadvertimus , quam abolitis prioribus ac veteribus Herbariis , atque de novo vivis et acu pictis imaginibus editis ; MACER UND DIE DEUTSCHE BOTANIK 205 Hieronynuis Bock (latinisiert: Tragus), geboren 1498 zu Hei- (lerbacli im Zweibrückisclien , war von seinen eitern für das kloster bestirnt worden, gelangte jedoch, dem widerstrebend, durch hilfe von verwanten, zum besuche einer unbekanten Universität, auf welcher er humaniora , theologie und besonders medicin studierte. Darnach erhielt er 1523 durch den pfalzgrafen Ludwig in Zweibrücken eine lehrerstelle und die aufsieht über den fürstlichen garten. Nach Ludwigs tode, 1532, übernahm er eine predigerstelle im nahen Städtchen Horubach im Wasgau. Hier übte er, neben dem evangelischeu predigtamte , aus- gedehnte medicinische praxis, und sezte auch sein botanisches lieb- lingsstudium eifrigst fort, die pflanzenreiche gegend zu diesem behufe tleissig und achtsam durchforschend. Durch confessionelle Streitigkei- ten ans seinem amte verdrängt fand er eine Zuflucht in Saarbrück, bei graf Philipp von Nassau, den er früher von einer schweren krankheit geheilt hatte, konte jedoch später nach Hornbach zurückkehren, und verwaltete von da ab sein predigtamt daselbst bis zu seinem im jähre 1554 erfolgten tode. Sein grosses botanisches werk, zu dessen ausarbeitung und Ver- öffentlichung Otto Brunfels ihn ernstlich angetrieben hatte, Hess Bock zuerst im jähre 1539 erscheinen unter dem titel „ New Kreutterbuch." Diese erste ausgäbe , wie alle folgenden in folioforraat , ist in zwei bücher geteilt, und enthält noch keine abbildungen. Einer zweiten, ebenfals in zwei bücher geteilten, die unter dem titel „Kreutterbuch" im jähre 1546 herauskam, sind 465 holzschnitte eingeschaltet; und in einer drit- ten, vom jähre 1551, ist ein drittes buch hinzugefügt und die zahl der holzschnitte um 72 vermehrt. Nach des Verfassers tode erschienen in den jähren von 1556 bis 1630 noch acht weitere ausgaben, teils unverändert, teils durch Melchior Sebitz (aber, wie Meyer urteilt, nicht zu ihrem vorteile) vermehrt. Diese lange ausgabenreihe bezeugt die grosse und dauernde beliebtheit des Werkes. Ich benutze die Strass- burger ausgäbe vom jähre 1556.^ Seinen zweck gibt Bock selbst, in der vorrede, als einen vier- fachen an. Er wolle 1) die einfachen erdgewächse, simplicia genant, so viel derselben im teutschen land ihm zu banden gestossen seien, wie , wo und w^ann sie waclisen , aufs aller fleissigste beschreiben ; 2) angeben, wann sie im jähre am besten zu finden oder anzubauen deinde solidis ac firmis descriptionibus ex priscis et autenticis autoribus prolatis, utrumque tentavimus atque curavimus." 1) Eine lateinische Übersetzung der deutschen ausgäbe von 1551 , von David Kyber besorgt, erschien ebenfals bei Wendel Rihel in Strassbuig, 1552 in 4", aus- gestattet mit den holzsclmitten der deutschen ausgäbe. 206 J. ZACHER seien, und welchen boden oder grund jedes liebe; 3) die deutschen, lateinischen , griechischen , arabischen und anderen fremden namen auf- führen; 4) endlich jedes gewächses eigenschaften und arzneiwirkungen nach Galen, Dioscorides und Theophrast, vornehmlich aber aus eige- ner langer erfahrung kund geben. Demgemäss bietet denn auch jedes kapitel zuerst eine ausführliche beschreibung , von der zweiten ausgäbe ab nebst beigefügter abbildung , und darnach folgt ein absatz „Von den namen," und ein zweiter „Von der kraft und Wirkung." Die abbildungen in Bocks Kräuterbuche sind zwar ebenfals meist^ nach der natur gezeiclinet, und auch gröstenteils ähnlich genug gera- ten , so dass die pflanzen darnach sicher erkant werden können ; sie stehen jedoch an naturtreue und an künstlerischer ausführung beträcht- lich hinter denen des Brunfelsischen werkes zurück. Dieser mangel rührt teils daher, dass sie nicht von einem kunstfertigen meister, son- dern von einem jungen autodidakten, David Kandel aus Strassburg, angefertigt worden sind, den der Strassburger Verleger, Wendel Rihel, dem Verfasser zugesant hatte, wahrscheinlich doch wol, weil er die kosten einer kunstgerechten ausstattung scheute; teils ist er, und wol aus demselben gründe, verschuldet durch den übelstand, dass fast alle abbildungen in der gleichen geringen höhe von ungefähr 14 centime- tern ausgeführt sind, wodurch namentlich die bilder der grösseren pflanzen, der Sträuche, und zumal der bäume, oft schematisierende und verkürzende Verunstaltungen erfahren haben. Dagegen machte nun Bock die beschreibung der pflanzen zur hauptsache , und übertraf in dieser seinen Vorgänger Brunfels bei wei- tem. Er schildert in sehr eingehender und anschaulicher weise den gesamtcharakter jeder pflanze , fügt angäbe ihres Vorkommens und ihrer fundorte hinzu , bietet überall selbst gesehenes und selbst beobachtetes, bemüht sich auch bereits , verwante pflanzen gruppenweise zusammen- zustellen, und vergleicht endlich die ergebnisse der eigenen beobachtung und forschung vorsichtig prüfend mit den angaben älterer berühmter schriftsteiler, insonderheit des Dioscorides. Demnach zeigt sein werk schon die ausgeprägten und einer fruchtbaren e'ntwickelung fähigen keime dessen, was wir gegenwärtig als Flora bezeichnen. Rühmende erwähnung verdient auch der stil. Bock ist mit poetischem sinne begabt, schreibt in ungekünstelter, aber anmutig belebter spräche, und erfreut durch reizende naivität und durch einen ergötzlichen auflug 1) Ein nicht nnerhcbli(^her teil derselben besteht freilich nicht aus neuen originalzeichnungen , sondern, wie Meyer 4, 306 angibt, nur „aus verkleinerten copien der grossen schönen Zeichnungen , Avelche Fuchs schon 1542 geliefert hatte." MACER UND DIE DEUTSCHE BOTANIK 207 von gefälligem humor, so dass er wol verdient in den litteraturgeschich- ten unter den prosaikern des sechzehnten Jahrhunderts lobend erwähnt zu werden. Leonhard Fuchs, geboren 1501 zu Membdingen in Baiern, widmete sich, nach dem besuch der schulen zu Heilbronn und Erfurt, auf der Erfurter Universität zumeist eifrig dem Studium der alten spra- chen, und erwarb sich daselbst, noch sehr jung, den grad eines bac- calaureus. Heimgekehrt eröfnete er in seiner Vaterstadt eine gelehrte schule, die er durch anderthalb jähre leitete, dann aber, seit 1519, die Universitätsstudien wider aufnahm, in Ingolstadt, avo er zunächst gleich- fals den klassischen studieu oblag und 1521 magister ward, darnach aber zu dem Studium der medicin übergieng und 1524 doctor der medi- cin wurde. Auch wante er sich damals in Ingolstadt, angeregt durch Luthers Schriften, zum protestantismus. Seitdem wirkte er als prac- tischer arzt oder als professor der medicin an verschiedenen orten: zuerst in München, dann, seit 1526, als professor zu Ingolstadt, darauf, seit 1528, als leibarzt des markgrafen Georg von Brandenburg, zu Ansbach, und widerum, im jähre 1533 als professor zu Ingolstadt. Aber noch im selben jähre ward er durch die Jesuiten von dort ver- drängt und kehrte wider in seine frühere Stellung nach Ansbach zurück. Endlich ward er 1535 als professor nach Tübingen berufen, und ver- blieb in diesem Wirkungskreise bis zu seinem im jähre 1566 erfolg- ten tode. Fuchs scheint ein zwar recht gelehrter und scharfsinniger, aber auch ein eitler, unruhiger und streitsüchtiger mann gewesen zu sein. Seine medicinischen Schriften tragen zum teil den Charakter heftiger Streitschriften. Sein botanisches hauptwerk erschien zuerst in lateini- scher spräche bei Isingriu zu Basel 1542 in gross folio unter dem pomphaften titel: De historia stirpium commentarii insignes, maximis impeusis et vigiliis elaborati , adjectis earundem vivis plus quam quingen- tis imaginibus uunquam antea ad naturae imitationem artificiosius effic- tis et expressis, Leonarto Fuchsio, medico hac nostra aetate longo clarissimo, auctore etc. Kurz darauf, 1543, folgte in demselben Ver- lage die um 6 abbildungen vermehrte deutsche bearbeitung, unter dem titel „New Kreüterbuch, in welchem nit allein die gantz histori, das ist namen, gestalt, statt vnd zeit der wachsung, natur, krafft vnd würckung , des meysten theyls der Kreüter so in Teütschen vnnd andern Landen wachsen, mit dem besten vleisz beschriben, sonder auch aller derselben wurtzel, stengel, bletter, blümen, samen, frücht, vnd in summa die gantze gestalt, allso artlich vnd kunstlicli abgebildet vnd contrafayt ist, das deszgleichen vormals nie gesehen, noch an tag 208 J. ZACHER komen. Durch den hocligelerten Leonhart Fiichsen der artzney Doc- torn, vnnd derselbigen zu Tübingen Lesern." usw. Über den zweck seines werkes bat der Verfasser selbst sieb aus- gesprocben in der dem deutseben texte vorangescbickten dedication an frau Anna, die gemabliu des römisclieu königes: sein lateinisches werk habe er verfasst und herausgegeben für ärzte, sein deutsches aber nicht deshalb, „damit auch der gemein man kündte jhm selbert in der not artzney geben, vnd allerley kranckheyt heylen. (Dan mir wol bewüsst, das vil mehr zu einem rechtgeschaffnen artzt gehört, dan allein kreü- ter vnd derselbigen würckung erkennen vnd wissen)"; sondern weil er für gut und nttzlich befunden habe , „ das die kreüter nit allein von den ärtzten, sonder auch von den Leyen vnd dem gemeinen man in gärten hin vnd wider vleissig gepflantzt vil aufferzogen werden , darmit derselben erkantnuss in Teütschen landen dermassen täglich wachs vnd züneme, das sie nimer in vergessung möge gestelt werden." Darum „hab ich," fährt er fort, „in dem Teütschen mich in sonderheyt beflis- sen, das die ding so dem gemeinen man zu wissen nit dienstlich noch notig sind, wurden außgelassen vnd überschritten. Hergegen hab ich die bescbreibung der gestalt aller kreüter vil völliger gemacht, vnd baß herauß gestrichen, dan vormals im Latein geschehen, darmit die- selbigen menigklich dermassen würden jngebildet, das sie fürhin niiher in einigerley vergessen komen möchten." Seinem also angegebenen zwecke gemäss liat Fuchs jedes, von einer oder mehreren abbildungen begleitetes kapitel der deutscheu bear- beitung seines werkes in folgende abschnitte geteilt: „Namen. Geschlecht. Gestalt. Statt irer wachsung. Zeit. Die natur vnd complexion. Die kraff't vnd würckung." Die beuennungen der pflanzen hat er hier meist nur einfach aufgeführt, und für deren begründung und kritik, so wie überhaupt für alle gelehrte erörterung auf sein lateinisches werk ver- wiesen. Dagegen folgt er in der pflanzenbeschreibung dem vorbilde seines Vorgängers Bock, dessen werk er auch vor sich gehabt, und es auch reichlich, und meist wörtlich, nur kürzend, ausgeschrieben liat. Selbständiger aber verfährt er, seiner medicinischen berufstätigkeit, neigung und absieht entsprechend, in der reichhaltigeren und über Bock hinausgehenden angäbe der Verwendung der pflanzen für heil- zwecke. — Im algemeinen ist in dem Kreuterbuche von Fuchs die darstellung klar und bündig, aber nüchtern, schematisch eingeschnürt, und überall an die entstehung in der studierstube des gelehrten erin- nernd. Es gebricht dem Verfasser der poetische hauch und die erquik- kende einfachheit und Unbefangenheit des mit kindlichem sinne aus der vollen natur schöpfenden naturfreundes und naturbeobachters Bock, MACKR UND DIE DEUTSCHE ÜOTANTK 209 Daher erklärt es sidi auch , weshalb bei Fuchs die von Bock so reich- lich angegebenen stand- und fundörter der pflanzen fehlen. Den hauptwert geben dem Fuchsischen werke die vortreflichen, von den malern Heinrich Füllmaurer und Albrecht Meyer und dem formschneider Veyt Rüdolff Speckle verfertigten abbildungen, deren dieser band etwas über 500 enthält. Meist nach musterhaften, und höchst geschickt und ZAveckmässig dazu vorgerichteten und ange- ordneten exeniplaren in scharfen umrissen ausgeführt, und jedesmal die ganze seite des grossfolioblattes einnehmend, geben sie deutliche, natur- treue und zugleich künstlerisch aufgefasste bilder, von denen Meyer mit recht rühmt, dass viele derselben, wenn ein neuerer künstler die für uns jezt nötigen analysen der blumen und fruchte hinzufügte , sich noch heute den besten, die wir besitzen, zur seite stellen könten. — Das bild von Fuchs selbst, in ganzer figur, ist auf der rückseite des titeis, die brustbilder der maier und des formschneiders sind auf der lezten seite des werkes hinzugefügt. Diese pflanzenabbildungen sind, nach Meyers angäbe, in verklei- nerter gestalt auch einzeln erschienen „ mit deutschen und lateinischen namen , und mit einer vorrede von Fuchs, sonst aber ohne text, in zwei ausgaben, bei demselben Verleger, beide im jähre 1545, in octav." Auch ist das werk, ohne mitwirkung von Fuchs, nachgedruckt, und ins Niederländische , Französische und Spanische übersezt worden ; so wie auch die kleinen textloseu ausgaben nachdrücke mit sehr kleinen, wertlosen abbildungen erfahren haben. Diesem werke, welches, wie aus dem hier berichteten deutlich hervorgeht , ebeufals eine höchst wertvolle Vorarbeit zur deutschen flora bildet, beabsichtigte Fuchs noch eine fortsetzung gleicher beschaffen- heit folgen zu lassen. Zwei weitere bände, widerum je 500 oder mehr abbildungen nebst zugehörigem texte befassend , scheint er auch im manuscripte vollendet zu haben; weil aber kein Verleger die herstel- lungskosten daran wagen wolte, und eine erbetene und auch in aus- sieht gestelte fürstliche Unterstützung ausblieb, sind sie nicht in den druck gelangt. Die handschrift aller drei bände soll 1732 in Wien um 300 gülden feilgeboten worden sein , ist aber seitdem verschollen ; und auch die dazu gehörigen bereits fertigen in holz geschnittenen for- men sind verzettelt worden und nun wol auch meist verkommen und verloren; doch mag sich vielleicht ein teil derselben, nach Meyers Ver- mutung, in Tübingen erhalten haben. Unter denen , welche diesen drei bahnbrechenden meistern , Bruu- fels, Bock und Fuchs, eifrig und erfolgreich nachstrebten, hebe ZEITSCHR. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD, XII. 14 210 J. ZACHER ich nur noch mit kurzer erwähuung hervor den doctor der medicin Jacob Theodor, oder, wie er nach seinem geburtsorte Bergzabern benant wurde, Tabernaemoutauus. — Angeregt durch seinen pfäl- zischen landsmann Bock, der von ihm mit grosser Verehrung erwähnt und als „mein lieber praeceptor seliger Hieronymus Tragus Brettanus " bezeichnet wird, verfasste Tabernaemontanus in 36jähriger arbeit, und unter vielen durch die beträchtlichen herstellungskosten verursachten mühen und sorgen, ein grosses kräuterbuch, für welches er endlich, wäh- rend er als practischer arzt zu Neuwhausen in der Pfalz würkte , in dem Frankfurter buchhändler Nicolaus Bassins einen Verleger gewann. Bei diesem erschien das werk zuerst 1588, in folio, und ward darnach, durch Nicolaus Braun, und weiter durch Caspar Bauhinus verbessert und vermehrt, in einer langen bis auf Linnes zeit herabreichen- den ausgabenreihe oft wider gedruckt. Ich benutze die durch Bau- hinus in zwei statlichen foliobänden besorgte Frankfurter ausgäbe vom jähre 1613. Auf eine sorgfältige beschreibung der einzelnen pflanzen, in welche bei den seltneren oder minder bekanten auch angaben der fundorte auf- genommen sind, lässt Tabernsemontanus stets eine kritische und auch die neueren lebenden sprachen berücksichtigende erörterung der beuen- nungen folgen, und darauf eine sehr ausführliche und reichhaltige abhaudluug über die anwendung der betreffenden pflanzen und der aus ihnen bereiteten medicamente (extracte , weine , salben u. dgl.) zu inner- lichem und äusserlichem heilgebrauche. Denn als arzt rühmt er ebeu- fals noch die simplicia, die pflanzen, als die besten und wirksamsten heilmittel, und widmet demgemäss auch der medicinischen nutzanwen- dung so überwiegende beachtung. Jedoch auch in den rein botanischen abschnitten seines Werkes Übertrift er seine Vorgänger durch reichtum und anordnung des dargebotenen. Namentlich bemüht er sich , alle ihm bekant gewordenen arten einer gattung zusammenzustellen und hinter einander abzuliandelu. So bespricht er z. b. bereits an die 30 oder mehr arten der gattung Ranunculus, wobei er freilich art und Spielart noch nicht bestimt auseinanderzuhalten vermag. Und widerum auch werden die beschreibungen fast jeder im texte behandelten art unterstüzt durch abbildungeu, welche in holzschnitt zwar nicht mit künstlerischer Vollendung, aber doch so geschickt ausgeführt sind, dass sie bei einer geringen durchschnittlichen liöhe von nur ungefähr 12 cen- timetern doch naturgetreue darstellungen ergeben, in denen die pflan- zen sicher erkant werden können. Dem texte vorangedruckt ist ein Verzeichnis von mehr als 100 benuzten Schriftstellern, welches von Fythagoras und Aristoteles bis MACEE UND DIE DEUTSCHE BOTANIK 211 auf des Verfassers Zeitgenossen herabreicht. Bock und Fuchs sind darin aufgefülirt, während es auffallen rauss, dass Otto Brunfels fehlt. Auch Aemilius Macer erscheint hier widerum unter den gewährsmäunern, und wird auch im texte ab und zai genant, zuweilen unter hinzufüguug einiger verse des lateinischen gedichtes, während er mir bei Bock und Fuchs nicht aufgestossen , und von diesen beiden vielleicht auch nicht unmittelbar benuzt worden ist. In diesem grossen hier kurz dargelegten zusammenhange gewint der Macer Floridus erst seine volle bedeutung. Sein unbekanter Ver- fasser hatte aus quellen, welche ihm und seinen Zeitgenossen als die wertvolsten und zuverlässigsten galten, eine blumeniese des wichtig- sten zusammengestelt über die heilwirkungen. solcher pflanzen und gewürze, die damals fast sämtlich für jedermann leicht und billig zu erreichen waren , und hatte damit nicht nur ein bequemes handbüchlein für ärzte geliefert, sondern zugleich auch eine anleitung zu einer haus- apotheke, die von höchstem werte sein muste zu einer zeit, wo ärzte und apotheker noch selten und teuer zu haben waren, und jede haus- frau zugleich auch noch hausarzt war. Wie aber die in sein gedieht aufgenommenen angaben zum teil schon aus sehr alter Überlieferung stammen, so haben sie sich auch weiter fortgepflanzt, durch die heil- mittellehren der arabischen und salernitanischeu ärzte, und dann widerum durch die von deutschen ärzten verfassten kräuterbücher bis über das 16. Jahrhundert hinaus. Und wenn sie gegenwärtig auch aus den gelehr- ten botanischen und medicinischen handbüchern verschwunden sind, so bewahrt doch noch manche erfahrene hausfrau und hausmutter eine reiche kentnis altbewährter hausmittel aus dem pflanzenreiche, und verficht die in eigener erfahrung erprobte Wirksamkeit derselben tapfer gegen die gleichgiltige oder gar abschätzige meinung des akademisch gelehrten arztes. Andrerseits freilich mag auch gar manches stück des heute noch unter dem volke gangbaren aberglaubens aus solchen alten und zum teil uralten Überlieferungen herstammen. Heutiger wissenschaftlicher prüfung würden sich vielleicht nicht wenige von Macers angaben als medicinisch wertlos oder aucli irrig und sogar schädlich herausstellen , damals jedoch wurden sie algemein für glaubwürdig gehalten , durch das ganze mittelalter fortgeführt , und mit neuen angaben vermehrt, welche eben so gläubige aufnähme fan- den, bis endlich nach dem wideraufleben der klassischen Studien kritik und eigene forschung erwachte und almählich erstarkte, wie denn auch die ärzte des 16. Jahrhunderts in ihren kräuterbüchern das selbsterfah- rene und selbst erprobte ausdrücklich betonen. Je weniger man aber 14* 212 J. ZÄCHEK im mittelalter die glaubwürdigkeit und Zuverlässigkeit der angaben Macers bezweifelte, desto mehr empfahl sich das büchlein den gelehr- ten durch die handlichkeit seines umfanges und durch die gefälligkeit und bequemlichkeit seiner hexametrischen versform. Und weil es durch seine beschränkung auf leicht und überall erreichbare mittel zugleich auch dem bedürfnisse der ungelehrten so vorzüglich entgegenkam , ward es auch diesen durch deutsche Übersetzung zugänglich gemacht. Hieraus ergibt sich, dass die deutsche bearbeitung des Macer Floridus einen nicht unerheblichen kultur - und litteraturgeschichtlichen wert besizt. Aber auch in sprachlicher beziehung ist sie von Wichtig- keit, teils überhaupt als ein denkmal der deutschen lehrhaften prosa des 13. und 14. Jahrhunderts , teils auch , weil sie eine anzahl minder üblicher ausdrücke darbietet, die in Sprachdenkmälern anderen Inhaltes selten oder gar nicht begegnen. Joseph Haupt hat volkommen recht, wenn er, in seiner abhandlung „Über das mitteldeutsche arzneibuch des meisters Bartholomaeus," die deutschen philologen wegen ihrer Vernach- lässigung der mittelalterlichen naturwissenschaftlichen und medicinischen litteratur tadelt, und ihnen zu kritischer bearbeitung und herausga,be insonderheit empfiehlt: das grosse methodische medicinische werk, welches die mittelhochdeutschen Wörterbücher als „Diemers Arznei- buch" bezeichnen; die Practica des Meisters Bartholomaeus; den Macer Floridus; und das Obst- und Weinbüchlein des Gotfried von Franken.^ Leicht und bequem ist eine solche arbeit freilich nicht, wegen der sehr verwickelten und verzwickten handschrift- lichen Überlieferung, viel nützer aber und viel verdienstlicher wäre sie unzweifelhaft als die besorgung eines abdruckes so mancher wertlosen reimerei. Ein recht schlagendes zeugnis für die algemeine Verbreitung und die hohe Schätzung dieser arzneibücher während des mittelalters gewährt eine äusserung des bruder Berthold , der als wirksamer volksprediger seinen nach tausenden zählenden und aus allen ständen gemischten Zuhörern doch nur derartiges darbot, was allen fassbar und einleuch- tend war, und eben deshalb seines wuchtigen eindruckes nicht verfehlte. In einer predigt „Von des libes siechtuom unde der sele töde" sagt er : ^ „ Sumeliche liute hänt den siechtuom , den alle meister nicht ver- tribeu künnent; unde gieugen alle meister zuo, die von erzenie ie geläsen, die künden etelichen siechtuom niemer vertriben noch gebüe- 1) In der Wiener papierhandschrift des 14. Jahrhunderts nr. 2977 lautet sein titel: Lucidarius von allir ley pfroppfunge der boume vud wie man den weyn legen vnd halden sali. 2) Berthokl von ßegensburg , herausg. von Fz. Pfeiffer. Wien 1862. 1, 517. MACEE UND DIE DEUTSCHE BOTANIK 213 zen; unde lebte noch lier Galienus uiide her Oonstantinus imde her Avicennä unde her Macer unde her Bartholomeus , — die wären die aller hohesten meister die von erzenie ie geläsen, unde habeut alle künste erfunden und erdäht, diu von erzenie ie wart erdälit — , unde lebten die alle noch , sie möhten etelichen siechtuom niemer gebüezen." Und ungefähr um dieselbe zeit rühmt den Macer in gleich bevorzugen- der weise der Verfasser des deutschen Cato, wenn er (ed. Zarncke, Leipzig 1852. s. 40) mit bezeichnender gegenüberstellung sagt : über die kräfte der pflanzen gebe Macer auskunft, wie Marbod über die der steine: Wildü kündic werden 240 ze büwen die erden, daz si dir vruht müez gebende wesen, so soltü Virgiljuui lesen; so tuot dir Macer kuntschaft würzen unde kriuter kraft, 245 der steine Lapidärjus; strit und urliuge Lücänus. Den oben abgedruckten bruchstücken einer deutschen bearbeitung des Macer Floridus habe ich, um die beurteilung des deutschen textes zu sichern und zu erleichtern, die entsprechenden stücke des latei- nischen textes nach Choulants ausgäbe beigegeben. Auch habe ich einige berichtigende oder erläuternde anmerkungen hinzugefügt, wofür die obengenanten arzneimittellehren und kräuterbücher in ihren ent- sprechenden, teils aus Macer selbst geschöpften, teils aus derselben Urquelle und Überlieferung herstammenden angaben verlässigen anhält darboten. Vergleicht man nun den deutschen text mit dem lateinischen, so ergibt sich, dass der deutsche bearbeiter seine aufgäbe im algemeinen mit richtigem Verständnis und anerkennenswertem geschick gelöst hat, so dass ihm nur wenige und geringfügige versehen untergelaufen sind. Übergangen hat er gleichfals nur weniges, und meistens nur solche stellen, welche gelehrte litterarische notizen enthalten, und ihm des- halb practisch entbehrlich schienen, oder auch solche, welche geschlecht- liche Verhältnisse in einer ihm anstössigen weise berühren. Dagegen bieten die hier abgedruckten deutschen bruchstücke drei kapitel dar, welche sieb im lateinischen texte des Macer Floridus nicht vorfinden, weder in dessen alten echten kapiteln, noch unter den später hinzu- gekommenen unechten, die Choulant seiner ausgäbe des Macer, und auch nicht unter jenen unechten, die Keußs seiner ausgäbe des Hortu- 214 J. ZACHER lus von Walafrid Strabus ^ anhangsweise beigefügt hat. Es sind die kapitel xvj. Beta, heisgresse; xsx. Cucumer, cuntir; xxxj. Cerviboletum, Mrsesswam. Anlangend kapitel 16. Beta, lehrt die vergleichung mit den Pan- dectae medicinae des Silvaticus, dass das im deutschen texte dieser bruchstücke gesagte dem inhalte nach im wesentlichen übereinstimt mit dem was Silvaticus darbietet als geschöpft aus Dioscorides, und dasselbe ergebnis liefert für das in kapitel 30 über Cucumer berichtete die vergleichung mit dem Liber de simplicibus des Serapion. Demnach ist zu vermuten, dass der deutsche bearbeiter des Macer diese beiden kapitel aus einem lateinischen Dioscorides, oder aus einer von diesem abgeleiteten quelle entnommen und eingeschaltet habe. — Dagegen ist es mir nicht gelungen von kapitel 31. Cerviboletum, die quelle zu ent- decken. Gemeint ist nach aller Wahrscheinlichkeit Lycoperdum cervi- num , hirschtrüffel , ein schwamm , der ehemals unter der benennung Boletus cervinus in der medicin gebraucht wurde. ^ Der lateinische Macer, Serapion, Platearius, Silvaticus, und der Ortus sanitatis bieten nichts entsprechendes. In den kräuterbüchern von Bock und Fuchs sind die schwämme überhaupt nicht behandelt, und Tabernaemontanus widmet ihnen gegen ende seines Werkes nur ein kapitel, in welchem er der „Hirtzbrunst," oder des „Hirschschwammes," oder der „Erd- morchel " und ihrer Wirkung nur ganz kurz und obenhin gedenkt. — Ebensowenig habe ich bei kapitel 32 die quelle der wunderlichen in der deutschen bearbeitung gebrauchten lateinischen und deutschen benen- nungeu: „Caratum, stopf den buch'''' auffinden können. Gemeint ist zweifellos, wie die vergleichung des lateinischen textes beweist, „Inula Helenium ," oder , wie die benennung früher gewöhnlich lautete , „ Enula campana, Alant." Für ein lateinisches Caratum wolte sich nirgend ein anhält darbieten, und die anderwärts ebenfals vergeblich gesuchte deutsche benennung „ Sto^if den buch " stimt doch kaum zu dem im texte über die Wirksamkeit der Inula berichteten. Alle drei kapitel 16. 30 und 31 scheinen aber bereits der älte.- sten deutschen bearbeitung des Macer angehört zu haben. Denn kap. 16. Beta, heizgresse unserer bruchstücke entspricht nach aller Wahrschein- lichkeit dem kap. 67. hetz in der (oben als nr. 2 verzeichneten) Wiener handschrift nr. 5305 , nach Haupts angäbe in seiner abhandlung Über das arzneibuch des meisters Bartholomaeus s. 85 [533]; und gleicher- weise scheint kap. 30. cucumer, cuntir unserer bruchstücke dem von 1) Walafridi Strabi Hortulus, auctore F. A. Reuss. Wirceburgi 1834. 2) Nemnich, Polyglotten -lexicon der natiirgeschiehte 3, 473. s. v. Lycoper- dum cervinum. MACER UND DIE DEUTSCHK BOTANIK 215 Haupt ebendaselbst angefürteii kap. 86 pedeme derselben Wiener hand- schrift zu eutsprcchon. Endlich kap. 31. cerviboletum unserer bruch- stücke begegnet ebensowol in derselben Wiener handsclnift nr. 5305, wie in der oben als nr. 3 verzeichneten vaticanischen nr. 4847, und zwar in beiden als kap. 90. cerviboletus, liirzsivam. Wenn aber , nach der kapitelzahl der beiden eben genanten hand- schriften, der Wiener und der vaticanischen, zu schliessen, die älteste deutsche bearbeitung 90 kapitel enthielt , so übertraf sie den nur 77 capitel darbietenden lateinischen text um 13 kapitel, welche folg- lich der deutsche bearbeiter aus anderen quellen entnommen haben muss. Endlich bleibt noch zu erwähnen, dass auch eine Übersetzung in deutsche gereimte verse, aber eine ziemlich übel geratene, neuerdings aufgefunden worden ist, in einer 299 folioblätter befassenden papier- handschrift aus dem anfange des 15. Jahrhunderts in der Biblioteca Bertholiana zu Vicenza , über welche A. Schönbach in Haupts Zeitschrift für deutsches altertum (Berlin 1877) 21, 434 eine kurze nachricht mit- geteilt hat. Sie folgt in dieser handschrift nach einem italienisch - lateinischen kräuterbuche auf den blättern 142 — 269, und begint: Erbarum quasdam dicturus carmine vires Herbarum matrem, dedit Arthemisia nomen cui grecus sermo, justum puto pouere primum. Ich wirdt sagen von etlicher wurtzen kraft als ich gefunden hab in der maisterschaft. dy kriechisch sprach hat geben an allen list der pesmalten ^ ein besunderen nam ze diser frist, ain muetter der kreutter, und Arthemisiam; und darumb ist recht von ir zu heben an. Der schluss lautet bl. 269 : Hie ist explicit Macer Herbarum, aber du solt nicht fragen warumb. HALLE, APRIL 1880. J. ZACHER. 1) pesmalte, d.i. besenmelde, ist ein vulgärname der Artemisia abrotanum, der stabivurz. Diese benennung fehlt in den Wörterbüchern von Müller- Zarucke, Lexer und Grimm , wird aber aufgefülirt von Diefenbach in seinem Glossarium latino-germanicum (Prancof. 1857) s. 51 '' unter artemisia als pesemnalten. Des- gleichen bieten Bock s. 129*, Tabernacmontanus 1, 52 und Nemnich 1, 466 für artemisia abrotanum, stabivurz, die ganz ähnlich gebildete Vulgärbenennung besen- kraut. 21G BEHAGHEL, DATIV UND ACCUSATIV DATIV UND ACCUSATIV. Zu ztschr. 11, 73. Kinzel will in seinem autsatze in dieser ztschr. XI, 73 meine Untersuchung Germ. XXIV, 24 fgg. ergänzen. Besonders findet er es einseitig, dass ich nur von casusvertauschung beim pronomen gespro- chen habe, während doch beim Substantiv ebenfals accusativ für dativ und dativ für accusativ vorkomme. Dies erhärtet er durch eine reihe von belegen. Vermutlich ist mancher leser dieser Zeitschrift zur ansieht gekommen, dass mich die götter mit blindheit geschlagen. Glücklicher weise aber liegt das übersehen nicht auf meiner seite. Erstens hat Kinzel folgenden satz meiner abhandlung übersehen (s. 30): „... habe ich hier bei der Zählung die beispiele, wo der casus von einer Präposition begleitet ist, nicht berücksichtigt. Denn in diesen fällen beschränkt sich die vertauschung nicht auf die pronomina; sie erscheint algemein, auch bei Substantiven. Hier geht sie offenbar aus von den Präpositionen, die sowol dativ als accusativ regieren, dehnt sich dann nach und nach mit der zeit so ziemlich auf alle präpositio- nen aus." Zweitens hat er übersehen — und das ist schlimmer — , dass unter seinen beispielen von accusativ der substantiva statt dativ kein einziges ist, wo nicht der casus mit einer präposition ver- bunden wäre. Nicht einmal das ist ihm aufgefallen, dass unter den 14 aus Alexander angeführten beispielen von apocope des e im dativ der substantiva dreizehn fälle des angeblichen dativs bei präpositionen stehen (und das vierzehnte ist verdorben). Diese fälle sind natürlich ebenso zu beurteilen , wie die von ihm s. 76 unter c angeführten , d. h. es steht accusstiv statt dativ bei der praeposition.^ Die von Kinzel beigebrachten tatsachen von accusativ des Substantivs für dativ sind also gerade diejenigen, deren heranziehung ich ausdrücklich und aus guten gründen zurückgewiesen hatte. Denn dass eine casusvertauschung, die nur bei präpositionen stattfindet, nichts zu tun haben kann mit einer solchen, die bei allen Verwendungen der betreffenden casus ein- tritt, das liegt auf der band. Aus gleichem gründe ist es auch unzu- lässig, die von Kinzel und mir angeführten vertauschungen mit der tatsache in Verbindung zu bringen , dass auf niederfränkischem , nieder- deutschem und teilweise auf mitteldeutschem gebiet der dativ des star- ken adjectivs von einer gewissen zeit au auf -e« statt auf -e/M ausgeht, ]) Übrigens kann keine rede davon sein, dass in liüs das dativ -e apoco- piert sei. THIELE, BRIEFE AN ESCHENBÜRCx 217 also accusativ imd chitiv des masciüins gleich werden (aber nicht des feminins und des neutrums!). Auch die wenigen beispiele von dativ des Substantivs für accu- sativ haben weder mit den casusvertauschungen des pronomens noch mit dem Übergang des m in u etwas zu tun. Es sind nur einzelne bestimte verben: ein paar beispiele bei heilen, ^ eines bei miiowen, eines bei gcrinwcn. Dunken, von dem Kinzel ein beispiel anführt, gehört nicht hierher (got. thugkeith misü). Bei heizen richtet sich der dativ nach der construction bei dem synonymon gebieten, bei muowen und riuiven nach ausdrücken wie : mir ist wc, mir ist leide usw. Kin- zel selbst illustriert die tatsache, dass ein wort die constructionsweise eines synonymons erhalten kann; er schreibt s. 74: „Einer besonderen erwähnung verdienen die fälle." HEIDELBERG, DEN 17. FEBK. 1880 OTTO BEHAGHEL. BRIEFE AN JOH. JOACH. ESCHENBURG. I. Von Christian Felix Weisse. A Monsieur Monsieur Eschenburg, Gouverneur ^ au College illustre de & ä Brunsvs^ig. Warum so viele Entschuldigungen, mein liebster Freund;, über Ihre verzögerten Beyträge zur Bibliotheck ? ^ es ist ja ohnedieß bloße Güte, daß Sie in Zukunft Theil daran nehmen wollen.^ Ich danke Ihnen also von ganzem Herzen für das Ueberschickte : beunruhigen Sie sich wegen des nächsten Stückes nur nicht: ich will es so gut auszu- füllen suchen , als ich kann , da mir die itzigen Festtage * einige Stun- den Zeit verschaffen, Die Abhandlung über die Chinesische Malerey, die ich auch schon zu übersetzen angefangen , wird recht gut , die Stelle der Abhandlung vertreten.^ Ob des Guys Lettres sur les Grecs eine ßecension verdienen, zweifle ich beynahe: was er von Künsten sagt, ist ka^m der Mühe werth und wie mich deucht, schon zehnmal besser gesagt.*^ Bei der Recension des Lessingischen Trauerspieles habe ich das Bedenken , daß gleichwohl diese Zeitung , die wenigstens bey uns hier bekannt ist , in fremde Hände fallen und den Verfassern der Biblio- theck, die mau nicht kennt, den Vorwurf des Abschreibens zuziehen möchte.'^ Zweytens bin ich noch immer der Meynnng, daß ich die 1) Vgl. Eilh. 4380 dö hiz he cleme hnapin. Serv. 1 , 58 als hy synen jonghe- ren Met. Herb. 26263 und hiezen in (sc. den fromven). 218 THIELE Bibliotheck mehr den Künsteu und Aestlietischen Büchern als dem deut- schen Witze ^ gewiedmet seyn lasse. Ich habe es aus der Erfahrung, daß man entweder nichts thun, als loben, oder sich den größten kriti- schen Anfechtungen aussetzen muß, wenn man seine Gedanken mit Freymüthigkeit zu sagen waget : ^ dieß lezte würde aber mein Leben mit Unruhe erfüllen, und ich habe weder Muth noch Kräfte, mich in Streitigkeiten einzulassen , noch eine bittere Eache gleichgültig zu ertra- gen, die gelegentlich nicht außen bleibt. Dieß ist auch die wahre Ursache , warum ich bisher auch von unsern besten kSchriftstellern , oder vielmehr Dichtern geschwiegen habe. Ich habe dadurch so viel gewon- nen , daß ich auch dadurch die Zudringlichkeit der mittelmäßigen Köpfe von mir abgewiesen habe, die mir Kecensionen abgefodert haben. Ich weiß nicht, ob Sie diese meine Beweggründe für gut halten: aber ich denke, unsterbliche Werke werden ohnedieß von aller Welt gelesen: die gelehrten Journale und Zeitungen sind itzt so eine große Menge, die jedes Werk dieser Art anpreisen, daß wenn ich auch nichts dabey thue , als bloß mit einstimmen , für das Publicum , nicht der mindeste Vortheil erwächst. Aesthetische und Kunstbücher zu prüfen, ist aber der wenigsten ihre Sache: wenige Journale lassen sich darauf ein und gleichwohl nimmt die Kunstliebhaberey so itzt unter uns zu, daß sie vorzüglich ein Gegenstand der Kritick zu seyn scheinet. Wenn ich bis- weilen eine Recension über Poesien mit eiugestreuet habe, so ist es der Abwechslung wegen, und bey solchen Schriftstellern geschehen, die bey Genie noch Besserung bedürfen, die meine Kritick nützen kön- nen und von denen ich hoften darf, daß sie mir verzeihen, wenn ich auch irrte. Doch dieß sage ich Ihnen alles ins Ohr, als einem meiner Busenfreunde. Sie haben doch meiner Sophia *" Ihre Kritick beygefügt? Dieß wünsche ich vornehmlich. Herr Döbbelin^^ ist hier und ich freue mich darauf, unseres Lessings treffliche Emilia zu sehen: er wird, wie ich höre , damit den Anfang machen. Gern schrieb ich ihnen mehr, mein Theuerster , aber man fodert mir meinen Brief ab. Ihre Beyträge zur Bibliotheck will ich Ihnen nach den Bogen getreulich berechnen und die Mad. Dyckin ^^ bittet sich aus, ihr nur wissen zu lassen, was Sie gern von ihren Verlagsbüchern haben möchten. Meine Frau und Kinder empfehlen sich Ihnen freundschaftlich auf das lebhafteste. Erhal- ten Sie mir des Herrn Pr. Eberts/^ Gärtners,^* und Lessings Gewo- genheit. Ich bin lebenslang Ihr Leipzig d. 16. Apr. [1772]. Weiße. Eiligst. BRIEFE AN ESCHENBÜRG II. Von Fried. Nicolai. 219 1. Herrn Prof. Eschenburg Berlin tl. 15. Dec. 1781. in Braunschweig. Ich bitte Sie um Verzeihung mein theuerster Herr und Freund daß ich Ihr Schreiben v. 14. Novbr nicht eher beantwortet habe. Ich habe wirklich so viele Geschäfte vorgefunden, dalS ich Ihnen jetzt auch nur in großer Eile schreiben kann. Daß ich das dankbarste Andenken an die glücklichen Tage hege, die ich in Ihrer Gesellschaft zugebracht habe, können Sie mir gewiß glauben. Wollte Gott ich könnte so glücklich seyn, Sie ganz hier zu sehen. Aber was könnten wir Ihnen hier anbieten , was Ihrer dortigen Lage gleich käme. Wenigstens hofte ich doch, daß Sie einmahl eine Reise hieher thun werden. Ich danke Ihnen für die Schriftproben die recht gut sind, und über die Preise des Druckes würde sich ja allenfalls auch mit dem Drucker eine Auskunft finden laßen. ^^ Aber die Hauptschwierigkeit ist immer noch das Papier. Wenn sich Herr Rückling nicht sollte bewe- gen lassen, für solches Papier wie Lessings Bejträge haben, ^® zu sorgen, so muß ich Sie mein bester Freund bitten, sich die Adresse an den Papiermacher geben zu lassen (die ich hier nicht finden kann) an denselben einen Bogen zur Probe zu senden, und ihn zu fragen, ob er etwa 5 ä 6 Pallen solches Schreibpapieres diesen Winter noch liefern könne, und wie theuer, frcö bis Braunschweig liefern könne, gegen gleich baare Bezahlung, sobald es Probemäßig geliefert wor- den. Ich habe die Anzahl der Pallen angegeben , in der Meinung, daß es 25 ä 30 Bogen ä 1000 Auflage werden würden. Sollten Sie es stärker schätzen, so bitte ich Sie, verhältnißmäßig die Anzahl des Papieres zu schätzen. Sobald ich den Preis erfahre, so werde ich gleich die Bestellung gleich ganz richtig machen. Verzeihen Sie daß ich Sie hiemit beschwere. Ich weiß mir nicht anders zu helfen. Nun bitte ich Sie auch mir gelegentlich zu melden ob ich hoffen darf, daß der 2. Band zum Hederich^' der ganz Ihre Arbeit seyn wird,'^ zu Ostern 1783 gedruckt zu sehen hoffen kann, und wann Sie glauben , daß der Anfang des Druckes geschehen könne. Auch bitte ich den lieben H. Schmid Ph. (den ich von ganzem Herzen umarme) zu ersuchen, daß Er Ihre Intention hierüber in seiner Vorrede zum 1. Bande bekannt machen möge. ^^ Ich habe Ihnen ein Pro M. wegen verschiedener Nachrichten die ich verlangte, hinterlaßen, das ich Ihrer gütigen Besorgung empfehle. 220 THIELE Zwey ähnliche P. M. über andere Nachrichten habe ich an H, Ch. Schmid Ph. und H. Bibliothekar Langer ^^ gegeben. Seyn Sie doch so gütig beide daran zu erinnern. Auch wünschte ich eine genauere Beschreibung der gläsernen Maschine in der herzoglichen Naturalienkanimer in Brauuschweig, wo- durch der Umlauf des Blutes vorgestellt wird. Ich habe den H. Prof. Zimmermann ^ * in einem Billet darum gebeten. Darf ich bitten , die- sen lieben so gern procrastinirenden Mann daran zu erinnern. In den Gothaischen Gelehrt. Zeitung, nr. 70 von 1781 steht: Ein Windmüller Felter in Leinde bei Wolfenbüttel habe einen Wagen ver- fertigt , mit welchem er ohne Pferde vermittelst, des Windes fahre. Ich wünschte Nachricht, ob dieses wahr? und in solchem Fall genaue Beschreibung der Maschine und ihrer Wirkung. Verzeihen Sie die viele Bemühung, die ich Ihnen verursache. Ich bitte Sie noch, mich und meinen Sohn^^ Ihrer liebenswürdigen Frau Gemahlinn, Ihrem Herrn Schwiegervater,^^ und allen den ver- ehrlichen Leuten, in deren Umgang ich so vieles Vergnügen gehabt habe zu empfehlen. Ich bin von ganzem Herzen Ihr ergebenster Diener Fr. Nicolai. Herrn 2. Herrn Eschenburg HerzogL Hofrath und Professor Berlin den 6. August 1803. am Carolinum zu Braunschweig. Ich ^^ habe , mein würdigster Herr und Freund , Ihr Schreiben vom 18. Julius zu seiner Zeit richtig erhalten. Meine Handlung hat Ihnen auch das 6. 7. 8. Heft von Herders Adrastea^^ gesendet. Ach mein theuerster Freund, ich habe wohl der Eeise nach Pyr- mont entsagen müssen, denn, es macht mir nicht nur, die A. D. B.,^^ vereint mit meinen übrigen Handlungs- und anderen Geschäften so unbeschreiblich viel Arbeit, daß ich mich gar nicht besinnen kann, und beynahe den Gedanken fassen mul^, die A. D. B. aufzugeben, sondern es ist mir auch in dieser zeit so unbeschreiblich viel häus- licher Kummer zubereitet, daß ich wohl voraussehen konnte es würde vergeblich seyn, eine Keise zur Kur unternehmen zu wollen, zu einer Zeit wo mir natürlich die Euhe des Gemüths ganz fehlen muß. Mein einziger übergebliebener Sohu^' der in der günstigsten Laufbahn ist, indem er in jungen Jahren schon erster Kammer -Direcktor in Kaiisch und sehr glücklich verheirathet ist,^^ bekam bey dem sehr heißen Anfange des Aprills einen gefährlichen Blutsturz. Er hatte alzufrüh BRIEFE AN ESCHENBURG 221 wieder angefangen zn arbeiten, und so bekam er im Junius ein noch gefährlicheres Recidiv. Zwar ist er nun seit Kurzem aus dem Bette aufgestanden , aber noch , sonderlich wenn er wieder in die Geschäfte kommt, nicht außer der Gefahr eines zweyten Recidiv, welches ihn wahrscheinlich tödlich seyn würde. ^^ Meine älteste Tochter^" kam im May mit ihrem dritten Kinde nieder , hatte eine schwere Geburt und befand sich seitdem so schwach daß die Zufälle sehr bedenklich waren, und wohl voraus zu seilen war, sie würde lange schwach bleiben. Sie schien sich etwas zu erholen, aber den 18. Julius starb ihr kleinstes Kind. Nachdem sie dasselbe bey eigner Schwäche schon an 14 Tage lang gepflegt , hatte sie wohl für ihre Kräfte allzuviel gethan , und so gefast auch ihr Geist ist, so hat doch seitdem ihre Krankheit so zu- und ihre Kräfte so abgenommen , daß wir ihrer Auflösung täglich ent- gegen sehen müssen, und fast gar keine Hoffnung übrig bleibt. Meine jüngste Tochter ^^ von der die Kranke Tag und Nacht gepflegt wird, geht auch zu Grunde, und siebet wie ein Schatten aus. Mein Schwie- gersohn vergeht vor Kummer. Was ich dabey leide, können Sie sich vorstellen , ohnerachtet ich alle Kräfte anwende mich zu fassen , um auch die Meinigen nicht meinetwegen zu betrüben. Aber wie viel mich diese Philosophie kostet, und wie heftig sie auf mein Innerstes wirkt, ist nicht auszusprechen. Beschäftigung durch Arbeiten mancher Art ist noch mein bester Weg zu einiger Erholung; aber [wer] weis ob in einiger Zeit meine Kräfte auch dazu zureichen werden, denn mein häusliches Glück, mein Einziges, hat einen harten Stoß gelitten. Ich höre iudeß nicht auf mir selbst Ruhe zu predigen, und es gelingt mir in so weit, daß ich wenigstens meine notliwendigsten Geschäfte ver- richten, und meine betrübten Kinder in etwas trösten kann. Auch ist meine Gesundheit leidlich, bis auf einen seit vorigen Winter eingewur- zelten Husten. Leben Sie wohl mein theurer Freund und bleiben Sie gesund und glücklich, ich bin von ganzem Herzen der Ihrige Fr. Nicolai. N. S. Noch einen Tag ehe das Kind starb, und unsers äußerstes Unglück angieng , war ich mit meiner jüngsten Tochter in Kl. Schöne- beck auf einem kleineu Feste wegen H, Fred. Rapps (dessen Gattin Sie kennen) silbernen Hochzeit. Ich hielt dabey eine Rede , die anbey liegt. Aumerkung-en. Im besitze des herrn geh. oberjustizrates 0. Preuss , früheren chefs des obergerichts , z. zt. bibliothek. der öffentlichen bibliothck zu Detmold, befindet sich eine wertvolle autographensamlung. Zu dieser gehören die oben gedruckten 222 THIELE drei briefe, welche mir der besitzer nicht nur in der freundlichsten weise zur ver- öifentlichung überlassen hat, sondern bei deren drucklegung er mich auch durch seinen beirat auf das trefflichste unterstüzte. Die briefe selbst erhielt herr Preuss von seinem Schwiegervater, dem im jähre 1861 in Detmold verstorbenen regierungs- präsidenten Wilhelm Arnold Eschenburg (vgl. d. Allgem. Deutsch. Biographie s. v. W. A. Eschenburg), dem söhne Johann Joachim Eschenburgs. Der vater des herrn Preuss, legationsrat Frz. Ludwig Preuss, zuerst ingenieuroffizier in preussischen und hannoverschen diensten , dann vom jähre 1808 an bis zu seinem tode lehrer der mathematik und geographie am gymnasium zu Detmold (starb 1845, vgl. das Programm des gymuasiums Leopoldinum zu Detmold v. j. 1845), war mitarbeiter an der Allg. Deutsch, und Neuen Allg. Deutsch. Bibliothek von Fr. Nicolai (vgl. die Mitarbeiter z. Fr. Nicolais Allg. Deutsch. Bibl. v. G. Parthey, 1842, s. 22); wir werden unten in anm. 26 auf ihn zurückkommen. Die briefe sind genau in der Orthographie und mit der Interpunktion der originale abgedruckt. 1) Da Job. Joachim Eschenburg von Michaelis 1767 bis 1773 ,, öffentlicher, in herzogl. diensten stehender hofmeister" (gonverneur d. i. ein junger lehrer „zur aufsieht über die in dem collegiengebäude wohnenden jungen leute" — vgl. Entwurf einer Geschichte des Collegii Carolini in Braunschweig v. J. J. Eschen- burg, Berlin und Stettin bei Fr. Nicolai 1812, s. 18) am Collegium Caroliuum war (vgl. Jördens Lexicon Deutscher Dichter und Prosaisten VI. bd. s. 768) , aber bereits am anfange des Jahres 1773 zum professor an derselben anstalt ernant wurde (vgl. Entwurf usw. s. 66) , ferner da Lessings Emilia Galotti am ende des briefes erwähnt wird, welche bekautlich am anfange des Jahres 1772 gedruckt (vgl. Karl Lessings briefe an seinen bruder vom 14. jan., 1. febr. , 3. febr. , 15. febr. , 29. f ehr. und 12. märz 1772, Lessings Werke bei G. Hempel bd. XX. 2. abteilung Briefe an Les- sing, herausgegeben von Redlich, s. 541fg. , 552 fgg., 558, 561 fg. , 570 fgg., und von Lessiug an Voss vom 25. jan. 1772 und an seinen bruder Karl vom 25. Jan., 10. febr. und 1. märz 1772, a. a. o. erste abteilung s. 475 fg., 474 und 482 fg.) und bereits am 13. märz 1772 in Brauuschweig zum geburtstage der verwittweten her- zogin nach dem manuscripte des dichters von Döbbelin (vgl. Danzel-Guhrauer Lessings Leben und Werke, 11, 1 s. 37 und Eberts brief an Lessing vom 14. märz 1772, a. a. o. , erste abt. s. 576 fg.) so wie am 6. april 1772 in Berlin (vgl. die briefe Nicolais an Lessing vom 7. april 1772 und Karl Lessings vom 12. april 1772, a. a. 0. s. 583 fgg. und s. 589 fgg.) auf dem Kochschen theater (vgl. Brachvogel Gesch. d. kgl. Theaters zu Berlin L s. 238) aufgeführt wurde , so muss der brief am 16. april 1772 geschrieben sein; hiermit stimt auch die zeit der Veröffentlichung von Weisses abhandlung, welche in der 4. anmerkung erwähnt wird. 2) Es ist natürlich die von Nicolai im jähre 1757 gegründete und seit 1759 vom 5. bis 12. bde. von Weisse redigierte „Bibliothek der schönen Wissenschaften" gemeint, welche seit 1765 unter dem titel „Neue Bibliothek der schönen Wissen- schaften und freyen Künste " von Weisse fortgesetzt wurde. Anfänglich hatte Weisse die herausgäbe allein besorgt , dann mit dem Verleger Dyk zusammen , zulezt über- liess er sie demselben gänzlich. Sie gieng mit dem 72. bände im jähre 1806 ein. 3) Da die recensionen in der ,, Bibliothek" anonym erschienen, so lässt sich nicht ermitteln, welche Beiträge Eschenburgs Weisse im sinne hat. 4) Es sind die osterfoiertage des jahres 1772; ostern fiel in diesem jähre am 19. und 20. april, also schrieb Weisse am grünen donnerstage. 5) In der N. Bibl. d. seh. W. und fr. K. steht immer eine abhandlung voran, dann folgen die recensionen. Die bezeichnete abhandlung führt den genauen titel: BRIEFE AN ESCHENBURG 223 Auszug eines Schreibens des P. Amiot aus Peking vom I.März 1769, welches Nachrichten von dem Jesuiten Attiret, einem dortigen geschickten Maler, und von dem Zustande der Malerey in China überhaupt enthält (Anmerkung: Dieser auszug ist von dem herrn Deguignes und im Journal des Schavans Juin 1771 befindlich)": sie erschien in der bibliothek band XIII, 1772, stück II s. I!i7 — 225. 6) Merkwürdig ist es, dass Weisse trotzdem diese abhandlung damals selbst übersetzte, und zwar unter dem titel: liiterarische Reise nach Griechenland oder Briefe über die alten und neuern Griechen, nebst einer Vergleichung ihrer Sitten von Herrn Guys. Aus dem Französischen. Erster, zweiter teil. Leipzig 1772, (1 rth. 6 Gr.): vgl. Jördens, s. v. Weisse, bd. V. s. 289. 7) Wahrscheinlich hatte Eschenburg das eben erschienene und die grösste aufmerksamkeit erregende trauerspiel Lessings, Emilia Galotti, in irgend einer gelehrten zeitung besprochen, vielleicht in dem „Gelehrten Beiblatte zu den Braun- schweigschen Anzeigen ," für welche er schrieb (vgl. Schiller, Braunschweigs schöne Literatur in den Jahren 1745 bis 1800, 1845, s. 83), oder wahrscheinlicher han- delt es sich um die von Redlich (Lessings Werke XX. bd. 1. abteilung, Brief an Eva König vom 15. märz 1772 s. 488 anm. 3) erwähnte besprechung der „Emilia" in der Hamb. N. Zeitung 1772 st. 47 und 53, von welcher der gelehrte Lessing- forscher vermutet, dass sie aus Eschenburgs feder herrühre. Eschenburg wolte also diesen artikel in der N. B. wider abdrucken lassen. 8) ,,Witz'' ist hier in der bekanten bedeutung des 18. jahrliunderts zu neh- men, = ,,genie," ,,werk des witzes," ,, dichtwerk " ; vgl. Hamburg. Dramat. , her- ausgeg. von Schröter und Thiele , st. I anm. 3. 9) Weisse bezieht sieb hier auf seine trüben erfahrungen , die er mit Sulzer imd Bodmer gemacht hatte , vgl. Jürdeus a. a. o. s. 263 — 264. 10) ,, Sophie oder die Brüder" lautete ursprünglich der titel eines bürger- lichen trauerspieles, welches Weisse 1769 — 70 verfasst hatte, und welches erst später den umgeänderten titel „Die Flucht" erhielt. Der Verfasser hat es durch längere zeit zurückbehalten. Er schrieb darüber am 28. december 1772 an Uz : „Ich habe seit zwei jähren ein trauerspiel liegen; aber so gerne ich mich beschei- denen kritiken unterwerfe, so möchte ich doch nicht scurrilisiert werden." Nach Plümike ist es durch Koch am 4. februar 1772 in Berlin aufgeführt worden. — Vgl. J. Minor, (!hr. Fei. Weisse. Innsbr. 1880. s. 245 fg. — Die Chronologie des deutschen Theaters, von Ch. H. Schmid, Leipzig 1775, sagt darüber s. 310, zum jähre 1771: „und von einem neuen trauerspiele desselben, „Sophie, oder die Brü- der ," darf noch nichts gesagt werden , da es noch nicht im druck erschienen ist." 11) Karl Theophilus Döbbelin (geb. 1720 zu Berlin, nach andern 1727 zu Königsberg in der Neumark, vgl. Chronologie des deutschen Theaters s. 143, Prutz Vorlesungen über die Geschichte des deutschen Theaters s. 358), ist der bekante und in Lessings briefwechsel oft erwähnte theaterprincipal. Da er, wie in anm. 1 bemerkt ist, das manuscript der „Emilia" besass, so wolte er, um von dem neuen stücke viel vorteil zu ziehen, es wahrscheinlich auch in Leipzig zur aufführung bringen. Döbbelin , der viel wanderte und die merkwürdigsten Schicksale erlebte, war zwar damals in Braunschweig, spielte aber grade in Leipzig gern, vorher und auch noch später, wie z. b. eine notiz in der ,, Chronologie des deutschen Thea- ters" s. 345 z. j. 1774 beweist: ,,Herr Döbbelin gieng zu o.stern über Magdeburg nach Leipzig." 12) Die Weissesche bibliothek erschien im Verlage der Dykischen buchhand- lung in Leipzig. 224 THIELE 13) Joh. Arnold Ebert (1723 — 1795), damals professor der englischen und griechischen spräche am Collegiuni Carolinum zu Braunschweig. 14) Karl Christian Gärtner (1712 — 1791), zu jener zeit professor der Sitten- lehre und deutschen redekunst am Coli. Carol. 15) Es scheint, als ob Nicolai bei seinem besuche in Braunschweig bei Eschenburg den versuch gemacht habe, in der Waisenhausbuchhandlung zu Braun- schweig, deren factor der gleich darauf erwähnte herr Bückling (nach einer freund- lichen brieflichen mitteilung des herrn archivrat Hänselmann in Braunschweig war Heinrich Bückling, nachdem Michaelis 1756 sein amtsvorgänger Wilhelm Christoph Henning entlassen war, factor der im jähre 1751 gegründeten buchdruckerei des herzogl. Waisenhauses, in der er, gleich Henning , zuvor als setzer gearbeitet hatte. Er erweiterte dieselbe mit vielem glück und geschick und starb , dreiundneunzig jähre alt, am 7. april 1805; vgl. Grotefend Geschichte der Buchdruckerei in den Hannov. und Braunschweigschen Landen, Hannover 1840) war, artikel seines Ver- lages drucken zu lassen, wahrscheinlich aus rücksichten grösserer billigkeit, und zwar wol zuerst die anm. 18 erwähnte neubearbeitung des ,, Hederich"; doch ist der plan nicht gelungen, da sowol bd. 1 von Schmidt -Phiseldek als bd. 2 von Eschenburg den gewöhnlichen druckort der Nicolaischen verlagswerke ,, Berlin und Stettin" tragen, wie ich bei beiden mir vorliegenden Originalausgaben sehe. 16) Nicolai meint von Lessing: Zur Geschichte und Literatur, aus den Schätzen der Herzoglichen Bibliothek zu Wolfenbüttel. Erster Beitrag, Braunschweig in der Buchhandlung des Fürstl. Waysenbauses 1773, Zweiter band ebenda 1773, Dritter band ebenda 1774, Vierter band ebenda 1777, Fünfter band ebenda 1781 von Lessing und Eschenburg, endlich Sechster band ebenda 1781 von Lessing und Christian Leiste. 17) Mag. Benjamin Hederich, geb. am 12. dec. 1675 zu Geithen, einer stadt bei Meissen, lehrer an der schule zu Kloster Bergen bei Magdeburg, 1705 rector zu Grossen - Hayn in Sachsen, starb daselbst am 18. juli 1748 (vgl. Jöcher Allgem, Gelehrtenlexikon 2. bd. s. v. Hederich). Das betreffende werk von ihm, das 1710 zuerst erschien, führt, wie die mir vorliegende 4. aufläge vom jähre 1725, Witten- berg bei Gottfried Zimmermanns sei. Wittwe, zeigt, folgenden titel: ,, Anleitung zu den fürnehmsten Historischen Wissenschaften , sofern solche einem politen Menschen, insonderheit aber denen, so die Studia zu prosequiren gedenken, nütz- lich und nöthig." 18) Dieses für seine zeit innnerhin bedeutende buch wolte Nicolai neu her- ausgeben und übertrug die bearbeltung der 7. aufläge, welche 17G0 erschienen war, an Christoph Schmidt -Phiseldeck (geb. 1740 in Northeim bei Göttingen, seit 1765 professor des öffentlichen rechtes am Carolinum zu Braunschweig) und Joh. Joach. Eschenburg. Der 1. band, von Schmidt -Phiseldeck besorgt, erschien 1782, der 2. band, den Eschenburg umarbeitete, 1783. Beide sprechen sich in den ,, vorre- den" über ihre tätigkeit genauer aus, Schmidt vornümlich auf s. 3 dahin, dass er das werk für seine zeit brauchbarer machen wolte, ohne die eigentliche bestim- mung desselben zu einem schulbuche aus den äugen zu setzen , Eschenburg auf der zweiten seite des ,, Vorberichtes," dass er den Hederichschen plan nicht nur erwei- tert habe, sondern dass in seiner ganzen arbeit fast nirgend eine spur von der Hederichs anzutreffen sei. 19) Dies hatte Schmidt auf s. 6 der am 26. febr. 1781 unterzeichneten vor- rede mit folgenden Worten bereits getan: ,,Der zweite Theil dieses Buches, wel- BRIEFE AN ESCHENBURG 225 chen Herr Professor Esclienburg ausarbeitet , wird die Mythologie , die römischen Alterthümer und eine Notiz der klassischen Schriftsteller enthalten , und zur Oster- niesse 1783 an\s Licht treten." 20) Tianger war Lessings nachfolger in Wolfenbüttel und verwaltete die bibliothek bis zu seinem am 24. febr. 1820 erfolgten tode. Er schrieb reccnsionen in die Allgem. Deutsche Bibliothek (darauf bezieht sich wol Nicolais P. M.) und in die „Göttingischen Gelehrten Anzeigen;" vgl. Schönemaun Hundert Merkwürdig- keiten der Herzogl. Bibliothek zu Wolfenbüttel, 1849, und 0. v. Heinemann Die Herzogl. Bibliothek zu Wolfenbüttel, 1878. 21) Eberhard August Wilhelm Zimmermann (geb. 17. aug. 1734) war seit 1766 ordentl. professor am Carolinum und hielt Vorlesungen über mathematik , phy- sik und naturgeschichte : vgl. Eschenburg Entwurf einer Gesch. des Coli. Carol. s. 92. 22) Hiermit meint Nicolai wol seinen ältesten söhn Samuel Friedrich , der ihn auf seiner reise durch Deutschland und die Schweiz begleitet hat; er unter- stützte damals seinen vater in der fiihrung der buchhandlung. Selbst nicht ohne gelohrsamkeit und durch fieiss ausgezeichnet, starb er leider schon 1790; vgl. Göckingk Friedr. Nicolais Leben und literarischer Nachlass, 1820, s. 30. 23) Joh. Joach. Eschenburgs gattiu war Dorothea, die tocliter des bekanten freundes von Lessing, des herzogl. Braunschweig, consistorialrates und professors der religiou und latinität am Carolinum Konrad Arnold Schmid (geb. 23. febr. 1716, seit 1760 in Braunschweig, er starb am 16. nov. 1789); vgl. Eschenburg a. a. o. s. 85 fg. und Schiller a. a. o. s. 75 — 80. 24) Der brief ist dictiert worden , wie es Nicolai in seinen späteren jähren meist tat; nur die adresse, die nach- und unterschritt sind von seiner eigenen band. 25) Adrastea, herausgegeben von J. G. v. Herder, 5 bände (jeder band zu 2 stücken), Leipzig 1801—1803 (der sechste band erschien erst 1804). Hier ist also die zweite hälfte des 3. und der ganze 4. band gemeint. Der erstere enthielt: Horazens ersten brief des ersten buches, der 4. band: Persius, P^inleitung und erste Satire; vgl. Jördeus lexikon II s. 387. 26) Vielleicht dürfte es nicht uninteressant sein, hier noch einen brief aus dem nachlasse des am anfange unserer erörterungen erwähnten legationsrates Preuss, den Nicolai an denselben schrieb, als er ihn zum mitarbeiter an der Allg. Deutsch. Bibliothek warb, zu veröffentlichen. Dieser brief lautet: Hoch wohlgeborener Berlin d. 19. Juni 1804. besonders hochzuehreuder Herr. Der Herr Oberst v. Massenbach hat mir gesagt, dass Ew. Hochwohlgeboren geneigt wären, an der allgemeinen deutschen Bibliothek durch Eecensierung neuer Kriegsschriften Antheil zu nehmen. Dieß ist mir sehr angenehm, und ich bin daher so frey, Ihnen anbei theils das gedruckte Promemoria von der äußeren Ein- richtung der Bibliothek und verschiedener dahin gehöriger Circularien als auch einige neue Bücher zu senden , um deren Recensiou ich bitte. Für das Honorarium werden 6 rth. für den gedruckten Bogen gerechnet, und Sie bekommen auch gra- tis ein Exemplar von allen neuen Bänden der Bibliothek, so wie sie herauskom- men. — Wenn Sie einmal nach Berlin kämen, so würde ich mich freuen, Ihre persönliche Bekanntschaft zu machen. Ich füge nur noch die Versicherung der voll- kommenen Hochachtung hinzu, womit ich verharre Ew. Hochwohlgeboren ergebenster Diener Fr. Nicolai. ZEITSCHR. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XII. 15 226 KINZEL N. S. Ihre Zeichen werden sein: 3)t. (deutsch) Hr. (lat.) womit Sie, nach Gefallen, abwechselnd Ihre Eecensionen zu unterzeichnen belieben. Kurz nachher, am 25. sept. 1804, zeigt Nicolai in einer gedruckten nach- richt den empfang zweier am 10. aug. j. j. von Eschenburg eingesanten recensionen an, wobei er sich in einer eigenhändigen nachschrift entschuldigt, weil er wegen seiner abwesenheit im bade Pyrmont erst so spät geantwortet habe. — Neben einzel- nen mahnzetteln um ablieferung von recensionen schliesst dann die correspondenz bald mit der Übersendung eines drei quartseiten langen promemorias an die sämt- lichen herren Verfasser der algemeinen deutschen Bibliothek aus dem anfange des Jahres 1805 (Nicolai sagt darin: „ich trete in wenigen wochen in mein 73. jähr," — er war geboren am 18. märz 1733), worin Nicolai seinen entschluss mitteilt, die ,, Bibliothek" eingehen zu lassen. 27) Nicolais ältester söhn starb, wie in anm. 22 bereits erwähnt ist, im jähre 1790; sein zweiter söhn Carl August war auch bereits im jähre 1799 verstor- ben, und so lebte im jähre 1803 nur noch der jüngste, David. Göckingk, a. a. o. s. 30 fg., erzählt, dass derselbe Ökonomie theoretisch und praktisch studiert und auch als Schriftsteller sich in seinem fache hervorgelan habe. Zuerst als domainen - Intendant in der provinz Südpreussen angestelt , wurde er dann director der kriegs- und domainenkammer zu Kaiisch. 28) David Nicolai war mit der tochter des geh. oberfinanzrates Parthey zu Berlin vermählt ; vgl. Göckingk a. a. o. s. 31. 29) Er starb nicht in folge jener blutstürze, sondern eines unglücklichen Sturzes, den er auf der jagd mit dem pferde tat, bereits im jähre 1804. 30) Wilhelmine Nicolai hatte sich im jähre 1797 mit dem hofrat Parthey, welcher bei dem general-oberünanzdirectorium zu Berlin angestelt war, vermählt. Sie starb wirklich im jähre 1803. Ihr söhn ist der Verfasser der Zusammenstellung der mitarbeiter an der Allg. Dtsch. Bibl. , erschienen 1842. Göckingk a. a. o. s. 31 rühmt sie als eine gebildete, geistreiche und liebenswürdige danie. 31) Auch die besorgnis, welche Nicolai für seine jüngste tochter Charlotte Macaria hatte, war nicht unbegründet. Göckingk, a. a. o. s. 32 zolt ihr gleiches lob wie ihrer Schwester; auch besass sie eine sehr schöne stimme, doch soll dies die Ursache ihres frühzeitigen todes gewesen sein, weil durch die anstrengung, die sie ihrer schwachen brüst beim singen zumutete, der in ihr liegende keim zur Schwind- sucht sich weiter ausbildete, denn sie starb bereits im jähre 1808. So muste Nico- lai das traurige geschick haben , alle seine kinder zu überleben , bis er selbst am 6. Jan. 1811 die lebensmüden äugen schloss. DETMOLD, na MAI 1880. R. THIELE. DER WADEL. Ich habe schon in dieser zischr. XI, 493 darauf hingewiesen, dass ivndel in Seifrid Helb. III, s. 172 schwerlich eine art badehose bezeichne, wie A. Schultz in seinem Höf. Leben meint. Das richtige hätte der Verfasser bei Haupt z. f. d. a. XI, 51 (Zu Wolframs Parzi- val) gefunden, und wenn er Georg Zappert, Über das badewesen mit- DER WADEL 227 telalterlicher und späterer zeit im Archiv f. kuude österr. gesch. quel- len 1859 21. bd. s. 1 — 166 gekant liätte, so wäre einiges in seinem in. capitel schärfer gefasst worden. Beide handelten etwa gleichzeitig auch über den gebrauch des tvadels. Ich möchte hier zugleich noch auf zwei stellen aufmerksam machen, welche Schultz ebenfals entgan- gen zu sein scheinen und auch sonst weder in den angeführten abhand- lungen noch in den Wörterbüchern citiert sind. Es sind besonders vier punkte, welche durch die monographie Zapperts richtig gestelt werden. Schultz behauptet s. 170 fg. l) die männer hatten badehosen angelegt, ehe sie ins bad stiegen. 2) Die qucste (bisweilen mit perizoma glossiert) ist „ein schamgürtel.'^ 3) Sol- che sind auf abbildungen des 15. Jahrhunderts zu sehen, wo sich mann und weib im gemeinsamen bade befinden. 4) Seifrid lässt sich a. a. o. einen ivadel umbinden. Dagegen sagt Zappert s. 76: „im schwitz- wie wasserbade befand man sich meist in völliger hüUelosigkeit, wie dies die (von ihm mit- geteilten) abbildungen, ebenso die im Sachsenspiegel, die bekanten abbildungen aus der bibel des königs Wenzel, der holzschnitte und kupferstiche Behams, die holzschnitte in kalendern des 16. Jahrhun- derts usw. zeigen." In den offenen mineralbädern und denen beider gescMechter erwähnt er, dass „die badegäste aus der vermögenden klasse mit einem schürz, die frauen mit einem weit ausgeschnittenen badelaken bekleidet waren" (im 15. jh.). ,, Dieses gemeinschaftliche baden beider geschlechter war in den früheren Jahrhunderten des mit- telalters streng verpönt" und scheint erst aus dem Orient eingedrungen zu sein (s. 82). Unter wadel, questen versteht er natürlich auch in der stelle des Seifrid die zusammengebundenen büschel, welche dazu dienten, „sich zur erhöhung der hauttätigkeit zu peitschen oder zu besprengen" (s. 79). Er erwähnt aber, und das wird zugleich durch eine abbildung aus einer handschrift der kaiserlichen hofbibliothek zu Wien illustriert, dass man sich zugleich im notfalle die blosse mit dieser badequaste deckte. Er weist nach, dass man in poesie und maierei in folge dessen auch Adam und Eva so darstelte, wenigstens in Deutschland , während „ die künstler Italiens , wo dampf bäder in geringerem gebrauche als in Deutschland standen, sich schriftmässig an das auch in ihrem vaterlande heimische feigenblatt halten." Man vergleiche dazu Lexer unter wadel = laubbüschel: swfn wadel deck- ten ir schäm Teichn. C 60''; unter schirmwadcl: mit dem Adames schermwadcle wellent si ir schäm bedecken Prl. 108. Ebenso Haupt a. a. o. über queste. Er führt eine anzahl biblischer stellen an , wo queste dem perizoma entspricht ; bemerkt aber , dass die 15* 228 KINZEL, DER WADEL ursprüngliche bedeiitung eines büschels zu gründe liegt, der also nur vorgehalten wurde. Einer der späteren belege ist besonders interes- sant ; denn er zeigt in der bedeutung des wertes deutlich den Übergang zu einem wirklichen kleidungsstück. In Könighofens chronik s, 50 heisst es „von den leuten die Saturnus in Italien fand : ir cleider worent üz loebe oder grase gemäht also questen oder matten (matten)" (Haupt a. a, o. s. 51). Auffallend ist es, dass nirgend zur erläuterung der Vorgänge im bade und des gebrauchs der tvadel des „blossen keisers" des Herrand von Wildonie gedacht ist. Die behandlung desselben Stoffes vom Stricker berücksichtigt das bad nur sehr stiefmütterlich (GA III, 415): der könig geht ins bad , sezt sich zu dem engel auf die bank und wirft den sweiBbadcere , der ihn vertreiben will , mit einem kübel. Um so iustruc- tiver hat Herrand die sache ausgestattet (ed. Kummer 1880 nr. III): kleine junklierlm und wtbelm ein- teil diu man da vindet ringe veil (v. 159) bedienen den kaiser im bade. Nach dem bade wird wasser angegossen (an die heissen steine) , die fenster werden geschlossen , der kaiser legt sich auf die bank. Unterdessen tritt der engel in seiner gestalt aus der tür, die kämmerer reichen ihm sin badehleit und tra- gen ihm sin hatgewant nach. Der kaiser wird blöz hinausgeworfen (267): nach im si sparten suo das tor, da stuont er jämerlichen vor. ein wadel was siner lide Jcleit; diu vinster naht was im niht leit, tvan si im dacte sine schäm. Vielleicht hätte diese stelle Schultz noch in seinem irtum vom scham- gürtel bestärkt. Aber es ist zweifellos: der kaiser ist ganz nackt; man vgl. zur bestätigung v. 306: sin Up ist als min vinger har. Er deckt seine blosse durch den vorgehaltenen wadel. Dies beweist denn auch das bild in der handschrift. Kummer berichtet s. 205 seiner ausgäbe: „es zeigt den nackten kaiser mit der kröne auf dem haupte und neben ihm liegt der wadel , ein büudel grüner zweige , wie man ihn jezt noch in dampf bädern zum besprengen und abklatschen gebraucht." BERLIN, JUNI 1880. KARL KINZEL. 229 LITTERATUR. Lessings Hainburgisclie Dramaturgie. Für die oberste Klasse höhe- rer Lehranstalten und den weiteren Kreis der Clehildcten erläu- tert von Dr. Friedrich Schröter und Dr. Richard Thiele. Halle, Verlag der Buchhandlung des Waisenhauses. 1878. CXXXVI und G30 S. 8. n. 10 m. Über notwendigkeit, zweck und plan ihres Unternehmens sprechen sich die Verfasser in dem Vorworte folgendermassen aus: , .Vieles in ihr (der H. I).), was Lessing als l)ekant voraussezte und voraus- setzen durfte, weil es damals gemeingut aller gebildeten war, ist dem bildungs- bewustsein unserer gegenwart entschwunden und daher jezt unverständlich. Ande- rerseits findet sich aber auch gar manches, das Lessing aus dem schätze seines vielumfassenden wissens gespendet hatte, und das, schon damals schwerlicli das eigentum vieler, in unserer zeit, die bei dem wachsenden Inhalte der erkentnis jeden mehr denn je sich auf ein einzelnes gebiet zu beschränken mahnt, erst recht nicht mehr von allen gewusst wird und gewusst werden kann. So ist die Drama- turgie ein buch geworden, das mehr gelobt als gelesen, mehr in den einzelnen hauptfragen erfasst als voll vorstanden wird " .... ,, Daher muss die Wissenschaft liier eingreifen und vergessenes und verschwin- dendes wider aufleben lassen oder auffrischen, mit einem worte: den teil des Wis- sens reconstruieren , aus welchem heraus der dramaturgist sein werk schrieb. So haben es Cosack, Buschmann und mit erweiterten zielen noch ganz jüngst Blüm- ner mit dem Laokoon gemacht. Solte die Dramaturgie nicht dieselbe rücksicht verdienen? Es lag deshalb der gedanke nicht zu fern, diesen schätz, der in die tiefen des vergessens zu versinken drohte, für die gebildeten unserer nation zu retten, welche die Dramaturgie in ernstem Selbststudium lesen wollen, und denen es auf ein wirkliches Verständnis des herlichen buches ankomt, nicht minder sie für diejenigen zugänglich zu machen, welche noch daran sind, sich die grundlagen einer höheren bildung zu erwerben , also für die schüler der obersten klasse unse- rer höheren lehranstalten , besonders zum zwecke einer fruchtbaren privatlectüre. Um diesen kreisen zu dienen, haben die herausgeber ihr werk unternommen. Für die speciellen zwecke der Wissenschaft beabsichtigt Cosack, der herausgeber des Laokoon, die dramaturgie ebenfals zu edieren, und hat bereits vor mehreren jäh- ren (in Herrigs Archiv für das Studium der neueren Sprachen bd. LI. 1873. s. 33 — 78) einen kritisch bearbeiteten text und einen gelehrten commentar in aus- sieht gestelt, sowie eine probe von lezterem veröifentlicht, welche wir für die betreffenden stellen (st. X — XIV) mit dank benuzt haben: er hat aber leider bis jezt, so viel uns bekant geworden, sein versprechen noch nicht eingelöst" . . .* ,,Wir wollen mit unserer ausgäbe denen , die an der gelehrten form anstoss nehmen und dieselbe nicht bewältigen können , hilfreich zur seite stehen , sie teils durch eine einleitung, in welcher sie sowol über die äussere geschichte und alles, was damit zusammenhängt, als auch über den Inhalt im ganzen aufschluss finden, 1) Hier ist den Verfassern ein irtum begegnet. Auch Cosack verfolgt in seinem fast gleichzeitig erschienenen commentare die aufgäbe Lessings klassische werke allen gebildeten zugänglich zu machen und versichert u. a. den ausstellungen gegenüber, welche Blümner an Cosacks Laokoon gemacht hat, aus vieljähriger erfahrung, „dass es wirklich leute gibt, welche den Laokoon in die hand nehmen, trotzdem sie, ihrem bildungsgange gemäss — mit fremdwörtern wie parergon, mensur usw. nicht vertraut waren." 230 NEIDHABDT zum Studium der dramaturgie liinführeu, vor allem aber durch anmerkungen ihnen die Schwierigkeiten, welche sich im einzelnen finden, lösen und somit ihr wissen erweitern" .... „Was den text anlangt, so haben wir den der Lachmann -Maltzahnschen ausgäbe beibehalten . . . Geändert haben wir nur die alte Orthographie und die höchst eigenartige und zu üppige interpunction Lessings , und haben dafür den jezt geltenden gebrauch eingeführt, besonders aus dem gründe, weil unsere aus- gäbe auch für schüler berechnet ist ... Nirgends aber haben wir ins fleisch geschnitten, wir haben auch nicht ein titelchen in der flexion der worte geändert, auf dass der ganze und unverkümmerte Lessing mit all dem reiz seiner eigentüm- lichkeit auch in der form der einzelnen Wörter zum leser spreche . . . Auch glaub- ten wir alle fremdsprachlichen stellen durch Übersetzung sowol im texte als in den anmerkungen tilgen zu müssen." Um nun zunächst einen einblick in die gliederung und den Inhalt der ein- leitung zu gewähren, möge hier eine Zusammenstellung der Überschriften zu den einzelnen abschnitten platz finden , welche dem werke selbst nicht beigegeben ist. Erster absclinitt. Äussere geschichte. § 1. Der zustand des deutschen theaters bis Gottsched. (S. I — VIL) § 2. Weitere entwickelung des deutschen theaters. Nachahmung der Franzo- sen. Notwendigkeit der reform. (VII — XII.) § 3. Wie wolte die Hamburgische Unternehmung die reform bewerkstelligen ? Die massgebenden persönlichkeiten dabei. Einleitung des Unternehmens. Lessing wird als dramaturg berufen. (XIII — XVIII.) § 4. Lessings damalige Verhältnisse. Seine Übersiedelung nach Hamburg. (XVIII — XXI.) § 5. Lessings leben in Hamburg. (XXI — XXV.) § 6. Der verlauf des Hamburger Unternehmens. Repertoir. Das unternehmen misglückt. (XXV — XXXIII.) § 7. Lessings tätigkeit als dramaturg. Ankündigung. Art der herausgäbe der dramaturgie. (Unterbrechungen.) Epilog. (XXXIII - XXXVII.) § 8. Die Schauspieler. (XXXVIII — LIII.) Zweiter abschnitt. Inhalt der dramaturgie. § 9. Lessing als reformator der deutschen litteratur. Seine bestrebungen vor der dramaturgie. Kritischer Standpunkt und einteilung des Inhaltes der- selben. (LIV — LXIII.) I. Negativer teil. § 10. Darlegung des zustandes der deutschen bühne: Dichter. Kritiker. Publi- kum. Schauspieler. Originallustspiele. Übersetzungen. Originaltrauer- spiele. (LXIII — LXXU.) § 11. Vernichtung des ausehens der Franzosen. Lustspiel. Weinerliches lust- spiel. Tragödie. Theorie. (LXXII— CI.) n. Positiver teil. 1) Die regeln des dramas. §12. Algemeine gedanken: Über das drama im algemeinen. Über die römische komödic. Unterschied zwischen tragödie und komödie, hinsicht- lich des Schauplatzes wie des Schlusses. Einteilung des stoffes. Definition der tragödie. (CU — CV.) ÜBEK LESSINGS HAMB. DRAM. ED. SCHEOETER - TUIELE 231 §13. Gegenstand des trauerspi cles : Nachahmung. Handlung, und zwar nach Stoffgebiet und behandlung. Charaktere. Arten des Trauerspieles. Verhältnis der tragödie und koraödie zu nioral und gescliichte. Histori- sches drama. (CV — CXII.) §14. Form des trauerspieles: Bindung und losung des knotens. Die drei oinheiten. Chor. Musik (überhauitt beim draraa). Schauspielkunst. Sce- neric. Sprache. (CXII — CXVIII.) § 15. Wirkung dos trauerspieles: Algemeiner Standpunkt Lessings Aristo- teles gegenüber. Aristoteles ansieht nach Lessing. Wie stelt sich Lessing zu ihr? (CVm — CXXV.) 2) Shakespeare. § 16. Hinweis auf das britische theater und Shakespeare. (CXXV — CXXX.) III. Auhaug. Einzelne erkentnisse. § 17. Der harlekin. (CXXX — CXXXI.) § 18. Hinweis auf das spanische theater. Vermischung des tragischen und komi- schen. (CXXXI — CXXXIII.) § 19. Dichter und publicum. (CXXXIII - CXXXIV.) §20. Die titel der stücke. (CXXXIV — CXXXV.) § 21. Der nachdruck. (CXXXV.) §22. Schlusswort. (CXXXV — CXXXVI.) Darnach folgt auf 609 selten der text der H. D. mit aumerkungen , in wel- chen die Verfasser selbst laut Vorwortes das hauptstüek ihrer arbeit erblicken. Sie stehen unter dem strich, sind für jedes einzelne stück fortlaufend numeriert, nach zahl , umfang und Inhalt ausserordentlich verschieden. Ihre anzahl schwankt von 1 (St. LVIII.) bis 36 (St XVIII.), ihr umfang von 74 zeile (bei Stellennachweisen) bis nahezu 3 selten (bei Inhaltsangaben von dramen); sie bringen grammatisches, lexicalisches , geschichtliches, biographisches, litterarisches, bibliographisches, kri- tik und begründung Lessingscher aufstellungen je nach gelegenheit des textes. Ihre gesamtsumme beträgt 1356, und sie nehmen 43 "/o des raumes auf jenen 609 sel- ten ein, wonach bei den gewählten Schriftarten ihre quautität zu der des textes wie 3 : 2 sich verhält. Den schluss des Werkes bilden vier anhänge: I. Excurse Lessings, ohne anmerkuugen. S. 610— 616. H. Varianten, die abweichungen von der Originalausgabe enthaltend. S. 617 — 619. III. Kalender für april-juli 1767 mit hervorhebung der Spieltage am Hamburger uationaltheater. S. 620. IV. Verzeichnis sämtlicher in der dramaturgic erwähnten stücke mit hervor- hebung der von Lessing besprochenen und nachweis der stellen , wo ihr Inhalt angegeben ist. S. 621 — ^624. und endlich ein namenregister mit hervorhebung der historischen personen. S. 625—30. Vorstehendes mag ein ungefähres bild geben von der einriehtuug und der reichhaltigkeit unseres commentars. Leztere ist allerdings sehr gross, so gross, dass man sich mancher beden- ken nicht entschlagen kann. Schon der quantität nach beläuft sich nach den oben mitgeteilten massverhältnissen unter hinzurechnung der einleitung, welche eben- fals enger als der text der H. D. gedruckt ist, die gesamtmasse der erläuterun- gen auf mehr als das doppelte der commentierten schrift. Wenn nun dies verhält- 232 NEIDHABDT nis, wenn es sich um die wissenschaftliche erklärung eines griechischen oder römi- schen autors handelte, nichts auffälliges hätte, so liegt doch die frage nahe, ob es bei einer bearboitung der H. D. für nicht gelehrte kreise als zweckmässig gebil- ligt werden kann. Ist der Inhalt derselben in der tat so weit schon dem gebil- deten bewustsein unserer tage entschwunden, dass es eines solchen aufwandes von mittein bedarf, um ihn jenem nahe zu bringen und verständlich zu machen? Man kann fürchten, dass, wenn wirklich so viele hebel angesezt werden müssen, um jenen ,, schätz vor dem versinken in die tiefen des vergessens zu retten," nur wenige noch kraft und lust genug fühlen werden , diese unabsehbaren reihen von hebeln zu handhaben. Diese besorgnis führt notwendig weiter zu der anderen frage, ob eigentlich auch alles, was die Verfasser gegeben haben, zu einem ausreichenden Verständnisse der H. D. erforderlich ist. H. Müller in seiner besprechung des werkest hat sie verneint und findet ganz besonders in den aumerkungon viel aufdringliches, stö- rendes und überflüssiges; das ganze werk erscheint ihm als ein raagazin mit viel brauchbarem und unbrauchbarem material, und er findet dadurch den Lessingschen text wie mit disteln und dornen überwuchert. Es lässt sich leicht zeigen, dass diese ausstcUungen zum grossen teile unbe- rechtigt sind. Denn ungerechtfertigt ist es , einem werke , das ausdrücklich für Schüler der prima unserer höheren lehranstalten, also aucli für realschüler, und für weitere kreise der gebildeten bestimt ist, zum vorwürfe zu machen, dass es über Homer, Horaz und Sophocles auskunft gibt, fremdwörter erklärt, über musi- kalische Instrumente, damenkleider des vorigen Jahrhunderts und theriak uns belehrt; und es führt zu nichts, dagegen bald vom Standpunkte des lehrers des deutschen, bald von dem des gymnasialprimaners, bald von dem des gebildeten mannes einspruch zu erheben, sich beleidigt zu fühlen, von aufdringlichkeit zu reden , und was dergleichen äusserungen einer subjectivistischen kritik mehr sind. Der gymnasialprimaner weiss ungefähr, wen er unter Homer, Horaz und Sophocles sich vorzustellen hat; der realschulprimanor wahrscheinlich nicht, und von dem gebildeten in abstracto lässt sich nun gar nicht sagen, ob ihm dieses oder jenes positive wissen zuzutrauen sei oder nicht. Wem eine solche anmerkung nichts neues bringt, für den ist sie nicht geschrieben; aber er hat keine Ursache sich dadurch beleidigt zu fühlen und kein recht gerade sein wissen oder sein Interesse zur norm für einen commentar zu machen, der offenkundig so vielen dienen will. Höchstens liesse sich fragen, ob überhaupt das unternehmen die H. D. für einen leserkreis von so verschiedenartiger Vorbildung zu erklären in sich möglich und gerechtfertigt sei. Wer dies zugibt, wie H. Müller es tut — und auch ref. ist dieser ansieht, da sonst die forderung erhoben werden müste für erwachsene und für Schüler, und dort wider für leute von akademischer und „algemeiner" bildung, hier für gymnasiasten und realschüler je einen besonderen commentar zu schrei- ben — der muss die consequenzen eines solchen planes billig mit in den kauf nehmen. Wenn ferner H. Müller die aufgäbe des commentators der H. D. dahin for- muliert, dem leser in das wesentliche und bleibende, die eigentliche Substanz jener eindringen zn helfen , wobei er anerkent , dass die Verfasser recht dankenswertes in dieser hinsieht geleistet haben , so bezeichnet er damit unstreitig die schwierigste 1) Ztschr. f. Gymn.-wesen 1877 (der erste band der commentierten dramaturgie war schon 1877 erschienen) s. 442—448 und ebenda 1880. s. 220 — 226. ÜBER LESSINGS HAMB. DRAM. ED. SCHROETER- THIELE 233 und zugleich schönste seite seiner tätigkeit. Aber er erschöpft diese nicht. Auch auf das kleine und unbedeutende hat sie sich zu erstrecken, auch die geringsten hilflcistungeu dürfen ihr niciit zu niedrig sein , und ein gewissenhafter erklärer niuss ebensywol vom tiieriak und brodieren als von der tragischen katharsis uns rechenschaft geben, wenn wir ihrer bedürfen. Dennoch muss ref. zugestehen, dass er bei der ersten lectüre des Werkes mancher ähnlichen empfindungen, wie II. Müller sie ausspricht, sich nicht erweh- ren konte, und dass auch das genauere studium eines buches, welches so eminen- ten fleiss und so viel gesundes urteil beweist, ihn doch nur teilweise zu reiner befriedigung geführt hat. Die oft überwältigende massenhaftigkeit der anmerkun- gen und ihr buntes allerlei machen in der tat an solchen stellen es schwierig den leitenden faden des Lessingschen textes festzuhalten. Wie oft trift das äuge, wel- ches der Weisung der zittern getreulich folgt , auf einen Stellennachweis , der augen- blicklich gar nicht interessiert, auf eine bemerkung wie ,,übersezt von den heraus- gebern" oder: „aus der Übersetzung von X"; wie oft muss man sich durch allerlei historische, biügrai)liische und bibliographische notizen durcharbeiten, ehe man auf einen gedanken komt, der für das veiständnis des textes von unmittelbarem werte ist. Eef. zieht daraus nicht den schluss , dass solches und ähnliches beiwerk besei- tigt werden luüste. Manclies, was ihm selbstverständlich dünkt, mag anderen nützlich sein; eine menge von notizen, Verweisungen und anführungcn sind für Specialstudien von unzweifelhaftem nutzen, die umfangreichen inhaltsangaben auch geringer stücke von obscuren Verfassern haben doch ein selbständiges, wenn auch oft, um mit den herausgebern zu reden, nur pathologisches Interesse. Aber leider häuft sich das alles zu sehr an einzelnen stellen und bringt unausbleiblich eine ermüdende und zerstreuende Wirkung hervor. Auch die einleitung, so reichhaltig und gründlich sie ist, scheint dem ref. in dieser gestalt nicht recht zweckmässig. Sie überschüttet in ihrem ersten abschnitte den leser mit einer fülle von detail, dessen kentnis, wie wünschenswert an sich , doch keine notwendige Vorbedingung für das Verständnis der H. D. ist. Der zweite und dritte abschnitt aber — wie seltsam mutet denjenigen, der die Dramatui-gie schon kent , dieser auf paragraphen gezogene und systematisch etiket- tierte extract aus dem meisterwerke Lessings an. Es ist dabei keine fälschung mit untergelaufen, es ist der wesentliche und ächte Inhalt der H. D. Und doch vyiderum nicht. Schon die äussere ungleichmässigkeit der teile beweist, wie befremdlich solche systematische architektonik dem Inhalte der H. D. zu gesiebt steht. Die Verfasser sprechen einmal in ihrem Vorworte, wie oben mitgeteilt, die absieht aus denjenigen, welche an der „gelehrten form" der H. D. anstoss neh- men , zu helfen. Von gelehrter form aber kann bei Lessing eigentlich nur insoweit die rede sein, als er die kentnis fremder sprachen voraussezt. Im übrigen ist es ja gerade der hauptreiz seiner besten werke , dass er wissenschaftliche erkentnisse nicht in gelehrter form, sondern frei von allem system- und paragraphenzwange im natürlichsten unterhaltungstone, den er so meisterhaft zu handhaben versteht, weniger vorträgt als vor unseren äugen findet und entwickelt. Da ist alles leben und frische, reizvolle Ungezwungenheit, dramatische kraft und hinreissende dar- stellung. Von dem allem bleibt natürlich in der gelehrten form, welche in Wahr- heit erst die herausgeber dem Inhalte der H. D. übergeworfen haben , wenig zurück. Es konte nicht anders sein, und es ist nicht die schuld der Verfasser, dass ihr auszug so ausgefallen ist; ein jeder systematische auszug würde ungefähr so aus- fallen. Nur kann ref. nimmermehr glauben, dass eine solche darstellung geeignet 234 NEIDHARDT sei zum Studium der dramaturgie hin zuleiten; mau müste sich denn geradezu vorgenommen haben durch den contrast zu wirken. Er ist überhaupt kein freund langer analysierender und räsonnierender einleitungen. Ihr genügendes Verständnis sezt eigentlich das Studium des einzuleitenden Werkes schon voraus, und auch die besten werden mit wirklichem nutzen erst nach dem hauj^twerke gelesen. Womit, wenn diese beobachtungen richtig sind, bewiesen Aväre , dass jene nicht an ihrem platze stehen oder keine einleitungen sind. Hiernach richten sich die bedenken des ref. nicht sowol gegen den Inhalt als gegen die form des Schröter - Thieleschen commentars. Nicht dass er so vieles bringt und auf so verschiedenartige bedürfnisse berechnet ist, erscheint ihm unzweck- mässig, sondern die art, wie er es bringt: die einrichtung des buches, welche jeden leser zwingt alles ohne ausnähme, und zwar alles hintereinander, d. h. in den anmerkungen durch einander, zu lesen und so einen zweck durch den anderen beeinträchtigt. Die Verfasser setzen mit recht ein ernstes und gewissenhaftes Stu- dium voraus. Bei solchem wird man nicht umhin können zunächst die ganze ein- leitung durchzumachen, da in den einzelanmerkungen fortwährend auf sie bezug genommen wird, und unter diesen widerum ist es nicht möglich, eine auswahl zu treffen , augenblicklich störendes vorläufig zurückzuschieben , das wichtige und unentbehrliche von dem nur eventuel brauchbaren zu sondern, da man nie weiss, was man zu erwarten hat: ob sich nicht etwa an die deutung eines fremdwortes, das man kent, an die nachweisung einer stelle, die man jezt nicht aufschlagen will , an biographische und andere notizen ein nicht vermuteter aufschluss anknüpft oder ein gesuchter unter ihnen sich verbirgt. Diese Vorführung des ganzen mate- rials auf einmal bringt die oben gekenzeichneten misstände hervor. Indem die Ver- fasser den leser nötigen auf zu vielerlei zugleich seine aufmerksanikeit zu richten, ihn oftmals enttäuschen wie überraschen, machen sie ihm manche vergebliche arbeit und geben seiner tätigkeit jedenfals einen beigeschmack der Zerfahrenheit und des misbehagens. Diese übelstände scheinen jedoch nicht notwendig mit einem werke, das die absiebten des vorliegenden verfolgt, verbunden zu sein. Man kann sich eine ein- richtung vorstellen, welche ganz denselben stoff den verschiedenartigen bedürfnis- sen der leser so darbietet, dass jeder die seinigen mit Sicherheit und leichtigkeit befriedigen kann , ohne durch fremdartiges gestört zu werden. Dem ref. schwebt ein solcher plan vor, und es möge ihm gestattet sein, denselben zu skizzieren, und wenn es auch nur zu dem ende wäre, bessere vorschlage hervorzurufen. Zunächst also werde auf ein paar selten eine gedrängte darstellung der ver- anlaesung und entstehung der H. D. gegeben ohne litterarhistorische und biogra- phische Weitläufigkeiten. Wo dergleichen einen passenden platz finden , soll nachher gezeigt werden. Hierauf folge der text der H. D. in möglichst genauem abdruck der Origi- nalausgabe, natürlich ohne deren fehler. Es ist ein entschiedener vorzug des Schrö- ter-Thieleschen commentars vor dem Cosackschen, der im übrigen wesentlich den- selben Charakter zeigt, dass er den text gleich mitgibt. Aber dieser vorzug würde noch weit grösser sein , wenn wir einen wirklich ächten text ohne tilgung der fremdsprachlichen stellen und ohne Verkürzungen erhielten. Was die lezteron betrift, so haben die herausgeber mit der auslassung einzelner citate und der Verweisung einiger gelehrten excurse Lessings in einen anhang ein paar selten räum gewonnen. Wenn sie aber diese excurse fragen untergeordneten wertes und philologische quis- quilicn nennen, so fordern sie den vergleich mit eiuem nicht ganz kleinen teile ÜBEE LESSINGS IIAMB. DRAM. ED. SCHROETER- THIELE 235 ihrer eigenen arbeit nur zu leicht heraus. In wahrlieit kann es bei einem so umfangreichen werke auf etliclic selten mehr oder weniger nicht ankommen, und selbst wenn man für die unveränderte gestalt der H. D. einige dutzend noten des commentars streichen oder kürzen müste , wäre der gewinn nicht zu teuer erkauft. Denn dann würde das werk auch zu jeder wissenschaftlichen benutzung ausreichend sein, und selbst dem gebildeten, solte man meinen, müste die authentische Über- lieferung auch mit der Lessingschen orthograiihie und interpuuction erfreulich sein; zum mindesten wird sie ihn in keiner weise hindern. Auch unsere primaner wer- den es ohne schaden ortragen können , vom heutigen gebrauche abweichender Schrei- bung zu begegnen, wie sie ja mit recht abweichende sprachliche formen und Wen- dungen bei Lessing so gut wie anderwärts hinnehmen müssen. Unter dem texte aber werde eine Übersetzung der fremdsprachlichen stellen, nicht auch eine erklärung der fremdwörter, ohne alle weitere zutat gegeben; höch- stens, dass die eigenen Übersetzungen des herausgebers durch einen stern oder sonst wie bezeichnet werden. Der quellennachweis für die übrigen steht besser anderswo. — Bei solcher bcschränkung ist jeder lescr nur so weit genötigt die noten unter dem text zu beachten, als er der betreffenden sprachen unkundig ist, und jeder findet doch, was er braucht; die fremdwörter an anderer stelle. Nach geeigneten abschnitten aber, seien es die einzelnen stücke der H. D. oder mehrere zusammengcfasst, wo dies aus inneren oder äusseren gründen rätlich scheint , müste in unterscheidendem drucke in möglichst zusammenhängender und doch übersichtlicher darstellung alles das gegeben werden , was zur erfassung des wortsinnes, des Zusammenhanges, der gedankenentwickelung unbedingt nötig und förderlich ist. Also zunächst worterklärung in den fällen, wo bei unveränderter form ein bedeutungswechsel seit Lessing eingetreten ist, wie in den Wörtern „empfindlich," „symbolisch," „Zudringlichkeit." Veraltete, provinzielle und tech- nische ausdrücke dagegen, welche sich in ihrer besonderheit selbst kentlich machen, mögen wie fremdwörter behandelt werden. x\bweichende structuren, wie sie z, b. in der rection der präpositiouen sich linden, bedürfen, wenn der leser von der absoluten Zuverlässigkeit des textes überzeugt sein kann , keiner erwähnung , aus- genommen, wenn sie das Verständnis erschwerten, oder sie können in dem bald ZU erwähnenden lexicon untergebracht werden. Nach den sprachlichen erläuterungen , wo solche nötig sind, würde sogleich zur erörterung des Inhaltes fortzugehen sein, welche folgende punkte vornehmlich ins äuge zu fassen hätte: zuerst eine präcise feststellung dessen, was Lessing gemeint und gewolt hat, in den dingen, wo irrige auffassungeu vorgekommen sind oder nahe zu liegen scheinen. Es ist dies keine unwichtige aufgäbe. Ist es doch selbst einem Spengel begegnet, dass er, in der ausgesprochenen absieht die Les- singsche aulfassung der katharsis gegen Bernays zu verteidigen , in gutem glauben so ziemlich auf ihr gegenteil hinauskomt und sich noch weiter von ihr entfernt als selbst dieser.^ Daran würde sich uaturgemäss sowol berichtigung und kritik als begründung und Verteidigung, resp. die weiterentwickelung der von Lessing behan- delten oder nur angeregten fragen anschliessen. — Auf den vorliegenden commen- tar angewendet, läuft diese fordorung im wesentlichen auf eine Verarbeitung der hauptmasse der einleitung mit einem teile der noten zu einer anzahl den gang der dramaturgie begleitender excurse hinaus, wovon, wie oben angedeutet, ref. sich 1) Vgl. die dissertation des ref. : de Euripide poetaruin maxinie tragico p. 30. 31, auch in den dissertt. philol. Hai. vol. III pars II, p. 310. 311. 236 NEIDHARDT Bichr ertrag verspricht als von jenen , und wodurch u. a. auch die häufigen und unbequemen Verweisungen der einleituug auf die uoten und der noten auf die ein- leitung in wegfall kämen. Um aber nicht den schein unbilliger ansprüche zu erwecken , mag hier gleich eine ausstellung H. Müllers eingeschränkt werden, der es bedauert, dass die Ver- fasser in den oben bezeichneten fragen sich meist auf eine referierende darstellung beschränkt und z. b. in dem katharsisstreit keine erklärte position eingenommen, d. h. nach Müllers wünsche der Bernaytischen theorie beigepflichtet haben. Dass eine festbegründeto ansieht für die darlegung so verwickelter problerae neben der gefahr der einseitigkeit auch grosse vorteile, namentlich den der übersichtlichen gruppierung und grösseren irische mit sich bringt und dann besonders dankenswert ist, wenn sie einen fortschritt der erkentnis enthält, wird niemand in abrede stel- len. Aber verlangen lässt sich dies von dem commentator der H. D. billiger weise nicht; wol aber, dass er Lessings tendenz genau kent und darlegt, die ent- wickelung und den stand der späteren forschung in den hauptzügen charakterisiert und mit Sicherheit beurteilt oder doch den leser in den stand sezt mit Sicherheit zu beurteilen , ob eine als die Lessingsche vorgetragene ansieht diesen anspruch verdient. Dass aber die herausgeber unseres commentars diese aufgäbe im wesent- lichen mit erfolg gelöst haben, muss anerkant werden. Bei den vorgedachten erörterungen werden bibliographische angaben nicht zu umgehen sein; aber sie mögen in gestalt von numerierten anmerkungen den excursen folgen und nichts enthalten als titel und Seitenzahlen, damit, wer solche nicht sucht, auch nichts anderes hier suchen muss. Den überg-ang dazu würde passend die berichtigung kleiner irtümer Lessings in chronologischen und anderen daten sowie der nachweis der von ihm benuzten und im äuge gehabten, aber nicht oder ungenau bezeichneten quellen und stellen bilden. Solte die inhaltliche Vorführung oder ergänzung von dergleichen nützlich erscheinen , so würde diese , je nach dem grösseren oder geringeren belange, entweder in den tenor der excurse, eventuel übersezt oder doch mit der Übersetzung, einzuflechten oder in den nun- mehr zu besprechenden dritten hauptteil des commentars unter vorgängiger Verwei- sung darauf aufzunehmen sein. — Solchergestalt würde sich in den excursen die dreiteilung des ganzen widerholen. Aus dem bisherigen ist zum teil schon ersichtlich, wie ref. sich den lezten abschnitt des Werkes gestaltet denkt. Er wünscht in demselben in lexicaliseher anordnung aufgeführt zu sehen die fremdwörter , die diesen gleich zu achtenden deutschen Wörter, allenfals auch besonderheiten der formen und constructionen ; ferner sämtliche biographische, historische, mythologische und die meisten litte- rarhistorischen und bibliographischen mitteilungen ; endlich die Inhaltsangaben der dramen und romane. Mit einem werte: in dem lexicalischen Verzeichnisse stehe dasjenige, das wol unterrichtend, aber nicht unmittelbar erforderlich ist zum Ver- ständnisse der H. D. , oder dessen kcntnis bei vielen vorausgesezt werden darf. Das Verhältnis des ersteren dieser bestandteile zu den excursen Avürde im kleinen ein analogen bilden zu demjenigen, welches Bernhardy durch trennung der äusseren geschichte der litteratur von der inneren darzustellen gesucht hat. Dass aber die gedachten kategoricn auch auf die inhaltsaugaben der in der H. D. vorkommenden dichtwerke anwendung finden , leuchtet ein : die meisten der lezteren sind unbedeu- tend, und die bedeutenden bald diesem bald jenem teile des vorausgesezten lescr- kreises nicht fremd. Die lexicalische anordnung dieser materien aber verbindet den ÜBER LESSINGS HAMB. DRAM. ED. SCHROETER - THIELE 237 Vorzug der verlässlichsten auffindimg mit der vornieidung jcgliclier Überfüllung und Störung. Im oinzeluou denkt sicli ref. die liauptmassc dieser notizen zu zusammen- hängenden artikeln unter dem namon der betreffenden dichter und gelehrten nach feststehendem schema verarbeitet. Z. b. artikel Voltaire: kurze biographie, alge- meine Charakteristik und Stellung in der litteratur mit quellennachwcis, gesamt- ausgabni und Übersetzungen. Darauf titel, Chronologie, eventuel beurteilung und inbaltsangabe der in betracht kommenden einzelwerke, und zwar widerum in alpha- betischer Ordnung , nebst ihrer litteratur. — Auf diese weise hätte man an einem orte übersichtlich beisammen, was sonst an vielen punkten verstreut ist, während doch die schematische anläge, unterstüzt durch eine zweckmässige typographische einrichtung, schnelle Orientierung und leichte auswahl ermöglichten. Ferner möchte es sich empfehlen, diesen teil des Werkes auch als register zu gestalten, z. b. s. v. karthar.sis anzugeben, in welchem stücke der H. D. und in welchem excurse hauptsächlich, in welchen nebenbei davon gehandelt wird, unter dem uamen der dichtwerke auf die dichter zu verweisen. Ist ein und derselbe stoff von mehreren dichtem bearbeitet, so wäre vielleicht behufs leichterer vergleichuug von der regel abzuweichen und die besprechung der gleichnamigen werke gemein- sam vorzunehmen, z. b. die der beiden Electren entweder bei Sophocles oder bei Euripides, in ähnlicher weise, wie Cosack die Merope des Maffei und des Voltaire act für act und scene für scene neben einander vorgeführt bat. Auch hierüber müste selbstverständlich das register auskunft geben. Doch ref. muss befürchteu sich schon zu sehr in einzelheiteu verloren zu haben. Er ist durchaus nicht der meinung, dass der vorgeschlagene plan muster- giltig sei. Sehr vieles kann gewiss zweckmässiger eingerichtet werden. Allein die Überzeugung, dass die grosse, teils schwerfällige, teils zersplitterte masse der- artiger commentare durch sonderung wie durch Zusammenfassung in übersichtliche und handliche gruppen zu bringen wäre , um wesentlich an brauchbarkeit zu gewin- nen; dass das princip der anordnung sein müste das unentbehrliche und wichtige vor dem erst in zweiter linie wissenswerten zu geben ; dass das bestreben immer darauf zu gehen hätte, den in betracht kommenden bildungsstufen und studien- weisen ihre besonderen bedürfnisse leicht und möglichst unverwirrt mit anderem darzubieten: diese Überzeugung glaubt ref. festhalten zu müssen, auch wenn es ihm nicht gelungen ist, die wege, die dazu fühi'en, zu finden und zu zeigen. Einen leisen anfang damit hat Cosack gemacht, indem er seinen comuientar mit anmer- kuugen begleitet hat, aber freilich uiigleichmässig und ohne principielle Scheidung. Denn der commeutar selbst trägt ganz den gleichen fragmentarisch -bunten Charak- ter wie die anmerkungen dazu. Zum Schlüsse möge hier noch dasjenige platz finden, was dem ref. im ein- zelnen an dem Lessiugschen texte bei Schröter und Thiele und in den anmer- kungen aufgefallen ist, und zwar nach der reiheufolge der stücke der H. D. auf- geführt. II, 2, 3. Zu den werten Lessings: „Wunder dulden wir da nur in der phy- sikalischen weit; in der moralischen muss alles seinen ordentlichen lauf behalten, weil das theater die schule der moralischen weit sein soll" bemerken die heraus- geber unter A. 2. , nachdem sie den begriff des Wunders und des physikalischen Wunders erläutert: ,,ein moralisches wunder aber würde es sein, wenn Gretchen nicht zu gi-unde ginge , denn unser gerechtigkeitsgefühl verlangt die sühne als not- wendige folge ihres fehltritts " — und unter A. 3. , zu den lezten der angeführten 238 NEIDHAEDT Worte Lessings: ,, und also insofern vor allem nicht unser gerechtigkeitsgefiihl ver- letzen darf."' — Durch einmischung des gerechtigkeitsgefühls und das gewählte beispiel wird der Lessingsche gedanke alteriert. Lessing spricht sich gegen die nicht genügend motivierte bekehrung der Clorinde aus; er vermisst nicht eine not- wendige folge, sondern eine unerlässliche vermittelung , und nicht das gerechtig- keitsgefiihl des Zuschauers findet er gefährdet — wie solte jemand diese bekehrung ungerecht finden? — ■ sondern die befriedigung seiner einsieht. Allerdings darf das theater als „schule der moralischen weit" auch jenes nicht verletzen; doch lag dies hervorzuheben hier keine veranlassung vor. Wahrscheinlich sind die Verfasser durch den ausdruck ,, moralische weit" irre geführt worden. Lessing gebraucht aber „moralisch" in weiterem sinne zur bezeichnung der einheit des geistigen und sittlichen, wie er ,,moral" jeden algemeinen satz nent, und wie wir heute noch das wort in manchen Verbindungen anwenden, wenn wir z. b. von „moralischen eroberungen" und dergleichen reden. Den gegeusatz von physika- lischer und moralischer weit Avürde man heut zu tage wol durch den der materiel- len und geistigen auszudrücken suchen. 10. Die hier gegebene kurze definition des Zweckes der tragödie als „wol- tuender erregung von aifecten, deren mässigung im wirklichen leben man als die aufgäbe des sitlichen menschen betrachtet" — ist irreleitend; zum mindesten hät- ten die zu erregenden alFecte namhaft gemacht werden müssen. Da in der einlei- tung und zu späteren stücken der H. D. weit eingehender und zutreffender von die- sem gegenstände gehandelt Avird, so wäre hier eine blosse Verweisung richtiger gewesen. 14. Ob die identificierung von ,,nothnagel" und ,,niednagel" etymologisch gerechtfertigt ist, weiss ref. nicht. Dem obersächsischen sprachgebrauche wie dem zusammenhange bei Lessing entspricht aber mehr die bedeutung ,,notbehelf" als die von den herausgebern empfohlene: ,, lästige kleinigkeit." 17. Die notizen über Eckhof sind neben der einleitung entbehrlich. in, 3. Dass die hier und LXXVI, 2 vorgetragene erklärung von „symbo- lisch" = ,, bildlich," resp. ,, sprachlich" nicht richtig ist, hat bereits H. Müller bemerkt, ohne bestimt zu sagen, wie man es zu erklären hat. Aus der verglei- chung der drei stellen , wo das wort von Lessing gebraucht wird , St. III : „ Er (der algemeine satz, die moral) ist kein blosser symbolischer schluss; er ist eine' generalisierte empfindung" — St, IV: „Wenn es daher ein mittel gibt, ... das symbolische der moral wider auf das anschauende zurückzubringen" — St. LXXVI: ,,so kömt es darauf an, ob sich diese dinge ebensowol in der natur von einander trennen lassen, als wir sie in der abstraction und durch den symbo- lischen ausdruck (es ist von der disjunction durch ,, weder — noch" die rede) tren- nen können" — und aus der erwägung ihres Zusammenhanges gelangt ref. zu dem ergebnis, dass Lessing ,, symbolisch" = ,, formelhaft" gebraucht hat (symbol = formel) , an den beiden ersten stellen mit dem nebenbegritf des unlebendigen , kal- ten, an der lezten mit dem des herkömlichen , fest ausgeprägten, welche der for- mel anzuhaften pflegen. 4. In Übereinstimmung damit nmss, wie auch schon Müller gesehen hat, in den worten ,, generalisierte empfindung" der nachdruck auf dem Substantiv lie- gen. Demnach will Lessing hier nicht sagen , was die herausgeber ihn sagen las- sen, und was an sich ja nicht unrichtig ist: ,,die moral drückt einen gedanken aus, der nicht nur der augenblicklichen empfindung der handelnden person ent- spricht , sondern auch losgelöst von seiner beziehung zum augonblicke und zur per- ÜBER LESSINGS HAMB. DRAM. ED. SCIIROETEH - THIELE 239 son eine algeiiieine geltung besizt." Vielmehr hebt er hervor: die moral im drama ist nicht nur ein algemeiner satz, sondern es spricht sich in ihr zugleich die empfin- dung der handelnden persou aus. IV, 2. Die orklärung von ,, conventioiiell " == ,, nur durch langen gebrauch erklärlich " — erschöpft den begriff nicht ganz. Es muss hier lieissen : durch das herkommen festgestelt und dadurch algemein bekant und angenommen. VI, 2. Nach der hier gegebenen erklärung muss mau glauben, der prolog sei eine völlig legitime und durch die autorität dos Aristoteles geheiligte einrich- tung des griechischen trauerspieles seit Euripides. Das richtige findet sich XLIX, 3 ausgeführt , und darauf war zu verweisen. 18. Zu dem verse: „Abscheuliches meistersttick der herschsucht und ihr list" wird bemerkt, er werde nur lesbar dui'ch die ausspräche ,, abscheulches " oder ,,abscheulichs." Da der Verfasser dieses epiloges sich starke kürzungen erlaubt, wie 5 Zeilen vorher: ,,die anders glaubens sind,'' statt ,, anderes," so darf man ihm eine kürzung ,,abscheulichs" statt „abscheuliches" (nom. sing.) allerdings zutrauen. Aber er braucht 8 Zeilen später auch das neutrale adjectiv in unflectier- ter form: ,,In ein unschuldig herz," statt ,, unschuldiges." Und demnach könte er auch hier geschrieben oder gemeint haben: ,, Abscheulich meisterstück." In einem wie in dem anderen falle wird der vers scaudicrbar ; im zweiten jedoch, mit unflec- tiertem adjectivum, wird er gefälliger. 20. Bei der stelle: „Er war und — oh verzeiht die thrän! — und starb ein Christ. „Liess sein vortreflich herz der nach weit in gedichten, ,,Um sie — was kann man mehr? noch todt zu unterrichten." heisst es: ,,Zu liess ist „er" als subject aus dem vorhergehenden satze zu ergän- zen." Die frage liegt nahe, ob nicht durch ein komma statt des punktes hinter ,, Christ" die construction zu erleichtern sei. VIII, 10. Die notizen über madarae Löwen sind neben der einleitung ent- behrlich; desgleichen XII, 8. die über Ackermann. XV, 6. Eomeo und Julie. Im Verzeichnisse der in der H. D. erwähnten stücke s. 621 -- 624 hat ref. dieses nicht finden können. XX, 9. tot linguae quod membra viro. Die Vermutung der herausgeber, dass Lessing den vers selbst gebildet habe, ist durch Cosacks nachweis, s. 147, hinfällig geworden. XXVII. Im texte s. 173 steht durch versehen: ,, in dieser seine composition. XXXI. Zu der construction s. 194: „was geht das dem dichter an?" wäre die bemerkung J. Grimms in seinem deutschen wörterbuche 1, 341 zu verwerten gewesen. XXXVIII. Man vermisst hier einen bericht über die spätere entwickelung des in diesem stücke behandelten problems. Auch in der einleitung § 11. s. XCIII wird nur die von Lessing versuchte lösung des Widerspruches zwüsehen den forde- rungen des 13. und 14. capitels bei Aristoteles mitgeteilt und ,, ebenso kurz als scharfsinnig" genant, jedoch mit der Verwahrung, dass damit kein urteil über die riclitigkeit der Lessingschen meinung gefält sein solle. Scharfsinn wird ihr nun niemand streitig machen, aber unrichtig ist sie doch, da sie im gründe auf der Verwechselung von nfQinhfia und f^traßolr) beruht. Auch die herausgeber bemer- ken in § 12 der einleitung s. CHI a. 2, dass das, was Lessing unter peripetie ver- steht, nicht ganz richtig sei, und führen die jezt algemein angenommene erklärung 240 NEIDHARDT an Daraus folgt aber schon mit notwendigkeit, dass jener lösungsversuch , weil ganz auf die unrichtige deutung der peripetie gebaut, nicht zum ziele führt, wenn auch Cosack, auf Ed. Müllers autorität gestüzt, uns das wider versichert. — Aber selbst, wenn man mit Vahlen im 13. c. die lehre von der /Linußol^ und nicht, wie Lessing, von der ntQinsTfia erblickt, wird man den Widerspruch nicht los. Denn erstlich ist die fAtraßoh) kein teil der handlung, sondern die summe derselben, am wenigsten ein accessorischer, wie jene; und zweitens steckt der Widerspruch auch im 14. c. allein, wie Susemihl gezeigt hat.* XXXIX, 8. Heimat und zeit des Polybius sind schon unter XXIX, 10 ange- geben. XLIX , 5. Die bemerkung : „ Das urteil des Aristoteles (über Euripides) . . kann nur mit einer gewissen einschränkung anspruch auf richtigkeit erheben, denn auch bei Äschylus und Sophocles ist ein unglücklicher ausgang durchaus nicht sel- ten" — vergisst, dass Aristoteles selbst unmittelbar vorher sagt: id toicvtiu tqk- yixcjTccTui (fuh'ovrai. Eben deswegen ist die versuchte beziehung auf die jüngeren tragiker unzulässig. Euripides erweist sich als der tragischste dichter, insofern die genante art der composition bei ihm die vorwiegende oder wenigstens häufiger war als bei jedem anderen dichter. "•^ 7. ,, Aussetzen" kann hier nicht wol heissen ,, versehen," ,, ausrüsten." Ref. nimt es gleich ,, exponieren" im medialen sinne: sich die expositiou machen. — [Lessing braucht „aussetzen" im sinne von ,, ausgehen, seineu ausgangspunkt von etwas nehmen , von einem punkte aus beginnen " ; vgl. am Schlüsse der vorrede zum Laokoon : „Da ich von dem Laokoon gleichsam ausseztc, und mehrmals auf ihn zurückkomme , so habe ich ihm auch einen anteil an der aufschrift lassen wol- len." Demnach scheint hier der sinn sein zu sollen: „wenn er uns sofort könte anheben lassen mit der Überzeugung" usw. J. Z.] LVIII. Im text s. 342 liest man: ,,und erbarmen solte könige schimpfen?" — Fehlt etwa das ,,be''? LIX. Im text s. 346 steht: ,,in leidenschaften , deren jeder seine eigene beredsamkeit hat." Hier steckt entweder ein fehler, anstatt: deren- jede ihre eigene ..., oder eine künstlich geschraubte construction des sinnes: jeder bat seine eigene beredsamkeit der leidenschaften, jeder weiss den leidenschaften einen indi- viduellen ausdruck zu geben. Dem zusammenhange entspricht mehr die erstere annähme. — [Meines bedünkens soll ,, deren" ungefähr die bedeutuug ,, in welchen" haben, der genitiv ,, deren" aber abhängen von ,, beredsamkeit," so dass der sinn ist: ,,in leidenschaftlicher erreguug hat jeder seine eigene, natürliche, angeborene, nicht angelernte beredsamkeit. J. Z.] LXI, 2. Durch versehen steht „so" anstatt ,,und." LXXII. Der ausdruck „löschbrand" im text s. 400 hätte wol eine erklärung verdient. LXXIII, 24. Zu den worten Lessings : ,,ich würde Shakespeares werk wenig stens nachher als einen Spiegel genuzt haben, um meinem werke alle die flecken abzuwischen, die mein äuge unmittelbar darin zu erkennen nicht vermögend gewesen 1) Vgl. des ref. de Eurip. poet. niax. trag. p. 33 — 37, resp. 313 — 317, wo ein versuch gemacht ist den schaden durch Umstellung der worte xgcirtaTov und äsvTfQov zu bellen. 2) Vgl. die ausführungen des ref. 1. 1. p. 1. 2, 14—16, 37 — 39, resp. 281. 282, 294 — 296, 317 — 319. ÜBER LESSINGS HAMB. DRAM. ED. SCHROETER -THIELE 241 Wäre" — fügen die herausgebev hinzu: „«lic aber (so dürfen wir wol Lessing ergän- zen, weil or im folgi-nden Sliakosjjeare nirgends reclitfortigt) bei den grossen mas- sen der Shakespeareschen tragödie leicht an dieser selbst zu erkennen gewesen wären." — Sie nehmen also an, dass Lessing von fieeken in Shakespeares Richard III rede, welche er, als dort leicht orkenbar, aufgesucht liaben würde, um die glei- chen fehler in der eigenen arbeit zu tilgen. Diese auffassung ist weder im Wort- laute des textes begründet, noch lässt sie sich irgend mit dem zusammenhange des Stückes wie mit der gesamtanschauung Lessings von Shakespeare in einklang setzen. Lessing will einfacb sagen: ich würde mein (fertiges) werk mit dem Shakespeares als einem muster verglichen und aus dieser vergleichung, an den schiinhciteu Shakespeares die fehler meines Werkes erkant haben, die ich bis daliin nicht gese- hen hätte. LXXIV. Im text s. 417 steht durch versehen „entwurf" anstatt ,,einwurf." LXXV, 14. Phokas regierungszeit ist um 1000 jähre zu spät angesezt. LXXVI, 4. 5. Dass Lessings erklärung des (fiXarfh^oinov die richtige ist, meint ref. in seiner vorgenanten schrift bewiesen zu haben. ^ LXXVII, 1. Hier wird die Döringsche lehre von der potentiellen (tragischen) und eigentlichen furcht vorgetragen, welche ref. für recht scharfsinnig, nur nicht für aristotelisch ansehen, und welche bei Aristoteles nicht gefunden zu haben er unmöglich mit den herausgebern Lessing als Unklarheit anrechnen kann.^ 12. Durch versehen steht hier: ,,eine und des Aristoteles ansieht" anstatt: ,, seine u. d. A. a. 13. ,,Die herren haben gut streiten" braucht kein Gallicismus zu sein in der bedeutung ,,striiten vergeblich." Wenigstens hiirt man in Schlesien, Sachsen und Thüringen täglich Wendungen wie: ,, Du hast gut reden, raten, lachen" u.a.m. in dem sinne: ,,Du hast oder machst es dir leicht, davon zu reden" usw. Übri- gens liegt der begriff des vergeblichen darin mit eingeschlossen; denn diese aus- drücke werden immer auf solche angewendet, die man in falscher position zur sache ei'blickt, und deren reden und tun man darum richtigkeit, Verbindlichkeit für andere und erfolg abspricht. Z. b. ,,Der reiche hat gut reden von den Vor- zügen der armut" heisst: dem reiclien wird es leicht von den Vorzügen der armut zu reden, weil er ihren druck nicht kent, - und eben darum redet er in den wind. XCI, 5. Zu anfang der anm. muss Aristophanes anstatt Aristoteles gesezt werden. XCII, 6. An die bemerkung Hurds: ,,Der geizige des Meliere ist nicht so eigentlich das gemälde eines geizigen mannes als des geizes selbst" — schliessen die herausgeber folgende deduction Kre^'ssigs: ,.ein erfahrener Wucherer, der seinen geldkasten vergräbt, ein mann der nicht zwei brennende lichte in seinem zimnier leiden mag, der ohnmächtig wird, wenn sein koch ihm den küchenzettel eines massigen abendbrotes vorträgt: und dieser selbe mann im besitz von kutschpfer- den, eines Intendanten und zum überfluss sterblich in ein armes mädchen verliebt und nebenbuhler seines sohnes — das sind färben, die sich in dem porträt eines einzigen menschen nicht vertragen, möge der glänz jeder einzelnen immerhin nichts zu wünschen übrig lassen." — Nun heisst es in demselben XCIL st. weiterhin bei Hurd: „Meliere und Plautus haben statt der abbildung eines geizigen mannes uns eine grillenhafte widrige Schilderung der leidenschaft des geizes gegeben. Ich 1) L. L p. 24 — 26. resp. 304 — 306. 2) Vgl. de Eurip. p. 23, resp. 303. ZEITSCHR, F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XII. 16 242 NEI0HARDT, ÜBER LESSINGS HAMB. DRAM. ED, SCHROETER - THIELE nenne es eine grillenhafte Schilderung, weil sie kein urbild in der natur hat. Ich nenne es eine widrige Schilderung ; denn da es die Schilderung einer einfachen unvermischten leidenschaft ist, so fehlen ihr alle die lichter und schatten, deren richtige Verbindung allein ihr kraft und leben erteilen könte. Diese lichter und schatten sind die Vermischung verschiedener leidenschaften , welche mit der vor- nehmsten oder herschciiden leidenschaft zusammen den menschlichen Charakter aus- machen." — Dass die beiden beurteiler gerade das entgegengesezte in dem stücke des Meliere finden und tadeln , liegt auf der band. Hier durfte es an einer ver- mittelung nicht fehlen, oder der leser durfte überhaupt nicht in dieses dilemma versezt werden. XCIV, 5. Hier heisst es u. a. : ,,In Wahrheit aber existiert das begriif liehe nur in oder durch das einzelobject, nicht aber neben oder jenseit desselben, und es gab somit für Plato keinen grund die kunst, soweit sie die erscheinungs- weit nachahmt, aus seinem idealstaatc auszuschliessen." — Für Plato gab es eben den grund, dass er die gegenteilige lehre, wie sie die herausgeber vorher richtig zu anfang der anmerkung entwickelt haben, aufstelte. XCV, 8. Den ausdruck fermenta cognitionis soll Lessing ,,wol ohne zweifei" dem Solinus entlehnt haben. Diese gewissheit ist doch recht ungewiss vorgetragen. XCVI, 7. „Gegen aller neuern jjolierten Völker ihre" (sc. litteratur) und XCVni, 4. „Die niederlage bei sich erlaubt" sind sächsische Provinzialis- men. „Niederlage" bezeichnet ort und gelegenheit zu verkehr in fremdem hause, meist mit dem nebeubcgriffe des anstüssigen. CI — CIV, 6. In einer längeren auseinandersetzung über Lessings dictum : „ich bin weder Schauspieler noch dichter" liest man: ,,'Wir meinen vielmehr, es liegt uns hier ein wort vor, durch welches Lessing in wahrhaft bewundernswerter selbsterkentnis durch Schilderung seines eigensten wesens seine innersten herzens- gedanken offenbart " . . . . „ Doch hier erweisen zu wollen , dass Lessing sich mit den Worten selbst bitteres unrecht zugefügt hat, würde unnütze mühe sein, da dies, wie jeder freund Lessings weiss, von weit berufener (berufenerer?) band widerholt geschehen ist" .... ,,Aber alles dies erklärt nur, warum Lessing so sprach, nicht aber, ob er recht hat. Und dies hat er in seinem sinne gewiss!" — Diese sätze vermag ref. nicht zu vereinigen. Wenn Lessing — natürlich in sei- nem sinne — recht hat, wenn er mit ,, bewundernswerter selbsterkentnis" sich beurteilt, so kann er sich unmöglich bitteres unrecht zugefügt haben. Unrecht wird ihm nur der tun, der ihn nicht in seinem sinne, also falsch versteht. Und dies meinen wol auch die herausgeber. Im text s. 603 liest man: „die ihn mit einem bewundernden Ah! nachfolgt." 37. Anstatt A. 11 ist zu lesen A. 12. Trotz des kläglichen stiles der herren Dodsley und compagnie darf man wol fragen, ob sie wirklich gedruckt haben : ,, so bald jemanden ein buch nacligedruckt wird" — „von alle arten des nachdrucks" — ,,von unsre geselschaft aber" s. 606. 607. Endlich möchte ref. hinsichtlich der diction mit aller reserve, welche der vor anderen subjective charakter solcher eindrücke erheischt, bemerken, dass ihm hin und wider eine, um den Lessingschen ausdruck einmal selbst anzuwenden, „symbolische" rhetorik entgegengetreten ist. Er macht in diesem betracht beson- ders auf den anfang des Vorwortes, den schluss der einleitung und auf die num- mern LIX, 9. LXXII, 5. LXXIII, 15. LXXXVII— VIII, 11. CI — CIV, 5. 6. auf- merksam. TOMANETZ , ÜBER HADAMAR ED. STEJSKAL 243 Kef. schliesst mit dem wünsche, dass es den Verfassern beschieden sein möge, ihr tüchtiges und gewissenliaftes werk in nicht zu langer zeit weiter zu vervol- komnen. ERFÜRT. DR- E. NEIDHARDT. Hadamars von Laber Jagd mit Einleitung und erklärendem Coni- mentar herausgegeben von Dr. Karl Stejskal. Wien 1880 bei Alfred Holder. XLIV, 219 s. fl. 3. 20 Schmellers ausgäbe von Hadamars ,. Jagd" ist schon 1850 als 20. publication des literarischen Vereins erschienen : seitdem kam die vorzügliche Münchener hand- schrift (bei Stejskal B) neu hinzu, andere hss. , die Schmeller wol gekant, aber nicht benüzt hatte (C [14. jh.], d [15. jh.]) konten mit grossem vorteil bei der textesherstellung verwertet werden; zudem basierte Schmellers ausgäbe auf der ziemlich wertlosen Erlanger handschrift (15. jh., bei Stejskal c) und Hess manches zu wünschen übrig; eine neue ausgäbe der Jagd war also wol gerechtfertigt, und dass selbe in die hosten bände geraten ist , beweist die vorliegende edition in vol- stera masse. Schon in seiner abhandlung ,,zu Hadamar von Laber" Zeitschr. f. deutsch, alterth. 22, 263 — 99 hat Stejskal eine probe seiner umfassenden und gründlichen vorarbeiten gegeben und die einleituug, die der ausgäbe vorausgeht, erweitert die dort behandelten punkte , und fügt melirere neue hinzu , alle mit einer Sorgfalt und genauigkeit ausgeführt, dass man für die ausgäbe selbst nur das beste erwarten kann. Bevor wir uns zu dieser selbst wenden, mag ein überblick über das in der einleitung gebotene voraufgehen. Unter L gibt Stejskal einen abriss des lebens Hadamars. Wenig war in dieser hinsieht vorgearbeitet, auch das gedieht selbst bietet fast keine anhaltspunkte, alles muste aus den verschiedensten geschichtsquellen mühsam zusammengelesen werden. Um so statin enswerter ist die relativ grosse genauigkeit, mit der wir des dichters lebenslauf verfolgen können. Ich will als resultat nur herausheben, dass Hadamar III. aus dem oberpfälzischen geschlechte der von Laber um 1300 geboren ist, eine ziemlich wichtige politische rolle spielte, zwischen 1335 — 40 unser gedieht verfasste und in den 50er jähren gestorben ist. Sein rühm überdauert ihn um Jahrhunderte; sein literarisches beispiel wird mass- gebend für die nachfolger und insoferne ist Hadamar als dichter von niclit zu unterschätzender bedeutung. — Im 2. abschnitt bespricht Stejskal das handschrif- tenverhältnis , wofür die oben erwähnte abhandlung das wichtig.ste schon vorweg- genommen hatte. Die frage nach der ursprünglichen abfolge der Strophen ist bei der „Jagd" eine ungemein verwickelte, da nicht zwei der erhaltenen handschriften in derselben übereinstimmen und nicht eine ein volständig siugemässes ganzes darbietet Mit gröster Sorgfalt sucht Stejskal diese frage ins reine zu bringen und hat dabei unzweifelhaft, in befolgung richtiger grundsätze, die wahrscheinlich ursprüngliche strophenfolge widerhcrgestelt. Sjieciell rechtfertigt er die anordnung der ersten 21 atrophen, da hier die handschriften am meisten divergiren. Dass trotzdem nicht überall ein fortlaufender gedankenfluss erzielt werden konte, liegt in der natur des gedichtes und wol auch seiner abfassung, da es mir wenigstens sehr wahrscheinlich ist, dass die ,,Jagd" nicht eine einheitliche coniposition , son- dern in absätzen gearbeitet ist, deren Verschmelzung eine volständige ausgleichung verhinderte. (Vgl. auch einleitung s. XIX.) Anschliessend gibt Stejskal eine Über- sicht über den Inhalt und die art der composition des gedichtes: wir ersehen daraus, dass die eigentliche allegorie der schwächste teil der dichtung ist, wie nicht anders 16* 244 TOMANETZ ZU erwarten war, die stärke Hadaraars vielmehr in den eingestreuten betrachtun- gen liegt, obwol auch hier nur selten wirklich schönes sich entdecken lässt, das sogar inhaltlich nicht einmal auf erfindung des dichters zu beruhen braucht, son- dern nur verarbeitetes gemeingut der damaligen gebildeten kreise sein kann. Ich denke, Stejskal würdigt diese seite des gedichtes mehr als sie verdient. — Unter III. bespricht der herausgeber die strophenform . die sich als eine nachbildung der Scharfenbergischen Titurelstrophe erweist, indem diese dahin geändert ist, dass nur klingender versschluss verwendet Avird. Lozteres ist darum interessant, weil sich dabei die beobachtung ergibt, dass Hadamar den unterschied zwischen hoch- betonter langer und kurzer silbe nicht mehr kante , und darum ein wort wie begeren nur mehr klingend verwerten, mithin auch im vers nicht mehr verschleifen konte. Dafür ist auch bei ihm das princip strenger abfolge von hebung und Senkung ohne ausnähme durchgeführt. Übrigens beobachtet er im algemeinen die metrischen gesetze der blütezeit , was Stejskal des näheren ausführt. Es ist ein verdienst die- ser ausgäbe , diese metrischen beobachtungen auch textkritisch verwertet zu haben ; Schmeller kam es nicht darauf an , einem verse 1 bis 2 hebungen mehr zu geben, als er reclitmässig haben solte. - In IV schliesslich sammelt Stejskal einige der wichtigsten rhetorischen mittel Hadamars: es sind ihrer nicht wenige, doch ver- lieren sie meist ihren wert, da sie gewöhnlich auf die spitze getrieben werden. An diese reichhaltige eiuleitung schliesst sich der text an. Über das ver- fahren bei der herstellung desselben spricht sich Stejskal s. XLIII fg. aus. Berückr sichtigt sind fast nur die handschriften des 14. jh.: ABC Da, und mit recht; denn die im 15. jh. geschriebenen sind durch den Unverstand der Schreiber meist in sinlosester weise corrumpiert. Von den erwähnten handschriften gehören A B C D der handschriften - klasse x, a der klasse y an, so dass die Übereinstimmung in den lesarten der beiden klassen für die textrecension von entscheidendem einfiuss sein konte. In den seltensten fällen ist Stejskal von der handschriftlichen lesung abge- gangen und hat conjekturen in den text gesezt, die aber sämtlich geglückt sind (vgl. zu 24, 5). Eher könte man sagen, dass er sich zu sehr an die handschrift- liche autorität gehalten hat (s. u.) ; der archetyp mag , wie in bezug. auf die stro- phenfolge (vgl. ztschr. f. d. a. 22, 294) so auch rücksichtlich der textgestalt nicht mehr ganz correct gewesen sein. Dass die abweichungen von Schmeller bedeutende sind, wird niemandem auffallen, der bedenkt, dass Schmeller seinen text haupt- sächlich nach der schlechten Erlanger handschrift construiert hat. Zu wünschen wäre nur, dass wenigstens die bedeutenderen textdifferenzen, eventuel bei den les- arten , ersichtlich gemacht worden wären. Dass freilich an vielen stellen durch den neuen text immerhin noch keine klarlieit hergestelt ist, darf nicht dem heraus- geber zur last fallen ; Hadamar hat sich oft einer so dunkeln ausdrucksweise beflis- sen, die meist durch die form der allegorie hervorgerufen ist, dass gewiss schon den Zeitgenossen hin und wider nicht ganz klar gewesen sein mag , was er gemeint hat. Das lässt sich natürlich nicht gut machen. Jedoch gegen Schmellers text, der manchmal einen platten unsinn bot, hat die neue ausgäbe gewiss einen sehr bedeutenden fortschritt gemacht und, soweit man es beurteilen kann, fast überall in der herstellung des textes das richtige getroffen. Nur kleinigkeiten sind es, an denen recensent von Stejskals lesung altweichen möchte. So steht 15, G geselle, hetzä Liehen. ABa, die liss., denen Stejskal stets gefolgt ist, uiul deren Überein- stimmung um so wertvoller ist, da sie zwei handschriftenklasson angehören (vgl. s. XVIII), lesen hetze. Wenn nun auch B an der zweiten stelle, wo es dieselbe Strophe widerholt (B 512) hetsa liat, so steht doch für unsere strophe hetze fest. — ÜBER HADAMAR ED. STEJSKAL 245 91, 7. helfet mir si liehen, mich ir bieten Ba, was Stejskal in der anmerkung als eine auch gute lesart anerkent; sie ist sogar die l)essere. Denn abgesehen davon, dass Ba als zwei handschrit'tenklassen angehörig viel melir gewicht haben als A. dessen lesart im text steht, so ist in helfet mir si lieben (= helfet mir, dass sie mich erfreue) si Subjekts - accusativ und der satz ein echter acc. c. inf. ; ich denke nun, es ist stets das richtigere, einem solchen in einem mhd. gedieht auszuweichen, zumal wenn auch andere gründe eine änderung befürworten. Schnieller hat, viel- leicht von derselben erwägung geleitet, helfet (icsellen mir, ir liehen geschrieben. — Schwierig ist die stelle 112, 4 man hoert si hellen lüte imd Jceines dönes. Das eigentlich zweifelhafte wort ist dönes : die handschriften bieten das verschiedenste : trones, lones ; icones, frones. Öclinieller und Bech conicierten der erstere rönes, der andere hrönes (vgl. ötejskals anm. zur st.), dönes ist mit Ba wol richtig her- gestelt und die anderen handschriften mögen geändert haben, um dem reim auf dönes (v. 2) auszuweichen. Doch auch so ist die construction etwas eigentümlich, a bietet chlaines dones. vielleicht könte es ursprünglich unMeines dönes geheissen haben, so dass derselbe gedanke erst positiv, dann negativ gegeben ist, was bei Hadamar öfter vorkorat. Vgl. 180 , 4. — Auch 275, 7 , wo im text steht oh ich si staet , getriuwe und rein des muotes , gibt a mit reines muotes eine glattere fügung. Freilich ist es wider in solchen fällen geratener, die seltenere construc- tion als die ursprüngliche, von der zu einer gebräuchlicheren abgewichen wurde, aufzunehmen. — In 312, 2 ez kere ^car ez kere, dar teil ich nimmer kriefjen wäre ohne bedenken mit B immer in den text zu setzen gewesen; nimmer ist gewiss falsch. Allerdings haben es die übrigen handschriften; da hört jedoch die pietät gegen die handschriftliche autorität auf, die sonst der ausgäbe nur zum lobe gereicht. Zum mindesten hätte die änderung im commentar als notwendig ange- merkt werden sollen. — 330, 1 fgg. lesen wir: swer minner heizet tören, ser ich daz loiderklaffe , so habe ich miniu ören. In dieser fassung ist es schwer, einen practikabeln sinn herauszufinden. Die änderung ist jedoch sehr leicht und zwar ganz an der band der handschrift, was Stejskal eben nur übersehen haben muss. ABa lesen habt (was unter den lesarten s. 164 nachzutragen ist)^ und sodann eio (= iu). Die stelle heisst somit: .so habt iu miniu ören und ihr sinn ist: ihr könt dafür meine obren zum pfand nehmen. — 334, 4 ist wol herzentrüten zusammen- zuschreiben. — 490, 1 liest Stejskal in Übereinstimmung mit allen handschriften: ich sprach. Das ist nun schon deswegen auffallend, weil Hadamar seit 488, 6 spricht und zu sprechen noch gar nicht aufgehört hat Sodann ist der inhalt der Strophen 490. 491 schwer mit Hadamar und seineu Jagderlebnissen vereinbar. Er spricht nämlich str. 490 von einem liebchen , das ihm gott gegeben hat , und ohne das er jezt nicht mehr am leben wäre; denn sie war ein zaemez wilt gehiure und hatte den Jäger offenbar nicht zu lange auf der verte gelassen. Gerade das gegenteil davon jedoch ist der inhalt der ,,jagd"; Hadamar entkörnt das wild stets und er ist darob in Verzweiflung. Keinen anstoss gibt die strophe, wenn wir statt ich : er lesen und diese werte dem Jäger, mit dem er spricht, in den mund legen. Dann schliesst sich auch 491 vortreflich au. ,,Zum Zeitvertreib möchte ich nicht ungerne einer scheuen binde, die der Schlauheit Schlauheit entgegenzusetzen versteht, den- noch auf irgend eine listige ai't beizukommen suchen; solche kniffe muss eben einer, der dem wilde nachjagt, kennen.'' Darauf komt wider Hadamar zum sprechen und 1) Ich habe diese ergänzung aus dem handschriften - apparate des herausgebers, den er mir selber freundlichst zur Verfügung stelte. 246 TOMANETZ meint, er vvolte ihm wol verzoilieii (dass er gegen sein wild listig vorgehe) wenn er sein nachreiten und des wildes flucht zu sehen bcicäme und wie eines das andere überlisten wolte — mit deutlicher bcziehung auf des Jägers rede in strophe 491. Diese und 490 gehören zusammen, bilden die rede des Jägers, und 490, 1 ist dann er zu schreiben. Damit entfält natürlicli Stejskals frage, wer wol dieses Hadamars liebchen gewesen sein mag. — 497, 5 steht im texte: ez kom ein donrsträl, brin- nent in der verte der blic von himel liUte. Aa lesen; in prennen verte , B pren- nen verte. Das ist sinlos. Da also geändert werden muss , halte ich für viel ein- facher zu lesen: in brinnenter verte. Das stimt fast volständig zu Aa. Die versezte botonung von brinnenter kann bei Hadaraar , der lieber eine tieftonige silbe statt der hochtonigen in hebung sezt, um nur ja nicht eine Senkung auslassen zu müs- sen, nicht befremden. (Vgl. s. XXIX.) — 560, 6 Fröud ist von im gesiviget, er (sc. Eüege) hat sich auch von manger vart verdrimgen. sich lesen alle handschrif- ten , und darum hat es Stejskal beibehalten ; und doch ist es falsch. Schon Schmel- 1er (seiner anordnung str. 563) hat dafür, unzweifelhaft richtig, sie conicirt. — In Strophe p, 7 (s. 147) schrieb Stejskal: und hüete wol der Zungen klaff erortes. klafferortes muss jedenfals getrent geschrieben werden; denn Zungen kann nicht von klafferortes abhängig sein , sondern nur klaffer von zwngen und dieses von ortes. Nur nebenbei möchte ich bemerken , dass hin und wider die s. 144 fgg. abge- druckten Strophen , die sich nur in einzelnen handschriften finden , auch eine bemer- kung verdient hätten. Auch gegen die interpunction , deren durchführung an dem oft so schwierig zu verstehenden Inhalt bedeutende hindernisse zu überwinden hatte, ist nur an spärlichen stellen etwas einzuwenden. So 134, 5 fgg. nu sint si als die wolfe gar tinmaere; die da den guoten wiben ir fröud verkerent, daz sint fruödirraere. Das si in V. 5 verlangt notwendig eine erklärung, die eben in dem folgenden relativ- satz gegeben ist; der Strichpunkt ist daher in einen beistrich zu ändern; der rela- tivsatz steht dann änd xoivoD. Ich will hier anmerken, dass Hadamar diese con- struction mit einiger Vorliebe anwendet; so steht sie kurz vorher 132, 5 fgg.: ich mein die merker, die ez dicke noeten, [daz ez sin selbes kummer verswigen muoz], daz loil es danne toeten. Dann 129, 4: ich hoffe, ez ivelle nü geschehen, [daz Harre, Triuioe, Staete und Wille zuo einander setzen] , ^ö stoigen alle klaffer bil- lieh stille. Hier ist bemerkenswert, dass daz zuerst mit ,,dass," im zweiten falle mit ,,wenn" zu übersetzen ist. Freilich kann auch der durch so eingeleitete satz für sich stehen, so hat dann die häufig vorkommende bedeutung ,,wenn das gesche- hen ist, so," ,,dann" (wie auch 122, 7). In diesem falle ist aber natürlich der beistrich vor so in einen Strichpunkt zu verwandeln. Es begegnet jedoch dieselbe doppelte bedeutung von daz in einer « tto xotroö- construction auch strophe 441: ich wünsche in minem herzen, [daz guoter frouwen ougen wol saehen äne smerzen in al der minne gernden herze tougen wml oiich erkanden , da ir aller meinen], so möht man guot dem guoten erzeigen und ouch miden die unreinen. Sie braucht also 129, 4 nicht aufzufallen. Zu str. 441 Ist nur noch zu erwähnen, dass der bei- strich nach erkanden jedenfals zu streichen ist. — 817, 3 fgg. ich däht, man solte hohen iuch mörder, öwe einem armen gaste, dem bi in schalken sine hunde entlie- fen. Nach mörder muss ein Strichpunkt oder punkt gesezt werden. — 397. Gesel- liclicher läge üf alle schanze ivarten nnem ich für alle mäge. des muot besniten waer so mit der barten, so daz er tvol geselleschaft erkande, verswigen und ant- tvurten ze rehter zit, waz der unsaelde tvande. Der satz naem ich für alle mäge ÜBER HADAMAR ED. STEJSKAL 247 sezt eine person voraus, Jio HacUiniar allen seinen verwaiiten vorziehen würde, „wenn sie nämlich so j,'cartct wäre, dass sie wul von dem beisainniensein wüste, jedoch zu rechter zeit zu schweigen und rede zu stehen verstünde, so dass (hidurch alles Unheil heseitigt würde." Dies ist der Inhalt der v. 4 fgg., die notwendig zu V. 3 gehören, weshalb ich es für das richtigehalte, den puukt nach müge in einen beistrich zu ändern. V. 1 und 2 stehen dann gewissermassen anaphorisch da und werden durch den satz mit des wider aufgenommen; des steht hier in derselben bedeutung, in welcher so oft der == siver vorkomt = wenn jemandes, wenn eines .... — 517, 1 fgg. ffcdenke in släfes tivalme midi Umngent ie so nähen, man muht mit einem h(dme da zioischen niht, so ivaene ich, umbe vähen. So interpun- giert, gehören mit einem hcdme du stoischen umhe vähen zusammen; das ist ja eine reine contradictio in adjecto. Die besserung ist einfach, indem man den bei- strich nach so ivaene ich weglässt und nach niht stärker interpungiert. Die stelle lautet dann: „im träume bin ich stets so nahe an ihr, dass man mit einem haline nicht dazwischen könte: so fest glaube ich sie zu umfangen." Die ellipse des objectes, wie hier hei umherähoi. findet auch sonst bei Hadamar ihre entsprecliung; vgl. 478, 4: gelich dem helnden diebe oant ich da leit, dem ich (sc. mich) noch nie ertoerte. — Auch in strophe s s. 148 würde ich eine änderung der interpunktion vorschlagen. Die strophe lautet: ivaz Ican diu herz durch kriechen, daz ez den muot erfrischet, kein erzen't den siechen so holde labet, so ein wort daz mischet ist mit dem zeichen dar an man enphindet ein lieplich sunder meinen , ivie snelle daz unmnotes bant enbindet! Ich denke mir nun den gedankenzusammenhang so; vorausgeht die frage: „was kann so in das herz dringen, dass es das gemüt erquickt?" Darauf folgt als antwort nicht direkt: Worte und gebärden der liebe, sondern in breiter ausführung: keine arzenei labt den kranken so bald, als ein wort, das von gebärden, an denen man die liebe erkent, begleitet ist; und als resume dessen zum schluss: ,,wie schnell dadurch der unmut beseitigt wird!" Danach glaube ich, ist hinter erfrischet ein fragezeichen und hinter meinen ein Strichpunkt zu setzen. Dem texte schliessen sich die lesarten an, die jedoch nur eine auswahl von handschriften berücksichtigen, vgl. s. 244; nur in wichtigeren fällen sind auch die handschriften des 15. Jahrhunderts angeführt. An die lesarten reihen sich die anmerkungen , die meist lexikalischen Inhal- tes sind, indem die in dem gedieht so vielfach vorkommenden jagd- ausdrücke sorg- fältig und gründlich erläutert werden, auch sonst bei schwierigen Wörtern die ent- sprechende Übersetzung hinzugefügt wird; hin und wider werden auch ganze stellen dem Vorständnisse näher gerückt, jedoch wie ich meine, viel zu spärlich. Hada- mars unklare diction hätte es schon verdient, an zahlreicheren stellen in ein helle- res licht gestelt zu werden; dem herausgeber, der sich in das gedieht hineingelebt hat, mag manches ganz klar sein, was demjenigen, der das gedieht eben nur liest, unverständlich ist oder erst nach längerem bemühen deutlich wird ; vielfach genügt da eine kurze andeutung, die wenig räum einnimt, die anmerkungen aber erst zu dem macht, was sie zu sein versprechen, zu einem ,, erläuternden commentar." Auch syntactische noten finden sich ; auch diese hätten viel reicher ausfallen kön- nen; doch ist wie gesagt, das hauptaugenmerk des herausgebers auf die wort- erklärung gerichtet gewesen, und es kann ihm daher der mangel umfassenderer syntactischer beobachtungeu nicht zur last gelegt werden , zumal , wie mir dr. Stejskal mitteilte, das festgesezte raumverhältnis ihm vielfache heschränkungen auferlegte. 248 TOMANETZ Es sei mir nun noch vergönt, einzelne punkte der anmerkungen zu bespre- chen. Zu str. 29, 7: claz ich mich danne ieman irren saehe constatiert Stejskal einen acc. c. inf. : ieman mich irren. Doch ist dieses bedenkliche syntactische hilfs- mittel hier gar nicht nötig; ieman ist objects -accusativ zu saehe. — 158, 6 ich meine unnoetez klaffen von manger diet, duz mich vil dicke toeret soll zu dem indirecten anführungssatze ein ,,ist es" zu ergänzen sein; umioetez klaffen ist ubject zu ich meine. — 180, 5 ich blies zwir ^ind schrei mit mangem ivuofen ist wuofen als „Jammergeschrei" erklärt; eher ist hier an einen jagdruf zu denken, durch den ein helfer herbeigeführt werden solte. Nebenbei will ich bemerken , dass es mir in den folgenden versen: ob ich noch ieman hörte, den ich durch helfe mohte zao mir ruofen, viel plausibler seheint, statt ob ich : ob mich zu schrei- ben; der ton liegt doch darauf, dass ihn jemand hört. — 184, 6. 7 kein künc wart nie so riehe , ez waer (jenuoc , ob er die vart volendet. Dies wird übersezt mit: „kein könig war jemals so glücklich, es wäre viel, wenn er (als könig) zum ziele gelangen würde." Dadurch ist die stelle nicht viel klarer geworden. Es ist wol zu übersetzen: ,,Nie war jemals ein könig so reich, dass es ihm nicht genügen köute, wenn er (sc. da, bei dieser frau) zum ziele käme." ez waer = es enwaer. — 203, 1. 2. dö such ich ez umb jagen üf disen ivegen herte. herte wird als adv. gefasst und fehlt als solches bei Lexer. Es kann hier aber auch flexionsloses attri- butives adjectiv sein, zu wegen gehörig. Ebensowenig ist es nötig, 346, 3. 4 gesach man mich ie frechen, duz künde mir verzagen dö wol stillen, frechen als ein sonst unbelegtes sw. v. retl. zu fassen; es ist der accusativ des flectierten prä- dicativ gebrauchten adj. frech. Anschliessend will ich zwei irtümer corrigieren, die Stejskal bei der constatieruiig des fehlens einzelner Wörter bei Lexer unterlau- fen sind. Das 130, 7 erscheinende adj. schrickenlich steht bei Lexer 11, 797 unter schriclich, in dieser form nur durch unsere stelle belegt; ebenso das 555, 2 vor- kommende lenken stn. bei Lexer I, 1882, mit unserer stelle als einzigem beispiel; allerdings ohne bedeutungsangabe. An mehreren anderen stellen findet sich wider die stelle aus Hadamar bei Lexer notiert, aber mit etwas anderer lesung (nach Schmeller) und unter einem anderen worte. So ist 263, 3 das ady. unhelfUche bei Lexer allerdings nicht angeführt , aber unser vers steht unter unJiilflicJie II, 1897 als einziger beleg angemerkt: 378, 5 «?t ist verschröteyi min gedankes t'ider findet sich I, 962 mit ÜfAimeller s gerider, das durch keine handschrift gestüzt wird. 544,5 daz er die göudenlichen milg vertrinken ist I, 1025 unter giudecliche mit der Schreibung göudielichen citiert, während das adjectiv göudenlich (strophe 609 nach Schmeller, f , s. 145 bei Stejskal) mit der richtigen form unter giudenlich I, 1026 angemerkt ist. Wider an anderen stellen ist wol das betreffende wort bei Lexer vorhanden, es fehlt jedoch die specielle bedeutung, die für die stelle bei Hadamar angenommen werden muss; so bei gerehticUch (35, 2. Lexer I, 875; vgl. Nach- trag s. V.) die bedeutung: ,, weidgerecht, hirschgerecht"; bei brück (69, 6. Lexer I, 362) die bedeutung ,, abgebrochener zweig"; bei blide (72, 5. Lexer I, 307) die bedeutung „ artig , sittsam." Diese beiden fälle subsumiert Stejskal unter das einfache ,, fehlt bei Lexer"; gewiss hat er recht; in einem fall fehlt wirklich die bestimte form, im anderen die bedeutung; das hätte aber jedesmal angemerkt wer- den sollen. An allen anderen stellen aber (es sind deren noch ca. 60) ist in der tat das volständige fehlen des wortes bei Lexer zu constatieren , und man wird überrascht durch die relativ grosse anzahl dieser bei Hadamar vorkommenden «7r«| flQrjf^ivcc. Freilich sind es vielfach blos substantivierte Infinitive , die fehlen , und die W. Grimm (vgl, Lexer I, XVII) übergangen haben mag, und andererseits ÜBER HADAMAR KD. STEJSKAL 249 erklärt sicli oft das nichterscheinen der Wörter bei Lexer dadurch, dass eben die- selben erst durch die neuo ausgäbe, die ein l)essores und besser verwertetes band- schriften-material zur Verfügung hatte als Schmeller, in den fext gcsczt worden sind. Übersehen liat Stejskal, dass das 196, 5 vorkommende beobern ebenfals bei Lexer fehlt. Bei diesem wäre auch unter änen (1, 68) die bei Hadamar 264, 2 erscheinende dialectische nebenform önen (: Ionen, vgl. St. Hadam. s. XXXII) nach- zutragen. — zu 233, 5 da viuoz muot in unmnot sich hekohern ist nach Lexer I, 167 für bekobern die bedeutung „sich zusammenfassen, erholen" (Lexer citiert dafür blos Herb. H869) angesezt: hier ist es wol jedenfals mit ,.sich verkehren" zu über- setzen, welche bedeutung allerdings nicht belegt ist; doch lässt sie sich sehr leicht mit der belegten bedeutung vereinbaren: denn auch das ,, erholen" sezt eine ände- rung des früheren zustandes voraus. — 338, 5 ich schrei, claz mort mit mordes übergolde. Dazu ergänzt Stejskal geschiht. Es heisst natürlich geschah; die ganze rede ist präterital. — 411,1 fgg. mit hnnden abgeladen sach ich da varen einen gen mir üf einer sträzen. ntii hunden abgeläzen wird übersezt mit „von hunden verlassen." ,,Mit" kann doch nicht mit ,,von" widergegeben werden. Es heisst jedenfals ,, mit hunden , die freigelassen , vom seile losgemacht waren , also frei herumliefen." Dafür spricht auch v. 5, in welchem Hadamar zu diesem Jäger, der da herangekommen ist, sagt: hie ist vil ivildes , vähä dine hunde. — 555. vol- sprechen noch volsingen mit aller zunge lenken kan nimmer muwt volbringen, — was guoter dinge man mit Harren endet, lenken fasst Stejskal mit Lexer als stn. und übersezt es mit ,,das lenken." Es ist nicht zu läugnen , dass dies nicht zum besten passt. Wäre es nicht besser, lenken als dat. plur. zu einem stn. letik = gelenk zu fassen, wie wir ähnlich 378, 5 vider statt gevider gebraucht gefunden haben? Dass die ausdrucksweise „mit den gelenken der zunge" anatomisch unrich- tig ist, braucht im 14. jh., zumal in einer dichtung, nicht aufzufallen. Die lezten selten der ausgäbe fült ein kurzes aber volständiges sach- und Wortregister. ' Alles zusammengenommen, kann man nur constatieren, dass diese herrn prof. Heinzel gewidmete ausgäbe der „Jagd" allen anforderungen , die man an sie zu stellen berechtigt war, in volstem umfang entspricht und im verein mit ihrer freundlichen ausstattung gewiss nicht verfehlen wird , sich unter den Germanisten zahlreiche freunde zu erwerben. Sie ist ganz danach angetan , das Interesse für Hadamärs poem von neuem anzuregen und zum weiterarbeiten auf dem nun gebahn- ten wege anzueifern. Von diesem gesichtspunkte aus wollen meine bemerkungen beurteilt werden. 1) Wenn ich noch auf einzelne druckfehler aufmerksam mache, die sich zumal in die anmerkungen eingeschlichen haben, so geschieht dies gewiss nur deshalb, weil ich es für eine .pflicht des recensenten halte, auf derlei kleinigkeiten aufmerksam zu machen, damit sich dieselben andere leser und der autor selbst ohne mühe ausbessern können. Die meisten druckfehler im texte sind schon einleitung s. XLIV angemerkt; nachzutragen bleibt nur 2.3.5, 7 lies üzbrüchic statt ürhrüchic. In den anmerkungen s. 180 gehört die note zu: die vart bmven , die unter 26 steht, an das ende von str. 25, s. 188 die unter 94 stehende bemerkung zu ungeslagen schon zu str, 95, ebenso s. 194 das unter 175 erklärte tingirdec schon zu str. 177, s. sodann 209 oben durchgraben schon zu Str. 538. Ausserdem lies s. 185 statt str. 62: 63, s. 188 z. 17 v. u. statt ihm: ihn, s. 197 statt str. 236: 235, s. 204 z. 8 v. o. statt schwiegen: schweigen und statt anwenden: abwenden, endlich s. 210 z. 4 v. o. statt allitation : alliteration. ZNAIM, IM MÄRZ 1880. KAHL TOMANETZ. 250 KINZEL Die poetischen erzäliluiigen des Herraiid vou Wildouie und die kleinen innerösterreichischen Minnesinger herausgegeben von dr. Karl Ferd. Kummer, Prof. am K. K. Staatsgymnasium im IX. Bezirk in Wien. Wien 1880, Alfred Holder. XIV und 228 s. u. m. 5,60. Die poesie der Epigonen konte sich bis in die jüngste zeit nicht grade einer sehr lebhaften teilnähme der forscher erfreuen. Besonders den entlegeneren gebie- ten und weniger bedeutenden Stoffen schenkte man geringere beachtung. Ein blick auf die nachtrage , Avelche Martin der litteraturgeschichte Wackernagels hinzufügte, gibt davon Zeugnis: für den ausgang des 13. und die späteren Jahrhunderte stand ihm nur spärliches material zu geböte. Es fehlte eben hier lange die rechte anregung, und es ist immer von neuem zu bedauern, dass Jänicke seine absieht nicht zur ausführung bringen durfte, die geschichte der deutschen spräche von 1250 — 1350 zu schreiben, wie er 1873 versprach. Eine solche zusammenfassende arbeit wäre sicherlich überaus befruchtend gewesen. Dieses jähr hat uns zwei umfangreiche specialuntorsuchuugen aus jener epoche gebracht, welche der anregung Heinzeis ihre entstehung verdanken und ihm gewid- met sind: Hadamars von Laber Jagd von Stejskal und Herrand von Wildonie von Kummer herausgegeben , beide in lobenswerter ausstattung bei Holder in Wien erschienen. Kummer gibt s. 129 — 176 einen kritischen text der poetischen erzählungen Herrands, s. 177 — 186 den der vier minnesänger Wildonie, Sounecke, Scharphen- berc und Stadecke, unter demselben die abweichenden formen der handschrift, dahinter 33 selten anmerkungen. Es ist zu bedauern, dass diese nicht ebenfals unter dem texte stehen, da ihre benutzung dadurch doch bedeutend erleichtert worden wäre. Ob es dem Verfasser gelungen ist, aus der einzigen handschrift den text mit einiger Sicherheit herzustellen, wollen wir nicht weiter untersuchen. Jeden- fals beruht sein verfahren , das ja in solchem falle stets von zweifelhaftem werte ist, wenn nicht wenigstens einige gedichte zuverlässiger überliefert sind, auf den eingehendsten Specialuntersuchungen über spräche und metrik Herrands , welche die einleitung darlegt. Wir wollen deshalb auch auf einzelheiten , die luis aufgefal- len sind, wie die form hetse für hete si III, 142, ivunnelcben in zwei werten III , 548 und manches andere nicht näher eingehen , sondern uns ihr zuwenden. Sie zerfält in zwei hauptteile. Der erste s. 1—55 behandelt die poetischen erzäh- lungen Herrands. Nachdem wir über die Schreibweise der Ambraser handschrift und Bergmanns textreceusion , über die drucke und verwanten darstellungen kurz orientiert worden, folgt eine sorgfältige metrische analyse. Sonderbar ist der ausdruck , der erste herausgeber scheine „in herstellung mhd. formen etwas weit gegangen zu sein," während doch sein verfahren offenbar wie das v. d. Hagens in seinen gesamtabeu- teuern ganz unkritisch war. Sic übersezten eben unbekümmert um reim und metrik alles erreichbare in die spräche Hartmanns. Nicht viel anders ist das verfahren Goedekes in seinem Theuerdank zu bezeichnen, das schwerlich dadurch entschuldigt wird, dass jene samlung für ein grösseres publikum bestirnt ist. Wer den Theuer- dank liest, mag sich auch die sprachformen jeuer zeit gefallen lassen. Schlimmer aber ist es in sofern, als Goedeke nicht einmal bemerkt hat, wo und wie er geän- dert hat. Kummer durfte also auf seine ausgäbe keine rücksicht nehmen, am wenigsten Schlüsse auf ihre Orthographie bauen. Die bemerkung unter den consonantisch - unreinen reimen s. 6 , dass die auf- geführten reimfreiheitcn in den Nib. im Parz. vorkommen , ist in dieser algemein- ÜBER HERRAND ED. KUMMER 251 heit unrichtig uud irreleitend, zumal Ja man sie auf das umiiittelbar vorhergehende, auf reime wie was : baz, beliben : verzifjot , bezieht. Die anmerkungcn z. d. st. berichtigen dies auch zum teil. Die motrik ist wie das ganze buch mit grosser Sorgfalt und kcntnis der ein- schlägigen arbeiten dargestelt. Die einzelnen abschnitte behandeln die hebungen im vers, hebung und senkung, einsilbigkeit derselben, die lezte Senkung und den auftact s. 7 — 20. In bezug auf die Verwerfung der annähme von dreihebigcn Ver- sen bei Herrand stimmen wir dem Verfasser durchaus bei. Unter den von ihm auf- geführten beispielon haben die meisten verse sicher sechs silben und sind ohne Schwierigkeit regelrecht zu lesen. Im einzelnen liesso sich natürlich bei manchem fall mit dem Verfasser über seine auffassung rechten. Aber wer sich einmal an die verwickelte aufgäbe spät nihd. metrik gemacht hat, weiss, wie schwer es ist, ohne vorgefaste meinung zu jeder erscheinung eine feste Stellung zu gewinnen. Die frage nach der silbenzählung im 13. Jahrhundert ist eine überaus schwierige und es will mir scheinen, als wäre Jänicke in ztschr. f. d. a. 16 und 17 zu weit gegan- gen, wenn er ihr einen solchen cinfluss auf widersinnige wortbetonung zuschreibt. Eher hat man sich wol sonst allerhand freiheit in verschleifung usw. gestattet, auch wenn dabei fehlende Senkung eintrat. Wo ist auch z. b. die grenze zu zie- hen, wenn es heisst : ,,die vokalische Senkung kann eiugesezt oder doch als dem dichter noch fühlbar gedacht werden" (s. 8) wie in heimelich ; oder hat hier die Senkung gefehlt ? Das aber ist schwerlich bei einem dichter wie Herrand zuzu- geben, bei dem das fehlen der senkung in vielen fällen constatiert ist, wie ürloüge, herliche, herschaft, einvalt u. a. , dass er den artikel in folgenden fällen betont habe: 3, 109. imcl hiez den lantliuten. 3 , 273. dö slouf der eilende. 8, 284. da er den tonoartel vant. 3, 348. dö er des almuosens bat. Ich glaube, dass man auch in der metrik der Ordnung zu liebe mit dem Schema- tismus zu weit gehen kann. Unsrer auffassung entspricht denn auch das resultat (s. 19): ,, Herrand von Wildon gehört zu den genaueren dichtem der zweiten hälfte des 13. Jahrhunderts ; . . . von den rohheiten der späteren dichter im gebrauche der kurzen reimpaare und in der silbenzählung hält er sich frei." Nachdem die möglichkeit, ja walirscheinlichkeit dargelegt worden, dass der liederdichter und erzähler identisch sind (vgl. auch Wack. lit, gesch. ^ 361) , folgt in dem abschnitte ,, Chronologie der erzählungeu" s. 21— 34 der nachweis, dass Herrand (im Koberstein immer Herant) der zweite , 1248 — 78 urkundlich bezeugt, nicht der dritte 1281 — 92, der vei'fasser sei, der in intimen beziehungeu zu Ulrich von Liechtenstein stand. Chronologisch wird für die einzelnen gedichte , für nr. III und IV durch versuchte deutung und anlehnung an historische Verhältnisse, fol- gende reihenfolge festgestelt: II. der verkerte toirt, jedenfals nicht nach 1275, Ulrichs von Liechtenstein tod. I. diu getriu kone, nicht vor 1257, Ulrichs Prauenbuch. III. dor blöze keiser, etwa 1259/60. IV. von der katzen, zwischen 1269 und 1271 Der schluss des I. teils behandelt Herrands Verhältnis zu seinen Vorgängern, zu Stricker, zu Liechtenstein u. a. Für die erste erzählung diu getriu kone oder 252 KINZEL daz ouge uimt Kuiiuner an , dass Herrand das längere gedieht GA 1 , 149 (die vers- zahl ist gleich, es fehlen aber in GA. Herrands v. 1 — 22 und 265—75) gekant habe. Ist nicht vielmehr mit v. d. Hagen an eine gemeinsame quelle zu denken? Freilich wäre dann anzunehmen, dass beide sich ziemlich frei zu ihr verhalten hät- ten. Eine abhängigkeit Herrands von der darstellung in GA will mir nicht recht einleuchten. Der vergleich des ,, Nackten Königs" mit der gleichen bearbeitung des Strickers ist recht geschickt. Verfasser macht aufmerksam auf die modernen ideen, welche Herrand eingefiochten hat und die ein licht werfen auf die Verhältnisse sei- ner zeit. Wie hier so weicht auch die darstellung in der erzählung von der katsen von Strickers kater freier bedeutend ab. Dennoch wird auch bei dem Nackten König, der zwar unter des Strickers namen überliefert ist, aber ihm von Bartsch abgesprochen wird, angenommen, dass Herrand dies gedieht gekant habe, ja dies wird gestüzt durch die Vermutung, einige Übereinstimmung in bezug auf behand- lung des reims lassen sich auf einfluss dieses gedichts zurückführen. Dies erscheint um so kühner, als nach des Verfassers Zusammenstellungen s. 40 fgg. die sonstigen Übereinstimmungen sich nur ,, auf einzelne Wendungen und kleine züge erstrecken." Auch die technik Ulrichs von Liechtenstein hat Kummer einer Untersuchung unter- zogen und verwendet zum vergleich die reime, die ausfüUuug der Senkungen u. a. Hier soll sich ebenfals formelle beeinflussung orgeben, z. b. ,,den grammatischen oder logischen ton um des versaccentes willen zu verschieben, hat Wildon wol von Liechtenstein gelernt." Ich brauche kaum ein wort darüber zu verlieren, dass dies wol scharfsinnig erfunden ist, dass es aber schwerlich je zu grosser wahrschein- keit gebracht werden wird. Beide dichter gehören derselben zeit, derselben gegend an: ich müste mir die handhabung dichterischer technik überaus mechanisch vor- stellen, wenn ich an eine abhängigkeit denken wolte. Man sehe nur auf die bil- dende kunst gleichen orts und gleicher zeit. Zahllos finden sich dieselben motive, dieselben formen , meist ohne dass eine directe nachahmung anzunehmen ist. Abhängigkeit Herrands von Ulrich, bekantschaft mit Iwein und Parzival wird auch aus dem wertschätz erwiesen. Kummer geht im ganzen vorsichtig zu werke und komt über eine Wahrscheinlichkeit nicht hinaus. Der zweite teil der einleitnng s. 55 — 126 behandelt die vier kleinen inner- österreichischen minncsinger Wildonie, Sounecke, Scharphenberc und Sta- decke. Kummer gibt zunächst eine eingehende Übersicht über die entwicklung der lyrischen poesie mit besondrer berücksichtigung ihres lebens in Österreich. Von den österreichischen minnesingern werden auch die weniger bekanten und unbedeu- tenderen mit grosser Sorgfalt skizziert, und zwar werden zuerst die ,,im öster- reichischen hauptlande betrachtet , wo sie sich um einen festen mittelpunkt grup- pieren." Dann geht der Verfasser s. 70 zu den übrigen österreichischen ländern über: Tjrol, Kärnten, Steiermark, und komt so zu den vier steirisehen dichtem, die er besonders behandelt. Die Untersuchung über heimat und zeit der sänger s. 76 — 84 gibt folgende resultate. Scharphenberc ist ein plagiator Neidharts; welcher und ob einer von den urkundlich bezeugten herrn von Scharphenberc ist nicht festzustellen. Über Suon egge, der eine eingehendere prüfung verlangte und erfuhr, wird seine Zugehörigkeit zum geschlechto der untersteirischen Saneck oder Souneck vermutet und nicht an Konrad L, sondern an einen seiner söhne gedacht, die von 1255 an erscheinen. Der Stadecker ist nach Weinholds bestimmung (Wiener Sitz. - Ber. 1861; 35, 162) Rudolf IL 1243—1261. ÜBER HEREÄND ED. KUMMER 253 Die „Charakteristik dor sänger" s. 84 — 96 berücksichtigt das naturgefühl, Syntax und stil, Strophen- und versbau. Bei Wildonie und Stadeck schliesst Kummer auf gleiche schule. Ein besondres kapitel trägt die Überschrift ,, Vorbil- der und uacliabmer" s. 97 — 120. Der Verfasser spricht sich im algemeinen mit recht sehr vorsichtig über entlehnungen aus, meint sogar, „dass für wenige gedan- ken und Wendungen unserer dichter sich nicht parallelen aus örtlich oft recht ent- legenen poeten beibringen Hessen." Dennoch glaubt er nachweisen zu können ,,für Wildonie, Sunecke und Stadecke fast gleichmässige bekantschaft und verwantschaft mit Walther, Neifen und Liechtenstein , für Scharphenberc engste anlehnung an Neidliart und dessen scliule." Aus den algemeinen berührungen schliesst er auf einwirkung der schwäbischen poeten auf den osten und nimt seit 1276 eine rück- strömung aus dem osten nach dem westen an: ,, und zwar ergibt sich als das wahrscheinliche vehikel der durch die Habsburger begründete verkehr zwischen den beiden äussersten grenzen:- diese, als angesessen im äussersten westen und als neue landesherren im osten, führten und zogen bei ihren widerholten zügen die beider- seitige ritterschaft mit sich. Der lezte abschnitt ist der „Überlieferung" gewidmet. Kummer weist „grup- pen von sängern, die nach einem systera geordnet sind, wol kleine liederbücher, als bestandteile der quelle BC so gut wie der handschrift C nach" und nimt an, dass Wildonie, Suneck, Scharphenberc schon in einem liederbuch gestanden haben, als die samlung C angelegt wurde. Hoffentlich ist es mir gelungen, ein bild von der sorgfältigen und instruc- tiven arbeit Kummers zu geben, der sich schon dadurch ein verdienst erworben, dass er uns die schlecht erreichbaren werke des Herrand und einiger Zeitgenossen so bequem zugänglich gemacht hat. Auch Alwin Schultz in seinem „höfischen leben" hat, soviel ich sehe, den von Wildonie nicht benuzt, ihm würden sonst einige interessante stellen über das baden nicht entgangen sein. Ich komme gele- gentlich darauf zurück. BERLIN, JUNI 1880. KARL KINZEL. (f. Michaelis, Beiträge zur Geschichte der deutschen Eechtschrei- buug. Ergänzungen zu der Schrift: die Ergebnisse der zu Berlin vom 4. bis 15. Januar 1876 abgehaltenen orthographischen Kon- ferenz. Berlin, Barthol 1880. 140 s. 8. M. 1,50. In dieser ztschr. XI, 495 wurde schon auf einige interessante mitteilungen über die geschichte der Schreibung aus der feder desselben Verfassers hingewiesen. In der neuen schritt, welche diesem thema ausschliesslich gewidmet ist, sind zwei kleine hefte zu einem ganzen vereinigt. Das erste erschien schon 1877 als ergän- zung zu den ,, Ergebnissen" und enthielt auf 56 selten zwei abhandlungen über ,, beseitiger der dehnungszeichen in der zweiten hälfte des 18. Jahrhunderts" und „die grammatiker der fruchtbringenden geselschaft und die Zesianer." Auch das neu erschienene zweite heft gibt wertvolle beitrage zur geschichte der deutschen Schrei- bung, wenn mau auch eine gewisse einheitliche durcharbeitung des gesammelten Stoffes vermisst. Es wäre wünschenswert, dass Michaelis, den man eine autorität auf diesem gebiete nennen kann, mit seinem unermüdlichen eifer zu einer umfas- senden geschichtlichen darstellung gelangte. Die erste der neuen abhandlungen (III) beschäftigt sicli mit den ,, fraktur- drucken von Guttenberg bis zu Luther." Ins äuge gefasst wird zunächst die dar- 254 KINZEL Stellung der S- laute und die ansieht des Verfassers über die physiologische bildung derselben verteidigt, die schon mannigfache angriffe erfahren niuste. Michaelis zeigt uns, wie diese laute in den ältesten drucken Verwendung fanden. Er teilt u. a. zu diesem zwecke proben aus sieben drucken (1466^1518) der vorlutherischen deutschen bibelübersetzung mit, weil wir ,,an ihnen ein gutes stück der entwicke- lung der hochdeutschen spräche und Schreibung bis zu Luthers Übersetzung hin verfolgen können," und zeigt wie almälilich der positions-kanon wosser, hießen eindringt. Die frage s. 64: „wie soll man nun lesen flöß oder schon floss?" ist unberechtigt. Das gefühl für den unterschied langer und kurzer vocale geht eben seit dem 13. jahi'huudert almählich verloren; es wurde also wol ein zwischenlaut gesprochen. — Daneben führt uns Mich, die eigentünilichkeiten des Niklas von Wyle und des Parzival-druckes von Mentelin, Strassburg 1477 vor, um zu zeigen, ,,dass manches, was man in Luthers schritten als eigentümlich anzusehen und aus dem gebrauche der kanzleien abzuleiten pflegt, in der ihm vorangehenden littera- tur bereits volständig vorbereitet war." Nach einem kurzen abschnitt über die bezoichnung der umlaute von u und o wendet sich der Verfasser dem Mitteldeutschen im algemeinen zu. Er hält es für wahrscheinlich , dass im md. des 14. Jahrhunderts ie z. b. im worte siech (Beheim Evang.) noch lautlich durchgeklungen habe. Dagegen spricht einmal, dass wir in vielen md. denkmälern i für ie und ie für i geschrieben finden , dann aber vor allem, dass die dichter diese wilkürlich auf einander reimen. Interessant ist die s. 79 abgedruckte Urkunde aus Korbach (Waldeck) vom jähre 1374: t verschoben, auch daz, aber zweimal dit; brib, bribe: luden, gndir, gebeden, aber vatir ; hei', kene usw. Solte wirklich uo in tzuo stehen? Korbach ist ndd. , die spräche der Urkunde mfränkisch. Damit kehrt Michaelis zu den umlauten von o und u zurück und hat sein augenmerk auch im lezten abschnitt ,,die niederdeutschen drucke" darauf gerichtet. Er zeigt wie das eintreten der umlautbezeichnung im mnd. ganz parallel geht mit dem in md. an den Lübecker drucken des Dodesdanz 1489 usw. und des Reinke 1498, an den Rostocker drucken und in den ndd. bibelübersetzun- gen von Lübeck 1494, Halberstadt 1520, Wittenberg 1523. Aus diesen lezten dreien gibt er eine reihe von parallel -stellen. IV. Luther. Nach einigen einleitenden orientierenden bemerkungen wendet sich Verfasser zu Luthers Schreibung und zu seinen druckern: Job. Grunenberg, Melchior Lotther (proben aus ,,An den christlichen Adel," „Das Newe Testament" sept. 1522). Es wird nachgewiesen, dass in der 2. aufläge des neuen testaments, welche im dec. 1522 bei demselben drucker erschien, das fj getilgt ist, während es die 1. aufl. reichlich anwante. Ein neuer kanon ist eingetreten: ,,im inlaut ff, im auslaut § (nur ausnahmsweise fg." (S. 101), also gvoffe , grog; voffc, ro8; l^affe, l^aS. Michaelis hat sich bemüht, in der annähme, dass weder autor noch drucker ihre ansieht so schnell geändert haben können , anderswo einen urheber dieser grundlegenden änderung zu finden und hat scharfsinnig auf Justus Jonas oder Hans Luff't vermutet. Im folgenden weist nun der Verfasser weitere änderungen, wie bezeichnung des Umlauts usw. in der Orthographie Lutherischer schriften nach und wendet sich dann zu seinem gebrauche von i und ie, dem „ intervocalen " /*, th, consonant- verdopplung und dehnungszeichen. In bezug auf ie nimt Michaelis einen vermit- telnden Standpunkt ein zwischen Hupfeld (Neue Jen. allg. Litt. Zt.) , welcher Luther den gebrauch etymologisch - richtiger ie zuschrieb und Rückert (nhd. Schriftsprache), ÜBEU MICHAELIS, Z. RKCHTSCHRKIBUNfi 255 welcher bei ihm überall deliiiungszeichen erblickte. Seiner ansieht nach sei das e als dehnnngszeichen nach / erst alniählieh eing'edrimgen. ,,In der sehrift an den christliehen adel beispielsweise sind abgesehen von einigen wenigen sich eindrän- genden abweiehungen die oberdeutschen ie noch sprachrichtig bewahrt und ebenso widerum die reinen i" (s. IIG). Um zu zeigen, wie Luther sich zu dem ,,inter- vocalen" h verhielt, das teils aus altem h. teils aus ^v oder j entstanden oder nur silbentrennend ist, wird eine reihe von über 100 solcher Wörter s. 119 — 134 in alphabetischer folge mit belegen aus Luther, aus md. und ndd. denkmälern auf- geführt. Über einzelne Sonderbarkeiten wollen wir mit dem Verfasser liii'r niclit rech- ten. Nur das eine sei uns zu bemerken erlaubt. Weshalb derselbe seine Unter- suchungen ergänzungen zu der auf dem titel angeführten schritt nent, wissen wir nicht. Aber dass er auch innerhalb dieser wissenschaftlichen arbeit bisweilen noch auf die beschlüsse der orthographischen konfercnz rücksicht nirat, wie s. 119, welche doch ihrem ganzen wesen nach der Vergangenheit angehört und zu diesen historischen abhandlungen in gar keiner beziehung steht, ist nicht zu billigen. BERLIN, JUNI 1880. KARL KINZEL. Herinauii Althof, Grammatik altsächsischer Eigennamen in westfä- lischen Urkunden des neunten bis elften Jahrhunderts. Paderborn 1879, Schöningh. 92 s. 8. Nachdem über die heimat der verschiedenen altniederdeutschen deukmäler mancherlei mehr oder weniger gesicherte Vermutungen geäussert worden , erhalten wir nun durch Althof wenigstens für einen teil des gebietes das material, das zu genauerer localer fixierung jeuer denkmäler unbedingt notwendig ist. Voraus schickt der Verfasser eine recht gelungene erörterung über die sprachliche Verwer- tung der eigennameu in mittelalterlichen Urkunden (s. 1 — 14). Er betont, dass die eigennamen genau der gleichen Veränderung unterworfen sind, wie das übrige sprachgut: ausgenommen sind Ortsnamen, die durch officielle Schreibung auf einer gewissen stufe fixiert sind, sowie — zur zeit der abschwächung der endsilben — die taufnamen, die aus psychologischen gründen, in folge einer etymologisierenden riehtung, vollere endvocale behielten. Mit grosser besonneuheit wählt Althof die Urkunden aus, die allen für grammatische zwecke zu stellenden bedingungen genü- gen, und gibt s. 15 — 30 regesten des benuzten materials. Es folgt dann, auf etwa 2400 namensformen sowie eine auswahl von appellativen gründend, die lautlehre (s. 33 77), die declination (s. 76 — 85) und lexicalisches (s. 86). Den schluss bildet ein ausführliches Inhaltsverzeichnis. Althof beschränkt sich darauf, die tat- sachen zusammenzustellen und zu ordnen ; auf eigentliche sprachliche Untersuchun- gen, erörterungen über den lautwert der verschiedenen Schreibungen lässt er sich nicht ein. Aber schon diese nackten Zusammenstellungen sind höchst dankenswert und bieten genug des interessanten und zur nähern Untersuchung reizenden. Ich führe an die Schreibung ch für ry im anlaut und inlaut (§29, 32 und 36): g erscheint auslautend als r/, als h, als ch, als c (§37 fgg.); neben überwiegendem c oder k tritt in allen Stellungen ch ein (§ 43 fgg.)» wozu die Schreibung et für ht zu vergleichen (§ 66) ist: h steht ,, unorganisch " vor vocalen (§ 60); t für th (§76) usw. 256 BEHAGHEL, ÜBER ALTHOP, .VliTS. EIGENNAMEN Die arbeit Altliofs ist im ganzen sorgfältig und correct. Jedoch ist das material nicht überall volständig verwertet. Gleich zu anfang vermisst man einen Paragraphen über b im anlaut, das ja zahlreich genug vertreten ist. So gewint es den anscheiu , als ob anlautend nur p stünde. Das ist aber keineswegs der fall ; die Sache liegt vielmehr so. Anlautendes 2> bat doppelte geltung : einmal ist es = ahd. pf, zweitens = ahd. b, und in der leztereii geltung wechselt es mit der Schreibung b und hatte, wie ich glaube, auch gleichen lautwert mit diesem. Dass mau zur Schreibung p gritf, kam wol daher, dass h im inlaut, ehe die Schreibung V aufkam , die geltung dieses lautes besass , und dass das anlautende b von dem laute V weiter abstand als von dem laute ^x Ähnlich ist radtsch kegen (contra) zu erklären. — Wie Althof §84 behaupten kann, in Herifordensis , Mimigerneforäen- sis, SticJcfiirion stehe d für th, weiss ich nicht. Sagt er auch, fadar stehe für faihar? — Seltsam klingt die Überschrift zu §125: „Auslautend vereinfachtes n verdoppelt, wo es im inlaut erscheint.'' HEIDELBERG, DEN 1. AUGUST 1879. OTTO BEHAGHEL. ZU KLOPSTOCKS MESSIAS. In band XI s. 371 fg. dieser Zeitschrift ist ein von dr. Richard Hamel veröffentlichtes erstes heft ,,Zur textgeschichte des Klopstockschen Messias" (Rostock, W. Werther 1879, 62 s.) besprochen und dessen beträchtlicher wert für die text- kritik des Messias und überhaupt für die richtige Würdigung Klopstocks nach gebühr hervorgehoben worden. Der Verfasser , welcher auf grund langer und sorgsamer vorarbeiten eine kritische und mit volständigem kritischem apparate ausgestattete ausgäbe des Messias beabsichtigt, gedenkt demnächst in demselben verlage eine zweite und eine dritte abhandlung erscheinen zu lassen, in welchen dargeboten werden soll: Sprachliche Varianten, geschichte der entstehung des textes und der ausgaben des Messias, mit eingehenden kritischen beobachtuugen und mit aus- blicken auf Klopstocks wesen und seine zeit. Der gegenständ an sich und die im ersten hefte dargetane befähigung des Verfassers verdienen wol, dass die kenner und freunde unserer klassischen litteratur dem unternehmen ihre aufmerksamkeit und ihre förderliche teilnähme zuwenden. J. Z. Halle, Buchdruckerei des Waisenhauses. DIE ERD- UND VÖLKERKUNDE IN DER WELTCHRONIK DES RUDOLF VON HOHEN -EMS. EINLEITUNG. Zur würdigringf Ton Rudolfs IVeltchronik im algomeinen, des goograpliischen abr'sses im besondereu. Wiewol über die abfassuugszdt und die reihenfolge der verscliie- denen dichtungswerke Rudolfs von Hoheii-Ems, jenes dienstman- nes der angesehenen grafen von Montfort,^ im einzelnen noch keine völlige Sicherheit herscht, so viel steht doch als unzweifelhaft fest, dass die Welt- Chronik als das lezte werk dieses fruchtbaren dich- ters betrachtet werden muss, deren abfassungszeit nach 1250^ und vor 1254 zu setzen ist, weil der dichter, wie wir aus seinen eigenen Worten im eingange zu den Büchern der köuige ersehen , auf den wünsch des Staufers Konrads IV. ihre bearbeituug unternahm,^ aber, lauge bevor er seinen plan der Vollendung zureifen sah , in „ welschen reichen " hinstarb : die arbeit Rudolfs bricht ab , als er eben erst bis zur erzählung von Salomons tode gekommen war * Dieses werk, welches nicht bloss durch den erwarteten könio-lichen lohn den dichter künftighin aller leiblichen sorgen überheben solte, sondern das auch für könig Konrad eine würdige lectüre, für die mit- und nachweit aber ein „ewiclich memoria!'' an diesen hohen gönner darzubieten bestimt war, — ist es nun diesen hohen absiebten gemäss angelegt? Ist es, soweit es durch Rudolfs band gediehen ist, dem entsprechend würdig ausgeführt worden ? Die beurteilung, welche es in neuerer zeit erfahr, ist eine sehr auseinandergehende. Denn während Gervinus,^ in erster linie durch den gesichtspunkt des ästhetischen bestimt, sich höchst abfällig äusserte und sogar so weit gieng, dass er „die Weltchronik in ihrer echten 1) wie er sich in seinem Wilhelm (v. d. Hagen Ms. IV, 548) nent, nach Franz Pfeiffer (Barlaam s. XI) „zum ersten und einzigen male." 2) Vergleiche die anmerkung 3 auf s. 258. 3) Vergl. in dieser zeitschr. IX, s. 467. 4) Vergl. ebenda IX, 471. 5) in seiner Geschichte der deutschen dichtung^ 11. bd. s. 77. ZEITSCHR. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XII. 17 258 DOBERENTZ und einfachsten gestalt, in der sie aus Rudolfs bänden kam/' für „das langweilige werk eines langweiligen dichters " erklärte , — machte Vilmar in seiner ebenso eingehenden wie feinsinnigen Marburger pro- gram mabb an dlung (aus dem jähre 1839),^ indem er die geschichte der litteratur angemessener nicht sowol als geschichte der kunst, sondern vielmehr als geschichte der kultur und der geistesentfaltung behandelt wissen wolte , auf die bedeutsame Stellung der Rudolfschen Weltchronik in dem entwickelungsgange unserer litteratur wie in der geschichte des deutschen geisteslebens aufmerksam. Hatte Vilmar ^ doch in ihr „ das erste und weitbinaus einzige werk" erkant, „welches dem stände der ungelehrten die geschichte des alten testamentes im volständigen zusammenhange mitteilte." Und hierin muste es offenbar dem bedürfnisse der Zeitgenossen und der fol- genden geschlechter entgegengekommen sein , da die Weltchronik erstens nicht allein in ihrer echten gestalt, wie die noch vorhandenen zahl- reichen handschrifteu beweisen , eine sehr weite Verbreitung fand , son- dern auch zweitens, und sogar schon frühzeitig, eine nachahmung her- vorrief, die dem landgrafen Heinrich von Thüringen ^ gewidmete,^ und nicht viel weniger beliebt gewordene „Christ-herre- Chronik" — wie man sie gewöhnlich nach ihren anfangsworten nent. Nicht viel später 1) „Die zwei recensionen und die handschriftenfamilien der Weltchronik Rudolfs V. Ems, mit auszügen aus den noch ungedruckten teilen beider bearbeitungen." 2) A. a. 0. s. 8. 3) Unter diesem hat man mit Massmann (Kaiserchronik bd. III, s. 91) Hein- rich III. den Erlauchten zu verstehen, welcher seit Heinrich Easpes tode (1247) erbe des grösten und reichsten teiles der landgrafschaft Thüringen geworden war und 1288 gestorben ist. Vilmar zwar (a. a. o. s. 28) war geneigt, dabei an Hein- rich Easpe zu denken; was gäbe aber das recht, den beginn der abfassung von Eudolfs Weltchronik — wie man es doch bei Vilmars behauptung müste — vor das jähr 1250 zu setzen, da ja der dichter selbst sagt: Daf ift der Tivnig Chvnrat des Tceißrs kint. der mir hat geboten, vn des bete mich gervhte biten des. daf ich dvrh in dv mere tihte. (Vgl. Massmann, in seiner ausg. der Kaiserchronik III, 186 und diese ztschr. IX, 468). Dem strengen Wortlaute dieser stelle zufolge war also Konrad, als er den auftrag an Eudolf erteilte, bereits könig. Und für so strenge auffassung des Wortlautes spricht überdies die erwägung, dass Eudolf, seiner anderwjirts zu beobachtenden gewohnheit gemäss, wenn er bereits vor 1247 an der Weltchronik gearbeitet hätte, diesen umstand schwerlich verschwiegen , vielmehr mit naivem stolze erwähnt haben würde, wie lange er schon mit diesem werke für seineu „lieben herren" beschäftigt gewesen sei. 4) Siehe die drei bezüglichen stellen in dieser ztschr. IX, s. 444 — 446. DIE GEOGRAPHIE RUDOLFS VON EMS 259 sodann Avard drittens die echte lludolfsche Weltchronik mit dieser Christ -herre- Chronik — die wegen des prunkes ihrer grösseren zur schau getragenen theologisclien gelehrsamkeit besonders gefiel — ver- sezt und vermengt , und auch sonst noch durch fortsetzungen und Zusätze mannichfacher art verlängert, und wuchs damit — nach Mass- manns ausdrucke — zu den umfänglichen „Schwellhandschriften" heran, fand aber auch in dieser erweiterten gestalt einen nicht minder beträcht- lichen leserkreis, aus dem allerdings wol mancher, wie man Gervinus wird zugeben können , seine gröste freude eben an den unechten neben- schösslingen und den weniger edlen auswüchsen aus dem Rudolfschen stamme haben mochte. Aber selbst nach alledem zeigte sich das Interesse für Rudolfs werk noch keineswegs erloschen: schliesslich in prosa aufgelöst lebte es viertens als sogenaute „Historienbibel" noch lange zeit fort.^ Hiess Vilmar sonach mit recht in dem entwickelungsverlaufe unserer litteratur den Wertmesser für Rudolfs leztes werk suchen,^ so gelangte er dadurch, dass er sich besser als Gervinus in die empfin- dungsweit des christlichen mittelalters zu versetzen wüste, weiterhin auch zu einer gerechteren beurteilung der ästhetischen seite. Denn er hob hervor, dass Rudolf, nicht erdrückt durch die reiche fülle des stoffes, seine darstellung nach einem festen plane in leichtem flusse der rede darbiete.^ Rudolf betrachtete nämlich, wie Vilmar richtig erkant hat, die geschichte der Offenbarung als die einzig wahr- hafte geschichte, die in des erlösers gott- menschlicher gestalt ihre erfüllung fand, oder — um Rudolfs eigene worte anzuwenden — als der mcere rehtiu han; die geschichte der beiden hingegen streut er nicht, wie sein Vorbild, die Historia scholastica des Petrus Comestor, und wie sein nachahmer, der unbekante Verfasser der Christ -herre -Chro- nik,* ohne innigeren Zusammenhang ein als blosse incidentia, sondern 1) Siehe Theod. Merzdorff, Die deutschen Historienbibeln des Mittelalters. Stuttgart (Literar. verein) 1870, s. 13, wo die aus Kudolfs Weltchronik hervor- gegangenen Historienbibeln, als grupj^e 11" bezeichnet, zu finden sind. 2) Als unzutreffend ist es jezt freilich hinzustellen, wenn Vilmar in seiner Geschichte der Nationalliteratur (17. aufl. Marburg u. Leipzig 1875) s. 183 behaup- tet: „Rudolfs Weltchronik ist dadurch noch besonders bemerkenswert, dass sie bis auf Luther das einzige werk war, aus welchem der laienstand keutnis des alten testamentes schöpfen konte und geschöpft hat": denn Th. Merzdorff (a. a. o. s. 9 — 13) hat in seinen Untersuchungen über die Historienbibeln eine durch 21 handschriften vertretene handschriftenfaniilie nachgewiesen [gruppe I] , welche durchaus unabhängig von Eudolfs erzählung genant werden muss. 3) Vgl. Vilmar, Die zwei recensionen usw. s. 7 und 13. 4) Siehe Vilmar a. a. o. s. 20. 17* 260 DOBERENTZ er will sie vielmehr als „Mwege" die nur den „nebenganc" haben, angesehen wissen.^ Aus diesem gründe stelt es sich als unstatthaft heraus, Rudolfs leztes werk mit der bezeichnung „Reimbibel" zu belegen: es ist im gegenteil des dichters absieht, eine „Weltchronik" zu liefern, die es aber mit dem künne, in dem got ßt an ßch nam durch uns die hranJcen menscheit, hauptsächlich zu tun hat. Diese christologische auffassung der ganzen Weltgeschichte nun wird dem kenner mittelalterlichen lebeus und webens leicht begreiflich erschei- nen: auch Rudolf sucht den angelpunkt der gesamten geschichtlichen entwickelung in der bezeugung uud erscheinung des erlösers , und seine ganze geschichtsauffassung gipfelt ihm in erwägung der frage, welche der seit der ersten hälfte des 12. Jahrhunderts höchst einflussreiche Honorius Augustodunensis in seinem dogmatischen handbuche „Eluci- darium"^ in die worte fasste: Quomodo potuit nasci (Christus) sine peccato de massa peccatrice? Beide stimmen darin überein, dass sie hierauf dieselbe antwort haben: Ab initio Deus quosdam qui se fami- liarius colerent ab aliis segregnvit, | de quihus Virgo quasi de linea producta pullulavit ; \ quae velut olim virga arida sine humore protu- lit florem, \ ita sine concupiscentia mundo edidit Salvatorem. Und allein diese von gott begnadeten geschlechter verdienen nach Rudolfs mittelalterlicher meinung genauere beachtung in einer chronik der gesamten geschichte. Nach alledem wird es dem forscher auf dem gebiete deutscher litteraturgeschichte nicht möglich sein, die geringschätzung, welche Gervinus so unumwunden über die Weltchronik aussprach, fernerhin als berechtigt anzuerkennen und an Rudolfs leztem werke interesselos vorüberzugehen, zumal dieses denkmal auch für den Sprachforscher in noch grösserem umfange, als dieses bisher der fall war, beachtung verdient, da es für den Sprachgebrauch vor allem während der nach- blute der mittelhochdeutschen glänz- und blütezeit noch manche aus- beute zu bieten vermag. Da nun aber eine ausgäbe der gesamten Weltchronik, die in der Wernigeroder handschrift ungefähr 36500 verse enthält,-'^ bei der gros- sen anzahl von handschriften in der nächsten zeit schwerlich zu erhof- fen sein wird , so bedarf es wol keiner weiteren rechtfertigung , wenn ich im folgenden ein stück, welches sich bequem aus dem ganzen herausheben lässt, in kritischer behandlung vorzulegen versucht habe, und für das ich daher, selbst wenn die zahl der benuzten handschrif- 1) Siehe Vilraar, a. a. o. im ,, anhange" s. 67, spalte a. 2) Lib. I, cap. 19. (Migne, Patrolog. band 172, spalte 1123.) 3) Vgl. diese ztschr. IX, 461. DIE GEOGRAPHIE KUDOLFS VON EMi5 261 teu, die mir für jezt erreichbar waren, als noch nicht völlig genügend befunden werden solte, um geneigte aufnähme bitte. Wenigstens hoffe ich durch die vergleichung der unten aufgeführten und besprochenen handschriften für die Untersuchung über quellen , Verbreitung und bedeu- tuug des geographischen abschnittes, welche uns zunächst besonders beschäftigen soll, einen hinlänglich sicheren grund gelegt zu haben. Zudem bietet aber der abschnitt, den ich hiermit vorlege, der geographische abriss, schon an sich als eine länder- und Völ- kerkunde des mittelalters genügendes Interesse dar; zumal eine genauere prüfung dieses gelehrt zusammengewobenen geographischen Stückes nicht nur ein hohes alter der einzelnen fäden — sowol des aufzuges wie des einschlages — , welche dieses gewebe bilden, erwei- sen wird, sondern auch die überaus grosse beliebtheit gerade dieses gewebemusters während mehrerer Jahrhunderte des mittelalters erken- nen lässt. Zeigte sich mir nun einerseits eine sorgsamere und liebe- volle beschäftigung mit dieser mittelalterlichen geographie ebenso loh- nend wie reizvoll , so hielt ich andererseits , durch meine forschungen über ihren nicht unerheblichen wert belehrt, eine kritische ausgäbe geradezu für ein notwendiges erfordernis. DER GEOGRAPHISCHE ABRISS NACH SEINER ECHTHEIT UND VERBREITUNG, SEINER HERKLTNFT UND VERW ANTSCHAFT , UND NACH SEINER BEDEUTUNG IN DER GEISTESGESCHICHTE DES MITTELALTERS. 1. Zugehörigkeit zur Rudolfschen Weltelironik und Verbreitung durch diese und deren verwante. § 1. "Wichtigkeit für die handsctiriftengruppierung der verschiedeneii gereimten Weltchroniken. Wenngleich der eigentümliche reiz und die nicht geringe bedeut- samkeit dieses abschnittes für die geistesgeschichte des mittelalters dem forscherblicke Vilmars, welcher das verdienst hat, sich zum ersten male eingehender mit unserer geographie befasst zu haben, völlig ent- gieng, und wenn von ihm gerade dieser geographische abriss mehrmals sogar für die „durchaus schwächste partie,"^ ja für das „unbedeu- tendste " stück in der ganzen Weltchronik ^ erklärt wurde , so war ihm 1) Vilmar, Die zwei recensionen s. 17. 2) Vilmar , a. a. o. s. 30. 2G2 DOBEKENTZ dennoch die Wichtigkeit desselben für die Charakterisierung und grup- pierung der verschiedenen handschriftenfamilien bereits zum bewustsein gekommen. 1. Denn während der geographische abschnitt einerseits in allen bisher bekant gewordenen handschriften der echten Eudolfschen Welt- chronik — die nach ihren anfangsworten „Eihter-got-recension" benant zu werden pflegt — angetroffen wird, ist er andererseits dem schon oben erwähnten doppelgänger derselben, — jener anderen, ähn- lichen, wenig jüngeren chronik, die nach ihren anfangsworten als Christ-herre- Chronik,^ oder auch nach der gegend ihres Ursprungs als Thüringer Reimbibel bezeichnet zu werden pflegt — in ihrer ursprünglichen gestalt durchaus fremd. Es bietet nämlich die jüngere, die Christ -herre-recension, in der geschichte der zweiten „Welt," nach der Schilderung von Noahs tode, zwar wie es auch in der echten Eudolfschen Chronik geschieht , eine aufzählung der söhne Noahs, welche der erwähnung des turmbaues zu Babel voraufgeht; nach derselben aber fügt sie nur einige verse hinzu, die sich auf die geographische ausbreitung der nachkommen lediglich des einen sohnes beziehen , aus dessen stamme nachher der gottessohn entspriessen solte, also des Sem. — Die Eihter-got-recension dagegen bringt an der entsprechenden stelle, nach der erzählung vom turmbau, eben unsern geographischen abriss, und nimt dort für diesen einen räum von 1600 Versen in anspruch. — Dass aber jene beschränkung in der Christ - herre-recension eine beabsichtigte gewesen ist, folgt unzweifelhaft aus der zugefügten benierkung: die aufzählung der anderen (völker und sprachen) solle „gespart" werden. Diese entscheidende stelle der Christ -herre- Chronik, welche nach der erzählung vom turmbau folgt, gebe ich hier nach dem texte der Gothaer pergamenthandschrift Mbr. I. nr. 88. ^ 1) Diese muss mit Vilmar (a.a.O. s. 28) , trotz Massmanns einwendungen (Kaiserchronik bd. III, s. 88), entschieden als ein selbstständiges, von der Eudolf- schen Weltchronik verschiedenes werk und nur als eine -weniger geschickte nach- ahmung derselben betrachtet werden. Denn die beweise, welche Ferd. Massmann gegen Vilmars darlegungen vorbringt , stehen auf sehr schwachen füssen. Die inhaltliche Übereinstimmung mehrerer stellen beider Chroniken beruht grossen teiles auf benutzung einer und d' rseiben vorläge; es ist daher keinesweges abzusehen, inwiefern der abschnitt von der trunkenheit. Noahs in der Christ -herre -Chronik für einen engeren Zusammenhang mit dem entsprechenden teile in der Eudolfschen bearbeitung beweisend sein müste: im gegenteil ist hierbei nicht mehr zuzugeben, als von Vilmar (s. 28 fg.) zugestanden ist. 2) Über diese von Wilh. Grimm, Vilmar, Massmann und Regel übereinstim- mend ins 14. jh. gesezte hs. vgl. Vilmar a. a. o. s. 42 nr. 11; Massmann, Kaiser- DIE GEOGRAPHIE RUDOLFS VON EMS 263 bl. 34^ Das lernt man dar nach nande Alz iz noch genennit iß JBabilonie. bis an dife vriß Hatte is ouch den namen bracht Des im 8U namen was gedacht Do ßch ein einic sunge Mit gefcheidenir wandelunge In swo vnd ßbensic sungen brach Vnd der wandet al da geschach Si wurden tviden su fant vf di erde in alle lant als ich uch da vorne beschit ^ wi di lant do teilten di dit T/on den andern waren ß gevarn alhi ivil ichs nu fparn bl. 35 " wo ß blihen in den tagen Ich wil uch von dem kunne fagen Das von feme was geborn Di urucht hat im got irhorn .... 2. Nim umss aber der geographische abriss, welcher mitlerweile durch die handschriften der echten Weltchronik vielfältige Verbreitung gefunden hatte, so fesselnd und so wichtig erschienen sein, dass man ihn in die Christ -herre- Chronik hinübernahm ; ^ wie sich auch in fünf Chronik in, 175 nr. 23 und Kegel, in dieser ztschr. IX, 444. — Für die benutzung dieser hs. wie auch der anderen Gothaer papierhs. (Vilmar s. 57 nr. 36) , die mir an ort und stelle mit gröster liberalität verstattet wurde, bin ich der herzoglichen bibliotheksverwaltung , namentlich aber der freundlichkeit des herrn oberbibliothe- kares hofrat Pertsch zu grossem danke verbunden. — Dass der text der Heidel- berger papierhs. des 15. jh., Cod. Pal. 321, (Vilmar s. 51 nr. 26) sich an der ent- sprechenden stelle (fol. 34*^) ebenso verhalte, geht hervor aus Vilmars angäbe in der anmerkung auf s. 18. 1) d. i. auf bl. 32-= — 34^ 2) Dies ist namentlich geschehen in folgenden 5 handschriften der Christ - herre - Chronik , welche Massmann (Kaiserchronik III, 176 fgg.) seiner gruppe Bc eingeordnet hat: 1. Wien, papier, vom j. 1426, (nr. 30G0, früher Theol. CCXXII. ol. 717. fol.) S. Massmann s. 176 nr. 27; Vilmar s.-59, nr. 41. 2. Wien, perg., vom j. 1439 (nr. 2782, früher Hist. prof. 71; ol. Ambr. 320. gr. fol.) S. Massmann s. 177 nr. 29; Vilmar s. 58, nr. 39. 3. Gotha, papier, vom j. 1398 (A. 3. gr. fol.). S. Massmann s. 180 nr. 36; Vilmar s. 57, nr. 36, und vor allem Jakobs und Ukert, Beiträge z. älteren Lit. II, 243 — 258. Es ist dieselbe hs, , die mir gütigst zur benutzung überlassen war. 264 LOBEKENTZ handschriften der gruppe I der prosaischen „ Historienbibeln ," welche mit Rudolfs Weltchronik sonst gar nichts zu tun hat, der geographische abriss eingefügt findet.^ — Aus diesem gründe ist es daher eine unrich- tige und irre leitende angäbe, wenn Vilmar (s. 18 anm.) behauptet: „An dem Vorhandensein oder mangel dieses geographischen, etwa 2300 verse enthaltenden abschnittes ^ ist auch in defecten handschriften und von dem flüchtigsten und unkundigsten beschauer sofort die ältere und die jüngere recension zu erkennen." Vielmehr ist gerade im gegen- teil mit bestimtheit zu sagen: nur aus dem fehlen des geographi- schen Stückes in sonst volständigen handschriften ist sogleich die unbedingte Zugehörigkeit dieser hs. zu der rein gehaltenen gruppe der Christ-herre-Chronik zu bestimmen. Das Vorhandensein unseres abschnittes dagegen lässt die einreihung der betreffenden hs. 4. Wien, perg., XIV. jahrh. , (nr. 2768, früher Theol. XXV; ol. 708. fol.) S. Massinann, s. 180, nr. 38; Vilmar s. 57, nr. 34. 5. Bruneken in Tyrol, perg. , aus dem j. 1394 (3. juni). Geschrieben durch Heinz Seutlinger. S. Massmann s. 178, nr. 35; fehlt bei Vilmar. — Nach dieser incorrecten und keinesweges volständigen hs. veranstaltete Ignaz V. Ziiigerle 1865 in den Wiener Sitzungsberichten d. kaiserl. Akad. d. Wissensch. phil.-hist. Kl. bd. L, s. 371fgg. einen abdruck unter dem titel: „Eine Geographie aus dem 13. Jahr- hnndert," der auch als Sonderausgabe erschienen ist, Wien 1865 bei Karl Gerold Sohn, 80 s. 8. Wenn Gervinus (Gesch. d. deutsch. Dichtung 5. a., II, 76), nachdem er oben im texte von der in die Eudolfsche Weltchronik „eingefloehtenen erdkunde" gesprochen hat, unten, in der amnerkung 84, hinzufügt: ,,In einer bearbeitung der Rudolfschen Chronik des I.S.Jahrhunderts, der Christ-herre^Chronik, fin- det sich ein volständiges, von Zingerle herausgegebenes Kompendium der Geographie" usw., so muss diese bemerkung bei einem jeden leser die irrige Vorstellung erwecken, als seien die beiden hier erwähnten geographi- schen stücke auch zwei besondere und von einander verschiedene abschnitte. Vor diesem luisverständnisse aber, welches wahrscheinlich dadurch veranlasst worden ist, dass Zingerle in seiner ausgäbe der Verfasserschaft Rudolfs, die wir im folgenden als unantastbar erweisen werden, dabei mit keiner silbe erwähnung getan hat, muss um so ausdrücklicher gewarnt werden, als auch der lezte herausgeber eines bruchstückes aus diesem geogr. abschnitte, nach einer Ber- ner papierhs. des XIV. jh. , (in der Ztschr. f. deutsch. Alterth. XXII, 142 — 144) dies bruchstück nach Zingerles vorbilde ohne weiteres der Christ-herre-Chronik zuweist. Es handelt sich aber hier, wie in Zingerles ausg;ibe, um dasselbe stück, nur dass der text der Sentlingerschen handschrift, aus welcher allein Zingerle geschöpft hat, nm vieles schlechter, stellenweise interpolirt, stellenweise gekürzt ist, wie eine vergleichung des bei Zingerle gedruckten textes mit dem hier weiter unten folgenden texte zeigen wird. 1) S. Merzdorff, Die deutschen Historienbibeln des Mittelalters I, 132. anm. 9. 2) Es sind deren indes nur 1650. DIE GEOGRAPHIE RUDOLFS VON EMS 265 in die gruppe der Kihter-got-recension nur wahrscheinlich finden; zur gewisheit wird solche Wahrscheinlichkeit aber erst bei genauem zusauimenstinimen mit dem texte , den Avir unten bieten. Denn die handschriften der Christ -herre- Chronik, welche die geographie auf- nahmen, wie z. b. die Sentlingersche zu Bruneken, zeigen den text, namentlich an den übergangssteilen, verändert und meistens inter- poliert. ^ So stelt sich die frage nach der ursprünglichkeit und Zugehörig- keit unseres geographischen abrisses, wenn wir uns nach der hand- schriftlichen Überlieferung richten, wie sie uns bislang bekant gewor- den ist. § 2. Beweise für Rudolfs autorschaft. a. Nachweis aus äusseren gründen. Dass diese geographie aber wirklich von der band Rudolfs von Hohen -Ems herrührt, findet weitere bestätigung, wenn wir auf einige eigentümlichkeiten der reime, redewendungen, des stiles und der metrik wie rhythmik unseres dichters die aufmerksamkeit hinwenden. «. Sprachliche eigentümlichkeiten. 1. Unser abschnitt ist nichts weniger als abwechslungsreich in den reimen: es zeigt sich im gegenteil eine auffallende widerkehr derselben bindungen und Wendungen auf engstem räume ,^ die, soviel 1) Diese Interpolationen fussen allem anscheine nach auf stellen, welche der Schreiber in der Christ - herre -recension vor sich liegen hatte. Dieses zu unter- suchen habe ich, als mir handschriften der Christ -herre -Chronik zur band waren, leider übersehen. 2) Recht lebendig drängt sich dieses gefühl auf, wenn man das genaue und höchst dankenswerte reimregister zu Wolfram, welches San Marte (A. Schulz) der germanistischen Wissenschaft dargeboten hat, zur vergleichung mit den reimen in Rudolfs geographischem abrisse herbeizieht. Schulz selbst charakterisiert den wert seiner gäbe offenbar riclitig, wenn er behauptet: ,,ein reimregister zu Wolframs werken, zumal mit rücksicht auf deren grossen umfang, wird als richtscheit für die reirakunst in der besten zeit der mittelhochdeutschen poesie überhaupt gelten dürfen, an dem die kunst und spräche anderer dichter gemessen und damit ohne mühe verglichen werden kann." Besässen wir eine grössere anzahl ähnlicher reimregister, so Hesse sich durch gegenüberhalten derselben noch mancher interes- sante schluss auf die kunstfertigkeit und die ideenassociationen der einzelnen dich- ter ziehen ! — Sehr lehrreich scheint mir die gegeiiüberstellung von bindungen aus Rudolfs geographischem abschnitte (G). welcher 1654 verse umfasst, und den entsprechenden aus Wolframs gesamten werken, welche nach Schulzs berechnung (a. a. o. s. I) zusammen 39758 reime (oder 19879 reirapaare) enthalten und zwar auf die einzelnen werke verteilt: Parc. 24810, Titurel 680, Wilhelm 13988, die lieder 280 verse. 266 DOBEEENTZ ich bis jezt untersuchen konte, in diesem unniasse allerdings in den anderen Rudolfschen werken nicht hervortritt: und hierin mag wol in erster linie das zu suchen sein, was dem gefühle Vilmars (s. 33) so abweichend von dem tone der übrigen teile der Weltchronik vorkam; doch werden wir die Ursache dieser eigentümlichen erscheinung weiter unten noch genauer ins äuge fassen und in dem stoife, den er noch dazu übersezte, begründet finden. Stets verraten aber die reinen und völlig genauen reime den wolgeschulten höfischen dichter. Der Vilmarschen bemerkung (s. 14): dass „rührende reime sowie veraltete, der Volksdichtung angehörige Es bietet Rudolf unter 827 bindungen in G. an : dan nicht weniger als 5 mal; im ganzen Wolfram dagegen, also in 198T9 reimpaareu, findet sich dieselbe bin- dung nur im Parc. 11 mal und im Wilb. 2 mal. G. kranc : lanc 3 mal; im ganzen Wolfr. nur ein einziges mal (Parc). „ hin : in 7 mal; Parc. 5 mal, Wilb. Imal. „ dar : gar 5 mal; Parc. 7 mal, Wilh. 9 mal. „ ßder : nider 5 mal; Parc. 4 mal, Wilb. 7 mal. „ wer : mer (nebst komposit. nort- und mittelm.) 9 mal; Parc. 5 mal, Wilb. 7 mal; dagegen: „ mer : her 5 mal; Parc. 16 mal, Wilb. 14 mal. Aber „ nande : lande 3 mal; dazu noch landen : nanden 2 mal; im Wolfr. über- haupt nicht. „ wirt : gebirt 5 mal; bei Wolfr. kein einziges mal. Dagegen: „ wirt : verbirt Imal; bei Wolfr. Parc. 24 mal, Wilh. 9 mal. Aber „ ist : vrist 10 mal; bei Wolfr. Parc. 2 mal, Wilh. Imal. „ zil : vil 16 mal; bei Wolfr. Parc. 24mal, Wilh. 11 mal. „ lit : zit 5 mal; bei Wolfr. nur Imal (Parc); und vollends: „ lit : git 5 mal; lit : fit 7 mal, Ut : ivit 10 mal; — bei Wolfram aber gar nicht. „ wart : uzvart 4 mal; bei Wolfr. überhaupt nicht. „ gefat : houbetftat 3 mal; „ „ „ „ „ ftrich : ßch 9 mal; „ „ „ „ Hingegen „ ßnt : Mnt 12 mal; Parc. 56 mal, Wilh. 46 mal, Lieder Imal. Im Parc. und Wilb. reimen eigennamen auf ä teils untereinander, teils mit da, aldä und andersivd im ganzen 46 mal; bei Rudolf hingegen sind in G. eigennamen auf ä untereinander nicht weniger als 17, mit da gar 27, mit aldä 4, mit anderswä 3 mal gebunden, zusammen also 51 mal. Wie leicht zu begreifen, findet sich in G. lant häufig verwant und oftmals im reime, so z. b. lant : benant in G. 3 mal (im Parc. dagegen 2 und im Wilh. 2 mal); lant : bekant in G. 2 mal (im Parc. H und im Wilh. 8 mal). Dass aber die reimbindung lant (nebst komposit.) : erkant nicht weniger denn 27 mal in G. zu finden ist, gibt für den schönbeitssinn und die gewantheil des dicbters doch nicht eben günstiges zeugnis; bei Wolfram ist dieselbe bindung im Parc. 13, im Wilh. 7 mal verwendet. Der reim lant : genant ist innerhalb unserer 1650 verse gar 43 mal gebraucht, während er bei Wolfram nur im Parc. 4 und im Wilh, 3 mal vorkomt. DIE GEOGRAPHIE RUDOLFS VON EMS 267 reimtöne sich wol in keinem werke Kudolfs finden sollen" kann ich nur beipflichten. Denjenigen reimen aber, die sich uns als besondere lieblinge Kudolfs in diesem abschnitte aufdrängen, kann man auch sonst in sei- nen übrigen werken, vor allem aber in der Weltchronik des öfteren begegnen. Den reim lant : genant finden wir auch an anderen stellen der Weltchronik verwendet, die hie und da gedruckt vorliegen. So in die- ser zeitschr. IX, 467 (zweimal); in den Verhandlungen des histor. Ver- eines für Oberpfalz und Regensburg, 1874. s. 198; bei Vilmar s. 64. (v. 289. 299). Auch begegnet er in anderen werken Rudolfs; so im Guten Gerhard v. 603, und im Barlaam (ed. Pfeiffer) 55, 39. — Die bindung lant : erkant komt nicht selten im Guten Gerhard vor , z. b. v. 1267. 1309. 1787. 1933. 2033. — Begegnet mau bei Rudolf dem reimworte vruht, so kann man mit ziemlicher Sicherheit erwarten, dass es mit genullt gebunden sei. So findet es sich in dem geographischen abschnitte dreimal, v. 147. 717. 947 (während es bei Wolfram nur ein einziges mal, Parz. 238, 21 auftritt); desgleichen im Barlaam 10, 7; 41, 21. 39; im Guten Gerhard 4385; und in gedruckten stellen der Weltchronik, wie in dieser ztschr IX, 467'' und bei Vilmar s. 61 (v. 83), 63 (v. 209 und 237) , 64 (v. 269). 2. Auch redewendungen, welche im geographischen abschnitte dem leser auffallen, lassen sich gleichfalls an anderen stellen Rudol- fischer werke nachweisen, wie aus nachstehenden beispielen zur genüge erhellen wird: Geogr. V. 19 vnd verßuont des andern niht an der getäf an der gefcJiiht Vilmar s. 66^* wan er was ouch fcliuldic niht an der getät an der gefchiht (vgl. v. 1645.) Geogr. V. 354 ze fwelher ßtmt in fwelher zU Vilmar s. 64^" (v. 322) in fwelher ßunt se fwelher zd Geogr. V. 240 mit üfgender tilgende Diese ztschr. IX, 468'' in ir üfgender herfchaft Geogr. V. 59 da ße ßch niderlie^en wie ße nach in fit hieben Vilmar s. 62** v. 155 wä ße ßch niderlie^en, und wie die ßifter hieben 268 DOBERENTZ Geogr. V. 83 als uns mit reliter wärheit diu fchrift der wärheit hat gefeit Vilmar s. 62" v. 18 als uns mit rehter wärheit diu buoch der wärheit hänt geseit und Vilmar s. 66*" wan des mit rehter wärheit diu fchrift der rehticheit feit mit gewcerem urhünde Geogr. V. 1035 mit gewalte fchone vil hünehlicher Jcrone Alex. V. 12869 (d. ztsclir. X, 100) Trüg mit gewalte fchone Die romsche kröne Geogr. V. 243 in wider niuwer Jcraft erhant Verhandl. f. Kegensb. 1874 s. 198 in wider niuwer vroide er fprach und ebendas. s. 198 ßnem hersen wart gegeben widir ain niuwif lehendif leben 3. Diese lezte zur vergleichung herbeigezogene stelle bietet über- dies ein Wortspiel, an welchem Kudolf ein besonderes wolgefallen gefunden haben mag, da er es bereits im Guten Gerhard v. 381 fgg. mit behaglicher breite ausgeführt hatte: das, iß die diemüefe des heilegen geißes güete, mit der daz, lebeliche leben lebelichem^ iß gegeben; fwag, lebendes üf der erde lebt^ in lüften oder in waz,z,er fwebti daz, lebt in ßner blüete von des heilegen geißes güete. das, leben iß drivaltic: des iß din geiß gewaltic. ein leben lebende^ leben hat das, ßch doch lebennes niht verftät. Auch im geographischen abriss v. 310 hat er es widerum angebracht, ohne dass eine nötigung dazu vorhanden war : wan im niht fürbaß iß gegeben alters sit noch lebende^ leben Diesem Wortspiele ähneln Wendungen wie die folgenden: Geogr. V. 1445 wol bewart unde behuot mit kraft an werUcher wer 1) So nach Lachmanns coujectur. DIE GEOGRAPHIE RUDOLFS VON EMS 269 ebend. v. 1513 alfo kreftecUche Jcraft Vilmar s. 60'' mit kundUcher künde G. G. V. 6855 mit ivisUcher ivtsheit und V. 102 nach der geUrten lere in dies, ztschr. 9, 469'' der vrien vriheit Geogr. V. 502 in füe^es fmackes füez,e git G. G. V. 1040 mit blüendes hluomen hlüete hluote gotlichiu güete ^ Namentlicli gehört hieiiier auch die sogar dreimal innerhalb des kur- zen geographischen abschiiittes widerkehrende wortspielende ausdrucks- weise: V. 1244 ligent gelegenliche V. 1055 da ligent gelegenUcJie V. 813 Daran gelegenliche lit Frigid. ß. Stilistische eigentümlichkeiten. 1. Auch die breite und für unseren geschmack nicht selten schwülstig und hohl erscheinende redeweise Kudolfs, die gerade im geographischen abrisse oftmals lästig hervortritt, eine Übertreibung der manier Gotfrieds von Strassburg, ist wol durch jenes haschen nach Wortspielen zu solcher ausartung gefördert worden. Zur Veranschaulichung mögen hier die beispiele aus unserem geographischen abschnitte folgen: V. 477 vor dem kan ßch niht er wem noch mit deheiner wer genern V. 435 und nmo^ ouch ßn wilde und in wildem bilde V. 138 da^ lant in grüener varwe lit gruonende alf der grüene kle V. 1291 und da^ lant iß alfo kalt von grdz,er kelte manicfalt V. 1318 da zem mittem tage der funnen hitze zaller sit die hei^eßen hitze git V. 155 ein edel houm des edelkeit Arömatä die edeln treit V. 1381 den iß mit fnellekeit bereit alfo bereitiu fnellekeit 1) So nach Lachiuanns besserung. 270 - DOBERENTZ V. 1585 wan rihtediche un^ an den grünt tuot fielt der fclim mit rihte hunt V. 1497 der hrinnende berc Ethnä hrinnende in dem lande Ut den man ßht hrinnen saller zit V. 1040 sivei laut in landes groe^e wU V. 715 das, üf der erde im eben rieh deJiein lant iß noch gelich an landes güete mit genuht an genuhticUcher vruht iß beZjZier lant niht anderfwä V. 404 tuot ez, werltchen ßrit erhant und recket in werlicher kür gein wer das, eine hörn hinfür V. 101 zwifchen dem paradife Ut manic lant und tfel wit unhähaft äne hü erkant uns, an die hühaften lant wan in der wüeße und underwegen iß wüeßer wilde^ vil gelegen darin fo vil getvürmes Ut und tiere das, se keiner sU nieman drinne mac genefen noch mit deheinem büwe wesen in den wüeßen landen da Diese ziüezt ausgehobene stelle werden wir unten kennen lernen als überaus breite Umschreibung der knappen angäbe der vorläge: Poß Paradifum funt midta loca deferta et in via, \ ob diver fa ferpentum et ferarum gener a. Übrigens wird hier auch ein lesefehler untergelaufen sein; Rudolf scheint nämlich das eine wort invia misverständlich als zwei Wörter in via gelesen und aufgefasst zu haben. Beiläufig will ich bemerken, dass die übereinstimmende lesart der Wernigeroder hs. bl. 59'' und der beiden Heidelberger (Cod. Pal. membr. nr. 327 und chart. nr. 146) und daf fruhtigoße lant daf in Egipte iß lant genant nicht anzufechten ist , während man in den Verhandlungen des historischen Vereins für Oberpfalz und Regensburg 1874 s. 193 das zweite lant 1) Hs. ivilder tvüeste DIE GEOGRAPHIE RUDOLFS VON EMS 271 beanstandet hat und für irtümlich dadurch in den text gekommen hielt, dass im pergament des Cod. Wernig. dort gerade eine schad- hafte stelle sei und der Schreiber der deutliclikeit halber jenes wort noch einmal darunter geschrieben habe. Denn ganz entsprechend lau- tet es im geogr. abschnitte v. 87 daz, iß das, höJiße lant das, in dem teil iß lant genant und ähnlich v. 789: Da ßos,et an ein michel lant das, ouch iß houbetlant genant. Dass diese eben besprochene Vorliebe Kudolfs auch in seinen andern werken hervortritt, ist leicht darzutun; hinweisen will ich hierbei auf jene beobachtung, die sich Moritz Haupt beim Guten Gerhard auf- gedrängt hatte (G.G. einleitung s. XII): „Umständliche ausführlichkeit hat es mit fast allen mittelhochdeutschen höfischen erzählungen gemein und bis zur ermüdung ist sie nicht getrieben Nur eine allzuoft widerkehrende weise des ausdruckes, die Rudolf sei- nem vorbilde Gotfried von Strassburg nachahmt, den er im Wilhelm und mehr als alle anderen dichter im Alexander feiert, ermüdet und verliert die Wirkung: das spiel, das er mit der widerholung derselben worte treibt." Als weitere belege mögen folgende stellen genügen : Gute Gerh. v. 1617 Do ich ir klagende^ ungemach mit Magelicher fwcere er fach ez, tet mir von hersen we V. 68 da^ im der ruom an lohe ein sil von ßn selbes jjrife gap [wie ßn prifUcher urhap fo guot fo lohehcere mit richem prife wcere V. 654 .... da^ er Jcomen wolte niht wan vil heinlichen dar mit einer heinlichen fchar V. 679 mich hat ein heimlicher ger ein heimlich not gejaget her V. 1001 ßn bete was alfo getan. er bat den hei f er das, er in der bete erliefe ouch bat ßn ßn got 272 DOBERENTZ Barlaam s. 403, 12 daz, e^ vil lihte maneges muot ze he^^erunge kerte und hez,z,erunge lerte Geogr. V. 441 daz, an dem antlütze ßn hat menfchen antlütze fchin Weltchron. bei Massmann Kaiserchr. III, 92 An difen mceren der ich hän hegonnen unde her getan rehte in rehter rihte an umhehreiz, mit flihte in dieser ztschr. IX, 469* da^ ß ze hvrzewil ßch wernt der mere vn hvrzewilent dran In den Verhandl. f. Eegensb. 1874 s. 194 die Schilderung des erscbreckens der brüder Josephs in Ägypten : Nach forhtlicher lere erfchraken alfo jere die hruder ßn von vorhten do daz ßu erfchroken und unfro vor im geßuuden in not von vorhten bleich und fchame rot unz er mit linden warten in geleite kume ir zwivel hin daz ß ir vorhte liezen ßn und ir zwivellichen pin wan ßu der tugentriche kuße brüderliche und leite alle fivere hin 2. Nicht selten trift man bei Rudolf auch eine unerquickliche breite an, die durch tautologie veranlasst wird, obschon der dich- ter widerholt ausdrücklich sagt, dass er sich der kürze befleissigen wolle, worunter er aber freilich kaum etwas anderes als beschräukung seines Stoffes verstanden zu haben scheint.^ Denn dass er seinen aus- gesprochenen Vorsatz an umbekreiz, mit flihte zu reden, auch wirklich immer erreicht und al die umberede vermiten hätte, ist keineswegs der fall, selbst nicht einmal in der eben beregten stelle, bei Massmann, Kaiserchr. III, s. 92 , wo er von der beabsichtigten kürze durchaus nicht 1) So möchte ich Vilmars urteil auf s. 14 präcisiren. Vergl. hierzu auch Massmann, Kaiserchr. III, s. 92 fg. DIE GEOGRAPHIE RUDOLFS VON EMS 273 kurz spricht. Weuu also dieser zug in dem geographischen abrisse mehrmals in einer für unsern geschniack misfälligen weise hervortritt, so steht das mit Kudolfs Schreibart keinesweges im Widerspruche. Zur veranschaulichung solch tautologisch breiten ausdruckes im geographi- schen abrisse mögen die folgenden stellen dienen : V. 1548 da dehein ßange kämet in der 7iietnan [iht deheinen da V. 21 G und fribent mit fmr davon die [langen die man da filit und länt die da helihen niht V. 337 die ßnt äne hoiibet %md hotdietes herouhet Hierher zu rechnen sind auch Wendungen wie V. 1344 da diz, lant hat endes drum was völlig gleichbedeutend ist mit V. 8 45 Jne ist der lantmarke drum oder: v. 1385 iiber der marke endes sil während v. 903 iß oucJi der marke aldä ein sil ganz dasselbe besagt. Von derartigen ausdrucksweisen wird unten bei der bedeutun^s- bestimmung im commentare nochmals genauer zu handeln sein. Mit Vorliebe braucht Rudolf die folgende tautologische fügung: Geogr. V. 399 mit wärheit funder wän V. 312 mit ivärhcit und an allen wän V. 536 gewcerliche und an allen wän V. 1127 die Jiänt uns fus mit tvärJieit der lande gelegenheit gefeit funder zivivelUchen tvän Gute Gerh. v. 457 ich wciz von ivärheit fmider ivän Geogr. v. 1507 als ich muoz, von tvärheit jehen daz, iß geivcErliche Auch der Gute Gerhard bietet reichliche belege für Rudolfs nei- gung synonyme ausdrücke tautologisch zu häufen, z. b. V. 57 des tvart ftn pris geneiget verkrenket und gefweiget Besondere Vorliebe scheint er gehegt zu haben für die mehrmals wider- kehrende gehäufte Verbindung herze, sin, muot: G. Gerh. v. 7 daz, er ze guote keret herze ßnne unde muot ZEITSCHR. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. P.D. XII. 18 274 doberentz V. 88 er leerte muot herz unde ßn an vride an guot gerihte V. 127 mit alß tugende richer kraft was ir ßn ir herze ir muot in gotes hulde wol hehuot y. Metrische und rhythmische eigentümlichkeitea. 1) FIdss und lebendigkeit der verse. Gibt diese Vorliebe Kudolfs für breite und tautologisclie ausdrucks- weise seinem stile einerseits den Stempel gemütlichster behaglichkeit und schlichter einfalt, so wird dagegen andererseits der ruhige fluss seiner verse auch nicht eben selten durch rmie brechen oder auch durch enjambement auf anmutige weise in raschere und reichere rhythmische bewegtheit gebracht; und sehr richtig hat Vilmar den versbau der Weltchronik charakterisiert, wenn er s. 14 sagt: „Allerdings hat diese gleichmässigkeit (einer schlichten erzählung und einfachen behandhmg des Stoffes) der erforderlichen abwechselung des tones der erzählung eintrag getan, doch ist der rhythmus der verse, wenngleich hin und wider an die spätere einförmigkeit des tones der kurzen reimpaare anstreifend, im ganzen noch sehr weit von dem toten versmechanismus des 14. Jahrhunderts entfernt. Die verse haben, bei durchaus genauem reime, zwar nicht durchgängig eine hinreichend genaue messuug, aber die hebungen und Senkungen finden sich überall mit geschickter abwech- selung verteilt, und der sinn ist niemals an das verspaar oder den einzelnen vers oder gar an das reimwort gebannt." — Diese kunst- mittel, welche dazu mitwirken sollen, die kurzen reimpaare vor der gefahr des herabsinkens in einförmig klapprigen tonfall zu bewahren, finden wir in dem geographischen abschnitte mindestens ebenso häufig angewendet, als in Eudolfs übrigen werken, und auf grund dieser beobachtung konte auch widerholt bei der beurteilung des textes in zweifelhaften fällen die entscheidung über die von dem dichter gemeinte Satzgliederung, und damit über die einzuhaltende iutei-punction getrof- fen werden. Als beispiel für den gebrauch dieser kunstmittel im geographischen abriss mögen die beiden folgenden stellen dienen: v. 505 wan e^ enJceine fpife zert anders^ \ wan daz, ez, ßch nert mit den reinßen würzen gar, die diu erde ie gebar in dem lande und anderswo,. \\ In Ganges dem wa^^er da DIE GEOGRAPHIE RUDOLFS VON EMS 275 und V. 1595 dia ßds,et an diu felhen lant: \ in Laune iß ß genant diu verlorne. \ das, iß ivär, wan zeiner zit iibr elliu jär da^ lant alß ver [windet, daz, ez, nienian vindet : daz, lant iß allen Unten gar verborgen vor^ \ wan nieman dar hmnt: \ ez, müez,e von gefcJiiht ergän. | mati vindet anders niJit wä diu ifele ß gelegen. || der vil wunderliche gotes degen .... Hierzu vergleiche man aus dem Schlüsse des Barlaara 404, 29 Nu lät mich vürhaz, fprechen me. | ich häte mich vermez,z,en e, dö ich daz, mcere enharte von dem guoten Gerharte, hcsf ich mich dran verfümet iht, daz, lihte tumhem man geschiht, daz, ich ze huoz,e wolde ßän, oh mir würde kunt getan ein ander mcsre: \ deß geschehen. || nü kan ich des niht verjehen, oh ich hän iht gehe^z,ert mich: des tveiz, ich niht. \\ noch wil ich .... Aus den späteren teilen von Kudolfs Weltchronik lassen sich mehrere stellen aus den durch Zupitza im 18. bände der Hauptschen zeitschr. mitgeteilten bruchstücke zur vergleichung heranziehen. Hier genüge die eine, s. 121 v. 46 fgg. : der grozzc hunger ß des tivanch, daz ß vil vihes [lügen nider : \ mit ezzen ß gewunnen wider ir kraft nach krankheit, e ß got geopferten nach dem gebot, daz in der e verboten was. \ da mit daz leut uf ßch las des chuniges zorn. |j der machte [a got einen grozzen alter da, dar u[ er gote prachfe do [ein opfer. \\ do daz ivas al[ö, 18* 276 DOBERENTZ er hiez den ewarten ervarn vmme got, | oh er der lieiden fcliarn nach folde jagen oder nicht. \\ do wart im vmme die gefchicht chein antwürte do gefeit. || vmme daz vorhtliche leit 2) Scheinbar iiiiriidolfisclie rliytlimik dnrch die eigenuamen veranlasst. Somit ist uachgewiesen, dass unser geographischer abschnitt nach spräche und redeweise durchaus das Rudolfsche gepräge zeigt. Auch die kuustgriffe, welche — wie wir sahen — zur belebung des Vers- baues benuzt wurden , und die man in der folge bald fast völlig ver- lernte, — sind durchaus dem künstlerischen bestreben unseres höfischen dichters angemessen. Jedoch ist noch hinzuzufügen, dass zuweilen freilich die fülle von eigennamen unseren gewissenhaften dichter gezwungen hat, einesteils langweilig gleichförmig scandierte und andern- teils holprige, nur notdürftig in das metrum eingepferchte verse zu bauen. — Über die betonung der naraen in derartigen versen zu urtei- len ist freilich gar manchmal recht mislich und unsicher, wenngleich man wol im algemeinen voraussetzen darf, dass der dichter auch in seinen deutschen versen diejenige betonung derselben habe beibehalten wollen , welche er ihnen beim lesen lateinischer texte zu geben gewohnt war, demnach wol so ziemlich dieselbe, die noch heute in unserer gewönliclien ausspräche lateinischer namen herschend ist. Als beispiel der ersteren art möge dienen : V. 594 den ßnt gefe^.2,en nahe hi' die frechen Mo'abi'ten, Idumei' ^ und Ammoni'ten, Sarracine und Madjam'ten und dahi meiner fiten die wilden ^'lamiten die hl den felhen si'ten V. 1245 Navdrren und Wash'mje und da^ Idnt se Gdhgünje V. 1207 Burgündje und Liittringen und daz, Idnt ze Karlingen 1) In V. 596 könte man zwar geneigt sein , tind zu streichen , und Idumei zu betonen; doch scheint dagegen zu sprechen die handscliriftliche Überlieferung und auch die analogie in v. 745 fg. , 1047 fgg. , 1230 f gg. , 1260 fgg. — Schwere auftakte sind bei Rudolf in unserm abschnitte überhaupt nicht selten. DIE GEOGRAPHIE KUUOLFS VON EMS 277 Mehr unter die zweite art fallen vcrse wie die folgenden : 585 daran li't Caldeä Ärabja linds, laut Sdbha 615 da li't ouch Tyrus die lyrds (dagegen mit gewönlicher betonung 1012 daz, W den zi'ten Tijrds) 1026 Japhetes filn mit ndmen Ceti'm 635 ist gelegen Jerü'falem die Sem der edel Mine Salem * 644 in Faleßma dem lande 986 und Nörwcege daz, dlfö wtt 972 Düringen ddz, lant darnach fa 1003 diu nidcr Pdnnd'nid' und 1074 und 1137 diu ober Pdnnonia ^ In nicht seltenen fällen wird man nur nach umfänglicher und wnderholter vergleichuug ähnlicher stellen mit annähernder Wahrschein- lichkeit vermuten können , wie zu lesen und zu betonen sei. Schwer- lich auch wird Rudolf bei manchen uamen, zumal bei solchen die ihm wenig oder gar nicht bekant waren , oder die sich schwer in den vers fügten , eine und dieselbe betonung überall mit voller und strenger consequenz eingehalten und durchgeführt haben. Dazu komt ferner noch , dass in manchen namensformen auch alte Verderbnisse verschie- denen Ursprunges vorliegen, die zuweilen nur durch sehr weitgreifende quellenkritik sich erkennen und berichtigen lassen. Deshalb mag es nicht überflüssig sein, hier noch einige solcher mislicher verse vorzu- führen , die zum teile noch weiterer erwägung bedürfen. 1158 Galabrie Pülle Terre de labü'r^ 1043 Theffä'lje und Mdcedonje 1058 Siciö'njä ilnd Arcliadid' 1230 Traconjä ihid Carthä'go Gali'cje und Lü'ßfanja 1) Dass das ej^itheton edel beabsichtigt , und deshalb nicht zu streichen ist lehrt seine anderweite entsprechende Verwendung in der "Weltchronik , z. b. Vilraar, s. 71'' V. 53 Jose'x)h der edel götes degen Haupts ztschr. 18, 103 (von Abraham) wän der edel götes degen 2) Gegen eine änderung in die flectierte form ohriu, wie sie ja bei Kudolf an sich wol zulässig wäre, sprechen die für seine Verwendung des flexionslosen ober beweisenden verse 1178 da^ ober Lampärten und daz, nider (: beider) und 921 dm ober Germania gelegen 3) Etwa: Calabri, Füll, Terralabur (oder Terrdelabür)? 278 DOBEEENTZ Tinguita nje und Bt'tica mit V. 1232 ist zu vergleichen 1365 Tinguita nje und [ein] ^ C6farea Ethiopjä darnach Sdhha 1260 Daß Britdnje und JEngeUdnt 1480 dö Vit an Cijdö'n^ daz, länt 14y6 dähl' lit Sa mos da^ Idnt 1574 Ein ßdt iß Si'ene genant 1553 die i' fein Pdrchares'^ 1338 daß Berete ilnde Occafa * 1474 Störja '" Melos lind Pärön 1515 Cylla diu ifl und ^'dbe lind darzüo Vulkänie 1329 das, iß Perm'ce « Äfßno'e lind Cyrene 618 vnd Sydonie diu von Sydone (: fchone) bietet zwar in allen von mir beniizten haudschriften die namensform Sydonie, die auch dem Rudolf und den abscbreibern seines Werkes allerdings recht wol bekant sein konte aus der Vulgatastelle Luc. 4, 26; „in Sarepta Sidoniae," dennoch möchte man hier einen alten fehler der abschreiber vermuten, und mit correcterer betonung lesen und Sydo'n diu von Sydone. b. Beweis aus inneren gründen. u. Anklänge un d rückerinner ungen. Nachdem wir so gefunden haben, dass die sprachlichen, stili- stischen und metrischen eigentümliclikeiten des geographischen abrisses 1) ein bieten zwar alle von mir benuzten handscbriften, doch ist es wol nur ein alter fehler der Überlieferung. 2) Gemeint ist Chios. Das misverständnis ist durch Honorius Augustodunen- sis verschuldet. 3) Der vers solte lauten: die iseln Baleäres denn gemeint sind die Balearen. Die Verunstaltung des namens scheint von Rudolf herzustammen. 4) So scheint die betonung gemeint zusein; oder vielleicht auch: daft Be'ret ünde Uccasd. Die benennungen freilich sind verderbt aus Sabrata und Occa bei Isidor. Der fehler geht auf Honorius Augustodunensis zurück. 5) Der wunderliche und unerhörte griechische inselname Storia ist, wie unten nachgewiesen werden wird, nichts weiter als eine abenteuerliche Verstüm- melung von „ historia." 6) Gefälliger würde dieser vers durch herstellung der correcten namensform Berenice, DIE GEOGRAPHIE RUDOLFS VON EMS 279 durchaus nicht gegen Eudolfs art Verstössen, lassen sich auch ferner noch uuvcrkenbare remini scenzen und anklänge an andere Rudolf- sche stellen in ihm auffinden, ohne dass dabei der gedanke an Inter- polation irgendwie aufkommen könte. So erinnern die verse 1131 fg. aus der Geographie, von denen Kudolf in seiner lateinischen vorläge nichts fand, tmd daz, lant zc Ruinen Liflant unde Prinzen unverkenbar an v. 1195 fg. des Guten Gerhard Jiin über mer gen Blumen zc Liflant und ze Priu^en. Und die verse 98 fgg. unserer Geographie diu vier waz,z,er hegiez,z,ent diu lant und macJient mit ir kraft die erde fiuhte und herhaft sowie 713 und machet ez, mit ftner Jcraft fiuhte, veiz>t und herhaft zeigen starke ähnlichkeit mit dem, was der dichter schon an einer früheren stelle der Weltchronik, bei der Schilderung des paradieses, gesagt hatte Vilmar s. 64** v. 309 daz, diu waz,z,er mit ir Jcraft diu erde machent herhaft Ferner halte man neben die verse 1260 — 66 der Geographie, wofür Eudolf bei Honorius Augustoduneusis nur die nameu Britannia, Aüglia, Hibernia vorfand, und die er demnach durch seine eigenen keutnisse vervolständigte : daß Britanje tmd Engellant Cornwäl unde Wäleis Nortumhri unde Norgäleis Hyherne . ; als ez, iß funders üzgenant daz, funderlant in Irlant aus dem Guten Gerhard die verse 5905 fgg. : von Corneiväl und von Wäleis von Schotten und von Norgäleis von Yherne und von Yrlant^ 1) Zu lezterem verse füge man noch den gleichlautenden vers 5833, in wel- chen beiden, wie aus v. 1265 des geographischen abrisses hervorgeht, „und" auf- gefasst werden niuss in dem sinne von „und überhaupt." 280 DOBEEENTZ Hierzu nehme man noch die stelle, welche Rudolf später in der Weltchionik, unter den ,, beiwegen " zur „vierten weit," d. h. zum vierten Zeitalter, darbietet, und welche im Cod. Palat. nr. 327 fol. 158* unten lautet : ^ Beatiuf- der unver sagte fo hohen prif heiagte daz, im def kunigef tohter da ze wibe ivart mit der er fa 158 "^ JRovmde chriechfclnv riche vn ßt gewalticliche Stifte mit gewaltef hant elliv JBritanifchiv lant Deift Engellant vn Waleif Schottenlant vn Norgaleif vn Cortival [1. Cornewal] der name degan erß würzen vn ßch heben an Hieraus geht klar hervor, dass Rudolf jene namen kante; beachtens- wert scheint, dass er an allen drei stellen Wäleis mit Norgäleis gereimt hat. Von schlagender beweiskraft erscheint namentlich die nahe ver- wautschaft einer stelle über Italien in v. 1140 — 1182 des geographi- schen abrisses mit einer anderen später folgenden der Weltchronik, welche in die erzählung der zur zeit der Richter gehörenden „htwege" organisch eingefügt ist. Die betreifeude stelle der Weltchronik lautet nach- Cod. Palat. 327 fol. HS'' und Cod. Pal. 146 fol. 55 fg.:^ In difen feJben ziten ivaf {alf ich an den hyßorien laf) ze Lavrenten mit kraft fo Jcrefte riche herfchaft daz div lant al geliche gar hvbten bi den ziten dar 1) Im cod. Pal 146 fehlt dieser abschnitt. Vgl. Vilmar s. 46. 2) Des Silvius söhn. 3) Ich habe hier aus der Weltchronik ein grösseres stück ausgehoben, als zum blossen zwecke der vergleichung mit den entsprechenden versen des geogra- phischen abrisses unmittelbar erforderlich sein würde, damit der leser selbst durch eigene auschauung sich von der ursprünglichen und organischen Zugehörigkeit die- ser stelle zu dem ihr vorangehenden und nachfolgenden texte der Weltchronik überzeugen könne, welche den verdacht einer nachträglichen Interpolation von ande- rer band gar nicht aufkommen lässt. ÜIK GKOGRAPUIE KUDOLFS VON EMS 281 div noch Ytalia ßnt genant das ßnt elliv div lant div fuf ir vnder marche liant da fl von den gebirgen gant vntz an def mittein meref sil der lande ich ein teil nennen wil alf ich ir namen gelefen han Lanchparten vn Tvfcan^ Romanie vn Maritima Änchvn vn Spolit ßnt ouch da dar ZV Sycilie vn al div lant^ div dar ze dienß ßnt henant Pvlle vn Galahrie alf das gat vn Capif das Principat Terre delahvr vn difiv lant fint gar Ytalia genant AI vmbe vntz an Monticinis ^ div tvarn in ei gen f wif den von Lavrent vndertan alf ich nv gefprochen han ivan ß dannoch vnbvhaft warn vn an herfchaft der ßt der felben iare friß da vil vn me gewahfen iß. der do bi den ziten da Rihfeta In Italia der waz, geheizen lanvf Damit vergleiche mau uuu v. 1143 fg. des geographischen abrisses: Itäliä, diu mit dem mer und mit den bergen iß ze wer beßo^^en veßecUche, und V. 1154 fgg. der houbetname iß genant 1) Cod. 146. Lamparteu. Vgl. in dieser ztschr. 9, 468 ze Lamparten vn in Tvfcan. 2) Vgl. in dieser ztschr. 9, 468 von Heinrich VI: der Sicilie das lant vn al dv lant mit finer hant dv noh horent dar hetwanc daf fl im dienden ane ivanc. 3) Cenifms oder Cinißus == Moni Cenis. Vgl. E. Oehlmann, Die Alpenpässe im Mittelalter. (Ztschr. für Schweizerische Geschichte 1878 und 1879) s. 34. 282 DOBEEENTZ SicUia; und diu laut vil gar diu mit nanien hoerent dar, mit gelegenheit ßnt nächgebiir: Galahrie, Fülle, Terre de lahür, und Capif, daz, Principät. diffit als der Hoiberc ßät, Maritima lit und Spolit. V. 1166 an diu lant ßd;^et Tvfcän. V. 1169 da Romdnje seiner fit und ÄnJcün gein oßert lit. Lamp arten an Bömänje gdt; namentlich aber beachte mau die Schlusswendung v. 1179 fgg.: und fwaz, ich nü hie nande gegene unde lande, da fint mit einem namcn diu lant vil gar Itäliä genant. In Rudolfs lateinischer quelle steht von alledem nichts. ß. Organische einfügung des geographischen abrisses in die Weltchronik. Sind diese anklänge und reminiscenzen , die sich bei eingehender prüfung der übrigen hiwege wol sicherlich noch würden vermehren lassen, als beweise für Rudolfs autorschaft unserer geographie nicht anzufechten, so ist für die frage nach der echtheit des geographischen abrisses endlich noch von wesentlichster bedeutung der umstand, dass dieser abschnitt, soweit sein text durch die Übereinstimmung aller mir bisher erreichbaren handschriften der echten Rudolfschen chronik kri- tisch festgestelt werden konte, weit entfernt davon, auch nur die geringsten spuren des Charakters einer Interpolation zu verraten,^ viel- mehr durch niannichfache fäden mit dem Rudolfschen hauptwerke ver- knüpft erscheint. 1. Es finden sich in ihm erstens zurückverweisungen auf früher bereits behandeltes, die ein interpolator jener zeit hier nicht eingestreut haben würde: so heisst es v. 580 darin diu gro^e Ninive von der ich hän gefprochen e 1) Über die nur in der einen handschriftengruppe (Wernigerode -Strassburg) enthaltenen 146 verse zum preise der rheinischen städte und 6 Zeilen zur Verherrlichung Venedigs, welche deutlich den Charakter späterer einschaltung tragen, soll im anhange gehandelt werden. DIE GEOGRAPHIE RUDOLFS VON EMS 283 SO wird ferner bei erwähnung des berges Ararat hinzugefügt V. 775 darüf ßch niderlie als ich e hän gefprochen hie diu Arche von der ich e las darinne Nöe genas Auch auf das geschlechtsregister aller nachkommen Noahs, welches ja, wie oben hervorgehoben wurde, in der Rihter - got-YQCQw&iox). ^ d. h. in der echten Rudolfschen Weltchronik, der erzählung vom babyloni- schen turmbau und damit auch diesem geographischen abrisse vor- aufgeht, wird deutlich an drei stellen bezug genommen, nämlich V. 858 , wo zunächst gesagt wird , dass Sem und der geflehte hind bereits aufgezählt seien; dann wird v. 1027 bei Japhets söhne Cetim bemerkt: den ich ouch hän genetmet c; und endlich noch deutlicher heisst es v. 1615 diu geflehte von Nöe diu ich hän genennet e 2. Zweitens wird auch der Zeitpunkt, bei welchem der geogra- phische abschnitt eingereiht ist, nämlich die durch den babylonischen turmbau veranlasste teilung und Verbreitung der sprachen und Völker nach deu geschlechtern der söhne Noahs über die drei erdteile, vom Verfasser stets im äuge behalten. Vielfach erinnert der dichter daran , dass das , was er , seiner geographischen quelle folgend , gegen die Chronologie schon hier anführe, weit von der zeit unmittelbar nach dem turmbau zu Babel abliege. Oftmals hat er zu diesem zwecke ein bloses fit oder fider angebracht: so v. 657 Gomorre unde Sodomä fit wurden ouch gebüwen da V. 823 Dardäniä da fit Troie diu riche in wart geleit V. 174 Alexander der riche fit vil gewaltecUche V. 562 und 568 da fider die Monarhen V. 667 die Nabajöt fit Ifmaheles fun gebar V. 683 da2, was dö 3Iefraim genant und V. 687 fit hiez, ez> Canöpeä darnach Egyptus so wird V. 800 bei Ephesus erv^ähnt darin der grö^e ewatigeliß fant Johannes lange fider ßch lie mit ßner ruowe nider 284 DOBERENTZ meist aber hat er diese bezeicbnimg noch nicht für ausreichend befun- den, sondern statt ihrer breitere bestimmnugen verwendet, wie v. 723 von der gründung Alexandriens : die Alexander ßifte fit über maneger hundert jdre sit ähnlich auch bei nennung der Dido V. 1348 die diu frouwe Dydo ßifte nach den siten fit über maneger jdre zit und von dem brunnen zu Siene sagt er v. 1576 da fider über manege zit gemachet wart ein brunne Noch ausführlicher lautet die angäbe bei erwähnung ßrandans; dessen wunderbare fahrt habe stattgefunden V. 1609 über manic hundert jdre fider da fich liez, üf die erde nider von Nöe diu grö^e diet dö fie von JBabilönie fchiet Gleichem zwecke sollen auch die folgenden chronologischen andeu- tungeu dienen V. 610 Antyoche unde Dämas der dann och deheines ivas dö fie fich niderliez,en V. 914 Gottid und Däniä und lande vil diu nach der zit nach in genennet wurden fit V. 1619 daz, diu lant elliu nach der zit gemachet wurden bühaft ßt daz; diu geflehte von Nöe .... V. 671 (von den 12 geschlechtern der Ismaheliten) der was dö bi den ziten niht dö ßch füegte diu gefchiht daz, ßch zerteilten diu Mnt diu von Nöe geboren ßnt v. 599 die wilden Elamiten die bi denfelben ziten dö wären niht ße wurden fider und liefen ßch mit bü da nider V. 1304 .... in Europa her und hin diu lant zerteilten fus und fö in difen felben ziten dö DIE GEOGRAPHIE RUDOLFS VON EMS 285 ße von erß ßch liefen nider V. 1013 das, hl den ziten Tijras laphetes fun als ich ez, las ßiffe an der erßen üz,vart da erß diu erde huhaft wart V. 859 tvan in der teil ze teile wart an dirre felben üz,vart da ße ßch teilten in die laut V. 618 und Sydon diu von Sf/döne Canaänef fune gemachet wart an dirre fclhen üz,vart V, 1250 von Yfixhiia ivan ez, was daz, erße laut das, nach der erßen üz,vart erhüiven von dem kunne -wart. Aus diesen zahlreichen stellen — die hier ziemlich volständig aufgeführt und vorgelegt wurden, weil sie zugleich einen einblick in die sprachliche und stilistische eintönigkeit dieses geographischen abris- ses gewähren — lässt sich auf das deutlichste erkennen , wie viel dem Verfasser bei der ausarbeitvmg des geographischen abschnittes daran gelegen war, die reihenfolge der begebenheiten möglichst zu wahren und stets den Zeitpunkt im äuge zu behalten, bei welchem er seine episode einwob. Demnach ist der geographische abriss durchaus nicht zu betrach- ten als eiu blosses wilkürliches und zufälliges einschieb sei in die Weltchronik , sondern ist vielmehr aufzufassen als eine absichtliche und planmässige ein Schaltung. Denn aus den zahlreichen hier soeben angeführten belegstellen ergibt sich mit notwendigkeit die schlussfol- gerung, dass der dichter eine durchgehende innere Verknüpfung mit dem vorangehenden und nachfolgenden , und eine dem plane des gan- zen angepasste und demnach organische einfügung in die gesamte Welt- chronik mit gutem vorbedachte erstrebt und erreicht habe. 3. Wesentlich aber ist er zur einflechtung eiuer solchen Über- sicht der länder und Völker angeregt und bestimt worden durch die idee einer Weltchronik. Denn es hat zwar, wie er v. 1615 beim übergange von der geographischen einschaltung zur weiteren geschichtserzählung selbst sagt, „alhie diu mcere'' — d.i. die Historia scholastica des Petrus Comestor, neben der bibel seine hauptquelle — „der lande stiftcere" noch nicht mit namen genant; dennoch aber hat er es sich nicht versagen können , anknüpfend an das ereignis , durch welches , nach der auf Genesis cap. X gegründeten anschauung des 286 DOBERENTZ mittelalters , die vielsprachigkeit und in folge davon die völkerzerteilung veranlasst worden war, einen tiberblick über alle ihm bekanten Völker und deren Wohnsitze, und damit einen abriss der erd- und Völker- kunde seiner zeit hinzuzufügen. Lag es doch auch nahe genug, in eine Weltchronik auch eine geographie der Weltteile einzulegen! Hatte doch schon in der ersten hälfte des IX. Jahrhunderts bischof Frechulf von Lisieux, der freund des gelehrten Hraban — und auch er war hierin nicht ohne Vorgän- ger gewesen — für notwendig befunden, in seiner Chronik (lib. I, c. 27)^ zu erörtern : „ Quomodo ex trihus filiis Noe otnne genus hominum ßt propagatum et quas orhis terrae partes ohtimierint" Die anga- ben, welche Frechulf hier darbietet, hatte er freilich nur einfach aus- gezogen aus Josephus,^ bei dem wir den ersten versuch einer erklä- rung der mosaischen völkertafel (Genes, cap. X) vorfinden,^ und aus Hieronymus,* der seinerseits widerum durchaus dem Josephus gefolgt war. ^ Späterhin, etwas über 100 jähre vor Rudolf von Firns, hatte Otto von Freisingen dasselbe bedürfnis empfunden bei abfassung seiner Chronik, oder, wie er selbst dies zwischen 1143 und 1146 ent- standene werk nent, seines „liber de duabus civitatibus." Denn er begint es mit den worten : „ Gestarum reriim ah Adam protoplaßo ufqtie ad tempus noßrum feriem exsecuturus , primo ipfum quem h ah Hat genus humanum orhem, ßctit a maioribus accepimus, breviter dißinguamus. Tres mundi partes effe fcriptores afferunt " usw. Die eigene ausführung jedoch hat er sich erspart, und sich beschränkt auf die Verweisung: ,,Qiiarum provincias , ßtus, regiones qui velit cognoscere, legat Orosium." Und in der tat hatte der mit dem heiligen Augustinus befreundete Paulus Orosius im anfange sei- ner im jähre 418 verfassten Historiarum libri VII adversus paganos eine geographie eingeflochten, mit welcher wir uns weiterhin werden eingehender zu befassen haben , da wir versuchen wollen zu erweisen, dass sie gleichsam die pfahlwurzel geworden ist, aus welcher die geo- graphien des mittelalters aufgesprosst sind, 1) Freculphi episc, Lexov. chronicoruin tomi II. Cölu bei Melchior Novesia- nus 1539 fol. VII ^ 2) Antiq. jud. 1 , 6. Vgl. MüUenhoff , Über die Weltkarte und Chorographie des Kaisers Augugtus. Akad. festprogramm. Kiel 1856. S. 36, 3) Siehe Müllenhoff a. a. o. s. 37, 4) Quaest. hebraic. — Opera, ed. Martianay, II, 514 — 17. 5) Aus Hieronynius hatte auch Isidor, Etymolog, üb. IX., c. 2 geschöpft, und somit hatte die vou Josephus gegebene erklärung die weiteste Verbreitung wäh- rend des ganzen mittelalters gefunden. DIE GEOGRAPHIE RUDOLFS VON EMS 287 Wenden wir uns schliesslich wider zu Rudolfs Geographie zurück, so meine ich durch die vorstehende erörteruug genügend bewiesen zu haben, dass Vilmar treffend geurteilt hat, wenn er s. 18 sagt, dass Rudolf „die grosse anzahl von geographischen namen und notizen ganz richtig unter den dem ganzen werke eigentümlichen gesichtspunkt einer Weltchronik gestelt habe , zu welcher eine historische weltbeschrei- bung als notwendiges glied hinzukommen muste." Doch ich würde befürchten, mich fast schon zu lange damit auf- gehalten zu haben, alle zweifei an der echtheit abzuwehren, wenn ich nicht auch die hoffnung hegte , dass durch diese erörterungen zugleich manclie.^ bedeutsame Streiflicht auf mancherlei gefallen sei, was der weiteren Untersuchung zu gute kommen werde. 2. Abstammung- und vcrwantsehnft der Rudolfsehen geographie. § 3. Meinungen der früheren forsclier über Rudolfs quelle. Es wird nach alledem die echtheit dieser geographischen ein- schaltung nicht füglich mehr in frage gezogen werden können; ja es würde wol auch in Vilmar, der diesen abschnitt auf seite 18 doch schlechthin ,,als gewiss von Rudolf selbst herrührende partie" bezeich- net hatte, niemals der leiseste zweifei aufgestiegen sein, wenn ihn nicht weiterhin seine forschung nach der quelle des geographischen abrisses wider bedenklich gemacht hätte. Hören wir nun, zu welchen ausichteu und Vermutungen über die quellen Vilmar gediehen ist, und wie die nachfolgenden sich dem gegenüber verhalten haben. «. Betonung eines Zusammenhanges mit Vincentius. 1. A. F. C. Vilmar, dem wir die erste und zugleich wichtigste ansieht betrefs der frage nach Rudolfs quelle verdanken, äusserte sich im jähre 1839 auf s. 33 fgg. seiner schon oft herangezogenen pro- grammabhandlung darüber folgendermassen : ^ „Die quelle, aus welcher Rudolf seinen geographischen abschnitt schöpfte , ist mir zur zeit noch verborgen. 1) Um die entwickelung von Vilmars gedanken klarer und wirksamer her- vortreten zu lassen , habe ich die in seinem drucke ohne alle Unterbrechung und absätze gleichmässig verlaufende erörterung in absätze geteilt, die der gliedening ihres Inhaltes entsprechen, und ihre vier hauptglieder beziffert. 288 DOBERENTZ [1] Die stelle dieses abschnittes ist dieselbe, welche Vincen- tiiis Bellovacensis Speculum historiale I, cap. 63 — 83 seinem geo- graphischen excurs anweist; auch die Ordnung der einzelnen artikel ist im ganzen bei Kudolf der, welche Vincentius befolgt, gleich; [2] ja die Gothaer papierhandschrift, welche die überarbei- tete jüngere recension enthält, aber auch diese erdbescbreibung der älteren einmischt, beruft sich bei derselben ausdrücklich auf das Speculum historiale. Nun aber ist Eudolfs werk nicht später als 1254 geschrieben, zu welcher zeit Vincenz von Beauvais eben mit der abfassung seiner weitschichtigen werke beschäftigt war; vorausgesezt also, der geographische abschnitt sei aus dem Speculum historiale geflos- sen, so könte er nur eine spätere zutat von fremder band sein, in welche dann um so leichter zusätze dritter und vierter band wie eben unsere Städtebeschreibung ^ eingang gefunden hätten. — Dazu komt, dass der geographische abschnitt etwas von dem tone der übri- gen teile der Chronik abweichendes an sich trägt, namentlich nicht ganz die einfachheit hat, wodurch sich Rudolfs werk sonst aus- zeichnet." [3] „Wenn mau dagegen die mit der übrigen Chronik genau übereinstimmenden reime und Wendungen, die ganz gleiche spräche, die genaue Verbindung, in welche Rudolf diesen abschnitt mit dem hauptgedanken seines werkes sezt, endlich auch den äusseren umstand erwägt, dass, soviel bekant, in allen handschriften der echten Chronik diese erdbescbreibung vorkomt, so muss man den gedanken an den fremden Ursprung derselben aufgeben, und lieber annehmen, dass Rudolf und Vincentius aus einer und derselben quelle ge- schöpft haben. — Auffallend bleibt es freilich, dass Vincentius diese nicht nent, da er sonst überall Helinand, Comestor u. a. citiert." [4] „Doch kann auch, genauer betrachtet, die gemeinschaftlich- keit des Inhaltes nur auf die gleiche Ordnung der geographi- schen enumeration bezogen werden, da alle die, zum teil schon bei Isidor erscheinenden fabeln, welche Rudolf hat, bei Vincentius nicht vorkommen, Rudolf aber sich ausdrücklich auf „die schrift," aus wel- cher er schöpfte, beruft, auch einzelne punkte vorbringt, z. b. die insel Perdita, welche Vincentius gar nicht hat, andere abweichuugen nicht einmal gerechnet, wie z. b. dass Vincentius die vögel mit leuchtendem gefieder nach Plinius H. N. X, 67 , Solinus c. 32 [20, 3] als inDeutsch- 1) Gemeint ist die oben schon erwähnte nachträglich eingeschobene beschrei- bnng der rheinischen städte. DIE GEOGRAPHIE RUDOLFS VON EMS 289 land (auf dem faltus hercynius) befindlich erwähnt, Rudolf sie nach Hyrkanien in Asien bringt." „Die geographische abhandlung mag indess Rudolf zuzuerkennen oder abzusprechen sein, gewiss ist es, dass die Städtebeschreibung nicht von der band, welche das übrige geographische geschrieben hat, und in keinem falle von Rudolf ist." Zur ergänzung dieser erwägung Vilmars, welche den gründlichen und behutsamen forscher verrät, nehme man nun noch, was er s. 13 über die benutzung des Solinus vorbringt : „ Ausser Petrus Comestor folgt Rudolf an wenigen einzelnen stellen dem Pantheon des Gotfried von Viterbo, sowie dem Polyhistor des Solinus, ohne den einen oder den anderen zu nennen. Auch wird der erstere nur zur weitem ausführung solcber erzählungen, welche, nur kürzer, auch in der Historia scholastica enthalten sind, der andere bloss bei dem geogra- phischen abschnitte benuzt, wenn überhaupt, was ich fast bezwei- fele, Rudolf wirklich unmittelbar aus Solinus und Gotfrid schöpfte." Bevor wir uns zu einer kritik dieser ansichten wenden, wollen wir sogleich noch anreihen, wie andere über Rudolfs quelle sich aus- gesprochen haben. 2. In abhängigkeit von Vilmars ausführungen steht ohne zweifei Ferd. Massmann, welcher 1854 im dritten bände seiner ausgäbe der Kaiserchronik (s. 84) behauptete: „Die eigentümlich eingewebte gelehrte erd- und weltkunde bot dem Rudolf weder der eine (Gotfried von Viterbo), noch der andere (Petrus Comestor), während wir sie in des Vincentius Bellovacen- sis um 1254 noch nicht vollendetem Speculum historiale ganz an glei- cher stelle wie bei Rudolf widerfinden, so dass beide leztere wol eine und dieselbe quelle dafür benuzten, die vorzugsweise aus Isidorus und Solinus (Plinius) aufgebaut haben mochte." — Diese aufstellung Massmanns hat dann Gervinus, unter berufuug auf densel- ben , in seine Geschichte der deutschen dichtung aufgenommen (5. aufl. 1871. 2, 76). 3. Theodor Merzdorff dagegen nahm (im jähre 1870) für die prosabearbeitung von Rudolfs Weltchronik ^ und somit also auch für Rudolf selbst, ohne weiteres eine benutzung des Vincentius an. 1) Die deutschen Historienbibeln des Mittelalters, herausg. von Th. Merz- dorf. Stiittgart (Lit. verein) 1870. Die prosabearbeitung der Rudolfschen Welt- chronik ist hier gedruckt als gruppe 11", bd. II. s. 595 — 900. Der geographische abschnitt findet sich auf s. 612 — 628. ZEITSCHR. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XII. 19 290 DOBBRENTZ Denn auf s. 902 [als anmerkung zu s. 625 , 2] sagt er : „ Es dürfte überall schwierig sein, aus den teilweise bis zur unkentlichkeit eut- stelten namen der länder, städte und tiere das richtige herzustellen, sowie eine klare einsieht in die geographie und naturkunde des Ver- fassers zu gewinnen. Maerlant,^ der, wie unser Verfasser, das meiste ebenfals dem Vincentius Bellovacensis verdankt, ist darin viel klarer und übersichtlicher." ß. Hervorhebung eines Zusammenhanges mit Plinius. 4. Anders und eigenartig lautet dem gegenüber die ansieht, welche Karl Leo Cholevius aufgestelt hat im ersten, 1854 (also gleichzeitig mit dem dritten bände der Massmannschen Kaiserchronik) erschienenen teile seiner „Geschichte der deutschen Poesie nach ihren antiken Elementen" s. 98 fg.: „ Der teil der Weltchronik Kudolphs von Montfort , welcher Süd- asien beschreibt, lehnt sich ebenfals an die Alexandersagen. Das in Graffs Diutiska (I, 48) abgedruckte fragment ist aus dem Pantheon des Gotfried von Viterbo und mittelbar aus Plinius geflossen. Ein vergleich mit dieser quelle zeigt, auf vs^elche wunderliche weise die alten benuzt wurden. Die notizen sind bunt durcheinandergewür- felt, nach gutdünken geändert und mit wilkürlichen Zusätzen versehen; es fehlt alle wissenschaftliche festigkeit. Nachdem von Taprobane und den metallreichen inseln Argyra (Chryse) und Argyre gehandelt ist, die Plinius VI, 32 erwähnt, folgt eine stelle aus XII, 19 über das Bdellium. Die erwähnung der goldberge führt uns zu VII, 2, aber gleich wird eine episode von der einschliessung der geschlechter Gog und Magog eingelegt. Die beliebten Pygmaeen (auch im Fortunat) werden aus der reihe seltsamer geschöpfe bei Plinius VII, 2 heraus- gehoben und vorangestelt. Daran schliesst sich eine mitteiluug von dem pfeffer aus XII, 14, mit dem zusatze, dass er wilden würmern durch feuer abgewonnen wird. Die Makrobier folgen hier, wie bei Plinius; dann wider eine einlage von den Agrozen und Garamanen 1) Über Jakob von Maerlant vgl. Jonckbloet, Geschiedenis der middenneder- landsche dichtkunst. Amsterdam 1854. bd. 3. s. 3 fgg. und desselben Geschichte der niederländischen litteratur, deutsche ausgäbe von Wilhelm Berg. Leipzig 1870. bd. 1. s. 215 fgg. — Maerlants im jähre 1284 begonnener Spieghel historiael ist eine gereimte, stark gekürzte, aber auch mit manchen Zusätzen aus anderen quel- len versehene bearbeitung des Speculum historiale des Vincentius Bellovacensis. Denselben Charakter trägt auch der darin enthaltene geographische abschnitt, wel- cher die capitel IG — 37 des ersten buches befasst. S. Spiegel Historiael of Eym- kronyk van Jacob van Maerlant , met aantoekeningen door Clignett on Steenwinkel. Leyden 1784. bd. 1. s. 21 — 57. DIE GEOGEAPHIE RUDOLFS VON EMS 291 (Arachosier und Caramanen), von der sitte, sich im alter 7a\ verbren- nen, die greisen altern zu töten. Jezt erscheinen in einem zuge die homines averßs planus, Androgyni , caninis capitihus, a pueritia ßatim cani, M/h-ohier, Ärimafpcn, SJciapoden, acepliali, astonii, sämt- lich aus Plinius VII, 2 u. 3, doch in anderer Ordnung. Von da komt man zu der feindschaft der hirsche und v^^ürmer iu VIII, 50, worauf denn die überall widerkehrende reihe der tierwuuder. Plinius ist in Kudolphs reimen noch k eilt lieh und von ihrer verwantschaft überzeugt man sich leicht, wenn man z. b. die beschreibung der Skia- poden und der Astomi vergleicht." Dieser auffassung von Cholevius scheint Bartsch zuzustimmen, nach dem zu schliessen, was er in seiner ausgäbe des Herzog Ernst (Wien 1869) s. CLXVII über die bei Rudolf vorkommenden Arimaspen, Einsterne und Cyclopen unter berufung auf Cholevius bemerkt. 5. Wie Cholevius, Hess auch der herausgeber dieser geographi- schen einschaltuug, Ignaz V. Zingerle, („Eine Geogr. aus dem 13. Jahr- hundert" Wien 1865. s. 4) den Vincentius völlig ausser betracht und erklärte: „Als hauptquelle derselben muss die Historia naturalis des C. Plinius Secundus angesehen werden. Ich will jedoch damit am wenigsten behaupten, dass diese die unmittelbare quelle unseres dichters gewesen sei. Ich habe in den anmerkungen häufig auf C. Plinius verwiesen, um das oftmalige übereinstimmen unseres geographen mit dem römischen naturhistoriker zu zeigen. Ande- rerseits stimt unser geographischer abschnitt oft in so auffallender weise zu Megenbergs Buch der Natur, ^ dass man glauben muss, dieser habe denselben gekaut und benüzt. Aus diesem gründe habe ich in den anmerkungen auch Megenbergs werk berücksichtigt." § 4. Kritische bemerkungen über die frülieren ansichten. a. Algemeiner gesichtspunkt. Ich würde diese früheren ansichten nicht so ausführlich wider- gegeben haben, wenn sich aus ihnen nicht zugleich eine beachtens- werte mahnung und warnung für mittelalterliche quellenuntersuchungeu gewinnen Hesse. Denn es wird sich im verlaufe der gegenwärtigen Untersuchung herausstellen , inwiefern zwar in all diesen angaben mehr oder weniger etwas richtiges enthalten ist, dass sie aber dennoch nicht auf die unmittelbar von Rudolf benuzte quelle hinführen. Dabei 1) Das Buch der Natur von Konrad von Megenberg, herausg. von Franz; Pfeiffer. Stuttgart 1861. 19* 292 DOBERENTZ wird auch klar zu tage treten, wie vorsichtig man hei solchen viel- verbreiteten Stoffen des mittelalters zu werke gehen muss, um sichere urteile über verwantschafts - und abstammungsverhältnisse erreichen zu können. Es wird dann gar manches in benutzung der alten durch die mittelalterlichen schriftsteiler nicht so „wunderlich" erscheinen, wie es Cholevius erschien und auch erscheinen muste , weil er die mannich- fachen Übergänge von einem Schriftsteller zum anderen völlig ausser acht gelassen hat, während sie sich doch zum guten teile nachweisen lassen. Namentlich aber wird sich auch herausstellen, dass vielfach auf urverwantschaft beruht, was bei oberflächlicher prüfung schon in dem Verhältnis von Vaterschaft und sohnschaft zu stehen scheint. Eine genaue prüfung der quellen der Kudolfschen Geographie, zu der wir jezt übergehen, wird bei der herstellung- des textes die beste handhabe bieten und insofern von gröstem belange sein, als man ver- mittelst der entdeckten quelle gleichsam einen blick in die absiebten unseres dichters tun kann. Überdies wird grade für unseren geogra- phischen Stoff, bei dem es sich um so viele eigennamen handelt, welche bei der unkentnis der abschreiber am leichtesten und meisten der Ver- dunkelung und Verstümmelung ausgesezt waren , eine erörterung der frage nach herkunft und abstammung geradezu unerlässlich sein. Denn nur auf diesem wege wird sich für manche rätselhaft oder arg ver- derbt erscheinende namensform die richtige lösung oder herstellung mit Zuverlässigkeit finden lassen. Und auch manche andere, mitunter gar wunderlich und unbegreiflich erscheinende irtümer und misverständ- nisse werden sich bei stufenweisem zurückgehen bis auf die lezteu quellen leicht und sicher erledigen. b. Besondere kritik der bisherigen aufstellungen. «. Widerlegung der annähme einer benutzung des Vincentius, oder einer unmittelbaren des Isidor. Wie gezeigt wurde, hatten nach Vilraars vorgange mehrere for- scher Kudolfs geographischen abschnitt in nähere beziehung gesezt mit dem Speculum historiale des Vincentius; wie es jedoch um diese ver- meinte beziehung wirklich beschaffen ist, möge man aus der hier fol- genden erörterung entnehmen. 1. Vilmar und Massmann scheinen ein gewisses gewicht auf den umstand zu legen, dass Rudolf den geographischen abschnitt an der- selben stelle der geschieh tserzählung eingeschaltet habe wie Vincen- tius; aber eine erhebliche bedeutung kann man demselben doch nicht zugestehen. Ja, genau genommen, ist es auch nicht einmal dieselbe DIE GEOGRAPHIE RUDOLFS VON EMS 293 stelle. Denn Rudolf bringt die geograpliisclie einschaltung sogleich nach der erzählung vom turmbau zu Isabel; Vincentius dagegen han- delt, nachdem er des turmbaues bereits im vorangehenden kapitel gedacht hat, im 62. kapitel des ersten buches: „de Phalech et divisione linguarum ac gentium in trihus orhis partihus"\ er knüpft also die sprachen- und völkertrenuung ausdrücklich an Phaleg, hierin dem 10. capitel der Genesis und den büchern der Chronika folgend, in wel- chen es heisst: Genesis 10, 25 „Natique sunt Heher filii duo: nonien imi Phaleg, eo quod in diehus eins divisa sit terra," und 1. Paralip. 1, 19 Porro Heher nati sunt duo filii; nomen uni Phaleg, quia in diebus ejus divisa est terra."' '^ Rudolf aber hält sich, gemäss der im mittelalter herschenden gewohnheit, an die erzäblung im elften kapitel der Genesis, in dessen versen 7-9 berichtet wird, dass gott zu Babel die sprachen verwirt und die menschen über alle länder zerstreut habe : „Venite igitiir, descendamus et confundamus ibi linguam eorum . . . . Et idcirco vocatum est nomen eins Babel , quia ibi confusum est labium universae terrae : et inde dispersit eos dominus super faciem cuncta- rimi regionum; worauf sodann von v. 10 ab die ,, gener ationes Sem" folgen, unter denen in vierter stelle Phaleg zwar auch widerum erscheint; aber ohne jeden auf die bedeutung seines namens bezüg- lichen Zusatz. 2. Scheinbar freilich erhält die Vermutung eines unmittelbaren Zusammenhanges des geographischen abschnittes bei Rudolf mit dem- jenigen bei Vincentius eine bekräftigung dadurch, dass, wie Vilmar s. 33 richtig angegeben hat, die Gothaer papierhandschrift chart. A nr. 3 das Speculum historiale ausdrücklich als quelle für Rudolfs geographischen abriss angibt; denn es werden in ihr, am ende von bl. 19", dem geographischen abschnitte die einleitenden verse vorausgesant : Nv fait vns difer lande[z\ drum hy ftoriale fpeculum ein pvch daz alfo iß genant daz uns nu nennet difew land die ich hie an difem sil nach einand' nennen wil Aber es bietet diese Gothaer handschrift, welche eigentlich der Christ -herre-recension zugehört, keineswegs eine reine und zuverläs- sige Überlieferung; vielmehr ist sie ähnlich der Sentlingerschen , mit Zusätzen versehen, und gerade an Übergangsstellen ist in ihr der text 1) Hebräisch ^bs , teil, teilung; von 5bs teilen. 294 DOBEßENTZ meist wilkürlich geändert. Deshalb ist es durchaus unstatthaft, auf eine solche angäbe einer so unzuverlässigen handschrift die folgerung zu bauen, dass der geographische abschnitt wol eine in Kudolfs Welt- chronik eingeschobene „spätere zutat von fremder band" sein könne. 3. Als geradezu unrichtig ist es aber zu bezeichnen, wenn Vil- mar s. 34 behauptet, dass Vincentius, der sonst überall seine quelle namentlich anzugeben pflege, sie auffallender weise gerade hier nicht genant habe. Denn im gegenteile hat Vincentius den geographischen abschnitt sogar zweimal in sein mächtiges Sammelwerk, das Specu- lum majus , aufgenommen , und zwar einmal in das Speculum historiale und das andere mal in das Speculum naturale , und beide male hat er, ganz in seiner sonst üblichen weise, die dazu benuzten quellen nament- lich aufgeführt. Es ist nämlich im ersten buche des Speculum histo- riale schon dem 62. capitel der name Isidorus vorangeschrieben, und dieser gilt bis c. 85 (mit unterbechung sogar bis c. 95), und dasselbe ist der fall im Speculum naturale bei c. 1 — 22 des 32. buches. Und in Wahr- heit sind auch die beiden betreffenden stücke in beiden spiegeln des Vincentius nichts anderes als eine unmittelbare herübernahme des ent- sprechenden abschnittes aus den Libri etymologiarum , welcher dort im 14. buche von cap. 2, 2 bis 8, 20 reicht. Übergangen sind nur unbe- deutende kleinigkeiten (cap. 5 § 1. 18 — 22; cap. 6 § 18; und einzel- heiten in cap. 8 § 13. 21. 22). Und eingeschoben sind im Speculum historiale auch nur wenige und wenig erhebliche anderswoher entnom- mene angaben. So in cap. 64 eine aus Solinus entlehnte über Indien handelnde, wodurch eine kleine annäherung an Kudolfs angaben ent- steht.^ Weiterhin in cap. 68 ist ein satz aus Helinandus eingefügt, und dann in cap. 80 widerum ein kleines stück aus Solin über Tylos Indie, und zwar hinter Tyle ultima, wahrscheinlich in folge irtüm- licher vermengung- der beiden namen, wie auch Honorius Augustodu- nensis in seiner Imago mundi lib. I, cap. 31,^ durch die namensähn- lichkeit verführt, beide verbunden hat.^ Ferner ist in cap. 82 hinzu- gefügt, dass der koloss zu Rhodus eingestürzt sei und endlich findet sich in cap. 84 eine einschaltung aus Comestor, und in den folgenden 1) Der schluss dieses einschubes lautet nämlich: In India pant monftra cliverß generis: ferpentes enormes, leucrocota, eale, tauri mirabiles, manticora, monoceros , anguille tricenorum pedum , pomaria LX paffuum , harundines immenfe et alia plura mirabüia. Dasselbe findet sich wider im Spec. natur. lib. XXXII, cap. 3 am schluss. 2) Migne, Patrolog. bd. 172. sp. 130. 3) Dasselbe widerholt sich im Spec. nat. lib. 32, c. 16. DIE GEOGRArHIE RUDOLFS VON EMS 295 capiteln noch eine zweifache aus Solin stammende über Ethna und AUas. — Etwas reichlicher ausgefallen sind die zusätze im Speculum naturale, avo namentlich in dem auf Italien bezüglichen abschnitte Vincentius selbst verschiedene grössere absätze hinzugefügt und durch ein vorgeseztes „Actor" (d. i. auctor) als seine eigenen selbständigen beigaben bezeichnet hat. 4. Was Vincentius in seinem Speculum historiale 1, 63 — 83, worauf allein Vilmar sich bezieht, an geographischen angaben darbie- tet , ist also , wie eben gezeigt wurde , bis auf wenige und unerhebliche einzelheiten , aus Isidor entnommen. Wenn nun Vilmar, bedrängt durch das chronologische bedenken , dass das werk des Vincentius dem Kudolf doch füglich noch nicht vorgelegen haben könne, auf die aus- helfende annähme verfallen ist, „dass Eudolf und Vincentius aus einer und derselben quelle geschöpft haben/' so wäre streng folgerichtig damit gesagt, dass Kudolf ebenfalls den Isidor als unmittelbare quelle benuzt habe. Aber eine so strenge folgerung zu ziehen und auszusprechen hat Vilmar sich weislich gehütet. Viel- mehr hat er als umsichtiger und gewissenhafter forscher sogleich selbst die bedenken hinzugefügt, welche auch dieser annähme entgegentreten und ihre giltigkeit wesentlich beschränken. So hat er richtig hervor- gehoben, dass liudolf unter ausdrücklicher berufung auf seine schrift- liche quelle, auf „die schrift," auch angaben darbiete, die sich bei Vincentius gar nicht , und bei Isidor nur teilweise und verstreut finden, und ferner dass einzelne angaben Rudolfs sogar von beiden, von Vin- centius wie von Isidor, abweichen. Das auffälligste beispiel dieser leztereu art gewährt Rudolfs nachricht über die vögel, deren gefieder bei nacht leuchtet. Er sezt sie nämlich v. 752 nach Hyrkanien, und erwähnt ihrer demgemäss auch mitten unter dqji auf Asien bezüg- lichen bemerkungen. Dagegen werden dieselben in der von mir aus der hallischen Universitätsbibliothek benuzten incunabelausgabe des Vin- centius (Venetiis 1494), und sowol im Speculum historiale lib. 1 cap. 71 wie auch im Speculum naturale lib. 32 cap. 9, zwar ebenfalls auffäl- ligerweise Hyrcaniae aves genant, aber bei der beschreibung Ger- maniens aufgeführt; und bei Isidor Etym. 13, 7, 31 heissen sie aves Hercyniae, die auf dem saltus Hercynius zu finden seien, in Über- einstimmung mit Plin. H. N. 10, 47, 67^ und mit Solinus 20, 3. — Beiläufig möge auch noch als unterscheidendes merkmal angeführt wer- den — was Vilmar unerwähnt gelassen hat — dass Rudolf die erwäh- 1) In Hercynio Germaniae saltu invisitata genera alitum accipimus, quaruin plumae ignium modo conluceant noctibus. 296 DOBERENTZ nung der flüsse , berge und städte stets an den passenden stellen seiner geographischen Übersicht einfügt, während sie bei Isidor in beson- deren kapiteln znsammengestelt sind: lib. 14. cap. 7 de promonto- riis; lib. 14. cap. 8 de montibus caeterisque terrae vocabulis; lib. 13. cap. 21 de fluminibus. Somit hat von allen behanptungen und Vermutungen Vilmars und seiner nachfolger über die von Rudolf für seinen geographischen abriss benuzten quellen sich keine als wirklich zutreffend und stichhaltig bewährt. Richtig ist und bleibt lediglich die äusserung Vilmars , dass, wenn die geographischen abschnitte Rudolfs und des Vincentius einan- der vergleichend gegenüber gehalten werden, „genauer betrachtet, die gemeinschaftlichkeit des Inhaltes nur auf die gleiche Ordnung der geographischen enumeration bezogen werden" könne. Die wirk- liche Ursache dieses allerdings vorhandenen zusammenstimmens wird sich im verlaufe unserer Untersuchung klar herausstellen, und damit zugleich wird auch das Verhältnis Rudolfs zu Isidor seine erklärung und richtige Würdigung finden. ß. Einwirkung Isidors auf die mittelalterliche geographie vor Eudolf. Wie überhaupt die Etymologien Isidors als reiche und hoch- geschäzte fundgrube encyclopädischer gelehrsamkeit vielfach ausgebeu- tet wurden, so haben sie auch auf die geographische schriftstellerei einen schon früh beginnenden und durch das ganze mittelalter andau- ernden einfluss geübt. Schon in den Versus de rota mündi^ sind einige kapitel die- ser Isidorischen Geographie zur gruudlage genommen und in dreizei- lige Strophen mit sehr ungenauem endreime gebracht worden.^ Eigen- tümlich gehören denr Verfasser nur einige selbständige zusätze über die Franken,^ in denen das Selbstgefühl, welches auch im prologe des salischen gesetzes hervorleuchtet, widerzuerkennen ist. Die abfassungs- zeit des gedichtes hat man wol um die mitte des VII. Jahrhunderts anzusetzen. * Der Verfasser lebte im fränkischen reiche ; nur seine 1) Herausgegeben von Pertz, in seiner abhandluug ,,über eine fränkische kosmographie des VII. Jahrhunderts" (Abhandlungen der Berliner Akademie 1845. s. 253 — 270). Vgl. Wattenbach, Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter. 4. a. 1, 94. 2) Die einzelnen verse werden gebildet durch katalektische trochäische tetra- meter, welche eine cäsur in der mitte zeigen; die silben sind aber fast nur gezählt. 3) Pertz s. 267. 4) Pertz a. a. o. s. 259. DIE GEOGRAPHIE RUDOLFS VON EMS 297 bescbreibiing Germaniens und Galliens enthält züge, die nicht dem Isidor entnommen wurden ; diese Strophen sind in Austrasien oder Bur- gund geschrieben und in mehreren handschriften (deren man bisher 7 zählte) mehr oder minder fragmentarisch auf uns gekommen. Ist weiter am ausgange des 8. Jahrhunderts in des Paulus Histo- ria Langobardorum bei den geographischen angaben des ersten buches eine einwirküng des Isidor zu verspüren , so befand etwa 50 jähre spä- ter im 9. Jahrhunderte der praeceptor Germaniae , Hrabanus Maurus, Isidors geographischen abschnitt so wissenswürdig und wertvoll, dass er ihn dem 12. buche seines werkes de Universo ^ volständig einver- leibte, und nur den einzelnen absätzen mystisch -allegorische deutun- gen hinzufügte. Mit vollem rechte bemerkt deshalb Heinrich Wuttke : ^ „Es macht einen seltsamen eindruck, wenn man im lesen von Hra- bans beschreibung der erde sich erinnert, dass man alles, was er uns sagt, schon einmal gehört hat. Isidorus hat ja die länder genau so beschrieben wie der abt von Fulda!" ~ Nur die kargheit der über- haupt vorhandenen hilfsmittel und die Schwierigkeit sie zu erlangen vermag dies zu entschuldigen. Auch das durch Hoffmann von Fallersleben aufgefundene und Merigarto benante bruchstück einer altdeutschen weltbeschreibung hat neben mündlichen quellen mehrfach aus Isidor geschöpft , wie auch die grundzüge für die beschreibung der fabelgestalten im zweiten teile der Herzog-Ernst-sage nach Haupts nachweist auf Isidors etymologien zurückgehen. Diese beispiele würden sich leicht noch vermehren lassen mit Zuhilfe- nahme des ersten bandes des Essai sur la cosmographie du moyen - äge, welchen der portugiesische Vicomte de Santarem, zwar ohne anwen- dung quellenkritischer methode , aber doch unter Verwertung eines rei- chen materiales verfasst hat. Indess wird das voranstehende schon genügen können, um die weitgreifende einwirküng Isidors auf die mit- telalterliche geographie zu erhärten. Demnach werden wir von vorn- herein auch einen wenigstens mittelbaren Zusammenhang zwischen Isidors und Kudolfs geographischen angaben erwarten und voraussetzen dürfen. Ein solcher ist denn auch tatsächlich vorhanden, und seine nähere beschaffenheit wird sich ergeben bei einer sorgsamen prüfung der Imago mundi des Honorius Augustodunensis , in welcher sich eben Rudolfs unmittelbare quelle uns erschliessen wird. 1) Hrabani Opera, ed. Migne. 5, 331 fgg. 2) In seiner kleinen, aber knappen und treüichen abhandlung ,, Erdkunde und Karten des Mittelalters." (Abdruck aus Naumanns Serapeum 1853) s. 50. 3) Zeitschr. f. deutsch. Altertb. 7, 293. 9Q« ^^° DOBERENTZ § 5. Des Honorius Augustodunensis Imago Mundi in ihrem einfluss auf die geographieen des mittelalters. a. Bedeutsamkeit der Schriften des Houorius im algemei- nen, der Imago Mundi im besonderen. 1. Honorius Augustodunensis gehört zu den fruchtbarsten und erfolgreichsten Schriftstellern während der ersten hälfte des zwölften Jahrhunderts. Mit grossem fleisse verband er zugleich in hohem masse das geschick über alle gegenstände , welche damals Interesse einflössen konten, handbücher zu verfassen, welche in der damals beliebten form lateinischer reimprosa , dasjenige knapp , übersichtlich und gefällig dar- boten, V7as die umfänglichen bände der alten kirchenschriftsteller in viel breiterer, unbequemerer und oft nur schwer verständlicher form gev7ährteu. Dadurch ist es ihm wie nur wenigen gelungen, sich für Jahrhunderte in der gunst der lesenden festzusetzen. Erkanten doch nicht allein seine Zeitgenossen dadurch, dass sie den fleissigeu und gelehrten presbyter und scholastikus widerholt um herstellung derarti- ger kompendien angieugen,^ deren handlichkeit und nützlichkeit an; sondern auch die späteren geschlechter , bis in das Zeitalter der refor- mation hinein, bewahrten an den meisten seiner werke ein so grosses w^olgefallen , dass dieselben durch eine unzahl von handschriften , und später auch noch durch drucke weithin Verbreitung fanden. Wenngleich es der forschung noch nicht gelungen ist, über her- kunft und lebensumstände des Honorius sicheres zu ermitteln, und wenn völlige klärung dieser bisher gänzlich dunklen fragen zunächst auch wol kaum zu erwarten steht, erscheint es mir doch bereits als unzweifelliaft, dass Deutschland weit eher als Frankreich den anspruch erheben darf, jenen einflussreichen Schriftsteller als den seinigen zu betrachten. Doch wie dem auch sein möge, sicher bezeugt ist zunächst eine sehr grosse Verbreitung seiner vrerke im südlichen und südöstlichen Deutschland , wie schon eine durchsieht der Münchener handschriften- verzeichnisse ^ ergibt. Dass sich aber auch auf andere , und bis auf sehr ferne gegenden Europas die Wirksamkeit jener schriftstellerischen 1) So heisst es z. b. im eingange des Inevitabile (Migne Patrolog. tom. 172. spalte 1197): Magister: Cum siimmi doctores de hac inateria multa ediderunt opus- cula, quid a me amplius poscitis , qui ad comparationem illorum sum elinguis? Discip.: Uli quidem egregie disputaverunt , sed diver sa — ut nobis videtur — sen- tientes, incertiores nos reddidermit. Tu autem — ut verum fatear — facis nobis breviter quodammodo palpabile , quod ipsi longis tractatibus non fecerunt saltem conspicabile. 2) Karl Halm & Georg Laubmann , Catalogus codicum lat. biblioth. regiao Monaceusis tom. 1 und 11. DIE GEOGRAPHIE RUDOLFS VON EMS 299 erzeuguisse erstreckt hat, wird aus den folgenden erörterungeu her- vorgehen. Denn wenn Wilh. Wattenbach , ^ gestüzt auf die bis dahin vorlie- genden forschuugen, nur sagen konte: „Houorius scheint ein weit berühmter mann gewesen zu sein; doch ist es bis jezt nicht gelungen, eine andere spur von ihm zu finden als die bedeutende einwirkung, welche er vorzüglich auf die geistliche poesie in Österreich geübt hat," so will ich , diese aussage ergänzend , im verlaufe meiner gegenwär- tigen Untersuchung die beliebtheit und die ausnutzung des einen der so hochgeschäzten werke des Honorius, der „Image Mundi," darzu- legen versuchen; die Verfolgung der sehr weiten Verbreitung eines anderen Werkes, seines dogmatischen „Elucidarium" und seines ebenso mächtigen als weitreichenden einflusses, auf spätere zeit versparend. 2. Die „Imago Mundi" ist von den mehr als 25 Schriften, welche mit bestimtheit dem Honorius zugewiesen werden müssen, diejenige, welche er als zwölfte im verlaufe des ersten vierteis des 12, Jahrhunderts erscheinen Hess, wie wir aus dem Verzeichnisse erfah- ren, welches er im lezten kapitel seines buches De luminaribus eccle- siae sive de scriptoribus ecclesiasticis ^ über die eigenen Schriften zusammengestelt hat. Dieses Verzeichnis gedenke ich demnächst an einer anderen stelle noch einer besonderen prüfung zu unterziehen und als den sichersten anhält für die Zeitfolge der werke des Hono- rius zu erweisen. Wenn aber Wattenbach ^ dieses wichtige schluss- capitel dem Honorius abspricht, so ist er dazu wol hauptsächlich, bestirnt worden durch die in jenes Verzeichnis eingestreuten lobes- erhebungen, welche allerdings als eigenlob des Verfassers aufgefasst werden müssen, und aus diesem gründe auch schon früher Michael Denis ^ austössig erschienen waren. Doch lässt sich dem gegenüber ^ aus dem selbstbewussten Charakter des Honorius, wie er in mehreren unzweifelhaft von ihm selbst herrührenden stellen sehr entschieden zu tage tritt, mit hoher Wahrscheinlichkeit schliessen, dass sogar das 1) Deutschlands Geschichtsquelleri. 4. aufl. IL bd. , s. 198. 2) Migne Patrolog. a. a. o. spalte 232. 3) Deutschlands Geschichtsquellen a. a. o. s. 197. 4) Codices MSS. Theologici bibliothecae Palatinae Vindobonensis latini vol. II Vindobonae 1799 s. 224: ,,Non enim vir modestus opuscula sua „non spernenda" ad'pellasset, neque adseruisset , se Cantica Canticorum „miro modo" exposuisse. Itaque capitulum ultimum a pjosteriore quodam additum est." 5) Und selbst gegenüber der von Scherer geäusserten ansieht, in der recen- sion von Heinzeis ausgäbe des Heinrich von Melk, in der Zeitschr. f. Österreich, gym- nas. 1868. 19, 567 fg. 300 DOBERENTZ ganze schlusscapitel von ihm selbst herrühre, und demnach als echt zu erachten sei. Wie viele der früheren Schriften des Honorius , so verdankte auch die Image Mundi ihre entstehung der anregung seines freundes Chri- stianus, in welchem wir einen Presbyter canonicus ecclesiae majoris zu Eegensburg werden kennen lernen. Dieser hatte im vereine mit „vie- len anderen" eine „expositio orbis quasi in tabella" gewünscht; und solchem ansinnen entspricht denn auch des Schriftstellers ausführung, dessen absieht, seinem antwortschreiben zufolge, dahin geht:^ „Ad instructionem itaque nmUorum, \ quihus deest copia librorum, | hie lihellus edatur, \ nomenque ei „Imago Mundi" indatur, \ eo quod dispositio totius orhis in eo quasi in speculo conspiciatur. \ in quo etiam nostrae amicitiae pignus posteris relinquafur. \ " Und diesen seinen zweck hat der Verfasser auch volständig erreicht. Denn das bedürfnis, welchem dieses werk entgegen kam, kann man einerseits aus der grossen zahl der noch vorhandenen hand- schriften folgern, deren schon allein die königliche bibliothek zu Mün- chen, nach angäbe ihres gedruckten kataloges, mindestens 17 besizt, und andererseits kann man es darnach bemessen , dass selbst noch spä- terhin sogar mehrere drucke desselben veranstaltet worden sind.^ Ja, in einer noch im jähre 1583 besorgten besonderen ausgäbe, welche zu Speier erschien ,^ wird zur rechtfertigung für das erneute erscheinen dieses buches in der vorrede ausdrücklich lobend hervorgehoben: „Complec- titur enim uno in opusculo compendiose totius mundi ohservationem. Quo quid potest mirabilius et utilius accidere tanta in hrevitate?" . — Auch lässt sich eine benutzung der Imago Mundi in der Saga Olaf Konüngs Trjggvasonar nachweisen ; denn alles , was Jacob Grimm [Kleinere Schriften V, s. 91] darüber anführt, muss eben auf das werk des Honorius bezogen werden, in dessen drittem buche, gegen ende [bei Migne spalte 186] auch die von Grimm im Basler drucke vom jähre 1544 vergeblich gesuchte stelle zu finden ist. 3. Dieses werk bietet nun in seinen drei bücheru, in die es zer- fällt, sehr verschiedenartiges dar.^ Während das zweite buch über 1) Migne a. a. o. sp. 119. 2) Fabricius , Biblioth. lat. mediae etinf. aetatis III, s. 277 führt 7 ausgaben an, darunter auch eine unter dem namen des berühmten Anseimus (Basil. 1497. 4.) Vgl. Potthast, bibl. histor. medii aevi s. 378. Dazu komt nocli die 1472 bei Kobur- ger erschienene ausgäbe. Vgl. Monumenta Germaniae historica. Scriptores 10, 125 fg. 3) Honorius solitarius Augustodunensis, Mundi Synopsis s. de imagine mundi libri III ante annos 463 scripti. Spirae Nemetum. 1583. 8. 4) Unbegreiflich erscheint , wie Victor le Clerc (Hist. litter. XXIII. bd , s. 308) zu der bestirnten bchauptung kommen konte: L'otivrage du theologien d'Autun, DIE GEOGRAPHIE RUDOLFS VON EMS 301 die zeit und deren einteilung handelt, befasst das dritte buch eine sehr knappe, ja geradezu magere chronik, die zulezt in ein kaiserver- zeichnis ausläuft.^ Das erste buch dagegen enthält in 140 capiteln ^ sowol eine künde vom weitenbaue im algemeinen, wie auch von der erde und von den auf ihr und in ihr wirkenden naturkräften im beson- deren , wobei die geographie , an die sich eng eine betrachtung der mit- ten in der erde gelegenen höUe anschliesst , in cap. VII — XXXVI (Migne, sp. 122 — 133) besonders hervortritt. Den schluss dieses buches bildet sodann die erörterung astronomischer fragen. — Hat sich nun das erste buch einer solchen beliebtheit erfreut, dass es zuweilen auch vereinzelt vorkomt,^ so hat namentlich der geographische abschnitt besondere beachtung , Aveite Verbreitung und reichliche benutzung gefun- den. Bis ins 13. jh. hin habe ich ihn nicht allein in einer lateinischen aus Spanien stammenden handschrift als hauptsächlichsten Inhalt eines selbständigen „Mappa mundi" betitelten tractates angetroffen, sondern es ist mir seine umfängliche Verwendung auch begegnet in vier von einander ganz verschiedenen und unabhängigen werken. Eine eingehendere erwägung dieser verschiedenen benutzungen dürfen wir aber nicht versäumen, weil es gilt zu erforschen und fest- zustellen, ob Eudolf eins dieser abgeleiteten werke, oder ob er die Originalfassung des Honorius selbst als unmittelbare quelle für seinen geographischen abriss benuzt habe. compose vers Van 1120, non pas en trois livrcs, cornme onVadit, mais en un seid livre de soixante -trois chapitres , dont la plwpart sont fort courts usw. 1) Siehe Mon. Germ. Hist. Script. 10, 125 fgg. 2) So nach der ausgäbe in der Maxima Bibliotheca veterum Patrura. Lugd. tom. XX, pag. 964 fgg. widerholt bei Migne a. a. o. sp. 121 — 146. 3) So z. b. in einem Erfurter Codex Amplonianus nr. 28. 8., in einer zier- lichen, romanischen, zweispaltig geschriebenen handschrift des 13. Jahrhunderts, auf fol. 5 — lO**. Ebenso im Cod. Amplon. nr. 32. 8. in einer flüchtigen handschrift ans der zweiten hälfte des 14. Jahrhunderts, in welcher auf fol. 1 — 12 das erste buch sich findet, jedoch nicht volständig, in einem anfangs wilkürlich geänderten und meist verbreiterten, weiterhin in einem sehr flüchtig geschriebenen texte. Die benutzung dieser beiden handschriften verdanke ich der gute des herrn professor Schum. NAUMBURG, SEPTEMBER 1880. OTTO DOBERENTZ. (Fortsetzung folgt.) 302 BEITRÄGE AUS DEM NIEDERDEUTSCHEN. Förstemann (Die deutschen Ortsnamen s. 45) sagt über düng in Ortsnamen wie Äberesdung (W.): „ich halte es — jezt für das wahr- scheinlichste, dass der ausdruck in den meisten fällen eine kleine boden- erhebung besonders zwischen morästen bezeichnet." So weit gehe ich mit. Wenn aber dann gefragt wird: „soll man, da das wort in der übrigen spräche ganz ausgestorben ist, etwa an keltische herkunft (ableitung von dun, collis) denken?" so ist darauf zu antworten: das wort lebt noch heute und zwar appellativ in Norddeutschland, aber freilich figürlich; überdies hat es verwantschaft im altsächsischen, angel- sächsischen, neuniederdeutschen und skandinavischen. Wir Südwestfalen 1 nennen ein butterbrod eine brügge (brücke). Warum? Weil es nach der bauernphilosophie die Verbindung (brücke) zwischen leib und seele unterhält , denn eäten un drinken hält lif un sMe hinen. Der oder die düng ist die Verbindung (brücke) von dies- seits und jenseits in Sumpfgegenden; daher muste sich auch dimg, m. gefallen lassen, im Siegenschen (z. b. in Crombach) ein butterbrod zu bezeichnen. Vilmar (Idiot, v. Kurhessen) führt das im Siegenschen gäng und gäbe wort als eine Seltenheit mit weibl. geschl. aus einem Marburger Verhörprotokoll von 1655 au. Dung rührt aus stf. thingen (häufen), wie es z. b. im Südwest!', gedungen fidl = gehäuft voll, noch erhalten ist. Im dänischen findet sich at dynge, häufen, und das subst. dynge, häufen, alts. gitliungan und ags. gepungen, venerabilis, bedeu- ten eigentlich gravis , eine bedeutung , die sich leicht aus der sinlichen entwickeln konte. Wahrscheinlich gieng aus einem sinlichen thingen, überhäufen, beladen, unser geistiges dingen hervor. Düschen. Bei diesem verb wird im Mnd. WB. gefragt, ob es „sich hin und her bewegen" bedeuten könne. Jn der angeführten stelle muss es diese bedeutung haben. Im sinne von rauschen ist das wort noch heute im Bergischen (z. b. Odenthal) gebräuchlich. Büschen ist aus düsen oder aus drüschen entstanden. Düsen , schall oder geräusch her- vorbringen, und düs sind südwestfälisch. Man vgl. dazu doesen, pul- 1) Auch bei Racliel ,,die kinderzuclit": er schleusst den knohlauch iveg sampt einer halben brücken; ausserdem vlämisch, vgl. Gloss. belg. (Hoffm.): brugghe j. boterham. WOESTE, BEITRAGE ADS DEM NIEDERDEUTSCHEN 303 sare mm impetu et fragore bei Kil. und ags. Jn/sa, strepitiis. Dagegen schlägt Kil. druT/sschen, strepere, impetere, stridere, tremeve, offenbar die brücke zu rüscJien, rauschen. Es ist klar, dass diese Wörter von anbeginn schallmalende sind; merkwürdig ist daher der obige Über- gang zur Ursache des schalles, zur bewegung. Belaten. Zu dem was Mnd, WB. über dieses verb gebracht hat, kann hinzugefügt werden: 1) Belaten bedeutet auch frei lassen, gestatten. So Gr. Weist. 3, 147: dat die vaer (fahrt, abzug vom hofe) belaten is. 2) Es steht, wie auch aus dem Mnd. Wß. s. v. beladen ersicht- lich ist, zuweilen für beladen. So in Z. d. V. f. Gesch. Westf. N. F. 7, 266: vnnd se my bauen solke vorberorte gebade nicht sollen noch willen belaten. Auch belaten in MChr. 1, 169 steht für beladen, aber im sinne von beschuldigt. Darnach wird sowol meine annähme (Z. V, 77) als auch die des Mnd. WB. über jene stelle zu berich- tigen sein. 3) Belaten ist aus betalen versezt in Weist. 3, 157: wanner ein hoffman syne pechte , dienste , schulde , tynse , wo von oldes gerechtich vnd gewontlich, belatede vnde dede, so sali die erffherr geine nye inbroelce oder vplage vorwenden oder doen , anders dan von oldes gebrucJc- lich. Man begreift, dass ein schwachf. belaten nur auf late (spät) zu- rückgehen könte, was hier keinen sinn gäbe. Ebenda 156 steht das richtige: syne rechte pechte vnd schulde betalede. Bordeel. Das Mnd. WB. hat dieses wort nicht, es steht aber im Teuth.: bordeel. huyrhuys. In folgender stelle hat es der nl. Fascic. Temp. 56": dat anderde was dat nien gheen openbaer bordeel binnen romen soude houden off setten. Diez Etym. WB. 1 s. v. borda leitet bordello vom got. baurd, unserm bord in tannenbord, so dass es ursprünglich eine aus brettern gebaute bude bedeuten würde ; ähnlich Grimm im DWB. Wahr- scheinlich aber ist die herkunft des wertes eine ganz andere. Bordello wird versezt sein aus brodello, so dass engl, brothel nicht, wie Grimm meinte, verdreht ist, sondern gerade die ursprüngliche buchstabenstel- lung enthält. Schon die schwierigere ausspräche von bro- fält hier ins gewicht. Für brothel, welches sogar sein altes p bewahrte , bieten sich als grundlage dar: broddc (foedus, indecorus, turpis) bei Kil. und deut- licher noch brode (hure), vgl. Mnd. WB. s. v. Der ursprüngliche sinn 304 BIEGEB, DEK VERFASSER DER FROHEN FRAU dieser Wörter kann wol kein anderer als perditus, perdita sein. Sie reihen sich somit ganz natürlich an ags. hreopan (perdere). Dass bor- dello (lupanar) schon früh für eine elende hütte überhaupt verwen- det wurde, darf nicht wundern, wenn sich auch für ein umgekehrtes Verhältnis im berg. htpe und engl, hip ein analoges beispiel geben lässt. Wolte jemand sagen , vorstehendes erkläre die herkunft des engl, bro- thel, nicht aber die von bordello, so habe ich nur das auffallende zusam- mentreffen entgegen zu stellen. ISERLOHN. FR. WOESTE. DER VERFASSER DER „FROHEN FRAU". In meinem buch über Klinger (s. 71) habe ich mitgeteilt, dass die durch meine mutter mir zugekommene Klingersche familien - Über- lieferung dieses pasquill einem candidaten Göntgen zuschrieb. Ich hatte diesen namen vergeblich im „Leben in Frankfurt" (von der frau Belli - Gontard) gesucht; ich fand ihn von Creizenach im Willemerschen brief- wechsel erwähnt, aber es war zweifelhaft oder unwahrscheinlich, dass er hier derselben person zukäme; ich nahm mir vor in Frankfurt wei- ter nachzufragen , und vergass es. Nun hat mich herr dr. F. A. Finger daselbst durch die mitteilung erfreut, dass sich unter den Frankfurter lutherischen pfarrern ein M. Jonathan Gottlieb Göntgen findet, der den 12. Januar 1752 geboren war, 1789 pfarrer in Bornheim, noch im sel- ben jähre pfarrer in Frankfurt wurde und 1807 starb. Der von Crei- zenach erwähnte gleichnamige festredner bei Goethes siebenzigstem geburtstag war nach dr. Finger damals erst 30 jähre alt und vermut- lich der söhn des pfarrers. Spät zwar, aber sicher hat somit die uemesis jenen boshaften anonymus ereilt, und wir erkennen in ihm einen wenig älteren mit- schüler Klingers, der bedeutend rascher vorangekommen war, da er spätestens im frühjahr 75 von der Universität muss absolvirt wor- den sein, die Klinger erst im frühjahr 74 bezog. Der name, den er verbarg, ist nunmehr zu einer unrühmlichen fortdauer in der littera- turgeschichte verurteilt. DARMSTADT, IM AUGUST 1880. M. RIEGER. 305 AUS DEM SUMMARIUM HEINRICI. Die mitteilung dieser bruchstücke aus dem Summa rium Hein- rici verdanken wir herrn professor Schum, der sie in der königlichen bibliotliek zu Erfurt aufgefunden hat als umsclilag eines früher dem Carthäuser-kloster gehörigen buches, welches gegenwärtig die Signatur trägt: Homiletik F. 81. Es sind zwei pergament-doppelblätter (1+4 und 2 + 3) in folio, so dass blatt 2 unmittelbar auf 1 , 4 auf 3 folgt, während zwischen blatt 2 und 3 mindestens ein doppelblatt, das mittelstück einer läge, fehlt. Die blätter sind zweispaltig, zu je 53 Zeilen, zwischen fein gezogenen Knien, von einer geübten, gleichmässigen band bald nach der mitte des 12. Jahrhunderts geschrieben, nur auf blatt 2, rw. a sind 5 Zeilen von anderer aber gleichzeitiger band eingeschoben. Über- schriften und uncialbuchstaben sind rot nachgetragen; sclireiber wie rubricator haben sich aber viele schreib- und lesefehler zu schulden kommen lassen. Auf der ersten spalte der ersten seite schliesst das dritte, die tiere betreffende buch, und begint zugleich das vierte, welches die pflanzen behandelt; auf den in der mitte fehlenden blättern muss der schluss des vierten und das ganze fünfte buch gestanden haben, sowie der aufang des sechsten, dessen erhaltener schluss auf 3. vw. a u. b handelt de cultura, de itineribus, de glebis. Dann folgt auf 3. vw. b das siebente buch , welches von den mineralien , gewichten , massen und Werkzeugen handelt und mit 4. rw. b unvollendet abbricht. Zur erleich- terung der Übersicht ist, nach dem vorbilde von Rieger in Pfeiffers Germania bd. IX, über jedem abschnitte angezeigt wo das entsprechende stück sich findet: i. in Isidori etyraologiarum 1. XX. (I.) 2. in den glossae trevirenses, in Hoffmanns althochdeutschen glos- sen. Breslau 1826. (T.) 3. in den Münchner und Wiener glossen , in Graffs Diutisca. 1829. m, s. 235. (M. V.) 4. in den von Rieger (in Pfeiffers Germania bd. IX. 1864) mit- geteilten glossen aus der Darmstädter handschrift. (D.) 5. in den aus einer handschrift von St. Blasien mitgeteilten stücken in Gerberti iter alemaunicum. 1765. (B.) I vw.a. [JXII. cp. VIII. TU, 18. M. V. III, 18. D 28. B III, 9.] disfliga. Scinifes sunt musce minutissirae aculeis permoleste. Oestrus grece. latine asilus vulgo tabauus dicitur animal est aculeis permo- lestum. et armentis. Ester, biscworm. Culix. mtiggn. Musca grecura ZIOITSCHR. F. DF.UTSCHT; PHILOLOOIK. BP. XII. 20 306 HORTZPCHANSKY est. sicut mus. Hec siciit apes in aqua uecate aliquociens post imius hove spacium reuiuiscunt. Bibiones. quos vulgo musciones appellant a musto. ipsi sunt qui in uino nascuntur. Gurgurio. engering, quia pene nichil aliud est nisi guttur. Apes oriuntur de putridis cadaueribus uitulorum. Locuste de mvlis. Vespe de asinis. Scabrones. de equis. Scorpiones de cancris. De uocibus animalium. [B III, 10]. "Pusio vagit. Equus hinnit. Asinus rudit. Onager magillat. Quis balat. Aries orectat. Verris quirritat. Sus. vel porcus grunnit. Hircus mictit. Edus uebat. Canis latrat. Catulus glat- tit. Leo fremit. vel rugit. Elefans barrit. Pantera cauvit. Par- dus felit Vrsus seuit. Aper frendit. Ceruus sugiit. Vulpes gan- nit. Lepus uagit. Tigris racbat. Lupus ululat. Serpens sibilat. Mus minitat. Sorex stridet. Mustela driuodat. Eana coaxat. Pecora balant. Homiues clamant. Vermes quiritaut. De uocibus auium. [TU, 18. MV III, 20. BIIT, llj. A quila elangit. Miluus linugit. vel lapit. Accipiter plipliat. Wltur pionpat. vel pulpat. Olor. olrecasat. vel argutat. Ciconia groctolat. Pauo pupulat. vel paulat. Grus, gruit. Anser scligit. vel strepit. Coruus groccit. Cornix garrit. Turtur gemit. Gal- lus canit. hrewit. Gallina croccinat. Palumpes pacinant. Anas trissinat. Perdix cacabat. Graculus fringulat. Turdus truculat. vel soccitat. Sturnus passitat. Passer tuciat. Vespertilio platerat. Noctua cucubat. Morula frindit. Hirundo minurrit. Apes bom- bit. Cicada tunnit. Aues butent. Quedam vero ruritulant. Popu- lus strepit. £s tinnit. Aurum rutilat. Ignis crepitat. Argentum splendet. . errum ^ stridet. Finit liber tercius. Incipit IUI'. De his quo viuunt per uiriditatem. [J XVII, 5. T III, 1. M. V. IV, 1. D 30. B II, 10.] TTitis dicta quod vim babeat. radicandi. uel quod se uiciis ^ innec- tant. rebestoc. Labrusca. wildereha. a labris i. extremitate terra. Codix. quasi caudix. Sarmentum a serendo. quasi saramentum. absci- siones inutilium lignorum. vel proiectiones. Malleolus est nouellus palmes innatus prioris anni flagello. dictus quod mallei speciem pro- bet. Spadones dicuntur surculi fruge carentes dicti ob sterilitatem. Sagitta nouissima pars surculi dicitur quod acumiuis tenuitate speciem [die lezte zoile halb abgeschuitten.J 1) 1. ferrum. 2) 1. viciois. AUS HEINRICI SUMMARIUM 307 I VW. b. teli pvefert. Palmes deriuatiuum a palma. scuzzeUnc. Pampinus rehinUat. quod de palmite peiideat. Caprioli. hrepfelin. quod capi- ant arbores. Corimbi qui coiipreliendunt et ligant queque proxiina. Acinus druho. botrus inmaturus. Raceraus drappo. botrus uuis ablatis. Vua herekcron. uel druho. Seuecia. herlinc. uel uua acerba. Precoque fruvvedrnhin. quod precurrant ciciiis ad matiirita- tein. Dactili botri langedruUn. Aminium ivizdruho. Rubilianiim. rothdruho. Ceraunie quod rubeaut velud ignis. Balatiiie a raagui- tiuline sunt dicte. Jmnisdruhen. Apiane uinum dulce faciuut qua ab apibus quibus infestaiitur dicte sunt. Biturica a regioue. Argitis grecula uitis albi coloris. Enerticula. boni uini et lenis. Marectice ^ a regione egipti. Elbole. ab elbo coloi-e. Vitis cionia quod uini niultuni fiuat. Siriaca. que de siria allata est. Vitibus ista couue- niunt oblaqueacio. putacio. propagacio. fossio. De arboribus. [J XVII, 6. T III, 2. M. V. 11,2. D 31^ BII, 11.] A rljoruui nomen siue berbarum ab aruis inflexum creditur. Arbusta. rihiscJiehe. quasi arboris asta. Frutex quod fronte terram tegat. hose. cuius plurale frutecta. spreidehe. Silua ivalt. a greco xilia. quod est lignum. Nemus forst quod ibi numina constituebantur. Lucus. 16. per autifrasin. quod minus luceat. Saltus. dohel. quod saliat in altum. Est enim profunditas silue inter montes. Auiaria secreta nemora. dicta quod ea aues frequentent. Recidiua dicuntur que aliis sectis repullulant. a recidendo. Insero inpfunga. Plante. splanm. sunt autem de arboribus. Plantaria dicuntur que cum semi- nibus nascuntur. Vitiligines dicuntur inutilia uirgulta que de radice arboris procedunt. Virgultum sumerlafa. Radix wrcela. quod quasi radiis fixa sit terris. Fisici dicunt parem esse altitudinem radicum et arborum. Frondes. loher. quod feraut uirgulta. Truncus stoc. sta- tura arboris. Cespes quod sit circa pedes vvaso. Oculi nodi sunt ex quibus frondes exeunt. Surculus. a precisione serre. Idem et uirgul- tum. quia de uirga tollitur. Rami. este. Inde ramusculi riser. Fla- gella summe arborum partes, dicta quod uentorum sustinent flagella. Cimas quasi comas. Folia. loher. quod fluant de arboribus. Flo- res quasi flures qui austro soluuntur. zefiro fiunt. Germen. himo. a gerendo. Fructus wocher. a frumine. unde et fruges. Poma ohiz ab opimo. Matura quia apta ad mandeudum. Ligna quod incensa lumen dent. unde et licinium. Astula. durast. a tollendo. Fomes a 1) 1. Mareotice. 20* 308 HORTZSCHANSKY I rw. a. fungis. ita quod capiat ignem. Ticio vel torris. quasi extractu focis. hrant. Quisquilie sprocJiehe. vel gereshe. Caries. wrmmelo. dictum hoc nomine quod eueniat lignis uirtute carentibus. Isca. zundera. Tuscus vel viscus. mistel. Suber. rinda, Librum saf. De propviis norainibus arborum. [J XVII, 7. Till, 3 — 5. M Y II, 3. D 33. B II. 12.] "Palma. hamböm.'^ quod oppansus sit ramis in modum palme homi- nis. Laurus lorhöm. a uerbo laudis. quasi laudus. Malus affel- dera. quod fructus eins rotundus sit. Mala matiana a loco unde aduecta sunt, sicut mala cedonia. Salumellum ^ a dulcedine fructus. Letim genus ligui inputribilis et inexuribilis. et impletur spina. Lig- num tinum nigrum in quo scribi potest sicut in cera. et iterum deleri. Malum punicum a punica regione. idem arbor granatum. est generis feminini. pomum neutri generis. Flores malorum cadvducum latini uocant. Persicus. quod eam primum seruerit ^ persius. Medica est arbor quam latini cedriam uocant. hec arbor omni pene tempore plena est porais. Mella. que uulgo dicitur faba sirica. fructus fert com- mestibiles. gustu suaues. Coquimella latini primum. vel nixam appel- lant. Oleoraella est arbor ex cuius trunco oleum defluit. Pome- lida sorbo sirailis. flore candido. dulcis fructu. Melofos est arbor ex qua profluit lentus sucus. hespila "* arbor spinosa fructu similis malo- rum. unde et appellata. quod pinule formam habeant eins poma. Pirus hirehom. quod in ignis speciem fructus eins sit formatus. Pirus arbor fructus eins pira. Cerasus Mrsehöm. a cerasa urbe ponti uicina. Ficus a fecunditate dicitur. nam ter. quaterque in anno generat. hinc et carice a copia. fichhöm. Morus greci. latini rubura uocant. quod fructus et uirgulta eins rubeant. mvlböm. Sicomorus. latine celsa dicitur. id est wildem mvlböm. Nux. nuzhöm, quod umbra vel stilli- cidium foliorum eins proximis arboribus noceat. hec quia ioui conse- crata erat, latini iuglandem uocant. quasi iouis glandem. Cuius pomum tantam uim habet ut missa inter suspectus herbarum. vel fungorum cibos quicquid in eis uirulentum est exudet. rapiet atque extinguat. Nuces autem dicuntur omnia poma tecta corio. ut pinee. auellane. glan- des. castanee. amigdale. hinc et nuclei dicti. quod sint duro corio tecti. At contra poma omnia mollia mala dicta. sed cum adiectione terrarum. in quibus antea nata sunt, ut persica. punica. matiana. cidonia. et cetera. Amigdala. mandala. grece sie dicitur. latine nux longa, alii nucicula. Pontica grece. latine abellana. nespilhöm. Escu 1) 1. balmböm. 2) 1. Maloinelluni. 8) 1. seuerit. 4) 1. Ne.spUa. AUS HEINßlCI SÜMMARIDM 309 I rw. b. lus. spereböm. Fagus. höcha. arbores glaiidirero uocautur quod harura fructibus homiues oliui uixerunt. Castauea. Jcestenböm. quod dum fructus eius de folliculis eicitur quasi castratur. Prinus grece. latine lentiscus. melehöm. Cetanus uel cidonia qvitcnhöm. Olea est arbor. oleböm. Oliua autem est fructus. olebere. Oleum vero sucus est olei. Amurca est fex olei. Oleaster, tvildoleböm. dictus quod sit foliis oliue similibus sed lacioribus. Cui insertus oliue ramus. uim mutat radicis et uertit eam iu propriam qualitatem. Cedrus. cederböm. liguum iocundi odoris et inputribile, cuius resina cedria sunt que iu cou- seruandis libris adeo est utilis. ut perliniti ex ea nee tineas pacian- tur nee tempore conseueseant. Cipressus. ciperböm. Quercus. uel ilex. uel quernus. eich, quod ea soliti eraut du genciuni queren- tibus respondere. fertur quercus mambre. sub qua babitauit abra- ham. quod usque ad constantini regis inperium perdurauerit. Len- tiseus. quod cespis eius lentus sit et mollis. Caprificus dicta eo quod parietes quibus iunascitur carpit. Carpenus haginbucha. Abies. tanna. quod pre ceteris arboribus longe eat. et in excelsura promineat. Picea, forcha. quod picem desudet. Platanus ahorn. a latitudine folio- rum. uel quod patula sit. Alnus. erila. quod alatur amne. Pistacia quod cortex pomi eius nardi pistici odorem reddit. Fraxinus. asch. quod magis in aspera loea. montauaque fraga nascatur. hinc per deri- uaeionem fraxinus sieut a monte montanus. Tremulus aspa. .inus^ pinböm. uel kien. Sanguinarius. harttrugelin. Fusarius. spinnelbbm. Sorbarius. siieldiom. Acer maseUra. Vibex. birca. Tilia. linda, dicta quod utilis sit ad usum telorum. Pixos grece. buxus latine. buxhbm. Vlmus. elm. quod uliginosis locis et humidis plus proficit. Ornus limbom. Mirtece grece. rairtus latine. mirtelböm. Terebiutus arbor que optimam resinam generat. Sabina. sabinböm. Taxus iwin- böm. uel iwa. uenenata arbor. unde et toxica uenena exprimuntur. Populus. albere, uel bellt, dicta quod ex eius calce multitudo nascatur. huius genera duo sunt, altera alba, altera nigra. Salix, salacha. uel uelua. quod celeriter saliat. hoc est uelociter crescat. Juniperus. wecJwlder. quod eonceptum diu teneat ignem. adeo ut si prune ex eius cinere operte fuerint. usque ad annum perueniant. Sambucus. hol- dirböm. uel riscus. holder. Kodandarum quod uulgo lorandeum dici- tur. arbor est foliis lauro similis. flore ut rosa. Ebenus. arbor euius lignum nigrum est [die lezte zeile abgeschnitten.] 1) 1. pinus. 310 HOETZSCHANSKY n VW. a. [zwei Zeilen fehlen.] neque ex se carbonem ambuste efficiimt. Cornus arlkhöm. Vimen quod lüm multam habeat viroris. widen. Mirica quam latiui trama- riciam uocant. ex amaritudine dicta. mazaltra. Illicus est arbor modi- cis foliis. glandibus paruis. Coriliis. hasel. Turbiscus quod de cespite eins miüta uirgulta surgaiit quasi turba. Herbitum. hersih. Pausia quam corrupte rustici pusiam uocant. uirili ^ oleo et suaui apta. et dicti pausia quod paueatur id est timdatur. unde et pauimentum. Siria. quia de siria est all ata. hec nigra est. Crustumia idem et volemis. Lichnis eo quod Optimum dent lumeu. nam lichnis est lumen. Phillera est arbor nigro cortice. Tribulus. heifaldra. Sen- tix dicta a situ quod est terra inculta. in qua sentices. spine uel dumi. id est dorna nascuntur. Ramnus quam uocant uulgo senticem ursi- nam. Jiagan. Vepres hremun. Arundo quod cito arescat. uel canna a cauitate rora. Tirsus dutUcolho. Cicuta. scerlinc est quod est in cannarum nodos. Stuppa uocata quod ex ea stipentur tecta hiuc et stupula per diniinutivum. Omnia poma neutri generis esse dicunt latini. arbores autem latine femini generis, exceptis paucis. ut hie Oleaster, hec siler.^ Item buxum licet et hec buxus dicatur. De arboribus aromaticis [ J XVII, 8. Till, 4. MV IV, 4. D 39, B II, 13]. A romata quod aris inposita. diuinis inuocationibus apta uideantur, Tus est arbor inmensa atque ramosa. wirochhöm. Tus autem sine aspiracione. a tundendo. Cuius gutta eciam dicitur wlrocli. Mirra grece smirna est arbor arabie. quinque cubitorum. similis spine quam achantum dicunt. cuius gutta amara. unde et nomen accepit mirra. Cuius gutta stacten dicitur. Storax est arbor arabie similis malo cido- nie. Storax autem dicta quod sit gutta arboris profluens et congelata. Greci stiriam guttam dicunt. Piper est arbor piperis in india. phef- firlöm. cuius siluas serpentes custodiunt sed incole regionis illius cum mature fuerint incendunt et serpentes igne fugantur. et ex flamma piper nigrum eflicitur. nam natura piperis alba est. Piper si leue est uetu- stum est. si graue nouellum. Aloe in india atque arabia gignitur. arbor odoris suauissimi et summi. Lignum eius altaribus uice timia- matis inponitur^ unde et nomen traxit. Cinnamomum est arbor indie duorum cubitorum altitudinis rotundo cortice. Amomura arbor in siria et armenia. flore albo vt viole. odore eciam bono. somuo sua- uis. Cassia est arbor in ara 1) 1. uiridi. 2) 1. hoc siler. 3) J. hat adoletur statt imponitur, daher die etymologie. AUS HEINRICI SUMMARIUM 311 11 VW. b. [eine zeile fehlt.] piperis. wicJibom. hec et tistula dicitur iu caiiticis canticorum. Cala- inus aromaticus gigiiitur in india. multis modis ^ geniculatus. fuluiis fraglaus spiritus suauitate qiii cum fraugitur iu multas fit partes scis- sibilis sinuilans gustu cassiam. Ealsami arbor iu india stirpis siuiilis vitis. foliis similis rute. si^ albidioribus semperque madeutibus vel inanautibus.^ Arbor antem balsamum lignum eins dicitur xilo balsamum. fructus sine semiue.^ carpobalsaumm sucus opobalsamum. quod ideo cum adiectione siguificatur quod percussus cortex ligni per cauernas eximii odoris guttam distillat, Balsama autem si pura fuerint tautam uini habent. ut si sol incanduerit sustineri non possit in manu. Vngula arbor aromatica que in exodo onicha dicitur. Bdellium. ai'omatica arbor est colore uigro magnitudine olee. et folio roboris. odore capri- fici. cuius lacrima. uel guuimi lucida est et subalba est. ueluti man. hoc pliuius. priscianus autem dicit bdellium genus esse lapidis. De lignis. [T 111, 5. MV IV, 5. D 41. B II, 14.] ■palmiceum lignum. palbbmin hoU. Citreura. uel utiuum. uel cedri- num lignum. cedirhömin hoU. Cipressinum, ciperhbmin. Abieg- num. dennin. Quernum. uel liceum. eichin. Colurnum. hesilin. Faginum. böcJiin. Oleaginum. olebbmin. Alninum. erlin. De fructibus arborum. [J XVII, 7. T III, 6. MV IV, 6. D 41'\ BII, 15.] "lyralum. apfel. Malum matianum. mdlceha. Malum punicum. uel malum granatum rotepfele. Cutum dicitur granum mali puuici. kerno. Malomellum svzepfele. Persicum. pferchich. Volema. wini- gista. Cidonia quitena. Cerasium kirsich. Nux nus. Nuclei nus- kernin. Nucifraga. nusprecha. Suber uel auella Uft. Castanea kestina. Abellane. nespelin. Amigdale mandilun. Escule speruuin. Pinee. pinepfele. Grlans. (glan)dis. eichila. Dactili sunt fructus palme. Carice. figen. a copia. Grossus fructus. ficus iumaturus. Pakte, fructus fiel inter palas siccati. Lapates fructus fici inter duas tabulas siccati uel pressi. Piper, peffer. Arciotida. wecholtehere. Prunelle. slehen item prugna. Fraragum. erthere. Mora. nmlbere. uel dubbere. .ix.^ bech. Resina. Jiar^. Cedria. cedri resina. uel sucus. Mastix, uel granomastix dicitur gutta lentisci. Gummi, kazzingolt. uel fliet. Gluten. lim. uel kitti. Bitumen, ertlim. Eleite ^ dicuntur folia pal- marum. Agnosperma. salbunbleter. 1) 1. nodis. 2) 1. sed. 3) J. manentibus. 4) 1. fructus sive seinen. 5) 1. pix. 6) ilccTTi]. 312 HORTZSCHANSKY De herbiB et earum nominibus. [J XVII, 9. T III, 7. MV IV, 7. D42^ BH, 16] andragora. i. alruna. quod habeat mala suaue ölen II rw. a. [eine zeile fehlt.] donia. hettonia. Plautago. uel lata, uel eptapleuros. vvegerichich. Plantago miuor vel araoglossa. minner wegericJi. Septinerdia. uel cen- tiuodia. wegebreita. Sangiünaria. uel proserpinaca. uel poligonus. umhitreta. Crocus est species floris. hröco. Verbenaca. uel lustago. uel ieiobotana. uel alcea. uel liciuia. uel peristrion .i. verhina. Insana uel faba lupiua. uel bellinuncium. uel dielina. uel simpboniaca. uel caniculata. uel lusquianum. hisela. Tormentumla. uel turuella. frig- WTB. Lupinum fighona. Lupinum montauum uel tbermosorinos ^ .i. pfnmina. berba scelerata uel apiastellum uel selinonagrion uel apium rusticum uel apiorisu ^ hrennucrut. uel lianifus Siquis hoininum hanc herbam ieiunus gustauerit ridendo exanimatur. Artemisia monoclos. uel ualentina. uel ostauos. hiboz. Artemesia tagantes. uel tanium. Artemesia berba diaue consecrata. unde et dicitur. nam grece diaua artemis dicitur. bec potu sumpto aufert dolorem cordis. profluuiumque sanguinis. Dracontea. uel emnion. uel cocodrilion. uel affrissa. dracli- wrz. quod asta eius similitudinem draconis imitetur. Vatirion.^ uel ura. uel leporina. uel testiculi leporis. uel priaspicus. uel mene .i. stinka. Geutiaua. uel comicianis. hemera. bec ab inuentore dicitur dictamnum album. vvizwrz. Dictamnum nigrum. gühwrz. bec berba taute uirtu- tis est ut ferrum a corpore expellat. sagittas excuciat. Elleborum album. nisivrz. Elleborum nigrum sutervvrz. quam romani ueratrura dicunt. Lappa uel pbilantropos. Metta. Lapacium argemon. latecha. Lapacium acutum uel oxilapacium. uel ebulum. atecJi. Centauria maior uel flectronia. ertgalla. Centauria miuor. uel febresugia* uel multi- radix. uel elleborites .i. matrana. Ibiscum. uel altea. uel malua silua- tica .i. ihisca. Buglossa. uel lingua bubula. uel bouis lingua. uel corrago. rindiszunga. Cinoglossa. vel canis lingua vel caballion, Jmn- dissunga, Solopendria ^ liirzesmmga. uel hirceswrz. Keumatica hra- nechesnabel. Marrubium. cuius uis equaliter mixtiis tissicis et tussio- nibus proflcit. et uocis raucedinem toUit. bec et prasium. Eliotropium. uel solsequia. uel anticusa. uel incubum, siluaticum. uel uertamuum. uel butaganon. ringela. Limpbea. uel mater berclania. uel aigitus. uel clauus. ueneris. grensinc. Celidonia dicitur quod 1) 1. thermoforinos. 2) 1. apiorisus. 3) 1. satirion. 4) febrefugia. b) I. Scolopendria, AUS HEINRICI SDMMABIÜM 313 II rw. b. [zwei Zeilen t'ehleu.] tres eorum illis ex hac herba medeii dicant. Celidoiiia maior. vel biruudiniua scellcivrz. iiel grintvvrz. Celidonia minor, uel pirronag- noii. Senecioii. uel eiigeron. uel dia. idem rietacliel. uel bennurz. Edera quod arboribus reptaudo beieat. ebech. Edera nigra, uel bolus- seron. uel arborria. ehhoivi. Filix. farn. Polipodium steinvarn. Beonia. uel rosa, fatuina. uel consogingo.^ uel pentaborina. uel dacti- losa. beonia. Saturegia uel serpillum. quenvla. (irassinola. uel eci- gios. uel quenela. Absintium uel alosantus. ivermuta. Acero. uel acer. gunderebo. Cerifolium. uel sacropia. uel pedero. kcruila. Sar- niiuia. iviUdllkeruila. Origanum. uel cunilagalica. uel colena propter quod infusa coloret uinum dosto. Semperuiua. uel arzou. uel semper- folium. uel florium. uel ambrosia. uel bustalmos. huswurz. Basilisca, uel perforata. madelger. Coliandrum. uel psillios. uel berba pulicaris. kolinder uel hrollo. Lactaridia. uel citocacia sprincwurz. Strignum. uel striguos. uel herba salutaris. uel vva lupina. ramesdra. hec dolo- rem capitis, et storaachi incendium purgat. Millefolium gareiva. Libisticum. uel nubisticium. lubisteJcil. Spilatrum.^ scleifa. Hebeta. ^ simka. Milleborbia drusivurz: Item maura. Blandonia. uel lana- ria. uel strucius. imllina. Calcatrippa. zeisela. Liuendula. lavendla. Abrotanum. stabeiviirz. Melones pebenun. ypiricum. uel droscolana. liartlioue. Cinisprione .i. liona. Eusole. brachwurz. Gelifia. nasi- ivurz. Emicedo. brachlöch. Cardopana. eberwurz. Vulgago. uel asara. haselwurz. Carciola. uuitesa. Mirmeudactilia.* heühobito. Gliconus puleium. Didimo. hasinora. Colofonia. harizbch. Amor- reis, blutfluzda. Tubura. ertnöz. Azitura. ampora. Trifolium, uel trilillum. uel galta. hU. Apiacum. uel timum. binesvga. Epitimum est flos timi. Gladiolum. uel macherofillum. uel ireus. uel acorus. svertela. Carix riet. Carectum. riethe. Alga ab algore aque. uel saliunca. rietgras. Vlua est alga mollis. Tipus qui se ab aquis inflat. Spartus ab asperitate. frutex uirgosus. sine foliis. Papirus. biniz. hinc papirium .i. binizalw. quod igni et cereis est aptum. uel iuuicus quod iuuctis radicibus hereat. Idem scirpus. Gramen gras. quod germinetur. Fenum howe. quod eo flamma nutriatur. Mani- pulum dicimus 1) coüsogiugo? 2) 1. Psilatrum. 3) 1. Nepeta. 4) 1. Hennendactilia. 314 HORTZSCHANSKY IIl VW. a. [zwei Zeilen fehlen.] serunt. Digitus, minima pars agrestium mensvrarum. inde imtia. habens digitos tres. Palmus digitos IUI habet. Pes. XVI. Pas- sus pedes V. Pertica passus duos .i. pedes X. De cultura. [J XVII, 2. T IV, 22. MV 22. BVI, 2.] pultura. vbunge. Cinis est incendium. hesengunga. Aracio. erunga. quia de ere prius terram exercebant. Intermissio est qua alternis aunis uacuus ager vires recipit. Stercoracio mistunge. Stercus dic- tum quia sternitur in agris. uel quod oporteat extergi. Idem fimus. quod fiat imus. uel letamen. quod leta faciat germina. Occacio quasi obcecacio .i. egunge. vel brachvnge. Occare est operire terra semina. Ruucacio est a terra herbas uellere. nam rus terra est. Sulcus. furch. a sole quod procissus solem capiat. Veractum quod uerno est ara- tum. Procissio est aracio prima cum adhuc durus est ager. hrachunge. Sacio. sevnge. quasi saciorum actio. Serere uocatum quia hoc serens celo faciendum est. Seges. sat. a semine. uel a sectione. Sementis et sementum. frvgum et arborum. Sementem. semen et seminum. animalium est. Seminarium cuius rei se inicium. , De itineribus. [J XV, 16. T IV, 23. MV V, 33. BV, 13.] "lyriliarium mille passibus terminatur. dictum quasi mille adium. habens pedes V milia. Lewa finitur passibus mille quingeutis. Stadium octaua pars miliarii, constans passibus. C. XXV. hoc primum herculem statuisse dicunt. eumque eo spacio determinasse quod ipse uno spiritu confecisset ac proinde Stadium appellatum. quoniam in fine respirasset simulque stetisset. Via wech. a uehiculorum incursu. Privata hurcvvech. Publica via. herstrase. uel regia via. Strata uel dilapidata dicitur uia lapidibus strata. Iter locus transitu facilis. Itiner. est longe uie et labor am- bulandi. Semita itineris dimidium est a semi itu dicta. Semita est hominum. Callis ferarum. et pecudum. a callo pedum. phat. Trami- tes sunt intransversa itinera in agris dicti quod transmutantur. Diuor- cia dicuntur. Vie in diuersa tendentes. eadem diuerticula. Competum. wegeseide^ quia plures in ea competunt vie. Biuium ubi duplex est via. quia due nie conueniunt. Triuie vero tres. Quatriuie ubi qua- tuor. Ambitus ab ambulando. umbewech. Actus quo pecus agi solet. Cliuosum. iter flexuosum. Orbita ab orbe rote vvageleise. Vesti- gium. w0spor. dictum quod uie precurrencium hoc inuestigetur. Pas- sus scritmali. 1) 1. wcgesceide. AUS HEINRICI 8UMMARIUM . 315 De glebis. [J XVI, 1. T IV, 24. MV V, 24.] puluis quod vi uenti pulsetur. skippe. Limiis leimo. quod leuis sit. Cenvra in VW. b. [zwei Zeilen fehlen] Fauilla quod per igiiem sit effecta. Gleba scollo. quod sit globus. Sabina a labe quod ambulantibus lapsuni infcrat. scleifa. Volutabrum. pfiä. uel suol. quod ibi apri uolutentur. Vligo sordes limi. uel aque. atel. Sabulum sanf. Argilla. quod terra samia. daherda uel lebdo. Sulphur dictum, quia igne inceuditur. Vr^ euim iguis est. Item de glebis. [J XVI, 2.] "Ditumeii est gluteu. tenacissimum. quo quicquid coutactum fuerit uumquain coiiterimescit (!) nee uUa vi imbrium. aut tlatu uentorum dissoluitur nisi menstruo sauguine. Alumen uocatum a lumine quod lumen coloribus prostat, tinguendis. Sal quod saliat in igne. Fugit enim ignem dum sit igneus. sed naturam sequitur quia ignis et aqua semper inter se inimicantur. Alii sal a salo et sole quia aquis maris sponte fit. sole decoctis. Sunt et montes natiui salis in quibus ferro ceditur. A sale. salus uomeu accepisse putant. Nitrum a nitria oppido egipti ubi babundat nomen accepit. et non multum a specie amoniaci salis distat. Afronitum ^ grece. latine spuma nitri est. Finis 1. VI. Incipit 1. VII. De bis que inueniuutur sub terra uel in" terra. De wlgaribus lapidibus. [J XVI , 3. T V, 1. MV VI, 1.] T apis dictus quod ledat pedem. Silex flins. quod exiliat ignis ab eo dictus. Scopulus saxum eminens a speculaudo dictus. Cre- pido extremitas saxi abrupti. Spelea rupis cauata. Cautes aspera saxa in mari. dicte a cauando. quasi cautici. Murices petre similes muricis uiuis. Icon saxum qui bumane uocis sonum captans eciam verba imitatur loquencium. Calculus. hisilinc. quod sine molestia sui breuitate calcetur. cos. wezestein. quod ferrum ad incidendum acuat. cutis grece incisio dicitur. Ex bis alle aquarie sitim.^ alle oleo indi- gent in acuendo. sed oleum lenem. aque aciem acerrimam reddunt. Pumex pumiz. quod spume densitate concretus sit. Eudi lapides con- tusi. et calce mixti. quos in pauimentis faciendis super fundunt unde et rudera dicuntur. Gipsum. gi'ps. Calcis viua dicta quia dum sit tactu frigida intus occulte continet ignem. que aquis incenditur. extinguitur oleo. Arena, gris. ab ariditate dicta. 1) 1. vur. 2) 1. Afronitrum. 3) 1. sunt. 316 HORTZSCHANSKY De lapid bus insignibus. [JXVI, 4. TV, 2. MV VI, 2. B V, 14.] lyTagnes. agestem. qiii ferrum ad se trahit. Gagates niger. planus, lenis et ardens igni admotus incensus serpentes fiigat. demoniacos prodit. uirgiiiitatem deprehendit. accenditur aqua oleo restingiütur. Abeston. lapis ferrei co III rw. a. [zwei Zeilen fehlen.] cum luna crescit et deficit. Dionisius lapis fuscus et ebrietati resistit Tracius niger et sorus.^ Frigius pallidus uritur antea uiuo peifusus. Sirius integer fluctuat. comminutus mergitur. Arabicus similis est eburi. defricatus ad cutem sucum dimittit. crocco similem. Sauiius candidus poliendo auro utilis. Memfitis est gemmantis natura. Sar- cofagus est lapis corpora defunctorum condita in eo intra XL absumit. Amatitis cute resolutus in colorem uenit sanguinis. Andromantus niger duricia et poudere insignis. in se argentuni uel es trahit. Ysci- stor croco similis cum leui fulgore. Amiantus appellatus eo quod si ex ipso uestis fuerit contexta igni inposita non ardebit. ßatracites similis est teste liminis. sed scissibilis. Galactitus colore cinereus. Obsius est niger translucidus. Mitridas sole repercussus. coloribus raicat uariis. Etites lapides iuueniuntur in nidis aquilarum. Aiunt binos inueniri marem et feminam nee sine bis parere aquilas. Alligati partus celeritatem et iam aliquid uulue excidunt nisi cito parturientibus auferantur. Hismiris lapis asper et indomitus et omnia atterens ex quo gemme teruntur. Fingites. candidus et translucens ex quo tem- plum coustructum est a quodam rege foribus aureis quibus clausis cla- ritas erat intus diuturna. erat. Item nomina lapidum. Tpmites Ostracites. Melanites, dictus quod melleum sucum dulcemque mittat. Crissites. Amnites. Coranus. Molitius. Tuscolanus. Sauinus. Sifinius. Specularis. De marmoribus. [JXVI, 5. T V, 3. MV VI , 3. ß IV, 14.] "lyrarmor grecum est a uiriditate. marmUstein. Ophites. serpentum maculis. Simile unde et vocabulum sumpsit. Purpurites marmor rubens candidis interuenientibus punctis. Basanitis ferrei coloris. siue duricie. Alabastrites candidus interunctus uariis coloribus ex quo ewangelici illius uas unguenti fuit. et ex quo uasa cauata unguenta incorrupta seruant. Parpius ^ marmor eximii candoris. Coralliticus 1) 1. sonorus (J.). 2) 1. Parius. AUS HEINRICI SUMMARIUM 317 est marmor non ultra cubita biua. Alabandicus purpure aspectu simi- lis. Thebanus est intertinctus aureis guttis. Item de marmoribus. T esbius. Corintheus. Caristeus. Numedicum. Sienites. Luculleum. Ebur. a barro .i. elefante dictum. De uiridioribus gemmis. [JXVI, 6 und 7.] pemme dicte quod instar gummi transluceant. Omuium gemmarum uireucium smaragdus principatum habet, berbas uirentes. frondesque exuperans. Nero cesar gladiatorum pugnas in smaragdo spectabat. Prasius pro uiriditate coloris dicitur. Berillus similis uiriditate sma- ragdo. Politus ab indis in sex angulorum for III rw. b. [zwei Zeilen fehlen.] Crisoprassus. colore porri. sucum referens aureis interuenientibus gut- tis. Jaspis grece. latine uiridis gemma dicitur. Topazion ex uireuti genere est. omnique colore resplendens. Gallaica. colore uiridis et pallens et niniis crassa. nicbil iocundius. aurum deccens. Molochitis a colore malue nomen accepit. Eleotropia uiridi colore et nubilo stellis puniceis supersparsa. cum sanguineis uenis. Sagda prassini coloris. Mirritis dicta quod in ea rairre color est conpressus autem usque ad odorem nardi spirat suauitatem. Aromatidis mirre coloris et odoris. Melecros ^ bicolor ex una parte uiridis. ex altera similis melli. Coaspites a flumine persarum dicta est ex uiridi fulgoris aurei. De rubris gemmis. [JXVI, 8.] porallius gignitur in mari. quem magi fluminibus resistere affirmant. si creditur. Sardivs. Onix. Sardonix. Ematides. Sucinus. Ligurius. dictus quod fiat ex urina lincis bestie. tempore indurata attra- hens spiritu. folia appropinquancia. sicut et succinum. De purpureis. [JXVI, 9.] Tnter purpureas gemmas principatum ametistus indiciis^ tenet qui per- mixto uiolacio colore quasi rose nitor leniter quasdam flamulas fun- dit. Saphirus celuleus •'' est cum purpura. babens pulueres aureos spar- sos. lacinctus. ex nominis sui flore uocatus ceruleum habens colorem. lacinctizonta iacinctum prope refert. Celedonia ex hirundinum colore. uocata. Eoditis. rosea est et ex eo nomen accepit. Elanea gemma ceruleo coruscans nitore. Ametistizontas dicitur quia araetisto fere similis est. 1) MeleCs hdscbr. 2) 1. iiulicus. 3) 1. ceruleus. 318 HORTZSCIIANSKY De candidis. [J XVI, 10.] argarita uocatur quod in conciüis marinis hoc genus lapidum iniie- M nitur. Inest enim in carne coclee calculus natus sicut in cerebro piscis lapillus. Ex quibus margaritis qiüdam uniones dicuntur eo quod tantura uniis. nusquam duo uel plures inueniantur simul. Pedorus secunda post margaritum candidarum gemmarum. Asteritis incliisam lucem continet uolud stillam intus ambulantem unde et dicitur. Galac- tites tritus sucum reddit album. ad instar lactis. feminis alligata fecun- dat ubera, infancium collo suspensa saliuam facit. in ore liquescit. memoriam adimit. Galatias grandinis candorem prefert. et figuram. Solis gemma quod ad instar solis fulgentes spargat radios. Solenites lucet candido melleoque fulgore. Cimidiaque inuenitur in cerebro pis- cis eiusdem nominis. Candida et ablonga. bis ferunt magi. signa tran- quillitatis et tempestatis. Peloculus' albicans pupillam IV VW. a. gignit^ nigram. Exebenus speciosa qua aurum politur. Agates. Absictos. Egiptilla. Vegentana. Bariptos. Meromelas. Tricrius. Dionisia. Prieritis. De uariis gemmis. [JXVI, 12.] "Pauerus^ ex omnibus pene coloribus constat. lolca. ex fuluo con- stat. coloribus nigro. candido. viridi. Mitridax. sole repercussa. coloribus micat uariis. Teoseritus igni adplicatus sudorem mittit. Oppalus est distinctus diuersarum colore gemmarum. in quo carbunculi tenuior ignis ametisti fulgens purpura et smaragdi nitet uiriditas. Pou- tice nunc sanguineis nunc auratis micant guttis. Exocantalitus tam diuersis est sparsus ut sexaginta gemmarum colores in paruo eins orbi- culo depreliendas. Murrena est Candida purpurea et ignea. De cristallis. [J XVI, 13.] pristallus traditur quod nix sit glacie durata per annos. Hie oppo- Situs radiis solis adeo rapit flammam ut aridis fungis uel foliis igiiem prebeat. Adamans numquam ultra magnitudinem uuclei auellane repe- ritur. nuUi cedit materiei nee ferro nee igni sed tantum liircino calido calido (!) et recenti rumpitur sanguine. Dissidet cum maguete ut iuxta positus ferruni nou paciatur abstrahi magnete et maleficis resistit arti- bus. Galacia figuram adamantine duricie habet. Ceraunius dictus quoniam alibi non inuenitur quam in loco fulmine icto proximo. Car- bunclus dictus quod sit ignitus ut carbo. Omnium ardencium gemma- 1) 1. Beli oculus. 2) 1. dngit. 3) 1. Panclirus. AUS HEINRICI SUMMARIUM 319 rura habet principatum. Gignitur in libia apud trogoditas. ^ cuius lux nee nocte uincitur quia lucet in tenebris adeo ut flammas ad oculos uibret. Lignis ^ ex eodera genere ardencium est dictus a lucernarum flagrancia. Crisoprasius ^ lapideni lux celat prodit obscuritas. Nocte igneus est die aureus. Item de uominibus lapidibus. (!) Tris. Astrion. Electria. Enidros. Antracitis. Sandasirus. Carcedonia. Alabandina. Dracoutides. ex cerebro draconis eruitur. dum somno sopitis capita desecant. et gemmas extrahunt. Flugites ostentat intra se flammas estuantes que non exeant. Sistites croceas Stellas conti- net. sub nubilo renitentes. Ermiscion ex igneo colore radiat auro. De aureis lapidibus. [JXVI, 15.] prisopis aui'um tantum uidetur esse. Crisolitus auro similis. cum marini coloris similitudine. Criselectrus similis auro sed in colo- rem electri uergens. matutino tantum aspectu iocundus. Crisolamsis * est aurea die et nocte ignea. Glossa petra similis igue ^ humane, unde et nomen traxit. que deficiente luna celo cadere fertur. Sinoci- tide umbras inferorum euocatas teuere tradunt. Celonites est purpu- reus. Per hunc magi lingue impositum futura prenunciare fiuguuntur. Pronia*' a capite testudinum et tonitribus cadi putatur. et restinguere fulminis ictus. Hienia lapis in oculis hiene bestie inuenitur. Pou- tica est gemma per quam demones interrogatur et fugantur ut feruut. De Vitro. [J XVI, 16. T V, 6. MV II, 6, B II, 7.J TTitrum. glas, quod uisus perspicuitate traus IV VW. b. luceat. Item uialum.' De metallis. [JXVI, 17. TV, 7. MV VI, 7. B II, 7.] "lyretallum. gesmide. quod natura eins ea sit ut ubi una uena appa- ruerit ubi^ spes sit alterius requirendi. Aurum. goU. ab aura dictum, id est splendore quod repercusso aere plus fulgeat. Hinc aura- rii quorum fulgor splendides reddidit. Obrizum. imiera quod obradiet splendore. Bratea.^ uel lamina. Uech. Pecunia. prius de pecudibus et proprietatem habebat et nomen. omne Patrimonium autiquitus pecu- lium dicebatur a pecudibus. Hinc et pecuarius qui diues erat, qui modo pecuniosus. Antiqui ere uondum argento inuento utebantur, unde era- rium dictum. Thesaurus grece. a reposicione dicitur. drese. Nam 1) 1. trogloditas. 2) 1. Lyclinites (J.). 3) 1. Crisoprasium. 4) l. Cri- solarapi.s. 5) 1. lingue. 6) 1. Brontia. 7) 1. vaXov. 8) 1. ibi. 9) cor- rigiert aus blatea. 320 HORTZSCHANSKY thes. grece repositum dicunt latini. aurum quod iunctum sonat reposi- tum ^ aurum. Auraria ab auro. Tributa eins, quod antea per tribus singulas exigebatur. sicut nunc per singula territoria. Vectigalia a uehendo. Stipendium Ion. ab stipe pendenda. Nomisma. phenninc. quia nominibus principum effigiisque signabatur. Nummi. a numa roma- norum rege romauorum (!) dicuntur quod eos imaginibus primum apud latinos notauit et titulo nominis sui prescripsit. Solidus. sJcüUnc. a saculo quo conduntur. Argeutum a greco. quod argirum ipsi uocant. Argentum uiuum. queksilher. Es. a splendore aeris sicut aurum et argentum. Cuprum. cupJier. a cipro insula ubi repertum est. Auri- calcum. messinc. dictum quod et splendorem auri et duriciam eris pos- sideat. Corintheum conmixtio omnium metallorum quod crassus ^ pri- mum miscuit corintho cum incenderentur ab hannibal. qui omnes sta- tuas eneas et argenteas in unum congessit et incendit. Coronarium ex ductili ere tenuatur in laminas taurorumque feile tinctum. speciem auri in coronis probet, unde et dicitur. Birropvm igneus color uoca- uit. Eegulare es uocatur quod ab aliis ductile appellatur quäle omne est ciprum. Ductile quod malleo producitur sicut fusile quod tantum funditur. Hoc et caldarium quod tantum funditur. nam malleis fragile est, Cathmia gignitur in metallorum eris et argenti fornacibus insi- dente nitore. De ferro. [J XVI, 21. T V, 7. MV VI, 7. B II, 7.] THerrum. hisin. quod farra .i. semina frugum condat. Idem et calibs. stahil. a calibe flumine ubi ferrum optima acie temperatur. Pur- gamenta ferri rubigo scoriaque. sindir. Rubigo. rost quod rodat fer- rum quasi rodigo. Scoria purgamenta et sordes sunt, dicti quia ferro excutitur. Plumbum. hli. dictum quod ex eo primum pilis factis. maris altitudo tentata est. Stagnum. ein. dictum quod separat et secernit metalla adulterata per ignem. Electrum. gesmehi. quod ad radium solis clarius et argento reluceat. Sol euim IV rw. a. a poetis electrum dicitur. De ponderibus. [J XVI, 25. T V, 8. MV VI, 8. D 74. 6 11,7.] "poudus. quod in statera libratum pendeat. Hinc et pensum. Abusiue pondus libra una est unde dipondius dictus quasi duo pondera., Trutina gemina est pouderum. lanx equali examine pendens propter talenta et centenaria appendenda sunt, sicut. Momentana pro modica pecunia. hec et moneta dicitur. quia monet ne qua fraus in metallo 1) Im ms. stehen noch dazwischen die gestrichnen Wörter a reposicione dici- tur. 2) 1. casus. AUS HEINßlCI SUMMAEIUM 321 uel in poudere fiat. . pondo mensura et indeclinabile est. Nomen habet. Statera quod duobus lauceis et uno in medio stilo librata equa- liter stet. Campana dicitnr a regione italie ubi primum usns est reper- tus eins. Examen filum medium quo statera regitur et lances equantur unde et in laneeis amentum dicitur. Calcus minima pars ponderis. quarta pars oboli. Siliqua vicesima quarta est pars solidi. Ceratim^ oboli pars media est quam latinitas semiobolum uocat. Obolus sili- quis tribus appenditur. Scripulus sex siliquarum pondere constat. Dragma octaua pars uncie. Didragma due dragme sunt. Denarius quia olim pro decem uummis inputabatur. Solidum dictum quia illi nichil uidetur deesse. Solidum veteres integrum dicebant et totum. Solidus apud latinos alio nomine sextula dicitur quod bis sex unciis conplebatur olim. Hunc ut diximus vulgus solidum aureum uocat. Cuius terciam partem ideo tremissem dicunt. eo quod solidum faciat ter missus. Stater est medietas uncie appeudens aureos tres. unde et uoca- tur stater. quod tribus solidis stet. Hec et semiuncia. hec et semissis dicitur. Quadrans quod uncie partem quartam appendat. Sicel. qui latine siclus corrupte dicitur. hebreum nomen est habens apud eos uncie pondus. Apud latinos autem quarta pars uncie est. Vnde cum in libris diuinis legitur siclus uncia est. cum vero in gentilium quarta pars uncie est, Uncia dicta quod uniuersitatem minorum ponderum sua unitate uinciat et conplectat. Libra XII unciis perficitur et dicta quod sit libera et predicta pondera intra se concludat. Mna in ponderibus centum dragmis appenditur et est nomen grecum Taleutum phunt. et est summum pondus in grecis. sicut calcus minima pars. Marca. marc. Minutum scerf. Vncia uncm. Ferto uel quadrans virdinc. Quincuux quinque uncie. Septunx. VII. Dodrans. cuiusque rei dimidia pars. Quadrans IUI. pars. De mensuris. [J XVI, 26.] Tje ponderibus uel mensuris bic ponimus non quomodo eadem sint sed ad boc valeaut ut cum in ueteribus litteris inuenerimus. quod uel quäle hoc aut illud sit scire ualeamus. Mensurarum pars minima coclear. quod est dimidia pars dragme. Concula dragma una et dimi- dia inpletur. Sciati pondus X. dragmis qui eciam causatus dicitur, Oxifalus fit. si quinque drag IV rw. b. me adduntur ad X. Acetabulum IUI pars emine XII dragmas appen- deus. Cotula emina est habens ciatos VI. Emina appendit libram vnam. que geminata sextarium facit. Sextarius duarum librarum est 1) 1. ceratium. ZEITSCHR. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. P.D. XII. 21 322 HOETZSCHANSKY, AUS HEINRICI SÜMMAKIUM qui bis assumptus norainatur bilibris. assumptus quater fit greco iiomine. Cenix quinquies conplicatus quiuarem siue gomor facit. Adice sextum. congium reddet. Congius (!) sex metitur sextariis a quo et sextarii nomen dederunt. Congium a congiendo i. crescendo uocatur. Congiariuni men- sura est liquidoruni. Metrum ad omnem meusuram pertinet. Modius dictus quod sit suo modo perfectus. uel a modo. Hinc et modica i. moderata. Satum genus mensure iuxta morera prouincie palestine unum et dimidium medium capiens. Est et aliud satum mensura sex- tariorum viginti duorum capax quasi modius. Batus capit quinqua- giuta sextaria et dicitur hebraice a mola que apud eos bata uocatur. Amphora quod eius anse geminate uideantur aures imitari. Recipit autem uini uel aque pedem quadratum. frumenti vero modios italicos tres. Cadus greca. amphora est continens urnas tres. Vrna mensura est quam quidam qartarium dicunt. Medimna est mensura quinque modiorum. Medimna autem latine dimidia dicitur quod V. modios meciatur qui est dimidius numerus a perfecto denario. Artaba men- sura apud egiptios sextariorum LXX. duorum. Gomor XV. modiorum onus appendit. Chorus XXX. modiorum mensura conpletur. ab hebreo idem chora a similitudine coUis. De instrumentis fabrorum. [J XIX, 6 u. 7. T V, 10. MV VI, 10. D 76. B 11, 8.] ■paber. a faciendo ferrum. smit. Fabrica, smida. Ignis quod nichil gigni potest ex eo. Fabrica duabus rebus constat. uentis et flamma. Flamma proprio foruacis dicta quod flatu follium excitetur. Foruax own. ab igne. caminus grece a caumate. Pruna glöt. a perurendo. Garbo, colo. quod flamma careat. Tncus. aneboz. a cedendo quod ibi aliquid cudamus. cudere est cedere. Veteres non incudem sed intudem. a tundendo. Malleus uel tudis. Immer. Malleus dictus quia dum quid calet et molle est cedit et pro- ducit. Marcus, malleus maior. Martellus. mediocris. Marculus. pusil- lus. Forceps, quasi ferricipes quod ferrum candens capiat zanga. Hec sunt fabrorum. sed si a filo tibi ponitur ut forfices cera que sunt sartorum. si a pilo ut forpices que sunt tonsorum. Forcipula kliif. Lima, fila quod lene faciat. Nam limum leue est. Couflatorium uel sufflatorium. essa. Celium dicitur unde argentarii operantur. tegel. unde et celata uasa dicuntur. Alla sUfsten. De ferramentis. [T XI, 11. MV VI, 11. D 76. B II, 9.] Oecuris. ahJcis. quod ea succidantur arbores quasi succurris. Item secu- ris. quasi semicuris. Ex una parte acuta est. ex altera parte fossaria HALLE, FM MAI 1880. A. HORTZSCHANSKY. 323 ALTDEUTSCHES EPISTEL- UND EVANGELIENBUCH. n. Die liaudsclirift, nach welcher der abdruck des „altdeutschen Epistel- und Evaugelienbuches" ^ auf s. 9 — 72 dieses bandes erfolgte, befindet sich, wie schon oben (s. s. 1) erwähnt, gegenwärtig in der Olmützer k. k. studienl)ibliothek. Sie stamt, nach gütiger mitteilung des herrn custos Joh. Hausmann, aus dem im jähre 1786 aufgehobenen ßernardinerkloster in Brunn (s. Wolny „Die Markgrafschaft Mähren" 11, 1, 40 und dessen „Kirchliche Topographie" Brünner Diöcese I, 140). Zwar tragen alle aus dieser klosterbibliothek herrührenden hand- schriften auf dem ersten blatte die notiz Conventus ad S. Bernardi- num extra ^ Brunam, eine einzeichnung die unserem codex fehlt, doch sezt der umstand, dass bei jenen und diesem ganz ähnliche zettel zur bezeichnung des inhalts und der Signatur in gotischer schrift auf der aussenseite des vorderen deckeis aufgeklebt sind, seine abstammung aus jenem genanten kloster ausser jeden zweifei. Dass aber die handschrift nicht in diesem kloster angefertigt wurde, dafür spricht der einfache hinweis, dass das kloster erst 1451 (durch den bekanten prediger Johann Capistranus) gegründet wurde, schrift und spräche unseres denk- mals jedoch in das 13/14. Jahrhundert weisen. Der dialekt des Evaugelienbuches ist der bayerisch - öster- reichische. Derselbe liegt hier so klar zu tage und ist durch Wein- holds trefliche „Bayerische grammatik" so scharf charakterisiert, dass ich mich der mühe einer diesbezüglichen eingehenderen Untersuchung überheben kann. Ich beschränke mich daher hier nur auf die hervor- hebung einiger wenigen punkte. Bemerkenswert erscheint vorerst die inconsequenz der Schreiber bei ihrer arbeit, da widerholt ein und dasselbe wort an verschiedenen stellen desselben Stückes verschieden geschrieben wird; so heisst es I, 13 ezlinn. I, 19 eslinn. I, 20 esUn; IX, 19 willdu. IX, 22 wildu; XII, 18 clmnig. XII, 19. 21. 32 chunich. XII, 18 chunig (pl.). XII, 28 cJmnig (pl.) Die Schreibung von siu , sie schwankt zwischen sie, si, 1) Icli führe hier eniige druckfehler an, um deren verhesserung ich bitte: VI, 3 1. gotes, nicht — VII, 6 1. alle die — IX, 19 1. loas xcilläu des? — XVII, 10 1. gemeinsanmnd — XX, 9 1. lieb nicht, nitsniht — XXIII, 30 1, chumt — XXVI, 7 1. (statt das) des — XXVI, 11 \. ist in der — LVI, 5 1. zepricht — LIX, 3 ist der punkt statt hinter genade hinter glori zu setzen — LXIV, 12 1. schalJchcef- tigisten — LXXIII, 13 1. vargeceren den. 2) Insofern als sich das kloster in einer Vorstadt Eriinns befand. 21* 324 STEJSKAI. sew, sei. — Irrationales a (BGr. § 8) verzeichne ich in dingat XVIII, 26. huettat XIX, 25. hüettaten LXXII, 11. cechtat XXIV, 14 und LXXIII, 6. hcechat XXVI, 8 und uolgat LXXIII, 12; irrationales i (BGr. 20) in duricli LX, 8. charicher LXV, 26. LXXII, 13 und 2weUf LXXIII, 24. — Das Superlativsuffix -est erscheint häufig als -ist (BGr. 246): mynistlJl, 5. minnistXll, 26. o&ns^ XIV, 26. LX, 20. LX, 21. ausseristXY,32. auss- rist XXXXIV, 38. schaHihceftigist LXIV, 12 und iungist LXXIII, 23. — ge- des part. prät. ist ausgefallen in funden III, 4. XXV, 6. XXVI, 6. XXXII, 4. XXXXVI, 20. LXIX, 21. LXXIV, 3; in wardeti VII, 9. X, 7. XIV, 29. L, 8. LXI, 4; in cliomm XII, 2. chomen XXVII, 26. XXXI, 5. XXXIII, 29. XXXV, 28. XXXXIE, 30. LVII, 25. chomen XII, 8. XIV, 29. XXIV, 41. XXXVI, 14. XXXVII, 11. XXXVIII, 16. XXXXII, 6. clKJemen XIV, 22. XXXX, 34. LXXX, 10. LXXXII, 15. LXXXV, 11; in geben XIII, 7. XIX, 40. XXII, 5. LIII, 10; in cJiaufft XXXXV, 18. cJiauft XXXXV, 20. — Die form sein für sind (BGr. 296) finden wir in III, 23. V, 31. XVII, 22. XVIII, 42. LIV, 10. — Anfügung eines unorganischen ~e an den endungslosen acc. sg. masc. (BGr. 338) in wege I, 22, 23. IV, 16 (vgl. dagegen III, 26). — ew für ewch (BGr. 358) steht II, 7. 15. IV, 2. 3. XVI, 14. XVII, 23. XIX, 3. 4. XXII, 6. XXIII, 28 .... Was den Wortschatz betrift, so führe ich im nachstehenden jene Wörter und wortformen an, die in den mhd. Wörterbüchern entwe- der fehlen oder nur wenig belegt sind, eine Zusammenstellung, die recht augenfällig zeigt, dass trotz der vorzüglichen lexicalischen arbei- ten Schmellers, Beneke - Müller - Zarnckes, Lexers u.a. der mhd. Wort- schatz noch lauge nicht volständig gehoben ist und das sammeln selbst auf beschränktem gebiete nicht ohne erfolg bleibt. alebenst adv. („incipiebat mori" =) der wolt alebenst sterben LXIV, 19. — als vil — als wie adv. „tanto — quanto" als vil pesser den engein warden, wie vil er vnderschaidener var in den namen hat geerbet VII, 8; vgl. Lexer I, 42. — anbitter stm. („idolatree" =) anpitter der apgdßtter LH, 3. — anruofende part. adj. „invocans" (si) stainten Steplianuni got an rüeffundenYUI, 15. — anstant stm. „instantia" andrang mein tcegleicher anstant XIX, 20. — ansten stv. „instare" dem gepet an steund XIV, 11. — anweige stf „tentatio" chain anweig begreiff' ewch nicht LH, 12; er macht mit der anweig ein vürsicht LH, 14. — (architriclinus m. „archi- triclinus" XIV, 30. — ) a sehen stm. „cinis" ivann ob der aschen des chalbs heiligt XXV, 7. — äwitzen swv. „ blasphemare " vnd sümleich Schreiber sprachen wider sich selben: der abitzt LXII, 16. — beenge- stigen swv. „coangustare" dein veint heaengstigent dich allenthalben ALTDEUTSCHE PERIKOPEN II 325 LIII, 22. — heJceren swv. „tentare" er wurde hechart von dem tie- fet XXI, 20. - hereitunge stf. „ prseparatio " stet geschüecht an ewern fiiezzen in di heraittimg des ewanyelij des vrydes LXIV, 10. — beschrihunge stf. „ descriptio " dl hcschreihung ist geschehen von Cyrino V, 12; s. Lexer I, 210. uachtr. 68. — hesuochunge stf. „visitatio" das si giorißciern den herrn an dem tag der hesuechung XXXIII, 7; s. Lexer I, 232. — beivce müsse stf. „argumentum" den er auch erpat sich selb lehund nach seini leiden in vil hewer- nusse XXXVII, 5; s. Lexer 1, 253. nachtr. 80. — hew arten swv. „exspectare" warten auf c. gen. hewartund der sceligen hofnung und der suechimft der glori V, 5. — biet er stm. = gebieter, ,,praecep- tor" do antwurt Symon vnd sprach zu im: p)ietcrj wir haben alle di nacht gearbait XXXXVIII, 23. — bistende part. adj. „assistens" Christus, der peysteund pischolf XXV, 2. — blasende part. adj. „flans" wann er ist als ein sesamm plasund fewr LXVIII, 7. — bcese swf „malitia" bedechung habund der poesen vreyhait XXXIII, 12; vgl. Lexer I, 330. nachtr. 97. — brcech stn. „numisma" saigt mir daz prcekh dez zins LXVI, 20; s. Lexer I, 337. — brant- opfer stn. „hostia" Christus gab sich selb vm vns ein prant opher XXIII, 4. — brinnende part. adj. „ardens" siben prinnund lampen var dem thron XXXXIII, 13. — bruch stm. „fractio" wie si in heten erchant an dem ])ruch des prates XXIX, 54. — (centurius m. „cen- turio" XV, 19. 22. 33. — ) chaemlein = kembelin „camelus" di menig der chcemlein wirt bedehhund dich XII, 13. — cymbal = zim- bel ,,cymbalum" ein chlingunde cymbal XX, 4. — dar über sten „ perseverare " vnd dar über stet er chlophen XXXVI, 18. — dienen stn. („in ministrando ") im dienen XIV, 4. — doenende part. adj. „so- nans" ich pin warden als ein doenund glohspeis XX, 3. — (dragma f. „drachma'' XXXXVI, 23. 26. — dromedarius m. „dromedarius" XII, 13.) — eingeht e stf. „solitudo" (ich pin) gebesen in noeten in der aingcecht XIX, 17; vgL eingehtic adj. Lexer I, 524. — enphestende part. adj. „despousatus" das er uergoech mit Mariam seinr enphessen- ten chann V, 17. — enzic adj. „assiduus" vil frumet entzigs gepet des gerechten XXXVI, 3; „continuus" habt in ew selb entzigew lieb XXXVIII, 3; „frequens" Martha di vlais sich vm den entzigen dienst LXXV, 5; vgl. Schm.2 1, 117. — enzicheit stf. „solicitudo" der do var ist , in der entzichait XIV, 6 ; in der entzichait nicht trceg XIV, 9 ; vgl. Schm.^ I, 117. — enzicliche adv. „ abundantius , frequenter'' in mer arwaiten, entzichleich in charchern, in siegen über di mass, in toeden entzichleich XIX, 10; vgl. Schm. ^ I, 117.— erbcerliche adv. „honeste" also das wir an dem tag erwerleich gen I, 6 ; s, Lexer I, 607. nachtr. 151. — 326 STEJSKAL ergründe stn. „scandalum" we awer dem menschen, von dem ergrunde chümt LXXVI, 12. — erledigunge stf. „ redemptio " er hat gemacht erledigung seins uolkhs LXXI, 31; s. Lexer nachtr, 158. — er steinen swv, tr. „lapidare" du erstainst di 011 dir gesant sindYlll, 28; s. Lexer I, 676. — erstgehorn adj. „ primogeuitus " vnd gepar ir erst geporn sun V, 19; er fuert den erst geparn in der weit rinch VII, 12. — erwiinschunge stf. „adoptio" ir habt genomen den geist der erwünschung der chind LI, 7; s. Lexer I, 703. — ewangelizieren swv. „ evangelizare " das ewangelij , das geewangelisiert ist von mir LXXITI, 2; s. Lexer I, 715. — gebessert pari adj. „justificatiis" er gie in sein haus gepessertter von im LIV, 26. — gebrouchet part. adj. „positus" awer mit ge- prauchten chnien schray er mit grasser stymme VIII, 16. — geburt stf. „natio" geistleich man aus aller gepuerd XXXX, 9. — gedrenc stm. „fiducia" einn scelchen gedreng hab wir su got LV, 2. — gedruchet part. adj. „oppressus" hailund all gedruJcten von dem tiefet XXIX, 7; s. Lexer I, 776. — geeret part. adj. „lionorificatus'' ehrwürdig (si) begegent im als ein mueter geeret IX, 4. — geJcestiget part. adj. „castigatus" in allen dingen erpiet wir vns als di gechestigten XXI, 15. — gekriuset part. adj. „crucifixus" ir suecht lesum den gechrewtzten XXVIII, 15. — gemeiliget part adj. „inquinatus" wann ob der aschen des chalbs di gemailigten heiligt XXV, 8. — gemessen part. adj. „ praefiuitiis " vnder den weisern ist er vnts an di gemessen (gemesenn) von dem (vom) vater X, 4; XI, 14. — genädetuounge stf. „ gratiarum actio " in allem gepet vnd Verlegung mit genad tueung ewr gepet bechant werde pei got IV, 5 ; (is) sol in ew genant werden mer di genad tueung XXIII, 8. — genae- digunge stf. „ propitiatio " (got) hat gesant seinn sun ein gencedigung vm vnser sunt XXXXIV, 6. — genüegeUcher adv. comp, „abundaii- tius" ich was genuegleicher ein nachuolger meinr vceterleichen aufscets LXXIII, 8. — genüegen swv. „abundare" das ir genüegt in ho/fnung II, 16; „sufficiens esse" nicht das tvir genueg von vns selb etwas gedenchen von got LV, 3; s. Lexer I, 865. — genühtliche adv. „abun- danter" das wart won in ew genüchtleich XVII, 9. — geredec adj. („eloqiii" =) geredig sesein XXXX, 8; s. Lexer I, 873. nachtr. 195 — gescheft stn. „ testamentum " das sind die swai geschceft XXIV, 6; di do warn vnder dem crem geschceft XXV, 13; der ehelich ist ein news geschceft in meim pluet XXVII, 12; der vns diener gemacht hat dem newen geschceft LV, 5; der enget des geschcefts LXVIII, 5. — ge- schüechet part. adj. „calceatus" geschüecht an ewern füessen LXIV, 10; s. Lexer II, 821. — geschütet part. adj. „confertus" ein geschütte müsse XXXXVII, 16, — gesprengunge stf. „conspersio" rainigt das alt urhab , das ir seit ein new gesprengmig XXVIU, 2. — ALTDEUTSCHE PERTKOPEN II 327 gesten stv. zahlen, bezalilcu? „jussit eiim dominus ejus venumdari et reddi" do Mes in sein Jierrc uerchauffcn vnd hies in (lis. ein) gesten LXV, 19; vgl. tr. mich gestät mich kostet Lexer 1, 926. Schm.^ II, 713, — getcetet part. adj. „mortificatus" in allen dingen erpiet wir vns selbe als di gechestigten , vnd doch nicht getoitt XXI, 15. — gevallende part. adj. „placens" das ir erpiett eivr leichnam ein lem- tig ophcr goi gefallund XIII, 3. — geiväfen adj. „armatus'' so der starJch gewaffen seinncs hauss huett XXIII, 29; der zweifei Lexers (I, 970) an der existenzberechtigung von gewäfen das bisher nur durch Diem. 193, 10 {daz chint was wol gewäfen mit geriten) belegt war, ist durch unsere stelle nunmehr wol behoben. — gewähste stf. „statura" grosse daz er setz zu seiner geivcechst ainr hant lanch LVIII, 28; s. Lexer I, 972. — gewande swf. „Stadium" ein castell, das ivas von lerusalem in der ferr als sechtzig gwanten XXIX, 19; vgl. Lexer I, 982 und Schm.^ II, 943. — geweitiger stm. ^= gewal- tigeere („potestas") wann is ist zeringen wider di geweitiger LXIV, 5. — geivolche stn. = gewülke „nubes" (sing.) so sehent si denn des menschen sun choemen in den gewolchen II, 24. — gewolchene stn. = gewulkene „nubes" (sing.) ewr vceter all vnder dem gwolchen geivesen sind XVIII, 11; all in Moysi getauft sind in dem gwolJcen XVIII, 12; das gewolchen enphie in var iren äugen XXXVII, 18. — ge zucket part. adj. „raptus" ich wais ein menschen getzukten in den dritten himel XIX, 31. — halleluja stn. hebr. „lobet den Jehovah," eine formel, die bekantlich aus den hebräischen psalmeu schon in der alten christlichen kirche in die liturgie eindrang , aber im abendlande seit papst Gregor I während der fastenzeit weggelassen wird; daher für sountag Septuagesima die Überschrift: Di letzen, so man das alleluja nider leit XVIII, 1. — handelung e stf. „habitus" mit der handlung funden als ein mensch XXVI, 6.— heilende part. adj. „salutaris" mit dem wasser hailunder weis- hait trenJcht si in IX, 5. — herhome swm. ,,advena" ich pitt etv, als her chomen vnd pillgreim XXXIII, 2; di herchomen Roemer XXXX, 17. — hiutlanc adv. „ex hoc jam" heutlanch Qis. hetlanch) wierstu uahen di lewt XXXXVIII, 33. — hindertvertez adv. ^== hinderwert „retro" ein weil) die gie hinderwertez zu im LXVII, 18. — hörden swv. = hor- deu ,, thesaurizare " vralohhen hosrt si auf in IX, 10. — hüendel stn. = huoudlin „pullus" di henne , di do sammet ire huendel vnder ir iietich VIII, 30 ; daz si prcechten zway huendel der tatüjen LXVIII, 20. — hundertvaltic adj. „centuplus" (er) pr acht hunderfaltig vrucht XIX, 53; dernymt is hunderfaltigs wider LXXIII, 27; s. Lexer I, 1384. — ichsicht = ihtes iht niement sult ichsicht mier XVI, 2. — inge- scet part. adj. „insitus" enphacht daz ingescet wart XXXIV, 10. — 328 STEJSKAL innehaben swv. „abstinere" ich pitt ew, ew inn gehoben var vleisch- leichen hegiren XXXIII, 3. — klingende pari adj. „tinnieiis" ich pin war den als ein chlingunde cymbal XX, 4. — klopfende pari. adj. „pulsans" dem chlophunden wirt auf getan XXXVI, 23. — krist- messe stf. christiuette , (erste) "messe des christtages An dem weich- nacht tag zu chriss messe di letzen V, 1; s. Lexer I, 1739. — lanc- mäeticheit stf. „longanimitas" in langmuetichait XXI, 9; s. Lexer I, 1819. nachtr. 290. — lantvoget stm. „prseses" vovi Cyrino, lantvogt in SyriaY, 13; s. Lexer I, 1831. — leidigunge stf. „offensio" nie- men gebt chain laidigung XXI, 5; s. Lexer I, 1865. nachtr. 295. — letze adj. „sinister" zu der zesem vnd zu der letzen XXI, 12; s. Lexer I, 1891. — levite swm. „levita" di luden santen di lern- ten zu lohanni IV, 9; alsam tet auch ein leuit LVI, 33. — Udende part. adj. „patiens" er gebe dem nadturft leidunden LXII, 10. — maneid, moneid stm. = mänot „mensis" mit gedinge redt er durch drew maneid XXXIX, 14; der moneid ist der sext LXIX, 31; s. Lexer I, 2036. nachtr. 309. — manicgestalt adj. „miiltiformis" di gueten aus gewcer der manichgestalten genaden gotes XXXVIII, 6. — menscheit stf. „humanitas" di menschait des hailer gotes VI, 2; s. Lexer I, 2104. nachtr.^313. — merer adv. neue Steigerung zum comp, mer „plus" ich sag ew merer denn ein weissag III, 25. — miet- man stm. „ mercenarius " der mietman Icet di schaf XXXII, 13; der mietman der fleucht XXXII, 15; er ist ein mietman XXXII, 16; s. Lexer I, 2136. nachtr. 316. — mitevröuwen swv. „cougaudere" (mit dat.) si mit vrewt der warhait XX, 13. — mitezzmre stm. „qui simul accumbunt" do sprachen di mitesscer in in selben LXXIV, 32. — nächsetzunge stf. „insidice" legt ew an di waffen gotez, daz ir mügt gesten wider di nachsetzung dez tief eis LXIV, 4. — nactuom stm. = nacketuom „nuditas" in chelten vnd naktum XIX, 19; s. Lexer II, 13. -— nahtwache stf. „vigilise noctis" hüet- tund vnd wachund di nacht wache V, 22; s. Lexer II, 29. — nidunge stf. „semulatio" das wir an dem tag eriverleich gen: nicht in chrieg vnd neidung I, 8. — nitsnicht ^= nihtes niht nitsnicht frunits mir XX, 9.— nüeht adj. „sobrius" west nüecht vnd wacht XXXXVI, 4. — nüehticheit stf. „sobrietas" uersten zu der nüehtichait XIII, 9. — nüehtUche adv. „sobrie" lerund vns, das wir nuechtleich leben in dierr uelt V, 4. — öhsel stn. = öhselin welchs oechssel uellet in den prunneLX, 16; s. Lexer II, 149. — (phariseus m. „pharisaeus" IV, 18, LIV, 9; LX, 11; LXI, 16; LXXIV, 11. 13. 16.) — pillgreim stm. = bilgerim „ peregrinus " ich pitt eiv , als her chömen vnd pillgreim XXXIII, 2. — plekkitz stm. = blicz „fulgur" vnd aus dem thron ALTDEUTSCHE PEEIKOPEN II 329 gingen plekkits vnd stymme vnd donrr XXXXIII, 12. — probst stm. „praepositus" der prohst des folJchs XIX, 25; s. Lexer 11, 299. — psal- lieren swv. „psallere" vnd psaliert got in ewern liertzen LXIII, 7; s. Lexer II, 303. — {puhlicänus m. „publicaims" LIV, 22. 24. — ) rehtigen swv. „justificaie" nicht in dew gerecht igt ich pin III, 7; das wir aus dem gelauhen gerechtigt werden XI, 4; der ist gerechtigt von den sunten IL, 10; s. Lexer II, 380. — rieh ende part. adj. „comple- tans" als deiv vil reichund XXI, 16. — riem stm. „corrigia" di riem seins geschuechs IV, 23; s. Lexer II, 424. — rihtende part. adj. „judicans" er gab sich dem richtunden vnrechtleich XXXII, 6. — rör stm. „arimdo" was ivant ir zesehen einen rar beweget von dem tvinte? III, 21; s. Lexer II, 486. — ruofende part. adj. „clamans" ich pin ein stymm des r'ueffunden in der wueste IV, 16; „invocans" si stainten Stephanum got an riieffunden VIII, 15. — (saduceus m. „saducaeiis" LXI, 10.) — samtän part. adj. „talis" si lobten got, der samtann gewalt geit den menschen LXII, 23. — sehäfhüs stn. „ovile" schaf, di nicht sind aus disem schafhaus XXXII, 20; {is) wiert ain schafhaus vnd ayn hertter XXXII, 21; der nicht in get durch di tuer in das schafJiaus XXXXII, 1 1 ; der awer in get in das schaf haus durch di tuer XXXXII, 13; s. Lexer II, 633. — schellehorn stn. „tuba" vnd di erst stymm ^ di ich hart als eins schelle harns XXXXIII , 4. — schupfe swf. „diversorium'' si het nicht stat vnder der schuphenY, 21; s. Lexer II, 826. — setzen swv. „statuere" anrechnen herr, nicht sez den ir siinte VIII, 17. — sinagöge stf. „Synagoge" ir gayselt sew in eiverr synagog VIII, 23; s. Lexer II, 928. — siteUcheit stf. „modestia" ewr sitleichait sei chund allen lernten IV, 3; s. Lexer II, 943, — sleht- müetic adj. „siucerus" dez pitt ich, daz ir seit slechtmuetig LXV, 10. — stalmeister stm. „stabularius" er gab sew dem stalmaister LVI, 39; s. Lexer II, 1131. — stechcere stm. „Stimulus" übertragen (mir ist) geben ein stechcer meins fleischs, der enget Sathane XIX, 40. — stunde stf. „ vicissitudo " pei dem nicht ist uerwandlung noch der stund vinster- nüsse XXXIV, 4. — swerze stf. ,,caligo" übertr. di vinster bedeJchent di erden vnd di swertz di folJc XII, 4; s. Lexer II, 1368. — timpelsuntag stm. passionssonutag; zu timpel- vgL timber, timel adj. dunkel, düster; timpelsuntag, der düstere sonntag, weil an ihm ehemals in der röm. kirche die messe vom karfreitag gelesen wurde. Di letzen am tympel suntag XXV, 1." — überganc stm. „prsevaricatio" Übertretung ein erlasung der ubergeng XXV, 12 ; s. Lexer II, 1615. — übergeunge stf. „transgressio" vm diubergeung ist sy gesatzt LVI, 9. — überhöch adj. überaus hoch di hant dez herren lie mich auf einn iiber hohen perkh LXIX 3 ; s. Lexer II, 1626. — übertragen stv. „trausferre" das ich di perg Übertrag 330 STEJSKAL XX, 6; s. Lexer II, 1667. — übertriefende pari. adj. „superefflueus" uoUe mass vnd über trieffunde di wirt gegeben in ewern puesem XXXXVII, 17. — üfsaz stm. „traditio" Satzung ich waz ein nach- uolger meinr vceterleichen aufscets LXXIII, 9. — umbeloufunge stf. „ scurrilitas " awer (is) sol in ew nicht genant werden tmrleichew rede oder vmlauffung XXIII, 7. — underscheidener adv. „ diiferentius" als vil pesser den engein warden , wie vil er vnderschaidener var in den namen hat geerbet VII, 9. — unedele stf. „ignobilitas" nach der vnedel rede ich XIX, 5; s. Lexerll, 1816. — unedelheit stf. „ignobi- litas" durch di glori vnd vnedelhait XXI, 12; s. Lexer nachtr. 384. — unerkantnüsse stf. ,,ignorantia" also ist der will gotes, das ir gestummet des menschen unerchantnüsse XXXIII, 11 ; s. Lexerll, 1822. — ungedingcn stn. „diffidentia" durch das chom der sarn gotes in di sün des vngedingens XXIII, 12. — ungedinget part. adj. „insperatus" si werdent sich wundrund der snellchait dez vngedingten hailes LXX, 5. — ungetihtet part. adj. „non fictus" (wir erpiet) vns als di gotes diener in vngetichter lieb XXI, 10; s. Lexer II, 1876. nachtr. 385. — ungüe- ticheit stf. „impietas" lerundvns, das wir uerlaugnund di vngüetichait leben in dierr uelt V, 3. — unrehtUche adv. ,,injuste" er gab sich dem richtunden vnrechtleichXXXIl, 6; s. Lexer II, 1926. — unleunt stm. = unliumunt ,,infamia" durch den vnleunt vnd gueten leimt XXI, 12. s. Lexerll, 1908. nachtr. 386. — unvrum adj. „reprobus" das icht ich vnfrum werde XVIII, 9; s. Lexerll, 1980. nachtr. 307. — ver- lesen stv. „perdere" er verlas dew mansleg LXIII, 21. — v er le- gung e stf. „obsecratio" in allem gepet vnd Verlegung ewr gepet bechant werde pei got IV, 4. — verspart part. adj. „clausus" do chom lesus bei uer sparter tur XXXI, 31. — verspürten swv. = verspirzen „conspuere" er wirt gegeben den dieten vnd tviert gegayselt vnd uerspürtzt XX, 30. — versuocher stm. „tentator" Versucher der uersuecher chom zu im XXI, 21; s. Lexer III, 259. — vertriber stm. „ exterminator " noch murmelt ^ als ir etleich murmelten vnd uer- durben von uertreiber LH, 9. — veterlicheit stf. „paternitas" von dem allew vceterleichait chumt LIX, 5; s. Lexer III, 331. — vli- zecheit stf. „solicitudo" an di äussern dinch mein tcegleicher an-^ stant ist, di fleissichait aller chtrchen XIX, 20. — vlöuunge stf. „lavacrum" nach seinr parmung hat er vns hail gemacht durch sein vlewung VI, 5. — vorgetsre stm. „antecessor" ich chom gen Jerusalem zu meinn vargeceren den poten LXXIII, 13; vgl. Lexer III, 467. — vorgeordent part. adj. „ pr^eordinatus " chund werden den vargeardenten zewgen von got XXIX, 11. — v reell che stf. „jucuuditas" vröleich vnd vraloJchen hcert si auf in IX, 10. — ALTDEUTSCHE PERIKOPEN II 331 vürgtUide part. adj. „prsecelleus" west vndertan dem cliunig als vür- geunden XXXIIl, 8; „ siiperemiuens " ir wisst dl vurgeund lieb der chimst Christi LIX, 10. — vürhten swv. „stupere" staunen di farchten über sein weishait vnd sein antwurt XIII, 24. — vür sieht stf. „pro- ventum" er macht mit der anweig ein vursicht LH, 14. — werhe- ringe adv. „repente" vnd werbering geschach von himel ein don XXXX, 3; zu werbe- vgl. wirbe stv. ich drehe mich, zu -ringe das adv. geringe schnell, behende.^ — tverlt; „in ssecula steculorum" in weit weit XXXXIIl, 26; in tvelt sewelt XXXXVI, 10; von weit ze weit LX, 9. „sseculi seeculorum" von weit ze we^^LIX, 14; s. Lexerlll, 783. — wider- wehe swm. „adversarius" ewr widerwedi get um XXXXVI, 5; s. Lexer III, 869. — wietän part. adj. „qualis" wie tan ist ^er XVI, 17; wietan er was XXXV, 6; wietan der grues wcer LXIX, 20; s. Lexer III, 878. — tvissagtuom stm. „prophetia" ob ich han den weissagtum XX, 4; di weissagtum tverdent geleert XX, 15; aym (wirt geben) der weissagtum LIII, 13. — wolgevallende part. adj. „beneplacens" welher sei der ivill gotes gueter vnd wol geuallunder XIII, 6. — wolgesprochen „hosanna" wol gesprochen sey dem sun Dauides I, 25; vgl. ,,qui est benedictus in ssecula" dem wol ist gesprochen in weit XIX, 23. — wün schlinge stf. „adoptio" das wir di wunschung der sün enphin- gen X, 8; s. Lexerlll, 1000. — würfelinc stm. „abortivus" zum aller iungsten erschain auch er mir als eim wuerfling LIV, 12. — zer- leidunge stf. „corruptio" auch die creatur zerloest wiert von dem dienst der zerleidimg XXXXVII, 7; tvann wer scet im fleisch, der sneit auch von dem fleisch di zerleidung LVIII, 15. — zesumbenten = ze sunnewenden An sand Johannes tag zesumbenten di letzen LXXI, 1. — zol stm. „telonium" Zollhaus lesus sach einn menschen sitzen an dem zol LXXX, 2; s. Lexer III, 1148. — zuckende part. adj. „rapax"*>mw sinds zukund wolff LI, 13. — zuokomende part. adj. „adveniens" ein don als des zuochoemunden geehen geists XXXX, 4; vgl. Lexer III, 1183. Nun ein wort über das Verhältnis unserer deutschen Über- setzung zur Vulgata, wobei die frage, ob wir in unseren pericopen eine Originalübersetzung oder die abschrift irgend einer bereits gang- baren Übersetzung vor uns haben, noch offen bleiben möge. Was in dieser richtung schon bei flüchtiger durchsieht sofort ins äuge fält, ist die grosse Verschiedenheit in der übersetzungsweise der episteln und der evangelien. Während sich nämlich in jenen fast durch- wegs enger, ja oft sklavischer anschluss an das original zeigt, herscht in diesen eine freiere bewegung der diction und nur selten stösst eine construction auf, die dem deutschen sprachgeiste zuwiderliefe. Diese 1) Vgl. urbarigen. Lex. 2, 2000. N. 388. J. Z. 332 STEJSKAL, ALTDEUTSCHE PERIKOPEN II erscLeiiiung liai jedoch nichts befremdendes: der periodeureiche satz- bau, die oft dunkle, weil bildliche ausdrucksweise der episteln war weit schwieriger widerzugeben als die schlicht dahingleitende erzählung der evangelien. Eine gute Übersetzung der episteln fordert nicht allein einen sprachbeherscheuden geist, sie fordertauch einen tüchtigen theo- logeu, der über die klippen, an denen das Verständnis scheitern kann, leicht hinweg komt. Und wenn wir auch wol berechtigt sind anzu- nehmen, dass unsere Übersetzung in einem kloster entstand und von einem manne ausgieng, welcher der heiligen schrift nicht als laie ent- gegentrat, so sehen wir doch zu widerholten malen, dass der sinn einer epistelstelle misverstanden ist und eine fehlerhafte Übersetzung dersel- ben platz griff" oder dass der Übersetzer mit ein und der andern nichts anzufangen wüste und sich dann mit wörtlicher widergabe derselben begnügte. Eine auswahl von stellen mag meine aufgestelten behaup- tungeu unterstützen. Als zu wörtlich widergegeben und die rahd. satzfügung verletzend erscheint die Übersetzung der construction des acc. c. inf. in II, 8: „Dico enini Christum lesum ministruni fuisse circumcisionis propter veritatem Dei" ich sprich zwar, Christum gewesen sein einn diener der besneidung durch di warhait gotes; XXVI, 3: „arbitratus est esse se sequalem Deo" uerwant er sich geleich wesen got; XXIX, 15: „Huic omnes Prophetse testimonium perhibent remissionem peccatorum acci- pere per nomen ejus omnes, qui credunt in eum" dem geben all pro- pheteti zetvgnuss antlas der sunten enphahen durch seinn namen, di do an in gelaubent; XXIX, 39: „Nonne hsec oportuit pati Christum et ita intrare in gloriam suam?" is muest sein, das Christ das lid vnd also chomen in sein glori; LXXII, 19 „existimabat autem se visum videre" er want sich ein gesichte sehen. In vielen fällen ist die abhäugigkeit der einzelnen worte von einander unausgedrückt geblieben, so in VIII, 8 „ dissecabantur cordibus suis" si wurden zcrhakht ierr herzen; XVII, 24 „invenietis requiem animabus vestris" ir vint rue ewern seien; XXXXIV, 48 „audiant illos" di hörn. Namentlich gilt dies von den eigennamen, die aus der Vulgata oft ganz unverändert herübergenommen wurden: X, 16 „ad Mariam" zu Mariam; XII, 13 „Dromedarii Madian et Epha" drome- darij Madian vnd Epha; XII, 17 „in Bethlehem Juda" ze Bethlehem Inda; XII, 24 „in Bethlehem Judse" ze Bethlehem Inda; XII, 26 „in principibus Juda" vnder den furstenluda; XXXIX, 2 „cum Apollo esset Corinthi" do Apollo was Corinthi; XXXIX, 3 „veniret Ephesum" chom Ephesum; LXXII, 28 „Venit autem lesus in partes Cesareee Philippi" lesus chom in daz lant Cesarie PhiUppi. J. SCHMIDT, DIE JVLTESTE ALBA 333 Ohne herbeiziehiiiig des lat. Originals geradezu unverständlich sind VII, 2 : „ Multitariani nuütisque modis olini deus loc^uens patribus in prophetis " vü redund vnd in vil weis etwenn got redund den veetern inn proplietcn; XXXXVI, 9 „(nos) modicum passos ipse perficit, con- tirmabit solidabitque " ivenicli geliten er uoJprings sfaes vnd fedens. Misverständuisse und fehler begegnen u. a. in : I, 5 „ induamur arma lucis" iverd tvir an gelegt di tvaffen des Hechtes; I, 8 „induimini Domi- num" ivert an gelegt den herren; III, 19 „Et beatus est, qui nou fuerit scaudalizatus in me" vnd der ist scelig, der an mir nicht wirf geergert; XXIII, 34 „ambulat per loca inaquosa" so fcrt er vni die ivcesserigen stet; XXXXIV, 50 „neque si quis ex mortuis resurrexerit, credent" stver denn also von den taden erstet, dem gelauhent si; LVIII, 11 „Communicet autem is qui catechizatur verbo ei, qui se catechizat, in omnibus bonis" is sol der gemainsamen daz tvart der do gelernet rvirt dem, der in do lernt, in allen gtiefen. ZNAIM, IM JULI 1880. KART. STEJSKAL. DIE ÄLTESTE ALBA. Die erhaltung mehrerer wertvollen bruchstücke ältester denkmäler deutscher wie romanischer zunge, auch vieler mittellateinischen dich- tungen verdanken wir bekautlich nur dem umstand, dass der leere rand oder eine leere seite in der handschritt den gerade einmal von der arbeit ausruhenden Schreiber oder leser dazu einladete, die dem Inhalt des buches ganz fremden gedanken und gegenstände, die seinen sinn eben erfülten, gleichsam spielend und absichtslos, oft vielleicht, um die eben neu geschnittene rohrfeder zu probieren , niederzuschreiben oder zu -kritzeln. Es ist mit Sicherheit anzunehmen , dass die , welche in neuerer zeit die alten handschriften ausbeuteten , solche corollarien, solche tändeleien häufig als keine beachtung verdienend bei seite Hessen, und man darf überzeugt sein , dass einer durch die oben angedeutete erfahrung gewitzigten achtsamkeit und umsieht in diesen winkeln und ecken der handschriften noch mancher für die entwicklungsgeschichte der modernen litteraturen bedeutsame fund gelingen werde. Von einem solchen habe ich hier zu berichten, zwar klein an umfang, aber ver- hältnismässig reich an wichtigen aufklärungen und belehrungen , deren volle tragweite von den fachleuten besser als von mir ermessen und gewürdigt werden wird. Auf der vaticanischen bibliothek mit collationieren beschäftigt liatte ich auch den cod. Regln. 1462 zu benutzen. Derselbe besteht 334 J. SCHMIDT aus 51 pergamentblättern in quart, deren erstes, das als schutzblatt den übrigen vorgebunden ist, auf beiden selten in je 2 columnen ein in scböuen majuskeln geschriebenes stück der Vulgata enthält. Von f. 2^ — 39^ folgen dann drei Schriften des Fulgentius: mythologia- rum libri tres, expositio sermonum antiquorum, expositio Vergilianae continentiae, und daran schliessen sich von f. 39 ^ — 50^, wider in je zwei columnen abgeteilt, notae iuris an, über deren bedeutung man Mommsen in Keils Gramm, lat. IV, 301 fg. vergleichen mag. Diese beiden hauptstücke unserer handschrift ^ sind von derselben band , die unzwei- felhaft dem 9. Jahrhundert angehört, mit schöner, tiefschwarzer tinte in gleichmässig sorgfältigen, sauberen zügeu geschrieben. Den anfang der einzelnen abschnitte bezeichnen grössere initialen, die aber nur selten etwas kunstvoller behandelt sind. Ueberschriften , initialen, auch sonstige grosse buchstaben im text, ganze werte, besonders die grie- chischen , werden häufig durch übermalung mit einem blassen , schmutzi- gen gelb (selten rot) hervorgehoben. Die griechischen Wörter sind oft durch einen darüber gezogenen querstrich zusammengefasst. Abkür- zungen hat der Schreiber in nur sehr massigem umfang verwendet. Eine zweite, nicht viel spätere band hat den codex durcharbeitet, mit einer verständigen interpunction , zahlreichen, zum teil einer anderen hand- schriftlichen vorläge entnommenen correcturen, hie und da auch mit randbemerkungen versehen. Ich bemerke, dass ich die drei Schriften des Fulgentius genau verglichen habe und die ergebnisse dieser ver- gleichung gelegentlich mitzuteilen gedenke. — Die erste seite des leergelassenen blattes 51 hat ein ebenfals nicht viel späterer benutzer der handschrift zu verschiedenen versuchen benuzt den passus: et coe- gerunt illum dicentes mane nohiscum domine, quia vespera usw. in noten zu setzen. ^ Auf der lezten seite finden sich die für die bestim- mung der herkunft der handschrift in betraeht zu ziehenden werte: Sctus Benedictus.3 Orthographische oder besser orthoepische erschei- nungen im texte lassen übrigens mit bestimtheit das romanische Sprach- gebiet als die heimat des Schreibers erkennen. — Endlich auf der leergeblieben zweiten columne von f 50 ^ hat eine band , die zwar jün- ger ist als die der zwei hauptstücke der handschrift, aber nicht viel über den anfang des 10. Jahrhunderts hinabgerückt werden kann, in kleiner, aber schönster, sauberster schrift und mit beifügung altertüm- 1) Auf ihre erwähnung hat sich L. Bethmann bcschräukt, als er in Pertzs Archiv für d. Geschichtskunde XII, 321 von unserer handschrift künde gab. 2) Er bedient sich dabei der neumenschrift. 3) Bekantlich stamt auch die handschrift des gedichts über Boethius aus einer franz. Benedictinerabtei , St. Fleury. DIE ÄLTESTE ALBA 335 liebster musikalischer noteii die ersten strophen eines zum teil in liiteinisclier , zum teil in romauischer spraclie abgefasten liedes auf- gezeicbnet, das ich hier nach einer genauen abschrift widergebe: Phebi 1 i' claro nondum 1 ortü iubare Fert i xurora 1 lumen i 1 1 1 terris 1 ' , tenue ! Spiculator pigris clamat surgite _ , , , • , ' • ' Lalba par umet mar atra sol ','■'■ ,_ , • ' , 5 Poypas abigil miraclar tenebras ' ■•■'■•-■', En incautos ostium insidie - I Torpentesque gliscunt intercipere ' '■' '' ■ - • ', Quos suadet preco clamat surgere ., , , ' , ■ ' ' Lalba part umet mar atra sol ■,■''',,,'', 10 Poypas abigil miraclar tenebras Ab arcturo disgregatur aquilo ''■'''■-•', Poli suos condunt astra radios ' '. ' ' ' ' ■ - • ' • Orienti tenditur septentrio , ■ ' ' Lalba part umet mar atra sol Poypas abigil Mitten im refrain der dritten strophe hat also der Schreiber abgebro- chen. Was den sinn anlangt, so ist im lateinischen text alles einfach und verständlich. Auf deutsch würde er lauten: „Während Phöbus 336 J. SCHMIDT heller glänz noch nicht aufgegangen, bringt Aurora der erde ein mat- tes licht. Da ruft der Wächter den noch ruhenden zu: Steht auf! — Siehe ! der feinde hinterhalt trachtet die unvorsichtigen und vom schlaf gefesselten abzufangen. Sie ermahnt der herold und ruft ihnen zu auf- zustehen. — Vom Arctur her macht sich der nordwind auf, des him- mels Sterne verbergen ihre strahlen , gen osten hin streckt sich der grosse bär." — Höchstens könte man geltend machen, dass in der zweiten strophe für clamaf wol clamans das richtige, jedenfals das natürlichere sei. Auch in dem romanischen refrain sind einige worte ja leicht ver- ständlich und scheinen selbst dem laien für die schon aus anderen gründen sich empfehlende Vermutung zu sprechen , dass wirs hier spe- ciel mit dem provenzalischen idiom zu tun haben. Indes anderes ist schwierig und nur von kundigen zu enträtseln. Herr professor Suchier, dem ich das kleine denkmal vorlegte, hat mir gütigst gestattet, die von ihm gefundene deutung mitzuteilen. Auch ausserdem verdanke ich ihm einige im folgenden benuzte bemerkungen. Ich schicke seine die Übersetzung begründenden bemerkungen voraus: „part^ = jenseits; Diez Et. W. 2, 397 will es vom subst. pars herleiten, ich lieber von der oskischen und umbrischen praeposition pert = jenseits (zu gr. rrgoTi, skr. prati), die durch römische Solda- ten nach Südfrankreich gelangte. — umet ist humidum und Kaynou- ard in der form umit bekant. — mar als masc. wird von Raynouard belegt. — pas' steht für passa^ — higil halte ich für das franzö- sische tigle (s. Littre, Diez Et. W. 2, 225). Die worte verhalten sich wie prov. util (lat. utilem) und frz. utle, prov. evol (lat. ebu- lum) und frz. hieble usw. Vielleicht gehört hierher das im Delphi- nat übliche higue = hinkend, das Mistral mit ambiguus in Zusam- menhang bringt, higil komt wahrscheinlich nicht von *bioculus, sondern von *obliculus (dem. von obliquus). Das erste l fiel aus wie in foibh (aus floihle lat. flebilis). Wir solten ^higol erwarten, doch vgl. seguel, cat. segol (lat. secale). Das g von higil hat den lateinischen laut, da gu im 9. Jahrhundert gewiss nur die laute GW bezeichnen konte. a higil heisst demnach : in obliquo. — mira scheint imperativ und dar als prädicat zu tenehras zu gehören. Die formen pop (lat. podium) und afra (lat. attrahit) scheinen auf das Limosi- nische gebiet hinzudeuten {tra lat. trahit findet sich auch Bo. 109)." 1) Einmal, v. 4, ist par geschrieben. 2) Gegen die Verbindung Poy pasa hkfil s])riclit die worttrennung der hand- schrift, das einfache s und das fehlen der flexion an higil. DIE ÄLTESTE ALBA 337 Danach ergäbe sich also folgender sinn: „Der morgenschimmer zieht jenseits des feuchten meeres die sonne heran. Den hügel über- schreitet sie schielend. Siehe erhelt das dunkel!" — also eine anschaulich lebendige, poetisch phantastische Schilderung des in drei phasen sich volziehenden Sonnenaufgangs, wie sie erst, von der Alba angekündigt und gleichsam heraufgezogen, sich hinter der meeresflut erhebt, dann weiter nur erst mit einem äuge, so zu sagen, über den hügel herüberguckt und endlich in voller majestät am himmel erscheint, die schatten der dämmerung, die noch das land bedecken, im nu ver- jagend. Fast meint man es hier herauszufühlen, wie die zwar vor geraumer zeit bereits vom Christentum verdrängten, heidnisch mytho- logischen Vorstellungen gleichwol in der seele des dichters und des Volkes, dem er sang, noch nachklangen und fortwirkten. Unser lied ist, wie bemerkt, etwa in den ersten decennien des zehnten Jahrhunderts aufgezeichnet worden. Dass die abfassung eines derartigen litterariscbeu produkts seiner aufzeichnung um einige zeit vorhergeht, ist, dünkt mich, eine a priori sich empfehlende annähme. In unserm besonderen falle lassen auch art und umstände der aufzeichnung ihre gleichzeitigkeit mit der abfassung als unwahrschein- lich erscheinen. Dazu komt, dass, wie wir sehen werden, auch mit metrischen kriterien die annähme eines noch etwas höheren alters für unser gedieht sich wol vertragen würde. Bisher galt nun , abgesehen von wenigen aus älterer zeit erhalteneu, einzelnen Wörtern, das aus dem 11. Jahrhundert uns überlieferte, aber seiner entstehung nach von den gelehrten etwa in die mitte des 10. gesezte gedieht über Boethius für das älteste litterarische denkmal provenzalischer zunge. Dieses Vor- rangs geht es jezt verlustig : in dem refrain unseres bruchstücks erhal- ten wir einen um mindestens ein halbes Jahrhundert älteren Überrest provenzalischer dichtung,^ der, wie klein auch immer, doch nicht blos eben seines alters halber das Interesse des forschers verdient, sondern auch, wie die deutung gezeigt hat, in so wenig werten für grammatik und Wortschatz mancherlei neue und merkwürdige belehrung enthält. Seinem inhalt nach gehört unser lied, wie auch schon äusserlich durch das anfangswort des refrains angezeigt wird,^ zu der unter dem namen alba, auhe, tagelief bekanten, seit dem ende des 12. Jahrhun- derts sowol in Frankreich wie in Deutschland eifrig cultivierten gat- tung. Allen tageliedern liegt, zwar mannigfach ausgemalt und modi- 1) Überhaupt die ronianischeri spraclüaute griissen uns hier zum ersten mal in der litteratur; denn die Strassburger Eide sind ungeachtet ihrer bedeutung für die Sprachgeschichte kein litterarisches denkmal von so hohem alter. 2) Bartsch, Grundriss zur Gesch. d. prov. Litt. s. 36 ZEITSCHR. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XII. 22 338 J. SCHMIDT ficiert, doch im wesentlichen dieselbe Situation zu gründe. Einige hauptzüge derselben hatte man früher nur aus den eigentümlichen Ver- hältnissen des ritterlichen minnedienstes erklären zu können gemeint und in folge dessen die ganze dichtgattung auf diesen Ursprung zurück- geführt. Dagegen hatte unter andern auch Bartsch^ mit rücksicht auf ihre volksmässige einfachheit die Vermutung geäussert, dass die Albas der ritterlichen dichter vielmehr im Volkslied bereits ihr vorbild gehabt, wir demnach die entstehuiig dieser gattung als allem ritter- wesen lange vorhergehend anzusehen hätten. Unser bruchstück liefert für diese Vermutung einen actenmässigen beweis. Es bestätigt, dass jene den tageliedern eigentümliche Situation, deren wesentliche details aus seinen uns allein erhaltenen ersten drei Strophen schon sämtlich zu entnehmen sind, nicht specielle geschichtliche Verhältnisse zur Vor- aussetzung hat, sondern von ganz algemeinem Charakter, von der art ist, wie sie in allen zeiten und an allen orten sich widerholt haben und noch heute widerholen. Ein Jüngling, ein mann hat die nacht in den armen der geliebten verbracht, die ihn am abend heimlich in ihr kämmerlein eingelassen: der ruf des Wächters, der den anbrechenden morgen begrüsst und verkündet, weckt das paar aus süssen träumen und mahnt den liebenden sich rasch davon zu stehlen. Denn draussen lauern ihm feinde auf, etwa die brüder, die verwanten oder der gatte der geliebten, die seinem Verhältnis zu derselben zuwider sind und von dem nächtlichen steldichein künde erhalten haben. Es gilt also rasch noch das halbdunkel der dämmerung zu benutzen, um ihnen zu 1) In seiner abhandlung ,,über die romanischen und deutschen Tagelieder" s. 5 fg. — Der geneigte leser wird mir hier eine kurze bemerkung zu gute halten über die entgegnung, deren dieser gelehrte einen vor vier jähren in Paul und Braunes Beiträgen zur Gesch. der d. Spr. III, 140 fgg. von mir veröffentlichten aufsatz, speciel s. 156 fgg., in seiner Germania XXIV, 1 fgg. gewürdigt hat und von der ich während meiner zweijährigen abwesenheit in der fremde nicht notiz nehmen konte. Bartsch behandelt meine Untersuchung sehr von oben herab: er hatte nach meinem bedünken dazu keinen grund. Schien doch ihm selber , was ich gegen ihn geltend gemacht, erheblich genug, um recht ausführlich dagegen zu polemisieren. Und dass er nun die sache aufs reine gebracht, davon vermag ich mich nicht zu überzeugen. Doch mögen das andere prüfen: mir liegen diese Studien seit vier jähren völlig fem. Übrigens habe ich sonst im algemeinen an dem ton der entgegnung nichts auszusetzen: ich rechnete darauf, dass es aus dem wald herausschallen würde wie ich hineiugerufen. Nur die eine äusserung 8.2: ,, Schmidt hat diese auffallende Übereinstimmung gar nicht bemerkt, oder, wenn bemerkt, absichtlich verschwiegen," hätte B. vermeiden sollen. Er will doch damit meine wissenschaftliche Wahrheitsliebe verdächtigen. Es solte ihm aber nicht unbekant sein, dass durch solche unbewiesenen, moralischen Ver- dächtigungen nicht der verunehrt wiid, gegen den sie erhoben werden. DIE ÄLTESTE ALBA 339 entgehen. — Dass der Wächter den morgen ansagt, war gewiss in ger- manischen wie in romanischen landen von alten zelten herkömlich. Stellen wie die im anibrosianischen hymnus in diluculo 785: praeco diei iam sonat noctis profundae pcrvigü usw. bilden von der zeit unse- res gedichtes eine brücke ins altertum und zu der antiken sitte des Stundenabrufens und tagansagens hinüber. Auch macht ja die beson- dere art unseres tagelieds es wahrscheinlich , dass die pflege dieser gattung im algemeinen in noch ältere zeit hinaufreicht. Denn die hier vorliegende mischuug lateinischer und romanischer spräche sezt doch wol gleichartige frühere lieder ohne solche Sprachmischung voraus. Unser kleiner fund ermöglicht uns also, „den schleier, hinter dem die älteste geschieh te der ritterlichen dichtung, insbesondere der troubadours , bisher verborgen lag ," ^ ein wenig zu lüften ; er lehrt, dass und einigermassen auch wie man in den Jahrhunderten vor den kreuzzügen sowol in der lingua ßomana als in der lingua Latiua dich- tete und sang. Während Diez^ noch die Vermutung äussern durfte, dass zwar seit undenklichen zelten neben dem volksgesange eine gewisse gebildete dichtkunst in Südfrankreich bestanden habe, diese indessen mit der der troubadours nicht die geringste gemeinschaft gehabt habe und nur als sprachübung von Wichtigkeit gewesen sei, erkennen wir jezt an einem wichtigen beispiel, dass doch auch die gebildeten, die in jenen alten Zeiten an der pflege von dichtkunst und gesang sich betei- ligten, dem Volkslied lebhaftes Interesse zuwanten und dass ihre dich- terischen productionen auch in inhaltlicher beziehung als unmittelbare Vorläufer der poesie der troubadours betrachtet werden müssen. Und diese erkentnis erhält weitere bestätigung, sobald wir auf die metrische form, auf Strophen- und versbau des neuentdeckten bruch- stücks unser augenmerk richten. Dasselbe dürfte in dieser hinsieht für manchen noch grösseres Interesse besitzen als durch spräche und Inhalt: hier tritt uns nämlich zum ersten male jene für die romanische dich- tung so hochbedeutsame, einfache strophe entgegen, die aus zwei bis drei auf denselben reim oder dieselbe assonanz ausgehenden versen besteht und mit einem reimlosen refrain abschliesst. Sie stelt den stamm dar, aus dem almählich in stetem Wachstum und rastloser ent- wicklung die bunte fülle der metrischen formen der troubadourlieder eutspross und sich abzweigte, wie dies für die strophen der ältesten troubadours Suchier in dem Jahrb. f. rom. Lit. 14, 296 nachgewiesen hat. Bei ihnen erscheint das ursprüngliche Schema nur insoweit modi- 1) S. Diez, die Poesie der Troubadours s. 13. 2) Ebendas. s. 18. 22* 340 J. SCHMIDT ficiert , als an die stelle des refrains eine verszeile gesezt wird , die mit der gleichartigen schlusszeile der folgenden strophe gebunden ist. Unsere lateinischen elfsilbler zeigen trochäischeu rhythmus, sind sechsmal gehoben und haben regelmässig eine caesur nach dem zwei- ten fuss. Der vers erinnert an den von Wilhelm IX., dem ältesten troubadour, in drei gedichten angewanten elfsilbler , nur dass der leztere wahrscheinlich caesurlos ist. Der reim ist einsilbig ; einmal vertritt ihn die assonanz: radios str. 3; Zwiespalt von wort- und versaccent ist streng vermieden : alles umstände , die der annähme eines höheren alters für die entstehung des liedes, als es seiner aufzeichnung in dem Kegin. 1462 zugestanden werden kann, günstig sind. Der provenza- lische refrain zählt 20 silben, die von der handschrift selbst in ein glied von neun und eins von zehn silben mit weiblichem ausgang zer- legt werden. Im neunsilbler Hesse sich eine caesur nach der sechsten silbe annehmen; wahrscheinlicher fehlt sie ganz. Der zehnsilbler hat eine weibliche caesur (bigil) nach der fünften silbe. ^ Dieselbe vers- verbindung, nur in umgekehiter folge, kehrt auch in einem altfran- zösischen refrain wider, wie Bartsch Ztschr. f. rom. Phil. 2, 379 darlegt. Für die einmischung von romanischen versen in ein lateinisches lied fehlt es nicht an analogien aus der späteren zeit: man vergleiche z. b. Carmina Burana nr. 81 und dazu Bartsch, Jahrb. f. rom. u. engl. Lit. XII, 1 fgg. Viel häufiger findet sich dann freilich die umgekehrte erscheinung, die einmischung lateinischer verse und brocken in roma- nische und ebenso in deutsche lieder. — Ein neuer beleg für die in dem obigen schon hinlänglich begründete behauptung, dass die lyrik der ritterlichen zeit mit der der früheren Jahrhunderte in innigem Zusam- menhang steht und für form wie für inhalt in lezterer bereits ihre Vor- bilder hat. Endlich noch ein wort über die dem texte beigefügte notation. Der Schreiber hat sich dazu der neumenschrift bedient, und zwar hat er nur zwei oder streng genommen sogar nur ein einziges, einfaches neumenzeichen angewant, die virga; denn der seltener vorkommende, kleine, horizontale strich, die iacens, unterscheidet sich von dem häu- 1) Auf poj/ fallen zwei noten : wahrscheinlich fült es also einen ganzen tact aus und ist rhythmisch gleichwertig mit mira, in derselhen weise, wie in dem von Beda angeführten hymnus : Rex aeterne domine — Bermn creator omnium im ersten vers die erste Senkung fohlt und Bex also dem Rerum entspricht (vgl. Daniel, thes. hymnol. III, 20. Ebert, Gesch. der Literatur des Mittelalters I, 529 anm. 2). Ähnliches kann man in der altfranzösischen Eulalie beobachten. Aber natürlich darf poy darum , weil es den Zeitraum zweier silben ausfült , nicht in zwei silben zerlegt, als zwei silben gezählt werden. DIE ÄLTESTE ALBA 341 figer angewanten, sich nach oben verdickenden, verticalen doch eben nur durch die Stellung. Was überhaupt von der nenmenschrift gilt, dass sie nur in ganz algemeiner weise das steigen und fallen der ton- höhe darzustellen vermag, dagegen die grosse des intervalls zwischen den eine gesangphrase bildenden tönen, ob es z. b. eine terz oder eine quinte beträgt, genau zu bezeichnen unfähig ist, findet auch in unserm falle anweudung. Trotz des grossen Vorzugs, den ihr auschaulichkeit und kürze vor der buchstabennotation verlieh , eignete sie sich doch nur zur aufzeichnung bekanter raelodien , bei denen auf eine stetige ergänzung der mangelnden genauigkeit der notation durch das lebendige gedächtnis zu rechnen war. Sie vermochte also lezteres (oder die buchstaben- notation) wol zu unterstützen, aber nie völlig zu ersetzen. — Zwischen der verticalen virga und der iacens scheint unser Schreiber keinen prin- cipiellen unterschied zu machen : in zeile 1 und 2 der ersten strophe ist die lezte silbe mit der iacens bezeichnet, während in Übereinstimmung mit der notation der übrigen lateinischen zeilen man die verticale virga auch hier erwarten solte. Nur im Interesse grösserer auschaulichkeit scheint in einer scala von absteigenden tönen der tiefste durch die iacens bezeichnet zu sein. Alle lateinischen verse haben die gleiche melodie ; die zwei verse des refrains unterscheiden sich in ihrer notation sowol von jenen als unter einander.^ Gewiss werden kundigere diese bemerkungen, mit denen auf die bedeutung meines kleinen fundes hinzuweisen ich nicht unterlassen wolte, vielfach ergänzen oder berichtigen. Denn an alseitigem Interesse wird es dieser Alba sicherlich nicht fehlen, die ja unter allen gesichtspunk- ten in der litterargeschichtlichen entwicklung sich selber als das erste morgenleuchten darstelt, das den aufgang der sonne des minnesangs für die modernen Völker ankündigt. 1) Ich muss bemerken , dass iu dem obigen abdriick eine in allen einzelhei- ten genaue widergabe der notation des Originals nicbt bat erreicht werden können. Für alle fragen , für die eine solche notwendig wäre , wird man an lezteres oder an eine photogi-apbische nachbildung desselben recurrieren müssen, da durchpausen bekantlich nach dem reglement für die benutzung der vaticanischen bibliothek ver- boten ist. — Auch sei hier nachträgüch bemerkt, dass in der handschrift immer je zwei Zeilen des textes zu einer langen doppelzeile vereinigt sind, so jedoch, dass das ende der ersten und der anfang der anderen kiu'zzeüe durch einen zwischenramn und darauf folgenden grossen buchstaben deutlich markiert ist. Das bruchstück stelt also kl der handschrift sieben langzeilen dar. HALLE. JOHANNES SCHMH)T. 342 FÜNF SAGEN VOM HOOHSOHWAB. Volksüberlieferungen aus Steiermark. Der Hochschwab ist einer der mächtigsten bergriesen des ober- steirischen gebirgslandes. Stolz und in erhabener schöne erhebt er sein majestätisches haupt über die miabsehbare kette von hohen bergen. Von jeher hat sich die phantasie des volkes mit den mächtigen gebirgsstöcken viel zu schaffen gemacht, so mit dem Kyffhäuser in Thüringen, mit dem Untersberg im Salzburgischen und wie aus den jüngst erschienenen nordböhmischen volkssagen von Julius|Schuldes (Tetschen a. d. Elbe 1879) zu ersehen ist, auch mit dem Quaderberge, einem bedeutenden gebirgs- rücken an der böhmisch - sächsischen grenze. In gleicher weise gehört auch der Hochschwab zu jenen bergen, von denen die in der nähe hausenden bewohner allerlei zu sagen und zu fabeln wissen. 1. Die bergfräulein. In alten zeiten wohnten auf dem Hochschwab die bergfräulein. Sie waren von kleinem unterseztem wüchse und zeigten sich öfters den hirten auf den almen. Einst kamen sie zu einem jungen schafhalter und baten ihn, er möge ihnen aus seiner herde ein lamm geben — er hatte deren sieben , das übrige vieh waren schafe — damit sie es bra- ten und insgesamt verzehren könten. Sie sagten auch zum hirten, er habe nicht zu besorgen, dass sein viehstand dadurch etwa vermindert werde , nur möge er bei dem essen recht acht geben , dass er keinen knochen des lämmleins zerbeisse. Der hirtenknabe, dem dieses begeh- ren seltsam vorkam , wolte sich anfänglich nicht dazu verstehen , diesen sonderbaren wünsch zu erfüllen, aber nach vielen bitten gab er der forderung der bergfräulein nach und überliess ihnen ein lämmlein. Sie töteten es, weideten es aus, brieten es, gaben dem hirten davon und assen das übrige auf. Trotz aller vorsieht verlezte der hirtenknabe bei dem abnagen der fussknochen einen derselben. Als das mahl beendet war, lasen die fräuleiu die knochen des lämmchens sorgfältig auf, wickelten dieselben kunstgerecht in das lammfeil und bald darauf hüpfte das lämmlein zur herde, war aber an jenem fusse lahm, dessen kno- chen der hirtenknabe beim abnagen beschädiget hatte. 1) Der gute des herrn Leitich, bürgerschullehrers in Wien, verdanke ich diese Hochschwab - sagen , der sie , als er den gipfel dieses berges vor kurzem bestieg, aus dem munde seines führers Jos. Berger aus Ilgen, vernommen hatte. SAGEN VOM H0CH3CHWÄB 343 2. Ein bergfrjiuleiu spendet ein wunderbares brot. Einmal besuchte eines der bergfräulein des Hochschwabs einen sehr armen hirten , der kaum brot genug hatte , seinen liunger zu stil- len, üas fräulein fühlte mitleid mit diesem armen und dachte , wie sie ihn recht glücklich machen könne. Zu diesem behufe schenkte sie ihm ein laibchen brot und sagte, dass es ihm von nun an nimmermehr an der gottesgabe gebrechen werde, nur dürfe er keinem menschen ein Sterbenswörtchen sagen, von wem er das brötchen erhalten habe, beim essen auch niemand mithalten lassen, und nie dürfe er das laibchen ganz aufzehren, sondern müsse immer ein scherzlein übrig lassen; denn dann werde sich dasselbe zu einem ganzen brote jedesmal wider von selbst ergänzen. Der hirt versprach heilig, zuthun, was ihm von dem fräulein geboten ward. Und als er sah, dass das laibchen, sobald er es bis auf ein stücklein verzehrt hatte, immer wider ganz wurde, fühlte er sich recht glücklich und zufrieden und einen dankbaren blick sante er zum himmel, denn nun wüste er, dass er nicht mehr hunger und not leiden dürfe. Doch eines tages, als er gerade im begriffe stand, sein brötchen zu verzehren , kam der knecht des benachbarten hofes zu ihm und bat um ein stücklein von der gottesgabe. Nun war guter rat teuer. Von dem geheimnisvollen laibchen etwas sagen, das gieug nicht, den knecht abweisen und ihm nicht einmal einen bissen brot gönnen, kam ihm noch schwerer an, und so gab er denn, wiewol mit etwas Widerwillen und nach einigem zögern von der gottesgabe. Von diesem augenblick an war es mit der wunderbaren kraft des laibchens zu ende ; das übrig gelassene scherzlein wurde nicht mehr ein ganzes brot. 3. Das wildfräulein und der bauernlinecht. Auf dem Hochschwab hausten vor vielen vielen jähren die wild- fräulein. Diese waren grösser und stärker als die bergfräulein und auch nicht so woltätig und gutherzig wie sie. Eine der wildfräulein vergass sich sogar mit einem knechte und gebar ihm ein kind. Nachdem sie dasselbe durch einige jähre aufgezogen hatte, überbrachte sie es dem vater. Als sie vor ihm erschien, hatte sie in einem arme das kind, im andern einen sack voll geld, und fragte nun, was ihm lieber wäre, das geld oder das kind. Der knecht wüste nicht gleich , was er sagen solte, deshalb besann er sich ein weilchen und verlangte das kind, worauf das waldfräulein entgegnete, es sei sein glück gewesen, dass er das kind verlangt hat, denn hätte er es zurückgewiesen und dafür das geld genommen, so hätte sie ihn in stücke zerrissen. Als die rohen fuhrleute anfingen mit den peitschen zu schnalzen, als es um den Hochschwab immer geräuschvoller und unruhiger wurde, 344 BEANKY veiiiessen die berg- und wildfräuleiii die gegend und wurden seither nicht wider gesehen. Diese berg- und wildfräulein des Hochschwabs erinnern in ihrem ganzen wesen an die Saligen in Tirol. Schade , dass herr Leitich nicht mehr charakteristische züge mitgeteilt hat, denn dann hätte sich zwi- schen den tirolischen und steirischen bergfräulein ein nicht uninteres- santer vergleich anstellen lassen; denn von den Saligen haben wir bereits ein ziemlich fertiges gemälde. J. V. Zingerle, J. N. v. Alpen- burg bieten in ihren mythologischen Schriften manches. Vereinzelte züge findet man auch in den sagen von Gleirscher, eine kurze mono- graphie hat dr. L. v. Hörmann in seinem büchlein : Die Salig - Fräulein und Nörgelen (Bozen 1874) über diese wesen gegeben und anderes findet sich noch zerstreut in der einschlägigen sittenkundlichen littera- tur. Die tirolischen bergfräulein, die Saligen, haben auch bereits ihre poetische bearbeitung durch frau Angelica v. Hörmann gefunden , welche die sinnige bergsage zu einem lieblichen Salgen-epos von vier gesän- gen in fünffüssigen Jamben mit kunstvollverschlungenen reimen erwei- terte. Diese mythischen berggestalten , die sich dienstfertig und barm- herzig der leidenden menschheit erweisen , welche stricte erfüUung eines gegebenen Versprechens fordern , das auf hochalpen gehezte und ver- folgte getier beschützen und durch ihre bezaubernde Schönheit die män- ner zu fesseln und zu berücken verstehen , diese mythischen wesen, nenne man sie nun selige fräulein oder Salige, berg-, wild- oder schneefräulein , Fanga , Thallilien oder Thalgilgen gaben ja zu einem idyllischen epos das schönste motiv, zumal da die tirolische dichterin besonders jenen unlösbaren Widerspruch zur anschauuug und lebhaften empfindung bringen wolte, der zwischen ideal und Wirklichkeit besteht und gerade diese idee in schönster anläge in der einfachen volkssage von den bergfräulein selbst liegt. Der gedanke von dem unversöhn- lichen gesatze zwischen ideal und Wirklichkeit gehört zu den erhaben- sten und ernstesten, welche von jeher die gemüter der menschheit mächtig zu ergreifen vermochten. Wie vielen menschen bereitete schon diese idee ein qualvolles dasein ! wie viele wurden durch sie in unsäg- liches elend gestürzt und wie viele sind durch diesen unlösbaren Zwie- spalt so von grund aus unglücklich geworden! Auch dem beiden des Salgen-epos Florian, dem schönsten burschen des dorfes, ergeht es so: seine innige liebe, sein häusliches glück und seine stille Zufriedenheit verkehren sich, sobald er die ideale, die Saligen, kennen gelernt hat, in namenlosen seelenschmerz , in unerträgliche Sehnsucht, in qualvolle Unzufriedenheit , von denen er schliesslich in gemein - tragischer weise befreit wird. SAGEN VOM HOCHSCHWAB 345 4. Die fiiclitelmäiiiier. Auf dem Hochschwab und deu umliegenden bergen sieht man zur nachtszeit fuchtelmänner umherirren. Das sind Seelen solcher verruch- ter menschen , die bei lebzeiten grenz - oder marksteiue verrückt haben, um sich so auf kosten der mitmenschen zu bereichern. Nun tanzen sie hier in stiller nacht auf dem Hochschwab und den umliegenden bergen, der Messner in und der hohen Prilitz als lichtlein herum. Von feurigen oder brennenden männern handelt eine grosse auzahl von sagen, weh-he der völkerpsychologischen anschauung beredten aus- druck geben, dass menschen, welche sich während ihres lebens schwe- rer vergehen schuldig gemacht haben, zu denen insbesondere verrücken und versetzen von grenz- und marksteineu gerechnet wird, als Feuer- mäuner, Feuerpütze, Marchversetzer, Landausmesser, Irlichter, Irwische oder unter andern namen, wie z. b. der brennende Bräutigam, der Kahlofen - bauer (Rochholz, Schweizersag. IL nr. 306, 315), so lange auf erden nach ihrem tode herumirren müssen, bis das unrecht, was sie begangen haben, gesühnt ist. In den bereich dieser brennenden männer gehören auch die Fuchtelmänner des Hochschwabs. Unter fuch- tel stelt man sich im Österreichischen und Steirischen ein nicht gut und nicht sehr hell brennendes licht vor und fuchteln, das verbum, bedeutet ein licTit schnell hin - und herbewegen. Aber nebst dem ruhe- losen herumirren dieser grenzsteinverrücker hat sie die rege phantasie des Volkes zum warnenden beispiel mit verschiedenen schrecklichen zutaten und zugaben ausgestattet , und es ist für deu Völkerpsychologen von ganz besonderem Interesse zu sehen, wie der schaffende geist des Volkes den immer gleichen zug in mannigfachster weise ausgestaltet: der Back in Mundraching erscheint nach seinem tode einem seiner bekanten und klagt, er müsse schrecklich brennen und leide sehr grosse pein, denn er habe zu lebzeiten die marchpfähler weit verrückt und seine nachbarn tief damit geschädigt. (V. Leoprechting, Aus dem Lechrain s. 66.) Im Siggenthal erscheint der grenzfrevler jede nacht als feuriges gerippe auf dem unredlich erworbenen acker. (Roch- holz, Sag. IL s. 77.) Der alte Eggeter in Marlin bei Meran wandelt als grosses pfeilschnell hin- und her springendes licht herum (Zin- gerle, Sag. 147.) Unter den verschiedensten gestalten zeigen sich die Feuermänner in Schlesien: mit geschwärztem gesiebt und feurigen äugen; oft tragen sie in der band eine laterne und wandeln umher, wie wenn sie etwas verlorenes finden wolten; als toteugerippe, in dessen innerem eine feuerflamme brent; als brennende Strohschütte oder als klafterhohes dickes rind, aus dessen rippen es herauszubren- 346 BRANKY nen scheint. (Volksthümlicbes aus östr. Schlesien von Peter Anton II. 17 fg.) In den deutschiin sagen der brüder Grimm I. nr. 283 wird mit- geteilt, dass bei Kailbach in der ersten adventsountagsnacht zwischen 11 und 12 uhr ein ganz in feuer brennender mann gesehen wurde, des- sen rippen man sogar zählen konte und der bis nach mitternacht von einem grenzstein zum andern wandelte, und auch nicht wenige men- schen in furcht und schrecken versezte, weil er durch maul und nase feuer aus spie. In Norddeutschland sieht man an manchen orten solche verruchte landmesser entweder in ganz feuriger gestalt oder mit einer glühenden messstange hin- und herlaufen. (Kuhn u. Schwartz, nordd. Sag. s. 425.) Einer Tiroler sage zufolge trägt ein glühender mann einen glühenden markstein um, und auf die frage wohin? wohin? antwortet ein im betrunkenen zustande des weges daher wan- kender bauer: woher du ihn genommen hast, dahin trag ihn. (Gleirscher, Sag. aus Tirol s. 67.) Zu Wildschönau muss einer mit einem feurigen pflüge über das gestohlene ackerfeld auf- und abfahren; auf einem feurigen bock, dem maslreinbock , reiten diese Frevler zu Vilanders herum; in Tiers, wo sie auf feurigen rossen reiten, bemerkt das Volk noch feurige zöpfe an ihnen; von einem andern markstein ver- setzer wird erzählt, dass er den leuten am tage grau, nachts aber als feuriges rad erscheint. (Zingerle, S. M. G. 147 — 157.) Wie unsere dichter die volkssage modernisieren und der zeitrichtung anpassen , sieht man in der Erlösung von Ernst Freimuth, denn in dieser dichtung findet der grenzsteinverrücker erst dann ruhe und erlösung, bis ihrer drei , welche reines herzens sind , die erlösende antwort geben , was auch eines tages geschieht. Als nämlich bei leuchtendem mondenglanze drei fröhliche burschen vom tanze in später nacht nach hause gehen, da sehen sie nicht fern im felde den mann mit dem grenzstein auf der achsel und hören wie er in einemfort ruft: wo leg ich ihn hin? wo grab ich ihn ein? Wie aus einem munde riefen die reinherzigen: „So leg ihn doch hin , wo von rechtens er war " — darauf erfolgte ein blitz und ein donner schlag und der mann verschwand und nie mehr sah man ihn wider. (Eine Sage aus dem Eger - Laude in Weuisch Dich- terbuch s. 593.) Auch Wolfgang Müller sprach die grenzsteinsage an und wir danken ihm deshalb eines seiner schönsten gedichte, zubenant der Feuermann. Müller behält die volkstümliche anschauungsweise bei; sein Feuermann taucht aus dem schüfe in der nähe eines sumpfes empor, mit flammenden äugen schaut er umher; er ist ein in der nacht umherirrendes licht, eine seele vom gericht gottes zum wandern ver- flucht. (Die ethischen Sagen. Von Nie. Hocker, s. 194.) Vernaleken teilt unter seinen Wuotan - my then eine sage aus Forbes in Böhmen SAGEN VOM HOCHSCHWAB 347 mit, wo ein kopfloser mauu mit einem grossen äuge auf der brüst in weisser kleiduug einen greuzstein in bänden trägt und mit entsetzlicber stimme ruft: wobin soll ich den stein setzen? Erhält er auf seine frage keine antwort , so begibt er sieb wider zurück in das gebölz, von wo er hergekommen ist. Gibt man ihm aber zur antwort : leg ihn bin, wo du ihn genommen hast, so wird er dadurch gereizt und läuft dem, der solcbes gesprochen , nach. Glücklicherweise hat er noch niemand ertappt, obgleich ihn die knechte oft zum besten halten. Vernaleken bezieht den kopflosen einäugigen mann auf Wuotan, der freilich nicht als grenzsteinverrücker zu nehmen ist, sondern als ein die menschen in bezug auf ihre rechtsanschauung prüfendes wesen. Der schlusssatz der sage bleibt freilich unverständlich, denn gereizt werden und dem zürnen, der dem guten rechte das wort redet, wäre ja ungereimt. Wahrscheinlich ist der schluss dieser Wuotan -mythe entstelt, was ja bei sehr vielen sagen, und je älter sie sind desto häufiger, vorkomt. Dass aber die idee im volke lebendig ist, den menschen in angedeu- teter weise auf sein rechtsgefühl zu prüfen , ersieht man auch in Sim- rocks Myth. s. 487, wo bei der frage: wo setz ich den grenzstein hin? der niederrbeinische bauer mit den worten: „ich wel net glöhnig gohn," jede Zumutung zurückweiset, die er für unrecht liält. Leider ver- schweigt Simrock den näheren umstand, durch den der bauer veran- lasst wurde, seiner rechtsüberzeugung so bestirnten ausdruck zu geben. Merkwürdig in ihrer art ist auch die sage, welche Franz Ziska in seine östr. Volksmärchen s. 32 eingestelt hat. Da verrückt ein bauer dreimal denselben grenzstein. Das erste mal zeigt sich ein weisses hündlein, welches ihn anbelt: wau, wau, wau, di nöd drau! af god schau! wie er wider den grenzstein versezt, erscheint ein grauer grosser hund, der den frevel nicht leiden will, und das dritte mal komt auf ihn a bechschwoarza flaischhokalak't ^ mid fairichi gluaru ^ zu , der ihn in tausend stücke zerreisst. Sagen über feurige männer und grenzsteinverrücker gibt es noch in hülle und fülle, und ich habe mir aus unserem sagenschatze noch manche hierhergehörigen angemerkt; doch weil dieselben nichts mehr wesentliches und interessantes bieten, übergehe ich dieselben. Das angeführte zeigt ja hinlänglich, wie weitverbreitet die sage von den fuchtelmännern des Hochschwabs ist, und wie das deutsche volk in Süd und nord, in ost und west in seinem sinnen und denken, in sei- nem fühlen und empfinden wenigstens in diesem punkte so wunderbare Übereinstimmung zeigt, dass es das gleiche vergehen mit derselben 1) Ein grosser schwarzer fleischerhund. 2) Mit feurigen äugen. 348 BRANKY, SAGEN VOM HOCHSCHWAB strengen mythischen strafe — wenn auch mit den verschiedensten Varia- tionen — belegt. Auch die Weisthümer setzen strenge strafen auf das verstellen der marksteine. Über die volziehung oder vielmehr nicht- volziehung dieser strengen Verfügungen erhält man unter den betreffen- den capiteln der deutschen Kechtsalterthümer (520, 546) bescheid. 5. Warum die schweine aufgedrehte schwänze haben. Der Hochschwab hat auch seine launige teufelssage. Einmal, erzählt man, kam der teufel zu einem bauern und sagte: bauer, ich bin in stand alle deine schweine über das dach des schweinstalles zu werfen. — Das ist keine so grosse kunst, erwiderte herzhaft der bauer, das kann ich auch. — Versuch's einmal, entgegnete der teufel. Der bauer zögerte nicht lange, sondern machte sich gleich an die arbeit, aber nur bei einem einzigen schwein gelang es ihm, dasselbe über das stalldach zu schupfen. Siehst, was für ein prahlhans du bist, sagte der teufel. Jezt schau einmal her! Da nimt der teufel ein schwein nach dem andern, macht jedem am schwänz einen klang, d. i. eine schlinge, um es bequemer halten und desto weiter und höher schleu- dern zu können und schupft richtig eins ums andere über das stalldach. Seither, sagt das volk, tragen die schweine aufgedrehte schwänze. WIEN 1879. FRANZ BRANKY. ZUM SPKACHGEBRAUCH GOETHES. 0. Jaenicke hat in dieser Zeitschrift V, 84 den gebrauch eines es vor dem prädikate, der im mhd. gewöhnlich (s. Benecke z. Iwein 2611), für das nhd. bisher unbelegt war , in Goethes Iphigenie HI, 2 nachgewie- sen. Deutlicher noch tritt dieser gebrauch hervor in der Farce Götter, Helden und Wielaud (Ausgabe in40bdn. : bd. 7, 225). Wieland: Wenn ihr Hercules seid, so seid ihr's nicht gemeint. [Goethe selbst schrieb, wie der vergleich mit: Der junge Goethe H, 400 zeigt, ihrs ohne apostrof.] Man sieht also, es komt nicht darauf an, dass auf dieses es (das sich bei G. übrigens gewiss nicht anders, als nach dem pronomen personale findet) ein Substantiv als prädikat folgt. NORTHEIM, R. SPRENGER. J. ZACHER, ZU MACER FLORIDUS 349 ZU MACER FLORIDUS. Auf s. 201 dieses baiides hatte ich mein bedauern darüber aus- gesprochen, dass mir der im jähre 1483 zu Lübeck erschienene nieder- deutsche „Hei'barius" unerreichbar geblieben sei, so dass ich über ihn und über sein Verhältnis zAim Mainzer Herbarius und zum (h)Ortus sanitatis nicht auskunft geben könne. Li folge dessen ist herr gym- nasial director dr. K. E. H. Krause in Rostock so gütig gewesen mir die uachfolgenden mitteilungen zu senden. „Das bei Schiller und Lübben genante buch (Herbarius) ist in Wolfenbüttel med. 51. 3 (nach Deecke), wahrscheinlich der älteste druck des B arthol 0 nie US Ghotan in Lübeck." „1484 folgten in Lübeck von demselben drucker drei zusammen- gehörige werke: Promptuarium medicinae. 146 fol. 4*". ^hyr hevet syk an en bock der arstedien.' 1) 11" ^von meyster Ysaak boke.' Bis 80'' läuft dann ^dat bock der arstedye von meystere Ortolfo. 81^ hyr leret de sulve meyster Ortolf. wo sick eu mynsche regereu schal in den XII maenthen des jares.' Ortulf heisst sonst auch M. Ortolf van Bayerlande. Der lezte teil des Ortolf ist ^van der nature der krude.' 2) 20 fol. 4*°. Jiyr na in desseme boke wil ick Bartholome' de Beneuento doctor in der arstedie leren etlike kraft un doghede der branden watere.' Die schlussverse scheinen eine klage über nach- druck zu enthalten. 3) 24 fol. 4*". ^ Eyn ghud bewert regimeute dar mede en jewelik mynsche mach seker syn der pestilencie.' Von Valastus von Taren t. Die 3 bücher, zusammengebunden, sind in der Lübecker stadt- bibliothek. Barth. Gothan druckte sie." „1492. ^Hyr heuet an de Lustighe unde nochlighe Gaerde der Suntheit' womit verbunden 1) ^ dat Boeck van den Eddelen Steuen ' und 2) ^van allen varwen des Waters der Mynschen.' Am Schlüsse heisst das buch ^de ghenochliche Gharde der Suntheit.' Gedruckt bei Steffan Arndes in Lübeck. Die Lübeckische stadtbibliothek hat nur einen neuen abdruck von 1520 (1510 war es auch neu aufgelegt). Das von 1520 begint : ^Dit is de genochlike garde der suntheyt. to latine Ortulus sanitatis edder Herbarius genömet.'" „Diese notizen entnehme ich v. Seelen Selecta litteraria, nament- lich aber dem von Ihnen genanten Deeckeschen programm, welches die Lübecker stadtbibliothek und die Rostocker univ. - bibliothek besizt, 350 J- ZACHER auch ich selber. Mehr über Steffan Arndes bietet Lappenberg (Hamb, Buchdr. - Gesch.) und namentlich Pauli in der Zeitschr. des Vereins für Lübeckische Geschichte 3 , s. 254 fgg. Lezterer hat auch die vor- rede des Ortus sanitatis (s. 264 fgg.) abdrucken lassen, woraus die her- stellungsart erhelt. Arndes hat den Ortus aus lateinischen büchern zusammenziehen und ins Niederdeutsche übersetzen lassen; darin beschrieb er nach Galien, Avicenna, Serapion, Diascorides, Pandecta, Platearius 450 kräuter; damit man sie aber kenne, Hess er sie nach der natur zeichnen, nahm sogar, als er eine pilgerreise nach dem heil, lande (graue) und dem Katharinenkloster am Sinai, wahrscheinlich 1489 — 91,^ unternahm, einen geschickten maier mit, der auch dort die pflanzen nach der natur zeichnete, mit denen er diese „by vefftehalf hundert mit eren farwen und gestalt, alze se hyr erschynen" also coloriert 1492 herausgab. Der artikel „Arndes, Steifan" Allg. d. Biogi*. 1, 540 von Mühlbrecht ist unbrauchbar." Diesen wilkommenen und wertvollen mitteilungen erlaube ich mir einige ergänzende bemerkungen hinzuzufügen. Die unter dem jähre 1484 aufgeführte incunabel scheint dieselbe zu sein, welche Hain in seinem Kepertorium bibliographicum (Stuttg. 1826) vol. 1. pars 1. s. 563 fg. folgendermassen beschrieben hat: „4035. BUCH von allen Krankheiten etc. D3^th is das Kegister desses bokes der arstedie. Post tab. f. 1 : Hyr heuet sik an ein bock ter arstedien van allen krankheyten van ghebreken des mynschen. Seq.: Bok van der nature der Krude, in cujus fine: Mille quadringentis simul octuaginta retentis || In quarto cristi pro laude dei decus isti || Hoc opus arte mei Impressum Bartholomei || Ghotan, degentis et in urbe lubeck residentis. Seq. : En ghud bewert regimente dar mede ein iewelick Mynsche mach secker syn der pestilencic. In fine : Hyr heft enen ende dat klene bock van der pestilencien , ghemaket van dem vorluchtenden manne unde doctor , gheheten Valastus van Tarenta , des koninghes van Frankrike en arste. vnde was eyn vornamen arste der arsten. Deo gra- cias. Bartholomeus Ghotan impressit in Lubeck. Hyrna in desseme boke will ick Bartholomeus de Benevento doctor in der arstedie leren mit hulpe des alweltigen gottes etlike Kraft unn doghede der branden watere etc. In fine: Ghotan Bartolomeus. In fine tab. legitur lib. tit: Promptuarium Medicus. 4." Unter dem Meister Ysaak mag vielleicht gemeint sein Isaac Judaeus, ein ägyptischer Israelit, der zwischen 830 und 982 gelebt hat, und über den Ernst Meyer, geschichte der botanik 3, 170 und 1) „Darnach kann auch R. Röliricht u. Meisner, Pilgerfahrten, ergänzt werden." zu MACER FLORIDUS 351 Heinrich Haeser, lehrbucli der geschichte der medicin. Dritte bear- beitung. 1, 573 gehandelt haben. Sein Tractatus de diaetis particula- ribus ist gedruckt worden zu Padua 1487 und zu Basel 1570; seine Opera sind erschienen Lugduni 1515 und widerholt 1525. Ortolf von Baierland, der nach 1400 als arzt in Würzburg- gelebt hat, ist kurz erwähnt bei Haeser 1, 818, und auch W. Wacker - nagel gedenkt seiner in seiner Geschichte der deutschen litteratur, zweite aufl. von E. Martin. Basel 1879. 1, 434. Sein „Arzneibuch" muss grossen beifall gefunden haben, denn es ist in zahlreichen hand- schriften erhalten, deren die Münchener bibliothek eine statliche reihe besizt, und ist dann auch noch im 15. Jahrhundert widerholt gedruckt worden. Bartholomaeus von Benevent ist mir nicht bekant. Valescus von Taranta in Portugal wirkte als geschäzter arzt und berühmter lehrer seit 1382 in Montpellier. Sein Philonium phar- maceuticum et chirurgicum und sein Tractatus de epidemia et peste waren, nach Haeser 1, 712, vielgelesene handbücher, die sich lange in geltung und ansehen erhalten haben. Aus dem 1492 bei Steffan Arndes in Lübeck gedruckten Gaerde der Suntheit hat Oberappellationsrat dr. Pauli 1876 in der Zeitschrift des Vereines für Lübeckische Geschichte 3, 254 fgg. einen teil des Inhaltes der vorrede auszüglich mitgeteilt. Das in dieser vor- rede gesagte hat er ohne weitere prüfung als wahr und zuverlässig hin- genommen, und daraus den schluss gezogen, der buchdrucker Arndes selbst habe zwischen den jähren 1489 und 1491 eine pilgerreise nach dem heiligen grabe und dem Katharinenkloster am Sinai gemacht, habe auf derselben durch einen zu diesem zwecke mitgenommenen geschick- ten maier die ausländischen pflanzen abbilden, und habe endlich nach der heimkehr sein lateinisches buch ins deutsche übersetzen , und im drucke jene abbildungen durch ausgemalte holzschnitte widergeben las- sen. Es war Pauli unbekant geblieben , dass schon seit dreissig jähren von mehreren namhaften natur- und litteraturkundigen forschem, Chou- lant, Stricker, Pritzel, Ernst Meyer, eingehendere Untersuchun- gen angestelt und veröffentlicht worden waren über den lateinischen (h)Ortus sanitatis, den deutschen Gart der gesundheit, und namentlich auch über die in beiden werken enthaltene und von einer reise nach dem Morgenlande erzählende vorrede. Zeit und ort der entstehung und die Verfasser dieser beiden werke mit voller Sicherheit zu ermit- teln ist jenen forschern zwar noch nicht gelungen , bewiesen aber haben sie, und namentlich E. Meyer (1857, Gesch. d. botanik 4, 190), dass die im wesentlichen übereinstimmende, im einzelnen jedoch verdächtig 352 CRECELIUS, FETISCH abweichende angäbe der vorrede beider bücher, des lateinischen wie des deutschen, ein teil des Inhaltes und der abbildungen sei ergebnis einer reise nach dem Oriente, nichts anderes ist, als eine blosse erdich- tung und fälschung, die nur den zweck hat, den käufer und leser zu täuschen und zu blenden. Dem sicheren ergebnisse dieser beweisführung hat auch Haeser zugestimmt, Lehrb. d. gesch. d. medic. 3. bearb. 1, 820. HALLE, 22. NOVEMBER 1880. J. ZACHER. FETISCH. Zu ztschr. XII, 81. In einer mehr oder weniger dem portugiesischen feiti^äo angelehn- ten form findet sich das wort häufiger seit dem anfang des 17. jh. , so z. b. in der von mir bei Birlinger (Alemannia VII) herausgegebenen reisebeschreibung von Josua ülsheimer: „Auf irem Marckht haben sie ein heüßlen stehen. Wan nun eßender speiße etwas uf den Marckhte kommet so opffern sie zuvor- derst dem Teüflfel (den sie Fitiße neuen) darvon. Ihr König — thut änderst nichts dan das er alle tag sein Fütiße (das ist sein Teüffels- beschwerung und Zauberei oder Gottesdienst) machet." S. 109. „ Zum beschluß der beschreibung Guineae kan ich ungemeldet nit laßen, das, gleichwie Papisten järlich an Fronleichnams tag umb ir Esch oder velder gehen, und dieselben vor ungewitter segnen, also khoüäen die Guineser järlich in alle und jede derfer im-Aprilen auf einen gwißen tag zusamen , da machen sie ihre Futise oder Teüfels- bilder oder Abgott, dem Teufel zu ehren ihre Futise. Ist nichts anders, dan ein häufen zusamen getruckhten kats." S. 114, Die reise von ülsheimer fält in die ersten jähre des 17. jh. In der „Warhafftigen Historischen Beschreibung des Gewaltigen Goldreichen Königreichs Guinea — durch M. Gotthardt Arthus von Dantzig (Franckf. a. M. 1630)" steht Fetisso, im „Anhang der Be- schreibung des Königreichs Congo, lühaltend, Fttnff Scliiflfarten Samuel Brauns Burgers und Wundartzt zu Basel (Franckf. a. M. 1628)" Fytysi. Diese beiden werke bilden den 6. und 12. teil der im vorlag von Wilhelm Fitzer in Frankfurt erschienenen grossen samlung von reisebeschreibungen „Der Orientalischen Indien." Weigand hat im Wörterbuch blos die an das französische sich anlehnende heutige form des wertes behandelt. ELBERPELD. W. CRECELIUS. 353 LITTERATUR EIN BRIEF JACOB GRIMMS AN JON ARNASON. Mitgeteilt von herrn William St. Carp enter in Leipzig. Hochgeehrter herr, grosze fremie haben Sie mir gemacht und grosze ehre angethan durch die Widmung Ihrer volkssagen und märchen, Islenzkar pjodsügur og Müntyvi; Leip- zig, 1862, die schon seit vierzehn tagen in meinen händen sind, es hätte mir nichts angenehmeres können zu theil werden ich ziehe vielen gewinn aus dem schönen werke für Sachen und für worte, die sich gegenseitig bedingen, gott hat in die fernste spitze Europas das isländische volk gesetzt, damit es in dieser hei- mat einen schätz von sage und spräche hegen und retten sollte, der anderwärts überall im geräusche der weit untergegangen oder verkümmert worden wäre, wir alle lernen daraus und werden jetzt auch durch die vollen klänge lebendiger volks- poesie überrascht , die an den tag kommen. Ihnen und Ihren gehülfen gebührt der aufrichtigste dank, ich freue mich im voraus auf die fortführung Ihrer samlungen und verbleibe mit wahrer hochachtung und freundschaft Ihr ergebenster Jacob Grimm. Berlin, 15. märz 1862. Herrn Gudbrandr Vigfüsson, den vf. der vorrede bitte ich zu grüssen ; betrübt hat mich herrn Magnus Grimsson abieben. Äussere aufschrift des briefes: Herrn Jon Arnason Eeykjavik. DIE JAHRES VERS AMLUNG DES VEREINS FÜR NIEDERDEUTSCHE SPRACHFORSCHUNG IN HILDESHEIM am 17. bis 20. mai 1880. Der verein für niederdeutsche Sprachforschung und der hansische geschichts- verein stehen in enger beziehung zu einander. Die spräche, die litteratur, die äusserungen des Volkstums Niederdeutschlands beschäftigen jenen, diesen die innere und äussere geschichte der hansischen städte. Und weil die bedeutungsvolste zeit der hansa, das 14. und 15. Jahrhundert, mit der blute der niederdeutschen litte- ratur zusammenfält , weil ferner die leztere gerade dui'ch ihre historischen und juridischen werke gross dasteht, so wird das material, was in den Schriften jedes einzelnen Vereines zu tage gefördert wird, meist zur quelle, aus der die forschun- gen beider vereine schöpfen. Die gemeinsamkeit des forschungsgebietes und der quellen sind aber nicht die einzigen bänder, welche beide vereine an einander knüpfen, sie sind einander auch dadurch verbunden, dass eine grosse zahl ihrer mitglieder beiden vereinen zugleich angehört. Diese gegenseitige Stellung der ver- eine zu einander erklärt den auf den ersten blick vielleicht befremdenden umstand, dass der verein für niederd. Sprachforschung seine jahresversamlungen nicht im anschluss an die germanistischen sectionen auf den deutschen philologenversamlun- gen abzuhalten, sondern mit dem hansischen geschichtsverein zusammen zu Pfing- sten jedes Jahres zu tagen pflegt. ZEITSCHR. F. DEUTSCHE PHILOI-OGIE. BD. XII. 23 354 SEELMANN Zur diesjährigen tagfahrt, welche nach Hildesheim zum 17. — 20. mai aus- geschrieben war, hatten sich ungefähr achtzig hanseaten und niederdeutsche auf- gemacht, mit denen sich ziemlich ebensoviel einheimische als teiluehmer an den wissenschaftlichen Sitzungen und festlichen versamlungen vereinigten. Wir ver- zeichnen nachstehend die namen nur derjenigen herren, welche den separatsitzun- gen des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung beigewohnt haben. Lübben, bibliothekar, V. Bippen, archivar, Bremen. Borchers, Oberlehrer. Boysen, bürgermeister. Brandenburg, ratsherr, Stralsund. V. Brandts, hauptmann, Güttingen. Brehmer, Senator, Lübeck. Breusing, direktor, Bremen. Bück, dr. jur. Casper, dr. med., Hamburg. Culemann, Senator, Hannover. Döbner, archivsecr. , Hannover. ten Doornkaat-Kooluian, reichstagsab- geordneter, Norden. Frensdorff, professor, Göttingen. (xädertz, dr. jur., Lübeck. Gerstenberg, Senator. drevel, apotheker, Stele. Hänselmann, archivar, Braunschweig. Uarms, schulrat, Hamburg. Hasse, professor, Kiel. Kölscher, professor, Herford. Kapp, dr. jur., Berlin. Kirclienpauer, lieutenant, Eimbeck. Kircbhoff, direktor. König, gymn.-lehrer, Bremen. Koppmanu, dr. ph., Barmbeck. KUhne, oberldg.-präsident, Celle. Oldenburg. (Vorsitzender.) K. W. Meyer, direktor, Hannover. Michelsen, direktor. Mieick, dr. ph., Hamburg. Mohrmann, gymn.-lehrer, Hannover. V. Münchhausen, dr. jur. Pauli, professor, Göttingen. Peppmüller, buchhändler, Göttingen. V. Pilgrim, landdrost. Platlmer, dr. ph. V. d. Kopp, professor, Dresden. Schmidt, direktor, Halberstadt. Schmidt, apotheker. Schierenberg, Meinberg i. W. Schoeffer, Amsterdam. Seelmann, bibl. -secr. , Berlin. Soltau, buchhändler, Norden. Sprengeil, dr. med., Lüneburg. Struckmann, bürgermeister. Victor, kirchenrat. Waitz, geh. reg. -rat, Berlin. Walther, bibl. -secr. , Hamburg. Wiecker, professor. Wilken, docent, Göttingen. Winkler, dr , Harlem. Ziegeler, dr. Zimmermann, archivassistent, Wolfen- büttel. Die Sitzungen des Vereins für niedord. Sprachforschung fanden im musikzim- mer der Union statt, die erste am dienstag den 18. mai. Nachdem der Vorsitzende die versamlung mit einer kurzen anspräche, in welcher er der hofnung ansdruck gab , dass gleich den früheren auch die diesjährige Zusammenkunft dem verein neue freunde zuführen werde, eröfnet hatte, erteilte er herrn professor Wiecker aus Hildesheim das wort. Er wolle, begann der vortragende, sich die aufraerksamkeit der versamlung zu mitteilungen über ein in Hildesheim entstandenes und in hildesheimischen hand- schriften erhaltenes gescliichtswerk erbitten, welches bis auf ein bruchstück noch ungedruckt sei, für die annalen des hildesheimischen dechanten Johannes Olde- kop, welche die zeit von 1501 — 1573 umfassen und in mittelniederdeutscher spräche geschrieben seien. Nur aus den jähren 1513 — 1523 seien vorzüglich die abschnitte, welche die entstehung und den verlauf der für Hildesheim so verhängnisvollen stiftsfehde erzählen, in der Zeitschrift des muaeums zu Hildesheim 1846 von Herrn. JAHRESVERSAMLUNG D. VEREINS F. NDD. SPRACHE. 355 Ad. Lüntzel zum abdruck gebracht worden , einzelne kleinere stücke ausserdem in liocbdeutscher Übersetzung l)ekant gemacht. So sei Oldekop fast nur als historiker der Stiftsfehde bckant und gewürdigt worden, der gröste teil seines Werkes noch ungedruckt und unbekant. Für die Sprachforschung des niederdeutschen wertvolles material bietend und kulturgeschichtlich von nicht geringem Interesse verdienten die annalen Avol einen volständigen abdruck und dürfte die herausgäbe dem verein als ein verdienstvolles und dankeswertes unternehmen empfohlen werden. Die Urschrift der annalen sei im besitze des gymnasium Josephinum gewesen, aber vor mehreren decennien abhanden gekommen. Zum glück seien noch abschritten vor- handen , eine sehr gute aus dem jähre 1606 befinde sich in der Beverinschen biblio- thek, eine aus jüngster zeit auf dem gymnasium Josephinum, eine dritte im Pri- vatbesitze des herm dr. Kratz. Was der lebenslauf des Verfassers bemerkenswertes geboten habe , lasse sich vornehmlich aus gelegentlichen raitteilungen in den annalen ersehen. Geboren sei er 1493 in Hildesheim, wo sein vater städtischer baumcister war, 1515 habe er die Universität Wittenberg bezogen und sei schüler und beichtkind Luthers gewe- sen, aber schon nach einem jähre wegen der unter den Wittenberger Studenten ausbrechenden wirren auf wünsch des vaters in seine heimat zurückgekehrt. Pro- testant sei er nicht geworden, er habe vielmehr den eintritt der reformation beklagt. Im jähre 1519, kurz nach der schlacht bei Soltau, habe ihn sein vater nach Italien geschickt, von wo er 1524 nach Hildesheim zurückkehrte. Später 1527 begab er sich in wichtigen angelegenheiten seiner diöcese (es handelte sich um die wähl des kaiserl. vicekanzlers Balthasar, probst zu Waldkircheu, zum hildesheimischen bischofe) an den hof Karls V. zu Burgos in Spanien und war anwesend , als Franz I. und Heinrich VIII. durch ihre gesanten dem kaiser den krieg erklären Hessen (22. Januar 1528). Zu Freiburg im Breisgau machte er die bekantschaft des 81jäh- rigen Erasmus von Eotterdam, eines Jugendfreundes des postulierten bischofs Bal- thasar. Bald nach seiner heimkehr 1528 ward er am stift zum h. kreuz canonicus, im jähre 1549 dechant. Als solcher ist er 81 jähr alt 1574 gestorben. — Die Oldekopschen annalen seien von hervorragendem werte als geschichtsquelle der Stadt Hildesheim für eine viel bewegte zeit, ausgezeichnet dadurch, dass der Ver- fasser nur berichte, was er selbst erlebt oder von augenzeugen in erfahrung gebracht habe, aber sie seien nicht für die localgeschichte allein von wert, sondern sie greifen in folge des lebensganges des Verfassers weit über die grenzen seiner engeren heimat hinaus, und geben den frischen eindruck wider, den der Verfasser aus dem verkehr mit weltgeschichtlichen männern seiner zeit gewonnen hat. Als probe der mundart und anschaulichen darstellung teilte der vortragende ein stück aus dem anfange des Werkes mit, den bericht über die eindringlichen predigten des aus Hannover gebürtigen barfüssermönches Joannes Kannegiesser im dorne, St. Michael und St. Godehard im jähre 1501, merkwürdig durch prophetischen hin- weis auf „eine schwäre undt bittere gemeine reformation." Zum Schlüsse wies er darauf hin , dass das von Oldekop erbaute und bewohnte haus noch erhalten sei und durch seine Inschrift auf die in den annalen dem gedächtnis aufbewahrten wirren mit bitterem schmerze hindeute (virtus cessat , ecclesia turbatur , clerus errat, daemon regnat, simonia dominatur). Nach beendigung des Vortrages bemerkte herr Senator Culemann aus Han- nover , eine angesehene familie Oldekop wohne noch jezt in Hannover , dieselbe sei mit dem hildesheimschen historiker verwant und im besitze ihn betreffender auf- zeichnungen. 23* 356 SEELMANN Es erstattete darauf der herr Vereinsvorsitzende den geschäftlichen bericht über das vereinsjahr 1879 — 80. Wir entnehmen daraus folgendes. Der verein hatte im vergangenen geschäftsjahre mit einem bestände von 372 mitgliedern abgeschlossen , neu eingetreten sind während des verflossenen jahres 92, zur anzeige kamen 6 todesfälle und ausgetreten sind 19 mitglieder, die zahl der in der Vereinsliste verzeichneten beläuft sich demnach auf 439. Die zahl der bezirks- vereine hat sich um einen vermehrt, die im Wuppertale wohnenden mitglieder desselben finden sich unter dem vorsitz des herrn professor Crecelius in regel- mässigen Sitzungen zusammen. Zu den todesfällen, welche der verein zu beklagen hat, gehört auch der des im december 1879 verstorbenen rechtsanwalts dr. K.Bauer aus Arolsen. Derselbe hat kurz vor seinem tode dem verein zwei grössere Stiftungen zugewant, 1500 mark zur Veranstaltung einer samlung und ausgäbe der plattdeutschen volksreime, kin- derlieder und rätsei, ferner 6000 mark zur wissenschaftlichen bearbeitung und her- ausgäbe eines von ihm zusammengestelten Waldeckschen Idiotikons, und zwar mit der weiteren bestimmung, dass der verein über den ev. übrig bleibenden betrag zu gunsten seiner andern publicationen frei verfügen könne. Wie der vortragende bemerkte, würde der vorstand die geeigneten kräfte zur herausgäbe der genanten samlungen zu gewinnen suchen, von mitteilungen über den lebenslauf des herrn Bauer sehe er deshalb ab, weil eine kurze darstellung von berufener hand eins der nächsten korrespondenzblätter des Vereins bringen würde, doch wolle er bemerken, dass die erforschung der deutschen mundarten durch den verstorbenen auch dadurch gefördert werde, dass er der Universität Jena eine grössere summe zu einem Preis- ausschreiben für die beste deutsche dialektkarte überwiesen habe. Von den denkmälern des Vereins sei jezt vom dritten bände, von professor Wätzoldt in Hamburg herausgegen, das erste heft im drucke vollendet und werde nächstens zur Versendung kommen, es enthält dasselbe den text des mnd. Flos unde Blankflos sowie die bruchstücke de segheler und de vorlorene sone. Mit der herstellung der folgenden bände seien die bearbeiter beschäftigt, es seien die pre- digten des Kus, welche dr. Nerger in Rostock und de Koker, welchen dr. Da- ten dorf in Schwerin zur bearbeitung übernommen habe. Von den Idiotiken, die zur zeit vorbereitet würden, sei das Woestesche bereits bis zum siebenten bogen gedruckt, das von dem verstorbenen pastor Mechelnborg hinterlassene Wörter- buch der Amrumer mundart werde von herrn Möller druckfertig gemacht. Von den Jahrbüchern des Vereins sei schliesslich das fünfte ziemlich zu ende gedruckt und werde im juli oder august zur Verteilung kommen. Es folgte hierauf der Vortrag desselben herrn Vereinsvorsitzenden dr. Lüb- ben: Zur geschichte der niederdeutschen spräche. Der redner schilderte zunächst den zustand der deutschen und insbesondere der niederdeutschen Sprachforschung zu anfang dieses Jahrhunderts. Die tiefsten Probleme suchte man zu ergründen, ohne auf die nächstliegenden fragen sicheren bescheid geben zu können. Es zeigt das besonders die bearbeitimg, welche die im jähre 1798 von der königl. geselschaft der Wissenschaften zu Göttingen gestclte aufgäbe „über die entstehung, bildung und geschichte der niederdeutschen spräche bis auf Luthers zeiten „gefunden hat. Der preisgekrönte versuch einer beantwor- tung ist die 1800 gedruckte geschichte der niedersächsischen spräche entworfen von J. F. A. Kinder ling, er konte zugleich beweisen, wie verfrüht jene fragen damals gestelt wurden, welche trotz ihrer bedeutung noch heute ungelöst sind. Kinderling sucht im ersten teile seines Werkes das Verhältnis zu ergründen, in JAHRESVERSAMLÜNO D. VEREINS F. NDD. SPRACHE, 357 welchem das Nicderdeutsclic /.um Skythisclien, Keltischen, Griechisclum usw. stünde, am wahrsclieinliclistcu scheint ihm , dass es aus dem Celtoskytliischen entstanden sei. Die niedersächsischo muudart gilt ihm als die mutter aller der germanischen sprachen, welche mit ihm auf gleicher lautstufe stehen , des Angelsächsischen, Frie- sischen, Isländischen usw. Diese anschauung und das Unvermögen bei den denk- mälern, welche vor dem 14. Jahrhundert liegen, hochdeutsch und niederdeutsch sicher zu scheiden, hat sein Verzeichnis niederdeutscher litteraturdenkmäler vom f). — 13. Jahrhundert ermöglicht. Man findet so ziemlich alles, was an ahd. und ags. werken damals bekant war, darin aufgeführt, in allen findet Kinderling spu- ren des Niedersächsischen, im salischen gesetze, in Dagoberts capitularien , den alemannischen und bairischen gesetzen, bei den minnesängern usw. Erst vom 13. und 14. Jahrhundert ab vermag er meist richtig anzugeben , was niederdeutsch ist, und in der Übersicht, welche er über die niederdeutschen denkmäler dieser und der folgenden Jahrhunderte gibt, hat er seiner zeit ein fleissiges und verdienstliches werk geliefert. Die fehler, welche ihm hier unterlaufen, darf man ihm umsoweni- ger hoch anrechnen, als es in der tat bei vielen werken, deren Schreiber hoch- und niederdeutsche formen durcheinander mengen, schwierig oder geradezu unmög- lich ist, zu entscheiden, in welcher mundart sie von ihren Verfassern ursprünglich niedergeschrieben sind. Ganz besonders gilt das von Schriften welche wegen ihrer mitteldeutschen formen in frage kommen. Ist doch sogar die begrenzung der heu- tigen mundart nach Mitteldeutschland zu mit besonderer Schwierigkeit verknüpft, wo der unterschied von dat und das als kriterium nicht immer anwendbar ist, mit hilfe dessen man auf einer grossen strecke des gebietes die grenze des Niederdeut- schen zu ziehen pflegt. Der unterschied und die gemeinsamkeit niederdeutscher und hochdeutscher wortform und bedeutung sei heut zu tage, wo der niederdeutsche von jähr zu jähr an lebendigem Sprachgefühle einbüsse, noch in anderer beziehung verhängnisvoll. Als beleg wie das Niederdeutsche selbst im volke hochdeutsch gedeutet werde , gab der redner ein interessantes beispiel. Bei ihm zuhause findet sich noch für sterben, abscheiden das wort overliden , die ursprüngliche bedeutung ist natürlich „hinübergehen," gedeutet wird es aber jezt als „hinüberleiden, aus- gelitten haben." Redner gieng dann auf die forderungen ein, die man an eine geschichte der niederdeutschen spräche zu stellen habe, sowie auf die Schwierigkeit, ja zum teil Unmöglichkeit, die almähliche Veränderung der niederdeutschen spräche und ilirer dialecte volständig darzulegen , und berührte dabei auch das alter der mittelnieder- deutschen litteraturdenkmäler, welche erst nach 1300, mit welchem jähre ungefähr auch die kanzleien beginnen deutsche Urkunden auszustellen, zahlreicher werden, und schloss mit einer vergleichung der früheren und jetzigen Sprachforschung, wobei er vor den gefahren warnte , welche der lezteren drohen , indem sie auf die minimalsten unterschiede eingehe und gewicht lege , obgleich diese , besonders wenn sie lautphysiologischer art seien , oft nur ganz individuell und nicht in der mund- art selbst gegründet seien. Dem vortrage folgte eine ziemlich augeregte discussion, an der sich die herren direkter Breusing, prof. Hasse, dr. Seelmann und dr. Walther betei- ligten, indem sie besonders die altersbestimmung einiger denkmäler des 13. Jahr- hunderts erörterten. Hiernach empfieng herr dr. med. Casper aus Hamburg das wort zu einigen mitteiluugen über die Nobiskrüge und die mutmassliche Ursache die- ser benenuung. 358 SEELMANN Die rätselhafte bezeiclinuug Nobiskrug, begann der vortragende, welclie ein zwischen Hamburg und Altona belegener alter krug schon vor Jahrhunderten geführt habe, und welche man in vielen gegenden Norddeutsclüands, in Oldenburg, Lauen- burg , Holstein usw. , hin und wider auch in umgestalteter form als Naberskrug u. dgl. widcrflnde, habe seine aufmerksamkcit schon vor mehr als zwanzig jähren erregt und ihn veranlasst nachweise ihres Vorkommens und sagen , welche sich an die so benanten krüge knüpfen , zu sammeln. Die erinnerung hieran sei ihm hier in Hildesheim, in dessen gebiete sich gleicbfalls ein Nobiskrug finde, wider frisch und lebendig geworden und habe ihn zu einem ausfiuge nach dem nicht alzufern gelegenen kruge bewogen. Dieselben eigentümlichkeiten , welche er bei anderen Nobiskrügen bisher beobachtet habe, seien von ihm auch bei dem hiesigen vorge- funden. Er glaube nämlich in bezug auf die läge dieser krüge bemerkt zu haben, dass dieselben stets in der nähe von bodensonkungen, abhängen, teichen oder brüchigen unwirtlichen stellen gebaut seien. Dass dieses auch bei dem Hildesheimer kruge zutreffe, glaube er aus den werten eines alten landmannes folgern zu kön- nen, welcher ihm mitgeteilt habe, dass als er ein junger bursche gewesen sei, der boden an jener stelle dem pflüge grossen widerstand geleistet hätte , er also damals wol noch nicht lange cultivicrt gewesen sei. Ferner senke sich die landstrasse, welche seit alten zeiten bei dem kruge vorüberführe, in einiger entfernung von demselben, diese Senkung sei jedoch nur gering. Eine zweite eigentümlichkeit der Nobiskrüge bestehe, wie schon J. Grimm in der deutschen mythologie bemerkt habe, darin, dass dieselben stets ausserhalb der städte, an der äussersten grenze des gebietes, zu dem sie geliören, gelegen seien , so sei es hier, so bei den krügen in Oldenburg, bei Hamburg und Rendsburg. Drittens sei mehrfach nachweisbar, dass Nobiskrüge von der kirche abhängig oder ihr zinspflichtig gewesen seien , und auch dieses treffe bei dem hiesigen kruge zu, wie er von dem pfarrer der bezüg- lichen parochie erkundet habe. Es sei nun zwar erklärlich und vielfach nachweis- bar, dass gerade an den grenzen zweier gebiete in folge des lebhaften tausch- und handelsverkehrs gern krüge erbaut seien , aber wie eine anzahl derselben gerade zu dem nameii Nobiskrug gekommen sei, ergebe sich erst, wenn man die erwähn- ten eigentümlichkeiten mit dem, was die volkssagen von den einzelnen krügen erzählen, sowie mit den bedeutungen zusammenhalte, welche das wort Nobiskrug getrent von der beziehung auf irgend einen bestimten alten krug in früher ganz algemein verständlichen und gebräuchlichen redensarten wie „im Nobiskrug sein, in Nobiskrug fahren u. dgl." angenommen habe. Der vortragende wies nun an zahlreichen sagen und belegen älteren redegebrauchs nach, dass das wort Nobis- krug zu doppelter bedeutung gelangt sei, einmal habe man es gebraucht im sinne von totenreich, aufenthalt der verstorbenen im algemeinen, in anderen fällen von qualvollem aufenthalt der ohne absolution abgeschiedenen oder für begangene ver- brechen bestraften seelen. So erzählte man, die landsknechte kämen nach ihrem tode in Nobishaus , spielten daselbst mit dem teufel karten usw. Dann aber sprach man auch von dem Nobiskrug, wo die armen seelen in rotem feuer braten und die flammen zum fenster hinausschlagen. Dieser gebrauch des Wortes für hölle stimme volständig zu der etymologie desselben , es hänge nobis nämlich , wie Kilian Duffläus zeige und auch Grimm annehme, sicher mit griech. «^i'ffffo?, aitd. ab is „abgrund, hölle" zusammen, indem a zu 0 verdumpft und als rest der pracposition in ein n vorgeschlagen sei, ebenso biete auch das romanische nabisso neben abisso. Der vortragende meinte nun die veranlassung, dass gewissen krügen die bencnuung abis oder nobis gegeben sei, JAHRBSVERSAMLUNG D. VEREINS F. NDD. SPRACHE. 359 darin zu finden, dass jene stellen, wo oder in deren nähe die Nobiskrügo sich tiudcu , alte heidnische totonfelder oder doch ungeweihte begräbnisplätze gewesen seien , welche zwar unter kirchliclier gewalt gestanden hätten , wo aber nur die- jenigen beerdigt wurden, welchen die lezte ruhestätte in geweihter erde versagt worden wäre. Die bezeichnung solcher stellen als orte der verdamnis, als abis, sei dann auf die krüge übertragen, die hier später erbaut wurden. Bei beginn der zweiten sitzung des Vereins, welche am Vormittage des folgenden tages stattfand, kam zunächst ein von herrn archivar Wehrmann in Lübeck aus einer handschrift des 16. Jahrhunderts herausgegebenes Verzeichnis der fastnachtspiele der i)atrizier in Lübeck „der zu Hildesheim tagenden sechsten jah- resversamlung des Vereins füi- niederdeutsche Sprachforschung zum grusse dar- gebracht" zur Verteilung, worauf herr dr. Walther aus Hamburg das wort zu seinem auf jenes titelverzeichnis sich beziehenden vertrag über die fastnacht- spiele der patrizier in Lübeck erhielt. Nachdem der redner den Ursprung der fastnachtspiele berühi't und die süd- deutschen spiele kurz charakterisiert hatte , wies er auf die geringe zahl der bis jezt bekant gCAVordonen mittelniederdeutschen fastnachtspiele hin , Ad. v. Kellers samlung, welche 132 stücke umfasse, biete unter dieser menge nur drei nieder- deutsche. Wehrmamis publication von 73 titeln der spiele, welche die zirkelgesel- schaft der patrizier in Lübeck von 1430 — 1515 aufgeführt hat, zeige, dass viel verloren sei und dass Lübeck für die pflege dieser gattung des dramas unter den norddeutschen städten so hervorragte wie Nürnberg unter den süddeutschen. Nur eins der stücke, deren titel vorliegen, sei vielleicht erhalten, das im niederd. Jahr- buch 3 (1877) gedruckte spil van der rechtverdicheyt. Wehrmanns Vermutung, dass mitglieder der zirkelgeselschaft, welche sich während des aufruhrs ihrer Vaterstadt von 1408 bis 1416 in Süddeutschland aufhielten, hier an den fastnachtspielen gefallen gefunden und die sitte aljährlicher aufführungen nach Lübeck verpflanzt hätten, habe Wahrscheinlichkeit, vielleicht könne man aber auch niederländischen einfluss annehmen. Jedesfals unterscheide sich, wie die titel und die erhaltenen stücke beweisen, das lübische und vielleicht überhaupt das mittelniederdeutsche fastnachtspiel nicht wenig vom süddeutschen. Für die Selbständigkeit der ent- wickelung oder gar des Ursprungs könne auf den nameu der bühne „borch" gewicht gelegt werden. Die einzelnen titel des Verzeichnisses lassen sich in zwei gruppen teilen, deren erste etwa 50, deren leztere etwa 35 jähre umfasse. In jener sei regelmässig der gegenständ der darstellung , die fabel angegeben , in dieser meist nur die sitliche idee des Stückes. Die erste gruppe gliedere sich in stücke einer ersten periode , in der mittelalterliche und antike sagenstoffe vorhersehen , und die einer zweiten, während welcher novellenartige stoffe beliebt werden und die rich- tung auf das moralisieren sich zu zeigen beginne. Diese tendenz , die sich in alle- gorien und im dramatisieren von lebensregeln und Sprichwörtern gefalle, ward von dem vortragenden an den einzelnen titeln nachgewiesen, es ward gezeigt, dass das fastnachtspiel sich nicht blos im algeraeinen gegen die verschiedenen fehler und gebrechen der menschheit sowie speciell gegen die einzelnerstände, auch des adels, richtete, sondern auch die politik benachbarter fürsten kritisierte. Dieser ernst, der den lübischeu stücken im gegensatz zu den Nürnbergern eigen gewesen zu sein scheine, erkläre sich aus der geselschaftlichen Stellung der dichter, welche mit- glieder der zirkelgeselschaft waren. Wie man die ethische büdung der lübischen patrizier hochstellen müsse, so müsse man nicht minder ihre litterarische anerken- nen. Das beweisen diejenigen titel, welche die dargestelten stoffe angeben. Es 360 SEELMANN, JAHBESVERSAMLUNG D. VEREINS F. NJDD. SPRACHE. wurden dramatisiert biblische stoffe, erzähluugen aus der heldensage, der Artus- sage , der Karlssage , aus mehreren antiken Sagenkreisen , aus der antiken und mittelalterlichen geschichte. Besonders beliebt scheinen die Alexaudersagen gewe- sen zu sein. Auch die Virgilsago sei behandelt, selbst die tierfabel und tiersage benuzt worden. Von anderen erzähluugen fanden vorzugsweise pflege die von der treue. Die resultate der Untersuchung seien folgende: die titel lehren uns Lübecks bedeutving auf einem der gebiete der mittelalterlichen litteratur kennen, wir wer- den über die belletristische lectüro der Lübecker patrizier im mittelalter unterrich- tet; mehrere litterarische stoffe müssen in jezt uubekanten bearbeitungen den Lübeckern vorgelegen haben. Die fernere Untersuchung dürfe sich nicht mit dem nachweis des sonstigen Vorkommens der dargestelton stoffe begnügen, sondern müsse vor allem die unmittelbaren quellen nachzuweisen suchen, aus welchen die Lübecker dichter geschöpft haben können oder erweislich geschöpft haben. Der vortragende wies schliesslich darauf hin , dass die titelnotiz für das jähr 1444 (Kran, Valkc unde Stare) zeige, dass was der Hildesheimer Berthold von Holle im 13. Jahrhundert gedichtet habe, noch zweihundert jähre nach seinem tode in Lübeck gelesen wurde. Die auf die einzelnen titel bezüglichen ausführungen des vortragenden, wel- chen die versamlung mit gröstem Interesse folgte, können in diesem berichte nicht widergegeben werden. Es steht zu hoffen, dass sie im niederdeutschen jahrbuche, wo auch das von Wehrmann veröffentlichte Verzeichnis algemein erreichbar sein wird, recht bald zur mitteilung gelangen. Dem vortrage folgten einige geschäftliche Verhandlungen, widerwahl des herrn dr. Koppmann aus Hamburg in den vorstand u. a. Ferner war von herrn professor Hasse in Kiel ein antrag eingereicht worden, „der verein wolle beschlies- sen, ein Verzeichnis aufnehmen zu lassen von allem, was an ungedruckter nieder- deutscher litteratur vor 1500 (oder 1550) auf der Wolfenbüttler bibliothek vorhan- den sei." Zur begründung führte der antragsteller aus , sein antrag sei durch einen meinungsaustausch veranlast, der gestern abend ungcrufen und uugesucht mehrere mitglieder beschäftigt habe. Die Wolfenbüttler bibliothek sei an nieder- deutscher litteratur bekantlich die reichste und bedeutendste, es sei also um so mehr zu bedauern, dass noch immer kein erschöpfendes und genaues Verzeichnis aller inedita, welche in sammelbänden oder sonst in Wolfenbüttel vorhanden seien, uns vorliege. Da die beamten der bibliothek nach ihrer eigenen angäbe noch in jähren nicht im stände sein werden, ein solches Verzeichnis anzufertigen, so möge dech der verein eine Übersicht des vorhandenen aufnehmen und im jahrbuche zum abdruck bringen lassen. Der versitzende konte zugleich mitteilen , dass die mittel zur ausführung des antrags nicht fehlten, ein gönner des Vereins, der ungenaut zu bleiben wünsche, habe soeben 300 mark als beihülfe für diesen zweck zur Ver- fügung gestelt. Die versamlung beschloss diesen betrag dankbar anzunehmen und den vorstand anzuweisen, alles nötige zur herstellung eines zweckentsprechenden Verzeichnisses der Wolfenbüttler inedita zu veranlassen. Der versitzende schloss darauf die sitzung. Es erübrigt noch zu bemerken, dass die von den Sitzungen und geselligen Zusammenkünften nicht in anspruch genommene zeit zu gemeinsamer besichtigung der baudenkmäler und kunstschätze der stadt, zu einem besuche der an alten drucken und handschriften ziemlich reichen bibliothek des katholischen gymnasiums und zu einem ausfluge nach der Harzburg verwendet wurde. Die nächste versamlung beider vereine wird zu pfingsten nächsten jahres in Danzig statfinden. wiliüelm seelmann. im BEEICHT ÜBER DIE VERHANDLUNGEN DER DEUTSCH - ROMANISCHEN ABTEILUNG DER XXXV. VERSAMLUNG DEUTSCHER PHILOLOGEN UND SCHULÄLÄ.NNER ZU STETTIN vom 21. bis 30. sopteiuber 1880. In clor ersten öt'fcntlicli en sitzung, am montag den 27. September, sprach lierr privatdocent dr. R. Henning aus Berlin über die deutschon runon. Der vortragende knüpfte seine bemerkungen an die kurz vorhergegangene versam- lung der anthropologen in Berlin und die dabei stattgefundene ausstellung deut- scher runen, und widerholte im übrigen das, was er bereits dort am 11. august 1880 vorgetragen hatte, und was auch in dem berichte über jene Verhandlungen s. IIG fg. bereits gedruckt vorliegt. Die darauf folgende erste constituierende sitzung der deutsch -roma- nischen section eröfnote herr professor dr. Rei ff erscheid aus Greifs wald als Vor- sitzender mit einleitenden bemerkungen über das Verhältnis der germanisch -roma- nischen Philologie zur altklassischen , in welcher die jüngeren glieder der familie ihr älteres vorbild zu erblicken haben. Alsdann wählte die versamlung zum Stell- vertreter des versitzenden herrn professor dr. Sachs aus Brandenburg, und zu Schriftführern die herren dr. Varnhagen aus Greifswald, dr. Marold aus Königs- berg und dr. Henrici aus Berlin. Zum schluss brachte der versitzende zur kent- nis, dass zur Verteilung an die section eingegangen seien: 1) Quellen zur geschichte des geistigen lebens in Deutschland während des sieb- zehnten Jahrhunderts usw. von A. Reifferscheid. 2) zehn exemplare des Jahresberichtes über die neuen erscheinungen auf dem gebiete der germani- schen Philologie (vom Verleger). 3) eine anzahl buchhändlerischer annoncen. Zweite sitzung der section, dienstag den 28. September. — Herr profes- sor dr. Reifferscheid sprach über den plan und die grundsätze seiner oben genanten (b egrüssungs-) schrift. Er wolle nur ungedrucktes publicieren und habe in diesem ersten hefte einen anfang gemacht mit Danziger und Bres- lauer handschriften. Die schrift enthält briefe von Z. Lund, C. Barlaeus, H. Grotius, A. Buch.ner an V. Pabricius und A. Buchner an Z. Lund. Fer- ner eine poetische epistel an Ch. v. Hoffmannswaldau und einige strophen von Harssdörfer, Hoffmannswaldau, G. M. Hofmann und Lohenstein. — Hierauf sprach herr dr. Henning über das deutsche haus. Ausgehend von den nachrichten der alten schriftsteiler über den deutschen hausbau und den weni- gen alten funden, wendete sich der vortragende bald zu dem moderneren bau der bauernhäuser in allen teilen Deutschlands und den angrenzenden ländern, Däne- mark, Skandinavien, Polen usw. Hierauf gieng er über zu den nachriehtcn über den ältesten hausbau der Griechen. Dritte sitzung, mittwoeh den 29. September. Herr dr. Michaelis aus Berlin sprach über./i in romanischen (und deutschen) drucken. Er wies auf die verschiedene entstehung des y^ in antiqua und fractur hin und zeigte, dass die form des y^ durchaus nicht der antiqua fremd sei. — Herr professor dr. Sachs aus Brandenburg sprach über die notwendige einheit der deutsch-roma- nischen section. Innerhalb der mitglieder der philologen - versamlung ist das bestreben aufgetreten, eine section für neuere sprachen zu gründen, deren offen- barer zweck ein rein praktischer sei: die lehrer des neufranzösischen und neu- englischen wollen sich von der wissenschaftlichen grundlage der bisher bestehenden einheitlichen section trennen. Herr Sachs wies diese bestrebungen nachdrücklich 362 E. HENRICI zurück, und erklärte, für seine person keinen teil daran zu üaben. (Die section hat sich wirklich constituiert und noch am 30. September nach dem Schlüsse der philologenversamlung eine sitzung abgehalten.) — Herr dr. Henri ei aus Berlin sprach über die handschrif ten von Hartmanns Iwein ; er stclte die frage auf, ob Lachmanns apparat noch den ansprüchen genüge , besonders um auf grund desselben Untersuchungen über das Verhältnis der handschi-ifteu zu machen. Zur beantwortung dieser frage teilte der vortragende seine feststellungen über die von Lachmann benuzte Dresdener handschrift (a) mit. Lachmann gibt irtümlich dafür die nr. 65 an , aber seine lesarten stammen aus der anderen Dresdener handschrift nr. 175. Auch diese hat der herausgeber nie gesehen, sondern nur eine zwar schön geschriebene , aber sehr fehlerhafte abschrift in Berlin benuzt. So gibt denn Lach- mann die fehler dieser abschrift als lesarten der handschrift an. Überdies ist in nr. 175 ein blatt (v. 518 — 573) aus nr. 65 ergänzt, und die verse 7971 — 8018 sind im vorigen Jahrhundert durch den buchbinder an eine falsche stelle gesezt worden. Lachmann gibt aber 518 — 573 als lesarten von a an und die Umstellung als vom Schreiber gemacht. Die ergänzung des fehlenden blattes geschah durch Gottsched aus seiner handschrift Ms. Dresd. nr. 65, von Paul f genant; aber Gottsched ergänzte auch /' v. 53 — 92 aus a. Nun benuzte Lachmann hauptsächlich abschrif- ten und drucke, man darf also ähnliches auch bei den anderen handschriften erwar- ten. Dennoch konte er eine ausgäbe herstellen, weil er A allen übrigen vorzog. Dagegen ist es völlig unmöglich, Untersuchungen über das Verhältnis der hand- schriften anzustellen, wenn nur Lachmanns ap])arat vorliegt. Paul, der dies getan hat, verfält daher in mannigfache fehler, zieht aus den falschen angaben Lach- manns Schlüsse , die nach den sätzen der logik falsch werden müssen , und hat an der einzigen stelle, wo er Lachmanns apparat durch eigenen augenschein vermehrt, sich selbst grob geirt : er gibt lesarten aus /" v. 53 — 92 an , und die gehören , wie vorher nachgewiesen wurde, zu a. — Herr dr. Marold aus Königsborg gab eine Charakteristik der vorlagen der gotischen bibelübersetzung. Der vortragende wies zunächst auf die behandlung dieser frage durch Bern- hardt hin und auf die resultate seiner Untersuchungen. Er hob hervor, dass, um den Charakter der griechischen vorläge zu erkennen, der von Bernhardt ein- geschlagene weg der einzig richtige sei, dass aber seine resultate in wesentlichen punkten berichtigt werden müsten. Nicht A ist in erster linie als der text anzu- sehen , dem der griechische text des gotischen Übersetzers für die evangelien vor- zugsweise nahe gestanden hat, sondern die speciell asiatische textklasse, und beson- ders r/t An. A ist erst in zweiter linie zu berücksichtigen. Ebenfals wesentlich asiatischer text war aber auch der der episteln, denn D, mit dem die gotische Übersetzung wol am häufigsten übercinstimt, nimt eine mittelstellung ein zwischen den asiatischen und alexandrinischen texten einerseits und den italischen andrer- seits, und die Übereinstimmung mit vorzugsweise asiatischen texten wie K und L ist fast eben so gross, während A hier ebenfals ein wenig hinter den asiatischen texten zurücksteht, doch nicht so weit, wie Bernhardt annimt, was durch zahlen zu erweisen ist. Zur bestätigung des asiatischen Charakters der griechischen vor- lagen dienen sodann einzelstehende Übereinstimmungen mit lesarten , wie sie asia- tische kirchenväter bieten , wie z. b. im zweiten Chorintherbriefe Chrysostomus oder Übereinstimmung mit der armenischen Übersetzung. - Darauf gicng der vortra- gende auf das lateinische über, dessen ursprüngliche benutzung er als ausser frage stehend hinstelte. Der Übersetzer hat es in weit ausgedehnterem masse zu rate gezogen, als Bernhardts beraerkungcn in seiner ausgäbe es vermuten lassen. Soll PHILOLOGEN -VKRSAMLÜNG IN STETTIN 363 die frage nach der beschaffenheit dos Italatextes , dessen sich der Übersetzer bediente, entschieden worden , so darf man niclit nur auf zusätzo und auslassungen , sofern dieselben zu lateinischen texten stimmen, achten, sondern vor allen dingen müssen Umschreibungen bildlicher ausdrücke , Umschreibungen für solche worte, welche dein Gotischen fehlten, ins äuge gefasst werden. Hat man dadurch sicheren boden gewonnen , so wird man auch abweichende constructionen , Stellungen usw. richtig behandeln können. Dafür gab er einige beispiele; so wird sMoxia Lc. II, 14 und Phil. I, 15 mit gods vilja übersczt nach dem lat. bona voluntas oder Rom. X, 1 mit vilja nach lat. voluntas: oder Mc. I, 11 tvdox^Tv mit vaila fjaleikan nach bfg' benc complacerc (b bcuc placere). Col. I, 10 wird neQtnnrfjaai (c^iwg rov y.vQiov dg nßaav agtaxiav übertragen mit ei gaggeip vairpaha fraujins in allamma pata galeikaip nach deg ut ambuletis digne deo in omne quod placeat (g in omnibus quae placent). Wenn ferner Jh. XVIII, 2 awr'jxß^rj 6 ^IriGoCg mit gaidclja Jesus übersezt wird, so ist das im anschluss an conveniebat (cf) oder convenerat (abg) geschehen; und wenn wir an dieser stelle in dem Italatexte e colligit se lesen, so gibt uns das eine erklärung, wie Ulfilas an anderen stellen auf sik galisan für awdytafhtci verfallen ist. Es wurde alsdann auf die Umschreibungen des futurs mit haban und dugimian verwiesen, die den lateinischen mit habere und incipere ent- sprechen, welche in der Itala zu finden sind; auf abweichungen des Gotischen vom Griechischen in der wähl eines tempus, im numerus und bei den adjectiven im Steigerungsgrad , wo dem Gotischen in den meisten fällen das Lateinische zur seite steht. Doch hat der Übersetzer auch liiebei im ganzen sich seine freiheit gewahrt und hat sich an schwierigen stellen vom Lateinischen meistens nur den weg wei- sen lassen , um dann eine dem geist seiner spräche entsprechende Übersetzung zu wählen. Was die Italatexte selbst betrift, an die die änderungen sich anlehnen, so kommen für die evangelion vorzugsweise in betracht aef, sodann c und ab und d (die bezeichnungen sind durchweg nach Tischendorf gesezt) und zwar gehören a c dem africanischen , f dem italischen texte an , während e und d mischcodices sind. Es scheinen aber acef in besonderem Zusammenhang zu stehn, wie sich durch auffallende Übereinstimmung von lesarten gegenüber den andern dartun lässt. Die Italacodices müsten aber, soweit dies nicht besonders von Tischendorf gesche- hen ist, neu verglichen werden, da sie grossenteils nur in alten ausgaben vorhan- den sind, dann Hesse sich erst sicheres behaupten. In den episteln, wo die benutzung des Lateinischen vielleicht etwas öfter nachzuweisen ist, ist d derjenige text, dem sich die änderungen am meisten zuneigen, demnächst der dem commen- tar des Ambrosiaster zu gründe gelegte text, in weiterer folge erst g und die übri- gen Italatexte. Auch hier gehörte das Latein der vorläge einem mischcodex an. So ergibt sich, dass der Übersetzer der gotischen bibel einen griechischen und einen lateinischen text benuzt hat, der nicht in voller reinheit den Charakter einer der grossen textklassen besass. Die nähere begründung für diese ausführungen will der vortragende, da er sie zum grossen teil bereits ausgearbeitet hat, bal- digst geben. Vierte Sitzung, 30. September. — Hr. dr. Mahn aus Berlin sprach über die entstehung der italiänischen spräche aus den lateinischen, griechischen, deutschen und keltischen elementen und über die dabei wirkenden principien und Ursachen. Nach einer historischen Umschau über die bisherigen versuche , die entstehung des italiänischen zu erklä- ren gieug der vortragende zuerst über auf die einflüsse der Volkssprache, auf das lateinische. Die nächste wichtigste Umwälzung fand durch die einwandernden deut- 364 E. HENRICI, PHILOLOGEN - VERSAMLUNG IN STETTIN sehen barbaren statt. Zuerst kämpfte das deutsche mit dem volkslateic , dann siegte zwar das lateinische, aber das deutsche Hess dauernde spuren in dem voca- belschatze zurück, und auch in den flexionen, die durch den zusammenstoss beider sprachen sehr vermindert wurden. Auch ausspräche und betonung musten durch den verkehr der sieger und besiegten verändert werden. Ohne die einfiüsse der Germanen hätten vielleicht ähnliche Umwälzungen stattgefunden, aber viel lang- samer. Während die Germanen auf die flexionen nur zerstörend wirkten, vermehr- ten sie den vocabelvorrat erheblich. Die deutschen Wörter betreffen zunächst das kriegswesen, dann gegenstände wie pflanzen, körperteile, aber wenig abstracta. Auch nachbildungen deutscher composita finden sich (intertenire — unterhalten). Die übrigen fremden elemcnte sind bedeutend geringer , am erheblichsten noch das griechische, dann das keltische, slavischc und einiges baskische. Arabische Wörter sind nur aus dem spanischen gekommen. Endlich bleiben noch einige dunkle Wör- ter übrig. Nach diesen algemeinen grundzügen beleuchtete der vortragende die einzelnen bildungsgesetze der italiänischen spräche. Den lezten vertrag hielt herr professor Eeifforscheid, über Rückert als gerra anist. Rückert wird häufig unterschäzt, weil er nie ehrgeizig hervortrat und weil krankheit ihn fast immer an der Vollendung seiner arbeiten hinderte. Der grundgedanke seines strebens war die bedeutung unserer Wissenschaft für das Vater- land und das volk ; er wirkte daher besonders für die deutsche gesamtbildung durch zahllose populäre Schriften, und das schon zu einer zeit, als die deutsche philolo- gie noch um ihre cxistenz zu kämpfen hatte. Hierauf gieng der vortragende zu den einzelnen vollendeten wie unvollendeten arbeiten über, beginnend mit der recension von Müllenhofts Kudruu, und endend mit der Heliandausgabe, deren Wörterbuch Rückert nicht mehr vollendete. Erwähnt wurden seine vorarbeiten für eine ausgäbe der älteren epischen und episch -lyrischen gedichte, seine abhandlun- gen über die schlesische mundart und das Verhältnis der Schriftsprache zur mundart. Bei T. 0. Weigel in Leipzig erschien von ihm (1875) eine kritische „geschichte der neuhochdeutschen Schriftsprache"; sie ist unvollendet . geblieben. — Über textkritische arbeiten dachte er gering. Seine beste ausgäbe ist der Welsche gast, doch auch dieser hat mängel. Die ausgaben mit erklärenden anmerkungen müssen überhaupt mit einem andern masse gemessen werden, so der Rother und der Heiland. — Zum Schlüsse gieng der vortragende auf den grossen einfluss über, welchen Rückert durch seine anregenden Vorlesungen stets ausgeübt hat. Nach beendigung des Vortrages wählte die versamlung zum Vorsitzenden für die nächste in Karlsruhe statfindende versamlung herrn professor Bartsch in Heidelberg. - Als mitglieder waren 35 personen eingezeichnet. BERLIN, 14. OCTOBER 1880. EMIL HENRICI. Adolf Ebert, Allgemeine geschichte der literatur des mittolalters im abendlande. Zweiter band: Geschichte der lateinischen lite- ratur vom Zeitalter Karls des Grossen bis zum tode Karls des Kahlen. Leipzig, F. C. W. Vogel. 1880. 404 s. gr. 8. 9 m. Von des Verfassers berühmtem werke „Geschichte der christlich - lateinischen litteratur von ihren anfangen bis zum Zeitalter Karls des Grossen" ist nach einem sechsjährigen Zwischenräume jezt der zweite band gefolgt. Jenes werk behandelt in drei büchern die christlich -lateinischen Schriftsteller von Minucius Felix an bis auf Aldhelm, Bcda und Bouifatius, dieses umfasst das vierte und fünfte buch und PETEBS, ÜBER EBERT , GESCH. DER LITT DES M. - A. 2. 3G5 führt die gescliichto der lateinischen weltlitteratur weiter bis zum tode Karls des Kahlen. Möchte es dem Verfasser doch vergönt sein , bald auch den in der vorrede angekündigten dritten band nachfolgen zu lassen ! In diesem Avird das sechste buch die geschichte der germanischen national -litteraturen von ihren anfangen bis zum tode Karls des Kahlen erzählen, das siebente die karolingische litteratur auf bei- den gebieten, dem der lateinischen wie der nationallitteratur, dann auch der roma- nischen , enthalten und zusammen bis zu ende behandeln. — Während dem Verfas- ser in dem ersten bände eine reiche fülle von vorarbeiten zu geböte stand, und er sich dort zum grösten teil auf einem von philologen und theologen schon seit Jahr- hunderten angebauten boden befand, galt es in dem vorliegenden werke, von dem ein ähnliches noch nicht vorhanden ist, auf einem wenig bearbeiteten gebiet sich bahn zu brechen und Inhalt wie composition gleichsam neu zu schaffen. Ja, noch mehr, es galt eine hochinteressante und hochbedeutsame litteratur, die in umfang- reichen Sammelwerken vergraben und zum teil noch ungedruckt, nur wenigen ein- geweihten bekant und zugänglich war, zur algemeiueren kentnis zu bringen und in das rechte licht zu stellen. Dies ist dem Verfasser des vorliegenden Werkes in hervorragender weise gelungen , und wir begrüssen es mit um so grösserer freude als es ims ein wilkommenes hilfsmittel sein wird zum Verständnis und zur ästhe- tischen Würdigung der poetae latini aevi Carolini, welche samlung Dümmler dem- nächst erscheinen lassen wird. Wir wollen nun versuchen , ein bild von dem reich- haltigen und gediegenen Inhalt des hier gebotenen zu entwerfen. Das vierte buch umfasst in zehn capiteln hauptsächlich die autoren, welche sich um die person Karls des Grossen gruppieren. An der spitze derselben steht Alcuin, dem der kai- ser vorzugsweise seine wissenschaftliche bildung verdankte (c. 1), ihm folgt Paulus Diaconus, der berühmte geschichtsschreiber der Langobarden (c. 2). Karls persön- lichkeit und taten erweckten bereits damals eine epische dichtung, deren Vertreter der dem namen nach unbekante Hibernicus exul und Angilbert sind (c. 3). Nicht minder wurde die ekloge in Karls grammatisch - aesthetischem kreise gepflegt, und so wird die eklogendichtung eines Naso und Dodo angeschlossen, fals lezterer der dichter des Conflictus veris et hiemis ist (c. 4). Daran reiht sich Theodulf , der geistvolle bischof von Orleans (c. 5) , und die erzählende dichtung eines Angelsach- sen Ethelwulf (c. 6). Während bisher nur von der kunstdichtung die rede war, folgt nun (c. 7) die darstellung der volksmässigeu weltlichen dichtung in ryth- mischen versen , zu welcher ein gedieht auf den sieg Pippins über die Avaren , auf den tod des markgrafen Erich von Friaul und ein klagelied auf die Zerstörung von Aquileja gehören, von welchen die beiden lezteren wol den Paulinus von Aquileja zum Verfasser haben, dessen leben und werke den schluss des capitels bilden. Die beiden folgenden sind der geschichtsschreibung gewidmet und zwar c. 8 besonders Einhard und den reichsannalen , c. 9 den heiligenleben des Eigil und Lindger. C. 10 endlich behandelt die didactische prosa, deren Vertreter Smaragdus ist. Umfänglicher ist das fünfte buch. Die capitel 1 — 3 stellen Eaban und seine Schüler Walahfrid Strabo und Gottschalk dar , welcher leztere später sein heftigster gegner wurde. C. 4 handelt von Ermoldus Nigellus , dem Vertreter der weltlichen epik, c. 5 von einem hervorragenden Vertreter der gelehrsamkeit, Ermenrich von Ellwangen. C. 6 hat die lothringischen dichter Wandalbert und Sedulius Scotus, c. 7 den Servatus Lupus zum gegenständ, den Vertreter der grammatisch -huma- nistischen richtung in Westfrancien . Die beiden folgenden capitel 8 und 9 machen uns mit den ersten modernen publicisten bekant, mit Agobard, erzbischof von Lyon, und Claudius, bischof von Turin, sowie mit dessen gegnern Dungalus und Jonas. 366 PETERS C. 10 und 11 handeln von den Vertretern der damaligen dogmatischen litteratar: Paschasius ßadbert, Eatramnus und Hincmar, erzbischof von Eeims. C. 12 ist dem Philosophen Johannes Scotus Erigena gewidmet, das folgende seinen gegnern Prudentius , bischof von Troyes , und Plorus , diacon von Lyon , sowie dem dichter Audradus. C. 14 bespricht die westfränkischen dichter Milo und Heiric, c. 15 die eklogen und elegien dieser epoche, insbesondere die dichter Agius, Ildericus und Bertharius. C. 16 handelt von den Vertretern der lateinischen litteratur in Spanien, Eulogius und Alvarus. In c. 17 wird die volksmässige rhythmische dichtung die- ses Zeitraums vorgeführt, z. b. ein planctus auf den tod Karls des Grossen, ein gedieht auf die schlacht bei Pontanetum, ein anderes auf den tod Hugos, abtes von St. Quentin , ein schimpflied gegen Aquileja , ein gedieht auf die Zerstörung des klosters Glonna u. a. Die folgenden capitel behandeln die historiographie und zwar c. 18 die heiligenleben und translationen Ostfranciens , c. 19 diejenigen West- franciens. C. 20 hat Thegans und des Astronomus biographie Ludwigs des From- men zum gegenständ, c. 21 die reichsannalen und Nithards werk, c. 22 bespricht die geschichten mehrerer bistümer und klöster, c. 23 die weltchroniken von Frechulf und Ado, c. 24 die nationalen geschichtsAverke des Nennius und Erehanbert, end- lich c. 25 die geographischen werke des Dicuil und Bernard. Ein namen- und Sachregister bildet den beschluss. So beschaffen ist der Inhalt und die composition dieses bedeutenden Werkes. Das verfahren des Verfassers im einzelnen ist dasselbe wie im ersten bände. Jedem buch geht eine einleitung voran, welche die zu behandelnde periode in den haupt- zügen anschaulich und lebendig charakterisiert. Darauf folgt die besprechung der autoren selbst. Bei der darstellung ihres lebens ist in einer anmerkung auf die bezügliche litteratur verwiesen, soweit sie von irgendwelchem wert ist. An die angäbe über die lebensumstände schliesst sich die besprechung der einzelnen werke. Dieselben werden zu bestirnten gruppen geordnet vorgeführt. Von allen wird eine ausführliche analyse des Inhalts gegeben , die von der staunenswerten belesenheit des Verfassers zeugt. Aber noch mehr! Überall geht er den benuzten quellen nach und deckt sie auf, überall verfolgt er den einfluss des besprochenen Werkes und seine culturgeschichtliche bedeutung bis ins späteste mittelalter. Mit liebe notiert er alles, was auf germanisches und romanisches altertum und litteratur sich bezieht und zeigt vielfach, wie in der lateinischen litteratur jener zeit die keime manches Sagenkreises und mancher dichtungsarten liegen. Nicht minder sorgfältig zieht er die metrik in den kreis seiner betrachtung. Stets weist er auf die bedeutung der historischen , theologischen und philosophischen Schriften dieser periode für das spä- tere mittelalter hin : kurz das werk ist nicht blos für den latinisten , sondern auch für den germanisten, ronianisten, historiker, theologen, philosophen von einer eminenten bedeutung. Im folgenden soll dieselbe noch im einzelnen aus dem werke selbst nachgewiesen werden. Schon Alcuins gedieht de clade Lindisfarnensis monasterii ist in sofern von litteraturgeschichtlicher bedeutung, als es bereits die dichtung auf das weltliche gebiet hinüberführt, so dass es als der erste Vorläufer jener dem epos so nahe ver- wanten reimchroniken des späteren niittelalters erscheint, die ja auch zuweilen die kirchlichen voi'hältnisse in den Vordergrund treten lassen (s. 27). In Angilberts dichtung hat bereits die Schilderung der schönen geschmückten frauen , bei welcher der dichter mit verliebe verweilt, einen sinlich romantischen und höfischen Cha- rakter (s. 62) , auch wird von Alcuin seine verliebe für die aufführungen der histrio- nen getadelt, deren fortdauer also bezeugt wird (s. 63). Das klagelied auf den tod ÜBEE EBBET, GESCH. DER LITT. DES M. - A. 2. 367 Erichs ist wol der erste planctus, der sich erhalten (s. 87). Das gedieht auf den sieg Pippins über die Avaren erliält durch eingeflochtene reden eine dramatische lel)endigkeit, welche die älnilichkeit dieses gedichtes mit den späteren romanzen wesentlich erhöht (s. 87). Bei Walahfrid Strabos werk de visionibus Wettini wird dai-auf aufmerksam gemacht, dass es die erste darstellung einer solchen vision in Versen ist, mit welcher diese besondere species mittelalterlicher dichtungen begint, die ihre höchste Vollendung in Dantes göttlicher komödie findet; mit dieser selbst teilt das werk auch manche einzelne züge: zu ihnen gehört namentlich die rolle des führers , die art, wie die strafe die sünde malt, das zeitgenössisch -persönliche, die himlische hierarchie des paradieses, der bis in den himrael sich erhebende berg des fegefeuers (s. 149). Sein gedieht hortulus , worin er sein klostergärtchen beschreibt, gewann niclit blos den beifall des mittelalters , sondern auch den der Immanisten, sodass es im 16. Jahrhundert nicht weniger als achtmal im drucke erschien (s. 158). In des Hibernicus exul versus ad Karolum imperatorem erscheint in der dichtung wol die erste erwähnung der Trojasage der Franken: 0 gens regalis profecta a moenihiis altis Troiae , nam x>atres nostros Ms appulit oris (s. 58). Ebenso wird in Hincmars vita Remigii cap. 29 der Trojanersage der Fran- ken gedacht (s. 256). Was die Sagenkreise anbetrift, so ist das werk des Ermoldus Nigellus de gestis Ludoviei Caesaris von keinem geringen litterargeschichtlichen wert. Hier finden wir zum ersten mal als gegenständ der epik den kämpf mit den Sarazenen, und swar zur zeit Karls des Grossen, also das sujet des volkstümlichsten der grossen Sagenkreise der nationalen weltlitteratur , und zwar schon auf grand münd- licher Überlieferung, der sage, wie der dichter selbst bemerkt. Zugleich erscheint hier bereits und als der hauptheld jener Wilhelm von Toulouse, der als Guillaume d'Orange oder Guillaume au court-nez, der mittelpunkt eines der drei cyklen des Karolingischen sagenki-eises ist, welche zuerst die nordfranzösische nationaldichtung ausbildete. Manche acht epische züge finden sich in dem gedieht, die recht unmit- telbar an das Karolingische volksepos erinnern (s. 174). Wichtig für die Karlssage ist auch des Astronomus vita Ludoviei. Hier werden namentlich auch die Verhält- nisse des Frankenreiches zu Spanien, die kämpfe mit den Mauren, aber auch mit den Basken, zum teil selbst im einzelnen geschildert, wie denn auch hier der nie- derlage von Eonceval cap. 2 gedacht wird (s. 363). Auch aus dem Sagenkreise Alexanders des Grossen findet sich schon in diesem Zeitabschnitte ein eigentüm- liches rhythmisches gedieht (s. 321). Ein aufsatz, der sich unter den homilien des Raban findet (nr. 10), aber wol nicht von ihm stamt, handelt von der zurückfüh- rung des von Kosroe geraubten heiligen kreuzes nach Jerusalem durch kaiser Hera- clius , — ein im späteren mittelalter , auch in den nationallitteraturen , öfter behan- delter Stoff". Massmann hat diese stelle in seinem Eraclius nicht erwähnt (s. 142). Auf die schon damals weite Verbreitung der Pilatussage wird hingewiesen bei der besprechung des Sedulius Scotus werk de rectoribus Christianis. Ebendort findet sich schon ein beachtenswerter hinweis auf die physiologen (s. 200). Auf die älteste poetische behandlung der legende vom heiligen Eustachius, die im mittelalter so beliebt war und in den verschiedenen nationallitteraturen in prosa und in versen bearbeitet wurde, wird ebenfals aufmerksam gemacht (s. 319). Über Arthur, den held der Artussage, bietet die ersten nachrichten des JSTennius historia Britonum. Dort wird der kämpfe zwischen Britten und Sachsen gedacht, in welchen Arthur nicht als künig, sondern als unterfeldherr sich in zwölf trefleu auszeichnete: duo- 368 PETEES decimum fuit bellum in monte Badonis, in quo corruerunt in uno die nongenti sexaginta viri de uno impetu Arthur; et nemo prostravit eos nisi ipse solus, et in Omnibus bellis victor exstitit (s. 390). Audi auf die anfange der tierfabcl in dieser periode wird hingewiesen. Von Alcuin hat sich eine fabel vom hahn und wolf erhalten (s. 32) , von Paulus Diaco- nus gibt es drei fabeln: das kälbchen und der storch, das podagra und der floh, die heilung des kranken löwen. Diese fabeln sind für die geschichte der tierfabel sehr merkwürdig und zeigen, wie auch diese dichtungsart an dem aesthetischen hofe Karls des Grossen gepflegt wurde (s. 54). Den anfang des Marioncultus , der sich bei den dichtem der späteren zeit in überschwenglichen beiwörtern kund tut, finden wir schon in IVIilos werk de sobrietate, wo der Jungfrau die verschiedensten praedicate aus dem pflanzen- und steinreiche beigelegt werden: cedrus, cypressus, platanus, vmx, myrtus , oliva, myrra, storax, calamus , thus, oalsama , cassia, nardus, onyx, cristallus, lyrasius , herillus , iaspis; später heisst sie noch: margarita micans , praecellens unio geminas (s. 283). Culturhistorisch interessant ist in demselben werke auch die aufzählung der verschiedenen damals gebräuchlichen musikinstrumente : harpa , lirae , citharae , psalteria , fistula , viusae, cimbala , samhucae, simphonia, timpana, sistra (s. 283). In bezug auf dichtungsarten erfahren wir, dass der confiictus veris et hie- mis das älteste bekante der später auch in den nationallitteraturen beliebten streit- gedichte ist, und dass dieselben sich aus der der antiken nachgebildeten ekloge entwickelt haben (s. 68). Das Zweitälteste streitgedicht ist das certameu rosae liliique von Sedulius Scotus (s. 197). In der metrik wird zunächst auf die metrischen künste des Eaban aufmerk- sam gemacht in seiner bilderdichtuug de laudibus sanctae crucis, worin das kreuz in 28 figuren erscheint, die in gedichten von hexamotern sich abgezeichnet finden, indem die durch die linien der Zeichnung eingeschlossenen buchstaben wider zugleich verse für sich , und auch andre als hexameter bilden — freilich wertlose metrische künste, die aber die mitweit und eine spätere nachweit sehr bewunderte (s. 143). Bei Gottschalks poetischer epistel an Ratramnus erfahren wir, dass die hexameter dieses briefes wol die ältesten leoninischen sind, die mit bewustsein in einem grös- seren gedieht volständig durchgeführt sind (s. 167). In Wandalberts gedichten finden sich einige beachtenswerte eigentümlichkeiten der mittelalterlichen metrik; so wer- den hier die Strophen durch die ausdrücke versus maiores oder versus maioris com- plexionis bezeichnet (s. 186). Dos Sedulius Scotus grammatischer witz, einen freund im eingang eines gedichtes in allen sechs casus zu begrüssen, erinnert etwas an die Spielerei des grammatischen reims in der lyrik der troubadours (s. 196). Die alliteration als poetischer schmück wird verwendet von Milo, mitunter in ganz übertreibender weise (s. 280). Was die grammatischen deutschen Studien jener zeit anbelangt, so erfahren wir manches interessante: so wählt Smaragdus in seiner grammatik, dem commen- tar zum Donat, auch beispiele aus der gegenwart und erklärt nicht wenige eigen- namen der Franken und Gothen. Dass die etymologische erklärung oft eine falsche ist, darf freilich nicht wunder nehmen (s. 109). Nicht minder wird auf die bemü- Imngen Rabans um die deutsche spräche eingegangen. Sein Interesse für die mut- tersprache bezeugen samlungen deutscher glossen, wie auch Walahfrid eine über ÜBER EBERT, GESCH. DER LITT. D. M. -A. 2. 3G7 die teile des menscblicheu körpers nach Rabans vertrag aufgezeichnet hat. So wird Raban auch eine bearbeitung eines lateinisch - deutschen glossars zur bibel beigelegt. Sein deutsch -philologisches Interesse bekundet sich ferner in der ety- mologischen erklärung von deutschen porsonennamen in manchen seiner gedichte. Auch in der erneuerung des gebots deutscher predigt auf der ersten von Raban praesidierten synode kann man ein zeugnis seiner liebe zur muttersprache sehen (s. 127). In seinem aufsatz de inventione linguarum erwähnt er auch der runen als eines alphabetes der Marcomanuen oder Nordmannen, dessen sich noch die in heid- nischen riten befangenen zur aufzeichnuug ihrer lieder und Zaubersprüche bedien- ten (s. 127). Auch Walahfrid Strabo hat in seiner schrift de ecclesiasticarum reriim exordiis et inerementis ein interessantes capitel (7), worin über die erkläruug des deutschen namens des gotteshauses (kirche von kyriaka) gehandelt wird. Ebendort wird der noch erhaltenen bibelübersetzung der Gothen gedacht (s. 163). Erwähnens- wert in culturgeschichtlicher beziehung sind auch die predigten Rabans, in denen namentlich die reste heidnisch - germanischen aberglaubens bekämpft werden (s. 141). — In bezug auf die bedeutung theologischer werke erfahren wir besonders folgen- des: Alcuins art der bibelerklärung durch eine blüteniese von citaten aus den kir- chenvätern wurde ein mustor für die folgezeit (s. 21). Des Paulus Diaconus homi- liensamlung blieb zehn Jahrhunderte im gebrauch der katholischen kirche (s. 47). Theodulfs hymuus auf den palmsontag ist sogar noch von den Protestanten des 16. Jahrhunderts an diesem festtage gesungen worden (s. 84). Des Smaragdus werk diadema monachorum hat eine weite vei'breitung gefunden und ist, nachdem es durch das ganze mittelalter in ansehn geblieben, im 16. und 17. Jahrhundert wider- holt gedruckt worden (s. 109). Rabans commentar zum Matthaeus ist besonders wichtig wegen des einflusses , den er auf die dichtung Otfrids gehabt hat (s. 129). Sein werk de clericorum institutione ist beachtenswert durch den eintiuss, den es nicht blos auf die unmittelbaren schüler, sondern auch auf eine spätere folgezeit gehabt hat (s. 134). Walahfrid Strabos theologisches werk glossa ordinaria erhielt sich noch bis in das 17. Jahrhundert in ansehn und war das beliebteste hülfsmittel der bibelerklärung im mittelalter (s. 164). Radbert schrieb die erste monographie über die lehre vom abendmalil und übte durch dieselbe für die folgezeit den mäch- tigsten einflus aus (s. 232). Was die philosophie anbetrift, so wird besonders auf die bedeutung des Erigena aufmerksam gemacht. Sein hauptwerk thqi (fvGiwg ui()tauov id est de divisione naturae stelt zuerst die philosophie als eine ebenbürtige Wissenschaft der theologie zur seite und schliesst die keime der späteren mittelalterlichen speculation in sich nach ihren verschiedenen richtungen , sowol der dialektischen Scholastik und zwar des realismus wie des nominalismus als auch des speeulativen mysticismus (s. 261). Die schriften seiner gogner Prudentius und Florus haben das interesse, dass in ihnen wol zuerst im eigentlichen mittelalter ein kämpf der theologie und der philosophie erscheint, die sogleich auf das Iieftigste aneinander geraten (s. 269). Diese bemerkungen v/erden genügen , um auf die bedeutung des Ebertschen Werkes aufmerksam zu machen. Hinzuzufügen ist noch die Verbesserung einiger druckfehler: s. 164 z. 11 v. u. lies etiam, s. 198 z. 2 v. u. lies transcurrendo , s. 392 z. 6 V. u. tilge ,, der." BERLIN. EMIL PRTER.S. ZEITSCHR. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XII. 24 368 ZU WILKENS AUSGABE DER VÖLSUNGA - SAGA. Nachtrag zu ztschr. XII , 83 fgg. Zu meiner recension von Wilkens büchern in dieser ztschr. XII, 83 — 113 gestatte ich mir im folgenden einige berichtigungen und erläuterungen, die ich zum teil der stets bereitwilligen gute des herrn prof. Möbius verdanke. S. 86, z. 22 röäru] 1. rodru. Die ganze stelle, B. 116, 27 fg., wie sie dasteht, kann nur bedeuten: ,,und die see war, als ob man in blut sähe." Die Fas. I, 156 und Bugge 116, 28 lesen roäru, dagegen Wilken 177, 3 röäru. Nun bieten freilich auch die Wörterbücher röära f. ,, blut " (vgl. Egilsson 673'', Vigfusson 502 '') , doch scheint die verwantschaft mit skr. rudhira die kürze der Stammsilbe zu fordern. Die stelle ist übrigens der gezwungenen ausdrucksweise wegen nicht ohne bedenken. Wäre die Vermutung nicht zu kühn , so möchte ich an eine Verderbnis glauben und vorschlagen zu lesen en svä var sjärinn, sem i raudium scsvi ,,wie im roten meere." S. 86 , z. 36. Eas. , Bugge und Wilken lesen hier eigi sd (se) ek svä Gurmar, at minn hugr hlceja vidhänum: ein überraschendes beispiel, wie ein ganz elemen- tarer Schnitzer sich wie eine ewige krankheit durch die ausgaben fortschleppen kann. Selbst Bugges genialem äuge entgieng es, dass lilcRJa hier ganz unmöglich und unbedingt in hlcci zu bessern ist. Von einem inf. kann hier ja nicht die rede sein, wie B. 89 ^"^ und 166 20, wo gerir, (yer^t vorhergehen, sondern einzig und allein von der 3. pers. conj. praes. Diese aber heisst hlcei. S. 87. z. 9 V. u. Herr prof. Möbius macht mich darauf aufmerksam , dass Cod. AM 62 eine ungenügende bezeichnung ist. Es muss heissen Cod. AM 62 fol. S. 89, z. 7 V. u. Dass in Regm. 13 ^ Jconr in SR das ursprüngliche ist, zeigt ja auch der stabreim: kominn es hingat konr Sigmundar. S. 92, anm. 2 behaupte ich, dass Hildebrand in Regm. 18* die handschriftliche les- art hafäi, die alle früheren herausgeber in hafäak änderten, mit recht beibehal- ten hat. Die änderung hatte den zweck , z. 4 in Übereinstimmung zu bringen mit z. 2, wo gldddak gelesen wurde. Hildebrand dagegen behielt Aa/'^j bei und änderte das vermeintliche gladdac der hs. in gladdi. Inzwischen ist Hildebrands herstel- lung der 3. pers. durch die handschrift selbst bestätigt, denn, wie mir herr prof. Bugge schon vor längerer zeit mitgeteilt hat (vgl. auch Wimmers Oldnordisk Lsese- bog 2 s. V) , hat der Schreiber von R gladdac gebessert in gladdae , also gladde. Mit Hildebrand und Wimmer Lseseb. '-^ s. 21 und unter berücksichtigung von Sievers Beitr. 6, 333 fg. wird Regm. 18, 1--4 demnach zu lesen sein: Hnikarr hetumk päs hugin gladdi Vqlsimgr ungi ok vegit hafdi. Ich benutze diese gelegenheit zu zwei weiteren bemerkungen , die den text von R betreffen und mir gleichfals von professor Bugge mitgeteilt sind. Völundarkvida 17, 1 stehen in der hs. über amon nicht zwei punkte , wie Bugge in seiner ausgäbe s. 166 angibt. Helreid Brynhildar 1, 6 bestärkt R die lesart von Hildebrand, denn es steht nicht q da, sondern e, d.h. der Schreiber schrieb erst e (den ersten buchstaben von ew) , tilgte es aber, als er sich auf das ausgelassene heldr besann. GRONINGEN, 2.5. SEPTBE. 1880. B. STMONS. 369 Verzeichnis der auf dem gebiete der altnordischen (altisländischen und altnorwegischen) spräche und literatur von 1855 bis 1879 erschie- nenen Schriften. Von Tli. Möbius. Leipzig, vorlag von Willi. Engelmann. 1880. IV, 129 s. 8. n. m. 3,50. Jeder, der sich mehr als oberflächlich mit der scandinavischen pliilologie beschäftigt hat, kent den wert des von Th. Möbius im jähre 1856 herausgegebenen ,,catalogus librorum islandicorum et norvegicorum aetatis niediae" als eines unent- behrlichen bibliographischen hilfsmittels, und wird es schmerzlich empfunden haben, für die seit jener zeit erschienenen publicationen eines gleich sorgfältigen und zu- verlässigen Wegweisers zu entbehren. Es wird daher innerhalb des stets wachsen- den kreises der Interessenten mit algemeiner freude begrtisst worden sein, dass der Verfasser des catalogus sich entschlossen hat, einen nachtrag zu seinem werke zu liefern, der sich nur dadurch von diesem unterscheidet, dass er in das gewand der deutschen spräche gekleidet ist. Sonst ist die einrichtung beider bücher vol- kommen gleich. Das neue verzeichnet zuerst in systematischer weise die werke bibliographischen und biographischen Inhalts (s. 1 — 2), die fachzeitschiüften und handschriftencataloge (s. 2 — 4), die Sammelwerke (s. 4 — 5), die litterarhistorischen Schriften (s. 5 — 9), die gesamte rimenlitteratur (s. 9 — 14), sodann die werke über grammatik und metrik einschliesslich der für den gebrauch des anfängers bestirnten lesebücher (s. 14 — 21), die lexicographischen arbeiten (s. 21 — 23) und die sam- lungen altnordischer texte (s. 24 — 36). Hierauf folgt der hauptteil des Werkes, das alphabetische Verzeichnis der in den lezten 25 jähren erfolgten publicationen altnordischer litteraturerzeugnisse (s. 37 — 111). Neben den ausgaben der Original- texte sind wie im catalogus auch die Übersetzungen und erläuterungsschriften ange- führt; als ein vorzug des neuen buches ist es zu betrachten, dass auch auf die wertvolleren recensionen hingewiesen worden ist. Als ein ,,opusculum supererogationis " folgt hierauf noch (s. 112 — 120) eine Zusammenstellung derjenigen isländischen und norwegischen werke, welche in der altnordischen litteratur namentlich angeführt werden. Dem Inhalte nach berührt sich diese Zusammenstellung mit dem § 23 in Gudbrand Vigfussons prolegomena (dessen angaben jedoch durch die arbeit von Möbius mehrfache ergänzung und berichtigung finden); sie ist litterarhistorisch wichtig, weil uns die existenz man- cher sagas nur durch diese citate bezeugt ist: freilich wird man nicht allen unbe- dingt glauben schenken dürfen, wie es für mich z. b. zweifellos ist, dass es eine Gnnnbjarnarsaga niemals gegeben hat. Auch ist es sicher, wie Gudbrand Vigfus- son a. a. o. ausführt, dass wir über den ehemaligen bestand der altnordischen litte- ratur aus den citierungen keine Schlüsse ziehen können , denn die alten sagaschrei- ber Avaren sparsam im anführen der quellen und selbst hochwichtige werke (wie z. b. die Egilssaga) finden sich nirgends erwähnt. Das ,, Verzeichnis" ist ein beredter zeuge für den regen eifer, der in den lezten 25 jähren der nordischen philologie zugewant ist. Nicht nur sind viele der schon vor 1855 veröffentlichten quellen widerholt herausgegeben , commentiert und übersezt, sondern es ist auch viel neues material der gelehrten benutzung zugäng- lich gemacht worden. Das neu hinzugekommene lässt sich von dem alten bestände mit leichter mühe sondern , denn die den lezteren betreff'enden artikel sind von dem Verfasser durch einen vorgesezten stern kentlich gemacht. Den hauptteil des erste- reu verdanken wir den grossen norwegischen Sammelwerken : den postola und hei- lagra manna sogur, sowie der Flateyjarbok , deren mannigfacher Inhalt in dem Verzeichnisse in sorgfältigster weise ausgezogen ist; in zweiter linie sind sodann 24* 370 BERNHARDT ZU erwähnen die aus dem auslande importierten orzeugnisse der romantischen litte- ratur, die „riddarasQgur," welche erst in jüngster zeit mehr beachtung gefunden haben. Dass das buch, was genauigkeit und volständigkeit anbetrift, kaum etwas zu wünschen übrig lässt, brauclit für diejenigen nicht besonders hervorgehoben zu werden, welche wissen, in welchem grade Tb. Möbius sein fach beherscht und mit welcher peinlichen Sorgfalt er arbeitet. Sicher ist es , dass für kein anderes gebiet der germanischeu philologie eine bibliographie existiert, die den beiden werken von Möbius auch nur annäherungsweise gleich käme. Wie den catalogus, so beschliesst auch das Verzeichnis ein autorenregister (s. 121 — 128). Es ist interessant , an der band desselben zu constatieren , wie sich die arbeit auf dem felde der nordischen altertumsw^issenschaft auf die modernen culturvölker verteilt. Die Scandinavier stehen natürlich in erster reihe. Von den im register verzeichneten autoren gehören ungefähr 60 procent dem nordgermani- schen stamme an ; und zwar stellen davon die Isländer das gröste contingent , näm- lich 18 procent; ihnen folgen die Schweden mit 17 procent, die Dänen mit 13, die Norweger mit 11 und die Paeringer mit 0,9 procent. Fast ein drittel (30 procent) der gesamtzahl entfält auf die Deutschen. Der anteil der Engländer ist verhält- nismässig klein: sie figurieren im register nur mit etwas über 6 procent. Noch minimaler ist die nütarbeiterschaft der Holländer und Vlamen: von jeder dieser nationen nent das register nur einen namen. Von den nichtgermanischen Völkern sind nur die Franzosen in nennenswerter zahl vertreten: sie liefern etwa 2 procent der aufgeführten autoren. Sonst sind nur noch die Bussen und Spanier, und zwar imr durch je einen namen repräsentiert. HALLE. HUGO GERING. Vom Gebrauche der Casus im Heiland, von Karl Bünting-, Gymnasial- lehrer. Programm des Gymnasiums zu Jever. Jever 1879. 21 s. 4. Die vorliegende arbeit beweist, dass der Verfasser sich mit dem-Heliand ein- gehend beschäftigt hat und enthält im einzelnen manche nicht unwichtige beobach- tung. Doch würde der Verfasser besser getan haben, wenn er, anstatt über das ganze weite gebiet sich zu verbreiten, ein engeres gründlich behandelt hätte; auf 21 selten ein so umfangreiches thema auch nur einigermassen erschöpfend darzu- stellen war unmöglich. Dazu komt, dass der Verfasser mit dem stände der ein- schlagenden fragen nicht gehörig vertraut ist; Erdmanns Syntax Otfrids scheint ihm ebenso unbekant zu sein, wie Hübschmanns schrift Zur Casuslehre und die abhandlung von Delbrück über den Dativ in Kuhns Zeitschrift, XVUI. bd. u. a. m. Schwerer noch wiegt der Vorwurf mangelnder grammatischer schärfe und bestimt- heit; man vergleiche z. b. seine definition des accusativs s. 3: „Während der nomi- nativ der casus ist, von dem etwas ausgesagt wird, ist der accusativ ein wesent- licher teil der aussage, ja zugleich wird durch dieselbe Wendung auch von dem accusativ etwas ausgesagt , und daher wird der accusativ bei Verwandlung der aus- sage ins passiv das subject." Wenn der Verfasser hinzufügt, der accusativ scheine ursprünglich die bedeutung der richtung gehabt zu haben, so hätte er sich über das irtümliche dieses Überrestes der localistischen theorie aus den Erläuterungen zu Curtius griechischer scluilgrammatik unterrrichten können. Öfter sind auch seine einteilungen unlogisch, wie z. b. s. 11: der Instrumentalis steht zur bezeich- nung des mittels oder Werkzeugs a. bei verben, welche bedeuten eine mittcilung machen, b. bei verben verschiedener bedeutung, die alle den begriff einer luuid- ÜBER BÜNTING , CASUS IM HELIAND. NABER , GOT. PRÄPOS. 371 luiig enthalten, c. bei verbcn, die bedeuten „umgeben mit etwas." d. bei verbcn des kaufens und bezahlens usw., als ob die verba unter a, c, d nicht auch eine handlung bezeichneten. Besonders dürftig ist die bohandlung des accusativs. Über den acc. bei tran- sitiven Verben hat sich der Verfasser sehr kurz gefasst, weil das altsäclisische vom nhd. nicht abweiche. Aber es finden sich doch sehr viele fälle der nichtüberein- stimniuug, ganz abgesehen von der frage, ob bei darstellung des altsächsischen gebrauclis die Übereinstimmung mit dem nhd. oder die abweichung davon überhaupt für die auswahl des zu gebenden bestimmend sein durfte. So hat der Heliand viele eigentümliche anwendungen des accusativs des inneren objects, die dem nhd. fremd sind, wie inen, hihet, gelp, lastar, samuurdi sprecan; auch der factitive accusa- tiv hat eigentümliches, wie hclpa geradem, Ion geklan, gemödi gemahlean; aber auch im äusseren objeot weichen beide sprachen nicht selten von einander ab, wie l)ei tuiflian. Ferner verdiente doch wol die Umwandlung intransitiver verba in transitive durch Zusammensetzung eine ausführlichere besprechung , als sie auf s. 4 erhalten hat, vgl. bibrecan, bineman, bihauuan, antstandan usw. Der reflexive accusativ , wie bei belgan, uuredian, giniudon ist gar nicht erwähnt. Über den aceusativ des zieles möge sich der Verfasser aus meiner abhandlung Zur gotischen casuslehre in den Beiträgen zur deutschen Philologie Halle 1880 s. 74 unterrichten. Beim genitiv ist z. b. der so eigentümliche partitivus überaus dürftig behandelt ; nicht einmal die denselben regierenden pronomina sind volständig aufgezählt; es fehlen sum , hue , huülk ; auch al ist nicht erwähnt ; angaben , ob solche worte auch attributiv verwendet werden , fehlen gänzlich. Ich könte dies Verzeichnis von ausstellungen leicht um ein beträchtliches vermehren, wenn ich nicht fürchten müste die geduld des lesers zu erschöpfen. Ich schliesse mit dem wünsche, dass der Verfasser bald mit einem wertvolleren beitrage zu dem auf bau einer germanischeu sj^ntax, der jezt von so vielen selten in angriff genommen wird, hervortreten möge. Gotische Präpositionen von Friedrich Naber. I. Beilage zum Pro- gramm des Gymnasii Leopoldini zu De tmold. 1879. 26 s. 8. Der Verfasser bespricht einige der mit dem accusativ verbundenen gotischen Präpositionen, nämlich and,pairh, imdar, vipra, faur, inuh, ana, in; für einen zweiten teil hat er sich „ die Verbindungen mit anderen casus, sowie die erörterung algemeinerer fragen" vorbehalten, hoffentlich auch die übrigen den accusativ ver- langenden Präpositionen. Die vorliegende arbeit ist mit fleiss und Sorgfalt gefertigt; wesentlich neues bringt sie freilich nicht. Ptir die behandlung der etymologischen fragen scheint L. Meyer, Die gothische Sprache nicht benuzt zu sein. Bei den Übersichten ist es zuweilen störend, dass erst die substantiva, mit welchen die präposition sich ver- bindet, dann die verba, zu denen solche ergänzungen treten, aufgeführt werden; eine Übersicht nach den verben , mit beifügung der substantiva würde genügen, etwa nach art der formelverzeichnisse in Sievers Heliand. ERFURT, IM OCT. 1880. BERNHARDT. 372 KINZEL Die Pariser Tagezeitcu. (Handschriftlicher text.) Herausgegeben von Stephan Wsietzold. Hamburg, Meissner. 1880. XXHI und 167 s. 8. Es ist schon öfter darauf hingewiesen worden, dass wir über die metrik der spät - mittelhochdeutschen gedichte mit geringen ausnahmen noch wenig besser unterrichtet sind als über die der vorklassischen zeit. Um so erfreulicher ist es, wenn unsere litteratur dieser periode um ein reimwerk vermehrt wird , das bei aller mangelhaftigkeit des poetischen Inhalts sich einer form befleissigt, wie wir sie uns nicht besser wünschen können. Die hier zum ersten male herausgegebenen Tage- zeiton zeigen klar, welchen gesetzen eine gewisse klasse von selbst mittelmässig begabten poeten nachstrebte, und sie beweisen, wie falsch es sei, mit dem für manche producte jeuer zeit passenden stichworte ,,silbenzählung" die metrik der- selben abfertigen zu wollen. Die zeit , welcher das gedieht angehört , genauer festzustellen, ist schwer. Der herausgeber meint, es gehöre in die erste hälfte des 14. Jahrhunderts, da der Verfasser die dichtung des 13. Jahrhunderts, soweit wenigstens als dieselbe geistlich war , kante und da er oft in reminiscenzen an diese sich bewegt. Wenn er aber glaubt, es wegen seiner ,, metrischen unvolkom- menheiten" nicht vor das jähr 1300 setzen zu dürfen, so ist er im irtum. Ohne diesen widerlegt zu haben , können wir nicht an die besprechung des vielfach ver- stümmelten textes gehen. Nehmen wir also der grösseren Übersichtlichkeit wegen beliebig 100 verse heraus , etwa 1255 fgg. , um an ihnen den versbau zu erläutern , so finden wir fol- gende regeln: I. vier hebungen stumpf, drei hebungen klingend. Die zweisilbigen reime mit kurzem stammvocal sind regelmässig stumpf. Einziges beispiel 1281 ich mdnen minnencliche magit dich, däz din herze gar verzagit. meist einsilbiger auftact, daneben zweisilbiger: 1284 ich man \ dich daz do ir beide. 1307 ich man \ dich, lust aller herzen. Vgl. 1279. 1327. n. Alle Senkungen ausgefült und hebung und Senkung einsilbig. Ausnah- men nur scheinbar in den bekanten fällen : e elidiert von hebung in" Senkung 1270 der kusche ein tvöl. 1272 die gute alleine. 1299 aller freüde ein ängir. oder 1314 da mede din pin ermerit wart. Fehlende Senkung scheinbar, wo ein e vom Schrei- ber ausgelassen ist: 1274 dime kinde lief{e) na. 1279 manchfal! . 1303 und{e). 1316 heub{e)t vgl. 1907. Ein hiatus ist zu constatieren 1334 der pine ordenunge; vgl. 2992 in pine und in groser not, 3404. in. Keine silbenzählung, d. h. keine abweichung von der natürlichen heto- nung. Ausnahmen sind die gewöhnlichen: 1256 orkünde. 1285. 1331 lebärten. 1318 liplichen. 1S27 ' arbeiden. Ferner die eigennamen: 1328 Märici din scheiden. 1273 Maria Magdalena (vgl. 3210. 3005, aber 1352 Maria freuden zufersicht). Widerstrebend sind in diesem hundert, weil offenbar fehlerhaft und daher schon von Waetzold gebessert 1276. 1319. 1323. 1324. Zu der stelle 1353 ich bid dich dugint exempil vgl. 811 diigent ein foller sehr in. Ich glaube also schon hiermit nachgewiesen zu haben, dass der Verfasser klaren metrischen grundsätzen folgt , deren keiner einem klassischen gradezu wider- spricht. Der unterschied besteht nur darin, dass die edle freiheit jener periode in dieser auf ein rainimum zusammengeschrumpft ist, aber nicht wie bei andern dich- tem auf kosten der natürlichen betonungsgesetze. Hiervon war bei der emendation des vielfach verderbten handschriftlichen textes , der hier genau nach der vom herausgeber 1873 in der bibliotheque nationale zu Paris gefundenen handschrift .gedruckt ist, auszugehen. Manche stellen hat ÜBER PARISER TAGEZEITEN ED. WAETZOLD 373 Wactzold in den anmerkungcn in Ordnung gebracht, iiher es bleibt noch immer recht viel für das Verständnis zu tun. Es wäre wünschenswert gewesen , dass die parallelstcllen reichlicher zusammengebracht wären, die ja einem herausgeber leicht zu geböte stehen. Das gedieht ist voll von widerholungen und dabei der ausdruck oft so schwerfällig, dass man sich nicht leicht von der richtigkeit der lesart über- zeugen kann. Im folgenden sollen einige vorschlage zur hciluug gemacht werden, welche auf den dargelegten metrischen grundsätzen fussend diese zum teil bestätigen, zum teil erweitern. Zu nr. 1. a) Verse erscheinen oft zu lang durch ein angehängtes e. Dies ist zu tilgen: 345 das mir dm stose[n\ und din slan{e) also zu staden möge stan{e). 945 von dem spotte schemelich{e) des diifels ummere eiveclich{e). 1189 Maria durtildube clar{e) durch das du stille und offinbar(e). ebenso 2432. 33. 2436. 37. 2710, 11. 3378. 74. 1443. 44. 1645 — 48. 1731. 32. 3046. 47. 3261. 62. Auch sonst sind einige verse überladen wie 2491. b) Umgekehrt hat der Schreiber oft ein e fortgelassen , wie 1549 do gingen alle gelich sa rechte Jcrefteclich. 2688 daz ich mit fmulen rieh geTcu/nde clegelich. ebenso 3002. 3541, auch 1954. 55. Diese verse wären bei stumpfem ausgange offenbar zu kurz. Zu wenig hebungen zeigen auch einige andre, denen man mit flickwörtern zu helfen geneigt ist. So 2 ginge gein [der'\ dodis pin. 816 Tiein zunge ummir [me] gescit vgl. 484. 2960 die zu beschreiben stat. 2966 fon dem du tvorde [dol gekost. 3710 daz [do] of in wart geleit. 3085 det got ein zeichen rieh vgl. 3253. 3295. 3575. 3790. 2563. 733. 789. 2675. Zu nr. II. a) Einsilbige Senkung ist durchgeführt. Die wenigen fälle, in denen zweisilbige erscheint, sind meist leicht zu beseitigen durch tilgung eines e wie I. a: 423 ^oie falsch{e) din rede loere. 947 ich man dich, edel iuncfrau{we) zart. 1084 von herzeniamer, frau{we) noch {der) man vgl. 3154. Ebenso 1136 lerte. 1144 stunde (prt.) 1966 i«'ne. 2734 erliche{n). 893, 419 wem 446 antlitze. 500 sine meinunge. 573 koneginne. 875, 905 sule. In vers 145 und 234 ist wol ge-, 1669 ver{gift), 2545 er{schotte) zu tilgen. Bisweilen ist zusammen- gesezt mit fallen- wie 2668 zu goden werken follenkomen; bisweilen mit fol- wie 2313 e daz ich gantz folbrenge, 2457 daz was folbrachf bisunderlich. Demgemäss ist auch 2650 und an andern stellen zu lesen. Nach alter regel sind nur folgende fälle 233 swere ge-. 699 lieze ge-. 732 helle ver-. 81S , 2114 sine ge-. S62 sule ge-. 2733, 2836 WcÄe 6e-. 2S01 site be-. 3056 male be-. — 2747 edel be-. 374 KINZEL b) Fehlende Senkung ist auf wenige fälle beschränkt. Oft ist ein e zu ergän- zen wie I. b. So ist unde für und gebräuchlich: 717. 725. 1122. 1789. 1839. 2064 u. ö. tnanich für manch ist zu lesen 600. 749. 822. 1468. — 476 worte (gen. pl.). 854 dine eleu (pl.) 915 (vgl. 916) sussekeide (gen.). 1100 gerechtekeide (gen.). 1190 dines. 2293 helfeliche. 1017 mmne. Adverbia 1762 ivirdecliche, 1969 rechte und öfter. Auch kleine wörtchen mögen vom Schreiber bisweilen ausgelassen sein manchmal z. b. in pausa mag auch wirklich die Senkung fehlen. 482 des si lop und{e) danc. 995 sin fader for hat erweit. 1355 zustieze gar dui-ch mich. — 398 dich, herre, matten ich. — Unvermeidlich war es in dreisilbigen Wörtern wie 1501 scMppünge, 3727 selige, oder in zweisilbigen 3360 freislich. Öfter im vers- schluss: 2019, 2874 orhab. 2476 kusheit. 2722, 2765 freissam. 2771 dotlich. 2847 sperstich. 2855 demut. 2984 wisheit. 3381 loarheit. 3426 krancheit. Zu nr. III. für die oben angeführten gewöhnlichen ausnahmen in mehrsil- bigen Wörtern vergleiche man noch 194 menschlichem. 196. 364. 759. 826. 1205. 1919. 1944. 1924. 1949. 2191. 2835. 3307. 3644. Andre fälle finden sich im auf- tact wie 206 schepper da ivart erkennet. Man vgl. 1463. 402. 776. 1175. 1940. 2347. 2339. 2447. 2455. 2773. 2873. 3051. 3116. 3293. 3353 u. ö. Eigentümlich ist die betonung der eigennamen wie 669. 715. 751. 803. 925. 2208. 2428. 3259. 3376. 3672. 2125. 3829. 3798. Wenden wir uns nun zu einigen stellen , welche die zeichen tieferer Verderb- nis an sich tragen. Die vorschlage zur besserung sind ergebnisse der lectüre, machen also keine höheren ansprüche. Ich mache zuvor auf eine eigentümlichkeit der Wortstellung aufmerksam, die wie es scheint zur manier des dichters gehört und sehr häufig ist: 272 zu mensch- lich der natiA/ren krank. 338 und menschlich die nature kranc. 508 durch bitter dines herzen pin. 517 dorch siver die nacht so freissam. 606 dwch unhesprochen dine zucht. 795 durch unmezic die gedult. 800 for offen den morder e. 908 durch uberflussic dine pin. 978 durch scharx> die crone. 984 von gotlich des fader milde. 1002 Pilato groz der iuden schar. 1104 durch bitter uiver prime zit. 1737 laz rot dines bludes lootiden. 2381 durch strenge bitter dinen dot und andre stellen mehr. 324 Ye me ist zu tilgen. • — 332 lies des für daz. 393 hs. were menschlich din creature wäre zwar nach Stellung und metrik nicht unmöglich, wenn man gekürztes iver mensch \ lieh läse, doch wird es glatt und gibt richtigen sinn, wenn man din streicht. 479 ist nicht ivaz zu ergänzen sondern siner zu lesen. 537 lies dines. — 562 sin antlitz also licht verspiet. 588 daz du mit tvillekur \ mit willen lisse suchen dich. Solche widerholun- gen liebt der dichter. Vgl. 603 din unwirde \ mir helfe , herre , ivilliclich | mit wil- len zu dins fader rieh. 689 lies noch die ivisen underziden. 832 scheint mir von Wactzold misverstanden. Ich lese in liden doch nie ru/rte die gotheit die pine kein; ivie daz ein substancie rein 835 da dri namen tveren, in pine, in groser sweren so was der son alleine. ÜBER I'ARISER TAOEZEITEN ED. WAETZOLD 375 In 833 ist pine subjcct: sein leiden berührte nicht seine göttliche natiir; obgleich drei personen ein wescu waren , so war in der pein der söhn allein. 848 lies der iudeii bösen loillen. 883 lies da mede. 893 ist ein du == dö ausgefallen. 929 wird wol Jesus der guden Ion genant. Waetzold hat selbst crkant, dass seine Interpretation : „als lohn für deine gute" sehr künstlich ist. * Misverstanden hat er auch 979 — 988 , welche verse einen satz bilden. Seine conjectur zu 986 ist hinfällig, weil sie ja leides erforderte. Ich lasse die ganze stelle folgen und setze die zu tilgenden buchstaben in klammer : der von dem fader sa intsproz, 980 so duz er tvolde des genoz mit ganzen willen werden; der von dem Tcloz der erden da 'Wart ein menschen bilde von gotlich des fader milde: 985 des ungezalte^n) mildekeit und sin ungenantis leit und unledic sine{r) pin{e) müsse lop und ere sin{e). Der sinn ist: Christus (a. 979 — 981. b. 982 — 984) ..., 985 seine unerträglichen leiden usw. 988 müssen ihm zur ehre gereichen. Möglich wäre auch , statt der nominative 985 — 87 dative anzunehmen, unlidec = unerträglich vgl. 1739. 1726 unlidelich. 1026 lies Pilato wart die rede gekunt do sin frauwe bat for dich. 1043 ist diu = dö wie 1239. 1272. 1376 fgg. kann ich nicht für verderbt halten. Es wird derselbe gedanke wie 833 und 988 ausgesprochen. Die stelle lautet : toer siner pine nemet tvar, der findet niet dan daz er ganz an willen was, wie daz vr glänz em an der menscheit tvere. 1380 doch was eme also sivere mit loillen ganz gezeret, mit züchte gefloreret, da mit er wolde stillen den bösen argen loillen, den of uns der fient druc. also : volkommen freiwillig (ganz an willen) übernahm er sein leiden ; und der rühm desselben komt auf seine menschliche natur. Und nun variiert v. 1380: die freiwillige Übernahme {mit loillen) brachte seiner bürde die ehre. Wie kann ,,zeren hier in der bedeutung hinbringen zeitlich" zu nehmen sein! zieren und florieren sind offenbar synonyma wie 1487 mit sinnen ivol gezerit , mit warten geflorerit. 1524 lies ward für war. 1536 ist zu lesen erquickit für erwickit wie 1538. Solche widerholungen sind dem dichter grade geläufig. 1) Etwa die Juden hone? Z. 376 KINZEL 1539 lies o hoher Ion for (hs. fon) seraphin. Vgl. v. 1543 daz der (jchurte waren fro die enget in den lüften ho. 1545 fgg. lies daz wol din herze [was] erkant da föne in leide , [in] leide brant din herze. Metrisch anstössig sclieiuen mir folgende verspaare: 1565 dar nach ivart dir geslagen ein nagel , daz follensagen . . 1609 daz mochte niet follensagen den iamer noch follenclagen. 1601 ist umzustellen: da mede du firzwickit worde. Ebenso 1692 daz din dochter magit din genas. 1755 will Waetzold firwondet von mhd. verwinden ableiten, v/älircnd von den wunden der sünde die rede ist: mit diner helfe mir sin blut der wonden artzdie si, sint ich mit müdegelüste fri der sunden mich firivondet han. 1850 ist zu lesen: Maria, Abrahams gesiecht für gesicht. 1857 hat der herausgeber helfe rat misverstanden. Auch an allen von ihm angeführten stellen ist es = helfe. Die werte lauten: wand kein sunder nit inhat so hohen drost und helfe rat als an dir, mudir unde magit. Ebenso vers 2388 (nicht 2393), wo zu lesen ist: man ich dich, frau , durch din (für die) helfe rat. Umstellungen sind vorzunehmen: 1880 sich mancher. 2013 fwic sach. 2094 lies bit ich dich, ewangeliste , daz du helfist mir gein criste. 2975 det nechtent. 1912 hs, an daz holtz gequickit. Waetzold will gedruckit. Besser scheint mit 1535 gezwickit. 1938 lies zu der stunt. — 2010 firsneit. 2065 si. — 2182 tilge alme. — 2358 brach. 2603 nicht ferloschen? 2681 das komma ist zu entfernen: schin werde gehört zusammen. 2698 zu der form schuft für schuf vgl. die belege in meiner ausgäbe des „Junker und d. tr. Heinrich" (Berlin 1880) s. 22. 2711 lies mit folleiste plicht vgl. 2803. 2737 ergänze er nach gäbe. 2796 ich man dich tmd bidden dich vgl. 2828 und 2838 ich manen und bid- den dich. Aus beiden ist die correctur zu combinieren. 2944 ist zu lang: auwe der iemerlichen stunde. Nach 2942 ist zu bessern auwe iemerliche stunde. 3020 ist ein herre, 2377 hande zu tilgen, 3093 lies in lichten (nicht entlichten) = ihnen leicht machen. 3212 da gehört in den folgenden vers. 3391 lies: nu manen ich und bidden dich durch daz du wolde willecUch dich lasen legen in ein grap. 3485 lies ging. — 3536 tilge quam. 3585 lies stunden hinder sich, vgl. 3646 da drat der edel hinder sich. 3601 tilge dri. — 3619 lies suchte. Die gegebeneu besserungen machen nicht ansprnch auf volständigkeit , auch will sich so manche stelle nicht gleich beim ersten anlauf fügen. Die einleitung, welche der herausgeber dem texte vorausgestelt hat, bezieht sich widerholt wie auch die anmerkungen auf seine dissertation : Pariser Tagezeiten. ÜBER I'jVRISER TAGEZEITEN ED. VVAETZOLD 377 Halle 1875, 5G s., in welcher über die litteratur der tagezeit-dichtuugeii, über ihren Inhalt und zweck, über metrik und dialcct gehandelt ist. Die Unter- suchung in die einleitung aufzunehmen, was wünschenswert gewesen wäre, „ver- bot der beschränkte räum einer programmabhandlung," aus welcher das buch ein abdruck ist. i Waetzold hätte dann gewiss gelegenheit genommen, den gramma- tischen teil umzugestalten, zumal da er jezt die meinung aufgibt, das gedieht sei in Baiern entstanden, und es vielmehr dialectisch verwant mit der Erlösung, Elisa- beth und Himmelfahrt, also für hessisch hält. Was für das Verständnis der dich- tung und ihrer Stellung in der geistlichen litteratur des mittelalters förderlich schien, ist dann noch einmal s. X fgg. zum teil erweitert zusaramengestelt. BERLIN, SEPTEMBER 1880. KARL KINZEL. Zur Gralsage. Untersuchungen von Ernst Martin. (= Quellen und Forschungen zur Sprach- und Culturgeschichte der germanischen Völker. Herausgegeben von B. ten Brink, E. Martin, W. Scherer. 42. heft.) Strassburg, Trübner. 1880. 48 s. 8. n. m. 1.20 Der entwicklung des Gralmythus ist erst in lezter zeit die gebührende auf- merksamkeit gewidmet worden, denn weder San Marte noch Simrock brachten es in den einleitungen zu ihren Übersetzungen des Parcival zu einer kritischen Unter- suchung. Erst Birch- Hirschfeld gab in seinem 1877 erschienenen buche ,,die sage vom Gral" eine zusammenhängende Untersuchung der quellen der Gralsage, welche durch einige abhandlungen Zarnckes vorbereitet war. So viel sorgfalt Birch - Hirschfeld aber auf die darstellung der entwicklung der Gralsage nach den vor- handenen französischen quellen verwant hat, so wenig hat er die eigentümliche gestaltung der sage bei Wolfram v. Eschenbach in rechuung gezogen. Da dieselbe von der algemeinen französischen Überlieferung abweicht, so schreibt er sie ein- fach Wolframs freier erfindung zu, trotz dessen eigener ausdrücklicher Versiche- rung, dass er aus dem werke eines Kyot geschöpft habe (vgl. meine Wolframlitte- ratur s. 58 anm.). Birch - Hirschfeld hätte hier mit seinem urteil noch zurückhal- ten müssen, bis die Untersuchung über die quellen Wolframs ihren relativen abschluss gefunden hat. Dass sich doch noch erhebliche gründe für die existenz Kyots geltend machen lassen, hat Martin schon in der recension des buches von B. H. (Anzeiger zur zeitschr. für deutsch, altert. 5 s. 87) gezeigt; ausführlicher ver- breitet er sich nun darüber und über die bcdeutung der Gralsage überhaupt in den vorliegenden „Untersuchungen zur Gralsage," auf die hier kurz aufmerksam gemacht werden soll. Der grundgedanke der schrift ist der, dass die bekanten französischen Ver- sionen und die gestaltung der Gralsage, wie wir sie bei Wolfram finden, zwei triebe aus derselben wurzel seien; der kern sei ein naturmythus, jene seien die verkirchlichte darstellung, diese eine durch geistliche gelehrsamkeit beeinflusste gestaltung desselben — beide aber in Frankreich ausgebildet, leztere mithin von Wolfram in der quelle vorgefunden und herübergenommen. Martin führt nun seine Untersuchung in drei abschnitten so, dass er in den beiden ersten die wahrscheinliche oder doch mindestens mögliche existenz Kyots .1) Diesem umstände ist es wol auch zuzuschreiben, dass der satz manches zu wünschen übriR lässt, wie s. 10. 11. 72. 99. 101. 104. 113 anm. 3. 378 BÖTTICHER darlegt und im dritten die vorhandenen Gestaltungen der sage im Verhältnis zu ihrem möglichen Ursprung erörtert. Im I. abschnitt „Wolfram von Eschenbach und seine quellen" s. 1 — 19 komt es dem Verfasser zunächst darauf an zu beweisen, dass Wolfram neben Chrestiens de Troycs noch andere quellen benuzt habe ; er schöpft diesen beweis aus den bei Wolfram vorkommenden namen, indem er die bisher unbekante interessante tatsache constatiert, dass gewisse klassen von völker- namen, nämlich alle auf -jente endigenden, sowie auch die adjectiva auf -gentesin aus Soltns Polyhistor stammen, ebenso die meisten der P. 770 erwähnten eigen- namen. Eine menge anderer, besonders geographischer namen, die Chrestiens nicht hat, waren schon früher nachgewiesen, Martin vermehrt jedoch ihre zahl. Personennamen und ereignisse endlich, die Chrestiens nicht hat, sind so zahlreich in der romanischen und mhd. litteratur nachweisbar, dass man auch für diejenigen, deren quelle nicht bekant ist, eine erfiudung durch Wolfram nicht annehmen darf, zumal sie meistens ganz gelegentlich, ohne irgend welche bedeutung für den Zusam- menhang der hauptbegebenheit vorkommen (s. 13. 14), so dass also irgend ein zweck, den Wolfram mit ihrer crflndung gehabt haben müsse, nicht erkant werden kann. Selbst die annähme , dass Wolfram die zahlreichen deutschen namen im I. und II. buche selbständig eingemischt habe, hat nach Martin keine berechtigung, da oft deutsche namen in französischen quellen vorkommen (s. 7). Am allerwenig- sten siud die abweichungen von Chrestiens in namen wie Condwiramür für Blan- che flür zu verstehen, wenn Wolfram nicht noch andere quellen benuzte. Verfasser findet s. 15 sogar eine spur, dass Wolfram verschiedene von einander abweichende darstellungen zu vereinigen suchte darin , dass Gahmuret im VII. buche zwei rosse, Ingliart und Gringuljete, reitet. Es gibt aber — besonders im I. buche — eine ganze anzahl von stellen, die sich meiner ansieht nach nur auf diese weise erklä- ren lassen. Ich führe hier nur eins an: P. 4, 27 fgg. wird Gahmurets ausziehen auf abenteuer merkwürdiger weise erst durch das romanische (?) erbrecht (das majo- rat) motiviert; nachher aber fält dieser grund (6, 29 fgg.) durch den edelmut des erstgebornen (Gandin) volständig weg, und Gahmurets ausziehen erscheint lediglich als folge seines tatendrangcs. Ein motiv war nur nötig, das zweite hat jedesfals mehr deutsches gepräge als das erstere ; zu dem leztercn , nicht zum ersteren stimt auch 8, 9 ich hän oucJt, e ein teil gevarn. Kann man nun hier zwei quellen anneh- men, so ist auch klar, wie Wolfram sie vereinigte, nämlich durch die bitte der fürsten 6, 7 fgg. Ebenso dürfte, um nur noch einiges anzudeuten , hierher gehören die merkwürdige Veränderung des Wappens Gahmurets 14 , 12 fgg. , die vertauschung Alexandrias 18, 15 mit Ninive 14, 3fgg. , die bezeichnung Isenharts als mohr und könig von Azagouc, trotzdem sein vater Tankanis heisst und sein vetter Fridebrant von Schotten ist, u. a. m. Bei der nun folgenden prüfung des I. und IL und XIV. — XVI. buches hin- sichtlich ihrer quellen wäre genaueres eingehen wünschenswert gewesen. Wenn der Verfasser z. b. sagt ,,die im I. buche geschilderten zustände des Orients lassen sich mit denen nach 11(50 vergleichen " so erwartet man doch füglich einige erläu- terung dieser behauptung. Für I imd II führt Verfasser überhaupt nur die ähulich- keit der hegebenheiten mit einer einleitung zu einer handschrift Chrestiens au und die allerdings bedeutsame art und weise der ,,einführung oder vielmehr nichteinfüh- rung" der personen im I. buche. Sehr nahe lag doch aber noch der hinweis auf P. 27, 15 fgg. vgl. 25, 52 fgg. , wo deutlich ein misverständnis des französischen wortes helberc = zeit vorliegt , ebenso hätte das s. 8 erwähnte misverständnis in dem namen der Fee 56, 18 hier besonders hervorgehoben werden sollen, endlich bezeich- ÜBER MARTIN , GRALSAGE 379 Illingen wie 67, 21 die stolzen Alemäne, ■womit doch nur ein französischer dichter die Deutschen bezeichnen konte. Auch für XIV — XVI erwartet man mehr als die schon im auz. a. a. o. angeführte beziehung auf die schwanrittersage und die auf den mnl. Lancelot, Dennoch dürfte Martin hinlänglich gezeigt haben, dass Wolf- ram neben Chrestiens noch andere quellen benuzte, die uns nicht mehr bekant sind, und damit ist die raöglichkeit der existenz Kyots klar. Eine weitere stütze sucht Martin dieser ansieht im II. abschnitt ,,(liu kröne Heinrichs von dem Türlin-' (s. 20—29) zu geben durch den allerdings ebenfals nur in grossen zügeu geführten nachweis , dass auch der kröne Heinrichs eine verlorene ijuelle zu gründe gelegen haben müsse, und zwar eine solche, die Chrestiens gedieht mit verschiedenen anderen Versionen bereits vereint hatte. Freilich löst verf. hier die Schwierigkeit nicht, dass die Widersprüche, welche er in der Tcröne nachweist, aucli schon in der quelle gestanden haben müsten. Der IIL abschnitt (die Gralsage und ihr Ursprung s. 29 — 48) zeigt in geist- reicher weise, dass der kern der bretonischen Artussage parallelen zwischen Artus und Anfortas nahe lege , dass beide dieselbe mythische figur , nämlich der gott des sommers zu sein scheinen. Artur erscheine in der ursprünglichen volkssage als ein könig, der in der zurückgezogenheit, auf einer insel oder auch in bergen, prächtigen hof halte; nur durch zufall gelange ein sterblicher zu ihm; das volk erwarte seine rückkehr. Mit dieser mythischen figur des Artus -Anfortas bringt verf. nun auch die dem Gralköuig beigelegten attribute und schliesslich den Gral selbst in Verbindung. Hinsichtlich der ersteren freilich (dem schwort und der lanze — die silbernen messer werden nicht erwähnt) muss man der einfachen Ver- sicherung des herrn verfasssers glauben: der Gral selbst aber erscheint in einer wolbegründeten neuen und interessanten auffassung. Martin sieht in der darstel- lung des Grals als ,,eine art tischlein deck dich," welche besonders in späteren quellen auftritt, den ursprünglichen sinn der sage (graal = gradalis = stufenweis sich vertiefende schüssel, in der verschiedene speisen zugleich vorgesezt werden). Diese bedeutung des Gral, welche zu dem freudenreichen geheinmisvollen hofe des Artus vortreflich passe, fehlt in keiner version ganz, auch bei Wolfram nicht, und hat deshalb schon den schein der ursprünglichkeit für sich. Von Eobert von Boron ist dann um 1200 die christliche legende von Joseph von Arimathia damit verbun- den worden und damit der anstoss zu immer weiterer verkirchlichung der sage gegeben worden. Die abweichungen der kirchlichen färbungen unter sich zeigen deren unursprünglichkeit, wenn ich auch nicht gerade zugeben kann, dass die Vor- stellung vom Gral als abendmahlsschüssel undeutlich sei, wie verf. s. 37 darlegen will, denn in der sage ist wol nicht gemeint, dass die schüssel als weingefäss beim abendmahl diente , sondern dass sie die Matth. 26 , 23 erwähnte schüssel sei. Bei Wolfram finden wir- nun keine Verbindung mit der christlichen legende, wol aber nach Martin eine unter dem einflusse geistlicher gelehrsamkeit von jener unabhängig ausgebildete richtung der ursprünglichen volkssage. Diese geistliche gelehrsamkeit erkent verf. in der erzählung von der herkunft des Gralsteins, in den anklängen an die Verehrung der Kaaba und in der Schilderung der Verwun- dung des Anfortas; besondere erwähnung verdient noch die geistreiche erklärung des namens des Gralsteines, die Martin unter demselben gesichtspunkte gibt er; erklärt nämlich das überlieferte lapsit exillis , das bisher nur ganz unzureichende erklärungen gefunden hat, als verderbt aus ,, lapsi (gen.) ex (de) celis," der stein ,, dos vom himniel gefallenen," nämlich Lucifers. Nicht minder würde geistliche gelehrsamkeit eine deutung verraten , die mir herr prof. Zacher gelegentlich mit- 380 ERDMAfTN teilte und die er auch in seinen Vorlesungen vorträgt: lapsit = lapis, exillis (exi- lix dg) = electrix, mit welchem sich nach Hieronymus der Phönix auf dem altare verbrent. — Endlich führt verf. die zauber von Schastelmarveil , welche Gawein löst, ebenfals auf ursprünglich celtische sage, nämlich auf das celtische totenreich zurück. Eine reihe von hinweisen auf andre anklänge der Gralsage an celtische sagen beschliesst die gehaltvolle abhandluug, die man freilich mehrfach eingehen- der gewünscht hätte, für die aber dennoch dem herrn Verfasser aufrichtiger dank aller freunde Wolframs gebührt. Denn Wolframs dichterische bedeutung kann wahr- lich nur gewinnen, wenn wir erkennen, worauf auch Martin hinweist, wie er die von einem französischen dichter in oberflächlichen Zusammenhang gebrachten cel- tischen sagen in origineller gedankenvoller behandlung dargestelt hat. BERLIN, OCTOBER 1880. G. BÖTTICHEE. Auf die betreffende stelle in den werken des Hieronymus hat mich vor jäh- ren mein gelehrter College, herr professor E. Böhmer aufmerksam gemacht. Zwar haben sie die herausgeber, und wol auch mit recht, als unecht bezeichnet; aber sie ist doch älter als Guiot, und nur sie kann ihn darauf geführt haben, diesen neuen motivierenden zug einzuflechten , der in der alten fassung der sage nicht vorhanden war und auch gar nicht darin vorhanden sein konte. Der Schwerpunkt liegt aber nicht in dem steine an sich , sondern in der Verbindung desselben mit dem Phönix ; und der sinn dieser motivierung ergibt sich aus der bedeutung, welche der Phönix in der christlichen Symbolik schon seit alter zeit gewonnen hatte, so dass sie dem lateinischen abendlande schon seit Clemens Romanus ganz geläufig geworden war. — Übrigens haben meine imtersuchungen über die sage von Parzival und dem Gral, und über Guiots bearbeitung derselben, welcher Wolfram durchweg gefolgt ist, mich zu ergebnissen geführt, die von den gangbaren und von den hier vorgetra- genen ansichten sehr erheblich und wesentlich verschieden sind. j. z. Klopstock-Studien. Von D r. Richard Hamel. Zweites und drittes Heft. Eostock, Carl Meyer. 1880. VIII, 143 und XXIV, 204 s. 8 m. Der Verfasser ist in der Veröffentlichung seiner Studien (s. diese ztschr. 11, 371. 12, 256) rüstig vorgeschritten. Das zweite heft gibt zunächst s. 1 — 92 eine Zusammenstellung von textänderungen im Messias, die durch sprachliche erwägungen veranlasst wurden. Überall zeigt sich , wie viel aus sorgfältigen beob- achtungen dieser art nooh gelernt werden kann für die deutsche grammatik. Por- menbildung, syntax des einfachen und mehrfachen satzes , bedeutung und Verwen- dung der Wortklassen, Stellung der satzbestandteile — für alles finden sich lehr- reiche und wolgeordnete Zusammenstellungen; bisweilen möchte ich genaueren anscbluss an die wissenschaftliche terminologie wünschen. Beleuchtet werden die samlungen gelegentlicli durch citate aus theoretischen erörterungen von Zeitgenos- sen, namentlich G. Fr. Meier, Breitinger, Bodmer (s. 2. 76 u. a. ; vgl. auch heft 3 s. XIV über dessen alliterationen in der Miltonübersetzung) , sowie aus Klopstocks eigenen grammatischen schriften. Wenn auch die ausdrucksweise derselben uns ungewohnt ist, so erkennen wir doch, dass Klopstock mit feinem obre den genius der spräche belauschte und sich über sein Sprachgefühl mit ernst und Sorgfalt rechenschaft gab. Dass z. b. die schwache (consonantische) adjectivflexion den gegenständ als einen bestirnten, individuel gedachten bezeichne, hat er sehr rich- tig erkant, und den gebrauch der starken (pronominalen) neben der, den sich in ÜRER HAMBL, KLOPSTOCKSTUDIEN 381 jener zeit auch hervorragende Schriftsteller erlaubton, mit berechtigtem spotte getroffen (s. 6 fg.). Sicher wurden stilistische und grammatische cigenheiten der stürm- und drangperiode oft durch Klopstocks Vorgang veranlasst oder mächtig befördert; bei schweben s. 52, bei dem acc. des Innern objects und den anno- minationen s. 75. 76 muste ich sofort an Kling er denken. Die voranstellung des genetivs (s. 36) , die Klopstock massvoll anwendet , ist zur stilistischen manie geworden in der unberechtigten Umarbeitung des Klingerschen Faust („zweyte ver- besserte aufläge " Carlsruhe 1792). Mehr noch als das aufspüren solcher einzel- heiten erfreut der algemeine einblick in die sprachbildende kraft des dichters, die sich namentlich auch in den mit urwüchsiger frische nach sinlicher anschauung neugebildeten oder erneuerten compositis {ver - schleichen , auf - schaffen , an -schaf- fen usw.) zeigt; wilkürlich freilich muss auch uns (wie Schönaich und genossen) die flexionslose „rechte^' und einiges andere erscheinen. Schon dieser abschnitt enthält algemeine bemerkungen über Klopstocks Sin- nesart. Der s. 93 — 143 folgende versuch ,,zur erkentnis Klopstockschen Wesens und Wirkens" gibt eine von begeisterter Verehrung getragene, aber auch durch feine beobachtung unterstüzte Charakteristik des dichters, in dem sich (s. 138) neben dem zartesten Idealismus auch die klare, praktische — ich möchte sagen nord- deutsche — Verständigkeit fand, deren Verbindung mit jenem ihn zum echt prote- stantischen dichter machte (s. 84; vgl. heft 3, 140). Wer für Klopstocks dichte- rische eigentümlichkeit noch empfänglich ist (was freilich Danzel nicht war), wird vieles von Hamel gesagte freudig begrüssen. Zu weit geht er für mich in der apologie der gelehrten republik s. 98; wenn er Goethes jugendbrief an Schönborn (j. G. 3, 24) citierte, so hätte er auch das gereiftere urteil DW. XII berücksichtigen sollen. Aus den gelegentlichen bemerkungen über andere dichtungen des 17. und 18. Jahrhunderts hebe ich die interessanten nachweise zu gedichten Simon Dachs (s. 52) und Flemings (s. 75) hervor. Im dritten hefte sind s. 1 — 57 die bisher bekanten urkundlichen nach- weise über die entstehungszeit der verschiedenen abschnitte des Messias aufgeführt, den Klopstock fragmentarisch ausarbeitete (s. 56 fg) , was Hamel gelegentlich auch durch sprachliche parallelen beweist (s. 196 fg.). Höchst interessant ist die bezie- hung einer 1780 eingeschobenen stelle des 16. gesanges zu einer bekanten äusse- rung Lessings s. 58 fgg. S. 70 — 112 folgt eine Übersicht der ausgaben des Mes- sias, unter denen die von 1768, weil vom dichter nicht als correct anerkant, für die textkritik ausgeschieden wird. Endlich stelt Hamel s. 113 — 203 die durch reli- giöse und ästhetische rücksichten hervorgerufenen änderungen zusammen; sie betref- fen die feinere gestaltung der Charaktere sowie manche züge der Klopstockschen dogmatik. Genau erörtert wird der tief in die religiösen anschauungen der zeit hineingreifende Abbadona. Den vorliegenden drei heften soll noch ein viertes mit register folgen. Ich wünsche vor allem, dass es Hamel gelinge, seine kritische ausgäbe des Messias zu vollenden und für die Veröffentlichung derselben eine form zu finden, die dem leser die textvergleichung möglichst leicht mache. Wenn — was in den angeführ- ten proben geschehen ist — auf jeden vers jede änderung der späteren ausgaben in besonderer zeile folgen soll, so dürfte — neben der ausscheidung unwichtigerer Varianten — auch die anwendung verschiedener typen die Übersicht erleichtern. KÖNIGSBERG. OSKAR ERDMANN. 382 EBDMANN, ÜBER RIEGER, KLINGER Klinger in der Sturm- und Drangperiode dargestelt von M. Kieger. Mit vielen Briefen. Darmstadt, A. Bergstässer. 1880. XII u, 440 s. n. m. 8,60. Auf dieses gediegene werk ihres langjährigen mitarbeiters ihre leser aufmerk- sam zu machen, darf diese Zeitschrift nicht verabsäumen. Die hauptbedeutung des treflichen buches liegt in darstellung der persönlichen entwicklung Klingers, für welche dem Verfasser neben genauer kentnis aller gedruckten Schriften dessel- ben ein reicher schätz von manuscripten und familienüberlieferungen zu geböte stand. Aus diesen quellen schöpfend verfolgt Eieger Klingers bewegtes jugendleben bis zur abreise von Lübeck nach Petersburg (septbr. 1780) — einem Wendepunkte, wol vergleichbar demjenigen, mit dem Goethe seine Selbstbiographie abschloss. Aus der jugeudgeschichte hebe ich hervor, dass Rieger das Goethesche gedieht an Klinger „an diesem Brunnen hast auch du gespielt" doch wider darauf deutet, dass Klingers familie während seiner kindheit wirklich in nebenbau des Goetheschen hauses gewohnt habe und die freundschaft beider schon auf jene zeit zurückgehe. Die weitere entwicklung des aufstrebenden Charakters beleuchtet Eieger durch ein- gehende analyse aller seiner bis 1780 veröffentlichten dichtungen. Sie waren ja sämtlich (s. 38) „acte der befreiung von inneren gährungsstoffen," was Eieger durch neue nachweise bestätigt für das hauptmotiv des ersten Jugenddramas (s. 71), sowie dadurch, dass er die drei freunde im drama „Sturm und drang" als drei Seiten von Klingers eigenem wesen darstelt (s. 198 fg.). Wie sehr im jungen Klin- ger bald das tatkräftige , karapfdürstende dement (Wild) über das naturselige schwel- gen in der resignation (Blasius) und über das phantastische schwelgen in der illu- sion (La Feu) den sieg davontrug, das tritt sehr deutlich in den briefen hervor, die er aus dem kriege 1778 seinen freunden Schleiermacher und Kayser schrieb. Weit über das persönliche Interesse hinaus aber greifen die urkundlichen nachweise über Klingers zusammenleben und -streben mit den bedeutendsten männern der littera- turepoche, die mit recht nach einem seiner werke den namen trägt; und deshalb ist es nicht nur eine höchst genussreiche lectüre, sondern auch jedem zu empfehlen, der sich von einem festen mittelpunkte ausgehend mit der litt eraturgeschichte jener zeit quellenmässig bekant machen will. Auch an feinen sprachlichen und textkritischen bemerkungen (z. b. s. 360. 372) fehlt es bei Eieger natürlich nicht. Zu bedauern bleibt deshalb an dem buche nur eines — dass es noch nicht den ganzen Klinger umfasst. Gerade Eieger müste es am besten vermögen , in den poetischen motiven , den sittlichen anschauungen, den Charakteren die fäden zu ver- folgen, welche Klingers spätere dichtung mit den scheinbar weit abliegenden jugendwerken verknüpfen. Fragen von eingreifender bedeutung treten bei der lec- türe derselben überall entgegen. Wissen möchte ich wol, bis in Avelche zeit der entwurf des Klingerschen Faust zurückgeht, und welche Umgestaltungen er etwa erfahren hat, bis er 1791 - ein jähr nach erscheinen des Goetheschen „Frag- ments" — veröffentlicht wurde; dass er ursprünglich ein drama werden solte, scheint die fassung mancher abschnitte noch jezt zu zeigen. Nach einer mir von Eieger selbst gütigst gemachten mitteilung gibt sein material darüber keine aus- kunft. Gewiss ist das studium der späteren entwicklung Klingers schwierig wegen der durch äussere und innere erlebnisse mit den jähren zunehmenden Zurückhal- tung, die er selbst sich auferlegte; aber interessant und vielversprechend bleibt es dennoch. Hoffen wir also , dass in nicht alzu langer zeit der zweite band , welcher Klinger in der reife seines lebens darstellen soll, das von Eieger begonnene werk vollende. KÖNIGSBERG. OSKAR ERDMANN. ZUM PARZIYAL 463, 15 fg. An dieser stelle lautet die übeiiieferuiig- in Dg : dö Lucifer fuor die hellevarf mit schar, ein mensche nach im, wart. in G: do Lucifer fuor die hellevart, mit schär ein mensche nach im wart. Laclimann, der lezteren lesart den vorzug gebend, nahm doch mit recht anstoss an der mangelhaften metrik des ersten verses ' und schlug zu lesen vor do Lucifer fuor hellewart, mit schär ein mensche nach im wart. Bekantlich liegen zur zeit Bech und Sprenger darüber in fehde, welche lesart die echte sei. Bech in der Germania 7, 298 und 24, 297 hält es mit der von Dg, Sprenger in Bezzenbergers Beiträgen zur künde der indogermanischen sprachen .3, 175 mit der von G. Sprenger erklärt sich schär als germanisierte form des altfranzösischen car, char ,, fleisch, menschliche natur," während ihm mit den stoflf angibt, aus welchem etwas gemacht ist; doch liat er seinen einfall nur einfach hingestelt und auf keine weise gestüzt. Bech , wie auch sonst in seinen beitragen zur erklärung Wolframs dem bedenklichen grundsatze huldigend, dass unter schwierigen lesarten die verständlichste die echte sei, glaubt die lesart mit schar dadurch stützen zu können, dass er den ausdruck in verschiedenen gedichten nachweist, in denen überall von einer mehr- heit die rede ist, welche mit schar d. h. „in scharen, haufenweise, scharhafte'''- tätig ist. An unserer stelle aber wird erzählt, dass ein einzelner (Lucifer) in die hölle fährt. Tut er es nach Bechs auffas- sung der werte des dichters in begleitung der übrigen gefallenen engel, 1) Wenn Bech Germania 7, 298 durch zweisilbigen auftact ihm anf die beine helfen will und dem dichter die betonung Lucifer zumutet, so hat er übersehen, dass Parz. 463, 4 nu prüevt loie Lucifern gelanc und 471, 17 Liicifer unt Tri- nitas diese annähme nicht erlauben. ZEITSCHR. P. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XII. 25 384 LtrcAE SO kann das doch nimmermehr so ausgedrückt werden, dass gesagt wird, Lucifer fahre „in scharen" oder „haufenweise" zur hölle. Bechs belege sind also für unsere Parzivalstelle ohne wert, sie beweisen nichts, und die von ihm mit wunderlicher Zähigkeit festgehaltene les- art mit schar kann eben nichts anderes besagen als dass Lucifer „mit einer schar" zur hölle fuhr: eine so unbestimte, in ihrer unbestimtheit so überflüssige bezeichnung für Lucifers begleitung, dass Lachmann schon deshalb die lesart mit schär bevorzugen muste. Was er darunter verstanden haben mag ,'-'. entzieht sich freilich unserer kentnis. Wol aber wissen kenner, dass sein Wolframtext in jedem worte das resultat zusammenhangender, gelehrtester und fein- sinnigster forschung, in jedem worte rücksichtlich des algemeinen Sprachgebrauchs sowie der eigentümlichkeiten des dichters reiflich erwogen, Lachmann also auch an unserer stelle in dieser weise zu werke gegangen ist. Er wüste ohne zweifei sehr wol, dass Wolfram die praeposition mit (cum substantivo) da wo sie attribuierend angeben soll, womit eine person oder sache begabt, versehen, ausgestattet oder angefüllt ist, entweder auf die angäbe der lezteren folgen oder aber derselben vorausgehen lässt. Ist das erstere der fall, z. b. im Parz, 1, 13. so habet sich an die blanken der mit stcßten gedanJcen („der beständige"); 168, 21 dö kom der wirt mit triwen kraft („der urgetreue wirt"); im Willeh. 24, 4 in die banier was gesniten Amor der minne sere, mit einem tiuren gere, so liegt die umgekehrte Avortstellung in folgenden fällen vor: Parz. 351, 28 darzuo der binnen iesUch mit armbr liste ein schütte („ein armbrustschütz") pflac ; 498, 30 da diu Greian in die Trä, mit yolde^ ein waz,z,er („ein gold führendes wasser") rinnet. Wolfram folgt in dieser ausdrucksweise, wie so oft, dem stil der edleren spielmannspoesie, wofür nur angeführt zu werden braucht Lau- rin (ed. Müllenhoff) v. 1176 mit gesteine ein guldm vingerltn sties, es, an sine zesewen hant. 1) Nach (foMe interpungiert D, nach meiner meinung ebenso nichtssagend wie nach schar. zu PABZ. 403, 15. 385 Zuweilen rückt er das vorausgehende mit cum Substantive noch weiter von dem dadurch näher bestirnten gegenstandsworte (in folge eines ein- geschobenen Satzgliedes) ab, wie denn im Parz. 2, 20fg. , in jenen langsam verstandeneu versen sin triwe hat so Imrson saget, daz, si den dritten Hs, niht galt, fuor si mit hremen in den walt die Worte mit hremen nicht mit fuor, sondern mit walt zu verbinden sind, der dadurch als bremsenreich, von bremsen wimmelnd bezeich- net wird. Auf grund dieser erwägungen und Zeugnisse (die sich übrigens vermehren lassen, vgl. Parz. 542, 20; auch Willeh. 4, 27 dürfte hier- her gehören) wird an der lesart mit schär ein mensche, was die Wort- stellung und den gebrauch des mit angeht, nicht mehr gerüttelt wer- den dürfen, und die noch übrige aufgäbe kann nur die sein, die bedeu- tung von schär zu ermitteln. Was diesen punkt betrift, so teile ich durchaus die von Sprenger gehegte ansieht; ich halte schär mit ihm für das altfranzösische car, cliar „caro" und hatte mir das lange in meinen Parzivalcommentar notiert, ehe Sprenger mit seiner Vermutung hervortrat. Dass Wolfram mit der Verwendung französischer brocken ein lustiges spiel treibt, sein publikum sowie sich selbst gar gerne damit zum besten hat, französische werte bald mit bald ohne erklärung den deutschen einflicht, ist so bekant, dass es überflüssig ist, beispiele dafür vorzubringen. Ich erinnere nur an das von Bartsch in der ersten ausgäbe seiner Parzivalerklärung misverstandene , im Parz. 167, 10 sus äolter freude und eise mitten unter deutschen werten verwendete fran- zösische aise, welches Wolfram im Willehalm 449, 8 ausdrücklich durch guot gemach erklärt. Liegt schon hierin die möglichkeit, dass wir in schär ebenfals ein französisches wort vor uns haben, so wird die sache dadurch fast zur gewisheit, dass in romanischen gedichten typisch und formelhaft Wolframs werten mit schär ein mensche genau entsprechende ausdrücke als bezeichnung des menschen begegnen, die unser dichter ohne zweifei seinem romanischen vorbild entlehnt hat. Auf altfranzö- sischem gebiete lesen wir in der Vie de Saint Alexis, ed. G. Paris, s. 257 (tiradenbearbeitung) v. 1247 „or par sui veve, sire," dist la pucelCj „jamais leece vCarai^ car no puef estre; n'a carncl houme rCarai jamais a faire, [Diu servirai , le roi qui tout governe]." 25* 386 LÜCAE, zu PARZ. 463, 15. in der Chanson de Roland, ed. Th. Müller, v. 2140 ensemUe avruns e le hien e le mal, ne vos lerrai pur nul hume de car. V. 2152 li quens Rollant est de tant grant fiertet, ja n^ert vencut pur nul hume carnel. in dem Roman de Roncevaux , ed. F. Michel , Paris 1869 , s. 298 t. 337 nus hom de char nH o'ist Deu tonnant. Auf provenzalischem gebiete singt Daude de Pradas , nr. 9 , cobl. 2 qu'anc hom de carn non ac ira major mid Peire d'Alvergne, Mahns ged. nr. 1320, cobl. 8 e dautras meravillas mouts, den hom carnals non sap la ßn. Bedeutsam ist es, dass die haltung dieser romanischen gedichte mehr oder weniger eine geistliche ist und der in rede stehende ansdruck den menschen zu höheren, göttlichen wesen in gegensatz stelt. Das leztere ist ja auch in der Parzivalstelle der fall. Denn was endlich die sachliche seite, den tieferen sinn derselben angeht, so wird von Wolfram der erste, üs der erden geworhte, aus fleisch und bein beste- hende mensch gerade darum dass er mit schär „mit fleisch versehen und ausgestattet" ist den engein gegenüber gestelt, die, wie ein blick in die dogmengeschichte lehrt, aus einer anderen oder vielmehr kei- ner materie bestehend gedacht wurden. So sagt Tatian in der oratio ad Graecos cap. 15 (Corpus apologetarum christianorum saec. 11, ed. Otto, vol. 6, 70): zJalf-ioveg d^ itävi^o, aaquov f.iev ov /.eKTi]VTaL, 7cvsv- l^iarint) de eariv avvoTg t) aof^ucrj^Lg log jrvqoq, ihg diqog. Ahnlich Ter- tnllian de carne Christi cap. 6 (vgl. Oehler, Tertulliani quae supersunt omnia 2, 438): constat angelos carnem non propriam portasse, utpote natura substantiae spiritalis, etsi corporis alicnius, sui tarnen generis, in carnem autem humanam transfignrabiles ad tempus videri et con- gredi cum hominibus posse. Igitur cum relatum non sit unde surapse- rint carnem, relinquitur intellectui nostro non dubitare hoc esse pro- prium angelicae potestatis, ex nulla materia corpus sibi sumere. Diesen erörterungen zufolge kann der sinn nnserer verse wol nur sein: „als Lucifer in die hölle gefahren war, ward ein den engein ungleiches, in fleisch gekleidetes wesen, ein sterblicher mensch (Adam) geschatfen." MARBURG, 18. SEPT. 1880. K. LUCAE. 387 DIE ERD - UND VOLKERKUNDE IN DER WELTCHRONIK DES RUDOLF VON HOHEN -EMS. (Fortsetzung.) b. Beiiut/ung der Imago Miindi dos Honoiius in dem deutschen Lucidarius. «. Zeit, veranlassung und zweck der abfassung des Lucidarius oder der Aurea gemiiia. In dem deutschen Lucidarius ist mir die erste deutsche und damit auch überhaupt die älteste bis jezt nachweisbare Verwertung der Imago Mundi des Honorius begegnet. 1. Des Honorius geographischer abriss scheint nämlich gegen ende des 12. Jahrhunderts auch die aufmerksamkeit Heinrichs des Löwen erregt zu haben. Und zwar geschah dies aller Wahrscheinlichkeit nach zu der zeit, als der einst so gefährliche und machtstolze gegner kai- ser Friderichs, nunmehr kampfesmüde, in seiner residenz Braunschweig eifrigen Umgang mit den klerikern seines hofes pflag und in höherem masse, als es ihm vordem vergönt war, sein augenmerk auch auf die pflege geistiger wie künstlerischer Interessen verwante : — ich meine zu jener zeit, von der es über den greisen Weifen in den Stederburger annalen ^ heisst: „Ipse etiam licet robore et viribus corporis deficeret, et infirmitas, quae quemlibet hominem deiceret, ipsi accederet, animi sui naturalem virtutem nobiliter regebat, et antiqua scripta cronicorum colligi praecepit et conscribi et coram recitari , et in hac occupa- tione saepe totam noctem duxit insomnem." ^ Der greise krieger suchte nunmehr seine befriedigung in der Sorgfalt, die er auf die ausübung frommer und gottseliger werke verwante, und zeigte sich demnach besonders bedacht auf die ausführung und prächtige schmückung kirch- licher bauten. Ein treflich unterrichter Schriftsteller^ äussert über seine lezten lebenstage: „Dux autem senior, uariis negotiis deditus, his videlicet , quae ad ornatum Domus Dei ^ pertinerent, uel etiam aulae propriae in Brunschwig, residuum uitae suae tempus quietus egit.". 1) M. G. SS. XVI. band, seite 230. 2) Hierzu bemerkt Martin Philippson (Geschichte Heinrichs des Löwen und der weifischen und staufischen politik seiner Zeit. Bd. H, s. 396) nicht unpas- send: „Es scheint demnach, dass er auch die kentnis des lateinischen sich noch in diesem seinen späten alter angeeignet habe." 3) Arnold von Lübeck IV, 20, 5. 4) D. h. des Sanct-Blasius-domes, eines grossartigen denkmales seiner künst- lerischen bestrebungen und förderungen. Vergl. L. C. Bethmann , ,,Die gründung 388 DOBERENTZ Wir werden demnach kaum fehl gehen, wenn wir vermuten, dass in dieser zeit stiller zurückgezogenheit, in welcher Heinrich den geistigen Interessen zugewendet belehrung über gott und die weit suchte , auch seine aufforderuug zur abfassung des wertvollen büchleins ergangen sei, welches den doppeltitel führt „Lucidarius" und „Aurea gemma." Klingt doch das verlangen nach bildung und belehrung unverkenbar heraus aus einer stelle des textes, welche zugleich über den zweck des büchleins sicheren aufschluss gewährt, und deshalb hier folgen möge nach ihrem Wortlaute in dem der Hallischen Universitäts- bibliothek gehörenden alten drucke : ^ Lage b , bl. 7. rw. : ^ „ Der meißer fprach (;) ivas d' mefch nit weiß dz, fol er fragen, mag er eiber das nit verßeen jo übe er dz, in got. wer aber von fein felbs leichtfer[t]ikeit nit lernet von den ewi- gen dingen, der wirt fchuldig wider got. wenn er fecz,t den ßnn [fehlt: nit] auff den wücher de im got gelihen hat. auch mag niemant nichts lieb haben das er nit weiß noch erkennet " „ Der junger fprach (;) ich hab ivol verstanden das es gut iß das d' menfch lernet, dauon foltu mich vnderweifen was die Ordnung bedeute die wir teglich begeen in d' crißenheit. Der meißer fprach (:) das wil ich thün durch das das alle die gebeffert werden die diß buch horent." 2. Zum zwecke der belehrung für die laien also hat der herzog durch seine hofcapelläne ein in frage und antwort gekleidetes deutsches handbüchlein des wissenswürdigsten aus lateinischen vorlagen zusam- menstellen lassen. Es solte in ihm bequem vereinigt vorliegen , was man sonst fernher zusammensuchen müste. Wenn nun darin, neben anderen abschnitten aus der Image mundi des Honorius Augustodunen- sis auch der geographische abriss beachtung und Verwendung gefunden hat, so ist das, bei der grossen beliebtheit grade dieses Stückes, sehr erklärlich. Aber auch der herzog selbst scheint nicht geringen wert darauf gelegt zu haben. Hatte er doch ausdrücklich verordnet, das Braunschweigs und der dorn Heinrichs des Löwen." Westermanns Monatshefte 1861. Bd. X, s. 525fgg. 1) Diese mit einigen rohen holzschnitten ausgestattete incunabel, o. o. u. j., signiert Hb. 23. Fol., welche einen im ganzen guten text bietet, enthält drei, mit ab c bezifferte bogen zu je 8 blättern in klein - folio , und auf der vollen seite 40 Zeilen. Die vier ersten blätter jeder läge sind mit römischen Ziffern signiert, ausser dem ersten leeren blatte; ganz leer geblieben ist auch die lezte seite. Dem- nach ist dieser druck verschieden von dem nach Naumanns Serapeum 12, 220 in Koblenz befindlichen, welchem ebenfals angäbe des ortes und jahres gebricht. 2) Vgl. K. Simrock, Die deutschen Volksbücher, bd. XIII s. 415, wo der abdruck nach der 1491 zu Augsburg bei Hans Schöusperger erschienenen ausgäbe, aber leider in moderner Übertragung zu finden ist. DIE GEOGRAPHIE RUDOLFS VON EMS 389 büchlein solle nicht in versen abgefasst weiden, damit es die reine Wahr- heit darbiete, wie es in den lateinischen büchern stehe. Hatte er doch gewünscht, dass es den titel ,,Aurea gemma" erhalte — womit wol unverkenbar eine Würdigung seines treflicheu und verlässigen inhaltes ausgesprochen sein soUJ 3. Durch diese eiureihung in den deutschen Lucidarius fand die Weltbeschreibung des Honorius widerum eine höchst ausgedehnte und weit über das mittelalter herabreichende Verbreitung in vielen hand- schriften und auch in zahlreichen drucken der Lucidarien , die zu belieb- ten Volksbüchern wurden und es auch noch bis auf die gegenwart geblieben sind. Ja sogar über Deutschlands grenzen hinaus gelangte und wirkte dies büchlein in mehreren ausländischen bearbeitungen. — Bei so ausgedehnter, andauernder und vielverzweigter Verbreitung konte freilich der text nicht von vielfachen und eingreifenden änderun- gen und Wandlungen verschont bleiben. Aber alle die verschiedenen gestaltungen , in denen uns die Lucidarien begegnen, gehen zurück auf die ursprüngliche gestalt, die das büchlein auf herzog Heinrichs geheiss durch die hofkapläne erhalten hatte. Den nachweis der richtigkeit dieses urteiles, und die darlegung der einzelnen Verzweigungen auf andere zeit und gelegenheit verspa- rend, beschränke ich mich hier auf dasjenige, was in unmittelbarem 1) Wir erfahren das aus der gereimten vorrede des büchleins, wie sie K. Schröder in Pfeiffers Germania (1872) 17, 408 fg. aus der Berliner handschrift (Ms. Germ. Oct. 56) mitgeteilt hat. Sioer gerne vremde mere Von der schrift verneinen tvil Der mac hie hören Wunders vil In disme deinen buche. Man sol des verre suche E man ez vunde entsam geschrihen. {der herzöge) hat daz sie (d. i. sine capellane) ez lichten An rimen ivolden; Wan sie ensolden Nicht schriben tvan die warheit Als ez zu latine steit. Der herzöge tvolde Daz man ez hieze da Aurea gemma; Do duchte ez dem meiste r besser sus, Daz ez hieze Lucidarius, Wan es ein irluchter ist. 390 DOBERENTZ bezuge steht zu der gegenwärtigen die mittelalterliche geographie betref- fenden Untersuchung. ß, Dur geugraplii sehe abscliuitt im deutschen Lucidarius nach Wichtigkeit, wesen und Verbreitung. Bedeutsam zeigt sich der geographische abschnitt im deutsclicn Lucidarius in mehr als einer hinsieht. 1. Zunächst erscheint er schon aus serlich betrachtet nicht unwichtig. Denn gleichwie der geographische abschnitt in Rudolfs Weltchronik einerseits für die sonderung zweier verschiedener, wenn- gleich ähnlicher werke und andererseits für die gruppierung der hand- schriften licht gewähren konte, so vermag auch die entsprechende erdkundliche einschaltung im Lucidarius einesteils bei einer anordnung der handschriften des deutschen Lucidarius wesentliche dienste zu leisten , und anderenteils bietet sie einen treflichen anhält für die Unter- scheidung, und die gemäss dieser Unterscheidung notwendig werdende principielle Scheidung der Lucidarien überhaupt. Eine solche kritische sonderung sämtlicher Lucidarien hat man bisher fast gänzlich vernachlässigt, obschon sie die notwendige Vor- bedingung ist für eine klare erkentnis der zusammenhänge und ver- wantschaffcsverhältnisse, in welchen die einzelnen verschieden -sprachigen Lucidarien untereinander stehen. Nur C. J. Brandt hat im jähre 1849 in seiner treflichen, aber von der deutschen forschung unverwertet gelassenen einleitung zum dänischen Lucidarius ^ einen versuch dazu 1) Lucidarius en Polkebog fra Middelalderen , udgivet af det nordiske Litera- tur-Samfund ved C. J. Brandt. Kjobenhavn. 1849. 8". Die ludledning umfasst XXXVI Seiten. ■ — Hier sagt Brandt s. III: „.... pä Van dringen fra Mund tu Mund modtage deres Bearhejdelse ; sä at när de endelig skreves op, og det i forskjellige Egne, havdc vel disse Opskrifter det samme Omrids, de samine Grund- trcek, men Udferelse , Farve og Tone vare foreskjellige/' Brandt sucht demnach die verschiedenen gestaltungen der Lucidarien durch die annähme zu erklären , dass sie erst nach einer dui'ch geraume zeit voraufgegangenen mündlichen Überlie- ferung aufgeschrieben worden seien, und in folge dessen zwar im algemeinen über- einstimten, im einzelnen dagegen vielfach von einander abwichen. Dass ein skan- dinavischer mit den jirosaischen altnordischen sagas vertrauter forscher auf eine solche Vermutung geraten konte , nimt zwar nicht wunder ; aber die berechtigung ihrer anwendung auf ein deutsches in prosa abgefastes werk von derartigem lehr- haftem Charakter, müste doch, als eine ungewöhnliche ausnähme, ausdrücklich und wirklich bewiesen werden. Überdies auch wird die weiterhin anzustellende ver- gleichung von angaben des deutschen Lucidarius mit entsprechenden des dänischen mid des niederländischen die unhaltbarkeit von Brandts Vermutung entscheidend klar und sicher hervortreten lassen. DIE GEOGRAPHIE RUDOLFS VON EMS 391 gemacht, wenngleich freilich, meines eraclitens, ohne den eigentlichen angelpunkt der gesamten frage erkant zn haben. Um in die noch sehr verworrenen ansichten über die Lucidarien klärung zu bringen, ist es vor allem notwendig, dass zwei nach Inhalt und bestimmung sehr verschiedene werke auch bewust und sicher unterschieden und gehörig auseinandergehalten werden, nämlich: das ursprünglich lateinisch abgefasste Elucidarium, ein für theologen bestimtes werk theologischen Inhaltes, und der ursprünglich deutsch abgefasste Lucidarius, ein für die Unterweisung von laien bestim- tes büchlein algemein belehrenden Inhaltes. Für die Unterscheidung der beiden werke bietet der geographische abschnitt ein bequemes merknial. Denn das Elucidarium, verfasst von Honorius Augusto- dunensis, und dessen erstlingsschrift , ist lediglich ein in gesprächsform gekleidetes dogmatisches handbuch scholastischen gepräges, und ent- hält demnach nur theologisches, nichts geographisches. Der Lucida- rius dagegen ist zwar ebenfals in dialogischer form abgefasst, und enthält zwar auch theologisches unter stellenweiser benutzung des Elu- cidarium , aber dies theologische doch nur in einer auf die laien berech- neten beschränkung,^ und ausserdem enthält er noch mancherlei ande- res wissenswürdige, und darunter namentlich auch den abriss einer Weltbeschreibung. Bei der überaus bunten mannigfaltigkeit , welche die zahlreich vorhandenen und oft sehr stark von einander abweichenden Elucidarien, Lucidarien und deren Übersetzungen und bearbeitungen , so wie die von ihnen abgeleiteten werke darbieten, gewährt demnach das vorkommen oder fehlen dieser Weltbeschreibung einen brauchbaren ersten anhält für die beurteilung, ob das betreffende Averk in die gruppe des Eluci- darium oder des Lucidarius einzureihen sei. 2. Bevor wir uns zu genauerer erwäguug der an Ordnung und des Inhaltes dieser weltbeschreibung im deutschen Lucidarius wenden, müssen wir uns noch klar zu werden suchen über die stelle, an wel- cher sie in den Lucidarius eingefügt worden ist. Nachdem im beginne des ganzen werkes durch fragen und ant- worten über die dreieinigkeit und somit von dem „glauben" gehandelt 1) Vgl. z. b. Hallische incuuabel bl. aij. ivv. (= Simrock s. 379): „Der viei- fter fpracli: von gott gethüren ivir nicht ze fer reden, wann die leyen kenient vil- leicht in groffen ztoifel fo fg die tieffen rede vernemend; und Simrock 411: Jün- ger: . . . Nun sage mir .... wie sich jeglicher mensch bewahre, dass er die gna- den des h. geistes und der heiligen Christenheit nicht verliere. M. : Du fragst gar tief: ich kann dich des übel berichten. 392 DOBERENTZ ist,' folgt ein läugerer abschnitt, welcher die fragen „über himmel und erde und über die vier elemente" zum gegenstände hat.^ In die- sem widerum begegnet eine längere partie „von der Ordnung der weit," wobei die frage nach der einteilung derselben aufgeworfen^ und beant- wortet wird. Schliesslich aber geht die Unterredung über zu einer erörterung der drei bewohnten erdteile. Nachdem sich somit'' die Unterweisung auf die weltbeschreibung bezogen hat, verbreitet sich das Zwiegespräch weiter über naturwissenschaftliche gegenstände,^ um dann nach einigen bemerkungen über das ende der dinge '^ auf die deutung und bezeichnung der kirchlichen brauche'' und einrichtungen, endlich aber auf eine genau ausmalende Schilderung des lebens nach dem tode^ überzuspringen. Die geographische einschaltung gliedert sich in vier natürliche abschnitte, die sich in allen Lucidarien wider erkennen lassen: Asien, Europa, Afrika, die inseln.'^ Vergleichen wir den geographischen abschnitt des deutschen Luci- darius mit dem lateinischen in der Image des Honorius Augustodunen- sis, so ergibt sich derselbe, sowol in der anordnung des Stoffes, wie auch in der ausführung der einzelnen teile als eine auszügliche J) Simrock s. 377 fg. 2) Simrock s. 385 — 396. 3) Simrock s. 386. 4) Simrock s. 386 — 396. 5) Simrock s. 396—410. 6) Simrock s. 410 fg. 7) Simrock s. 411 — 429. 8) Simrock s. 430— 442 (schluss). 9) Die Königsberger hs. nr. 1157 (früher X x. 93) , pgm. , 14. jh. , 166 bl. 4«, zweispaltig geschrieben, enthält auf bl. 23" — 24* ein bruchstück des deutschon Lucidarius, wovon ich sorgsame abschrift der gute des herrn Johannes Keicke in Königsberg verdanke. In diesem bruchstücke, welches übrigens nicht frei ist von lücken und Interpolationen, lautet die angäbe der gliederung folgeudermassen : Bl. 23''. 1) D [iscipulus] : nu fage mir von dem daz do haizet afia. M[agi- fter]: afia erhebet fic do di fun auf get, vnd get niderthalben biz in [lies: aw] daz mer .... (Vgl. Simrock s. 386.) Bl. 24''. 2) D. : nu fage mer von den [1. dem] andern tail. M.: das ander tail haizet Europa, daz raizchet |1. raichet] von dem mer biz an daz geprig [1. gepirg] .... (Vgl. Simr. s. 393.) Bl. 24''. 3) D.: Nu haßu mier gefait von den zctvain tailen. nu fage mir von dem drittail daz do haizet affrica. M.: affrica erhebet ßcz [1. fich] an dem wazzer daz do haizet indus, vnd reichent gegen occident. biz an daz wendel- mer .... (Vgl. Simr. s. 394.) Bl. 24''- 4) D.: vil über maißer du haß mir gefait von de(r) icerlt vnd wi ß iß geßailt (1. getailt). nu foUu mir fagen von den in fielen, di do ligen indem mere vnd von den londern di got in in hat gefchaffen .... (Vgl. Simr. s. 394.) Die in der Königsberger hs. fehlende schlusswendung dieses geographischen Stückes lautet bei Simrock s. 396: ,,Nun haben wir gesagt, wie diese weit geteilt und wie sie beschaffen ist; was du nun fragst, des berichte ich dich mit gottes hülfe. " DIE GEOGRAPHIE RUDOLFS VON EMS 393 Übersetzimg aus diesem seinem lateinischen vorbilde, die, in einför- miger und behaglich breiter redeweise sich bewegend , das Ungeschick ihres Verfassers in handhabung deutscher prosaischer rede bekundet. Was wir aber als die algemeine bestimmung unseres büchleins erkanten, das prägt sich auch widerum charakteristisch in der art und weise aus, wie der durch Honorius dargebotene geographische stoff im deutschen Lucidarius verwendet worden ist. Denn der endzweck des werkchens, in unterhaltender form dem unkundigen hörer Interesse und belehruug beizubringen, lässt sich auch hier allenthalben wahrnehmen. Aus diesem gesichtspunkte werden wir es daher begreiflich finden, dass da , wo die lateinische vorläge wesentlich nur eine topographische namenaufzählung gewährt, der ausschmückenden wundergeschichten aber völlig entbehrt, im Lucidarius die widergabe nur höchst spärlich ausgefallen ist; während dem gegenüber der erste teil unserer welt- beschreibung den grösten umfang gewonnen hat. Erzählt doch in die- sem erstenteile der „meister," und sicherlich zu des „Jüngers" gröstem ergötzen, von den sonderbaren fabelmenschen und den fremdgear- teten und abenteuerlichsten uaturgebilden , welche das uralte Wunder- land Asien, namentlich aber das geheimnisvolle Indien bergen solle. Wo aber der phantasie keine nahrung geboten, die neugierde nicht gereizt wird , da werden geographische nameu und topographische bestimmungen unbedenklich übergangen, und dann geht die dürftigkeit der angaben nicht selten so weit, dass es unmöglich wird, sich aus ihnen auch nur annähernd ein bild von der geographischen läge der einzelnen länder zu verschaffen, und dass, bei dem mangel fester grenz- angaben, sogar das fremdartigste, nebelhaft in einander verfliesst. Zur veranschaulichung dieses mangelhaften Verfahrens und seiner nach- teiligen Wirkungen lege ich hier einen abschnitt vor , welcher deutlich erkennen lässt, wie in folge alzugrosser beschränkung bei der auswahl des Stoffes und auffälliger Oberflächlichkeit bei ausarbeitung der Über- setzung nebelhafte Unklarheit sich über das ganze verbreiten , und sogar grobe irtümer sich einschleichen konten. Ich sende vorauf die zu gründe liegenden stellen des lateinischen textes aus der Imago mundi des Honorius Augustodunensis , nach dem drucke in der Max. biblioth. patrum Lugdun. XX s. 968" — 969" und zwar aus den auf Asien bezüg- lichen capiteln 15 bis 21. Darauf lasse ich, weil eine kritische ausgäbe des deutschen Lucidarius noch nicht vorhanden ist, den entsprechen- den deutschen text in den vier fassuugen folgen, welche für dieses stück mir vorliegen. Es sind dies: a) die schon erwähnte incunabel o. o. u. j. der Hallischeu Univer- sitätsbibliothek, welche den in den drucken des 15. Jahrhunderts umlau- 394 DOBERENTZ feuclen text durbietet. Dieser text , der als Vulgata bezeichnet wer- den kann, ist verhältnissmässig volständig und kann deshalb als cor- rectiv für andere texte dienen.^ b) Die beiden von Mone in Heidelberg von einem buchdeckel gelösten pergamentblätter des 12. Jahrhunderts, deren leider übel ver- stümmelten text er in seinem Anzeiger für künde der deutschen vorzeit (1834) 3, 311 fgg mitgeteilt hat. Schon wegen seines alters ist dieser text von hoher Wichtigkeit, zumal gegenüber den einschiebsein wie den auslassungen jüngerer handschriften. c) Die ebenfals bereits erwähnte Königsberger pergamenthand- schrift des 14. Jahrhunderts , nr. 1157. d) Die Wolfeubüttler papierhandschrift, aus dem jähre 1437. Cod. Aug. 78. 4. 2"^, 183 zweispaltig geschriebene blätter, zu 37 bis 38 Zeilen „per manus Johafi Stollen de perchingen." Der Lucidarius, reichend von bl. 112" bis 183'' ist das lezte in dieser handschrift ent- haltene stück. Sein text ist leider sehr verderbt, und namentlich durch bedeutende Kicken und erhebliche Umstellungen verunstaltet. Auskunft über diese handschrift und reichliche saubere abschritt aus derselben verdanke ich der gute des herrn dr. Milchsack in Wolfenbüttel. Nach seiner freundlichen mitteiluug besizt dieselbe bibliothek noch zwei andere papierhandschriften des deutschen Lucidarius. Honoruis, de imagine mundi, IIb. l. Cap. XV. — De Mesopotamia. — A Tygri tiumine usque ad Euphratciii est Mesopotamia, a duobus fluviis (jraece ita dicta, quod in medio duornm Huiuhuini sit constituta. In hac est civitas Ninive, itinere trium dierum, a Nino rege constructa et iiominata. In hac etiam regio Babylonia, a civitate Babylonc uoraiiiata. Hanc Nemroth gigas fundavit; std Seniiramis rcgiiia rcparavit. Cujus muri latitudo est quinquaginta cubitorum, altitudo ducentorum cubitorum, ambitus civitatis quadrin- gentorum octoginta stadiorum. Ceutum portis aereis firmata. Fluvio Euphrato per medium cius currentc iriigua. Hujus arx Babel quatuor millia passuum alla scribitur. - — In ca qiioque est Chaldaca, iu qua pri- mum invcuta est astrüunmia. In ea et Arabia, quae etiam Saba dicitur, a Saba iilio Chus. In hac thus colligitur; in hac est mons Sina, qui et Oreb, in quo lex a Moyse scribitur accepta; juxta (|ueni urbs Madiau fuit, in qua Jcthro sacordos praefuit. In ea sunt gcntes multac, Moabitae, Ammonitae, Idumaei , Sarraceni , Madianitac , ot aliao nniltae. 1) Sinirocks widergabe der Hans Schönspergerschen ausgäbe (Augsburg 1401) im 13. bände seiner Volksbücher , modernisiert nicht nur die spräche, sondern lässt auch schwierige und dunkle stellen entweder ganz weg, oder ändert sie wilkürlich. DIE GEOGRAPHIE RUDOLFS VON EMS 395 a. Lucidarius. Hallische iucimabel. (viij".) (D)Er iunger fragt, mm facj mir von dem land das do heiffct Mefopota- mia. — Der meifter fprach Mefopotamia das land heiffet nach zweyen loaffern die dv/rch daf landt rinnend in dem land iß ein brück die heiffet Niniiie die iß dreyer tagweyd lang vnnd weit in dem landt lygt Babilonie die zimmert ein wein- garter der heyß Memhrot. Die brück Niniue die iß fünffcsig den dick vnnd zioey- hnndert elen hoch, die felh brück iß vierhundert vnd fibenczig meilen iveit darinne feind hundert öriner Imrgthor. in dem felben landt iß ein gcgent die heyffet Arabia vnd vnnd faba dannen kompt der ivcyroch. do ßeet ein berg der heiffet oreb do Moyefes die ee auff ward gegeben. b. Mones Anzeiger 3, 316. or in deme lande lit ei(n) gegine div wiroch. daz iß der berc Oreb da, Moyfi c. Königsbergei" bruchstück, (Bl. 24^.) iV?t fag mier von dem lant daz do haizet mefopotamia. in dem felben lant leit ein purch di haizet nvnive. die ist drier tag lanc. In dem lant iß babilonia di zcimmert menrot der ivaz ein riz. der felben ßat mauer iß zcwanzcic ein die vnd zwaier hundert ein ho. ß iß auch vierhundert meil weit, vnd zebenzhic vnd hat febenzchic burgetar. In dem, lant iß ein gegen di haizet arabia. vnd fabba. vo)i dan kumit der weirouch. Do ßet auch der perg ßnai. do moyfen di e %vart auf gegeben. d. Wolteub. hs. (Bl. ITS*^— 178".) Der Junger fprach Nu fag mir von dem lant Mefopothamiam, Der meißer fpi'ach Das lant heiß nach den zweien waßern In demfelben lant ßet nyniue Dye ßat iß iij tag weit lanck vnd weit In demselben lant iß auch die ßat Babi- lonia dye pauet einer [178'*] der hieß Nemmroth Diefelbig ßat iiij ivelifch meilen lanck vnd prait vnd do gingen iiij purg darein In demfelben lant do iß auch ein gegent Arabia Sdbba von dann kumppt der weirauch. Cap. XVI. — De Syria. — Ab Euplirate ustpo ad maie mediter- laneum est Syria, a quodam Syro rege dicta, in qua est Damascus, a Damasco Abraae liberto constructa et dicta, olini Reblala vocata. Est in ea Comageiia provincia. Est et Phoenicia, a Phoenice ave, quae sola in hac terra invenitur, sive a Phoenice rege, filio Agenoris, dicta. In liac sunt Tyrus quae et Sortyx, et Sidon civitates sitae. In hac etiam mons est Lybanus, ad cujus radicem oritur Jordanis tiuvius. Est in ea quo- que Palaestina, a civitate Palaestiu, quae nunc Ascalon vocatur, dicta. Est in ea ludaea ,"-' a Inda filio lacob , de cuius tribu reges ei ant , nuncupata. In hac etiam Chananaea, a Chanaan iilio Cham dicta. In hac est lerusa- lem , quam Sem filius Nohae construens , Sakan nominavit. Sed lebus , et filius Chanaan inhabitavit, unde lebus et Salem dedit ei nomen rex David Jerusalem, quasi lebusalem. Quam Salomon filius ejus auro et gemmis deco- ravit, leroselyniam quasi lerusalemoniam appellavit. Quam a Babyloniis subversam, Zorobabel reaedificavit ; sed Romanus exercitus postea funditus 396 DOBERENTZ flelevit. TIanc postmodiim Aolius Adrianus imperator rei)aravit., Aeliamque nominavit. XVI. a. Darnach lygt ein landt heiffet fyria dann, ligt Damafcus die zimmert Abra- hams geschwey in dem land iß ein berg der heyffet libanus daraufs entfpringet der Jordan in dem land iß fcalon vnnd Jerufalem die zimmert fein (1. sem) Noe fun. XVI. b. dar nah lit ein lant daz heizit Syria daz inne lit ein vige. dar inne lit ein bere der heizit in dem lande lit Scalvne. in demfelhin lande en fvn. XVI. c. Do noch leit ein lant daz haizet firia. dar in lit ein ßat di haifet damafcus in der waz fant paul. di zcimmert Abraham fun. Dor in liet ein purch di haizet. libanus. da entfpringet der iordan. In dem lant iß fcalin. vnd ierufalem di cim- mert noes fun. XVI. d. darumb leit ein lant das heißt Damoscus Darnach leit ein pürg heist Libanus darauß erfpringet der Jordan Darnach leit Ascolonia vnd darnach leit jrlm dy päwet von erßen sand Noes fun Cap. XVIL — De Palaestina. — Est et in Palaestina regio Samaria, a civitate Samaria dicta, quae nunc Sebastia est nuncupata, olim Sicliima, a Sichern vocata. In hac est (luoquo Galilaea, in qua est Naza- reth civitas , juxta montem Thabor sita. In liac est et Pentapolis regio, a quinque civitatibus dicta. In qua olim fuit Sodoma, et Gomorrjia. In hac est mare Mortuum, a quo fluonta lordanis absoibentur. In hac etiam Sarraceni ; a Sara dicti, qui et Agareni, ab Agar; item Ismabebtae ab Ismael nuncuj)at,i. In hac et Nabatbad, a Nabaiotli filio Tsmael dicti, quo- rnm gentos sunt duodecim. XVII. a. Darnach geet ein landt das heyffet Paleßina do fchwebt das tod mure. das iß fo lauter das kein vifch fo Idein iß an dem grmid d' auff dem were in bedeuchte das er in mit der hand langte. XVII. b. dar nah hebet ftch ein lant daz alfe r daz dechein vifch iß dar iß den dimkit daz er in mohte XVIL c. Dar nach leit ein lant. daz haizet baleßina do fwebt daz rot vier, daz iß fo lauter, daz kain wichz iß fo Main, an dem grund. loer auf dem felben mer were. den daucht ivie er in mit der hant wold vahen. XVIL d. Darnach hebt sich an ein lant das heist Paleßina do ftnebtt das tote wer das iß da alfo lautier das man die vifchs ficht an dem. grund DIE GEOGRAPHIE RUDOLFS VON EMS 397 Cap. XVIII. — De iEgypto. — Hae superius dictae rogioncs, al» orioiite iiicipiciilos, roofa liiioa ad Mediterraiioum marc cxfoiiHiintnr. Quibus iisque ad Austrum Aegyptus connectitur, in qua viginti quatuor gentes esse feruntur. Ilaec in Oriente a Rubro mari surgit, terminum suum versus (»(•cidcjiti'in in Lyliya figit. Ilaoc pritis et Bona copia . Eiixia dicta, jiostca ab Aegypto rcgo , tVatro Dauai, Aegyptus est vocata, Ilaoc fluvio Nilo nndique oiiicta , in inO(bjm Dcltao littei'ae est forniala, ccntnm millibus villanun iiiclyta. Haue nubos non obscuraiit, pliiviac iioii irrigant, sed Nilus inundans eani faecundat. In hac est provinria Tlioliaida, a civitate Thebe cognominata . quam Cadmus Agcnoris tilius in Aogyj)tum veniens aedificavit, Tbebas secundum illam quam in Boeotia constcuxit, nominans; in hac Mauritius principabatur , ot ab bac Tliebaci difuntur. Huic maxima adjacet solitudo, in (jua olim cnnversahatur monaflini'nm mnltitudo. Cam- byses rex Aegyptum superans, civitatem coiididit, cui nomon i;al)yl()n indi- dit, quae nunc caput illius regni oxstitit. In iiac et victor Alexander civi- tatem aedificavit. quam ex suo nomine Alexandi-inm nancui)avit. XVIII. a. yenhalb des todten mores ftoffet egipteti. darinne lieft ein brück die heyffet Thobe do fant Mauritius inn ivas. XVIII. b. , r dar inne lit ein burc div heizit The- XVIII. c. alderhabt hob ivir daz rote mer. Dar in leit ein jnirch di haizet thehe. dar in waz fand mauritius herzcog. XVIII. d. Anderthalben ftoffet daran Egippten landt daffelbe lant heift Talie Dar jnnen was fant Maiiricius ein hertzog Cap. XIX. — De Caucaso et regionibus Orientis. — Supra- scriptis regionibus, usque ad A(iuiloncin annectuntur liao legiones. Mons Caueasus a Caspio mari orientis attoUitur, et per Aquilonem vergens pene usque ad Europam porrigitur. Hurie inhabitant Amazones faeminae videli- cet ut viri praeliantes. His cohabitant Massagetao, et Colclii, et Sarraa- tae. Seres est oppidum Orientis, quo Serica regio, et vestis, et gens est dicta. Post banc est Bactra, a Bactro amue vocata. Huic conjungitur Ilyrcania , ab Hyrcana sylva nonünata , in qua sunt aves quarum pennae splendent per noctes. Huic jungitur Scythia et Hirnia , quarum gentes sunt quadraginta quatuor. Ibi sunt Hyperborei montes. Hanc se-iuitur Albania, a candore popuU dicta, eo quod albo crine ibi nascantur. Cui connectitur Armenia, in qua est mons Aratb, super quem arca Noe post diluvium requievit, cujus usque hodie ligna ibi videntur. Huic copulatur Iberia. 398 DOBERENTZ Uli vero Cappadocia, a civitate ojusdcm nominis dicta, in hac equae a vento concipiunt, secl foetus non amplius triennio vivunt. XIX. a. an das land ßoffet ein berg heiffet Cantapus der reychet einhalb an das more. Auff dem berg feind weyber die heyffen Amafones. die fechten als die ritter. do bey ist ein berg der heyffet Seres. do findet man die aller befte seid vnnd ein loaldt der Jieyffet Hirttena darinne feind vogel die fcheynen als das fewr. do bey feind zioen berg die heiffen Armenie darauff fteet Noes arch das holez mag niemant gewinne mit keinem, feivr. noch mit keiner fchlatnnge. do bey ligt ein gegent die heiffet Capadocia do feind pferd die geivinnend füllin von den winden die füllin werden dreyierig XIX. b. an das felbe lant ftozit ein berc der heizet Cav- dem, berge ßnt ivip die heizint Amazo- lit ein burc div heizet Seres da vindet man heizit Ircana da inne ßnt vogile die fint die berge die heizint Armenij. da ftet mit nechevnime fvre gewinnin da phaerit div ftut ros volit von deme drier iar alt. XIX. c. An daz lant ftozet ein perc. der haizet caucafus der ßozet andirhalb an daz mer. auf dem perg fint tveip. di haizen amazones. di loechten als die ritter. do bey iß ein purch di haizet feres. Dobi ist eyn ivalt der haifet hircana. dor in fint vogel di fcheinen des nachtes als dar ivuer Da bi fint zctoen perig. di haizent armenie. da rf ßet noes archa di wart gemacht von eynem holcz daz haizet fethin. daz wault nivimer vnd mac auch kein weuiver gewinnen. Da bi leit ein- gegent di haizet capadäcia. do gewinnen di ßuetphert volen von dem. winde, ß werden aber nuer drier iar alt. XIX. d. In dem, felben lant leit ein purg dy heiß Caucafus dye reichet andcrthalben an das mer vnd iß fo hSch das es nahent get an das gelmlken In derfelben gegent do iß ein perek vnd ein purgk da fint frawen auff dye rechten als dye Ritter Do pey leit ein gegent dye heiffet (kipadocia auß dem felben lant was der kunick Theodorus des tochter hieß Dorothea Cap. XX. — De Asia Minore. — Asia minor post hanc con- stitnitnr, quae pcnc nii(li(iiie mari ciugilur. In hac est Ephesus civitas, ab Amazoiiil)iiK ('oiistrufla, in qua requiescit corpus loannis Evangelistae; in hac etiara civitas Nicaea, in qua magna synodus est facta. Prima pro- vincia Asiae Minoris est Bytliinia, prius Ben'ca, post Migdonia, mox a ßithyno rege ythinia appellata. In qua est civitas ejusdem nominis. In hac est etiam civitas Nicomedia, a Nicomede rege constructa et dicta. DIE GEOGRAPHIE RUDOLFS VON EMS 399 XX. a. (lo heij ligt die minder Aßa darinnen iß epJießos do fcmt Johannes etian- (felißa rußet. XX. b. Da M iß div minre Aßa XX. c. Do hei iß di minner Aßa. Do hei iß ephepiis do fant iohannes raß. XX. d. [fehlt in d.] Cap. XXI. — De regionibus Asiae, — Bythinia quoque dicitur Major Phrj'gia, in qua est civitas Smirna, a Theseo rege constructa. Huic jungitur Galatia, a Gallis dicta, quos Bythinus rex in auxiliuni evocavit et post vicloriam eis terrani divisit. Haue sequitur Phrygia, a filia Europae Phrygia sie nominata. Haec et Dardania a Dardano, lovis filio dicta. Et in ea civitas ejusdem uominis, ab eodem constructa. In hac est etiam civi- tas Troja, a Troo rege constructa et nominata. Haec quoque Ilium ab Ilo rege est dicta; hujus nioenia dicuntur Pergama. Huic adjacent Lycaonia, et Caria, iibi fluit Hiruus (?. Hermus) fluvius, aureis arenis famosus. Inde est Lydia a Lydo rege, fratre Tyrreni appellata. In hac etiam Thia- tira. Deinde est Isauria, ab aura qua undique perflatur, dicta. Post hanc est Cilicia, a civitate ejusdem nominis nuncupata, quam Cilix, hlius Age- noris, construxit, et ab illa regio nomen accepit. In hac est mons Amana, qui et Taurus. In hac et Tharsus civitas, a Perseo constructa, Pauli apo- stoli inhabitatione gloriosa. Deinde est Lycia et Pisidia et Pampbylia. Euxinus Pontus regio multarum gentium, a qua et Pouticum mare appel- latur. la quo Ovidius, et postea Clemens exsilio relegantur. XXI. a. do bey liget die gröffer Troya vfi Liconia. do rinnet ein loaffer iß genant Heremus, do bey findet man guldin grün, do findet manpontum das more. darinne lygt ein jnsel die heiffet pontus. darinn ward Ouidius vfi fant Clemens verfandt. dife land ligen alle in Aßa das iß der dritteil der ivelt. XXI. b. Dar nach iß Frigia da lit div mere Troja dar inne vlivzzit ein waz^ir daz heizit Hermus da hi vin- det man golt Pontum daz mer da lit: ein infula div mens vir fant. [dißv lant ligent ivelte. XXI. c. Do nach iß frigia do leit di mer troy. Do hei leit einjant daz haizet lico- nia do rinnet ain wazzer daz heizet erinus. do hi vindet man goldein reiz f. fron- des. Do bei iß pontium dar mer. do bei leit ein inftd di haizet pontus von dan ZEITSCHR. F. DFUTSCHE PHILOLOGIE. HD. XII. 26 400 DOBERENTZ waz Pilatus, dar in tvart ouidiiis. vnd fant mauritius vorfant. Difeu lant ligen alle in aßa daz iß das dritteil der velt. XXI. d. [fehlt in d.] Post decursam Asiam, transeamus ad Europam. a. (D)Er junger fragt nun fag mir von dem andern teil der tvelt Der meifter fpracJi. das anderteil der tvelt heiffet Europa b. do f. d. J. Nv fage mir von de- ine andirin teile, do f. d. Meifter. daz andir teil heizit Europa C. [bl. 24".] D. nu fage mer von den andern tail. M. das ander tail haizet europa. d. [Bl. 177 a/?.] Der Junger fprach Nu fag mir von dem andern teil der loerlt. Der M. fprach Der ij teil der tverlt heiß Europa. Der absolute wert des geographischen abschnittes im deutschen Lueidarius ist mithin zwar nur gering anzuschlagen, wichtig jedoch hat er sich erwiesen für die litteraturgeschichtliche forschung über den Lueidarius insgemein. Denn es hat sich gezeigt, dass er dienen kann zu richtiger sonderung der in mannigfach abweichenden gestalten vor- kommenden Elucidarien und Lucidarien, und dass er andrerseits auch einen massstab gewähren kann für das verfahren der übersetzenden Verfasser. 3. Wollen wir aber zu einer richtigen Würdigung dieser ältesten volständig erhaltenen deutschen weltbeschreibung gelangen, so müssen wir Umschau halten nach der aufnähme, welche sie bei den Zeitgenos- sen und den nachfolgenden geschlechtern gefunden hat, und somit ihre Verbreitung erwägen. Hierbei gewahren wir, dass man durch sehr geraume zeit die mancherlei mängel und Verstösse, mit denen dieses stück behaftet war, nicht als solche erkant und empfunden haben kann. Denn trotz der- selben hat gerade der geographische abschnitt weitgehendste Verbrei- tung gefunden, und erst im jähre 1578 einen ungenanten herausgeber unbefriedigt gelassen, welcher ihn für besserungsbedürftig hielt, und sich darüber in der vorrede folgendermassen äusserte : ^ „Es ist die 1) „M. Elucidarius. Von allerhand Geschöpffen Gottes, den Engeln, den Himmeln , Gestirn , Planeten , vnnd wie alle Creaturen geschaffen seind auff erden. Auch wie die Erdt in drey theil getheilt, vnd dero Länder, sarapt der Völcker DIE GEOGRAPHIE RUDOLFS VON EMS 401 sach vor zeiten in diesem büclilein gar für gut vnd gerecht erhalten worden, aber doch in etlichen stücken weit gefehlt, geschweig der 1 and schafften. Der halben wir diß buch in etliche vil weg gebes- sert , vnd was vnnütz , auf ein schwam lassen fallen , vn außgereut, damit man nit für etwas hielt, das doch in der Wahrheit nichts ist, derhalben verworfl'en, vn dafür die Landschafften mehr auß Plinio Secundo, Solino vnd anderen Cosmographicis gebessert vnd gemehrt, welches in alle wege vil lustiger zu lesen wirdt seyn, dieweil darinnen vil selt- zauier geschöpff meidung geschieht." Dass gerade der geographische abriss dem deutschen Lucidarius die teilnähme der leser erwerben und erhalten half, lässt sich aus der Wahrnehmung schliessen, dass wir ihn nicht eben selten bevorzugt finden. So hat im 14. Jahrhundert der Schreiber der Königsberger handschrift aus dem deutschen Lucidarius nur ein stück, aber dabei gerade den geographischen abschnitt in umfänglichem masse heraus- gehoben, während er für die theologischen fragen volständige abschrift des reichhaltigeren und gelehrteren lateinischen Elucidarium und stücke aus dem tractat Inevitabile des Honorius Augustodunensis vorge- zogen hat. ^ Einen recht augenfälligen beweis für die gunst, welche diese deut- sche Weltbeschreibung weithin gefunden hat, liefert ein durch Van den Bergh ^ veröffentlichtes fragment eener aardrijhsbesclwijving in prosa, in den vorm van zamenspraken vcrvat, das sich mir sofort als eine Übersetzung aus dem deutschen Lucidarius ergab. Diese niederländische, nach Van den Berghs urteile mindestens wol in das 14. Jahrhundert gehörende Übersetzung ist völlig verschieden von einem anderen, in Blommaerts oudvlaemeschen gedichten gedruck- ten „dietschen Lucidarius."^ Denn dieser dietsche Lucidarius ist eine darinn, eigenschafften, und wunderbarlichen Thieren, Auß Plinio Secundo, Solino, vnd anderen Weltbeschreibern , eine kurtze vnd lustige anzeigung " Franch- fort a. M. bey Christ. Egenolif Erben. 1578. 1) Der tractat Inevitabile handelt über Prädestination und freien willen. — Nach gütiger mitteilung des herru Johannes Eeicke reicht in der Königsberger hs. nr. 1157 das Elucidarium des Honorius von bl. 10" bis bl. 22''; die stücke aus dem Inevitabile von bl. 22'' bis 23"; das stück aus dem deutschen Lucidarius von bl. 23* bis 24 iß fus an der fchrift genant 887 lant und Hute und ouch der ßift nennet uns alfus diu fchrift 1230 diu nennet uns diu fchrift alfo 1248 diu lant hat üheral diu fchrift Yfpäniä genant 1183 diu andern weifchen riche nennet algeltche diu fchrift mit namen Galliä 1188 ir lantmarJce tuot erJcant diu fchrift 1236 als diu fchrift uns giht 1481 da feit diu fchrift 345 feit diu fchrift für war 638 nü giht alfus 28* 434: DOBERENTZ diu fchrift gewcerliche 1492 Sicilie daz, riche lant hat ouch diu fchrift mit wärheit in der ifeln zal gefeit 1065 als uns ir underfcheit ir ftift genennet hat diu rehtiu fchrift diu noch fürhaz, uns wifet hie hefcheidenliche rehte, wie usw. Während aber leztere stellen das feste zutrauen Rudolfs zu sei- ner quelle bekunden, findet sich ein zweifei an den angaben derselben überhaupt nur ein einziges mal geäussert, indem bei erwähnung der Vögel, deren gefieder während der nacht leuchtet, hinzugefügt wird: V. 754 ob uns diu buoch niht lieyent Dem gegenüber stehen aber nicht nur vielfache Wendungen wie: V. 399 mit wärheit funder wän , 312 mit wärheit und an allen wän 836 gewcerliche und an allen wän 998 äne Widerrede wer sondern M^ie Rudolf betreffs der Historia scholastica des Petrus Come- stor sagt: ^ als uns mit rehter wärheit diu huoch der wärheit hänt gefeit diu mit der heiligen fchrift ßnt des gelouben rehtiu ßift ganz ebenso bezeichnet er auch seine geographische quelle V. 83 als uns mit rehter wärheit diu fchrift der ivärheit hat gefeit und V. 265 daz, feit diu fchrift der wärheit diu von den felhen landen feit ja er nent sie nach mittelalterlicher denkart geradezu schlechtweg diu wärheit: v. 334 und 1552 als diu wärheit giht 89 und 513 als uns diu wärheit feit 699 als uns diu wärheit befehlet 902 und 1454 als uns diu wärheit wifet des 548 von dem gefchriben ßät alfus und tuot diu ivärheit uns geivis 653 und 1513 als uns diu wärheit tuot geivis 959 als uns diu wärheit tuot erhant 123 und nach der wärheit erhant 1) Vilmar, Die zwei reconsionen s. 62'' v. 181. DIE GEOGRAPHIE RUDOLFS VON EMS 435 Diese quellenberufimgen insgesamt gehen aber auf diejenige geo- grapliie zurück, welche wir im vorhergehenden bereits als grundlage so verschiedener bearbeitungen kennen lernten; denn sie beziehen sich mit ausnähme von nur drei stellen auf den , mittelalterlichen ansprüchen durchaus gemässen und daher so ungemein weit verbreiteten, geogra- phischen abriss, welchen Honorius für seine Imago mundi her- gerichtet hatte. Es ist demnach die behauptung, dass jener abriss auch unserm gelehrten und vielbelesenen dichter^ für seine länder- und Völkerkunde als quelle und vorläge gedient habe, über jeglichen zweifei erliaben und als durchaus gesichertes ergebnis zu betrachten. Ob aber jener abriss dem Kudolf in dem weitverbreiteten volständigen werke des Honorius vorgelegen habe oder in einer Sonderabschrift des geographisch -topographischen Stückes, ähnlich jener Mappa mundi in dem Heineschen codex , das lässt sich freilich nicht sicher und bestimt ermitteln und ist auch wenig belangreich. 2. Unser höfischer dichter hat sich aber bei seinem geographi- schen abschnitte keinesweges lediglich auf das allein beschränkt, was diese seine vorläge ihm darbot. Vielmehr finden sich ausser den eben besprochenen hinweisungen auf seine hauptquelle auch noch einige bezüge auf andere schriftliche quellen. So heisst es im offen- baren gegensatze zu „der schrift," d. i. dem Honoriusschen abrisse, ausdrücklich : V. 809 Nicea unde Nicke von den wir lefen dicke an andern Miochen anderswä Von den drei stellen, welche nicht auf Rudolfs vor- und grund- lage bezogen werden können, weist v. 167 auf Genesis H, 12 oder vielmehr auf einen bibelcommentar zu jener stelle, ähnlich dem des Hrabanus Maurus,^ Vers 875 und 1253 dagegen stellen zurückbezie- hungen auf jenes geschlechterverzeichnis der Noahschen nachkommen dar, wie es unser dichter kurz vor dem geographischen abschnitte mit benutzung der Historia scholastica seinem werke einverleibt hat. — In den versen 1570 fgg.: ein liolz heilet Ehenus dem man der art mit wärJieif gilit daz, es, miige verhrinnen niht 1) Vgl. Barlaam ed. Franz Pfeiffer (Leipzig 1843. Dichtungen des deutsch. Mittelalters bd. III) s. XIII fg. 2) Commentariorum libri IV in Genesim. lib. I , c. 12. Migne Patrolog. tom. 107, sp. 478. 436 DOBERENTZ finden wir eine beziehiing auf Flore und Blanscheflur v. 2071 fgg., denn dass leztere dichtung Eudolf von Ems sehr wol bekant gewesen ist, ersehen wir ja aus dem lobe, welches er in seinem „Wilhelm"^ ihrem Verfasser gespendet hat. Wenn Kudolf dagegen betrefs der versunkenen, vordem uuermess- lich grossen insel bemerkt: V. 15Ö3 daZ; feit und hat gefchrihen alfö der buochmeißer Pläto des hunß noch wUen iß erhant so entnahm er diese angäbe über die Atlantis der alten keineswegs, wie man es jener anführung zufolge vermuten solte, unmittelbar dem Platonischen Timaeus,^ wiewol lezterer in der lateinischen Übersetzung des Chalcidius während des mittelalters sich einer nicht unbedeutenden Verbreitung erfreute: er fand jene nachricht vielmehr bei Honorius mit der quellenbemerkung „Piatone scribeute" versehen, vor ,3 und verfuhr daher nach mittelalterlicher art auch in diesem falle ganz so, wie dies Vilmar * in bezug auf die in der Historia scholastica angeführten gewährsmänuer Josephus , Methodius und Philo schon früher für andere stellen unserer Weltchronik entsprechend dargetan hat. 3. An mehreren stellen begegnen in Rudolfs geographie auch beziehungen auf mündlich überkommene nachrichten; so V. 1123 mit den beiden marken iß gefcheiden tiutfchiu lant von windfchen landen. ■ die al die erde erkanden die hänt uns ftis mit ivärheit der lande gelegenheit gefeit funder zwwelUchen wän Ferner sezt unser dichter bei erwähnung Brandans zur weiteren bestätigung hinzu: V. 1608 als ich vernomen hän und genau ebenso stüzt er in v. 1355 seine bemerkung, dass alle län- der in Afrika nach Marroch hin Untertan sein sollen. Durch die ganz ähnliche Wendung: V. 983 als ich hän vernomen e begründet er sodann die nachricht, dass Dänemark viele länder und inseln in zinspflicht halte. Gleichfals auf mündlichem Avege war ihm 1) Siehe Wackernagel , Lesebuch ^ I , sp. 787. 2) Cap. III, §24 fg. 3) Image mundi lib. I c. 36. Migne Patrolog. tom. 172 sp. 132. 4) Die zwei recensioneu s. 13. DIE GEOGKAPHIE HUDOLFS VON EMS 437 die nachricht vou der unermesslichen breite Norwegens zugegangen; denn er fügt ihr bei: V. 987 als wir dicke hän vernomen. Bei antührung der Sibylle auf Samos sezt er hinzu: V. 1491 als uns iß von fage erJcant. Können wir aus alledem schon auf ein reges Interesse Rudolfs für seinen gegenständ schliessen, so tritt dieses noch sichtlicher zu tage, wenn wir seine länder- und Völkerkunde weiterhin nach ihrem Inhalte prüfen und mit den zuvor beleuchteten geographieen , welche von demselben Honoriusschen stamme ihren Ursprung herleiten , in ver- gleichung setzen. b. Rudolfs geographie nach ihrem Inhalte. 1. Da sich unser dichter bei der stof liehen gruppierung eng an seine vorläge hält, so erkennen wir gleichsam als den rahmen, zwi- schen welchen die einzelnen länder- und völkerkundlichen angaben gespant sind , auch in Rudolfs Geographie jene vier hauptabteilungen wider, welche wir bei den früher betrachteten geographieen feststellen konten. Jene gliedert sich nämlich solcher gestalt: 1) V. 68 — 877 diu gr6§e Äfiä 2) V. 878—1311 Europa 3) V. 1312—1424 Affricä 4) V. 1425 — 1612 diu lant der ifeln Aber nicht nur bei der anordnung des Stoffes und im algemeinen, sondern im einzelneu und einzelsten hält sich unser mittelalterlicher dichter an den ihm vorliegenden Honoriusschen abriss und tritt damit in schroffen gegensatz zu dem deutschen sowie besonders dem däni- schen Lucidarius, welche, den eigentlich geographischen stoff arg ver- nachlässigend, ohne umstände die geographischen namen und bezeich- nungen öfters bei seite lassen. Geradezu aber im entschiedensten gegensatze zu dem leichtfertigen darüberhin, mit welchem in der Image du raonde die geographischen demente behandelt werden, macht sich bei unserem höfischen dichter, ähnlich wie bei Gervasius, in erfreu- lichster weise ein unzweifelhaftes interesse für den geographi- schen stoff selbst bemerklich. Denn wenngleich der abschnitt über Asien mehr als die hälfte der gesamten Rudolfschen geographie aus- macht und der abschnitt über Indien widerum mehr als die hälfte jenes ersteren abschnittes (d. i. die verse 112—545) eiunimt, so liegt für Rudolf der reiz einer länder- und Völkerkunde trotzdem nicht allein in der Vorführung einer fülle von merkwürdigkeiten und wundergeschöpfen. 438 BOBERENTZ wiewol jene die mittelalterliche phautasie doch so wundersam anhei- melten imd so mächtig bestrickten. Eudolf erklärt dem gegenüber vielmehr für seine aufgäbe V. 887 lant und Hute und auch der ßiß zu nennen , oder , wie er sich sogleich am eingange zu seiner geogra- phischen einschaltung ausdrückt, anzugeben: V. 86 wie diu lant, Hut und der kint gelegen und genatüret ßnt. Er bietet demgemäss keinesweges wie dieses beim dänischen Lucida- rius, vor allem aber in der Image du monde der fall ist, die geogra- phischen bestandteile fast nur so weit sie unvermeidlich sind und gleichsam nur als folie für die wunder- und fabelgeschichten dar, son- dern er verwendet leztere allem anscheine nach vielmehr allein zur farbenreicheren ausmalung seines bildes einer länder- und Völkerkunde. Zeichnet sich doch Eudolfs geographie gerade in sofern aus, als in ihr mehrere für mittelalterliche hörer höchst fesselnde wunder- geschichtchen wol sicherlich nicht ohne absieht fehlen und demnach übersprungen sind, wogegen Eudolfs Vorgänger die bei Honorius gegebenen andeutungen sich nicht entgehen Hessen und ihren absieb- ten gemäss für ihre geographischen abschnitte sehr wol zu verwerten wüsten: so z. b. die erzählung von der wunderbaren quelle in Epirus, in welcher angezündete fackeln erlöschen und erloschene angezündet werden ; ^ von dem steine Asbestes in Arkadien ; ^ von den wunderbaren steinen Pyrites und Selenites ^ in Persien; von dem holz der arche Noäh , welches noch auf dem berge Ararat liegen solle ; ^ von der rei- nigenden kraft der erde aus der insel Tauatus ^ u. dgl. 1) Honorius I. m. I. c. 27. (Migne Patrolog. 172, sp. 128) nach Isidors Etym. XIII, 13, 10, welcher aus Augustinus de civit. dei XXI, 5, 1 geschöpft hat. Lezterer entnahm sie wiederum dem Solinus , Rer. mem. collectan. 7, 2. (Mommsen s. 60, 18 his 61, 2), der sie seinerseits dem Mela II, 3, 5 verdankte. 2) Bei Honorius (nach Migne und nach Bibl. Patr. Lugd. tom. XX) Arhaston genant (lib. I, c. 27). Honorius schöpfte aus Isidors Etym. XIV, 4, 15 (oder XVI, 4, 4), lezterer widerum aus August, de civ. dei XXI, 5,1, welcher sie aus Solinus 7, 13 (Mom. s. 63, 12 — 14) entnommen hatte. 3) Bei Honorius, nach Mignes ausgäbe, verunstaltet zu Pyrrhites und Syne- lites (lib. I, c. 14). Erstere nachricht entstamt schliesslich aus Plinius Hist. Nat. XXXVII, 189; leztere ebendaher 181; über den weg, auf welchem beide sich in das mittelalter verbreiteten, siehe die trefliche Solinausgabe von Mommsen (Bero- lini 1864) seite 177 und 178. 4) Honorius a. a. o. c. 19 nach Isid. Et. XIV, 8, 5. 5) Honorius a. a. o. c. 31 nach Is. Et. XIV, 6,3, lezterer schöpfte aus Soliii. 22, 8 (Momms. s. 114, 5 — 10.) DIE GEOGRAPHIE RUDOLFS VON EMS 439 Kudolfs eigene ziisätze dagegen verdanken, wie wir sogleich näher betrachten wollen, ihre entstehung dem löblichen streben unse- res dichters nach einer ergänzung und vervolständigang der geogra- phischen namensangaben. Zusätze anderer art aber begegnen so gut wie gar nicht oder wenigstens nur ganz vereinzelt. Während so z. b. bei Honorius nur einfach des raagnetsteines erwähnung geschieht, spie- geln Rudolfs verse (533 fgg.) von ageßein der drinne wirt als ein gros, hochgehirge wit der zücket an ßcli zaller zU das, tfen über des meres trän eine kentnis von dem am meere belegenen, unkundigen schiffern ver- derben drohenden magnetberge wider, wie ihn die reisen Sindbads schil- derten, und wie er durch die herzog -Ernst -sage im mittelalter zur geläufigen Vorstellung geworden war. Der kurze zusatz über den fang des einhorns (v. 482 — 489) ist gleichfals der im mittelalter algemein herschenden anschauung entnommen, wie sie durch Isidors Etymolo- gien (XII, 2, 12) nicht wenig verbreitet wurde; Eudolfs weitere bemer- kuug über die räche desselben (v. 490 — 496) ist allerdings weit sel- tener zu finden.^ Eigenartig ist der zusatz über das Pantier (v. 499 — 509), welches nach Eudolfs angäbe von den reinsten wurzeln lebt und darauf durch seinen süssen atem andere sieche tiere gesund zu machen vermag; wogegen nach dem Physiologus leztere eigenschaft sich entwickeln soll, wenn es zuvor gejagt und andere tiere gefressen hat.-' Der unbedeutende zusatz über die unverbrenlichkeit des ebenhol- zes , welchen der dichter nach Flore und Blanscheflur veranstaltete , ist schon früher erwähnt worden. Auch der zufügung über den stein Oni- chilus und den Bdellium-baum ^ in Ejulät, welche nach einem bibel- commentare erfolgt sein mag, ist bereits andeutungsweise gedacht worden. Sonach sind zu dem bei Honorius gebotenen , sagenhafte züge nur äusserst spärlich durch Eudolfs band nachgetragen worden. Welch greller gegensatz zwischen Eudolfs deutscher und der fast gleichzei- tigen französischen geographie , die beide geschwisterlich auf Honorius- schem stamme erwuchsen! Während der französische dichter in der Image du monde seinen geographischen abschnitt durch umfangreiche 1) Vgl. J. Berger de Xivrey, traditions terat. Paris 1836. S. 559. 2) Siehe deu Wiener Pliysiol. aus dem XII. jahrh. in HofFmanns Fundgr. I, s. 23: fo das felhe tier fleh gefatet uon den manichfalten tiefen. 3) Die nachricht gellt auf Plinius H. N. XII, 19 zurück. MO DOBERENTZ Zusätze wunderbarer und fabelhafter naturgeschicbte erheblich ange- schwelt und dadurch nach seiner meinung für mittelalterlichen gaumen erst gehörig gewürzt hat, bediente unser heimischer höfischer dichter sich dieses reizmittels in weit geringerem masse: denn er liess sich in diesem betracht fast schon an dem genügen, was ihm aus des Hono- rius abrisse zufloss. Ja noch mehr. Während der französische dichter mit ausgespro- chener absichtlichkeit die geographische beschreibung nur streifend berührt, gibt Kudolf die namen der länder, die zahlangaben der Völ- ker, welche hie und da bei Honorius eingestreut sind, die beschreibung geographischer läge u. dgl. nicht nur nach seinem Vorbild möglichst genau wider, ^ sondern sein streben nach volständigkeit macht sogar den wünsch in ihm rege , noch mehr zu bieten, als er in seiner vorläge angegeben fand. So heisst es z. b. bei erwähnung der länder zv^^ischen Euphrat und Tigris V. 578 der ich ein teil hie nennen wil während Rudolf doch alle anführt, die er bei Honorius im 15. cap. antraf Vernehmlich klingt ein ton von Unzufriedenheit wider aus den Worten : v. 552 da^ iß geheimen Parthid da driz,ic lande inne lit mit fundernamen gro^ und wit alß da^ lant Aretufä daz, lit in dirre marke aldä und manic ander riche lant daz, hie diu fchrift niht hat genant Bei Honorius heisst es nämlich an entsprechender stelle (im cap. 14): „Parthia triginta tribus regionibus distincta. Est in ea regio Aracu- sia." — Ähnlich fügt Rudolf in dem abschnitt über Africa bei: V. 1409 .... doch hat ßn sil tfeln und fundernamen vil diu hie diu fchrift niht hat genant und ebenso in dem über Egypten: V. 680 mit maniger diet mit landen vil diu doch ßnt hie genennet iiiht 1) Wenn Rudolf v. 765 statt von 44 Völkern, welche bei Honorius erwähnt werden, von 24; v. 553 statt von 33 ländern von 30 spricht, so sind diese fehler augenscheinlich auf Verderbnis des ihm vorliegenden Honoriustextes zurückzufüh- ren. In V. 1227 dagegen ist der handschriftlichen Überlieferung zum trotz statt ßhen offenbar felis zu verbessern, da die in frage kommenden 6 teilländer Hispa- niens gleich darauf hergenant werden. DIE GEOGRAPHIE RUDOLFS VON EMS 441 Wie gern hätte unser dichter diese vermeintlichen Kicken noch ausgefült; doch wo hätte er das material hierz.u hernehmen sollen? 2. Können wir demnach löbliches und liebevolles Interesse für seinen geographischen stoff bei unserem höfischen dichter wahrnehmen, so zeigt sich auch in der art wie er seinen gegenständ behan- delt, dass er demselben eben so sehr mit beherschung wie mit reger teilnähme entgegengekommen ist. Denn was nach Vilmars beobachtung die gesarate Weltchronik auszeichnet, tritt auch bei der geographischen einschaltuug zu tage: wiewol sein stoff ein umfänglicher und schwer zu behandelnder genant werden muss, so lässt sich Rudolf doch keines- weges durch denselben erdrücken. Vielmehr entspricht der planmässigen einfügung, die wir bereits kennen lernten, auch eine planmässige aus- führuug im einzelneu. Wenngleich nämlich unser dichter sich genau an des Honorius geographischen abriss hält, so darf sein abschnitt füglich doch nicht als blose Übersetzung desselben betrachtet werden. Bemerkenswert ist, dass Eudolf bei seiner widergabe gar mancherlei, was nicht eigentlich geographisch - topographischer natur ist, mit richtigem takte bei seite lässt, damit die länder- und völkerkundlichen bestandteile um so licht- voller hervortreten möchten : dem zufolge hat unser dichter die namens- ableituugeu, welche sich bei Honorius nach des Isidorus vorbilde so zahlreich eingefiigt finden, fast allenthalben gänzlich unberücksichtigt gelassen. Durch diese seine enthaltsamkeit geschieht dem geographi- schen bestandteile jedoch nicht nur nirgend ein eintrag, im gegenteile unterscheidet sich dadurch gerade Rudolfs geographische partie auf das vorteilliafteste von dem geographischen teile der Otia imperialia, wel- cher durch den zügellosen Sammeleifer des Gervasius, gegenüber der knappen Honoriusschen vorläge, so bedeutend angeschwelt ward, dass ihm der tadel einer wüsten Zusammenhäufung nicht erspart werden kann. Sehr anerkennenswert ist es aber, dass Rudolf, keinesweges zu- frieden mit einem sinlosen herübernehmen der geographischen angaben, sich vielmehr nach kräften bemüht, jene dadurch zu beleben, dass er — seinem ausdrucke gemäss — hinzusezt (v. 61) wie ße nü verJccret fmt. Charakteristisch tritt dieses höchst erfreuliche bestreben bei dem absatze über Yspauien hervor, wo es ihm zu seinem leidwesen nicht geglückt war , die in der vorläge verzeichneten alten ländernamen sich und sei- neu hörern verständlich zu machen: denn er sagt in betreff derselben: V. 1230 diu nennet uns diu fcJiriß^ alfö: Tracönja und Carthägö 1) Honorius I. m. lib. I c. 30. 442 DOBERENTZ Galicje und Lußtäniä Tinguifänje ^ unde Beticä. wie dißu ruhe und dißu laut in tiutfcher sungen ßn genant, des kan ich wol herihten niht; ich nennen als diu fchrift uns gihf; und iß ouch der geloiibe min, ez, mugen ivol verwehfeit ßn der lande name, und dißu lant in andern namen ßn genant ßt der lande anegenges 0U. Er ergänzt sodann die namen der länder soweit er es nach seiner kent- nis vermochte 2 und schliesst darauf mit den werten: V. 1248 diu lant hat liberal diu fchrift Yfpänid genant. Dieses bestreben, die bei Honorius vorgefundenen namen zu ver- deutschen und verständlich zu machen, tritt aber auch an anderen stellen genugsam hervor. Denn während z. b. Honorius in cap. 25 einfach Pannonia inferior namhaft macht, sagt Eudolf an entsprechen- der stelle seines abschnittes: v. 1002 Als ich gelefen hän diu nider Pannonia nimt ir marhe, ir namen da; da^ ßnt windifchiu riche; diu hei^ent wcerliche ^ ^ Pannonia Hierzu halte man noch, was er bei erwähuung der Pannonia superior des Honorius im cap. 27 anführt: 1) Tingitania korat dadurch unter die spanischen teilländer, dass es in der römischen kaiserzeit administrativ in der regel mit der diöcese Spanien verbunden war. Siehe Th. Monimsen, Provincialverzeichnis vom jalire 297 p.Chr. (Abhandig. der königl. akademie zu Berlin aus dem j. 1862) s. 514. — Mauritania Tingitana ward aber deshalb in der Verwaltung von M. Caesariensis getrent, weil die von rebellischen Maurenstämmen bewohnte , schwer zugängliche landschaft um den Muluchath (jczt Muluja), den grenzfluss zwischen jenen beiden provinzen, die Ver- bindung zu lande ungemein erschwerte. Siehe H. Kiepert, Lehrbuch der alten Geographie. Berlin 1878. § 199 s. 220. 2) Zu V. 1245 fg. ist zu bemerken, dass Waskunje sowie Gahgunio = Vas- conia d. i. Baskenland ist. 3) D. i. weil es so in seiner vorläge steht. ' DIE GE06RAPHIE RUDOLFS VON EMS 443 V. 1135 dkl windfchen laut in latine fint genant diu ober Pannöniä und V. 1074 diu ober Panöniä diu tvindifcher fpräche lant tuot und ir underfcheit erkant. Ebenso ist es als eine verdeutschende Übersetzung aufzufassen, wenn Rudolf gemäss seiner vorläge von Carthago gesprochen hat und in V. 1351 sodann fortfährt: das, iß Marroch diu Jioubetßat Denn dass man Marocco und Carthago damals für identisch hielt, geht aus zwei stellen des Jacobus de Vitriaco ganz unzweifelhaft hervor.^ 3. Aber trotz dieses Interesses und der mühe, die wir unseren bie- deren dichter auf seinen gegenständ verwenden sehen, sind, bei begreif- licher und daher verzeihlicher Unzulänglichkeit seiner kentnisse, ir tu- rn er und fehler in seiner länder- und Völkerkunde nicht ausgeblieben. Zunächst finden sich mehrere erhebliche Verderbnisse in den namensformen. Zum teil trift die schuld hierbei nicht unsern dich- ter, sondern die verschlechterte textesrecension seiner vorläge, wie ich dieses bei der Mappa mundi des Codex Heine in kürze bereits andeu- tete. Zum teil mögen sie auch einer verderbten Überlieferung des Rudolfschen textes schuld zu geben sein; jedoch hielt ich gröste Zurück- haltung in diesem punkte für den herausgeber dringend geboten, da sonst die gefahr ungebührlicher textveränderung zu nahe liegt. Andere fehler, welche der Verfasser der vorläge selbst verschuldete, wurden oben bereits berührt und werden hier nur nebenbei erwähnt. In Rudolfs geographie findet sich fälschlich : V. 131 Prohane für Taprohane ^ bei Honorius 555 Ar etil fa für Aracußa {= Arachoßa) 731 von Calpia für a Caspio mari 1) Historia Orientalis cap. IX (in Bongars, Gesta Dei per Francos tom. I s. 1061): ,,Princeps autem occidentalium Saracenorum omnium qui Machometi legem obseruant potentissimus , qui Caput et imperii sui dignitatem et regni sui solium civitate Maroch quae quondam Carthago dicebatur" und c.XLIII (Bongars a. a. o. s. 1071): ,,Ex hac etiam Dido traxit originem, quae in Africa condidit Carthaginem , quam hodie Marroch appellant." 1) Über lezteres , welches eine schon früh durch die alten veranlasste Ver- stümmelung des sanskritnamens (Tamraparna == Kupferblatt) ist, siehe Eugene Burnouf , Geogr. ancienne de Ceylan im Journ. Asiat. Jan. 1857. Vgl, 0. Peschel, Gesch. der Erdkunde, 2. aufl. 1877, s. 59 und H. Kiepert, Lehrb. der alten Geogr. § 42 s. 41 fg. 444 DOBEHENTZ 825 Liconiä für Lycaonia 1330 Afßnoe für Är/inoe 1342 Ärome für Ädronieus^ 1343 Bifantium für Byzantium^ 1366 Ä^#e/^s für Sti/fenßs^ 1449 Ahyvidos für Ahydos 1515 ^o6e für JE'oZte (:= Äeoliae) 1553 Parchäres für Baleares 1556 Efpide für Efperide (= Hefperidae) Weiter finden sich bei Kudolf aber geradezu sachliche irtümer.- so z. b. in V. 1398: Gädes ein kreftic wUes lant, während Honoriiis c. 33 richtig von der „urbs Gades" spricht; ferner in v. 1514: an Sici- lie lit Caribdis, Cylld diu ifel, wogegen Pomponius Mela II, 7, 14 bemerkt: Scylla saxum est, Charybdis mare; in v. 1275 und 1273, wo er von Thyle spricht , als wären dies mehrere inseln. — Dass aber andere irtümer, wie sie sich in v. 1449 fgg. : Ahyvidos ein tfel wit dähi in Ellefpontö lU einßt dort in Europa und in v. 1520 fg. : Niun ifel fint da bi gelegen die Jiei^ent Stecädes, der ßrich gein Marßlie ßrecket ßch finden, nicht Rudolf, sondern Honorius schuld gegeben werden müssen, wird sich bei der quellenuntersuchung noch zeigen. Der bereits oben s. 270 erwähnte Übersetzungsfehler in via, statt invia, steht nicht vereinzelt da, wiewol unser dichter im ganzen eine recht gute kentuis des lateinischen besass. Ich füge hier eine Zusammenstellung der übrigen Übersetzungsfehler an, um dadurch die möglichkeit zur erklärung eines eigentümlichen zuges in der Kudolf- schen geographie zu geben. Honorius (cap. 20): „ Prima provincia Asiae minoris estBythinia, prius Berica, post Migdonia, mox a Bythyno rege Bythinia appellata" Rudolf V. 804 fgg.: Daz, erße künicrtche daz, in der mindern Äßä lit, da^ iß Bittiniä. 1) statt Ädrometus, l4ÖQv/u.riros = Hadrumetum. 2) Fälsclilich bei Honorius statt Byzacium. 3) Bei Honorius fälsclilich statt Sitifenßs provincia: siehe Isidor. Etym. XIV, 5, 10 aus Orosius, Chorogr. §93 (Zangemoister). DIE GEOGRAPHIE RUDOLFS VON EMS 445 JBerica das, ander hiez,, Migdonjä an daz, felhe ßie^ Honorius (c. 15): „In ea quoque est Chaldea lu ea et Arabia, quae etiam Saba dicitur." Rudolf V. 585 fg.: dar an lU Caldeä Äräbja undz, lant Sahhd Honorius (c. 15): „lu hac est mens Sinai, qui et Oreb Rudolf V. 592 fg.: an die lantmarke ßo^et ouch Oreb der herc und Si/näi^ Honorius (c. 21): „Hanc sequitur Phrygia Haec et Dardania " Rudolf V. 821 fg.: diu minder Frigid da Ut und Dardania Honorius (c. 21): „In hac est mons Amana, qui et Tauriis" Rudolf V. 836 fg.: Ämänä unde Taurus 2 IV ei gehirge Meli erJcant Honorius (c. 27): „Ibi et Thessalia .... Ibi et Macedonia Haec et Emathia In hac est et Thessalonica " Rudolf V. 1048 fg.: Theffalje und Macedonje Salnegge und Emathia Honorius (c. 27): „Est et Chaonia Haec et Molosia" Rudolf V. 1042: Caönja und Moloßä Honorius (c. 34): „Melos, quae et Storia, rotunda insula. Paron" etc. Rudolf V. 1474: Stör ja , Melos und Päron Honorius (c. 34): „Delos .... Haec et Ortygia" Rudolf V. 1466: ß Ut Telos \ in der Cycläden lande und V. 1469 : da Ut ouch Ortigiä diu ifel 1) An anderer stelle der Weltchronik heisst es dagegen ganz richtig (Haupts zeitschr. XVIII, s. 108): vn lach da nahen pei daz rote mer vn Synay der gotes perch, dar auf was dev pefte waide unde gras die man in der wufte vant: Oreb was da der perch genant 446 ÖOBERENTZ Honorius (c. 35) : „Eoliae insulae .... Hae et Vulcauiae" Kudolf V. 1515: ^o&e und darzuo VulJcäuie^ In allen diesen fällen jedoch einen blossen Übersetzungsfehler zu finden, will mich wenig passend bedünken. Doch wage ich es nicht, eine bestirnte erklärung für dieselben vorzubringen. So viel gebt indess auch hieraus hinlänglich hervor , dass , trotz seines Interesses und sei- ner bemühungen, unseres dichters kentnis in geographischen dingen keine tiefgehende war: denn auch sie bestand in wenig mehr als in einer blossen aufzählung von namen. Jedoch wer dürfte ihm hieraus einen Vorwurf machen, wenn er nach massgabe der Zeitverhältnisse urteilt? Statt dessen verdient der gute wille , den unser dichter in bezug auf seinen stoff vor allem durch seine vervolständigungen und Verdeutschungen bekundet, seitens eines unparteiischen betrachters unter berücksichtigung der damaligen zeit- und bildungsverhältnisse alle anerkennuug. Aber erst durch eine sorgsame prüfung der formellen Seite wird man der geographischen leistung unseres höfischen dichters völlig gerecht zu werden vermögen. c. Rudolfs geographischer abschnitt nach seiner formellen Seite. 1. Auf mehrere unschön heiteu der Rudolfschen Geographie in formeller hinsieht ist bereits nebenher aufmerksam gemacht worden. Denn wir rausten ebensosehr einen mangel an abwechslung in den rei- men wie eine gleichförmigkeit in Verwertung gewisser Wendungen ver- schiedentlich hervorheben. Auch die, modernem geschmacke zuweilen widerwärtige breite Rudolfscher redeweise ward schon früher so geken- zeichnet, dass ein längeres verweilen bei diesem punkte überflüssig erscheint. Nur an die so charakteristische häufung der epitheta will ich an dieser stelle noch erinnern. So heisst es vom Zenocrota : ^ 1) Hierher zu rechnen ist es wol auch, wenn Kudolf bei der erwähnung von Nicaea sagt : v. 809 Niceä unde Nicke, von den wir lefen dicke an andern buoehen andersivä, ligent in Bittiniä während unter Nicke doch wol nur die verdeutschte form von Nicaea zu verstehen ist. V. 1260 daß Britanje und Engellant wird hingegen dadurch erklärlich, dass unser dichter hei Honorius (c. 31) geschrie- ben fand: „Contra Hispaniam versus occasum sunt in Oceano hae insulae, Britan- nia, Anglia, Hibernia" etc. 2) D. i. der leucrocota des Plinius (H. N. VIH, 73. Sillig). DIE GEOGRAPHIE RUDOLFS VON EMS 447 V. 375 daz iß vil hüene, frevel, halt von dem einhoru: V. 480 ß ßarc, ß zornic und ß fier iß ez, und alß unverzaget von Fenix und Comägeuä: V. 613 daz, ßnt zwei lant rieh und groz,, und wite erJcant Ähnlich heisst es: V. 1325 Pentapolis ein michel lant daz, iß gröz,, rieh und wit erkant 714 fiuMe, veiz,t und herhaft 1387 . . . . l<^rc , wüeße, unhühaft 770 in wi^er varwe gar fchoene, hlanc und wiz,gevar Sind alle diese gerügten eigenschaften nicht dazu angetan , in unseren tagen für des dichters kunstgeschick eine günstige meinung zu erwecken, so darf man doch bei der beurteihmg einerseits nicht vergessen, dass von Rudolfs Zeitgenossen und den nachfolgenden geschlechtern alle jene fehler wol nur selten als solche empfunden wur- den. Im gegenteile wird unser dichter statt des Vorwurfes der breite aus dem munde seiner hörer öfters ein wort des lobes und der anerken- nung für seine geschmückte, wortspielende redeweise erwartet und empfangen haben. Andererseits darf der heutige beurteiler den umstand nicht ausser rechnung lassen, dass es unser höfischer dichter, bei seinem redlichen streben nach gewissenhafter volzähligkeit in den geographischen anga- ben, allerdings mit einem äusserst spröden Stoffe zu tun hatte. Denn um seine rhetorisch geschulten landsleute auf eine gerechte beurteilung hinzuleiten, betonte Mela, der formale Schönheit würdigende geogra- phische Schriftsteller der Römer, in dem eingange zu seiner chorogra- phie ^ mit vollem fuge: „Orbis situm dicere aggredior, impeditum opus et facundiae minime capax — constat enim fere gentium locorumque nominibus et eorum perplexe satis ordine, quem persequi longa est magis quam benigna materia — verum aspici tarnen cognoscique dig- nissimum." Auch Rudolf von Ems hat ohne zweifei ganz in dersel- ben weise die ungefügigkeit seines namenreichen geographischen Stoffes empfunden. Als getreuer schüler des formgewanten meisters Gotfrid fühlte er jedoch offenbar gerade dadurch sich um so mehr dazu auf- 1) Pomponii Melae de Chorographia libri III ed. Gust. Parthey. Berlin 1867. üb. I, § 1. ZBITSCHR. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XII. 29 448 DOBERENTZ gefordert, seinen länder- und völkerkundlichen abschnitt nach bestem künstlerischen vermögen zu schmücken und so formschön wie nur mög- lich zu gestalten. Und hieraus wird zugleich begreiflich, inwiefern Vilmar , namentlich hinsichtlich der vermissten einfachheit , in dem geographischen stücke etwas von dem tone der übrigen partien der Eudolfschen Weltchronik abweichendes, unbestimt herausfühlen konte. 2. Unser dichter hat nämlich, um die trockenheit seines Stoffes vergessen zu machen, fast sämtliche ihm zu geböte stehenden kunst- mittel innerhalb der seiner geographie gewidmeten verse nach mög- lichkeit zur Verwendung und zur geltung gebracht. Wenn auch Rudolfs spräche stets unplastisch, ja — wie sich schon aus der soeben betrachteten häufung nichtssagender epitheta und wenig abgestufter synonyma ergibt — oft genug unkräftig und ver- schwommen genant werden muss, so findet sich zuweilen dennoch, wiewol nur schwach, das streben nach anschaulichkeit im aus- drucke vor. Es äussert sich z. b. an folgenden stellen seiner geogra- phie bei widergabe seiner vorläge unverkenbar: Honorius: „ingens cornu bisulcum" Rudolf: V. 385 tmd ein grd§ liorn, da^ alle wege iß weffe und fnidef als ein fege Honorius: ,,quarum pennae splendent per noctes" Rudolf: V. 757 man fehe ße fclünen alle friß reht als ein lieht, das, vaße git lieht mit hrehendem glaße Honorius: „cornu splendens" Rudolf: V. 475 lieht als ein glas hat er ein hörn Honorius: „cauda (est) Scorpio" Rudolf: V. 445 und hat an im vil fcharpfen zagel in weffer fpitze als ein nagel Honorius: „Qui fuerint capti, ...." Rudolf: V. 432 gefüegt ez, ßeh fo, da^ ez, wirt gevangen junc in halhesnamen In stilistischer beziehung sucht er die einförmigkeit des auf- zählens dadurch zu unterbrechen, dass er durch anwendung der frage, vor allem aber durch eine zusammenfassende schlussweudung in form eines ausrufes den Sätzen eine grössere frische zu geben beflissen ist, So z. b. einerseits V. 820 was, der hilande mere ß ? 925 weihe der undermarJce fin? ßlK GEOGRAPHIE RUDOLFS VON EMS 449 andererseits 363 und ßnt verdorben fä zehant Wirt in ein boefer fmack beJcant — da^ tvirt ir lehens ende iefä! 1289 wan nieman drinne mac gewefen noch von vil großem froße genefen: des muo2, da ßn der bü verhorn! ebenso: 447 da mite ez, ofte fchaden tuot! 457 fwä ez, daz, bejagen mac — daz, iß ßn beßer bejac! 718 an genuhticUcJier fruht iß bez,z,er lant niht ander swäl 1541 da mit gefchiht da manegem liep! Um der spräche ferner den Charakter der natürlichkeit und leich- tigkeit zu wahren , finden wir das übergehen von einer construction zur anderen im anmutigen hingleiten von Rudolf auch für seinen geogra- phischen abschnitt nicht unschicklich angewant; wie ja sein gefälliger satzbau überhaupt die Gotfridsche schule verrät und alles lob ver- dient. So heisst es z. b. v. 1627 — 35: Von iegelicJier krifte da^ lant daz, er da ßifte — die ich almeißic nennen wil, ß mich diu mcere tmd ouch ir zil nach der antreite bringet hin; da ich ir mcere fol von in fagen unde tihten und ir getät berihten — da^ nü fol beliben hie Ferner vgl. v. 862 — 69. Ist unser dichter bestrebt, durch diese berührten stilistischen eigentümlichkeiten seiner länder- und Völkerkunde woltuende frische und anmutsvolle beweglichkeit zu verleihen , so erreicht er diesen zweck durch geschickteste handhabung seiner vers- und reimkünste unstrei- tig in noch weit höherem masse. Denn es ist ihm ohne zweifei gelun- gen, sowol durch enjambements als auch durch rime famenen und brechen, sowie durch glückliche Verwendung und Unterdrückung der auftakte ^ erfreulich abwechslungreiche und lebensvoll dahin fliessende verse zu erzielen , welche für Rudolfs rhythmisches feingefühl ein schö- nes Zeugnis liefern. 1) Oben auf s. 276 anm. 1 solte es heissen: „Schwere auftakte sind bei Rudolf, wie überhaupt, so auch in unserem geographischen abschnitte allerdings nur ganz selten." 29» 450 DOBERENTZ Dazu erhalten seine verse noch eine grössere mannichfaltigkeit und reichere gliederung durch eine bemerkenswert häufige betätiguug von reimkünsten , wie er sie grösten teiles seinem formkünstelnden mei- ster achtsam abgelauscht hatte. Während Rudolf diese künste und künsteleien aber sonst gewöhnlich nur vereinzelt zur schmückung seiner verse verwant hat, begegnen sie innerhalb der geographischen partie verhältnismässig sehr zahlreich. So z. b. hat Rudolf den gehäuften reim, den er meist zur her- vorhebung und kenzeichnung gewisser stellen ^ und gern zugleich mit den akrostichen^ zur anwendung bringt, für zierung seiner geographie in folgenden fällen verwertet: v. 839 — 42 aldä : Ltciä. PampMliä : da; V. 1403 — 6 Atlas : was. Atlas : las; v. 1635 — 38 hie : ergie. lie : anevie; ferner: v. 667 — 70 gebar : fcMr. fürwärijär; v. 763 — 66 genant : lant, Jiänt : hegänt und ebenso umgekehrt v. 1115 — 18 Mnt : hegänt. lant : genant. Bei v. 1319 — 22 zit : git. wit : lit komt in V. 1321 noch der mittelreim Itt : wit hinzu. — Finden wir in all diesen fällen die reimhäufung ganz nach Gotfrids art für nur je zwei reimpaare^ gebraucht, so begegnet eine solche für drei reimpaare in V. 595 — 600 Mdahiten : Ammoniten. Mädianiten : ßten. Elatmten : sUen. Den gedoppelten und erweiterten, in der verszeile gleichsam rückwärts verlängerten reim treffen wir an in V. 239 nach ir alter niuwiu jugende Jcome mit üf gender tilgende V. 441 hat an dem antlütse ßn menfchen antlütse schin V. 879 der teile beßtsen folden und ze teile heßtsen wolden Am häufigsten glaubte Rudolf durch den bei Gotfrid so belieb- ten mittelreim seine geographie auszieren zu können. Da lezterer bei dem vortrage hörbar werden und in folge dessen leise heraustreten muss, so erzeugt er in der verszeile gleichsam eine cäsur. V. 83 als uns mit rehter wärheit diu fchriß der wärheit \ hat gefeit 237 unde brennent ßch durch das, in dem fiure, da^ \ in bas, 289 daz, ße gebaren fuln ir Teint: diu Mnt I an der gebürte ßnt 1) Siehe diese zeitschr. IX, s. 467. 2) Siehe daselbst s. 466 und 463. 3) Siehe W. Grimm , Zur Geschichte des Reimes. Berlin 1852. S. 104. DIB GEOGRAPHIE RUDOLFS VON EMS 451 449 fm ßinime [langen wifpel iß ftn gedcene iß \ alle friß 519 /o grö^, ß ßarc, ße ziehen in zuozin in \ das, waz,z,er hin 675 die diet, die ifeln und diu lant der houhetlant \ hie ßnt genant 749 und fwaz, von ßden iß erJcant der lant \ ßdz,t an difiu lant 999 vil hoher lande houhetlant. ein lant \ iß Mefßä genant 1043 unde Elladiä daz, lant. ein lant \ iß Atticä genant 1321 dar inne lit \ vil lande tvlt. zem erßen in der lantmark lit Hierher sind auch fälle zu rechnen wie V. 337 die ßnt äne houbet und houhet\es herouhet 717 an landes güete mit genuht an genuht'icUcher fruht 1381 den iß mit fnelleJceit bereit alß bereit \iu fnelleJceit Darin findet zugleich die tautologie dieser verse ihre erklärung. Als eine besondere art des mittelreimes ist ohne zweifei derjenige fall aufzufassen, in welchem die beiden reimworte der zeile unmittel- bar auf einander folgen: man kann alsdann füglich von einseitig- gedoppelten oder einseitig verlängerten reimen sprechen. Dass diese reimart aber in der tat eine gesuchte künstelei ist, welche er seinem meister und muster abgesehen hatte , erhelt aus folgender Zusammen- stellung zur genüge: Tristan ^ riim und reine ir ßräz,e noch an ir ßräz,e läz,e V. 2701 die gefuoren alle ba^ dan ich wand äne ßtc verreit ich mich Gut. Gerh. 483 ze lone durch min arbeit hän die ich durch dich hän getan ebenda 1666 diu edele und diu reine was ob in gar fo fchoene da^ ich ir fchoene Jcroene 1) Siebe Wackernagel , Lesebuch I, 5. aufl. s. 667, 5. 452 DOBERENTZ Bari. 300, 9 da^ ße hegunden ßre ie mere und aber mere den junkherren minnen in ßnen minnen hrinnen Weltchr. v. 11 (Vilmar s. 60") aller anegenge der anegenge lenge Geogr. V. 87 das, iß daz, Jiöhße lanf das, in dem teil iß lant genant 789 da ßöz,et an ein michel lant daz, ouch iß lioubetlant genant Wiewol diese besondere art der mittelreime wie die gewöhnlichen und einfachen zumeist durch widerholuug des reimwortes der vorher- gehenden (bez. der folgenden) zeile gebildet werden, so stösst man doch auf beispiele, wo dieses nicht der fall ist: z. b. Bari. 129, 9 das, er müeße län vil fchiere leitliche da$ sergäncliche riche Weltchr. v. 287 (Vilmar s. 64") das, teilte in vier teile ßch der vier teile ieglich ßrich Geogr. V. 1128 die Jiänt uns fus mit wärheit der lande gelegenheit gefeit Erscheint unser dichter in all diesen künsteleien und Spielereien als der gelehrige schüler Gotfrids, so hat er sich in löblichster weise aber auch seinem vorbilde gemäss den wollaut weicher und melodischer spräche zum ziele gesezt und in Wirklichkeit auch vielfach mit glück erreicht. Wie der formgewante grosse epiker sucht er dieses vor allem durch widerholung zumal klangvoller consonanten im wort- anlaute zu bewirken.^ v. 280 (die) se houpten hundes houhet liänt 286 man Jioert ße hundes ßimme hän 375 hals und houbet als ein hirs,^ 1) Durch diese Vorliebe für gleichklang des anlautes entstehen zuweilen unwilkürlich und naturgemäss an alliterationen erinnernde zeilen wie: Tristan v. 2164 dö wcBren yalken yeile und ander fchcene yederfpil Gut. Gerh. 3374 der -weide hcehße yierdelceit bejagt ein man der yväpen treit 2) In der entsprechenden stelle der vorläge wird von „clunes (= hinterkeulen) cervi" gesprochen: Rudolf wich ohne zweifei hiervon in der Übersetzung ab zugun- sten jenes gleichklanges. DIE GEOGRAPHIE EüDOI.FS VON EMS 453 469 hirzes lioubet hat er vor 270 Bl dl feil landen hat ein laut ein Hut 1321 Dar inne lU vil lande wit zem crßen in der lantmark Vit ein gro^ lant heilet Lihyä. dar nach lU Cirenäicä 1617 mit namen noch genennet niht 330 fchirm und [chatte zaller zit 707 noch [chatte für der [unnen [chin 534 der züchet an [ich zaller zU 367 da^ ße, fivä ße die vindent 471 ßn ßte ßnt unfüe^e 496 die ße von ir felher feit 504 in füez,es fmaches fiiez,e git 1534 fwer ßn felhes ß vergiz,z,et 935 der in der Swäbe lande fwebt 603 alß noch ßiuz,et unde flöz, 105 wan in der wüeße und under wegen iß ivüeßer wilde vil gelegen lu 1592 daz, nach dem ivunfche in alle wis aller wünne Wunsches rät iibr al der erde wunne hat sucht unser dichter die Schönheit des paradieses durch den wonnig - weichen TF-laut zu malen, der nebst dem fi'-laut überhaupt gern von ihm zum klangvollen spiele verwendet wird — gemäss dem glänzen- den vorbilde seines formbegabten meisters, bei dem es z. b. im Tri- stan ^ heisst: diu wifet ße ze wunfche wol; diu weis, wol, ivä ße fuochen fol Aus demselben streben nach wolklang erklärt sich auch Rudolfs Vorliebe für ausdrücke wie v. 1652 hinnan hin; 711 dan und dar; 1583 daz, der fchin niht abe noch an \ fürhaz, wenket dar noch dan; 15 von jenen her, von difen hin; 371 mit großer kraft her unde hin; 1304 und in Europa her und hin \ diu lant zerteilten fus und fö. 3. Werfen wir zum Schlüsse auf Rudolfs leistung noch einen prüfenden blick, so müssen wir allerdings gestehen, dass die flihte, deren unser dichter sich in seinem ganzen werke befleissigen wolte, in der geographischen partie freilich sehr vermisst wird : denn die umberede 1) S. Wackernagel Leseb. I, s. 664, 23. 454 DOBERENTZ, DIE GEOGEAPHIE RUDOLFS VON EMS ist keinesweges vermieden worden, sondern umspint vielmehr mit ihrer umrankuug den sonst so dürren und starren geographischen stoff. Jedoch glaubte Rudolf all dieser zierraten und kunstmittel benötigt zu sein, um sein Interesse für den geographischen gegenständ auch ande- ren mitteilen zu können. Daher hülte er seine länder- und Völker- kunde in die kunstvoll gewobene höfische prunkgewandung ein. Nicht als die „durchaus schwächste/' sondern als die am meisten geschmückte und gekünstelte partie der Rudolfschen Weltchronik ist demnach deren geographische einschaltung hinzustellen. Dass Rudolf sich hinsichtlich der Wissenswürdigkeit seines stoffes und der art seiner behandhmg des- selben über die erwartete Wirkung auch wirklich nicht getäuscht hatte, davon überzeugten wir uns bereits eingangs des ersten kapitels dieser abhandlung: fand der geographische abschnitt doch noch eine grössere Verbreitung als die Weltchronik selber! In Summa: Rudolfs Geographie ist nach ihrem Inhalte keinesfal- les „unbedeutend," sondern als Spiegelbild geographischer kentnisse des mittelalters höchst beachtenswert. Ihrer form nach aber ist sie das getreue abbild des gekünstelten wesens während der nachblute der klassischen periode höfischer zeit. Demzufolge muss sie als der zeit ihrer abfassung ^ völlig angepasst und durchaus würdig genant und erachtet werden. Aus welchen grundbestandteilen aber jene geographie sich zusam- mengefügt hatte , als deren niederschlag wir Rudolfs leistung betrachten müssen; welche Völker und welche zeiten hierzu beigesteuert, und sonach dazu beigetragen hatten, jene länder- und Völkerkunde zu bilden, — darüber wollen wir uns schliesslich im folgenden noch klar zu werden suchen. 1) Ich nehme hier gelegenheit , eine ungenauigkeit in meiner beweisführung (oben s. 258 anm. 3) betrefs des terminus a quo der abfassungszeit von Eudolfs Weltchronik zu berichtigen. Nicht darauf ist gewicht zu legen, dass Konrad, als er den auftrag erteilte, schon „könig" genant wurde: denn bereits im märz 1237 liess ja Friedrich IL seinen söhn „den könig von Jerusalem" zum deutschen könig und künftigen kaiser wählen. Vielmehr soll aus dem umstände, dass jene a. a. o. ausgehobeue stelle nach der erwähnung des todes Friedrichs II. folgt, die Vermu- tung nahe gelegt werden, dass Konrad, als er Eudolf beauftragte, bereits „nach- folger seines vaters" war. Beweisend bleibt für mich aber meine schlussbemer- kung, dass Rudolf es sicherlich nicht unerwähnt gelassen, sondern wol eher her- ausgehoben haben würde, wenn er wirklich schon vor 1247 an der Weltchronik gedichtet hätte. (Fortsetzung folgt.) 455 ACKERMANN UND AGRICOLA. In der mitte des 16. Jahrhunderts lebten ziemlich gleichzeitig mehrere mänuer dieses namens, die schon häutig mit einander ver- wechselt worden sind , zumal da sie alle den vornamen Johann führen 1. Jobanii Aekermaim. Dieser, ein Zeitgenosse Paul Rebhuns und Joachim Greffs, lebte in Zwickau und gilt algemein als der Verfasser eines dramas vom Ver- lorneu söhn (zuerst in Zwickau 1536 aufgeführt und gedruckt) und von Tobias (1539). Ausserdem wird ihm noch ein gedieht „ Die Burkharts vn Martini Gans'' mit recht zugeschrieben, denn der Gutknechtsche druck hat am schluss den namen des Verfassers: Hans Ackermann. (Goed. 281, 35. Weimar. Jahrb. 6, 35 fgg.) Von seinen lebensver- hältnissen ist leider nichts bekant. Betrefs der litteratur verweise ich auf Holstein, Das Drama vom verlornen Sohn, Halle 1880. S. 21 fgg. Sein Verlorner söhn wurde von vielen bearbeitern dieses biblischen Stof- fes benuzt, u. a. auch vom Goslarer rector Johann Nendorf, der in der Widmung seines Asotus (1608) bekent einiges aus der comödie Johannis Agricolae entlehnt zu haben. Hier nennt ihn Nendorf ganz wilkürlich Johannes Agricola, offenbar nur veranlast durch das streben zu latinisieren. 3. Johann Agricola aus Eisleben. Dieser ist der durch seine antinomistischen Streitigkeiten und als mitverfasser des Interims bekante theologe, der eigentlich Schnitter hiess, gewöhnlich mit dem zusatz Islebius benant, weil er aus Eis- leben stamte. Hier wirkte er auch von 1525 — 1536 als rector der schule und prediger au der S. Nikolaikirche. Da die Stellung Agricolas in der litteraturgeschichte noch immer zu wenig gewürdigt, auch zulezt von Gass in der Allg. Deutschen Bio- graphie 1, 146 mehr seine theologische bedeutung hervorgehoben ist, so will ich versuchen dies nachzuholen. Ich sehe indes von seiner bekanten sprichwörtersamlung ab. Schon während seiner lehrtätigkeit in Eisleben entstand eine latei- nische und deutsche ausgäbe der Andria des Terenz, die aber erst 1543 im Druck erschien. (Goed. 288, 1. g.) Schon 1544 erschien eine zweite ausgäbe. Terentii An- | DRIA GERMANICE REDDITA | et Scholijs illuf- | trata. | lOANN. AGRI. ISLEB. AVTORE | M. D. XLIIII. | — Turpe eft minima nefcire | üne quib. magna preitari | non poITunt. | — Am schluss: Impreflum Berlin. Anno Domini M. D. XLIIII. 310 bl. 8«. 456 HOLSTEIN Die an Erich II von Braunschweig - Lüneburg gerichtete Widmung, datiert Vigilia Natalis Christi (24. Dezember) Berlini M. D. xliiii, erwähnt, dass dies eine arbeit seiner jüngeren jähre sei, die er bereits vor mehr als den sprichwörtlichen neun jähren begonnen habe. Mit Vorliebe trieb der junge schulmann terenzianische Studien und war von dem werte und der bedeutung des Terenz so sehr überzeugt, dass er ihn auswendig zu lernen empfahl, teils zur förderung der sprachlichen gewantheit, teils zur aneignung einer reichen füUe praktischer lebens- weisheit. In dieser beziehung besteht Agricolas arbeit nicht eigentlich in einer Übersetzung oder in einem fortlaufenden commentar. In dem nach der recension des Johann Rivius gegebenen text ist die deutsche Übersetzung dazwischen geschoben und dann und wann sind in latei- nischer spräche geschriebene anmerkimgen und erklärungen eingeschal- tet. Wenn auch Agricola namentlich auf den deutschen ausdruck grosse Sorgfalt verwendet hat, so hat die ausgäbe doch für den Philo- logen keinen wissenschaftlichen wert. Über eine zweite verbesserte ausgäbe von 1602 s. Gottsched Not. Vorrat 2, 241 und Kordes, Joh. Agricolas Schriften s. 339. Agricola gab 1536 sein schul- und geistliches amt in Eisleben auf und begab sich nach Wittenberg, wo er die erlaubnis erhielt, Vor- lesungen zu halten, 1537 veröjffentlichte er seine gegen die bedeutung des gesetzes für die busse gerichteten thesen und begann damit einen kämpf gegen Luther, der ihm 1538 in fünf disputationen und 1540 in einer sechsten antwortete. 1537 gab er anonym eine tragödie „Johann Huss" heraus. Tragedia Jo- I hannis Hufs, welche | auflf dem Vnchriftlichen Con- cilio I zu Coltnitz gehalten, allen Chri- | ften nützlich vnd troftlich zu I lesen. [Brustbild von Huss mit dem namen Johannes Huss.] Witemberg. M. D. xxxvij. Am schluss: Gedruckt zu Vittem | berg durch Georgen | Rhaw. | — 48 bl. 8*^. (In Zwickau.) Eine ausgäbe ohne angäbe des druckortes und jahres findet sich ebenfals in Zwickau. Das auf dem titel befindliche bild Hussens trägt in kapitalbuchstaben die Umschrift : Credo uuam esse ecclesiam sanctam catholicam. Das auf der lezteu seite befindliche bild zeigt Huss mit der ketzermütze auf dem Scheiterhaufen und trägt in zwei concentri- schen kreisen die Umschrift: Centum revolutis annis deo respondebitis et michi. anno a Christo nato 1415 Jo. Hus condemnatur. Eine dritte in Berlin befindliche ausgäbe: „Wittemberg M. D. xxxviij." Am schluss: „Gedruckt zu Wittemberg durch Georgen Rhaw" führt Goedeke s. 308, 140 an. ACKERMANN UND AGRICOLA 457 „Allen Christgleubigen Lesern Guad vnd Fried von vnferm Hei- land Jhefu Chriilo'' so begint die vorrede, in welcher sich der Verfas- ser über den zweck der abfassuug folgendermassen äussert: „ Derhalben, nachdem die hütoria, des heilige Merterers Johannis Hus jnn reime vnd einer Tragedienweife , verfaffet, habe ich gerne gefehen , das folche Hilloria auch dermaffeu gelefen vnd gefpielt wiirde , Auö" das jederman, jung vii alt, diefes greulichen lefterers, des Antichrifts, vnd aller sei- ner rotte, vorfürung vnd Tyranney, vö tag zu tage feinder wurde. Wie wir denn jnn diefer Hiftoria fehe, das Chriftus mit feim wort, von der Antichriftifchen Synagog jm Concilio zu Coftnitz, on alle fchew oifentlich vordampt worden ift." Weiter spricht er von der Prophe- zeiung Hussens : „Inn deme das fie [die antichristliche rotte] verhoffen, durch jren mord, diefer Gans gefchrey zu Mlen, erweckt Gott der Herr (wie Johan Hus zuuor verkündiget hat) diefe vorfengte Gans, wider von den toten auff, vnd gefchicht eine folche vorwandlunge , das fie jnn ein fchnee weilfen Schwä vorwandelt wird vn dieweil fie der heifchern Gans gefang, zuuor nicht haben wollen boren, so muffen fie jtzund, es fey jnn lieb oder leid, one allen danck, diefes Schwane helle vnd liebliche ftimme, nicht jnn Behem allein, fondern vber die gantze weit schier, boren fingen vnd klingen." Der zweck, den der Verfasser mit der herausgäbe des spieles verband, war also ein rein theologischer. Er wolte die papistischen Umtriebe schildern , welche Hus , einen märtyrer der christlichen kirche, auf den Scheiterhaufen gebracht hatten. Dass Hus noch in vieler bezie- hung von der protestantischen lehre entfernt war, vergass der Verfas- ser volständig, und darum muste er auch den zorn Luthers und der Wittenberger theologen erfahren, wie wir nachher ausführen werden. Das stück, das auch von Gottsched Not. Vorrat I, 75 imter angäbe des personals und des Inhalts erwähnt wird, liefert ein treues bild von den vergangen, welche sich auf dem concil zu Kostnitz bei dem process des Johann Hus abspielten. Es treten 38 personen auf, darunter der papst Johann XXHI, könig Sigismund, der patriarch von Konstantinopel, die cardinäle von Florenz und Camerach, 11 bischöfe, der pfalzgraf bei Ehein, der burggraf von Nürnberg. In der vorrede zeigt der Verfasser, wie gott über die menschen, die sein heiliges wort nicht annehmen, immer strafen gesant habe, so zu Noahs zeit, beim untergange von Sodom und Gomorra, über Pharao in Ägypten , das jüdische volk , Nebucadnezer usw. Endlich komt er zum papsttum und dem antichrist. Den Bablt ich mein zu diefer frift. Der ilt derfelbig Antichrilt 458 HOLSTEIN Mit feinem Reich jnn großer pracht, Der wirt billich dauor geacht. Nach dem er auch gantz nichts thut lern, Allein Gottes wort verkeren. Und ob wol Gott zu zeiten fend Ein fromen man, doch so behend. Der Babft den hat hören nennen, Hat er jn bald thun verbrennen. Wie auch gefchehen ift verwar, Vor hundert drey vnd zwentzig jar Den fromen man vnd Gotteskind Johann Hufs; dauon wir fpielen hint. Vnd hie erzelen fein gefchicht. Wie graufamlich er ift gericht usw. I. Der kanzler des concils eröfnet namens des papstes und königs das concilium. Die böhmischen edelherren Johann von Chlum und Heinrich von Latzenbock erklären, dass sie Johann Hus zum Concil begleitet haben. Darauf erhebt Michael de Causis und mag. Stephan Paleö die anklage gegen Hus, indem sie drei gegen die katholische lehre gerichtete artikel aus seinen Schriften anführen. Ein prediger, ein barfüsser- und ein frauenbrüdermönch erklären die lehre von Hus für ketzerei. n. Hus wird vor den kardinalen verhört, nachdem er durch die bischöfe von Augsburg und Trieut eingeladen ist. Wir habn dich bofswicht in henden. Wirft dich fobald von vns nicht wenden, sagt Michael de Causis. Hans von Chlum beruft sich auf den geleits- brief des kaisers. Auf verschlag Michaels werden der patriarch von Constantinopel und die bischöfe von Castel und Lübeck zu commissa- rien des processes ernant, HI. Die böhmischen freunde Hussens , ausser den genanten noch Wenzel von Duba, verwenden sich noch einmal für Hus unter berufung auf den kaiserlichen geleitsbrief. Der kanzler verliest ihnen 11 ketze- rische artikel aus hussischen Schriften. Der pfalzgraf bei Rhein und der burggraf von Nürnberg verkündigen den wünsch Sigismunds, Hus nicht zu verdammen. Verhandlungen zwischen den cardinälen und Hus. Der könig ermahnt ihn sich dem concil zu unterwerfen. IV. Weitere Verhandlungen. Sie enden damit, dass der könig Hus den cardinälen zum richten übergibt. Hus wird zu dem altar geführt, auf welchem die messgewänder liegen. ACKERMANN UND AGRICOLA 459 V. Predigt des bischofs von Limd. Hus wird seines priester- gewandes entkleidet, mit einer ketzerniütze versehen und zum Schei- terhaufen geführt. Seine lezten werte sind : Herr Jhefu mein Erlöfer vnd Gott, Diefen fchentlichen greulichen todt Wil ich vmb deines Namens not Vmb dein Zeugnis vmb dein wort Gedftltig mit deiner hülff trogen, Thu dir lob, ehr vnd danck fogen. Vor dein gnad auch allermeÜt, Inn dein Hend befehl ich meinen geilt. Darauf verkündet ein prophet, dass über hundert jähr ein weis- ser schwan kommen werde, der einen lieblichen gesang anstimmen werde , nachdem sie eine gans verbrant hätten. Zum beschluss eine ermahnung, an der reinen lehre und dem Worte gottes festzuhalten. Laffen vns gefallen fein wort, Tragen fein Creutz an allem ort Er hilfft vns auch ftetiglich Nach allem wundfch erzeigt er fich. Des jm danckt die gantz Chriftenheit Von nun an bis jnn ewigkeit. Grosse dramatische Vorzüge hat das spiel nicht , aber es ist neben den anderen dramatischen erzeugnissen des XVI. Jahrhunderts ein denk- würdiges Zeugnis für die ausserordentliche productivität jener zeit und für das fast krankhafte streben, alle möglichen stoflfe zu dramatisieren. Obwol der stoff des Spieles an sich so spröde als möglich war, da es sich doch nur um eine äussere inscenierung der concilsverhandlungen handelte, die mit der Verurteilung des Hus enden, während eine fei- nere Charakterisierung der auftretenden personen nirgend bemerkbar ist, so hat es doch der Verfasser verstanden, dem leser ein lebendiges bild von dem treiben der gegnerischen partei zu geben, und sein bestreben, den Vorläufer der reformation durch sein drama zu verherrlichen, ver- dient unsere anerkennung. Der beweis , dass die tragödie von Johann Hus den Eisleber Johann Agricola zum Verfasser hat, ist bis jezt noch nicht geführt worden. Nach Adelung zu Jöcher wird sie auf grund der bemerkung im Catal. Bibl. (Em. Goth.) ßeckeri, Dresden 1773, dem Agricola zugeschrieben, während Gottsched Not. Vorr. I, 76 den Verfasser gar nicht nent. Kor- des, Joh. Agricolas Schriften s. 200 führt den titel der tragödie an, 460 HOLSTEIN fügt aber sonst niclits liinzu. Ebenso bemerkt Goedeke s. 111, 3 unter Job. Agricola von Eisleben: „Von ihm auch ein Schauspiel: J. Huss." Den titel gibt er s. 308, 139. 140 au mit dem zusatz „von Johann Agricola." Aus der sodann folgenden erwähnuug von „Ein heimlich Gefprech | von der Tragedia Johannis Huffen, | zwi- fchen D. Mart. Luther vnd fei- | nen guten Freunden , Auff | die weiß eyner Co- | medien. | Durch Joan. Vogelgefang. | Anno | M. D. XXXIX. 23 bl. 4«. macht Goedeke die Schlussfolgerung, dass Agricola der verfasset der tragödie sei, indem er hinzufügt: „Es geht darin über Agricola als Verfasser und unbesonnenen herausgeber der tragödie her." Das genante gespräch liefert den untrüglichen beweis von der Urheberschaft Job. Agricolas aus Eisleben. Es verlohnt sich der mühe, da das gespräch auch in anderer beziehung wichtig ist, auf dasselbe etwas näher einzugehen. Procopius Spalicius von Piltze (Pilsen) entbietet in der vorrede dem ehrwürdigen, achtbaren und wolgelahrten herrn mag. Johannes Horatius zu Budweis seinen willigen dienst und alles gute. Er bemerkt im eingang, dass ihm in diesen tagen des neuen Jahres (die vorrede datiert aus Przibram am 8. Januar 1538) als neue zeitung aus Witten- berg zwei Schriften über den mag. Johann Hus zugesant seien, und zwar eine im druck erschienene tragödie Jobannis Huss, ohne namen des autors, die andere geschrieben unter dem titel: Ein heimlich Ge- spräch über genannte Tragödie, verfasst von Joan Vogelgesang latei- nisch Avicinius. Diese zweite schrift habe bei ihm weit grösseres anse- hen als die gedruckte tragödie, obwol der druck derselben zu Witten- berg nicht zugelassen sei. Er bemerkt ferner, es sei ihm geschrieben worden , dass die genante tragödie zu Torgau öffentlich gespielt worden sei.^ Es erscheint ihm aber diese nachricht nicht glaubhaft, weil sich der Verfasser nicht dazu bekenne und so vieler grosser herren löbliches gedächtnis darin angetastet und wider die Wahrheit der akten verun- glimpft werde. Es wird die tragödie ein „Namlos vnd auffrürerifch gedieht vnd famoses libell " genant , an welchem ehrliebende leute kein gefallen finden könten. Selbst Luther habe sie nicht gefallen, wie das „heimlich Gesprech" beweise. Nun übersendet der Vorredner beide Schriften an mag. Horatius mit der bitte , dieselben als neue zeitung von 1) Dass die tragödie „des heil. Merterers Sanct Johannis Huss" oebst der ,, Judith" und dem „Spiel von Jacob und seinen zwölf Söhnen" auf befehl und in gegen wart des kurfürsten Johann Friedrich öffentlich aufgeführt worden ist, sagt Greff in der vorrede zum Abraham (1540). Ä.CKERMANN UND AGRICOLA 461 ihm anzunehmen , damit ev die ansieht anderer gelehrten leute in Böh- men über dieselben erfahre. Er bemerkt weiter, er liabe noch von keinem Hussiten seiner nachbarschaft vernommen, dass ihm die genante tragödie gefallen habe. Die Hussiten legten es den Deutscheu übel aus, dass sie mit diesem spiel den Böhmen zu „hofiren" vermeinten, wodurch sie ihre eigenen vorfahren hohen. Standes und adels mit sol- chem gedieht „ berüchtigen " und die verstorbenen verurteilen. Sie sagen auch , wenn sie einen Böhmen wüsten , der an seinen voreitern und Vaterland so übel täte und so unehrlich handle, weiten sie ihn spiessen oder zum wenigsten in die Mulde oder in die Eger werfen. Das „ heimlich Gesprech " könte man versucht sein für ein drama zu halten, da es in fünf akte zerfält, von denen jeder wider verschie- dene scenen enthält (nur der dritte enthält nur eine scene). Es ist aber in der tat nur eine Unterredung, die handlung tritt ganz zurück. Die personen sind Luther, Melanchthon, Jonas, Spalatin, Agricola, sowie deren frauen Käthe, Prisca, Elsa, Gutta, Martha und Agricolas tochter Ortha. 1, 1. Luther fragt den mag. Philipp, ob er die neue tragödie von Johann Huss in druck gegeben habe ? Dieser antwortet : Ich höre sagen, mag. Agricola von Eisleben sei der Verfasser, sie gefalle ihm nicht sehr , sie sei einer tragödie so ähnlich wie ein rabe einem schwan. „Der tolle Dumküen" unterstehe sich tragödieu zu schreiben und ver- stehe nichts davon ; es wäre besser gewesen , er wäre zu Eisleben geblie- ben und hätte den schützen und bacchanten seinen Terentius resumirt; er tue der ganzen Universität schände und Unehre an mit dieser töl- pischen tragödie. „Wenn ich sie mit den tragödien des Sophokles, Euripides oder Seneca vergleiche, so werde ich schamrot. Zunächst ist der stil viel zu gering und niedrig, sodann ist die zahl der auftre- tenden personen zu gross , da auch noch eine menge diener nötig sind. Dazu sind die reime oft ungereimt und kindisch gekuppelt und mit unnötigen werten genötigt." 2. Jonas bedauert, dass sich der Verfasser nicht genant habe, als ob er sich seines namens schäme. „Als viel ich aber abmerken kann, so hat freilich Agricola solche tragedie in druck gegeben, denn er auch (vor 8 jähren) des Hussiten historie (darauß diese tragedie gezogen ist) hat drucken lassen." ^ Spalatin und Agricola kommen 1) Agricola liess 1529 anonym erscheinen: ,,Hiftory vnd warhafftige Geschieht, wie das heilig Euangelion mit Joh. Huffen ym concilio zu Coftnitz, durch den Bapft vnd feinen anhang, öffentlich verdamjjt ift, Jm Jahre nach Chrifti vnfers Herrn Geburt, 1414. Mit angehängter Proteftation des Schreibers, der bei allen 462 HOLSTEIN hinzu. Wer ist der autor, fragt Jonas. Weisst du nicht, welcher unter uns ein poet ist? sagt Spalatin. Jonas: Es ist aber hier nicht schlechte poeterei sondern es ist historia und theologie mit eingemen- get. Da der name des autors fehlt, so werden die papisten die tragö- die für apokryphisch und verdächtig halten usw. II, 1. Luther klagt-, dass seine gehülfen aus Hus einen rechten papisten in der lehre gemacht, da sie brächen, was er baue, und ver- dürben , was er gut mache. „ Ich wolte das man solchen buchschreibern die fiuger abhawet vnd die hende in heiß pech stecket." „Warum habt ihr das buch nicht zuvor besichtigen lassen , so ihr doch des kur- fürsten befehl vom buchdrucken kent?" Agricola wendet hierauf ein, dass seine tragödie den Hus lobe und die Papisten schände und Luther weit über Hus rühme, soweit ein schwan besser und edler denn eine gans sei, dass er nur das was in der von ihm vor acht jähren heraus- gegebenen historia überhaupt stände , reimweise in die tragödie gezogen habe. Luther bespricht nun einzelne artikel der hussischen lehre, besonders die vom Sakrament des altars. 2. Agricola macht besonders geltend, dass die tragödie dem gemeinen mann deutlich vor äugen stelle, wie grosses unrecht dem Hus durch das concil geschehen sei. Melanchthon spricht sich gegen den nutzen der dramatischen aufführungen aus: „Es gebricht zwar one das jederman geldes vnd were besser, der gemeyne mann wartet seiner arbeyt, damit er weih vnd kinder erneret, denn das er sich mit sol- chem spiel bekümmere usw. III. Luther wünscht, die neue tragödie und die alte historia wären beide mitten in der Elbe oder mitten im loch des feurigen ber- ges Aetna in Sicilien; der teufel habe beide hervorgebracht, um seine lehre des reinen evangeliums zu verhindern. „Solche geselln die mir in rück zu nachteyl meiner lere vnd des Evangelii bücher vnbesichtigt lasset außgehen , sind werd , das man sie über eine kalte klingen sprin- gen lasse." Agricola bekent , dass er es dem evangelium zu gut getan habe, denn Joh. Hus habe sich auch für gut evangelisch ausgegeben. Luther: „Er ist wol gut evangelisch gewest wider des Papst weltliche pracht vnd der Pfaffen geitz vnd hurenleben, ist aber sonst in vielen Artikeln der Lehre vnd des Glaubens papistisch geblieben." Im anfang seiner Verteidigungsschrift rede Hus vom obersten bischof, er meine offenbar den papst damit. Es werden weiter die andern artikel der hussischen lehre besprochen, zulezt auch die lehre vom Sakrament des ftücken vnd puncten gewefen ift." Ein nachdruck erschien 1548. (Kordes, Agri- colas Schriften s. 194. 195. Biederer, Nachrichten 3, 468.) ACKERMANN UND AGRICOLA 463 altars. Zulezt verbietet Luther dem Agricola als dem erklärten Ver- fasser Vorlesung und predigt, so lange die tragödie feil stehe. Wider- ruft ihrs? „Ich weiss niclit zu widerrufen," sagt Agricola. Luther: Ei so heb dich immer davon, du loser mann, meinst du, ich soll meine sache um deinetwillen verderben. IV und V. Agricolas frau vermittelt in Verbindung mit den ande- ren frauen bei Luthers Katharina, dass dieser das an Agricola erlas- sene verbot, Vorlesungen zu halten und zu predigen, zurücknimt. Käthe verkündet das urteil : „Wiewol mein herr hart wider euch erzörnt was, fo hab ich doch fo viel bitt vnd fleiß fürgewendt, das mein Herr lall allen zorn gegen euch fallen, ihr folt Lesen vnd Predigen, wie vor, er will ewer gnediger Herr fein, jedoch mit diefem beding, das ihr hinfort one fein wiflen vn willen nichts folt in druck laffen auß- gehen. Gott gebe euch glück dazu." Das ist der inhalt des heimlichen gespräches. Es erhelt, dass der Eisleber Agricola der Verfasser der tragödie Johannis Hussen ist. Wir führen zum überfluss noch IV, 1 an. Martha fragt: was habt ihr ihm (Luther) getan ? Agricola erwidert : Nichts anders dann das ich des Huffen Tragedia hab in Druck gegeben. Es ist noch zu bemerken, dass akt IV und V eine beissende Satire auf Luthers ehe bilden. Ich werde hierüber und über den Pseu- donymen Verfasser des gesprächs , Simon Lemnius , noch ausführlich sprechen. 3. Johann Agricola aus Spreniberg. Über Johann Agricola aus Spremberg in der Niederlausitz ist nur wenig zu sagen und ich kann zu dem, was Gass in der Allg. Deut- schen Biographie 1, 148 (nach Kordes, J. Agricolas Schriften s. 25 — 36) über ihn mitteilt, fast nichts hinzufügen. Er lebte in der ersten und bis in die zweite hälfte des 16. Jahrhunderts, war pastor prim. in Bautzen und starb am 30. august 1590. Mit Sicherheit werden ihm folgende Schriften beigelegt. 1. Kurtze Kegeln, | Wie man fich im gantzen Leben halten foU, für die | Jungen Knaben vnd Mägdlein, in Reim ge- | bracht, durch I Joh. Agr. Spremb. 45 bl. 8^. Abgedruckt hinter Oecono- mia Bericht von Haußhalten M. Johann Mathesius. (Haußhaltung Johannis Mathelii Prediger im Joachimsthal.) 1564 und in Leip- ziger Sammlungen von Wirthfchafftlichen , Policey-Cammer- und Finantz- Sachen. VIII, 306—323. Der dichter begint mit einer ermahnung zur anrufung gottes: ZEITSCHB. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XII. 30 464 HOLSTEIN Vor allen Dingen den ewigen Gott Euf sehnlich an in aller Noth. Es folgen dann eine reihe von pädagogischen regeln und Sprüchen, mitunter auch nicht ganz decenter, wie: Glaub keinem Wolff auf grüner Heid, Auch keim Juden auf feinen Eid, Auch keinem Münch auf fein Gewißen, Du wirft fonft von allen Dreyeu be Der schluss lautet: Die Kegel fein, ihr jungen Knaben, Solt ihr mit Fleiß für Augen haben, Euch darnach richten in ewerm Leben, So wirdt euch Gott hie zeitlich geben Glück, Seegen, Heil, Wolfart und Kunft, Das Jr bey Leuten gewinnet Gunft, Und fo Jr Chriftum recht erkendt, Jm Glauben verharrt bis an das Endt, Wird er hernach die himnielifche Frewd, Die er fein Kindern hat bei'eit, Jn Ewigkeit auch fchenken thun, Dazu helf uns Gotts ewiger Sohn. Amen. Es folgt dann eine gereimte Übersetzung des 128. psalm. Beati omnes qui timent Domi[num]. Merck auf all hie o frommer Christ usw. Daran schliessen sich Luthers reime von guter und kluger aufführung der eheleute (2 bl.j , einige lebensregeln von Paul I]ber (1 bl.) und ein gebet (3 bl.). 2. Warhaffte Bildnis | etlicher Hochloblicher Fürften vnd | Her- ren, welche zu der zeit, da die heilige | Gottliche Schrifft, fo durch Menfchen fatz- | unge vertunckelt gewefen, durch Got- | tes gnaden wider an Tag konien ift, | Regieret vnd gelebet | haben. M. D. LXH. Gedruckt zu Wittenberg, Durch | Gabriel Schuelboltz. 26 s. 4^. Widmung an den erzbischof Sigismund von Magdeburg, datiert aus Wittenberg „am newen Jarftag, Anno Chrifti M. D.lxij," unterzeich- net von Gabriel Schnelboltz , Buchdrucker zu Wittenberg. Am schluss findet sich eine poetische Übersetzung des 2. psalm: Ach Gott wie ift die Welt fo blind. Wie toben jtzt die Menfchen Kind" von Johan. Agricola Spremb. Jedem fürsteu sind zwei selten gewidmet; die linke enthält das gedieht, die rechte das bild des fürsten. Die samlung enthält folgende fürsten: Karl V, Ferdinand I, Maria, Schwester Karls V, Christian ACKERMANN UND AGRICOLA 465 von Dänemark, Sigismimd August II von Polen, Friedrich III, Kur- fürst von Sachsen , und nach ihm sämtliche forsten zu Sachsen aus der reformationszeit, dann folgt Joachim von Brandenburg , zwei erzbischöfe von Magdeburg, Otto Heinrich Pfalzgraf am Khein, Georg von Anhalt usw., im ganzen 21 bildnisse. Als probe teilen wir die verse mit, mit denen sich Friedrich III, kurfürst von Sachsen, einführt: Fridrich bin ich billich genandt. Den fchöun fried erhielt ich im land, Durch gros vernüft, gedult vn glück Wider manchen Ertzbofen tück. Mein Land zieret ich mit Gebew^ Vnd ftifft ein hohe Schul auffs new. Zu Wittenberg im Sachffner land. Die in allr Welt ift wol bekandt. Denn aus derfelben kam Gotts Wort, Welchs wirckt gros Ding an manchen ort. Das Bebftifch reich Mrtzet er nider, Vnd brachte rechten glauben wider. Jm funffzehuhundert , fiebenzehn Jar, Martin Luther erklert die Lahr. Zum Keifer auch erkorn ward ich, Des mein alter beschweret sich. Darfur ich Kaifer Carl erweit, Von dem mich nicht wand gunft noch gelt. 3. Die Zwelff Artickel ] vnfers Chriftlichen glaubens , fampt | der heiligen Apofteln ankunfift, beruf, glau- | ben, Lere, Leben vnd feiiges abllerben , etc. | Aus heiliger Schrifft, vnd glaubwirdi- | gen Hiftorien, auffs aller kfirtzelt | in deudfche Reime verfaffet, | Für die Leien vnd | Einfeltigen, | Durch | Johan : Agric : Spremb : M. D. LXII. Am schluss: Gedruckt zu Wit- | teuberg, Durch Gabriel Schnellboltz. 20 s. 4». Eine längere gereimte vorrede spricht über den zweck des Wer- kes. Dann folgen die zwölf apostel (an stelle des Judas steht Mat- thias), vor ihnen Christus und am ende Paulus und das jüngste gericht. Den zwölf aposteln sind übergedruckt die zwölf artikel des christlichen glaubens, d. h. das apostolische glaubensbekentnis in 12 abschnitte zerlegt. Wie in dem unter 2 genanten werke befindet sich auf jeder rechten seite das bildnis des durch ein gedieht gefeierten. Das ganze schliesst mit einer gereimten Übersetzung des 15. psalm: Erhalt mich Herr in diefer not, Beware mich du trewer Gott. 30* 466 HOLSTEIN 4. Warhaffte Bildnis | etlicher gelarteii Meuner, durch wel- ] che Gott aus vnausfprechlicher Gnaden, die [ reine Lehr des heiligen Euangelij, notige | Sprachen, vnd andere lobliche vnd nutze | Kun- Iten, zu diefer letzten zeit der | Welt, Aviderumb erwecket, gerei- | niget, vnd in der Chriften- | heit gepflantzet | hat. M. D. LXII. Gedruckt zu Wittenberg. Am schluss: Gedruckt zu Wit- | teuberg, durch Gabriel | Schnellboltz. 24 bl. 4». Widmung an Joachim Ernst und Bernhard, fürsten zu Anhalt, datiert aus Wittenberg „am newen Jarftag. Jm M. D. Ixij. jar," unterzeich- net von Gabriel Schnelboltz , Buchdrucker zu Wittenberg. Enthält fol- gende bildnisse: Huss (am schluss die bekante Weissagung: Ein Ganß brädt jr, fagt ich in dar, Vbr hundert Jar, nemet wol war, Wird komen ein fchneeweiffer Swan, Denlelbn werd jr vugbraten lan.) Luther, Melanchthoii , Jonas, Creuziger, Bugenhageu, Eber, Joh. För- ster, Georg Major, Georg, fürst zu Anhalt, Erasmus Rotterdam, Eoban Hesse, Pfeffinger, Aepinus, Sebast. Fröschel, Jacob Milich, Erasm. Sarcerus, Joh. Schöner. 5. Abcontrafacfcur ] Vnd Bildnis aller Groshertzogen , Chur | vnd Eurften, welche vom Jare nach Chrifti Geburt [ 842 bis auff das jtzige 1563. Jar, das Land | Sachffen, löblich vnd Chriftlich regie- ret haben, | fampt kurtzer erklerunge jres Lebens, | aus glaubwir- digen Hiftorien zu- | famen getragen, vnd in | deudsche Reime ] bracht, | Durch | M. Johannem Agricolam | Sprembergenfem. | 1563. Am schluss: Gedruckt zu Wit- | tenberg durch Gabriel Schnell- ( boltz, neben der Kupffergaffen | am Wahl. | ANNO. | M. D. Lxiij. 38 bl. 40. Widmung an den bischof Alexander von Merseburg, datiert aus Wit- tenberg am tage Michaelis (d. i. 29. September) 1563, unterzeichnet von Gabriel Schnellboltz von Merseburg, buchdrucker zu Wittenberg. Enthält die bildnisse sämtlicher herzöge zu Sachsen von Leutholff an bis zum kurfürst August. Die der reformationszeit angehörigen säch- sischen fürsten sind aus nr. 2 widerholt. 6. Ein zeitgenössisches Lied „Wach aufif du Deutfche Nation Vom fchlaff thu itzund abelon." Gedruckt zu Magdeburg, durch Pangratz Kempf , 1 bl. fol. mit holzschn. (Anz. d. germau. Mus. 1855, 365. Goedeke s. 1161.) 7. Endlich ist er Verfasser des kirchenliedes „0 Vater aller Frommen," das er im jähr 1580 dichtete. (Mützell, Geistliche ACKERMANN UND AGRICOLA 467 Lieder des 16. Jahrhunderts, 3, 742. Wackernagel, Das deutsche Kir- chenlied 5, 13. Das resultat ist demnach folgendes. Es leben ziemlich gleich- zeitig im 16. Jahrhundert: Johann Ackermann, Johann Agricola aus Eislebeu und Johann Agricola aus Spremberg. Alle drei sind genau zu scheiden, der erste als dramatiker, der zweite überwie- gend als theolog, der dritte als Verfasser von gedichteu. Diese Schei- dung ist bis auf einige litterarische Verwechselungen zwischen den beiden lezteren bisher streng festgehalten. Namentlich scheidet Goedeke im register des grundrisses , nur ist Johann Ackermann und Hans Ackermann s. 307 und 315 identisch, und 181 ist in 281 zu ändern. Johann Agricola (Isleb.) ist 111. 194. 288. 308, Johann Agricola (Spremb.) 1161 angeführt. Indessen fehlen die anderen Schriften des lezteren. Ich würde mich nicht veranlast gesehen haben, dies noch beson- ders hervorzuheben, wenn nicht die gewichtige stimme Goedekes vor kurzem sich gegen diese strenge Scheidung der drei namensvettern erhoben hätte. Goedeke ist nämlich geneigt alle drei zu einer person zu vereinigen, und nimt als geburtsort Spremberg und als wohnort Zwickau an. Er sagt in der recension meiner arbeit über das drama vom verlornen söhn in den Gott. gel. Auz. 1880, 660: Johann Acker- mann , auch Agricola genant , der Verfasser des Verl. Sohnes , des Tobias und des gedichtes von der Burkhartsgans , „ist ohne zweifei auch der Verfasser der tragödie des Job. Huss, da die gegenschrift des Joan. Vogelgesang einen Joh. Agricola als solchen nent. Er war aus Sprem- berg vmd lebte als Schulmeister in Zwickau. Auch die von W. Gass in der Allg. Deutschen Biogr. I, 148 genanten Schriften gehören ihm. Mit dem jähre 1562 verschwindet er aus der litteratur, doch war er nicht vergessen, da Nendorf (Grundriss s. 315, 228) ihn noch im jähre 1608 als einen seiner gewährsmänner nent." Ich kann diesen ausführungen nicht zustimmen. Zunächst glaube ich hinlänglich bewiesen zu haben , dass der Verfasser der tragödie von Joh. Hus der Eisleber Joh. Agricola ist. Sodann ist der unterschied der beiden andern sehr auffällig. Der Zwickauer Ackermann, der nur einmal von Nendorf Agricola genant wird, ist fast ausschliesslich dra- matiker, während der andere Verfasser von reimen ist, die er für die holzschnittwerke des Wittenberger druckers Gabriel Schnellboltz machte.^ 1) Der verstehende aufsatz war schon vollendet, ehe G. Kaweraus abhand- lung in Schnorrs Archiv 10, 6 fgg. erschien. GEESTEMÜNDE. H. HOLSTEIN. 468 BKUCHSTÜCK EINER MITTELDEUTSCHEN MARGAEETENLEGENDE. ' bl. l^ * * * Der gutte hot sy oucli vil. Ir vatir neyt sy oucli .... Durch dy gotis ere. Got der wart ir recht holt, 5 Den nam sy vor der werlede golt. Do sy czwelf ior alt wart, Do hup sy sich an dy gotis vart. Sy horte sagen mere. Das dy heyligen merterere 10 Ir blut durch got vergossen, 1) Eine andere , von Fr. Vogt (in Paul und Braunes beitragen usw. [1874J 1, 263 fgg.)> wie es scheint, noch nicht gekaute bcarbeitung der Margaretenlegende in niederdeutschen versen hat neuerdings dr. Joh. Wegen er nach einem Magde- burger drucke vom jähre 1500 im osterprogramrae (1878) des pädagogiums zum kloster Unserer Lieben Frauen in Magdeburg s. 14 — 23 wider abdrucken lassen, und s. 30 — 42 mit seinen anmerkungen begleitet. Diese Magdeburger bearbeitung stimt in einigen stellen wörtlich überein mit der Kölner in Schades Geistlichen Gedichten des 14. und 15. Jahrhunderts vom Niederrhein, und in wenigen mit der von Bartsch , Germania 4, 440 fgg. herausgegebenen , so dass folglich für diese drei eine gemeinsame , wol bis in das 12. Jahrhundert zurückreichende grundlage vor- auszusetzen ist. Eigentümlich aber scheint dem Magdeburger bearbeiter das ver- fahren, dass er mehrere andere bearbeitungen benüzt hat, wie er selbst am Schlüsse sagt, v. 871 fgg. Desse passie is vt velen tosamende genomen, Sunte Margareten to laue vncl vns to vromen, Vnde darff ök nemande grot tvunder haen, Dat se nicht alle licke geschreuen staen, Wente de worde werden vaken vorsath, Dar allyTce wol de rechte sin ynne steyt. Einen anfang einer deutschen Margaretenlegende, deren abfassung er ins 12. Jahrhundert (1170 — 1180) sezt, hat Bartsch aus einer jezt in der Berliner biblio- thek befindlichen papicrhandschrift des 15. jh. (Germ. fol. 927) herausgegeben in seiner Germania (1879) 24, 294 fgg. — Eine lateinische Passio S. Margaretae, 9 bl. in einer hs. des 14. jh. befassend, wird aufgeführt in Eccl. Metrop. Colon, codd. mss. descr. JafFe et Wattenbach. Berol. 1874. s. 69. — Eine ausgäbe der Marga- retenlegende hat neuerdings Stejskal geliefert: Büchelin der heiligen Margareta. Beitrag zur geschichte der geistlichen literatur des XIV. Jahrshunderts. Heraus- gegeben von Dr. K. Stejskal. Wien 1880. J. Z. 469 HASENJÄGER , MARGARETENLEGENDE Des sy dornach genossen Vnde nomen von yni dy ere; Czu der czeyt pWag man sere.^ Got der gap ir seynen geyst, 15 Tr dyust sy ym wedir leyst. Her behutte sy vil steticlich An ir kewscheyt werlich. Eynis tagis qwam is alzo, Olibrins der reyt aldo 20 Von Asya keyn Antioch. Den cristen wolde her ein iocli Legen 2 an mit grosser noth, Das sy von peyn blebin toth. bl. l^ Do sach her an dem 25 Margaretham wol Sy hutte ir amen scheffeleyn. An sy warf her das hercze seyn. Her sprach czn seynen knechten, Das sy ym dy mayt brechten. 30 Her sprach: „is^ sy frey, so neme ich sy Czu eynem waybe, das glewbit mir. Mit ir sal mir wol seyn. Schone ist das megeteyn.'' Do dy botin qwomen 35 Vnde dy mayt nomen, Dy der grofe sante, Do das dy mayt irkante, Sy ruffte czu gotis gute, Das her sy behüte. 40 Sy sprach mit grosser ynnikeyt: „Herre got, ich klage dir meyn leyt. Yrbarme dich, irbarme dich Got herre, hewte obir mich 1) Ist so nicht zu verstehen. Am wahrscheinlichsten scheint mir dass zwi- schen 12 und 13 eine lücke ist Zur besserung würde die kentnis der entsprechen- den'telle der Göttinger (G.) niederdeutschen bearbeitung (besprochen und .m au - zuL mitgeteilt von Fr. Vogt in: Beiträge zur Geschichte d. d. Sprache und Litte- :X heru^von Hermann Paul und Wilhelm Braune I. 266 fgg.) nöüg sem. 2) Cod. Liegen, so immer bis auf v. 234. 3) Dieser abfall des t begegnet sonst noch einmal vor s v. 109: dorumme syn sy eyu gethon und vor d v. 113: is ach dy mayt wenig. 470 HÄSENJÄGER Durch dy grosse gutte deyn. 45 Nicht vorlews dy zele meyn Mit desen bösen hundert Nw czu desen stunden, bl. 2". Irfrewe mich czu desir czeyt, Wenne alle frewde an dyr leyt. 50 Nicht wirff mich czu der sunden grünt, Do von dy zele wirt vorwunt. Behutte meyne synnen Durch deyner muter willen. Los meynen leyp nicht vallen 55 Yn der sunden gallen. Behutte meyne kewscheyt Ane sunde vnde ane leyt Vnde sende mir den engel deyn, Der do offenet ^ den munt meyn 60 Keygen dem bozen sundere.^ Yo leyde ich grosse swere: Ich sehe, das ich bin wordin Also eyn schoif vortorben. Das mitten vnder den wolffin leyt. 65 Hylff nw mir, is ist czeyt. Auch byn ich als das fogeleyn Das do leyt yn dem netczeleyn Vnde von dem vogelere Leydet grosse swere. bl. 2". 70 Meyn leyt ist des fischis leyt, Der yn der rewsen leyt bereyt. Hylff mir hyr yn desir not Durch deynen sweren bittern tot Durch deyne heyligen fimf wunden 75 Nw czu desen stunden. Got herre , mich erwende Von desir lewte hende." Do dy botin das irhorten, Keygen dem grofen sy wedir körten 80 Sy sprachen alle gleyche: „Deyne gewalt vnde deyn reyche 1) Cod. offnnt. ^ 2) Cod. keygen den bozen sundern; verbessert nach Mombritius: — et ad respondendum cum fiducia impio et iniquo praefecto sanguinario. MARGARETENLEGENDE 471 Mag ir nicht geneme seyn, wen sy acht nicht der gote deyn." Der grofe de Olibrius 85 Ir czoruete vnde sprach also: „Dy mayt heyset komen her!" Czu ir dese wort sprach her: „ So sage mir , mayt gut, Vnde ist abir edil deyn blut?" 90 Margaretha hyn wedir sayt Dy reyne schone kewsche mayt: „Meyn blut ist czwor edel wol Ap ich des selber iehen sal." bl. 3*. Der grofe sprach ir abir czu: 95 „Sage mir, wy heysest du?" Sy sprach: „ich heyse Margaretha. Meyne hoffenunge steet czu gote." Der grofe sprach ir abir czu: „Weichin got meynestu?" 100 Do sprach wedir en Margaretha: „Der alle ding geschaffiu heth, Jhesum Cristum gotis son. An seyner gute bistu blynt. Her hot mir meyne kewscheyt 105 Behut an allis leyt. Der grofe sprach: „do ist nicht an. Meyne vetir en gecrewiziget han." Sy sprach: „habin sy das gethon, Dorumme syn^ sy eyn gethon 110 Yn den ^ grünt der helle. Böse ist ir gefelle." Do wart der grofe czornig. Is ach dy mayt wenig. Her lys sy legen swere 115 Yu eynen kerkere.^ Eyn andir tag dornach irscheyn. Her hys ym brengen dy mayt reyn. Czu ir sprach her senftiglich: bl. 3''. „ Schone mayt , bedencke dich 1) Vgl. anm. zu y. 30. 2) Cod. der. 3) V. 114 und 115 bilden im codex eine zeile. 472 HASENJÄGER 120 In desen grosen noten Vnde oppir meynen goten." Sy sprach: „her grofe, ich tu syn nicht, Ewer Worte synt kegen mir eyn Avicht. Der weg, den ich begriffen ha, 125 Do wil ich stete wezen an. Got sage ich lop vnde ere Vnde forchte en ouch vil sere; Ouch forehtet en das hymmilreich Dy engil vnde das ertreych 130 Dy wynde vnde dy steyne Dy Wasser alle gemeyne Der tewfel aus der hellen grünt. Seyne craft ist en allen kunt. Seyn reych das ist ewiglich." 135 Do wart der grofe czornlich: I „Opper meynen goten, Ader meyn swert mus dich totin, Vnde alles deyne gebeyne Beyde gros vnde kleyne 140 Los ich dich mit creweleyn gar czu crawen Vnde mit beyeln gar czu hawen." bl. 4". Sy sprach : „ ich forchte nicht dy not. Got leyt durch meynen willen den tot. Dorumme forchte ich dich nicht, 145 Vnde was du gelegen magist an mich." * Der grofe lys sy yn dy lofft ^ Hengen dar mit grosser croft. Her lys sy slawen swere Durch dy gotis ere, 150 Das das blut czu der erdin flos Manch mensch do trene gos Vor yonier vnde vor leyde Beyde Juden vnde heydin. Yn den hymil sy do sach, 155 Dese wort sy ynuiglichen sprach: „Meyne hoffenuuge leyt an dir, 1) Cod. micht. 2) Cod. 146 — 147: Der grofe lys yn sy. dy lofft hengen Dar mit grosser groft. MARGARETENLEGENDE 473 Herre got, gnode mir." Sy sprachin alle gleych czu ir: „Margaretha, wy ist dir? 160 Du forchtest uiclit des grofeii czorn, Dorurmne mustu seyu verlorn." Sy sprach: „meyue zele sal genesen Vnde mit gote ymmer wezen Yn dem hymmilreyche. bl. 4^ 165 Keyn ende liotli seyn reyche." Auch sprach czu en sante Margarete: „Ir gebit mir vil bozen rot. Glewbit an den got meyn, Der mag wol ewer helfer seyn 170 In ewreu notin, ap irs begert. Her bewart ewch vor des tewfels swert." Sy riff abir got an, Dese wort sy began: „Got sende mir dy hulflfe deyn 175 Vnde irlose dy zele meyn Nw czu desen stunden Von der lewen munde. Sende mir eyn tewbeleyn Do von ich stete müsse seyn, 180 Das ich mich nicht vorkere Von desir not swere, Das an dir .raeyde bilde haben Vnde an togenden nicht vorzagen. Vnde euch dy merterere/ 185 Dy do leyden grosse swere, Dy do herre selbir weyst, E du off gobist deynen geyst. bl. 5'. Du ledist not obir noth E dir an gefegete^ der toth." 1) Vor vers 184 ist wol lücke anzunehmen, da ,,merterere" als subj. zu haben und vorzagen in dieser Stellung wenig passend erscheint. Den Schreiber, der wie aus v. 114. 115 und 14ti. 147 zu schliessen, wol nach einer vorläge gear- beitet hat, welche die reimzeilen nicht absezte, hat vermutlich noch ein in der lücke enthalten gewesener reim auf -ere geirt. Ähnlich wird auch die lücke vor v. 12 entstanden sein. An beiden stellen steht übrigens kurz vor der lücke ein reimpaar auf -ere. Aufschluss wird wol auch hier G. geben. 2) gesegete? 474 HASENJÄGEK 190 Man slug dy mayt here Czu der czeyt sere Den lobelicMn leychnam, Als ap is were eyn unreyn slam. Der grofe nam das liewpt yn dy band 195 Vnde is yn den mantil want Das her das yomer nicht sehe. Man teth der mayt also wee, Das alle, dy do worren, Gros yomer an er sohen. 200 Der grofe der sprach: „Nw höre noch meynen roth Vnde opper meynen goten, Odir ich mus dich totin." Sy sprach: „ach, du sundiger man, 205 An der rede do ist nicht an. Meyn fleysch ich hy vorkewifen wil. Das gebit mir dort der frewdin vil Tmmer ewiglichin In dem hymmilreyche." 210 Der grofe wart czornes vol, bl. 6^. Dy rede ich euch sagen sah Her hys sy legen swere Yn einen kerkere. Do sy yn den kerker qwam, 215 Gotis crewcze sy vor sich nam. Sy bat vnde sprach: „herre got, Dy werlet stet an deynem gebot Vnde alle, dy dorinne seyn. Du bist euch der trost meyn. 220 Du bist eyne hofifenunge Der gerechten woren czunge. Du bist eyn licht der ev^ikeyt. Gedencke an meyn gros leyt. Ich bin eyn eyniges tachtirleyu. 225 Meyn vater bot dy trawe seyn An mir vorgessin sere. Das kompt von deyner martir, here.^ Meyn vatir mich gelossin bot, Dorumme suche ich czu dir rot, 1) Cod. ere. MARGAEETENLEGENDE 475 230 Das du mich lozist icht, Wenne du ineyn herre vnde got bist. Irhore mich eyner bethe, So werde ich an frewden stete, bl. 6°. Los mich meynen vinth sehen 235 Das her selber müsse iehen, Was ich ym habe gethon, Das her mich so zere vicht an. Durch seynen willen sitze ich hy. Vorflucht sey her hewte vnd y. 240 Von hymmelreych herre got, Meyn richtir bis yn der noth. Heys en komen her czu mir, Mit ynnikeyt das bethe ich dich. Meyne hoffeuunge leyt an dir, 245 Meynen vint sende mir." Do sach sy hyu vnde her. Do sach sy yn dem kerker Aus eynem vynstern wynckel geen Den tewfel vnde vor ir stehen. 250 Her was engistlichen gar Vnde mancherley hende gevar.^ Das hör was ym goldeyn, Der hart was ym silbereyn, Dy czunge Avas ym eysereyn, 255 Dy ougen clarfunckelsteyneyn. bl. 6^ Aus seyner nasen gynck eyn rauch, ^ Dorczu eyn michil cryl fewer auch. Do von eyn gros licM seh eyn. ^ Ir frewde dy was harte cleyn. 260 Her legete seyne czunge Off dy mayt iunge. Nw höret alle, wy dy mayt Vor dem tewfel v^as vorczayt. Sy wart als eyn wachs bleych. 265 An dy erde sy nedir weych. Vor grosen engesten sy vorgas, Was ir yn dem mute was. 1) Cod. gewar. 2) Cod. räch. 3) Cod. do von ym gras licht em scheyn. Das richtige gibt G: Dar von eyn grot licht sehen. 476 HASEyjAGEB Dommine das sy selber bat, Got sy wol irhort bot. 270 Off ere kny vil sy clo, Ir hende hub sy off ho, Key gen dem hymmil sy do sach.' Nw boret alle, wy sy sprach: „Herre, du bist wondirlich 275 Ar deynen beyligen, das spreche ich.^ Du host gemacht das paradis Dy wasser vnde helle flis. Den tewfel hostu gebunden, bl. 7*. Dy helle obir wenden. 280 Von deyner craft sy alle iehen. Wenne du wilt, sy müssen stehen. Sy synt von dir beczwongen ^ Dy viude vnde alle czungen. Got herre, nw^ gip mir guttin sen, 285 Wen ich eyn arm weyse byn. In desir noth irhore mich, Scheppher meyn, das bethe ich dich, Das dys gar vorfluchte thyr Icht geschaden möge mir. 290 Is vicht mich an ane noth Gerne tete is mir den toth. Do sy das ymer ^ sayte Vnde gote sere clayte. Her begunde czu brymmen als ein ber. 295 Nw merket, wy der mayt wer.^ Off thet her den munt seyn. Dy schone mayt uam her doreyn. Dy ^ czunge ym off dy erde hynck. Do methe her dy mayt vynck. 300 Her vorslang sy mit grosser craft. Doch sy das crewcze vor sich haft, bl. 1^. Do von der tewfel reys enczwey ^ Als her wer eyn fawles ey. Dy mayt dy bleyb wol gesunt. 305 Der tewfel der wart sere wunt 1) Mirabilis deus in sanctis suis. Ps. 67, 36. 2) Cod. beqwougen, 3) Cod. 4) Cod. yomer. 5) Cod. ver. 6) Cod. do. 7) Cod. enczwe. MARGAKETENLEGENDE 477 Von des crewczos swerte. Dy mayt nicht anders begerte. Nw merket alle gleych Iczlichs sunderleyeh, 310 Welche macht das crewcze hot, So is vor dem menschen stat. Do sach sy abir vmbe sich Eynen tewfil engistlich.* Der sas bey ir an der want, 315 Is was eyn michil vollant. Her was gebildet alzo eyn man, Dy swercze lag ym zere an. Do vil sy abir vff dy kny, Der togent der vergas sy ny 320 Sy sprach onch mit ynnikeyt: „Here got, ich byn deyne mayt. Deyn uamen der ist ewiglich. Herre got, hewte du irfrewst mich. Du bist eyne lebinde ewikeyt, 325 Eyn born der ewigen weysheyt. Vorstehendes bruchstück einer Margaretenlegende stamt aus einer papierhaudschrift des 15. Jahrhunderts (7 blätter in octav, die seite zu 22 — 24 Zeilen), die von herrn archivsecretair dr. ß. Prümers in Stet- tin in der bibliothek der geselschaft für pommersche geschichte und altertumskunde aufgefunden worden ist. Wann und woher die hand- schrift in den besitz der geselschaft gekommen ist, hat sich nicht ermitteln lassen. Von einer unbekanten band, die mindestens den anfang des gedichtes noch vor sich gehabt haben muss, sind die Zei- len der handschrift gezählt und von 5 zu 5 zeilen durch Ziffern mit bleistift bezeichnet worden; desgleichen sind die ungraden Seitenzahlen angegeben. Danach begint das jetzige blatt I mit v. 46 und trägt die Seitenzahl 3. Somit wäre am anfange nur der verlust eines blattes von 45 Zeilen zu beklagen, was allerdings die gewöhnliche auf einem blatte befindliche anzahl von verszeilen ist. Wieviel am Schlüsse ver- loren gegangen ist , wird die vergleichung mit der bereits in der anm. auf s. 469 erwähnten niederdeutschen bearbeitung (G.) ergeben, die, 1) Cod. engistlicht. 478 HASENJAGER wie wir weiter unten sehen werden , mit der vorliegenden Stettiner (S.) in nahem zusammenhange steht. An den stellen des textes, die im drucke durch punkte bezeich- net sind, ist die schrift verwischt und unleserlich. Was zeit und ort der abfassung der handschrift anbetrift, so weist die spräche wol an das ende des XIV. oder den anfang des XV. Jahrhunderts und die neben dem sonst vorwiegenden mitteldeut- schen typus fast gänzlich durchgedrungenen diphthongen ei, au, eu für *; ou, ü; iu auf Böhmen oder auf eine der angrenzenden mittel- deutschen landschaften. (Müllenhof und Scherer. Denkm. XXP. XXV ^) Bemerkenswert erscheint daher, dass die spräche vorliegenden gedich- tes bis auf die eben erwähnten diphthonge selbst bis auf einzelheiten derjenigen sehr nahe steht , die sich in der von Bartsch Bibliothek des litterarischen Vereins in Stuttgart LIII 1860. veröffentlichten Marien- legende vorfindet. Die zahl der ungenauen reime ist nicht gering. Es reimt kurzer voeal auf langen, oder auch auf diphthong, z. b. an-.hän 106. 124. angetan 236. hat : hat 268. tier : mir 289 got : not 240. mo : du 98. göten : toeten 136. 202. noeten : göten 120. Kurzes oder langes e reimt auch auf ae, und wie es scheint selbst auf oe, z. b. Jcnehten : hrcehten 28. hete : staete 232. stvcere : ere 149. verJcere : swcere 180. Margarete : hcete (?) 100. Margarete : rcete 166. erhoerten : kerten 78. Auslautende vocale werden weggelassen z. b. erschein : rein 116. schein: dein 258. her : herhcer 246. Starke zusammenziehungen werden nicht gemieden, z. b. se : we 196. Auch consonantisch ungenaue reime kommen nicht wenige vor, und darunter so rohe, dass man sie dem dichter kaum zumuten darf, zumal der schreiber auf sorgsame Ortho- graphie nicht geachtet, und überhaupt ziemlich incorrect und fehler- haft geschrieben hat. Im algemeinen jedoch zeigen reime und Sprach- gebrauch den Charakter eines mitteldeutschen gedichtes aus dem XIV. Jahrhundert. Auf dasselbe ergebnis wie die betrachtung des reimes und des Sprachgebrauches führt auch die Untersuchung über den Zusammenhang von S mit den anderen bereits bekanten Margaretenlegenden , insonderheit mit E ^ und G, für welche bearbeitungen Fr. Vogt a. a. o. (anm. s. 331) eine mitteldeutsche vorläge des XIV. Jahrhunderts nachgewiesen hat. Schon die wenigen verse aus G, die nach den mitteilungen von Vogt mit S verglichen werden können , lassen deutlich genug den Zusam- menhang zwischen den beiden bearbeitungen erkennen, um so mehr 1) Das von Schura Germania 18, 98 fgg. veröffentlichte Erfurter bruchstück. hasenjIger, margaretenlegende 479 als die betreffende stelle, die im anschluss an Mombritius gegebene beschreibuug des zuerst erscheinenden teufeis G eigentümlich ist und, da nun S mit G übereinstimt, also auch dem original augehört hat. ■ G. fol. 14" z. 3 fgg. S. Via. 13 — b. 3. (246—258.) Do sach sie hen vnd her. Do sach sy hyn vnde her Do sach sie in den kerkener Do sach sy yn dem kerker 5 Den dufel sach sie vor sik sten Den tewfel vnde vor ir stehen Vth eynen vinstern winkel gen. Aus eynem vynstern wynckel geen. He was gruwelich gar Her was engestlichen gar 250 Vnde mennigher varffe har: Vnde mancherley hende gevar. Dy har weren suluerin. Das hör was ym goldeyn, 10 De hart was em guldin. Der hart was ym silbereyn, Dy tene weren iszeren. Dy czunge was ym eysereyn Syne ougen waren kopperin Dy ougen clarfunkelsteyneyn 255 Vth syner neszen gingk eyn rock Aus seyner nasen gynck eyn rauch Vnde eyn mehtic fuer ock, Dorczu eyn michil cryl fewer auch 15 Dar van eyn grot licht sehen. Do von eyn gros licht scheyn. Der gang der erzählung ist, soweit die von Vogt a. a. o. s. 274 fg. mitgeteilte Inhaltsangabe von G mit S verglichen werden kann, in bei- den bearbeitungen derselbe; nur hat G zwischen den beiden teufels- erscheinungen ein dankgebet der heiligen , während S die episode mit einer betrachtung über die macht des kreuzzeicheus schliesst. Zum Schlüsse will ich auch noch eines äusseren umstandes geden- ken, der die Vermutung wahrscheinlich macht, dass unser gedieht die recension eines Originals des XIV. Jahrhunderts ist. Die verschreibun- gen in v. 114. 115 und 146, meine ich, werden doch wol darauf zu- rückgeführt werden müssen, dass in der vorläge, wie es im XIV. Jahr- hundert noch Sitte war, die verse nicht abgesezt und auch nicht durch punkte unterschieden waren. GRABOW A. 0., FEBRUAR 1878. R. HASENJÄGER. BEITRÄGE AUS DEM NIEDERDEUTSCHEN. CJrauscheu, grein. Für diese beiden im Mnd. wb. aufgeführten Wörter war das skan- dinavische zu vergleichen. Grafischen, dessen bedeutung dort richtig augegeben ist, entspricht schwed. granska; grein aber in den Geistl. L. aus d. Münsterl. IV, 3; XVI, 4 bedeutet nicht körn, sondern reis, zweig, wie schwed. greri; vgl. Jes. 11, 1. ISERLOHN. FR. WOESTE. ZEITSCHR. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XII. 31 480 LITTERATUR. W. Braune, Gotische Grammatik. Mit einigen Lesestückeu und Wortverzeichnis. (Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte, I.) Halle, Niemeyer, 1880. VII und 118 s. 8. M. 2. Dem Verfasser machte sich bei seinen Vorlesungen über gotische grammatik das bedürfnis geltend, „einen abriss in den bänden der zuhörer zu wissen, wel- cher es denselben gestattete , die praktische erlernung der gotischen spräche selb- ständig vorzunehmen." Er wolte also in dem vorliegenden buche eine ,, übersicht- liche darstellung der laut- und formenlehre" geben, ,, welche die spräche möglichst nur aus sich selbst zur anschauung brächte , ohne zerstreute brocken aus der ver- gleichenden grammatik einzumischen." ,,Die vorgeschichtlichen fragen sind des- halb möglichst ferngehalten, oder wo dies nicht völlig angieng, doch vom rein gotischen gesichtspunkte betrachtet." Diese grundsätze, wie sie im vorwort entwickelt werden, sind denn auch bei der darstellung im grossen und ganzen festgehalten worden. Übersichtlich wird das laut- und formenmaterial des Gotischen (unter ausschluss der wortbildungs- lehre und der syntax) aufgeführt. Ein reichhaltiger stoff in möglichst gedrängter fas- sung, klarheit und präcision des ausdrucks, Sorgfalt und Sauberkeit in der anord- nung und darstellung des gebotenen. Ist das buch auch für anfänger geschrieben, so darf es doch den rang eines wissenschaftlichen hilfsmittels beanspruchen. Der Verfasser begnügt sich nicht damit, tatsachen zur gedächtnismässigen einprägung aneinander zu reihen, sondern gibt möglichst auch die quellen an, auf welche die darstellung sich gründet. Es wird nicht blos gelehrt, der und der buchstabe sei so und so auszusprechen, sondern es wird gleichzeitig angeführt, welche mittel uns zu geböte stehen, um die ausspräche der einzelnen zeichen des gotischen alphabetes festzustellen , und in der formenlehre wird zwischen belegten und erschlos- senen formen gewissenhaft geschieden. Man merkt dem abrisse an , dass er auf wissenschaftlicher keutnis der germanischen grammatik beruht. Auch an selbstän- digen bemerkungen, wie über die auffassung des got. ai in Wörtern wie saian, vaian (§ 22) , über silbenbildende liquiden im Gotischen (§ 27) u. a. fehlt es nicht. Die fernhaltung der vorgeschichtlichen fragen zeigt sich augenfällig darin, dass nicht die rede ist von der lautverschiebung, nicht von den Westphalschen auslautsgesetzen , nicht vom „grammatischen Wechsel" und von Verners auf- deckung der alten accentuation. Diese beschränkung hat zwar den nachteil, dass nun manches als gotisches lautgesetz dargestelt werden muss , was weit älter ist als die übrigen speciell gotischen gesetze. Aber eine syste- matische heranziehung der verwanten sprachen würde den ganzen charakter des buches verändert haben; und jedenfals ist es besser, wenn der lernende bei der ersten aneignung des Gotischen von den sprachgeschichtlichen theorien nichts erfährt, als wenn er die zum grossen teil unrichtigen hypothesen, mit denen die gebräuchlichen hilfsbücher durchtränkt sind, sich von vorn herein mit aneig- net. — Indessen hat der Verfasser es sich nicht versagt, doch in einigen fäl- len den lehren der vergleichenden Sprachwissenschaft eine hintertür zu öffnen: trotz der im Vorworte ausgesprochenen abneiguug gegen ,, unsystematische bemer- kungen" und „zerstreute brocken aus der vergleichenden grammatik." Er scheidet § 4 die beispiele für got. a = südeurop. a von denen für got. a = südeurop. o; COLLITZ, ÜBER BRAUNE, GOT. GRAMM. 481 ebenso § 14 die fälle wo got. u einem urspr. u entspricht, von denen wo es als Vertreter eines schwachen vocals fungiert. Auch bei der darstellung der mediae (§§ 55 b. 62. 6Ü) ist auf den verschiedenen Ursprung derselben rücksicht genommen. Consequenz herscht in diesen beracrkungcn nicht. Unter den beispielen für ö (§ 12) ist eine scheidung von ö = südeurop. ä und 6 = südeurop. ü nicht vor- genommen: und in der formenlehre wird bei der ,,a-declination" (§ 79) und der ,,ö-doclination " (§86) die entsprccliung im Griechischen und Lateiuischen angege- ben , während bei den übrigen declinationen die aussergotischen analoga nicht erwähnt sind. Diese inconsequenz einerseits ist zu tadeln , und andererseits mis- billigcn wir es, dass der Verfasser nicht wenigstens in einer note angegeben hat, aus welchem gründe er jene beispiele sondert. Offenbar ist er bemüht gewesen, die berücksichtigung der vorgotischeu sprachentwickelung so vorzunehmen, dass der grammatik ihr einheitlicher Charakter gewahrt bleibt und dass es möglichst so aussieht, als sei alles vom rein gotischen Standpunkte aus dargestelt. Aber gemäss der vorrede ist das buch nicht lediglich zur unterläge für Vorlesungen bestimt, sondern auch zu selbständigem gebrauche, auch für denjenigen, welcher von der vergleichenden grammatik noch nichts weiss. Eechnet der Verfasser nicht darauf, dass solche leser die sonderung der beispiele übersehen, so hätte er ihnen auch über den grund derselben auskunft geben und nicht blos ihre wissbegierde rege machen sollen. "Wer die demente einer spräche einem anfänger zur erlernung darbietet, der wird sich vor allem hüten müssen, ihm unrichtige oder halbrichtige annahmen als feststehende tatsachen mitzuteilen. So correct und wolüberlegt nun auch im alge- meinen die darstellung Braunes ist, so wenig ist es ihm gelungen, völlig jenen fehler zu vermeiden. § 2 wird angegeben , die buchstaben q und w (nach der bezeichnung von Gabelentz und Loebe) seien einfache zeichen für zweifachen laut; von derselben ansieht geht die fassung der §§ 40, 57 anm. 1, 59 anm. 2 aus. Braune schreibt demgemäss kv und hv. Aber hätte Ulfilas Icv und hv gesprochen, so würde er auch wahrscheinlich so geschrieben haben. Und er schreibt ja auch hv , aber in fällen , wo kein „ iv ", sondern eine zusammeurückung von h und v vor- liegt: ubuhvöpida Luc. 18, 38 und pairhvakands Luc, 6, 12. Auf diese tatsache hat Holtzmann, Altd. Gramm. I s. 25 (den Braune zwar citiert, dessen ausführungen er aber nicht in ihre cousequenzen verfolgt) hingewiesen, und Holtzmann hat zugleich ein weiteres moment angeführt, welches beweist, dass jenes w etwas anderes als 7^ -j- ^ ist: sanvan wird als kurzsilbige wurzel behandelt, das iv macht hier keine Position, kann also kein doppellaut sein. Und kann man sich denn diese {j[ und w nicht anders gesprochen denken, als kv oder hv? Mein freund Hoffory,i mit dem ich vor längerer zeit auf diese frage zu sprechen kam, wolte in den gotischen lauten labialisierte gutturale im sinne von Sweet, A Handbook of Phonetics — Oxford 1877 — s. 42 sehen: eine auffassung, welche mir die frage nach dem lautlichen Charakter ansprechend zu beantworten scheint. Man erinnere sich, dass auch das lateinische qu kein doppellaut ist — ebensowenig wie das gruudsprachliche q, wenn ich recht gehabt habe (Bezzenberger Beitr. III, 192), dasselbe als gleich- wertig mit dem lat. qu hinzustellen — ; und man halte beispiele gegeneinander wie l) Derselbe macht mich noch aufmerksam auf das altn. — mit got. 7-iqiz- zusam- mengehörige — verbum rokkva (Wimmer, Altn. Gramm. § 119 anm.) Das part. rekvit (aus *rekvit) zeigt, dass es derselben ablautsreihe angehört, wie got. saiwan; es macht also die tenuis altn. kv = got. q ebensowenig position, wie die spirans got. lo. 31* 482 COLLITZ, ÜBER BRÄUNE, GOT. GRAMM. ahva und lat. aqua, aihva- und lat. equo-, stigqan und lat. di-stinguere. Noch ein nahe liegender einwurf ist zu berücksichtigen. Weshalb verwendete Ulfilas nicht auch für gv ein einheitliches zeichen? Die lösung dieses scheinbaren Wider- spruches scheint mir mit der beachtung der herkunft des q und lo gegeben. Got. w ist die fortsetzung des grundsprachlichen q, got. q die fortsetzung der zugehörigen media; die entsprechende aspirata aber hat im Gotischen in der regel das guttu- rale element aufgegeben, und erscheint als v. snaivs = lit. snegas , vgl. gr. vtcpf- Tog, vei(f(i; siuns neben saiivan u. a. (vgl. Sievers, P,-B. Beitr. V, 149). Aller- dings scheint das gv in aggvus und siggvan mit dem q und ^o auf einer stufe zu stehen. Aber mau ist nicht berechtigt, auf grund dieser beiden beispiele jenen einheitlichen zeichen die geltung eines doppellautes zuzuschreiben. Es wäre ja auch umgekehrt möglich, dass dieses gv einen einheitlichen laut bezeichnete, und dass die einführung eines besonderen Zeichens für denselben nur deshalb unterblieb, weil die anzahl der betreffenden beispiele zu geringfügig war. Oder es wäre anderer- seits denkbar, dass der ursprüngliche laut hier in folge des vorausgehenden nasals auch in der spräche eine Umgestaltung erfahren hätte. Jedenfals bleiben die oben angeführten momente , welche für einfachheit des q und w sprechen , bestehen, und die frage kann unserer ansieht nach nur sein, ob es nicht ratsam ist, statt des w, das zur bezeichnung einer gutturalen spirans sich gewiss nicht besonders eignet, ein anderes einheitliches zeichen, etwa eine ligatur aus h und v einzufüh- ren. — § 24 anm. wird unter den belegen für diphthongisches aw vor r haurus „schwer" angeführt, unter berufung auf Kz. 24, 427. Allerdings hat Möller an jener stelle das wort als erstes der beispiele, in welchen w-epenthese im Germa- nischen vorliegen soll, aufgeführt. Aber das beispiel ist falsch. Das gotische au ist ,,brechung" des w, und dieses ebenso Vertreter eines schwachen vocales, wie die entsprechenden vocale in sskr. gun'o, griech. ßctQv-g, lat. grav-i-s. Die vocal- verhältnisse sind genau dieselben (vgl. de Saussure, Systeme primitif des voyelles s. 267), wie in sskr. pura, puräs , gr. nagd, ndgog, got. faur, wo niemand an diphthongisches au denken wird. — Nach § 74 anm. 1 ist z im ausjaut zuweilen stehen geblieben. Man hätte also anzunehmen , es sei hier ein altes lautverhält- nis in einigen raritäten gewahrt. Aber gewiss ist hier nichts ,, stehen geblieben," sondern etwas neu eingeführt. Die z sind aus den casus, wo sie im inlaute stan- den, in den auslaut übertragen und haben dort das regelrechte s verdrängt, genau so wie in den § 70 anm. 1. 2 angeführten fällen J5 unrichtig durch d ersezt ist. — Endlich sei hervorgehoben, dass die bemerkungen über den Wechsel des u und au in der M-declination (§§ 14 anm. 4; 24 anm. 4; 25 anm. 3) nicht in die lautlehre gehören ; mag dieser Wechsel auch lediglich den späteren Schreibern zur last fallen, so liegt hier doch nicht eine blosse Verwechselung der laute, sondern eine Verwir- rung der formen vor; die anmerkung, welche darüber in der formenlehre (§94 anm. 2) gemacht wird , genügte volständig. Das wären denn aber auch so ziemlich die einzigen ausstellungen , welche wir an dem buche zu machen haben. Im grossen und ganzen darf dasselbe als ein dem jetzigen stände der Wissenschaft entsprechender und geschickt gearbeiteter leitfaden bezeichnet werden, der dem lernenden bestens empfohlen werden kann. BERLIN. HERMANN COLLITZ. VON BAHÜER, WEINHOLD UND PAUL, MHD. GRAMM. 483 K. WeinhoM, Kleine mittelhochdeutsche Grammatik. Wien, Braiimüller, 1881. Vm, 100 s. 8. M. 2. H. Paul, Mittelhochdeutsche Grammatik (Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialecte II). Halle, Niemeyer, 1881. VIII, 69 s. 8. M. 1,20. So ist denn endlich dem bedürfnis nach einer gedrängten, aber ergiebigen und für das ganze gebiet des Mittelhochdeutschen ausreichenden Übersicht der mhd. grammatik genügt und durch das gleichzeitige erscheinen von Weinholds und Pauls büchern an die stelle des früheren mangels sogar ein gewisser überfluss getreten. Weinhold sah sich durch den umstand, dass seine grössere grammatik für den anfänger zu umfangreich (und wol auch zu teuer) sei, zur herstellung eines kür- zeren abrisses veranlasst, Pauls buch schliesst sich der die samlung kurzer german. grammatiken cröfnenden gotischen grammatik von Braune an, namentlich in dem bestreben bei Verwertung der neuesten forschungen auf grammatischem gebiet doch immer das bedürfnis des anfängers im äuge zu haben und daher die wissenschaft- liche Untersuchung selbst zurücktreten zu lassen. Jedes der beiden bücher hat seine eigentümlichen Vorzüge. Weinhold bietet in dem seinigen allerdings kaum neues, wenn auch zum grossen teile eigenes, durch seine forschungen gesichertes, aber die auswahl ist passend getroifen und die anordnung sehr übersichtlich. Anzuerkennen ist, dass Weinbold ihm eigen- tümliche anschauungen , die aber nicht durchaus den beifall der fachgenossen gefun- den haben, hier zurückhält und nur wissenschaftlich gesichertes bietet. Einiges anfechtbare begegnet allerdings auch hier, z. b. die annähme, dass ie uo im md. bereits im 12. Jahrhundert zu i ü geworden seien (§§ 39. 40).^ Die anordnung ist im wesentlichen die der grösseren mhd. grammatik. In der vocallehre sind jedoch nicht wie hier die vocale des mhd., sondern ideale urvocale zu gründe gelegt, es wird z. b. das umlaut-e unter a, o unter « behandelt usw. Durchweg sind auch mundartliche erscheinungen, wenn auch nur in aller kürze, herangezogen. Sehr wesentlich unterscheidet sich Pauls buch von dem Weinholdschen. Seine Vorzüge bestehen in der exacten methode , mit der der Verfasser seinen stofF behan- delt. Paul unternimt es die neuesten forschungen auf dem gebiet der lautlehre in die mhd. grammatik einzuführen. Er selbst hat schon in mehreren aufsätzen („Bei- träge zur Geschichte der Lautentwicklung Formenassociation " bei Paul und Braune, Beiträge bd. 6 und 7) versucht einige schwierige erscheinungen im mhd. zu beleuch- ten und namentlich das rein lautgesetzliche von dem durch ausgleichung eingetre- tenen zu scheiden. Einige weitere beitrage hiezu bringt er in der vorliegenden gram- matik. Allerdings komt er bei diesem bestreben manchmal in eine eigentümliche läge. Trotz seiner abweichenden Stellung kann er oft nicht vermeiden auf früher herschende ansichten hinzuweisen, weil diese eben noch fast algemein geteilt werden; dadurch komt aber ein polemischer ton in seine darstellung hinein und es fehlt an der aus pädagogischen gründen erforderlichen präcision. Mit § 9 z. b. wird der lernende nicht viel anzufangen wissen. — Am charakteristischsten für das ver- fahren Pauls in der lautlehre ist, dass derselbe zur erläuterung des mhd. nicht ältere sprachstufen, sondern im gegenteil das nhd. heranzieht. Das ist an sich gewiss nur zu loben. Der erfolg, den Schleichers buch „Die deutsche Sprache" aiifzuweisen hat, beruht auf der gleichen Verbindung von Mhd. und Nhd. Es hätte 1) Die historischen belege für die riehtigkeit dieser angäbe (nicht annähme) bietet Weinhold in seiner grösseren mhd. grammatik (handbuch: Paderborn, Schöningh. 1877). § 73. 86. Z. 484 VON BÄHDEE nur uach meiner ansieht die vergleichung zwischen Mhd. und Nhd. mit der mhd. lautlehre selbst verbunden werden müssen, wie es nachher ähnlich bei der flexions- lehre der fall ist. Dass aber die vergleichung der mhd. laute mit den nhd. beson- ders, der mhd. lautwechsel besonders und dialektische abweichungen besonders behandelt werden, trägt keineswegs zur Übersichtlichkeit bei. Fals nicht münd- licher vertrag nebenher geht, ist es für den anfänger eine schwierige aufgäbe die mhd. laute erst nach der einen, dann nach der anderen seite hin betrachten zu müssen. Auch ist eine systematische Übersicht über die mhd. laute nicht wol zu entbehren, da es nicht vorauszusetzen ist, dass die benutzer der grammatik ein- sieht in das deutsche lautsystem bereits mitbringen. Die betreffende partie der Weinholdschen grammatik ist bei weitem übersichtlicher, wenn auch lange nicht so inhaltreich. Ich gehe jezt auf einige punkte ein, wo Paul neues bringt, namentlich ver- sucht bekante, aber ihrem wesen nach noch unaufgeklärte erscheinungen unter gesetze zu bringen. Im § 64 bespricht er einige fälle von assiniilation. Sehr rich- tig stelt er unter 2. hierher formen wie enkelten für entgelten, empern für entbern, emphellien für entfelhen. "Weinhold hatte in der grösseren grammatik § 143 eine andere erklärung zu geben versucht.^ Pauls regel, dass das t der partikel ent- sich an den folgenden verschlusslaut assimiliere, lässt sich wol dahin erweitern, dass überhaupt t vor labialem und gutturalem verschlusslaut in die homorgane tenuis übergeht , also t -{- f wird pf, t -{- b = ph {pp , p) , t -\- g = Tcg {hh , k), t -{- k ^ kJc (k). Auch t -{- d und t -\- t muss natürlich == t werden. Dieser regel lassen sich dann noch unterordnen eigennamen wie Liapolt = Liutbolt, Liukart = Liutgart, Buoker = Buotger, ferner spätmhd. achper = ahtbaere, himper = hintber (nhd. wider himbeere), mumper = muntbar, wimper = ■wintbrä. In vie- len anderen fällen ist die regel durch ausgleichung durchkreuzt. Durch diese erscheinung wird übrigens nachgewiesen, dass das mhd. auch in der labial- und gutturalreihe eine von der tonlosen lenis sich durch die Intensität unterscheidende tonlose fortis hatte, was man gewöhnlich nur für die dentalreihe zuzugeben pflegt. Unter 3. wird die erweichung des t nach nasal (ahd. mitar = mhd. under) durch partielle assiniilation erklärt. Das ist natürlich die einzig richtige auffas- sung, an „erhaltung der alten media" (Weinhold gr. Gr. § 171, kl. Gr. § 60) darf nicht gedacht werden. Den Übergang des t in d nach l und r erwähnt Paul hier nicht, sondern bei vergleichung des mhd. und nhd. lautstandes § 30. 4. Das tut doch der Übersichtlichkeit entschieden eintrag. Der gang der lauterscheinung , die ich nirgends ausreichend besprochen gefunden habe, ist folgender. Im älteren ahd. ist ndd. nd Id rd regelrecht zu nt It rt verschoben. Seit dem 10. Jahrhundert wird nt zu nd assimiliert: bindan, undar. Ausgenommen sind nur ivintar, mun- tar wegen des dem t ursprünglich folgenden r. Im mhd. ergreift auch diese Wör- ter zuweilen assimilation (icinder, munder), die in Wörtern wie binden, under her- 1) Weinhold berichtet in §143 echt philologisch die tatsache, unter- scheidet richtig philologisch die verschiedenen arten der vorkommenden erscheinun- gen, und gibt die nächstliegende und wahrscheinlichste erklärung. Er wüste, dass in zusammengesezteu Wörtern der schlussconsonant des praefixes ausfallen konte , und dass gleichwol eine assimilierende Wirkung auf den unmittelbar folgenden anlautenden con- sonanten zwar eintreten konte, aber doch nicht notwendig eintreten muste. Er wüste z. b. und beachtete, dass Otfrid, Tatian, Notker stets schreiben in-gän (statt int - gän) , nicht aber in - hän. Z. WEINHOLD UND PAUL, MHD. GRAMM. 485 sehend ist. Im nhd. lieisst es wider winter, munter, ausserdem zeigen auch unter, hinter, tinten, hinten den frühahd. stand. Auch in praet. wie diente ist das laut- gesetzliche nd (mhd. diende) durch ausgloichung verwischt. — Nach l tritt assimi- lation erst im mhd. und auch hier nicht durchgängig ein; ahd. solta scilti spaltan = mhd. soUe und sohle, seilte und scilde, spalten und spalden. Im nhd. ist t wider das alleinlierschende mit ausnahine der werte : gedidd und dulden (ahd. dul- ten), milde (ahd. milti), schild (ahd. seilt). — Nach r erscheint assimilation blos im mhd. und zwar nur ausnahmsweise z. b. arde, gerde. vierde = altsächs. fiordha bei Weinhold kl. Gr. § 60 gehört nicht hierher. Ein weiterer fall von assimilation, den Paul aber nicht hier, sondern im cap. III § 29 bespricht, ist der Übergang von mb in imn, z. b. nhd. um = mhd. uinhe. Auffallend ist, dass er an derselben stelle nicht auch die Verwandlung der lautgruiipe ng in blossen gutturalnasal im nhd. erwähnt, die gerade deshalb betont werden muss, weil sie in der schrift niclit hervortritt. Bei Weinhold fehlt ein sol- cher hinweis allerdings auch. Ein dritter ganz entsprechender Übergang, der aber blos dialektisch ist, ist der von nd in nn, den das westraitteld. hat, z. b. kinner = kinder. Die drei Vorgänge haben sich nicht gleichzeitig entwickelt, sind aber alle vom md. ausgegangen, welches nasal und homorgane media nicht duldet. Zuerst erfolgte die assimilation von mb , die sich auch über ganz Oberdeutschland verbrei- tet hat, dann die von «y/, die auch fast algemein geworden ist, schliesslich die von nd, die sich auf einen teil Mitteldeutschlands beschränkt. Die assimilation erleidet aber bedeutende einschränkuugen. Wie ich glaube, liegt folgendes gesetz zu gründe: der verschlusslaut wird dem vorausgehenden homorganen nasal im inlaut assimiliert, bleibt dagegen im aus laut. Dies gesetz besteht noch in kraft bei der jüngsten assimilation, der von nd. Der Md. sagt kinner, ^ aber n. sg. kint und so durchweg. Bei ng ist es in der norddeutschen ausspräche lebendig : hier hört man in langer keine spur eines g mehr, aber im auslaut lank. In Mittel- und Ober- deutschland ist das schwinden des g vom inlaut auf den auslaut übertragen. Bei mb scheinen die formen mit lautgesetzlich erhaltenem verschlusslaut ganz aus- geglichen. Man sagt nicht allein krummer, sondern auch krumm. Doch werden sich noch einige reste ausfindig machen lassen. Mir ist z. b. südfränk. stump = stumm bekant. Der grund , dass im auslaut assimilation nicht eintritt , ist der, dass hier die lenis in die fortis übergegangen ist. Gewiss beruht der mhd. ersatz von d, b, g durch t, p, c im auslaut auf einem lautgesetz und nicht auf wilkür- licher regelmacherei, wie wol behauptet worden ist. In den §§78. 171 bespricht Paul eine erscheinung, über die auch bis jezt noch keine exacte regel gegeben worden ist, die vocalcontraction nach ausfall zwi- schenstehender media. Paul erkent nur die fälle als lautgesetzliche an, wo der erste vocal ein i (z. b. gibet = glt, liget = lU, quidet = qiiit) oder e [tegedinc = teidinc , treget = treit, megede = meide, darnach auch im n. sg. meit) ist. Ich glaube, die regel lässt sich so fassen: ausfall und contraction tritt nur dann ein, wenn der vocal der zweiten silbe ursprünglich ein i war, also die zwischeustehende media mouilliert ist. Diese Voraussetzung trift für alle im §78 aufgeführten bei- spiele zu. Das lezte, reit reite gereit geht zurück auf ahd. rediöt rediöta girediöt, also ebenfals mit mouillierung des d. Die in der anmerkung aufgeführten sprechen 1) Aber er sagt auch : die kinger (= kinder) , die hänge (== bände) , zengsrüni (= zu ende herum , ganz herum , rings herum) , und der Engländer sagt im part. praes. auch auslautend: singing , finding , loving usw. Z. 486 VON BAHDER, WEINHOLD UND PAUL, MHD. GRAMM. wol uicht gegen diese regel; slä kann = slahe sein, bei tälanc , Hdtvart ist viel- leicht der umstand, dass das erste glied der Zusammensetzung unverständlich gewor- den ist , grund der Verstümmelung , für schadet , badet usw. ist wol bestirnt bat, schat (mit Verschmelzung des wurzelauslauts und der endung) und nicht bat, schät anzusetzen. Der Süddeutsche spricht bat, schät und nicht bot, schöt, wie es heis- sen müste, wenn bat, schät zu gründe läge (vgl. höt = hat). Volkommen stimme ich Paul bei, wenn er im § 171 seit, seite usw. aus segit , segita erklärt und kleit, beheit, verdeif usw. als analogiebildungen hiernach fasst. Es ist noch besonders darauf hinzuweisen, dass die lezteren formen in einem beschränkten gebiet, fast ausschliesslich dem Österreichischen und Steierniärkischen vorkommen. Auch beit, scheit = badet , schadet im welschen Gast sind sicher auf gleiche weise zu deuten. Endlich gebe ich Paul darin recht, dass er die zusammengezogenen formen von haben und läzen nicht auf rein lautlichem wege , sondern durch die einwirkung von gän und stän sich entstanden denkt. — Das von mir gegebene gesetz gilt nur für das Oberdeutsche. Das Md. hat auch sonst contractionen , z. b. phlegen == phlem, vgl. Weinhold, grössere mhd. Gr. § 103. Es erklärt sich das aus der spi- rantischen natur dos g im Md. Ich habe diese punkte hervorgehoben um zu zeigen, dass Pauls buch auch für den fachmann manches neue bringt. Ich könte diese hinweise leicht vermeh- ren: Paul bewährt auch in diesem schriftchen die ihm eigene feine beobachtung und scharfe auffassung grammatischer erscheinungen. Die methode Weinholds in seinem buche bedarf weniger der ausdrücklichen hervorhebung, da wir dieselbe durch seine früher erschienenen grammatiken kennen. Die kleine mhd. gramma- tik reiht sich diesen für die deutsche dialektforschung grundlegenden werken in würdiger weise an. Beide grammatiken sind gut, die Weinholdsche sogar vortreflich ausgestattet und sorgfältig gedruckt. Von versehen ist mir aufgefallen , dass bei Paul § 150 anm. 1 die bedeutung von hliben als „spalten" statt ,, kleben'' angegeben ist [ver- wechselt mit Tdieben. Z,]^ LEIPZIG, DEN 10. M.ÄRZ 1881. K. V. BAHDER. l) Der principielle unterschied dieser beiden grammatiken entspringt aus dem principiel verschiedenen Standpunkte der beiden Verfasser. "Weinhold näm- lich steht principiel auf philologischem Standpunkte, d. h. er sammelt, sichtet und ordnet die tatsachen, und sucht sie dann auch, so weit er vermag, unter Zuhilfenahme der linguistik zu erklären. Nie aber vergisst er, dass allein die kritisch festgestelten tatsachen das sichere und massgebende sind, die erklärungen dagegen das unsichere , und nur mehr oder minder wahrscheinliche , und dass der forscher sich nur alzuoft bescheiden muss bei einem ignoramus oder auch ignorabimus. Paul dagegen steht principiel auf einem linguistischen Standpunkte, auf welchem der an sich ja sehr natürliche wünsch vorherseht, alle sprachlichen erscheinungen begreifen und erklären zu wollen. Dabei geschieht es denn aber freilich nur alzuleicht , dass theo- rien und hypothesen, weil sie dem Verfasser als zweifellos richtig erscheinen, von ihm als wirkliche objektive Wahrheit behauptet, und mit der wirklichen Wahrheit der tat- sachen auf ganz gleiche linie gestelt werden. — Pädagogischer und didak- tischer grundsatz für alles Sprachstudium ist aber, und muss stets blei- ben: zu allererst gründliche, tüchtige, sichere und ausgedehnte kentnis der tat- sachen, d. b. solides philologisches Studium; dann, versuch, soweit es auf LEHFELD, ÜBER MILCHSACK, OSTERSPIELE 487 Die Oster- und Passionsspiele. Literarhistorische Untersuchungen über den Ursprung und die Entwickelung derselben bis zum sie- benzehnten Jahrhundort vornehmlich in Deutschland nebst dem erstmaligen diplomatischen abdruck des Kuenzelsauer Fron- leichnam sspieles von Gustav 3Iilclisack. I. Die lateinischen Osterfeiern. Wolfenbüttel, Julius Zwisslor. 1880. VIII, 136 s. gr. 4. n. 8 m. Es ist Docens verdienst im jähre 1806 als der erste zwei mittelalterliche Schauspiele veröfFentlicht zu haben. Sein boispiel trieb zu lebhafter nacheiferung auf diesem gebiete, so dass gegenwärtig ein sehr reiches matorial an dramatischen producten des mittelalters dem littorarhistoriker zur Verfügung steht. Hand in band mit diesen Veröffentlichungen giengen die versuche , die entstehung und die almähliche entwickelung des altdeutschen Schauspiels aufzuhellen , ohne dass es jedoch einer der gegebenen erkliirungsweisen gelungen wäre, sich einer durchgrei- fenden anorkennung zu orfreuen. — Der Verfasser der vorliegenden Untersuchungen über die Osterfeiern, welche den ersten teil eines umfangreich angelegten Wer- kes bilden , referiert zunächst in dem ersten hauptabschnitte (s. 3 — 15) über die auslebten, die bisher über den Ursprung und die antriebe zur Weiterbildung des altdeutschen oster- und passiousdramas aufgestelt worden sind. Während Hoff- mann, veranlasst namentlich durch den benedictbeuerner ludus paschalis, den Ursprung der spiele direct in die kirche und deren gottesdienstliche gebrauche legt, ist Jacob Grimm der ansieht, dass die geschichte des deutschen Schauspiels auszu- gehen habe von den altgermanischen, mit wechselreden verbundeneu aufzügen und Vorstellungen von sommer und winter. Freytag sucht zwischen beiden ansichten eine vermittelnde Stellung einzunehmen. Erst das erscheinen von Mones Schau- spielen des mittelalters bezeichnet einen wesentlichen fortschritt in der kentnis des mittelalterlichen dramas: denn nicht nur, dass durch ihn die zahl der bis dahin bekanten dramatischen denkmäler mehr als verdreifacht wurde, sondern auf grund dieses reichern materials stelt er auch die ansieht auf, dass die dramatische osterfeier sich aus den responsorien des gottesdienstes, d. h. aus dem wechsel- gesange zwischen priester und volk entwickelt habe; das passionsspiel dagegen lässt Mone durch dramatisierung des evangeliums entstehen , nachdem man ange- fangen hatte, den vertrag desselben auf mehrere personen zu verteilen. — 26 jähre nach Mones arbeiten erschien Wilkens ,, Geschichte der geistlichen Spiele in Deutsch- land ," in welcher der Ursprung der dramatischen osterfeier auf das osterevangelium (Marc. 16) zurückgeführt wird , mit welchem bald Job. 20 , 1 — 10 combiniert wor- den sei. Erst nachdem die osterspiele hinreichende entwickelung nach vorwärts erfahren hätten, sei man auch zur dramatisierung des rückwärtsliegenden Stoffes geschritten, so dass demnach die passionsspiele jüngeren Ursprungs wären als die osterspiele. — Der Wilkenschen ansieht stelte Schönbach eine neue entgegen, indem er die deutschen osterspiele im anschlusse an die Sequenz Victimae paschali sich entwickeln lässt. so gediegener grundlage geschehen kann, auch die erklärung der tatsachen zu finden, und zu diesem zwecke eingehende linguistische studieu. Daraus folgt mit logischer notwendigkeit : für den anfänger, der in das studium des Mittelhochdeutschen rich- tig und gründlich eingeführt werden will , ist Weinholds grammatik als trefliehe , nach inbalt und form ausgezeichnete anleitung zu empfehlen ; wer aber tüchtige griechische, lateinische, gotische, althochdeutsche, mittelhochdeutsche Studien gemacht hat, und nicht mehr neuling ist in linguistik und lautphysiologie, der mag auch Pauls gramma- tik mit nutzen brauchen können. J. Z. 488 LEHFELD Im zweiten hauptabschuitte (,,Unkentnis und falsche auffassung der Mone- schen theorie bei den späteren" s. 16 — 22) zeigt der Verfasser mit einschneidender schärfe, dass die grundsätze, die Mone zur erklärung des Ursprungs und der ent- wickelungsformen der oster- und passionsspiele aufgestelt hat, bisher stets misver- standen worden sind. Der Verfasser hebt mit nachdruck hervor, dass Mone stets passions- und osterspiele als zwei verschiedene gattungen bezeichnet, dass er die passionsspiele für die älteren gehalten und bei seinen combinationen diese stets in den Vordergrund gestelt habe. Das volständige misverständnis der Monescben ansichten zeige sich aber erst in der fälschlichen Übertragung von erläuterungen über den Ursprung der ostermj'-sterien auf denjenigen der passionsspiele. Des Ver- fassers ausführungen in diesem abschnitte richten sich vor allem gegen Wilken, für dessen werk der irtum geradezu ,, verhängnisvoll" geworden sei. — Im drit- ten, umfangreichsten und wichtigsten hauptabschuitte (s. 23 — 119) teilt uns der Verfasser in ausführlichster weise seine eigenen Untersuchungen über den Ursprung und die entwickelung der osterfeiern mit. Er gibt zunächst ein volständiges Ver- zeichnis der 28 von ihm benuzten lateinischen osterfeiern und bezeichnet jedes stück mit einem buchstaben in der weise, dass die alphabetische folge derselben mit den entwicklungsstufen der durch sie bezeichneten stücke übereinstimt. Von diesen 28 stücken entfallen 13 auf Deutschland, 12 auf Frankreich (nicht 14, wie der Verfasser irtümlich angibt, da er die beiden aus Cividale stammenden stücke zu den französischen rechnet), 1 auf Holland, 2 auf Italien. Ausgehend sodann von der tatsache, dass gewisse sätze , wenn auch mit mannigfachen stilistischen abweichungen , in fast allen stücken widerkehren, gibt er eine Zusammenstellung derselben: es sind ihrer vier resp. fünf, die den deutschen, französischen, italieni- schen und dem holländischen mysterium gemeinsam und unter benutzung von Marc. 16, 3. 6. 7 und Matth. 18, 6. 7 zu einem dramatischen dialog frei componiert sind: [I. Quis revolvet nobis lapidem ab ostio monumenti?] II. Quem quaeritis in sepulchro, o christicolae ? III. Jesum Nazareuum cruciflxum , o coelicolae ! IV. Non est hie, surrexit sicut praedixerat! V. Ite, nuntiate quia surrexit. In dieser einfachen fassung, die der Verfasser als ,, erste recension" bezeichnet zum unterschiede von der stilistisch überarbeiteten fassung („zweite recension"), erblickt er die ursprüngliche, von einem dichter herrührende form der lateinischen osterfeiern überhaupt. Da in der überwiegenden anzahl der stücke zum Schlüsse der ambrosianische lobgesang Te deum laudamus folgt, so ist auch dieser als ein von anfang an notwendiger bestandteil der osterfeiern zu betrachten. — Diejenigen stücke , welche — geringe Zusätze abgerechnet — die osterfeiern in dieser einfach- sten form überliefern, werden vom Verfasser als erste gruppe zusammengefasst: es gehören dazu sechs stücke (zwei deutsche, drei französische und ein holländisches). Der text dieser stücke und ebenso der der grösten anzahl der stücke der folgenden gruppen ist in übersichtlichsterweise parallel nebeneinander zum abdruck gebracht; das zu dieser gruppe gehörige S findet erst später berücksichtigung, weil der Ver- fasser erst nach einsieht der handschrift, als die arbeit bereits im drucke war, sich von der Zugehörigkeit dieses Stückes zur ersten gruppe überzeugte. — Zur zweiten gruppe werden diejenigen 8 stücke (7 Deutschland angehörig, 1 Italien) gerechnet, in welchen jene fünf sätze des primitiven dramas nicht nur in stilisti- scher Überarbeitung (II. recension) erscheinen, sondern die überdies eine weitere entwickelung auch insofern zeigen, als sie einige zusätze enthalten, die, nicht aus ÜBER MILC'HSACK, OSTERSPIELE 489 kirchlichen quollen geflossen, eigens für diese dramen verfasst sind: vier stücke lassen die vom grabe zurückkehrenden frauen die anti])hono (Dicaut nunc Judaei) anstimmen, sieben fügen einen neuen zusatz hinzu (Ad monumentum veninius ijIo- rantes, angelum sedentom vidimus ac dicentem quia surrexit Jesus) im anschluss an Joh. 20, 1, fünf führen die apostel Petrus und Johannes dramatisch ein, indem diese (nach Joh. 20 , 4 — 8) den wettlauf zum grabe unter dem chorgesange Curre- bant duo simul etc. antreten und mit den worten Cernitis, o socii etc. die vom grabe mitgebrachten schweisstücher vorzeigen. Das was der Verfasser s. 54 — 56 zur erklärung des entstelicns dieser sconen vorbringt, gehört mit zu den besten Partien der ganzen arbeit: nirgends können wir einen so richtigen und interessan- ten einblick in das alraähliche werden dieser spiele gewinnen als gerade hier. — Als dritte .gruppe werden zwei französische dramen aus Narbonne und Sens hin- gestelt, welche zwar die älteste scene in einfachster fassung bieten , in der weitern entwicklung aber insofern ihren eigenen weg gehen, als das eine von ihnen die ganze sequenz Victimae iiaschali von drei personen , das andere die zweite hälfte der sequenz durcli zwei personen zum vertrag bringt. — Zur vierten gruppe wer- den sieben stücke gerechnet. Sie zeigen die älteste scene zwischen den frauen und engein am grabe im wesentlichen in der fassung der I. gruppe; in allen stücken identisch ist femer der auftritt Magdalenens mit Jesu ; diese beiden scenen , beschlos- sen durch das Te deum sind als ursprüngliche form der IV. gruppe anzusehen: ob diese fassung von einem bearbeiter herrührt oder ob zwei bearbeiter in Deutsch- land und Frankreich unabhängig von einander darauf gekommen sind, wagt der Verfasser nicht zu entscheiden , denn die Deutschland angehörigen drei dramen die- ser gruppe fügen zu dem bisherigen noch das ad monumentum etc. und je einen hymnus resp. die sequenz victimae paschali vor jeder scene und vor dem Te deum hinzu, die vier französischen stücke aber schufen eine zweite grabscene und einen eigentümlichen schluss. Dass diese IV. gruppe unabhängig von der II. gruppe entstanden ist, hat der Verfasser durch seine erörterungen s. 80 fgg. in für mich überzeugender weise nachgewiesen. — S. 91 fg. werden die erhaltenen bruchstücke dramatischer osterfeiern einer genauem besprechung unterzogen. Von Wichtigkeit ist hier besonders, dass es dem Verfasser gelungen ist, die beiden bruchstücke aus Lichtenthai und Eeichenau als ein zusammengehöriges ganze hinzustellen. — Von s. 97 ab folgt ein correcter abdruck des mysteriums von Tours, das, obwol unter den denkmälern, welche die osterfeiern betreffen, eins der wichtigsten, bisher nur in zwei fehlerhaften drucken von Luzarche und Coussemaker zugänglich war. Der Verfasser hat hier zahlreiche misverständnisse Luzarches beseitigt und eine ziem- liche anzahl von ergänzungen des oft nur angedeuteten textes gemacht, die für das Verständnis und die beurteilung des stückes wertvoll sind. Die eingehende analyse desselben, die sich hieran schliesst, zeigt aufs deutlichste die liebevolle hingäbe, die den Verfasser je länger je mehr zu seiner arbeit erfasst hat. Durch die zweite grabscene steht das mysterium von Tours in Verbindung mit den fran- zösischen stücken der IV. gruppe; durch seine ganze form unterscheidet es sich aber wesentlich von den bisherigen osterfeiern: wir haben in ihm nicht mehr eine osterfeier, sondern ein dramatisches osterspiel zu erblicken. — Den schluss des buches machen sechs, vom Verfasser zum teil selbst aufgefundene denkmäler, die für die geschieh te des religiösen dramas von Wichtigkeit sind. Dies ist in kurzen umrissen der reiche Inhalt des vorliegenden Werkes. Ehe ich jedoch zu einer algemeineren beurteilung desselben übergehe, möchte ich einen speciellern punkt besonderer Untersuchung noch empfehlen; ich meine die vom 490 LEHFELD Verfasser aufgestelte behauptung zweier recensionen der ältesten form. Schönbach bestreitet in seiner ausführlichen beurteilung des werks (Anzeiger f. d. A. u. d. Litt. VI, 302 fgg.) die richtigkeit dieser hypothese : wie mir scheint, nicht gerade mit recht. I*: Quis revolvet nobis lapidem ab ostio monumenti? ist wörtlich aus Marc. 16, 3. I'': Quis revolvet nobis ab ostio lapidem, quem tegere sanctum cer- nimus sepulcrum GHKLNQT ist doch wol eine freie, antiphonenartige umdich- tung jenes satzes, und die Übereinstimmung in sieben stücken beweist für diese die verwantschaft einer auf derselben quelle beruhenden gruppe, die principiel, nicht blos zufällig von der andern einfachem und biblischem fassung verschieden ist. Wenn Schönbach sagt, dass I, weil es in den ältesten stücken fehle, ausser rechnung falle, so dürfte dies wol zu bestreiten sein. Die älteste form hat zwar I noch nicht enthalten, dann aber wurde es aufgenommen, und als die II. recen- sion entstand, da war auch I* schon vorhanden. — Von II gibt Schönbach zwar die charakteristischen unterschiede zu, geht aber schnell darüber hinweg; und doch ist besonders hier noch zu beachten, dass in 11^ genau dieselben stücke GHKL NQT wider zusammenstehen. — In III — V sollen die differenzen gering sein.; Dass sie nicht sehr stark sein können hat seinen grund in der kürze dieser sätze das zwingende für die annähme einer IL recension liegt aber auch hier in der Über- einstimmung, welche stets in den gleichen punkten bei denselben stücken auf- tritt. III»: lesum Nazarenum crucifixum, o coelicola ABMPQSUVX. III'': lesum Nazarenum crucifixum quaerimus G H K L N T. Wie in II ^ das christicolae, so fehlt hier in III *" das o coelicola; dafür haben alle stücke von III'' quaerimus; diese beiden differenzen, von denen sich die erste durch die Übereinstimmung mit II als beabsichtigt erweist, genügen volständig , um auch hier eine 11. recension zu behaupten. Dass Q hier zu a übergetreten ist, kann auf einem zufall beruhen; gegenüber GHKLJSTT ist es von geringer bedeutung. — IV*: Non est Mg, sur- rexit sicut praedixerat A B C E M P S U V. IV ": Non est hie, quem quaeritis H K L N Q. Auch hier scheint mir die diiferenz nicht zufällig zu sein: das quem quaeritis in IV '' weist direct auf das quaerimus in III " hin, — Auch durch satz V wird des Verfassers theorie nicht erschüttert: der zusatz von et Petro und lesus in den bisherigen Vertretern kann nicht als bedeutungslos ange- sehen werden. — Doch welcher ansieht man auch in diesem punkte sich zuwenden mag, an dem hauptergebnis der Untersuchung wird dadurch nichts geändert. Mit höchster befriedigung kann der Verfasser auf dasselbe blicken , denn die richtigkeit desselben ist so unanfechtbar, dass ihm die uneingeschränkte Zustimmung aller zu teil werden muss. Die bisherigen schwankenden Vermutungen über den Ursprung und die entwickelung der osterfeiern können als beseitigt angesehen werden, da durch den methodisch geführten beweis festgestelt ist, dass die lateinisch -drama- tische osterfeier in Deutschland, Frankreich, Holland und Italien sich aus jener einzigen , oben näher skizzirten , mit dem Te deum abschliessenden scene entwickelt hat, die von einem Verfasser an einem bestimten orte verfasst wurde; aus ihr gingen almählich durch hinzufügung weiterer biblischer scenen drei von einander unabhängige, verschieden geartete entwickelungen hervor. Die ursprüngliche scene hatte ihren platz in der matutine des ersten osterfeiertages , und ihre mimische darstellung ist hinreichend gesichert durch die darauf bezüglichen spielan Weisun- gen. — Zu diesem sichern, für alle weitern Untersuchungen auf diesem gebiete grundlegenden resultate konte der Verfasser nur auf dem von ihm eingeschlageneu wege der genauesten vergloichung aller vorhandenen stücke gelangen. Zwar hat Schönbach schon vor jähren auch den weg der vergleichung eingeschlagen; da er ÜBER MILCHSACK, OSTERSPIELE 491 aber nur eine geringe anzahl von stücken seiner Untersuchung zu gründe legte, (obwol doch A B C D E I M Y b, darunter also einige der ältesten und wichtig- sten, in den von ihm benuzten werken von Du Meril und Mone zu linden waren,) so konte er auch zu keinem genügenden resultate gelangen. Die art und weise, wie Milchsack diese vergleichung durcligeführt hat, ist ein beredtes zeugnis von der eingehenden Sorgfalt, die er der ganzen Untersuchung gewidmet hat. Nur möchte es uns scheinen, als ob der Verfasser nicht nöthig gehabt hätte, uns von jeder einzelheit seiner Untersuchungen so genaue rechcnschaft zu geben als es geschehen ist: der genuss bei der lectüre des werkes vnrd zuweilen dadurch beein- trächtigt, zumal die dictiou des Verfassers nicht gerade leicht zu nennen ist; solte er sich entschliessen können in seinen weitern Untersuchungen uns weniger gross angelegte pcrioden zu bieten, so würde die klarheit der darstellung dadurch nur gewinnen. — Für einen glücklichen und recht dankenswerten entschluss halten wir, dass der Verfasser den grösten teil des in frage kommenden materials zum abdruck gebracht hat, und zwar in so gelungener, die Übersichtlichkeit wesentlich fördernder weise. Das misliche, das die dadurch entstehende unbedeutende Preis- erhöhung mit sich bringt, wird mehr als aufgewogen durch den vorteil der dadurch erreichten durchsichtigkeit der Untersuchung. Nicht jeder hat ja das glück in der nähe einer grössern bibliothek ansässig zu sein: alle diese aber werden dem Ver- fasser und in dieser beziehung nicht minder dem Verleger zu dank verpflichtet sein. Auch dürfte gerade durch diesen umstand das interesse weiterer kreise, die sonst aus mangel am nötigen apparat auf jegliche teilnähme verzichten, für den vorlie- genden gegenständ geweckt werden : ich denke hierbei namentlich an die theologen, denen das buch nicht minder als den germanisten hiermit aufs wärmste empfoh- len sei. BRANDENBURG a/h. RICHARD LEHFELD. Lamprecht von Eegensburg. Sanct Francisken Leben und Tochter Syon. Zum ersten mal herausgegeben von Karl Weinhold. Paderborn, Schöningh , 1880. VII und 645 s. n. 8 m. Die gedichte, welche hier zuerst volständig erscheinen, waren bisher nur zum teil bekant. Vom h. Franciskus hatte Pfeiffer in seinem altdeutschen Übungs- buche proben gegeben, von dem späteren gedichte zuerst Welcker in den Heidel- berger Jahrbüchern (1816), dann Hoffmann in seinen Fundgruben, und Weinhold in der lezten (3.) aufläge seines mhd. lesebuches. Auf besondren poetischen wert können beide keinen grossen anspruch machen , besonders nicht die Übersetzung des h. Franciskus , welcher die lebensbeschreibung des heiligen von Thomas von Celano zu gründe liegt. Auch das mittelalter muss ihr keine Wichtigkeit beigemessen haben; denn weder Berthold von Eegensburg, „dessen Lamprecht in dem gedieht widerholt rühmend gedenkt und zu dem er nähere beziehungen gehabt hatte," noch der dichter des passionals verraten eine kentnis derselben. Und uns können die matten färben, in denen der jugendliche Verfasser malt und die recht mangel- hafte subjectivität, mit der er seinen stoff überträgt, wenig interesse abnötigen. Anders steht es mit der Tochter Syon. Sie ,, gehört der mystischen litteratur an. Sie ist gleich dem Franz kein selbständiges gedieht; aber der lateinische tractat, der zu gründe liegt, ist von dem dichter nicht einfach in verse übertragen, son- dern nur als aufzug eines breiten gewebes benuzt. Es ist ein merkwürdiges erzeug- nis des deutschen Franziskaners, der keine gelehrten theologischen Studien gemacht 492 KINZEL hatte, aber von seinem meister mündlich gut unterwiesen war und in seiner dich- tung das gelernte und das erlebte verarbeitete." Weinhold teilt s. 285 — 291 den lateinischen tractat mit und gibt darauf, um einen übersichtlichen vergleich zu ermöglichen, während die anmerkungon auf das einzelne eingeheVi, eine gedrängte aber umfassende inhaltangabe von Lamprechts gedieht. Der grundgedanke ,, liegt in dem gegensatz der vergänglichen weltlichen guter und flüchtigen irdischen freu- den gegen die beständigkeit der himlischen wonne; in der notwendigkeit für die menschliche seele, die eitle weit zu fliehen und nach dem ewigen heile zu trach- ten; in dem nachweis^ der mittel, die ersehnte Vereinigung mit gott zu gewinnen, welche als dem menschen möglich geschildert wird. Als einkleidung für dieses grundthema der religion überhaupt benuzt er die allegorie der liebe der tochter Syon zu dem himlischen könige, die er in dem lateinischen tractat ausgebildet fand" (s. 300). Wir sehen also: dieses gedieht Lamprechts beschäftigt sich mit einem algemein interessanten problem , das eben weil es das grundthema der reli- gion ist, stets neue teilnähme zu erregen im stände ist und das im 13. Jahrhun- dert nicht bloss geistliche beschäftigt hat, wie wir aus der werlte Ion des Konrad von Würzburg sehen. Dazu komt noch etwas, das unser gedieht in besondrer weise belebt. Der dichter erörtert in ihm nicht nur so ein theoretisches problem , das ihm als ein geeigneter stoff für poetische behandlung erschien , sondern diese dinge waren ihm wirkliche erlebnisse geworden und er konnte seine erfahrungen mit in die wagschale legen. Wir wissen zwar von seinem leben nur aus seinen werken, aber dies genügt, um uns zu dieser auffassung zu berechtigen. Er sagt Syon 1350 ich hän wider gotes hulde min tage getan so vil , daz mir diu zal ist äne zil. von got ich mich versten hegan: dö huop ich ze dienen an der werlde an allen Sachen, da ich mich künde zuo gemachen, ich was zer werlde höhers muotes, dan ich gehurt wccr oder guotes. lipliclies schines het ich gnuoc, den ich mit übermüete truoc nach der werlde üppecheit. So hatte er seine jugend in den stricken der weit verbracht ; nun wante er sich zu dem stricke der wären minne. Seine umkehr erfolgte ,, almählich und in verständiger erwägung. Lamprecht war von klaren ruhigen sinnen. Er lernte die Regensburger Minoriten kennen , verkehrte mit ihnen viel und lange, beobachtete ihr ganzes tun und es erhub sich in ihm nach und nach der wünsch, in ihre geraeinschaft zu treten" (s. 2 fgg.). In dieser zeit um 1240 entstand Sanct Francisken leben. Danach wurde er durch den geschicht- lich nicht nachweisbaren provinzialmeister Gerhard in den Minoritenorden zu Regens- burg aufgenommen, auf dessen geheiss er die rede von der tohter Syon dichtete. 1240 — 1255 sezt Weinhold in seiner algemeinen einleitung s. 8 die zeit seiner dich- terischen arbeiten. Er gibt dann im folgenden ein bild derselben und seiner per- sönlichkeit und handelt eingehend über stil s. lOfgg. , verskunst s. 21 fgg. , reim s. 30fgg. , grammatik s. 39 — 42. Interessant ist die beobachtang, dass auch ein solcher notdichter wie Lam- precht, dem das ,,von gottes gnaden" fast ganz fehlt, sich technisch entwickelt und sich in der tochter Syon fortgeschritten zeigt in der kunst, wiewol er doch vermutlich auf die ausbildung der form nicht eben alzu grosses gewicht legte. Dass er eine eigentümliche Stellung zu seiner kunst einnahm und von ihrem hohen werte und vermögen weniger stark überzeugt war, sondern vielmehr nur aus gewohnheit sich dieser form bei der Übersetzung bediente, wie es sitte der zeit war, das geht u. a. aus den Worten hervor, mit welchen er des papstes lateinische predigt in prosa widergibt. Er sagt F. 4980: ÜBEE LAMPR. V. EEGENSB. ED. WEINHOLD 493 entiuschen sage ich waz daz si imgerimet^ umbe daz, daz irs vernemet deste baz. Die tochter Syon ist vielfach volkommener als der h. Franciscns. Jene hat z. b. bei 4300 versen nur 25 vocalisch ungenaue reime, dieser dagegen 70 bei 5000 Ver- sen. Mögen diese reime, wie Weinbold sagt, auf der mundartlichen dehnung der kurzen vocale beruhen, so kann man doch nicht zugeben, dass Lamprecht ,,auch hier genauigkeit erreicht zu haben wähnte." Grade dass er sich darin vervolkom- nete, beweist doch vielmehr, dass er die unvolkommenheit dieser bindungen empfand. Das sorgfältige werk Weinholds, welches in der bekanten treflichen ausstat- tung des Schöninghschen Verlages vorliegt, zerfält in zwei gleiche teile, welche gewissermassen durch die eben skizzierte algemeine einleitung und das angefügte 100 seiton starke glossar verbunden werden. Dasselbe beschränkt sich nicht auf seltene werte und gibt die wichtigen belegsteilen zum grossen teil in extenso. Es liegt nicht gleich auf der band, weshalb sich der Verfasser eine solche mühe gemacht hat, zumal da man nicht sieht, nach welchem grundsatze einige stellen citiert , andre weggelassen sind. Aber es ist zu bedenken , dass unsre grossen Wör- terbücher die gedichte nicht ausnutzen konten , Lexer wenigstens nicht rechtzeitig. Und die mitteilungen , welche ihm Weinhold zu den nachtragen machte, waren so viel wir sehen nicht so ausführliche , dass sein glossar nicht seinen speciellen wert erhielte. Dieser wird durch zwei gesichtspunkte erhöht, die der Verfasser in der vorrede angibt: es soll für den Sprachgebrauch der mystiker und allen denen dienste leisten, welche ein mhd. Wörterbuch nicht zu geböte steht. Jedes der beiden gedichte hat seine eigene einleitang , unter dem text den apparat, hinter demselben die anmerkungen. Die einleitung zum Franciskus s. 45 — 52 beschäftigt sich mit der einzigen Würzburger hs., der quelle und der entstehung des gedichtes. Das Verhältnis zur quelle geben in jedem einzelnen falle die anmerkungen s. 233 — 260. Einzelne widerholungen konten bei dieser einrichtung des buches schwer vermieden werden. Die Tochter von Syon ist in drei handschriften überliefert: Lobriser, Pra- ger, Giessener. Jene wurde vom herausgeber abgeschrieben, diese lagen iu abschrif- ten Weigands vor. Alle drei werden in der einleitung s. 263 — 305 einer eingehen- den sprachlichen und textkritischen Untersuchung unterzogen. ,, Keine gibt einen volständigen und überall zuverlässigen text. Den verhältnismässig besten gewährt L , auf eine gute vorläge geht P zurück , am meisten äudruugen gestattet sich G, die doch wider an nicht wenigen stellen die Überlieferung treuer erhielt als LP. Keine der drei hss. ist abschrift einer der andern, sie stehen neben einander, so zwar, dass LP näher unter sich im text verwant sind als mit G, und dass G von P entfernter steht als von L " (s. 280). Auf Lamprechts Stellung zu seiner quelle haben wir schon hingewiesen. Auf sein Verhältnis zur alemannischen Syon (früher 1) Kurz vorher v. 4941 heisst es ähnlich bei der prosaischen Übersetzung einer lateinischen predigt : slehtes diute ich wol diu wort , diu ir latin hie hat gehört. Der gegensatz scheint slehtes : latin. Drum erklärt Weinhold im Wörterbuch: „in schlich- ter, ungelehrter, d. i. deutscher spräche." Man könte nach der oben angeführten parallelstelle bei slehtes an prosa denken. Vgl. in meiner ausgäbe des Junker und der treue Heinrich (Berlin 1880) die anmerkung zu v. 12 fgg. [Ist iz prosun slihti : thaz drenkit thih in rihti. Otfr. 1, 1, 19. Z.] 494 BUSCH dem mönch von Heilsbronn zugeschrieben, vgl. Wack. lit. gesell. 2 363 anm.), über das nun erst endgültig zu urteilen , geht Weinhold s. 284 fgg. und in den anmer- kungen näher ein: beide bearbeitungen sind von einander unabhängig, beruhen vielleicht sogar auf verschiedenen recensionen des tractats , und scheinen gleich- zeitig. Zum schluss gibt der Verfasser eine Übersicht über die entwicklung jener allegorie von der liebe der tochter Syon zu dem himlischen könige. Nachdem wir so versucht haben einen wenn auch nur oberflächlichen über- blick über die arbeit Weinholds zu geben, wobei wir uns absichtlich aller klein- lichen kritik enthalten haben , scheint es unnötig , noch ein algemeines urteil hin- zuzufügen. Schon allein der text und besonders die anmerkungen zur tochter Syon machen das werk zu einem unentbehrlichen und wertvollen beitrage für gesqhichte und Verständnis der deutschen mystik. BERLIN, AUGUST 1880. KAKL KINZEL. Der Junker und der treue Heinrich. Ein Rittermärcheu. Mit Ein- leitung und Anmerkungen herausgegeben von Karl Kinzel. Berlin 1880, W. Weber. 105 ss. 8. Das gedieht ist erhalten in einer einzigen, ziemlich späten handschi-ift (jeden- fals in der zweiten hälfte des 15. Jahrhunderts geschrieben, vgl. Kinzel s. 16), aus welcher es v. d. Hagen GA. III, 197 — 270 edirte, indem er das md. der hs. in gutes mhd. umzuschreiben versuchte. Kinzel gibt s. 1 — 32 eine einleitung und s. 33 — 102 einen genauen abdruck der hs. , den er mit anmerkungen begleitet. Die einleitung bringt zunächst zum besseren Verständnis des in dem gedichte herschen- den tones eine kurze Schilderung des zur zeit der abfassung schon bedeutend in verfall geratenen höfischen lebens nach den Zeugnissen zeitgenössischer dichter. Es folgt eine beschreibung der hs. (s. 16—17) und endlich eine gedrängte übersieht der lautlichen und metrischen ersch einungen (s. 17 — 32). Die reime sprechen ganz algemein für Mittelfranken als heimat. des dichters oder vielmehr der dichterin (vgl. s, 32) ; eine genauere bestimmung lassen sie nicht zu. Kinzel sezt das gedieht nach dem südlicheren teile (s. 27), und dafür spricht aller- dings der umstand, dass die Verfasserin an hd. bindungeu wie daz : was (vgl. s. 24. 26) keinen anstoss nimt; in den nordmfr. gedichten jener zeit ist meist noch die dem dialekt eigentümliche lautgebung gewahrt (vgl. besonders Schades geistl. gedichte vom Niederrhein). Allerdings fallen bei dieser annähme einige reime auf, so frou- tven : ruwen 39. 727. 1193 (daneben übrigens nuwe : rmve 39. rmven : buwen 61), welche mir bisher nur in nordmfr. gedichten aufgestossen sind (vgl. mein legendär § 24) , ebenso knecM : versecht 913. 1025 , knechten : Seiten 2060 , worauf ich noch zurückkomme. Dass unter diesen Verhältnissen Kinzel es nicht versucht hat, den ursprüng- lichen sprachstand herzustellen, ist nur zu billigen, eine andre frage aber ist es, ob zu einer neuen ausgäbe des gedichtes überhaupt genügender grund vorhanden war. Da die sprachliche Untersuchung, bei welcher überdies nicht viel heraus- komt, auch ohne neuabdruck geführt werden konnte, so hätte — zumal bei Vor- handensein blos einer einzigen hs. eine gründliche textbesserung unmöglich und auch von Kinzel nicht versucht ist — nur ein grösserer kunstwert des gedichtes die Separatausgabe rechtfertigen können, und da muss ich trotz J. Grimms und V. d. Hagens anerkennender worte (s. 15) gestehen, dass mir das werk die übrigen litterarischen produkte jener zeit nicht alzusehr zu überragen scheint. Der inhalt ÜBER DER JUNKER ED. KINZEL 495 ist nicht sonderlich bedeutend, die darstellung breit und farblos. Bei nebensäch- lichem oft ein endloses gercde (vgl. z. b. 1606 — 29. 1778 — 1823), während über haujitsachen kurz und trocken hinweggegangen wird (so besonders über das turnicr 1085 fgg. 1442 fgg.). Der ausdruck ist nicht selten abgeschmackt, wie Kinzcl selbst zugesteht (zu v. 741). Auch fornigowantheit kann man der dichterin nicht zusprechen; bis ins unendliche werden reime und ganze verse widerholt, so reimt hove stets auf loce 87. 109. 117. 138. 179. 189 usw., dem ofemvisch folgt bestän- dig ein risch 1412. 1465. 1478. 1490. 1506. 1512 usw. , der kröne ein schöm 1285. 1300. 1314. 1380. 1396. 1448. 1452. 1474 usw. usw. Sonst bemerke ich noch: s. 19 führt Kiuzel unter den reimen iu : ou auch tauive : nauive 1867 an und meint in der anmerkung zu v. 1867, das numoe müsse hier nnitve sein, da noiiive = „genau" (so Lexer) keinen sinn ergebe. Nun tritt nordmfr. in einigen Worten, wie trowwe , rouwe, allerdings ein ou für mhd. iu ein, aber nomoe fm niuioe lässt sich nii'gend belegen, und zudem ist nomve hier vol- ständig am platze. Wenn wir, wie schon v. d. Hagen richtig getan, v. 1867 das er in ez bessern, so erklärt sich ganz ohne zwang: ,, Hätte mich nicht übergös- sen I dein süsser thau, | so würde es sehr genau (knapp) gehalten haben, dass ich mein leben behalten hätte, d. h. so hätte ich kaum mein leben behalten. Schon das stete praeteritum in v. 1867 — 69: must , solt, must hätte Kinzel vor seiner erklärung bewahren können. Für die bedeutung des nouwe vgl. ausser Lexer noch Schiller -Lübben, wb. III, 205 fgg. , z. b. ü tvas nouwe, dat men mi niht enhink. — S. 23 führt Kinzel die reime hneclit : versecht 913. 1025 , knechten : seilen 2 60, macht : knecht 1131, (fesacft : macht 541 auf, spricht von diesen 913, 1025 dem ori- ginal zu und will danach ändern 2060 in knechten : sechten, 1131 in mochte : knechte, 541 in mechte : sechte. Dazu bemerkt er s. 27: „Auffallend ist die form sechte (vgl. Braune Zs. f. d. Phil. IV, 260) neben sagen, gesagt." Gewiss sehr aut- fallend , denn sagen mit umgelautetem e ist ndfr. , in Mittelfr. begegnet es nur äusserst selten. Weinhold grm. § 104 kann aus dem nördlichsteii teil nur zweimal ein seichte beibringen, ausserdem fand ich nur einmal sechten (3 pl. conj. praet.) in einem Weistum von Reichswald (in der nähe von Monjoie), Grimm Weist. II, s. 772 a. 1342. Ich möchte für das original lieber die formen geseit , selten, wel- ches leztere ja auch v. 2060 bringt, ansetzen, sein , Seite, geseit ist nämlicli nicht allein mndl., wie Braune a.a.O. allerdings anzunehmen scheint, sondern auch nifr. , wenigstens nordmfr. (vgl. Weinhold §103). Im 13. — 14. Jahrhundert muss nun aber auch in Wörtern wie knecht, recht, nacht, acht das ech resp. ach zu ei geworden sein, denn in Urkunden findet sich hier ganz häufig reicht, reiht, kneicht, kneiht, vgl. Weinhold grm. § 105, reyght z. b. bei Höfer, älteste Urk. deutscher Spr. nr. 114 — 15 (Sinzig "/Rh.) a. 1327, sogar reith stets in einer Cölner Urkunde Lacomblet II nr. 435, eyght für acht vgl. Weinhold § 104. Ein nachgeschlagenes i können wir hier nicht annehmen, da der vokal kurz ist, und dass wir nicht blos eine orthographische eigenheit vor uns haben, zeigt der heutige dialekt des nörd- lichen Mfrs. mit seinem kneit für knecht, reit iiu recht, neitfür nacht usw. Aller- dings wären die bindungen kneit : verseit, kneiten : Seiten auch nur für Nordmfr. unanstössig , denn für den süden kann ich derartige formen nicht beibringen und auch der heutige dialekt spricht dagegen, vgl. Firmeuich, Germaniens Völkerstimmen 3 sg. praet. säüt I, 448 (21). 481 (110). 510. 512 (56). sät I, 522 (9). soot I, 523 (7). 536 (76), partic. gesaat I, 480 (94) usw. — S. 27 sucht Kinzel einen beweis für die spätere zeit der abfassung in dem steten gebrauche des üch, denn „nach Weinhold gelangt üch im 14. Jahrhundert zur herschaft." Aber Weinholds ZEITSCHK. F. D^u ISCHE PHILOIiOGIE. BD. XII. 32 496 BUSCH, ÜBER DER JUNKER ED. KINZEL äusserung (§ 456) bezieht sich nur auf das hd. ; im md. und besonders mfr. ist üch schon sehr frühe allein herschend (vgl. mein legendär § 64). Ebensowenig durfte hier zioalien, zioingen angezogen werden, denn hier kann sehr wol der abschreiber die schuld tragen. — V. 283 verliclen = vergangen , hätte unter den dialektischen eigentümlichkeiten angezogen werden können. Im mhd. ist das wort sehr selten; das mhd. wb. verzeichnet es in dieser bedeutung gar nicht, Lexer ausser unserer stelle nur noch einmal aus späterer zeit. Im ud. und besonders auch mfr. ist es häufig, vgl. Schiller -Lübben V, 394 fg. Im heutigen ndrh. : verlie (wie gerie == geritten), verleen usw.; vgl. Firmenich I, 386 (34). 408 (3). 428 (45). — v. 543. 1408 so mir min loän = gewisslich , eine beteuerung , die Lexer nicht belegt. Beide mal ist sie dem knecht in den mund gelegt. Wol entstanden aus : wenn mir meine hofnung nicht lügt, sie kann uicht lügen, es ist sicher. Vgl. Jer. 102: miehn triege danne min ivän. Schmeller bayer. wb. II, 918: auf meinen wän. — v. 601 bereit : üzgeleit (d. i. üzgeleitet = h.eYa\isgeü\hvt). Kinzel fügt dazu die anmerkung: ,,vgl. 287 üzgelacht : nacht."' Er meint doch nicht etwa, dass hier üzgeleit iden- tisch sei mit üzgelacht. — V. 1024 Negation en. Noch im heutigen ndrh. ist die negation en fest, z. b. dat en donn eck net = das tue ich nicht, aber dat donn ech. Vgl. auch Firmenich III, 225 (1): ich en lüg net, wo en fälschlich ,,ein flickwörtchen" genant wird. — V. 1245 sich vederlesen wird erklärt sls ,, schmei- cheln." Schon in Grimms wb. III, 1405 ist richtig darauf hingewiesen, dass das wort mit der Verwandlung des Junkers in einen vogel in Zusammenhang stehen muss. — V. 1412 ofemvisch : der da were risch. Ich glaube nicht, dass man hier für das risch eine andere bedeutung anzunehmen hat, als an den 12 anderen stel- len , wo es in derselben bindung begegnet. Die Verfasserin wüste eben keinen anderen reim. HALLE. H. BUSCH. Über die Wiener und Heidelberger Handschrift des Otfrid. Von Oskar Erdmaim. Aus den Abhandlungen der Königl. Akademie der Wissenschaften zu Berlin 1879. Mit fünf Tafeln. Berlin 1880. In Com- mission bei F. Dümmlers Verlags - buchhandlung. 21 s. text und 5 tafeln facsi- mile- druck. 4. n. m. 3. Diese abbandlung enthält die ergebnisse einer höchst sorgsam, mit volster Sachkunde und richtigem blicke ausgeführten Untersuchung der beiden haupthand- schriften Otfrids, der Wiener (V), und der Heidelberger (P), und ist für die text- kritik dieses gedichtes von entscheidender und massgebender bedeutung. Die ange- hängten facsimiletafeln, welche dreien besonders charakteristischen und wichtigen Seiten der Wiener, und zweien ebensolchen der Heidelberger handschrift ent- sprechen, bleiben zwar, wie das auch kaum anders sein konte, hinter der vollen genauigkeit und schärfe der ursprünglichen photographisclien aufnahmen, welche ihnen als vorläge gedient haben, um etwas zurück, doch sind sie mit löblicher technik ausgeführt und geben den jedesmaligen Schriftcharakter so zutreffend wider, dass sie volkommen ausreichen, um aus ihnen eine richtige anschauung und ein sicheres urteil zu gewinnen. Ich versuche nun, die von herrn dr. Erdmann gewonnenen ergebnisse kurz und übersichtlich zusammenzufassen. In der Wiener handschrift (V) lassen sich fünf bände bestimt und sicher unterscheiden. Der erste hauptschreiber (I) hat ungefähr 5^/4, der zweite (II) unge- J. ZACHER, ÜBER ERDMANN, OTFRID-HSS. 497 fähr Vi . ,s. "i-^'.''^«-^ '■ * % ^- ''^' -.^,Ä.- , ::^..^-( ■ ' y!'' 2:./ .;:'r ^^;- "-^ ;..# 3 i.^- f ^"- , ? • ^-^ A .'■ ^-^ s-^^ ■v 7 V"' '• ^'*; • i -^v.^ >^^..vi iv! t^ v^^